Film-Highlights 2021

Don’t get me down from this roof. Bild: Disney

Letztes Jahr hat es nicht für eine Liste gereicht. Dieses Jahr komme ich mit großzügigem Einbeziehen von zwei Streaming-Miniserien auf eine Top 9. Viel dazu schreiben will ich aber dennoch nicht – zu fast allen Einträgen gibt es eine Folge von Kulturindustrie, die ich verlinke.

Zwei “Runner-ups” gibt es auch, und beide haben etwas gemeinsam, aus dem ich fast einen eigenen Blogpost gemacht hätte. Matrix: Resurrections ist immerhin ein Film, der sich getraut hat, einen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen und seine Vorgänger auf einer Metaebene zu spiegeln. Dune versucht sich daran, ernsthafte und brüterische Literaturverfilmung zu sein. Beide Filme aber schlagen sich ihren Kopf an den Zellenwänden des Blockbusters wund, der verlangt, das spätestens im dritten Akt alles affirmiert werden muss, was vorher infrage gestellt wurde: ohne massive Actionszenen und gro´ßgestiges Ende geht es nicht. Deswegen konnte ich mich auch nicht dazu durchringen, einen der beiden Filme in die Liste aufzunehmen.

1. The Beatles: Get Back

Nach dem Ende der acht Stunden hätte ich noch endlos weiterschauen können, wie den Gesichtern dieser jungen Musiker alles wiederspiegelt, was ich selbst beim Musikmachen empfunden habe. Die endlosen Verhandlungen im Probenraum, das Herumalbern zwischendurch, die Wiederholungen der immer gleichen Songs und die absolute Erhabenheit eines Liveauftritts. Und dann sind es aber auch noch die Beatles – es ist völlig verrückt.

2. Nomadland

Mehr dazu in Kulturindustrie 29 vom Juli.

3. West Side Story

Mehr dazu in meinem Blogeintrag.

4. The French Dispatch

Wes Anderson versucht sich an Short Fiction oder an einem von diesen neuen Romanen, die aus Kurzgeschichten bestehen und von einer Rahmenhandlung zusammengehalten. Dabei huldigt er dem amerikanischen Magazinjournalismus und ist witzig, nachdenklich und sehr sehr genau, wie immer.

5. The Green Knight

Ich liebe es, wenn ein Kinofilm mich auf einen Trip mitnimmt. Dieser hier ist schwer, düster und wahnsinnig Emo, aber das macht ihn auch sehr verführerisch, wie ein betörendes Parfüm oder eine weihrauchgeschwängerte, mittelalterliche Kirche.

The Green Knight, Bild: A24

6. We are who we are

Mehr dazu im Kulturindustrie Jahresrückblick.

7. Titane

Mehr dazu in Kulturindustrie 33.

8. Fabian

Mehr dazu in Kulturindustrie 31 – Dominik Grafs Film finde ich Kästners Geschichte nach wie vor stark überlegen.

9. In the Heights

Das not so guilty pleasure für dieses Jahr – mehr dazu in Kulturindustrie 30.

Wie immer habe ich einige Filme (noch) nicht sehen können, von denen ich glaube, das sie mir hätten gefallen können, darunter Drive My Car, Last Night in Soho, House of Gucci, The Power of the Dog, The Last Duel, Promising Young Woman und Minari. Aber so ist das halt.

Persönliche Highlights 2021

Lyra Belacqua’s got nothing on me

Wisst ihr noch, wie vor einem Jahr alle darauf gehofft haben, dass das Jahr endlich vorbeigeht? Sie sind in eine sehr alte Falle getappt, der man jedes Jahr wieder begegnen kann. Denn am 31. Dezember ist zwar der Dezember und das alte Jahr vorbei, der Winter hat sich aber gerade erst warm … äh … kaltgelaufen. Die mieseste Zeit kommt erst noch: graue, dunkle, kalte Tage, nur diesmal ohne Adventsbeleuchtung – und 2021 auch ohne ohne Berlinale, ohne Museen, ohne Hallenbäder und vor allem ohne Kinderbetreuung.

Meine Partnerin, mein damals fast dreijähriges Kind und ich haben ein gutes erstes Drittel des Jahres 2021 im Lockdown miteinander verbracht – mit Fast-Vollzeitjobs, versteht sich und ohne Anspruch auf Notbetreuung. In einem wechselnden Modell aus Vor- und Nachmittagsschichten, ganzen Tagen mit Kind und Kindkrank-Tagen. Meine Lebensretter waren der Berliner Zoo und der See mit dem Hundeauslaufstrand in der Nähe, sonst hätte es außer den immer gleichen Spielplätzen auch nichts zu sehen gegeben. Das war eine ziemlich beschissene Zeit, und doch erinnere ich mich zum Glück vor allem an die eine Woche, in der Berlin plötzlich zugeschneit war, wir Schneemenschen gebaut und auf dem Rodelhügel Schlitten bei anderen Kindern geschnorrt haben.

Dieser Tweet bescheinigt der Corona-Pandemie eine “unglaubwürdige” Dramaturgie, aber ich finde diese Ansicht könnte gar nicht falscher sein. Im Gegenteil: Covid folgt vielmehr der klassischen Dramaturgie unserer serialisierten Zeit, in der nichts jemals wirklich zu Ende ist, und nach jedem dramatischen Drittakt-Finale (Weihnachtslockdown, Impfung) noch eine Post-Credits-Szene namens Alpha, Delta oder Omikron kommt. Und irgendwo steht Christian Drosten und sagt: “You have just become part of a bigger universe.”

Im Februar 2021 fand ich das zum ersten Mal so richtig deutlich spürbar. Der Winter neigte sich so langsam dem Ende zu, die Politik diskutierte bereits über Lockerungen, und dann kam B.117 (aka Alpha) um die Ecke, und riss alles wieder ein. Natürlich wurden die Beschränkungen in die steigenden Zahlen hinein trotzdem gelockert und die Scheiße dadurch erst so richtig losgetreten. Und obwohl ich viel Missmanagement wegen Überforderung mit einer nie vorher gesehenen Situation verzeihen kann – an diese gewissenlose Aktion werde ich noch lange denken.

Ich wollte mich eigentlich gar nicht in einen Corona-Rant reinschreiben, davon gibt es auf Twitter wirklich genug. Eigentlich wollte ich ein paar persönliche Dinge aufschreiben, die 2021 (das mir – alles in allem – trotz dreier Impfungen in diesem Moment gerade blöder vorkommt als 2020, aber das kann auch Verklärung sein) trotz allem gut waren. Immerhin habe ich dieses Jahr wieder Zeit dafür. Sie stammen übrigens alle aus der zweiten Jahreshälfte.

Sommer in Berlin

Es gab ungefähr acht Wochen, von der zweiten Impfung + 14 Tage Ende Juli, bis zum endgültigen Anstieg der Zahlen Ende September, als die Welt ein bisschen okay schien. Wir haben diesen Berliner Sommer, der immer das beste an Berlin ist, hemmungslos ausgenutzt. Ich war jede Woche im Kino, zweimal die Woche im Freibad oder im Strandbad, hab Freunde getroffen, Magic gespielt, in Restaurants gegessen, meine Familie besucht, ein LARP besucht und mir generell die Sonne aufs Gesicht brettern lassen. Natürlich hat diese Zeit nicht gereicht, um sich zu erholen. Aber schön war sie doch.

Hier bleiben

Manchmal sind es kleine Dinge, die im Nachhinein einen wichtigen Unterschied machen. Meine Partnerin und ich, und damit indirekt die ganze Familie, haben seit einem guten Jahr hin- und herüberlegt, ob wir noch einmal umziehen sollten, zurück nach Wiesbaden, wo wir schon einmal gewohnt haben und wo noch viele Freunde und ein paar Familienmitglieder wohnen. Im August haben wir einen Schlussstrich gezogen: Nein, wir bleiben in Berlin. Wir motzen lieber unsere Wohnung ein bisschen auf (Hochebene!) und investieren in das Leben hier, statt das Gras auf der anderen Seite des Zauns zu beäugen.

Das Bilderbuch-Projekt

Ich mag Jahresprojekte, und dieses Jahr hatte ich mir vorgenommen, alle Bücher, die ich meinem Kind vorlese, auf der Plattform Goodreads zu bewerten und mit Kurzkritiken zu versehen. Das habe ich getan. Es sind 100 Stück geworden, und ich habe durch diese bewusste Betrachtung ein paar Lehren über die Beschaffenheit von Bilderbüchern gezogen, die ich auch demnächst noch aufschreiben werde. Entweder hier im Blog, oder, wenn sie mich lassen, bei 54books.

Mein erstes Tattoo

Im Sommer habe ich mich entschieden, mich nach vielen Jahren des Überlegens doch endlich tätowieren zu lassen. Anny hat mir im Oktober die fünf Manasymbole aus Magic: The Gathering auf meine Wade gestochen, und ich freue mich immer noch jeden Tag, wenn ich sie sehe. Wie ich auch in meinem Instagram-Post zum Thema geschrieben habe, musste ich lange überlegen, ob dieses Tattoo ein Zeichen von Midlife-Crisis ist, und bin zum gegenteiligen Schluss gekommen, den ich “Midlife Satisfaction” genannt habe. Ich habe nicht mehr das Gefühl, mir die Möglichkeit offen halten zu müssen, mich als Mensch neu zu erfinden. Sondern ich kann auch nach außen und permanent zeigen, wo ich innen sowieso angekommen bin. Das zweite Motiv ist bereits in Planung.

WUBRG

Magic: The Gathering

Und weil es sonst keinen Ort gibt, an dem ich das erwähnen kann, will ich an dieser Stelle auch noch einmal kurz insgesamt auf mein einziges Hobby zurückblicken, das nicht gleichzeitig Nebenjob ist. Ich bin nicht nur dankbar, dass ich zu Magic zurückgefunden habe, weil es ein verlässlicher Komfort-Hafen in der Pandemie ist – vor allem Commander über Webcam – sondern auch, weil ich dort wirklich das Gefühl habe, andere mentale Muskeln trainieren zu können. 2021 bin ich auch noch mal echt ein Level aufgestiegen: Ich habe meine Sammlung online katalogisiert, bin durch Arena deutlich besser im Draften geworden und habe meine ersten ganz eigenen Commander Decks gebaut (Hamza, Galazeth und Ferrous), die sogar Spiele gewinnen. Dem Gegenüber standen allerdings Sets, die mich (bis auf Kaldheim ganz zu Anfang des Jahres und Modern Horizons II, das ich allerdings aus Pandemiegründen nie spielen konnte) eher nicht so begeistern wollten. Das beste am Magic-Jahr war somit der Ausblick auf das erste Set von 2022, Kamigawa: Neon Dynasty, in dem sich Magic an Cyberpunk versucht. Cyberpunk hat einen sehr besonderen Platz in meinem Herzen, über den ich nächstes Jahr sicher noch schreiben werde.

Ein neuer Arbeitsmodus

Die größte und wichtigste Entscheidung aus dem Jahr 2021 habe ich mir für den Schluss aufgehoben. Kurz gesagt: Ich habe mich nach Jahren des Rumdrucksens (und manchmal auch Rummeckerns) endlich entschieden, der Freiberuflichkeit mal eine faire Chance zu geben. Natürlich, ich bleibe ich, mit minimalem Risiko. Also: Ab Januar reduzieren sich meine Stunden bei meinem Hauptarbeitgeber so, dass ich einen bis anderthalb Tage die Woche die Möglichkeit habe, andere Aufträge anzunehmen. Mal gucken, wie ich mit diesem Mischmodell finanziell, zeitlich und zufriedenheitstechnisch fahre.

Eine äußerst schöne Erfahrung waren auf jeden Fall die Reaktionen auf diese Entscheidung. Die Welt hat nicht drauf gewartet, dass Alexander Matzkeit sich auf den freien Kommunikationsmarkt wirft, war mein inneres Mantra. Aber: Andere Freelancer, von denen ich erwartet hatte, dass sie “Bist du sicher? Du hast doch einen guten Job!” rufen, haben mich klatschend in ihre Reihen aufgenommen. Und potenzielle Auftraggeber, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte, haben angeklopft und gefragt, ob ich für sie mal was machen kann. Das hat mich natürlich bestärkt. Bei epd medien, meinem ersten Arbeitgeber nach dem Studium, dem ich über die Jahre vor allem durch Hörfunkkritiken treu geblieben bin, habe ich bereits ein paar Tage wieder im Newsroom gearbeitet. Andere Aufträge kann ich hoffentlich enthüllen, wenn man ihre Ergebnisse sieht. Ich freue mich jedenfalls, endlich diesen Schritt gewagt zu haben und bin gespannt, ob er hält, was er verspricht.

Zwischen den Jahren werde ich an dieser Stelle noch irgendeine Art von Film/TV-Topliste veröffentlichen. Ansonsten bleibe ich bei meinem vor kurzem begonnenen Plan, hier wieder öfter kleinere Gedanken und Ideen zu notieren, im Geist von Kathrin Passigs “Leichtem Schreiben“. Ich wünsche allen, die dies lesen, eine entspannte Zeit und wenig Ansteckungen. Möge diese Welle dann doch vielleicht die letzte sein.

10 Podcast-Highlights 2021

Eine kleine, nicht-repräsentative Auswahl aus meinem Podcatcher

Ich weiß selbst manchmal nicht so ganz, wo ich eigentlich als Podcast/Hörfunk-Kritiker stehe. Einerseits verdiene ich etwas Geld damit (und ab nächstem Jahr wahrscheinlich etwas mehr, stay tuned), dass ich Kritiken schreibe, und das Medium ist wahrscheinlich längst das Wichtigste in meinem allgemeinen Lebenswandel, seit ich eine Familie habe und deutlich weniger Filme gucke. Andererseits fehlt mir, je nach Betrachtungsweise, die Lust, die Zeit, das Commitment oder auch der Anreiz, so viel zu hören, dass ich wirklich das Gefühl habe, alles Wichtige zu kennen und entsprechend Bescheid zu wissen.

Mein normales Raster an Podcasts, die ich einfach persönlich gerne höre (manche davon allgemein relevant, andere auf eigene Nischeninteressen bezogen) ist zudem so umfangreich, dass ich kaum die Zeit finde, regelmäßig Produktionen nur aus professionellem Interesse zu hören. Damit sich das für mich lohnt, muss ich schon dafür bezahlt werden. Sagt mir doch mal in den Kommentaren, ob das ein echtes Problem ist, oder ob ich da als jemand, der Vollzeit erwerbsarbeitet und eine Hälfte der familiären Sorgearbeit übernimmt, eventuell auch einen unrealistischen Anspruch habe.

Deswegen fiel es mir dieses Jahr (im Vergleich zum letzten Jahr) auch gar nicht so leicht, zehn Podcasts herauszustellen, die ich bemerkenswert fand – und die nicht in die Kategorie “Podcasts, die schon generell immer ziemlich gut aber kaum neu sind” fallen. Ich versuche, wie immer, daran auch ein paar allgemeine Beobachtungen auch über mein eigenes Hörverständnis festzumachen. Insofern ist diese Liste, wie alle Listen, überhaupt kein absolutes Votum.

Zwei Podcasts habe ich dieses Jahr übrigens aus meinem Podcatcher geschmissen, denn anders geht es nicht, wenn man ab und zu Platz für Neues machen will. Radiolab war mir trotz vieler Experimente und Host-Wechsel irgendwie ein wenig zu vorhersehbar geworden. Und Reply All konnte ich nach dem ganzen Skandal um ihre Arbeitskultur, der sich in der ironischst-denkbaren Weise entlud, irgendwie auch nicht mehr ernstnehmen. Dafür sind einige Shows dazugekommen, die nicht in der Liste auftauchen, aber mich regelmäßig erfreuen, etwa Science Diction von WNYC, VFX Notes/VFX Artifacts von beforesandafters.com und mediasres vom Deutschlandfunk.

Diese Liste ist kein Ranking. Alle Einträge stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Das Finale von 11 Leben

Ich hatte, ganz ehrlich, fest damit gerechnet, dass es so kommt, aber der besondere Coup, dass es Max Ost am Ende wirklich gelungen ist, seinen Kuchen sowohl zu behalten (einen kritischen Podcast über Uli Hoeneß zu machen) und zu essen (Uli Hoeneß zu interviewen), ist schon bemerkenswert. Alles weitere steht in diesem Blogeintrag.

This American Life: “Music of the Night after Night after Night”

Die letzte wirklich außergewöhnliche Sendung von TAL ist irgendwie eine Weile her, aber dieses Segment über die Musiker im Orchestergraben von Phantom of the Opera am Broadway, die teilweise seit Jahrzehnten miteinander jeden Abend die gleichen Noten spielen, fand ich eine absolut herausragende Geschichte.

Sexy und Bodenständig: The Alena Arc

Der “Autor*innen-Entlastungspodcast” Sexy und Bodenständig lebt von der Dynamik seiner beiden Beteiligten, Till Raether und Alena Schröder. Während aber Till Raether seit vielen Jahren erfolgreich Bücher in verschiedenen Genres publiziert, hat Alena Schröder dieses Jahr ihren ersten großen Roman, Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid veröffentlicht (ich lese ihn gerade auch endlich und finde ihn sehr gut) und damit prompt einen Bestseller gelandet. Das Nachspiel dieser Geschehnisse, bis zur jetzigen legendären Angst vor dem zweiten Buch, fand ich dieses Jahr sehr spannend zu verfolgen, zumal man es sich ein bisschen zusammenpuzzeln musste, weil Alena (die, wie wir auf Twitter mal feststellten, im gleichen Kaff geboren ist wie ich und auf der Nachbarsschule Abi gemacht hat) im Podcast nicht zu spontanen Gefühlsausbrüchen neigt.

Das Podcast-Ufo: “Hinter dem Mikrofon”

Eine der meistherumgereichtesten deutschen Podcastepisoden dieses Jahr, ist zurecht so berühmt. Ein Laberpodcast als Meta-Musical über die deutsche Podcastlandschaft – ich finde das nicht mal so abwegig, wie anscheinend viele andere Kommentator*innen, die nie eine Joss-Whedon-Serie gesehen haben, aber der zentrale Punkt ist, dass das Ergebnis sehr gut gemacht, also catchy, witzig und dumm-klug ist. Die Ambition zu haben, bei einem solchen Experiment auch all-in zu gehen, und nicht nur etwas Halbgares abzuliefern, finde ich applauswürdig. (Mit Florentin Will war ich übrigens mal bei den Cinematic Smash Bros)

The Sporkful: “Mission Impastable”

Aus dem immer beliebten Genre “Ein Podcast Host verfolgt ein verrücktes Projekt über Jahre, bis er endlich Erfolg hat” kommt diese Mini-Serie des Essenspodcasts The Sporkful, in dem Dan Pashman sich die Mission auferlegt, eine neue Pastaform zu erschaffen, die maximal forkable, sauceable, und toothsinkable ist. Das Tolle an diesen Missionspodcasts ist immer, dass sie am Beispiel eines Kulturguts oft so viele Disziplinen vereinen – Ökonomie, Industrie, Design und eben Kultur – und man am Ende immer schlauer ist, selbst wenn es nicht so amüsant und dramatisch erzählt ist, wie hier. Leider sind die Versandkosten aus den USA so hoch, dass ich “Cascatelli” bis heute nicht probieren konnte.

The Specials: “Bo Burnham’s ‘Inside'”

Bo Burnhams musikalischer Netflix-Film Inside hat sehr viel Lob eingeheimst, wurde aber auch kontrovers diskutiert, nicht zuletzt in Kulturindustrie, dem Podcast, von dem ich ein Teil bin. Was mir wirklich gefehlt hatte, und was ich im Feed des Podcasts Good One im September endlich bekam, war eine detaillierte Analyse des Werks von Leuten, die sich gleichzeitig mit Künstler und Materie sehr gut auskennen und in der Lage sind, eine kritische Distanz zu wahren. Diese Art von nischiger Einordnung, gerade auch für kulturelle Werke, finde ich einen perfekten Einsatzort von Podcasts, denn gerade die Dynamik eines solchen Fachgesprächs ließe sich in einem Artikel niemals herstellen.

Commander Sphere: “The Counter Spell Debate”

Und jetzt mal was noch Nischigeres aus meinem einzigen Hobby, mit dem ich kein Geld verdiene: das Kartenspiel Magic: The Gathering. Dort gibt es dutzende Podcasts, manche ernster und “im Spiel besser werden”-betonter, manche lustiger, aber kaum einen, in dem die Mischung für mich so perfekt stimmt, wie Commander Sphere. An diesem Beispiel habe ich dieses Jahr für mich festgestellt, wie wichtig auch Comfort Food beim Podcast hören ist. Rachel Weeks und Dan Sheehan sind Comedians und zumindest Rachel ist auch eine sehr gute Spielerin. Die meisten Episoden sind einfach nur Takes auf aktuelle Diskussionen, vielleicht etwas witziger als anderswo, aber manchmal nehmen sich die zwei auch explizit eine Sendung voller “Goofs” vor – hier versuchen sie, die besten Namen für Antimagie-Sprüche zu finden, in einer anderen Sendung haben sie alle Hauptfiguren des Magic-Universum danach bewertet, wie gut sie wohl küssen. Ich bin dankbar für diese Art von unaufwändigen Podcasts, die emotional eine Menge ausmachen können.

Miracle and Wonder

Schöpfer Malcolm Gladwell und seine Firma Pushkin nennen diesen Interview- und Musikpodcast “Audiobook”, aber ich habe ihn in meinem Podcatcher gehört und er unterscheidet sich auch sonst nur wenig von anderen limitierten Podcast-Serien. Warum ich das bemerkenswert finde, habe ich gerade erst für epd medien aufgeschrieben.

Über Podcast

Der Über Podcast vom Deutschlandfunk ist vor gut zwei Jahren als Magazinsendung über Podcasts gestartet und von mir öfter dafür kritisiert worden, dass das Magazinformat dafür sorgt, dass seine Themen häufig nur sehr oberflächlich und ohne klare Haltung diskutiert werden. Inzwischen wurde der Über Podcast produktionstechnisch abgespeckt – nur noch ein (wechselnder) Host, kein Magazin-Korsett mehr – ist aber dadurch schlagkräftiger und meiner Ansicht nach auch relevanter geworden. Das Format passt sich frei dem an, was das Thema braucht (manchmal eine Expert*innen-Gesprächsrunde, manchmal eher einen klassischen Beitrag mit Audiobeispielen und Interviewschnipseln) und trägt stärker die Handschrift seiner Autor*innen Mike Herbstreuth und Christine Watty. Respekt für diese erfolgreiche Häutung.

Was waren eure Podcasts-Highlights 2021? Schreibt es in die Kommentare oder schreibt mir auf einem anderen Kanal. Produktionsfirmen dürfen mich auch gerne in ihre Presseverteiler aufnehmen (manche haben das sogar schon gemacht). Kontakt im Impressum.

Playlist 2021

Mein Album des Jahres

Wisst ihr noch, letztes Jahr, als alle sehnlichst darauf gewartet haben, dass 2020 endlich vorbei ist? Jetzt sind wir wieder etwas schlauer. Immerhin gibt es Musik. Meine Playlist dieses Jahr ein paar echte Ausreißer. Normalerweise habe ich ein oder zwei davon und stecke sie ganz ans Ende, aber dieses Jahr sind ein paar mehr “uncoole” Songs dabei, und ich bin zu alt, um mich dafür zu schämen.

Es gibt deutlich mehr Songs, die ich 2021 gerne gehört habe. Um auf diese Liste zu kommen, muss ein Song sich irgendwo bei mir im Kopf festgesetzt haben. Häufig bedeutet das entweder, dass ich ihn bewusst immer wieder gehört habe, oder, dass ich ihn mit einem Ereignis verbinde.

Es sind 30 Songs auf der Liste. Ich versuche, mich mit den Kommentaren kurz zu fassen.

1. A Capella Science – Soon May the Vaccine Come (Covid Wellerman)

Ich weiß auch nicht. Irgendwie hat mich dieser TikTok-Clip gerührt, als ich noch nicht geimpft war, und ich fand es witzig, dass er am Ende in einen kompletten Raggaeton-Dance-Song abdriftet. Und dann musste ich ihn 20 mal mit meinem Kind gucken.

2.. Frost* – Day and Age

Frost* sind eine alte Liebe, und dieses Jahr haben sie wieder ein Album rausgebracht, dass ich lieben kann. Irgendwo zwischen späten Pink Floyd, 80er-Genesis und ELO, mit etwas knalligeren Drums.

3. Public Service Broadcasting – Blue Heaven

Diese kleine Prise Retrofuturismus zwischen Post-Rock und Blade Runner-Soundtrack hat mir meinen Oktober versüßt. Unter anderem bin ich dazu durchs ICC spaziert.

4. Jane Weaver – The Revolution of Super Visions

Die Magie liegt im Refrain.

5. Ryley Walker – Striking Down Your Big Premiere

Ryley Walker hat sich dieses Jahr mit einem sehr proggigen Album zurückggemeldet, das nach Yes und Canterbury klingt. Ich feiere es.

6. Katy Kirby – Traffic!

Das erste Album, das mich 2021 begeistern konnte. Fluffiger Singer-Songwriter-Pop.

7. Kishi Bashi – Early Morning Breeze

Kishi Bashi covert Dolly Parton. Hat mir im düstersten Covid-Winter gute Laune gemacht.

8. Anna Fox Rochinski – Everybody’s Down

Dazu bin ich im Sommer Longboard gefahren.

9. Dodie – Cool Girl

Build a Problem, das Album, ist nicht mein liebstes Werk von Dodie, leider doch etwas zu viel Gehauche für meinen Geschmack. Aber ich bleibe Fan von ihr und das ist der beste Song.

10. Edie Bricknell & New Bohemians – Sleeve

Ein Algorithmus-Song, der mir einfach gefiel. Und dann im November noch mal thematische Resonanz bekam.

11. Marcella Rockefeller – Anders als geplant

Es muss an meiner Musical-Zuneigung liegen (und daran dass Peter Plate und Leo Sommer gerade ein Musical geschrieben haben, aus dem ich mal einen Song gehört habe), dass mir dieses Rosenstolz-Cover eines Travestie-Künstlers in den Algorithmus geflogen ist. Und was soll ich sagen: Es ist schmalzig, aber ich mag es. (Den Rest der Platte jedoch nicht.)

11. Eternity’s End – Hounds of Tindalos

Metal zum Aufwachen. Eine sanfte Ironie, die ich immer wieder gerne betrachte, ist folgende: Als ich jung war, hatte ich zehn Jahre lang eine Band. Unser Gitarrist hatte einen deutlich jüngeren Bruder. Und heute ist der Gitarrist Physiker und der Bruder professioneller Gitarrist und ein Gniedelmonster vor dem Herrn. Eternity’s End ist eine seiner Bands, und ich fühle mich damit in die Zeit zurückversetzt als ich 15 war und Blind Guardian und Hammerfall gehört habe.

12. The Paper Kites – Climb on Your Tears (feat. Aoife O’Donovan)

Aoife O’Donovan hat eine der schönsten Stimmen der Musikwelt, deswegen taucht sie auch als einzige zweimal in der Liste auf.

13. Zucchero – Soul Mama (Acoustic Version)

Ich habe irgendeine tiefsitzende, grundlose Liebe für Zucchero und für diesen sinnlosen Song (Beep beep!).

14. Attacca Quartet – Real Life

Beats und Streichquartett. Gehört, als ich aus dem Impfzentrum nach der zweiten Impfung kam.

15. Ashnikko – L8r Boi

Ich finde die Idee total gut, statt eines Antwort-Songs einfach den Original-Song umzuschreiben. Und deswegen wird der Sk8r Boi hier halt nicht später zum Star und das Mädchen ist traurig, sondern sie lebt einfach ihr eigenes Leben und er bleibt alleine zurück. Was soll sie auch machen, er hat sie nicht befriedigt und sie ist nicht seine Therapeutin.

16. Partner – Here I am World

Der Drum-Break vor der zweiten Strophe und dieses generelle 90s-College-Rock-Gefühl.

17. Lorde – Solar Power

Auf die Akkorde von “Freedom ’90” würde ich vielleicht jeden Song gut finden.

18. Half-Alive – Summerland

Eine wunderbare, melancholische Sommerhymne.

19. Aoife O’Donovan – Phoenix

Mein Song des Jahres. So viel Schmerz und Hoffnung zugleich in einem Lied.

20. Orla Gartland – More Like You

Oh, I heard it from a woman on the internet
She told me to eat well and try to love myself
Then maybe I won’t wish that I was someone else

Das ganze Album ist toll. Ich freue mich sehr auf das Konzert im April.

21. Matilda Mann – Bloom

Kam irgendwann als Ohrwurm zurück, obwohl ich ihn lange nicht gehört hatte.

22. M Field – Fiona

Ganz tolle EP. Ich brauchte eine Weile, um zu merken, dass es natürlich sehr an Graceland erinnert, denn Matthew Field stammt aus Südafrika. Aber dieses synkopierte Gitarrenspiel kombiniert mit der weichen Stimme beschwingt einfach.

23. Judith Holofernes – Ich wär so gern gut

Ich patronisiere Judith und lese dort ihre autobiografischen Essays, denn sie kann eigentlich gerade gesundheitlich gar nicht singen. Diesen Song hat sie aus der Schatzkiste gezogen und abgesehen davon, dass ich das Wort “gut” irgendwie gleichzeitig passend und unpassend finde, mag ich ihn, vor allem den Refrain.

24. Mickey Guyton – Different

Jeder kann einen Empowerment-Country-Rock-Song brauchen, der anfängt wie das Löwenzahn-Thema.

25. APRE – You

Die Jungs von APRE machen seit Jahren gute Hymnen. Das ist keine Ausnahme.

26. Laura Mvula – What Matters (feat. Simon Neil)

Laura Mvulas Stimme ist toll, und der Song erinnert ja ganz bewusst an 80s-Synthieballaden. Ich habe lange überlegt, ob ich nicht lieber “Conditional” vom gleichen Album nehmen soll, weil er mehr knallt, aber mich dann doch hierfür entschieden.

27. LeBrock – All Or Nothing

vgl. Simulakren

28. The Beatles – Get Back (2021 Mix)

Zugegeben: Im Unterschied zum neuen Stereomix von Sgt. Pepper höre ich hier kaum Unterschiede, aber mir ist jede Entschuldigung recht, um meinen Lieblings-Beatlesong auf eine Playlist zu schreiben.

29. Carolin Kebekus – La Vida Sin Corona (feat. Karl Lauterbach)

Ich fand das Thema Covid als Klammer dieser Playlist irgendwie passend, und die beiden Songs haben auch eine ähnliche Funktion. Sie haben im Frühsommer durch Albernheit Hoffnung gestiftet. Beide Songs sind übrigens auch gar nicht so triumphal, wie sie wirken. In ihnen stecken viele Mollakkorde und diese klassische Melancholie von Musik, zu der man sich bewegen soll, hat mich berührt. Dieser Wunsch, Karl Lauterbach einfach durch Autotune wegzupusten und so zu tun, als gäbe es diese ganze Scheiß-Pandemie nicht mehr, kommt irgendwie von ganz tief unten.

Zum Selbsthören:

Die Playlist auf Apple Music | Die Playlist auf Spotify

Real Virtualitys Lieblingsfilme 2018

Gundermann / © Peter Hartwig / Pandora Film

Während ich es letztes Jahr mit der Hilfe einer Kinodauerkarte und viel Zeit geschafft hatte, so ziemlich alle Filme zu sehen, die ich für meine Jahresendsliste in die weitere Auswahl gefasst hatte, kann ich das 2018 mal wieder nicht behaupten. Obwohl ich es selbst mit Kind regelmäßig (alleine) ins Kino geschafft habe, am Ende ist einiges auf der Strecke geblieben, was ich gerne gesehen hätte, darunter Filme wie Faces Places, Transit, Blackkklansman, Isle of Dogs, The Disaster Artist, Leto und First Reformed. Fred Wisemans Ex Libris hätte ich zweimal fast gesehen, aber dann gab es doch immer wichtigere Termine. Selbst von Alfonso Cuaróns Roma habe ich auf Netflix nur 20 Minuten geschafft.

Aber so ist es halt. Diese Liste ist wie immer nur der Screenshot eines bestimmten Moments und nicht definitiv.

Ein paar lobende Erwähnungen vorab für Filme, die es aus verschiedenen Gründen nicht auf die Liste geschafft haben: Spider-Man: Into the Spiderverse fand ich visuell beeindruckend und emotional befriedigend, aber in letzter Konsequenz doch nicht sehr innovativ. Game Night fand ich witzig und temporeich. Und Luca Guadagnino hat es gleich zweimal nicht geschafft: Call me by your name konnte mich trotz allen guten Willens emotional einfach nicht erreichen und Suspiria fand ich zwar weird genug, um länger drüber nachzudenken, aber letzendlich irgendwie platt.

Stattdessen dies:

10. Annihilation

Obwohl ich im Podcast nicht recht überzeugt gewirkt habe, ist mir Alex Garlands Version von Jeff Vandermeers Buch im Gedächtnis geblieben. Sowohl die recht einzigartigen visuellen Ideen hängen mir nach, als auch die Gedanken über den Sinn unserer Existenz in einem posthumanistischen Weltbild, ein Thema, das mich ja schon seit Jahren interessiert. Die letzten zwanzig Minuten muss ich dringend noch einmal sehen – am liebsten im Kino.

9. The Director and the Jedi

Dieses 90-minütige Bonus Feature der The Last Jedi-BluRay ist das beste “Making Of”, was ich seit Jahren gesehen habe. Ungewöhnlich für die sonst so strikt on message gebürstete PR von Disney, zeichnet es Rian Johnsons Weg durch die Entstehungsgeschichte eines außergewönhnlichen Films sehr intim nach. Zusätzlich aber bietet es einige Sequenzen vom Set, in denen man auch wirklich mal für mehr als drei Sekunden am Stück erlebt, wie das überhaupt aussieht, wenn ein Film dieses Kalibers gedreht wird. Hat mich sehr beeindruckt und ist eine unbedingte Empfehlung für alle, die dieses Subgenre so interessiert wie mich.

8. The Ballad of Buster Scruggs

Die Coens haben schon lange keinen Western mehr gedreht, und jetzt bekommt man gleich sechs auf einmal, die zwar quasi nicht storytechnisch, aber doch thematisch miteinander verwoben sind. Immer geht es um Gerechtigkeit und Endlichkeit – wer wird bestraft (in der Regel mit dem Tod) und wer wird belohnt? Und was lernen wir daraus, während wir uns langsam von der Farce zur Schauergeschichte bewegen. Ein subtiles filmisches Experiment.

Licht / © Christian Schulz / NGF

7. Licht

Schon der erste Trailer ließ mich hier im Kino die Ohren spitzen, am Ende des Jahres habe ich den Film dann als VOD nachgeholt. Ich bin immer wieder fasziniert von solchen Geschichten, die die Frage stellen, wie Talent, Außergewöhnlichkeit, Leid und Schaulust miteinander zusammenhängen. Eine blinde Pianistin, die vielleicht mit der richtigen Fürsorge sehen könnte, darüber aber einen Teil ihrer intuitiven Fähigkeiten verliert. Für Eltern und Gesellschaft ist sie als blindes musikalisches Wunderkind oder als sehendes Wunder der Medizin interessant, als gewöhnlicher sehender, aber dafür weniger talentierter Mensch aber wertlos. Maria Dragus und Devid Striesow spielen das zentrale Paar brillant, jeder mit seinen eigenen Dämonen geschlagen. Ein Film, der mir in seiner kleinen Geschichte mehr imponiert, je länger ich darüber nachdenke.

6. The Death of Stalin

Armando Iannuccis Satire über den dreckigen, armseligen Machtkampf nach dem Tod eines Diktators hatte für mich genau die richtige Balance aus Bösartigkeit, Witz und Spannung. Detailreicher kann man mich dazu in Kulturindustrie und Longtake reden hören.

5. Your Name.

Auch hier wird wieder voll auf der Klaviatur meiner Lieblingsthemen gespielt: Schicksal, Rollentausch, sich aufspaltende Möglichkeiten, Leben nach der Katastrophe. Das alles umgesetzt als Anime im träumerischen Look von Makoto Shinkai, großzügig begossen mit sehr sentimentaler Musik. Ich bin halt auch nur ein Mensch. (Kulturindustrie dazu)

Your Name  / © Universum Film

4. Mission: Impossible – Fallout

Schon im Kino hat mich dieses einzigartig kinetische Action-Ballett, dessen Story immer unwichtiger wird, restlos begeistert. Bezieht man dann noch die Entstehungsgeschichte mit ein, die den Film fast wie ein Mike-Leigh-Projekt mit deutlich mehr Helikoptern wirken lässt, kann man eigentlich nur noch den Hut ziehen.

3. The Post

Es ist das gleiche wie mit Spotlight vor ein paar Jahren. Setzt mir einen Film vor, in dem Journalisten die Welt retten, und ich bin so bewegt, dass ich alles andere vergesse. Ohne Ready Player One gesehen zu haben, kann ich sagen, dass ich Steven Spielberg inzwischen im Kammerspiel-Modus (siehe auch Lincoln) einfach deutlich lieber mag. The Post ist spannend bis zum Schluss, durch die Bank gut besetzt, und er gibt mir einfach dieses rechtschaffende Gefühl, das ich manchmal brauche, um es durchs Jahr zu schaffen.

2. Lady Bird

Es ist ein bisschen merkwürdig mit diesem Film. Ich war tief bewegt, als ich ihn – wenige Tage vor der Geburt meines Kindes – gesehen habe und habe ihm auf Letterboxd die Höchstwertung gegeben, was ich sehr selten tue. Durch die bald darauf folgenden Ereignisse scheint diese Reaktion irgendwie verschüttet worden sein. Ich kann mich an Lady Bird nur noch sehr abstrakt erinnern, aber das Gefühl von Außergewöhnlichkeit ist geblieben. Ich freue mich darauf, den Film in ein paar Jahren noch einmal zu erleben.

1. Gundermann

Warum dieser Film mein Film des Jahres ist, habe ich für kino-zeit aufgeschrieben. Es ist zwar auch die “objektive” Qualität des Films, die mich beeindruckt hat, vor allem aber hat er einen sehr persönlichen Punkt bei mir getroffen, in dem sich auf merkwürdige Weise vieles verdichtet, was mich dieses Jahr bewegt hat. Und so ist das nunmal mit Lieblingsfilmen.

Mixtape 2018

Bei allen Umwälzungen, die das Jahr mit sich brachte (mehr dazu bald hier): Musikhören ging relativ konstant weiter, gehemmt höchstens durch meinen permanenten Podcastkonsum. Der allerdings zum Teil auch wieder zurückgibt, denn Podcasts wie All Songs Considered (jetzt auch mit “New Music Friday”), Song Exploder und Switched on Pop sind mindestens für die Hälfte meiner Musikentdeckungen verantwortlich. Ein weiterer großer Teil stammt aus Apple Musics “Neue Musik für dich”-Playlist, ein dritter aus Songs in Serien, Filmen und im Zeitgeist.

Dieses Jahr sind es 25 Songs geworden. Passt nicht mehr auf ein wirkliches Mixtape (1 Stunde, 36 Minuten), ist aber eine durchschnittliche Playlistlänge, denke ich. So wandelt sich die Zeit.

1. Lorne Balfe – Fallout

Zu sehen, wie Filmkomponisten aus dem “Mission: Impossible”-Thema mit jeder Iteration wieder neue Nuancen rauskitzeln, ist inzwischen so interessant geworden, wie die Filme zu gucken. Balfes Signatur-Instrument für diesen Soundtrack ist ausgerechnet die Bongo (hier am Anfang zu hören, sehr prominent im Track “Stairs and Rooftops”), die für permanente Spannung sorgt. Aber ich mag auch, wie er das Thema für die Main Titles aggressiv zersticht und zerhaut. Kann man immer wieder hören.

2. Janelle Monáe – Make Me Feel

2018 war Janelle Monáes Jahr. Ihr Album “Dirty Computer” ist auf so vielen Bestenlisten vertreten, dass es schon fast lächerlich ist, angesichts der Tatsache, dass es musikalisch bei weitem schwächer ist als die Vorgänger. Aber manchmal muss der Zeitgeist halt erst mit einem aufholen. “Make Me Feel”, Monáes Prince-Pastiche und Ode an ihren im Vorjahr verstorbenen Mentor, macht trotzdem mächtig Laune. (“Pynk” ist auch noch nicht schlecht.)

3. Dave Matthews Band – Do You Remember

In einer All Songs Considered-Sendung habe ich vor kurzem gehört, das Alben im Playlist-Zeitalter wie Filme geworden sind. Man hört sie meist nur noch einmal ganz, außer man verliebt sich wirklich in sie. Die 90er-DMB-Alben wie Crash und Before these Crowded Streets waren für mich als Alben wichtig, aber in jüngerer Zeit reicht es mir, von jedem Album nur noch ein bis zwei Tracks zu picken, die mir gefallen. “Again and Again” wäre die andere Wahl gewesen, ansonsten ist das Album Come Tomorrow routiniert und nett, aber nicht herausragend.

4. RADWIMPS – Zenzenzense

Laut iTunes ist dieser Titel schon 2016 erschienen. Er stammt aus dem Soundtrack von “Your Name.”, und der Film kam in Deutschland erst dieses Jahr ins Kino, daher mache ich eine Ausnahme. Außerdem scheint der Song in einem Labor für mich gezüchtet: episch, temporeich und ein wirklich hypermotivierter Schlagzeuger. Da ist es auch völlig egal, dass ich den japanischen Text nicht verstehe. Das Ding geht wirklich immer, egal in welcher Stimmung ich bin. Ich habe schon seit geraumer Zeit, den Eindruck, dass ich mit dem richtigen Einstieg an J- oder K-Pop großen Gefallen finden könnte, aber ich suche noch jemanden, der mir mal eine gute Playlist baut.

5. Sergey Golovin – Depth

Durch die Geburt meines Kindes hatte 2018 eine gewisse regressive Qualität bei mir. Ich habe mich viel mit den Sachen beschäftigt, die mir in unschuldigeren Zeiten etwas bedeutet haben. Das Kartenspiel Magic natürlich, aber auch die Musik, die zu dieser Phase meines Lebens in den 90ern dazu gehört: Progressive Metal. Sergey Golovin, auf den ich durch Zufall per Apple Music gestoßen bin, klingt wirklich exakt wie mein Lieblings-Dream-Theater-Album Images and Words – bis hin zum Drumsound.. Seine Songs sind, dafür dass sie instrumental sind, erstaunlich rund, und das ganze Album lässt sich super hören. EIne echte Entdeckung.

6. Rayland Baxter – Strange American Dream

Manchmal spült einem der “New Music Friday” von NPR Künstler und Alben in die Bibliothek, die man erst nur ganz nett findet, aber dann stellt man zum Ende des Jahres fest, dass sie doch irgendwie hängengeblieben sind. Baxters Album Wide Awake und besonders dieser erste Song des Albums war so ein Fall.

7. The Essex Green – Sloane Ranger

Es gibt eine Reihe von musikalischen Figuren, die die Chance, dass ich einen Song mag, sofort exponenziell erhöhen. Halbe Triolen gehören dazu, Falsettgesang, interessante Synkopierungen, und – wie in diesem Fall – Call- and Response-Passagen, am besten zwischen männlichen und weiblichen Stimmen. Noch ein catchy Refrain obendrauf und fertig ist der Mixtapeeintrag.

8. The Decemberists – Once in My Life

Dieser Song hat eine neue Qualität für mich gewonnen, nachdem ich die Song Exploder-Folge mit Colin Meloy gehört habe. Dort sagt er nämlich etwas über “Once in My Life”, was mich sehr bewegt hat, und was ich jetzt immer mit dem Song verbinde:

“‘I’m a professional musician, have two wonderful kids, I have my wife, I’m fairly happy. I feel like so many things have gone right for me, and I have so much gratitude for that. Where do I get off, singing ‘Oh, for once in my life, could something go right’?

And we talked about it a little bit, and I still believe it’s a universal enough feeling. I think it’s something that everybody, regardless of their situation, should give themselves license to really throw themselves into, every once in a while.”

9. APRE – Without Your Love

Einer von diesen “Neue Musik für dich”-Songs, der einfach genau auf mich passt. Britischer Indiepop mit netten Melodielinien. Gekauft.

10. Christine and the Queens – Doesn’t Matter (Voleur de Soleil)

Auch hier stand wieder eine Folge Song Exploder Pate. Die Nummer hat auch so schon eine Menge Energie, aber wenn man dazu noch die Geschichte zum (französischen) Text im Hinterkopf hat, die – wie Christine selbst zugibt – selbstmitleidig-aggressive Haltung, die der Song nach vorne bringt, hängt man sich doppelt so gerne rein. Und dann kommt dieser krasse B-Teil zum Schluss und alles ist sowieso großartig.

11. Frankie Simone – War Paint

Eine queere Kampfhymne, die aber auch generell als Pump-Up-Song großartige Dienste leistet. Diese Kombi aus Harmoniegesang und krachender Percussion reißt einfach mit.

12. Half-Alive – Still Feel.

Irgendwas musste dieses Jahr das Loch füllen, dass Everything Everything (deren letztes Album mir nicht so zusagte) und OK Go (die seit vier Jahren keine Musik veröffentlicht haben) hinterlassen haben. Diese Nummer stellt sich dabei schon ganz gut an: Funky, zittrig, hymnisch, mit großartigem Finale. Das Video ist auch nicht zu verachten:

13. Amy Shark – All Loved-Up

Wir hatten die Indiebanger, die Progrocker, die Filmmusik und die lauten Frauen. Was fehlt? Richtig: zuckersüßer Pop. Auch “All Loved-Up” hat ein Merkmal, das ich fast immer mag: den Refrain, bei dem der Rhythmus wegfällt, nur um später mit doppelter Wucht zurückzukommen.

14. Nation of Language – On Division Street

Es herrscht eindeutig zuviel 80er-Nostalgie in der Welt, aber das heißt nicht, dass sich eine Band, die ich nicht kenne, nicht mit einem Depeche-Mode-Pastiche in mein Ohr wurmen kann.

15. Troye Sivan – Seventeen

Noch ein Popsong, der einfach gut ins Ohr geht und mit Troye Sivan eine tolle Stimme am Mikrofon hat. Hier habe ich definitiv noch vor, mehr vom Album zu hören.

16. IDER – Body Love

“Body Love” war der erste Song, der aus der regulären Rotation in meine “Best of”-Playlist gewandert ist. Er lässt einen einfach nicht mehr los mit diesem herrlich synkopisch gereimten Refrain und den engen Harmonien. Hat ein bisschen was von Imogen Heap.

17. Sherry Kean – People Talk

Abgesehen von den guten Drum-Fills, hat mich “People Talk” vor allem mit seiner Gesangsmelodie begeistert, irgendwie fröhlich und melancholisch zugleich. Und: Gibt es eventuell eine unironische Rückkehr des Saxophons im Indiepop? Gerade diese Bariton-Bops, wie sie hier zu hören sind, habe ich in letzter Zeit öfter entdeckt.

18. Lemuria – Sliver of Change

Mein meistgehörter Song des Jahres. Steigt direkt ein und macht eine Ansage, das Schlagzeug weiß was es will, Gitarre und Bass folgen der Melodie und im Refrain gibt es dann diese männlichen Backing Vocals, die sind wahrscheinlich mein Lieblingsteil des Lieds.

19. Alexander Scheer und Band – Linda

Was diese Version von Gundermanns Lied für seine Tochte mit mir im Kino gemacht hat, habe ich für “Kino-Zeit” aufgeschrieben.

20. Eels – The Deconstruction

Eels wollten wir dieses Jahr eigentlich mal live sehen, aber dann haben wir doch eingesehen, dass das mit einem zwei Monate alten Baby nicht realistisch ist. Ins neue Album habe ich trotzdem reingehört und den Opener als kleines Memoriam mit mir durchs Jahr getragen.

21. Death Cab for Cutie – Gold Rush

Death Cab for Cutie sind so eine Band, die immer in meinem Augenwinkel existiert hat, irgendwie “Coldplay, wenn sie nicht so kommerziell wären”. Sie tauchen immer wieder auf meinem Radar auf, aber ich habe sie nie richtig entdeckt. Dieses Jahr drückte mir Apple Music die Songs des neuen Albums gnadenlos in die “Neue Musik für dich”-Playlist, aber vom ganzen Album blieb nur ein Song wirklich hängen. “Gold Rush” hat die richtige Mischung aus Melodie, Harmonie und Groove.

22. Plini – Salt + Charcoal

Noch eine Entdeckung aus meiner erwähnten Progphase, die dann vor allem zu Instrumental-Künstlern führte. Dazu gehört der Australier Plini, der in seinen Stücken mit Slap Bass und so einem Start-Stop-Gestus irgendwie Funk in das Gitarrengefuddel bringt. Das klingt einfach insgesamt sehr cool.

23. Frank Turner – Be More Kind

Diese Art von Hymnen brauchen wir 2018 und Frank Turner kann es irgendwie rüberbringen, ohne dass es allzu kitschig klingt: “In a world that has decided / that it’s going to lose its mind, / be more kind, my friends, try to be more kind”. Passt besonders gut in die Endzeit des Jahres, in der ich immer besonders sentimental werde.

24. Weezer – Africa

An diesem Cover hat sich die Musikjournaille wirklich abgearbeitet, aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und der Entstehungsgeschichte des Originalsongs von Toto. Die Existenz von Weezers “Africa” sei ein Beweis für die “Beigeness” (also Langeweile) des Internets, meinte etwa Ann Powers bei NPR. Mag sein, dass der Song wenig Sinnvolles über Afrika erzählt, aber musikalisch ist er einfach ein echtes Highlight des Pop und die Weezer-Version aktualisiert ihn subtil mit mehr Gitarren und einem guten Groove. Nur für das Keyboardsolo hätte ich mir mehr Einfallsreichtum gewünscht.

25. Roger Miller All Stars – King of the Road

Als Finale des Roger-Miller-Tribute-Albums “King of the Road” singen diese Version des gleichnamigen Hits sämtliche Country-Stars Zeile für Zeile, die man finden konnte. Von Willie Nelson und Merle Haggard bis Eric Church und Kacey Musgraves. Das ist irgendwie herzerwärmend, und der Originalsong bleibt einfach großartig – obwohl ich erst dieses Jahr zum ersten Mal wirklich auf den Text gehört und festgestellt habe, dass es um einen Hobo geht und nicht (wie ich immer dachte) um einen Trucker.

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Real Virtualitys Lieblingsfilme des Jahres 2017

Ich bin zufrieden mit der Anzahl an Filmen, die ich dieses Jahr gesehen habe. Im Gegensatz zu vergangenen Jahren herrscht wenig Wehmut über Filme, die ich verpasst habe (obwohl es davon auch ein paar gibt, looking at you A Ghost Story), und auch mit der Gesamtzahl von knapp über 100 Filmen und über 50 Kinobesuchen denke ich, eine ausreichende Bandbreite abgedeckt zu haben. Das ist ein gutes Gefühl, vor allem, weil ich ja weiß, dass ich diesen Schnitt höchstwahrscheinlich im nächsten Jahr nicht werde halten können.

Auch mit der Qualität der Filme bin ich zufrieden. Obwohl die beiden großen Oscar-Gewinner vom Anfang des Jahres (La La Land und Moonlight) beide bei mir nicht hundertprozentig zündeten, gab es über das gesamte Jahr hinweg viel Gutes zu sehen und meinen Favoriten, an dem sich alles andere messen lassen musste, konnte ich sogar schon relativ früh festmachen. Als Beobachter des Franchise-Marktes fand ich nur, dass (fast) alles dort produzierte irgendwo zwischen mittelmäßig und schlecht rangierte. Mich konnten weder War for the Planet of the Apes noch der von vielen geliebte Thor: Ragnarok besonders begeistern – am Angenehmsten fiel mir noch Spider-Man: Homecoming auf, weil er endlich mal wieder eine Geschichte erzählte, in der nicht eine ganze Welt auf dem Spiel stand – ein Problem, an dem sogar der ansonsten gelungene Wonder Woman krankte.

Aus der Kategorie teilweise gut würde ich mich die ersten 20 Minuten von Baby Driver wahrscheinlich gerne öfter ansehen, aber der Rest des Films erschien mir dann doch irgendwann erstaunlich seelenlos. Ich wünschte außerdem, der visuelle Erfindungsreichtum von Valerian and the City of a Thousand Planets hätte auch eine zufriedenstellende, weniger zerstückelte Story dazu gehabt. Der Film ist aber auf jeden Fall noch für Bonusmaterial-Sichtungen markiert, ebenso wie ich mir vorstellen könnte, dass es zu Blade Runner 2049 einen tollen Audiokommentar mit dem visuellen Team geben könnte.

Wer mein gesamtes Filmjahr betrachten will kann das auf Letterboxd tun. Aber nun zu meinen Lieblingsfilmen:

Platz 15 – 11 (Lobende Erwähnungen)

Dieses Jahr habe ich tatsächlich einige Filme gesehen, welche die Top 10 nur knapp verfehlt haben. Dazu gehört dann doch Moonlight, dessen Poesie man sich nicht entziehen kann, auch wenn mich die Geschichte weniger berührt hat als erwartet. Außerdem Lady Macbeth für einen Film, in dem kein Charakter wirklich sympathisch ist, The Big Sick für eine Geschichte von Herzen und eine tolle Holly Hunter, Personal Shopper für generelle Weirdness und ein nachhallendes Ende und Hunt for the Wilderpeople, der in Deutschland nur einen Heimvideo-Start hatte. Allesamt sehenswerte Filme! Aber in einer Top 10 kann es eben doch nur zehn geben:

10. Paddington 2

© Studio Canal
Ist Paddington 2 wirklich der zehntbeste Film des Jahres 2017? Wahrscheinlich nicht, aber es tut einfach Not, dass er (genau wie sein Vorgänger) mal ein bisschen Respekt bekommt. Einen Film zu machen, der so herzerwärmend “gesund” ist und der von der positiven Macht einer anständigen Welt erzählt ohne unangenehm konservativ zu werden (wie Coco), ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Das ganze zweimal zu schaffen ist beachtlich und 2017 dringend nötig. Darüber hinaus liebe ich einfach die Britishness von Paddington, vor allem weil auch sie scheinbar mühelos das “klassische” und das “moderne” Bild Großbritanniens miteinander vereint.

9. Western

© Piffl Medien
Mit meinem Podcast-Kollegen Lucas Barwenczik hatte ich vor kurzem ein Gespräch darüber, dass ich in meinem Kunstgeschmack wohl ein emotionales “Mehr ist Mehr”-Prinzip verfolge und deswegen mit wortkargen, beobachtenden, realistischen Filmen öfter meine Schwierigkeiten habe. Western gehört definitiv nicht dazu. Es hat mich beeindruckt, wie geschickt Valeska Grisebach in den Situationen, die sie schafft, tatsächlich Versatzstücke des klassischen Westerns verarbeitet (Cowboys gegen Ureinwohner, Wasserknappheit, Wildnis und Unabhängigkeit, der Mann ohne Vergangenheit) und gleichzeitig eine wahnsinnig gute Geschichte darüber erzählt, was es bedeutet, fremd zu sein. Allerdings nicht mit hundertprozentiger Empathie: Denn als Zuschauer bekommt man den bulgarischen Dialog untertitelt und kann deswegen mehr sehen und erkennen als Hauptfigur Meinhardt – allein das ist schon ein kleiner Geniestreich.

8. A Monster Calls

© StudioCanal
Mich haben mehrere Filme dieses Jahr im Kino zu Tränen gerührt, aber bei A Monster Calls war ich wohl zwei Drittel des Films am Flennen. Ein Kind und eine krebskranke Mutter, das klingt nach manipulativem Sentimentalitätskitsch. Doch ich mochte die Lektionen, die der Film zu vermitteln versucht: Dass das Leben darin besteht, Widersprüche auszuhalten und überhaupt zu akzeptieren. Dass Menschen nicht gut oder böse sind, sondern dass auch liebende Eltern schlechte Entscheidungen treffen können. Für mich lohnt es sich immer, mich darin zu erinnern, vor allem in einem sich ankeifenden Internet, in dem man von einem Menschen oft nicht mehr als ein paar Tweets zu sehen bekommt.

7. Dunkirk

© Warner Bros.
Dunkirk bekommt von mir den Orden am Bande für den verkopftesten Blockbuster. Im Gegensatz zu Darren Aronofskys Kopf finde ich den von Christopher Nolan nämlich faszinierend genug, um seine Ergebnisse immer wieder zu schätzen. Auch wenn die Gedanken hinter Dunkirk – die Erschlagung durch Eindrücke einerseits, die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiträume andererseits – ebenso sichtbar und unsubtil sind wie die großen Allegorien hinter mother!, interessieren sie mich einfach mehr. Brutalistisches Kino muss auch mal sein.

6. 120 BPM

© Edition Salzgeber
Das Besondere an Robin Campillos Film finde ich, dass er sich nicht damit begnügt, ein Einzelschicksal der Aidskrise in Frankreich zu erzählen. Es geht ihm explizit auch darum, die Geschichte der Bewegung “Act up” auf die Leinwand zu bringen, sonst würde 120 BPM nicht zu viel Zeit damit verbringen, Diskussionen abzubilden und Aktionen inklusive ihrem Vor- und Nachlauf nachzuzeichnen. So schafft es Campillo, Herz und Kopf gleichermaßen anzusprechen, zur Reflektion anzuregen sowohl über das Persönliche als auch über das Gesellschaftliche und darüber, wie beide zusammenhängen.

5. Manchester By The Sea

© Warner Bros.
Weinen gilt ja als ultimativer Ausdruck von Emotionalität im Kino. Bei Manchester by the Sea habe ich das noch getoppt, indem ich angesichts der Ungeheuerlichkeit dessen, was die Rückschau im Film irgendwann enthüllt, sogar in unkontrolliertes Schluchzen ausgebrochen bin. Ansonsten mochte ich die Beiläufigkeit, mit der Kenneth Lonergan in seinem Film klarmacht, dass das Universum nicht mit Casey Affleck trauert. Als ein Charakter stirbt, ist die betreuende Ärztin gerade im Mutterschutz. Menschen sterben, Menschen werden geboren. Es geht weiter. Irgendwie.

4. Jackie

© Tobis
Es ist fast ein ganzes Jahr her, dass ich Jackie gesehen habe, doch einige Bilder und Sequenzen spuken immer noch in meinem Kopf herum. Was ich an Pablo Larraíns Film besonders mochte, ist, wie geschickt er das Spannungsfeld zwischen Persönlichem und Öffentlichkeit eines extrem öffentlichen Menschen beschreibt. Das ist es, was auch mich an Berühmtheit fasziniert – wie inszenieren Menschen sich nach außen? Wie erleben sie selbst diese Inszenierung in ihren privatesten Augenblicken, vor allem in Zeiten größter öffentlicher Aufmerksamkeit? Welche Fragen stellen sie sich dabei?

3. Silence

© Concorde
Ich bin doch erstaunt, wie sehr Martin Scorseses persönliches Opus unter dem Radar geblieben ist. Wahrscheinlich, weil ihm die großen historischen Gesten fehlen, und er trotz seiner epischen Anmutung am Ende nur sehr viele offene Fragen über Glauben (und eigentlich nicht über Religion) stellen möchte, die wahrscheinlich nur wenige Menschen wirklich interessieren, darunter eben mich. Ich fand die gleichen Fragen schon bei The Last Temptation of Christ sehr bewegend: Was ist “wahrer” Glaube? Welche Macht darf Zweifel bekommen? Was bedeutet Versuchung und worin liegt sie? Wie können wir mit unseren inneren Widersprüchen leben? Was zeigen wir davon nach außen?

2. Star Wars: The Last Jedi

© Disney
Unabhängig von allen Streitereien über diesen Film, die mich nach wie vor erstaunen und auch ein bisschen traurig machen: Ich mochte ihn einfach. Nicht wegen seiner Innovation, nicht wegen seiner progressiven Politik (die nehme ich als gegeben hin), sondern einfach weil er mich als Film und als popkulturelles Produkt voll überzeugt hat. Überladen, streckenweise abwechselnd arkan oder albern, aber dennoch immer wieder auf den richtigen Grundtönen landend, die mich extrem zufriedengestellt haben. Es bedarf immer keiner großen Anstrengung, diese Art Filme auf verschiedenen Ebenen (Plotlogik, Worldbuilding, Franchisetreue, Aufrechterhaltung einer Konzernstrategie) auseinanderzupflücken, wahrscheinlich auch, weil es auf diesem Level unmöglich ist, alle Stakeholder zurfriedenzustellen. Am Ende zählt für mich immer nur, ob der Film mit mir als Zuschauer schwingt oder nicht. Und manchmal passt es eben. Das war damals bei den Avengers so – und bei The Last Jedi eben auch.

1. T2 Trainspotting

© Sony Pictures
Ich habe schon an anderer Stelle viel über meinen Lieblingsfilm des Jahres geschrieben, dessen hoher Platz bei mir zu einem gewissen Grad sicherlich auch der Erleichterung geschuldet ist, dass mein Lieblingsregisseur Danny Boyle es nicht verbockt hat. Daher erlaube ich mir, am Ende dieser filmischen Reise, einfach mal, aus meinem Artikel bei “Kino-Zeit” zu zitieren:

Stattdessen geht es in T2 um die Nostalgie selbst. Es geht um das Zurückblicken auf eine vermeintlich geile Zeit, die bei genauerem Hinsehen gar nicht so geil war. Um die Reflektion dessen, was seither passiert ist und was es mit einem gemacht hat.

In T2 Trainspotting gibt es keinen klassischen Sequel-Moment, in dem plötzlich wieder alles wie beim ersten Mal ist, obwohl der Ursprungsfilm sogar materiell mit seinen Originalbildern immer wieder auftaucht, wie ein alter Sample in einem elektronischen Musiktrack. Renton, Spud und Sick Boy fahren zwar gemeinsam an den Ort in den Highlands, an den sie ihr toter Freund Tommy damals geführt hatte, stellen aber sehr schnell fest, dass es dort vor allem ungemütlich ist und der nächste Zug zurück erst in zwei Stunden fährt. Als Renton gegen den Frust anmahnt, dass sie ja wegen Tommy hier sind, widerspricht Sick Boy: „Nostalgia! That’s why you’re here! You’re a tourist in your own youth!“

Erst beim Zusammenstellen dieser Liste und damit beim erneuten Nachdenken über die Filme in ihr ist mir aufgefallen, wie sehr sie auch ein Spiegel der Themen sind, die mich 2017 beschäftigt haben. “Nostalgie”, “Aushalten von Widersprüchen”, “Anstand ohne Konservatismus”, “Fremdsein”, “Glaube und Zweifel”, “Öffentlichkeit und Privatheit” – das alles sind Dinge, auf denen ich persönlich wie politisch, im Internet wie in direkten Gesprächen, nur im eigenen Kopf und in öffentlichen Äußerungen 2017 herumgekaut habe. Viele dieser Themen beschäftigen mich schon länger, manche haben aber 2017 ein neues Gewicht bekommen. Ich bin gespannt ob 2018 – auch angesichts der bevorstehenden privaten Veränderungen – neue Themen hinzukommen.

Real Virtuality 2017 – Persönliche Höhepunkte

Don’t look back in anger

Ich warte ja noch auf das Jahr, an dessen Ende ich nicht sagen kann, dass es aber mal wieder ein ganz schön aufregendes Jahr war. Wer weiß, ob das überhaupt jemals passieren wird? 2017 war es jedenfalls noch nicht so weit – es war ein Jahr, an dessen Ende ich nicht nur einen anderen Job habe als an seinem Anfang, sondern auch kurz davor stehe, eine neue Lebensrolle anzunehmen.

Dies sind ein paar Dinge, die mich dieses Jahr bewegt oder begeistert haben:

Deutscher Evangelischer Kirchentag

2017, mit einem Land im Luther-Wahn, haben wohl auch Menschen etwas vom Kirchentag mitbekommen, denen er sonst egal ist. Ich steckte mittendrin. Wie schon bei den zwei Kirchentagen zuvor, bei denen ich hauptamtlich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gemacht habe, war es auch diesmal wieder sehr anstrengend (das erste Halbjahr 2017 bestand zu großen Teilen aus Arbeit), aber wegen der involvierten Menschen und Themen auch sehr spannend und schön. Wer kann sonst schon von sich behaupten, dass er sich mal mit Barack Obamas Social-Media-Team abgestimmt hat? Auch der finale Gottesdienst vor den Toren Wittenbergs, bei über 30 Grad ohne einen Hauch von Schatten – das war schon was. Warum ich der Unternehmung, die mir so lange zweites Zuhause war, anschließend trotzdem den Rücken gekehrt habe, habe ich hier im Blog aufgeschrieben.

Yoga with Adriene

Um den Kirchentags-Stress etwas auszugleichen habe ich schon vor zwei Jahren in Stuttgart mal etwas Yoga gemacht. Auch dieses Jahr wollte ich das gerne wieder tun, aber anders als vor zwei Jahren gab es kein vertrauenserweckendes Yoga-Studio in der Nähe meines Büros oder Wohnorts. Also habe ich, was ich sonst viel zu selten mache, einfach mal nach YouTube-Videos gesucht und bin auf den Channel von Adriene Mishler gestoßen. Auf “Yoga with Adriene” bietet die Texanerin Yogastunden zu allen möglichen Themen an, unter anderem mehrere “30-Day-Challenges” für die tägliche Praxis. Ihr Charme, Witz und ihre Empathie für das Publikum hat mich so überzeugt, dass ich immer noch fast täglich mit Adriene Yoga mache, was mein Körpergefühl insgesamt doch ziemlich verbessert hat.

Firth of Forth mit der Forth Rail Bridge

Fife Coastal Path

Im großen Sommerurlaub ging es dieses Jahr zum Wandern nach Schottland, freilich in der Yuppie-Variante ohne Zelt und mit Gepäck, das von Ort zu Ort gebracht wird, während man läuft. Der Fife Coastal Path verläuft zwischen den Forth Bridges und der Tay Bridge, die meisten (wir auch) liefen ihn aber nur bis St. Andrews, mit stetigem Blick auf den Firth of Forth, vorbei an Küstenstädtchen und Robbenpopulationen, dem Elie Chain Walk und steinigen Stränden – insgesamt rund 120 km. Sämtliche Logistik lief absolut reibungslos, die Bed-and-Breakfast-Wirtinnen und -Wirte waren allesamt sehr angenehme Menschen, und dieses Gefühl, jeden Tag woanders einzuschlafen als man aufgewacht ist und die Strecke dazwischen selbst zurückgelegt zu haben, empfand ich als sehr befreiend. Die Buchung über EasyWays kann ich also sehr empfehlen. (Davor und danach waren wir außerdem in meiner alten Erasmus-Stadt Edinburgh zu Gast, was noch einmal eine ganz andere Reihe von Erinnerungen aufwirbelte und mein erstes Filmtourismus-Bild produzierte.)

Kulturindustrie

Ich habe schon genug dazu geschrieben, warum es zu meinem eigenen Podcast ein langer Weg war. Aber ich bin nach wie vor sehr froh und stolz, dass ich ihn zu Ende gegangen bin. Dass ich mich alle zwei Wochen mit Lucas, Mihaela und Sascha, drei klugen Menschen, zum Quatschen treffen kann, und dass das dann regelmäßig über 600 Leute hören, ist ein großes Privileg. Und da wir die Themen, über die wir sprechen, relativ demokratisch gemeinsam überlegen, beschäftige ich auch durch den Podcast immer wieder mit Dingen, die ich ohne ihn vermutlich gar nicht kennengelernt hätte, dieses Jahr zum Beispiel der Roman Menschenwerk von Han Kang, das Rapduo Zugezogen Maskulin oder Bryan Lee O’Malleys Comic Snotgirl. Auch die Videospiel-Software Steam hatte ich tatsächlich vor unserer Sendung über The Last Tree noch nie benutzt. Ich bin sehr dankbar für die ständige Horizonterweiterung und gespannt, wohin wir Kulturindustrie nächstes Jahr noch führen können.

Magic: The Gathering

In meinen Entwürfen schlummert ein halbfertiger Artikel über meine Wiederentdeckung des Kartenspiels, das meine Jugend dominiert hat, den ich vielleicht in den nächsten Tagen noch beenden kann. Nur so viel: Es ist vor allem die verdammt gute Medienarbeit von Wizards of the Coast auf ihrer Website, durch die ich festgestellt habe: Ja, es ist möglich, dieses Spiel nicht auf Turnierlevel zu spielen und trotzdem am Ball zu bleiben, auch oder gerade wenn man ein Vorthos ist, wie ich. So viel Spaß wie beim Prerelease von Ixalan hatte ich mit Magic seit langem nicht mehr und ich bin wirklich glücklich, dass die lange Geschichte der Entfremdung mit etwas, was ich mal sehr geliebt habe, 2017 ein gutes Ende genommen hat.

© Wizard of the Coast

Dinosaurier-Reiter, Piraten und eine Gorgonin mit einer Mission: Ixalan | © Wizard of the Coast

Babylon Berlin

Der Nationalstolz-Aspekt des ganzen Diskussions-Phänomens “deutsche Serie” lässt mich kalt, aber ich finde es natürlich trotzdem immer spannend, die Dynamik der Medienlandschaft zu beobachten. Schon bei der Bekanntgabe des Projekts vor anderthalb Jahren hatte ich die Hoffnung, dass die Mischung der beteiligten Player und Ideen tatsächlich zu einem guten Ergebnis führen könnte, und ich wurde nicht enttäuscht. “Babylon Berlin” ist definitiv mein Serienhighlight des Jahres, obwohl ich noch nicht einmal die zweite Staffel gesehen habe. Ich freue mich schon, noch einmal dafür zu trommeln, wenn es nächsten Herbst im Free-TV zu sehen ist.

Star Wars: From a Certain Point of View

Während die “Kontroverse” um The Last Jedi noch tobt, möchte ich ein anderes Star-Wars-Produkt preisen. Star Wars: From a Certain Point of View, in dem Ereignisse aus dem ursprünglichen Star-Wars-Film aus der Perspektive von Hintergrundfiguren erzählt werden, war eins der besten Lese-Erlebnisse meines Jahres – wahrscheinlich irgendwie logisch für jemanden, dem operationelle Ästhetik nach wie vor einen Kick gibt. Ganz abgesehen davon, dass die einzelnen Geschichten teilweise richtig gut und herzerwärmend waren, hat es mich auch begeistert, zu sehen, dass das Star-Wars-Universum gleichzeitig so gut ausdefiniert und so offen ist, dass es diese Art von Projekt erlaubt. Alle Autor*innen können sich individuell austoben und am Ende passt trotzdem alles zusammen, weil die Grundregeln der Welt klar sind. Spannend war es auch, zu beobachten, wie schnell die Ereignisse aus Rogue One in den Kanon übergegangen sind, so regelmäßig wie auf sie Bezug genommen wurde. Ich muss mich nicht genieren, dass ich solche Dinge nach wie vor wahnsinnig faszinierend finde, oder?

Doch noch Kritiker

Gegen die Bezeichnung “Kritiker” habe ich mich lange aus unterschiedlichen Gründen gewehrt. Zum Einen fühle ich mich wirklich mit dem, was ich so tue, immer noch mehr als Journalist, der analysiert und erzählt, denn als Kritiker, der zu einem gewissen Grad auch immer bewertet. Das obwohl die Unterscheidung im Kulturjournalismus kaum zu treffen ist. Zum anderen bin ich vor einigen Jahren mit dem Versuch, Filmkritiken zu schreiben mal ziemlich schmerzhaft gescheitert, was mich zu dem vielleicht etwas feigen Schluss gebracht hat, dass die klassische Form der Kritik einfach “nichts für mich ist”. Über die Jahre habe ich allerdings im Blog immer wieder mit Formen experimentiert und habe dabei anscheinend irgendwie doch eine kritische Stimme gefunden, mit der ich selbst zufrieden bin, und die auch andere Menschen gerne lesen. Ich schreibe inzwischen regelmäßig Hörfunk-Kritiken für epd medien und im Oktober habe ich sogar seit langem mal wieder eine bezahlte Filmkritik geschrieben und darauf viele positive Rückmeldungen bekommen (es hat eher logistische Gründe, dass es bisher bei der einen geblieben ist). Am Ende des Jahres 2017 kann ich also nicht nur nicht mehr so tun, als wäre ich kein Kritiker. Ich habe auch gelernt, dass es manchmal nicht an “können” oder “nicht können” liegt, sondern auch am eigenen Ansatz, und dass es sich lohnt, verschiedene Ansätze zu versuchen.

Cinematic Smash Champion

Als mich Henning im Sommer anschrieb und mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, mal bei seinem filmischen Debattier-Podcast mitzumachen, habe ich natürlich ja gesagt. Inzwischen aber sind die Cinematic Smash Bros so viel mehr als nur ein Podcast. Daran hängt eine Gemeinschaft von interessanten, filmverliebten Menschen hier aus Berlin und jede Menge Herzblut des Moderators und Organisators. Ein Highlight war deswegen auf jeden Fall das Cinematic Deathmatch Ende November, in dem alle Kandidaten noch einmal zusammenkamen, um gegeneinander zu spielen. Und obwohl ich es selbst nicht für möglich gehalten hätte, ich habe das “Goldene Flaschenmikrofon” mit nach Hause nehmen können. Ein bombastisches Erlebnis.

© Cinematic Smash Bros

Puffling

Eins der Highlights des Urlaubs in Schottland war der Besuch der Isle of May, einer kleinen Insel im Firth of Forth, die vor allem von Vögeln und den Menschen, die sie studieren, bewohnt ist. Unter anderem brüten dort, ähnlich wie auf Skellig Michael, Papageientaucher, englisch Puffins, die sich mit ihren scheinbar viel zu kurzen Flügeln von den Klippen stürzen und wie Hummeln durch die Luft schwirren. Ihre Nester bauen sie in Höhlen dicht unter der Erdoberfläche und nachdem ihre Küken diese Nester verlassen haben, leben diese drei Jahre auf dem Meer und beginnen erst danach selbst zu nisten. Eins dieser fast ausgewachsenen Küken hatte der begleitende Ornithologe auf der Rückfahrt mit ins Schiff gebracht, eine kleinere, grauere Version seiner Eltern. Jeder durfte mal einen Blick drauf werfen und dann entließ er den Puffling in die Winde.

Drei Tage vorher hatten meine Frau und ich festgestellt, dass sie schwanger ist. Nach diesem Erlebnis war klar, wie wir unser ungeborenes Kind fortan nennen würden. Inzwischen ist unser Puffling schon über sechs Monate alt, wir kennen auch schon ihr (zugewiesenes) Geschlecht und blicken gespannt auf den Geburtstermin im April. Eins dürfte damit aber klar sein: Auch 2018 wird wahrscheinlich wieder ein aufregendes Jahr.

Was mache ich nur mit so viel Aufregung? Am liebsten stecke ich sie in Dankbarkeit, denn wie immer wären alle genannten Highlights ohne die Hilfe von sehr vielen tollen Menschen gar nicht möglich gewesen. Ich hoffe, euch geht es am Ende dieses Jahres so gut wie mir und wenn nicht, dann wünsche ich euch, dass es euch bald besser geht. Frohe Weihnachten und alles Gute für 2018!

Mixtape 2017

Wir fangen mit Musik an. So will es die Tradition. Viel Spaß mit meinen Lieblingssongs des Jahres. Die Reihenfolge ist keine Rangfolge, die Songs lassen sich so aber gut hintereinanderweg hören.

SEITE A

1. Selena Gomez – Bad Liar

Der Podcast “Switched on Pop” hat dieses Jahr wieder ganze Arbeit bei mir geleistet. Auch wenn die generellen Theorien über die Poplandschaft weniger geworden sind (ich vermisse Termini-Neuschöpfungen wie den “Pop Drop”), hilft er mir dabei, die Perlen der Charts, die ich nicht verfolge, zu entdecken. “Bad Liar” gehört definitiv dazu. Nicht, weil er wohl auf dem “Psycho Killer”-Riff der Talking Heads basiert (ich finde die Verwandschaft minimal), sondern wegen dieses tollen synkopischen Refrains, dem pling! auf der eins und dem schicken B-Teil, der mit “Oh Baby let’s make …” beginnt.

2. Dan Auerbach – Shine on Me

Ich musste ein Interview mit Auerbach hören, um zu kapieren, dass Mark Knopfler himself hier die Gitarre spielt. Wenn man es weißt, leuchtet es sofort ein. Aber auch ohne das Dire-Straits-Riff macht dieser Song einfach wahnsinnig Laune und eignet sich viel zu gut, um ihn an Sommernachmittagen zu singen, während man durch das Wohngebiet spaziert. Leider konnte mich nicht das ganze Album “Waiting on a song” überzeugen.

3. Judith Holofernes – Charlotte Atlas

Insgesamt konnte mich Judith Holofernes’ zweites Soloalbum nicht ganz so überzeugen wie ihr erstes, aber einige Songs liefen trotzdem bei mir in Dauerschleife. “Analogpunk” natürlich (mit einigen der besten Reime des Jahres wie “Ich Firewall / du Thor Heyerdahl”), der Titeltrack “Ich bin das Chaos” und eben “Charlotte Atlas”, in dem Judith (die ich auch live sehen durfte) aus vollem Rohren “Walk like an Egyptian” channelt, um zu mehr Gelassenheit beim Tragen unserer Sorgen aufzurufen.

4. Satchmode – State of Mind

Einige der Einträge aus dieser Liste stammen aus den “New Music for You”-Playlists von Apple Music, darunter dieser Track. Apple hat anscheinend meine merkwürdige Schwäche für 70s/80s Soft Rock durchschaut und einen Song gefunden, der wie im Labor für mich gezüchtet wirkt. Schummrige Synthies, klimpernde Gitarren, elektronisches Schlagzeug und ein hymnischer, bittersüßer Refrain. “You just keep breaking my heart / It’s only making me love you more” – du Dummkopf!

5. Henry Jamison – If You Could Read My Mind

Coverversionen sind ja im Streamingzeitalter a dime a dozen und viele von ihnen sind das mehrmalige Anhören gar nicht wert. Was Henry Jamison allerdings aus Gordon Lightfoots Song gemacht hat, gefiel mir irgendwie von Anfang an. Er behält den selbstmitleidigen Pathos in der Stimme bei, aber entschlackt das Bett darunter etwas und gibt ihm etwas mehr rhythmischen Umpf. Henry Jamisons Album “The Wilds” ist auch gar nicht verkehrt (insbesondere der Titelsong), aber ihm fehlt die songschreiberische Stärke von “If you could read my mind”.

6. Eddie Berman . You Can Call Me Al

Ein Cover noch, dann kehren wir zu den Originalen zurück. Eddie Berman gelingt es in seiner Gitarrenpicking-Interpretation Paul Simons Klassiker, der ja eigentlich von seinem Synthieriff und seinen stampfenden Drums lebt, eine neue Melancholie zu verleihen. So kommt die ganze Selbstreflektion des Originals ganz anders zum Vorschein.

7. K.Flay – Blood in the Cut

A propos stampfende Drums. Die kommen hier irgendwann dazu und bilden die Grundlage für einen immer größeren Aufbau von Drohkulisse bis zum finalen Refrain, den man dann endgültig mitgröhlen möchte. Ein Song, den ich beinahe selbst gerne mal covern würde.

8. The National – The System Only dreams in Darkness

Zeichen und Wunder! Ähnlich wie auch Arcade Fire und Radiohead gingen The National trotz großer Beliebtheit bei allen musikinteressierten Freunden über all die Jahre nicht an mich. Dieser Song hat das geändert. Ob es an dieser coolen Sologitarre liegt? An dem wunderbar aufrüttelnden Schlagzeug? Oder an “I can’t explain it / any other / any other way”? Erinnert mich jedes Mal daran, dass ich mir auch den Rest des neuen Albums in Ruhe anhören möchte.

9. alt-J – 3WW

Nicht alles, was alt-J auf ihrem dritten Album ausprobieren, gefällt mir. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängerscheiben kann ich es nicht immer wieder durchhören. Aber die erste Vorabsingle hat sich in mein Hirn gebrannt. Vom langsamen Intro, über die ersten volksliedartigen Strophen bis zum Einsatz von Ellie Rowsell im letzten Drittel des Songs fließt der Song einfach wunderbar von Stimmung zu Stimmung, anscheinend um eine Outdoor-Liebesgeschichte zu erzählen.

10. Severija – Zu Asche, zu Staub (Psycho Nikoros)

Zu Babylon Berlin wird in diesem Blog dieses Jahr noch etwas mehr zu lesen sein, denn ich mochte die Serie wirklich. Die Musik, und vor allem dieser Track, der in einer fulminanten Szene in Folge 2 für den ersten Höhepunkt sorgt, haben daran auch einen Anteil. Dieses unbeirrbar pulsierende Jazzschlagzeug, über dem sich irgendwann die schwelgenden Tanzorchester-Klänge entfalten, hat einfach was. Es fängt tatsächlich ganz gelungen den Tanz auf dem Vulkan ein, den die Serie aus der Zeit macht, in der sie spielt. Da kann man bei “das bloße Haschen nach dem Wind” schon mal eine Gänsehaut bekommen.

SEITE B

11. Charlie Puth – Attention

Noch eine “Switched on Pop”-Perle. Kein besonders gehaltvoller Song, besonders vom Text, der aber irgendwie meinen R&B-Sweetspot trifft, nicht zuletzt wegen dieser enorm lässigen Bassgitarre im Refrain. Naja und dann ist da noch mein leichter Falsett-Fetisch. Aber darüber rede ich wahrscheinlich besser mit meinem Therapeuten. ;-)

12. Beck – Square One

Beck ist auch einer dieser gefeierten Künstler, dessen Oeuvre mir nie besonders zugesagt hat. Dass er auf seiner neuen Platte das Credo “Full Pop” ausgegeben hat, was einigen Fans weniger gefiel, scheint aber genau für mich gepasst zu haben. “Colors” ist insgesamt ein gut gelauntes, fett produziertes Popalbum, dass sich lohnt. “Square One” hat die schönsten Akkordfolgen, insbesondere im Refrain.

13. Jonathan Coulton – Don’t Feed the Trolls

Trotz mehreren Versuchen konnte ich aus Coultons Konzeptalbum “Solid State” nicht wirklich viel mehr ziehen als diesen Song, der textlich auf englischen Abzählreimen basiert, diese dann aber immer dreht, um irgendwas (ich weiß nicht genau was) über Internetkultur auszusagen. Bleibt locker? Lasst euch nicht fertigmachen? Ruhm vergeht? Egal. Ich mag die paranoide Zeile “Dance like they’re watching you / cause they are watching you”.

14. Julia Michaels – Issues

In Momenten emotionaler Verletzlichkeit hat mich dieser ebenfalls nicht gerade tiefgründige Popsong trotzdem regelmäßig sehr gerührt. Ich mag dieses Narrativ von zwei Menschen, die beide akzeptieren, dass sie Probleme haben und anstrengend seinen können, aber sich lieben und sich miteinander durchschlagen, wahrscheinlich weil es auch meine Philosophie ist. Vor sieben Jahren, beim ersten Date mit meiner Frau, haben wir uns beide unsere größten Schwächen erzählt und damit eine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung geschaffen. “I’ve got issues, you’ve got ’em too / so give them all to me and I’ll give mine to you. / Bask in the glory of all our problems / cause we’ve got the kind of love it takes to solve them.”

15. 2raumwohnung – Ich bin die Bass Drum (Nacht)

Auch diese Nummer tauchte irgendwann in meiner Apple-Music-Liste auf und natürlich kenne ich 2raumwohnung irgendwie, aber eigentlich auch nicht. Der Track hat mich bisher noch nicht dazu verführt, den Rest des “Nacht und Tag”-Albums zu entdecken, aber seine futuristische Melancholie mag ich einfach.

16. Farin Urlaub – The Power of Blöd

Über Farins Album voller unveröffentlichter Demos gab es ein Radiofeature, über das ich wiederum eine Kritik geschrieben habe. Keiner der Songs blieb wirklich bei mir hängen, bis auf diesen großartigen Nonsens-Song, von dem ich mich wirklich frage, warum er nie auf einem Ärzte-Album gelandet ist und – wie geplant – in endlosen neuen Iterationen live gespielt wird. Enthält die Textzeile des Jahres: “Aber ich muss es singen, weil es hier steht / ich bin nur der Interpret / es ist dermaßen blöd.”

17. Caro – Eyes on the Ground

In einem Jahr, in dem mich das neue Everything Everything-Album doch irgendwie kalt zurückgelassen hat, muss ich mir irgendwie zappeligen Indiepop-Ersatz suchen und das Caro mit diesem Song noch am besten geschafft. War lange der größte Wackelkandidat für diese Liste, hat aber dann doch diese schönen Momente zwischendrin, vor allem diese Gitarrenfigur kurz vor dem Refrain.

18. Steven Wilson – Pariah

In prognahen Medien war zu lesen, dass Wilson mit seinem Album “To the Bone” auf besonders graziöse Weise den Brückenschlag zwischen Art Rock und Pop geschafft habe. Das finde ich nicht, ich finde “To the Bone” klingt halt wie Wilson immer klingt, was immer solide ist, aber immer auch sehr unterschiedlich bei mir hängenbleibt (“Insurgentes”, “Hand. Cannot. Erase.”) oder nicht (“Grace for Drowning”, “The Raven”). In “Pariah” findet er die richtige Kombination aus Harmonien, Sounds, Dramaturgie und Stimmen, um mir zu gefallen. Aber ich spreche trotzdem eine Hörempfehlung aus für alle, die diesen Ausnahmemusiker noch nicht kennen.

19. Lo Moon – This is it

Lo Moon hätten das Potenzial, in Wilsons Jagdgebiet irgendwann mal Teilpächter zu werden. Ihre Songs, von denen es leider immer noch nicht viele gibt, haben auch diese schwelgerische, überzeugte Epik, die gelingen oder albern klingen kann. Noch lieber als “This is it” hätte ich wahrscheinlich die erste Single “Loveless” in die Liste aufgenommen, aber die stammt von Herbst 2016. Dafür klingt “This is it” noch etwas mehr nach 80s Peter Gabriel und das ist doch auch was. Hoffentlich kommt von den Kaliforniern, die sich schon in ihrer Twitterbio als “3 song Band” bezeichnen, bald ein Album.

20. Iron & Wine – Call it Dreaming

Der letzte Song, der sich am Ende des Jahres noch auf die Liste gerettet hat. Einfach weil er trotz seiner sommerigen Stimmung auch perfekt in den kalten dunklen Winter passt. Ich weiß nicht genau, worum es in dem Song geht, ich glaube Vergänglichkeit, aber “Where we drift and call it dreaming / we can weep and call it singing” klingt trotzdem toll. Vor allem in der Stimme von Sam Beam.

21. Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly & James McAlister – Jupiter

Es fällt mir durch das Streaming-Zeitalter zunehmend schwerer, mich für ganze Alben zu begeistern, aber dieses Jahr hat es eins geschafft: “Planetarium”, diese merkwürdige Kollaboration aus zwei Indie-Darlings, einem New-Music-Komponisten und einem Drummer, ist dank dieser Menschenkombination dann auch irgendwie ein Gesamtkunstwerk geworden, das vielleicht noch am ehesten mit Sufjan Stevens’ “Age of Adz” vergleichbar ist. “Jupiter” ist das Herzstück des Albums und enthält alle seine Merkmale. Stevensige sanft lullende Melodielinien, plötzlich hämmernde Elektronik, verzerrte Stimmen und weirde Harmoniefolgen und am Ende dieser verdammte Bläsereinsatz, mit dem man die Mauern von Jericho aufs neue zum Einstürzen bringen könnte. Nicht für jeden was, aber voll was für mich.

22. Per Gessle – Känn dej som hemma

Nach über 30 Jahren muss man von einem Songwriter mit so viel Output wie Per Gessle nichts Überraschendes mehr erwarten, und so klangen dann ja auch die letzten Roxette-Alben. Aber solo und auf Schwedisch hat Gessle diese eine Schiene, die er in seiner englischen Popmusik selten erforscht, außer auf “Song of a Plumber”, das zu meinen Lieblingsalben gehört. In diesem Modus denkt er in Instrumentierung und Gefühl an den Folk-Popm seiner Kindheit in den 70ern zurück und lässt sie neu entstehen mit sanften Songs wie “Känn dej som hemma” (Fühl dich Zuhause), mit gleitendem E-Piano, Fiedel, Maultrommel, gedämpfter Gitarre und einem heimeligen Text über jemand, der für seine geliebte Person zu Hause alles so herrichtet, dass sie sich wohlfühlt. Das ganze Album “En vacker dag” (Ein schöner Tag) ist so gefällig – da braucht es keine Hygge-Manuals mehr.

Knapp am Mixtape vorbeigeschrammt, aber dennoch hörenswert: A Perfect Circle – The Doomed, Ibeyi – I wanna be like you, Mew – Carry me to safety, Partner – Everybody Knows, LUWTEN – Difference, Ride – Home is a Feeling, Portugal. The Man – Feel it Still, Charlie Bliss – Black Hole, The Building – Have to Forgive, Set and Setting – The Mirrored Self

Dieses Jahr sehr viel gehört, aber leider nicht 2017 erschienen: Von Wegen Lisbeth – Wenn du tanzt, Aoife O’Donovan – Turn Me On, I’m a Radio, Pyur – Epoch Sinus, The Pineapple Thief – No Man’s Land, Things of Stone and Wood – Happy Birthday Helen, Neal Morse – The Ways of a Fool, St. Vincent – New York

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