Werkschau (II)

Ich schreibe regelmäßig Texte, die an unterschiedlichen Stellen erscheinen. Häufig derzeit im Fachmagazin epd medien, wo sie nicht oder nur kurz online zu lesen sind. Deswegen möchte ich hier einen kleinen Überblick geben.

Über den ARD Audiothek Original-Podcast “Lost in Neulich” (Kritik in epd medien 25/2022)

“Alle Stränge aber, die sich eher um persönliche Gefühle und Identitätsfindung drehen, sind mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen für die Charaktere komponiert, die schnell mit ihren Sprecherinnen und Sprechern verwachsen. Auch hier ähnelt die Serie vielen anderen Soaps: ‘Lost in Neulich’ scheint fest entschlossen, alle aktuell zeitgeistigen Themen mitzunehmen, um sie an den Figuren zu verhandeln: Neben Genderidentität sind das Klimaschutz, Rassismus, Stadt-Land-Spaltung, Cannabis-Legalisierung und Generationenkonflikte. Die Themen werden aber von Tielcke, die im Fernsehen bereits an diversen Scripted-Reality- und Soap-Formaten mitgewirkt hat, gleichermaßen ernst genommen.”

Über Bettie I. Alfreds Hörspiel “Aus dem Hohlraum” (Kritik in epd medien 31/2022)

“Sind viele Menschen wirklich so, fragen wir uns. Leben sie ihre kleinen grauen Leben in kleinen grauen Kammern, voller unerfüllter Wünsche und vergrämter Gefühle? Stimmt es, dass jene Menschen, die stattdessen empathisch sind, einfach nur sehr tief in ihren eigenen Abgrund geblickt haben, wie es die Frau behauptet. Bleibt den verlorenen Menschen, wie sie Bettie I. Alfreds Hohlraum bewohnen, am Ende wirklich nur das Ende, das die Autorin für sie vorgesehen hat? Ist das Leben am Ende auch nur eine Kammer und kein Zimmer?”

Über die Position von Netflix und anderen Streaminganbietern in Deutschland (Leitartikel in epd medien 35/2022)

“Im Rückblick wird die Netflix-Story gerne als unglaubliche Erfolgsgeschichte in drei Akten erzählt. Zunächst disruptiert Netflix mit seinem abogestützten DVD-by-Mail-Modell den Heimvideomarkt und zerstört damit unter anderem die US-Videothekenkette Blockbuster. Dann, ab 2007 – also zwei Jahre nach dem Start von YouTube – bietet das Unternehmen seinen Kunden an, Filme auch einfach direkt über das Internet auf seiner Website abzurufen und lizenziert anschließend die Libraries mehrerer US-Mediengiganten, so dass das Gefühl entsteht, die Menschheit könne zukünftig an einem einzigen Ort Sofort-Zugriff auf die gesamte Film- und Fernsehgeschichte besitzen. Schließlich, beginnend spätestens mit House of Cards im Jahr 2013, wird Netflix selbst zum Produzenten der angesagtesten Serien auf dem Markt. Damit stürzt das Unternehmen auch das lineare Fernsehen in eine tiefe Krise, von der es sich wohl nie wieder wirklich erholen wird.

Die wirkliche Geschichte ist natürlich, wie immer, deutlich komplizierter.”

Über den Podcast “Generation Alpha” der KIKA-Unternehmenskommunikation (Glosse in epd medien 36/2022)

“‘Generation Alpha’, der Podcast, den sich der Kika selbst zum 25. Geburtstag geschenkt hat, ist nicht durchgängig Vorstandscontent. Aber, sagen wir mal so: Das Genre ist ihm nicht fremd. Auch wenn in den seit Januar alle zwei Wochen erscheinenden Episoden mit Inka Kiwit, Ann-Kathrin Canjé und Daniel Fiene drei journalistisch ausgebildete Menschen als Hosts auftreten, ist dem Format zumindest deutlich anzumerken, dass dahinter keine Redaktion, sondern die Unternehmenskommunikation des Kika steht. Für wen es produziert wird, welche Erkenntnis es bieten soll, ist nicht so ganz ersichtlich. Aber Chefs und Förderern des Kika gefällt es bestimmt.”

Über die interaktiven Hörspiele der ARD (Artikel auf 54 Books)

“Wenn wir uns also tatsächlich fragen, wie wir mit unseren Fiktionen interagieren wollen, machen die interaktiven Hörspiele der ARD verschiedene Angebote. Wir können die eigenschaftslosen Schatten im Zentrum einer Handlung sein, durch die wir uns tasten müssen, bis wir aus dem Labyrinth herausgefunden haben (das erfolgreiche Konzept, das auch Escape Games prägt). Oder wir können die Protagonist*innen durch unsere Entscheidungen überhaupt erst mit Eigenschaften ausstatten und sehen, wie sich die Handlung im Spiegel dieser Eigenschaften entfaltet. (Oder beides.)

Obwohl wir im ersten Fall deutlich stärker an den Kontrollen stehen sollten, schließlich sind es unsere Entscheidungen, die den Fortgang der Erzählung steuern, befinden wir uns aufgrund der begrenzten Handlungsmöglichkeiten eigentlich sehr in der Hand der Autor*innen und ihrer Absichten. Im zweiten Fall haben wir weniger Freiheit, das Ruder unseres Handlungsschiffes wild herumzureißen, doch unsere Entscheidungen fühlen sich wichtiger dafür an, wie wir das Erzählte wahrnehmen. Die Ergodizität ist geringer aber signifikanter. Der Plot, das Syuzhet, bleibt von Nutzer*in zu Nutzer*in ähnlich, die Story, die Fabula aber, ist formbar, ist interaktiv.”

Über das Hörspiel “Cryptos” von Janine Lüttmann nach Ursula Poznanskis Roman (Kritik in epd medien 38/2022)

“Ein großer Teil des Genusses von Lüttmanns Hörspiel dürfte davon abhängen, wie gut man mit dem dauerhaften Ich-Monolog von Elisa Schlotts Jana zurechtkommt. Der dreht sich allerdings auch wenig tatsächlich um das Innenleben der Figur, sondern ist davon bestimmt, dass einfache Handlungen beschrieben werden, nach dem Motto ‘Ich setze mich hin und stütze meinen Kopf in die Hände’. Diese Entscheidung bewahrt Cryptos einerseits vor der manchmal bleiernen Szenenhaftigkeit anderer Hörspiele und erlaubt Lüttmann überhaupt erst, sich schnell durch ihre Handlung zu bewegen. Sie führt aber auch gelegentlich zu einem Gefühl der Redundanz und mangelnden Lebendigkeit.”

Über den Podcast “Memes und Millionen” von Ruben Schaar, Katharina Koerth et al. (Kritik in epd medien 41/2022)

“Es ist nicht einfach, für Außenstehende zu beschreiben, wie es sich anfühlt, als Insider in einem solchen Forum (oder in anderen Ecken des Netzes, etwa auf Twitter) zu agieren, dessen Codes zu verstehen und aktiv zu nutzen. Das ‘Memes und Millionen’-Team fährt ein aufwändiges Sound-Design auf und versucht sogar einmal, das akustische Äquivalent eines Memes zu erschaffen, um seinen Hörenden zumindest einen Eindruck vom Leben im Reddit-Schützengraben zu verschaffen. Das funktioniert meistens ganz gut, vor allem, weil sich der Podcast nicht alleine darauf verlässt. Zu den drei mittendrin agierenden Protagonisten und den hörbar gemachten Netz-Prozessen ziehen die Hosts immer wieder auch externe Experten dazu und fahren den Rausch auf ein sachliches journalistisches Niveau zurück.”

Über die deutsche Produktion des Hörspiels “Erdsee” von Judith Adams nach Ursula K. LeGuin (Kritik in epd medien 42-43/2022)

“Dabei greift Adams auf eins der einfachsten und noch immer effektivsten Mittel des Hörspiels zurück: Sie lässt die Hauptcharaktere ihre eigenen Geschichten einander in der Rückschau erzählen, was zugleich eine emotionale Nähe zur erzählenden Figur und Rückfragen und Reflektion durch ihr Gegenüber zulässt. Auf diese Art kann viel szenisches ‘Tischdecken’ gespart werden, und die Handlung kann sich in wirkungsvollen, atmosphärischen Dialogen entfalten. Gibt man dann noch ein gelungenes Sound Design (das beworbene 3D-Audio fällt allerdings nicht nennenswert auf), gute Intro-Texte am Anfang jeder Folge (wunderbar gesprochen von Marit Beyer) und die erneut großartige Musik von Verena Guido hinzu, die ja auch bereits die Volker-Kutscher-Adaptionen des WDR zu Erlebnissen machte, ist man schnell in die fantastische Welt von Erdsee transportiert und will sie auch so bald nicht wieder verlassen.”

Über Moritz Hürtgens Roman “Der Boulevard des Schreckens” (Glosse in epd medien 42-43/2022)

“Wenn Hürtgens geistige Eltern David Lynch und Helmut Dietl sein sollten, hat Lynch sich in der Erziehung eindeutig durchgesetzt. Von den starken Bildern am Rande des Übersinnlichen, bis zur Rolle, die Wörter am Ende spielen, könnte Altkirching auch das bayerische Twin Peaks sein. Er wollte eine Geschichte schreiben, die “fesselnd und unterhaltsam” ist, hat Hürtgen in einem Tweet geschrieben. Das ist ihm in jedem Fall gelungen.”

Werkschau (I)

Leider fehlt mir die Zeit, hier im Blog regelmäßig zu dokumentieren, wo ich überall publizistisch aktiv bin. Daher hier eine kleine Übersicht:

epd medien

Für den Fachdienst epd medien schreibe ich regelmäßig Medienkritiken und gelegentlich Glossen. Da es sich um einen Fachdienst handelt, sind die Beiträge leider nicht frei im Netz verfügbar.

Dies sind einige Produktionen, die ich in den vergangenen Monaten besprochen habe:

Tomorrow Now, Webserie, SWR, in Ausgabe 39/21
Virtuelle Propaganda, Radiofeature von Peter Kreysler, WDR, in Ausgabe 35/21
Hahnenkampf in Quitzow, Hörspiel von Hermann Bohlen, RBB, in Ausgabe 32/21
r_crusoe, Hörspiel von Wittmann/Zeitblom, Deutschlandfunk/SWR, in 25/21
“Immersive Erfahrung: Fernsehen ohne Bild”, Tagebuch zu Calls, Apple TV+, in 21/21

epd film

Für die Filmzeitschrift epd film schreibe ich unregelmäßiger Artikel, häufig zu neuen technischen und ökonomischen Entwicklungen der Filmbranche.

“Die Lebenszeit-Fresser”, Kolumne zum Start von The Wheel of Time, Heft 10/21
Raumhafte Illusionen: Wegweisende Trends in der Filmtechnik“, Heft 7/20

Ein weiterer Artikel wird in Heft 12/21 erscheinen.

piqd

Für den Inhalte-Kurationsdienst piqd wähle ich regelmäßig Artikel und Podcasts zu Medien- und Popkulturthemen aus und beschreibe mit einem kurzen Text, warum sie die Zeit der Lesenden wert sein könnten.

piqd Autorenprofil mit allen Beiträgen

Kulturindustrie

Der Podcast Kulturindustrie bespricht einmal monatlich drei kulturelle Themen, beispielsweise Filme, Serien, Bücher, Comics oder Games. Ich bin einer von vier Moderator:innen.

Episode 32 – Dune, Das Dämmern der Welt, Schumacher
Episode 31 – Fabian, Der falsche Gruß, Martin Eden
Episode 30 – In The Heights, Mein Leben unter Ludwig II., Bad Luck Banging or Loony Porn

Geschichten aus dem DDR-Alltag. Der Podcast “Mensch Mutta”

Das Leben von Katharinas Mutter findet nicht im Scheinwerferlicht der Geschichte statt, und es gibt kaum überraschende Plot-Twists. Die plötzlichen Kurven und Umschwünge in ihrem Leben meistert “Mutta” mit souveräner Gleichmütigkeit. Gerade das Gewöhnliche an diesem Leben habe sie fasziniert, sagt Katharina, und die Tatsache, dass trotzdem aus heutiger und auch aus westlicher Sicht kaum etwas Normales daran sei. So sind es auch weniger die großen dramaturgischen Bögen, die an “Mensch Mutta” begeistern, sondern die Details. Etwa, dass “Mutta” ihren Wunschberuf Kindergärtnerin nicht ausüben konnte, weil sie in der Schule ein einziges Mal aufgemuckt hatte.

Weiterlesen bei epd-medien.de

Annotierte Links: Unsichtbare Kunst

Der Link: Unsichtbare Kunst (epd medien)

Visual Effects ist, wenn man es ehrlich besieht, das Thema was mich als Jugendlicher zu Film und Medien gebracht hat. Ich habe also nichts lieber gemacht, als mir für epd medien mal die deutsche VFX-Branche vorzunehmen und zu fragen, wie sie eigentlich zum Fernsehen stehen.

Die Interviews waren alle auf ihre Art spannend. Ein Besuch in den Büros von RISE, wo alle gerade noch am neuesten Marvel-Film schufteten. Ein bisschen truth to power von Frank Kaminski, einem Selfmade-Supervisor, der unter anderem Dietrich Brüggemanns Stau realisiert hat und am Ende dem Artikel seinen Rahmen gab. Einblicke in die Trends der Zukunft von Barbara Flueckiger (die das beste Buch zum Thema geschrieben hat) und Mario Müller von der FMX. Und ein Doppelgespräch mit den Abteilungsleitern von Action Concept, die ein bisschen der alten Rock-n-Roll-Zeit hinterhertrauern, als Stuntmen noch Helden in Asbest-Overalls waren und nicht nur eine Komponente einer komplex montierten Effektsequenz.

Danke an alle, die mit mir gesprochen haben. Ich hoffe, das Ergebnis ist lesenswert.

Rückkehr zur Gefühlsherrschaft

Die Post-Post-Apokalypse ist ein Topos, der immer mehr von der Science-Fiction entdeckt wird, aber längst noch nicht ausgereizt ist. Was passiert, wenn sowohl die Katastrophe vorbei ist als auch die Trostlosigkeit, die auf sie folgt? Wenn langsam das Leben in eine Welt zurückkehrt, die einmal vollständig zerstört war? Entsteht etwas völlig Neues? Oder begibt sich alles in
ähnliche Bahnen wie zuvor?

In gewisser Weise erzählen Theresa Schubert und Mareike Maage in „A.I.R. Artificial Intelligence Rebellion“ eine solche Geschichte. In der Welt ihres Hörspiels sind die Menschen ausgestorben. Maschinen, Programme und Algorithmen haben weniger die Herrschaft übernommen als dass sie wie der kleine Roboter WALL-E einfach immer noch laufen, in einem sich stetig verbessernden, selbstzweckhaften System. Scheinbar jedoch müssen alle künstlichen Intelligenzen sich, auch wenn sie uns Menschen zurzeit ja der landläufigen Meinung nach immer fremder werden, irgendwann wieder einer Art von Menschlichkeit annähern. In „A.I.R.“ jedenfalls entwickeln Maschinen plötzlich Gefühle. Das arme Diagnoseprogramm DA483 muss herausfinden warum – und entscheiden, was zu tun ist.

Weiterlesen in epd medien 20/2018
Das Hörspiel in der ARD-Mediathek

Das Politische des Privaten: Nazif und der silberne Bär

Nazif Mujic hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag, in dem es heißt, er sei „ein bosnischer Schauspieler“. Das stimmt zwar irgendwie, ist aber nur ein schmaler Ausschnitt einer viel größeren Geschichte, die 2011 beginnt. Damals stirbt das dritte Kind seiner Frau Senada im Mutterleib. Nazif, der als Angehöriger der Roma-Minderheit in der Nähe der bosnischen Stadt Tuslar lebt und an guten Tagen zehn Euro mit dem Sammeln von Altmetall verdient, bringt Senada ins Krankenhaus. Die Ärzte weigern sich zu operieren, wenn das Paar nicht eine unbezahlbare Geldsumme aufbringt. Nur mit einer falschen Krankenkassenkarte gelingt es in letzter Minute, Senadas Leben zu retten.

Nazif ist wütend, schreibt Leserbriefe. Medienberichte rufen den Filmregisseur Danis Tanovic auf den Plan, der die Mujics ihre eigene Geschichte nachspielen lässt und daraus den Film „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ macht. Auf der Berlinale 2013 prämiert die Jury unter Wong Kar-Wai nicht nur den Film, sondern auch seinen Hauptdarsteller. Inspiriert von ihren Erlebnissen in Berlin entscheiden sich Nazif und Senada, in Deutschland Asyl zu beantragen, kehren aber letztendlich nach Bosnien-Herzegowina zurück, wo es ihnen heute schlechter geht als zuvor.

Es ist erstaunlich, wie viele Parabeln sich aus dieser Geschichte ableiten lassen. Ist sie ein Beispiel dafür, wie viele Menschen, sogar Kriegsveteranen, im reichen Europa in bitterster Armut leben müssen? Wie sehr Roma nicht nur in Bosnien sondern überall in Europa als Minderheit diskriminiert werden? Dass man es Menschen nicht verdenken kann, wenn sie unter solchen Umständen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ nach Deutschland kommen – ohne Aussicht auf Bleiberecht? Und es stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, Menschen wie Nazif Mujic ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren und ihnen politisch motivierte Preise zu überreichen, wenn doch zu ahnen ist, dass der Ruhm vergänglich sein wird.

Weiterlesen in epd medien 4/18
Featureserie Nazif und der silberne Bär hören

Schrödingers Katze: Paradise Revisited

Das quantenmechanische Gedankenexperiment von „Schrödingers Katze“ postuliert, dass eine Katze gemeinsam mit einem zerfallenden radioaktiven Präparat, einem Geigerzähler und tödlichem Gift in einer Kiste versiegelt wird. Wenn das Präparat zerfallen ist, aktiviert der Ausschlag des Geigerzählers das Gift und tötet die Katze. Ohne Einwirkung von außen, zum Beispiel, indem die Kiste geöffnet wird, ist es unmöglich, festzustellen, ob Schrödingers Katze lebendig oder tot ist – deswegen ist sie beides gleichzeitig. In seinem Hörspiel „Paradise Revisited“ fragt Bodo Traber: Wie fühlt sich eigentlich die Katze dabei?

„Paradise Revisited“ sperrt in einer fiktiven Zukunftsvariante von „Big Brother“ fünf junge Menschen mit der Hoffnung auf einen Millionengewinn für ein Jahr in eine Kapsel. Die Außenwelt kann über Kameras verfolgen, was innerhalb der Kapsel passiert, doch die Kandidatinnen und Kandidaten haben abgesehen von regelmäßigen Essenslieferungen keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Eines Tages finden sie in der Lieferung einen Zeitungsausschnitt versteckt, der von Atombombenexplosionen in Paris und Jerusalem berichtet, was die Produktionsleitung in einer Intervention am nächsten Tag allerdings als Falschmeldung bezeichnet.

Von nun an leben die Menschen in der Kapsel in konstanter Unsicherheit. Ist draußen die Welt untergegangen oder werden sie nur auf die Probe gestellt? Wenn sie wochenlang nur Konserven geliefert bekommen und regelmäßig der Strom ausfällt, ist das dann ein Zeichen dafür, dass sie als die letzten unverseuchten Exemplare der menschlichen Rasse mit Mühe am Leben gehalten werden sollen – oder provozieren die Produzenten von „Paradise“ nur? Schließlich gehen alle Kandidatinnen und Kandidaten leer aus, wenn einer das Experiment abbricht. Die Drogen, die zum Anfang des Experiments noch beim gemeinsamen Träumen helfen sollten, sorgen jedenfalls bald schon dafür, dass die größten Ängste der Insassen manifest werden.

Weiterlesen in epd medien 47/2017
“Paradise Revisited” hören

Der integre Herr Urlaub

Es gibt eigentlich nur zwei Typen von Musikern. Für den ersten Typ ist jedes einzelne Lied ein harter, steiniger Weg. Der zweite Typ kann gar nicht nicht Musik machen. Farin Urlaub, Gitarrist der Band „Die Ärzte“, ist Typ zwei. „Ich kann es nicht anhalten, aus mir kommen Lieder raus“, sagt der 54-Jährige. So viele, dass es jetzt für ein ganzes Album mit 28 bisher unveröffentlichten Songs aus 30 Jahren Musikerdasein gereicht hat.

Das WDR-3-Feature „Schlechte Lieder, die lausig klingen“ bildet so etwas wie die Liner Notes zu „Berliner Schule“, wie Farin Urlaubs Album heißt. Jochen Schliemann und Philipp Kressmann haben sich mit Urlaub, der mit bürgerlichem Namen Jan Vetter heißt, in ein Studio gesetzt und sind das Album mit ihm Track für Track durchgegangen. Das ist zwar nicht „Song Exploder“, der US-Podcast, in dem Künstler dem Moderator Hrishikesh Hirway die Einzelspuren ihrer Songs überlassen und diese kleinteilig auseinandernehmen. Es geht aber in die Richtung, weil es erfreulich viel ums Songschreiben und erfreulich wenig um die zu Genüge erzählten Ärzte-Anekdoten der vergangenen 30 Jahre geht.

Weiterlesen in epd medien 43/2017

Mut zum Du. Der Deutschlandfunk-Podcast „Der Tag“

Wenn ein Inhalt nicht das Medium wechselt, sondern „nur“ das Dispositiv, also die Rahmenbedin- gungen der Rezeption, verändert er sich trotzdem. Ein Kinofilm wird für die Fernsehausstrahlung neu gemischt, weil die Umgebungsgeräusche im Wohnzim- mer lauter sind als im Kinosaal. Wird eine Fernsehserie für einen Streamingdienst konzipiert, müssen ihre Folgen nicht mehr alle gleich lang sein. Ein Videobericht, der primär auf Facebook gesehen wird, sollte sowohl mit als auch ohne Ton funktionieren.

Und was, wenn eine tägliche Nachrichtensendung nicht im linearen Radio ausgestrahlt, sondern als Podcast heruntergeladen und zeitsouverän gehört wird? Das Team des seit drei Wochen existierenden Podcasts „Der Tag“ vom Deutschlandfunk hat über diese Frage viel nachgedacht. In dem täglich um 17 Uhr erscheinenden Format „wollen wir uns erlauben, stärker gemeinsam nachzudenken“, erläutern die vier Moderatorinnen und Moderatoren Dirk-Oliver Heckmann, Sarah Zerback, Philipp May und Ann-Kathrin Büüsker im Online-Angebot des Deutschlandfunks. Interessanterweise scheint gerade die abgeschlossene Form dazu einzuladen, Nachrichten weniger abgeschlossen darzustellen.

Und persönlicher. Podcasts bilden in der Regel eben nicht eine von vielen Beschallungsquellen im Alltag. Sie wandern direkt vom Smartphone über den Kopfhörer ins Ohr. Da kann man schon mal „Du“ zu seinem Gesprächspartner sagen, auch wenn über diesen Bruch mit Radiokonventionen – wie die vier Moderatorinnen einräumen – „lange und heftig gestritten“ wurde. Aber man ist eben nicht mehr im Radio.

Weiterlesen in epd medien 42/2017

Das blinde rechte Auge – “Auch Deutsche unter den Opfern”

Zehn Morde an unschuldigen Menschen. 15 Raubüberfälle. Ein bodenloser Sumpf an rechtsradikalem Hass. Ein schier unglaubliches und wahrscheinlich systemisches Versagen von Polizei und Verfassungsschutz. Ein unbefriedigender, sich endlos hinziehender und teurer Prozess. Kaum Schuldeingeständnisse. Die Geschehnisse rund um die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) machen fassungslos. Sie machen wütend. Und es ist verständlich, dass sie auch zynisch stimmen können.

Vielleicht würde Tuğsal Moğul, der Autor von „Auch Deutsche unter den Opfern“ widersprechen, dass seine Aufarbeitung der Taten und ihrer Folgen in einer Mischung aus Regietheater, Poetry Slam und Hörspiel zynisch ist. Die kalte Aufzählung der Fakten rund um die Morde, die das 53-minütige Stück eröffnen, ist es sicher nicht. Auch die Intention, einen größeren Zusammenhang herzustellen zwischen den fehlgeleiteten NSU-Ermittlungen und anderen Opfern rechter Gewalt, die immer nur als Folgen des Verhaltens tragischer Einzeltäter hingestellt werden, ist gut und richtig. Die entsprechende Passage in der Mitte des Hörspiels verfehlt ihre Wirkung nicht.

Mogul gelingt es aber nicht, das unfassbare Debakel der Ermittlungen rund um die angeblichen „Dönermorde“, die absurden Begründungen der Behörden („So können Deutsche gar nicht morden“) und die erschreckende Verstrickung von Verfassungsschutz und rechtsextremer Szene in ihrer Schrecklichkeit einfach für sich sprechen zu lassen.

Weiterlesen in epd medien 41/2017