Reduktion statt Abschaffung: Fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung

Als ich am vergangenen Mittwochabend in Stuttgart in den einzigen ICE stieg, der mich rechtzeitig nach Frankfurt zum Konzert von The Intersphere bringen würde, erwartete ich das Schlimmste. Ich bin mal am zweiten Weihnachtsfeiertag von Frankfurt nach Bremen gefahren, das war nah an der Apokalypse – nur gestresste Menschen, die sich gemeinsam auf viel zu wenig Platz zusammendrängten. Mit dem Streik am Mittwoch schwante mir Ähnliches. Weil nur ein paar Notfallzüge fuhren, würde es sicher voll und ungemütlich werden, dachte ich.

Das Gegenteil war der Fall. Ich weiß nicht, wann dieser ICE, mit dem ich schon häufig gefahren bin, zuletzt so friedlich war. All die hektischen, wichtigen und dummen Menschen, die sonst ihre Koffer in den Gang stellen, drängeln, Fahrtgenoss_innen beim Einsteigen nicht vorbeilassen oder die Türen blockieren, schienen auf die Straße ausgewichen zu sein. Übrig geblieben waren nur Bahnfahrer_innen aus Überzeugung wie ich, und selbst bei denen war der allgemeine Stress einer gewissen Schicksalsergebenheit gewichen. Es fuhr nur dieser eine Zug. Es war klar, dass wegen des Streiks vieles nicht funktionieren würde. Aber deswegen hatten wir alle Zeit mitgebracht und freuten uns gemütlich darauf, irgendwann irgendwo anzukommen.

Während des Bahnstreiks am Wochenende war ich wieder unterwegs. Von Wiesbaden nach Duisburg und zurück. Wieder nur wenige Züge auf der Schiene. Und wieder alles erstaunlich entspannt. Einen Tag vorher hatte ich diesen Artikel auf “kleinerdrei” gelesen, in dem die Autor_innen über Apps schimpfen, die uns das Leben erleichtern sollen, uns aber in Wirklichkeit versklaven.

Der Gletscher kalbt

Lucie schreibt zum Beispiel über “Pocket”, eine App, die ich über alles liebe: “Vor meinen Augen kalbt ein HTML-Gletscher aus ungelesenen Texten und eine Ladeanzeige gemahnt mich stumm daran, dass ich niemals up-to-date und vollumfänglich thematisch eingelesen sein werde, because I SUCK.” Archive Panic, wie “TV Tropes” das nennt, ist kein neues Phänomen. Viele Internet-Kritiker nennen gerne die unüberschaubare Menge an Daten und Möglichkeiten als ein Problem. Simon Reynolds beschreibt sie auch in “Retromania” als Kulturphänomen: Wenn die gesamte Musikgeschichte nur einen Klick entfernt ist, warum sollte ich dann versuchen, “manuell” neue Bands zu entdecken? Irgendwo las ich mal: Früher hat man morgens einen Song im Radio gehört und den ganzen Tag darauf gewartet, dass man ihn noch einmal hört, um rauszufinden, von wem er ist. Heute shazamt man ihn oder googelt einen Textfetzen, lädt sich die komplette Diskografie der Band runter und ist am Abend dann schon übersättigt.

Weil sehr viele Menschen (auch ich) gerne in schwarz-weiß-Kontrasten denken, wird als Gegenmodell dann immer gerne der Total-Ausstieg propagiert. Irgendwann konnte man die Menge der “Ich habe versucht ohne Internet zu leben”-Artikel und Bücher kaum noch überblicken. Und auch jetzt noch ruft immer irgendwo jemand: Entschleunigung. Freedom. Auch mir wurde das schon diverse Male nahegelegt.

Als ich letztes Jahr auf Hochzeitsreise fuhr, dachte ich mir: Superidee, ich mach das jetzt auch mal. Zehn Tage lang keine Blogs, kein Facebook, kein Twitter, nur am Strand liegen mit meiner Liebsten, Bücher lesen, Filme gucken, Musik hören. Nach etwa drei Tagen wurde ich depressiv. Es gab einfach Momente, da hatte ich auf keine der genannten Aktivitäten Lust. Ich wollte stattdessen dem Geschnatter auf Twitter beiwohnen. Ich wollte die wunderbaren Dünen auf Instagram teilen. Ich wollte sogar bloggen, über das interessante Buch, was ich gerade durchgelesen hatte. Zeit hätte ich sogar gehabt. Ich hab’s mir dann irgendwann erlaubt. Es ging mir direkt besser. Internet entspannt mich. Meine Frau war mir nicht böse.

Spätestens seit diesem Urlaub weiß ich, dass es nicht um Alles oder Nichts geht. Und der Bahnstreik ist das beste Beispiel dafür. Wäre kein einziger Zug gefahren, ich hätte frustriert in Stuttgart gesessen und mein Konzertticket wäre verfallen. Aber es gab einen Notfallfahrplan und so musste ich einfach gut planen und alles klappte. Ich glaube, wenn Menschen sich in analoge Zeiten zurücksehnen, ist es häufig nicht die völlige Abwesenheit von Möglichkeiten, die sie sich zurückwünschen, sondern die kleinere Auswahl.

Das Geheimnis ist, sich heute einfach oft genug eine ähnlich kleine Auswahl zu schaffen. Das geht. Man braucht nur ein bisschen Disziplin und die Fähigkeit, in sich reinzuhören. Hier sind meine fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung.

1. Zugeben, dass man hilflos ist

Der erste Schritt der Anonymen Alkoholiker heißt “Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.” Bei Medienkonsum ist das ähnlich. Je schneller man einsieht, dass man nie alle Bücher lesen wird, die einen interessieren; dass es immer irgendwo in der Filmgeschichte Lücken geben wird, die man noch nicht geschlossen hat; dass es da immer noch diese eine Serie gibt, die einem ständig Leute empfehlen und die man doch nie guckt; umso besser. Es wird einen nicht umbringen. Sterbende ärgern sich nicht darüber, dass ihnen noch eine Staffel Breaking Bad fehlte. Es gibt Dinge im Leben, die nunmal wirklich wichtiger sind. Und manchmal kann sogar “rumhängen und prokrastinieren” eins dieser Dinge sein. So sind wir halt gepolt.

2. Filtern

Mein iPhone hat “nur” 16 GB Speicherplatz. Ich kann also gar nicht meine ganze Musiksammlung mit mir herumtragen. Ich könnte mir natürlich einen gigantischen iPod kaufen, aber ich mag die Tatsache, dass ich mir die Musik, die ich mitnehmen kann, vorher aussuchen muss. Auf ähnliche Art kann man viele Informationsströme reduzieren, frei nach Clay Shirkys “Es gibt nur falsche Filter”-Maxime. Was einen davon abhält, ist die Angst, etwas zu verpassen, aber es war noch nie leichter, nichts Wichtiges zu verpassen. Denn: 1. Die Algorithmen des Internets, die programmierten und die natürlichen, sorgen dafür, dass Dinge, die für uns wirklich wichtig sind, uns in 90 Prozent aller Fälle schon irgendwann erreichen. Ich merke das jedes Mal, wenn jemand in meinem Facebook-Feed ein Video oder einen Artikel drei Wochen nach meiner direkten peer group postet. Meist denke ich: ah, jetzt ist das auch bei dieser Person angekommen. 2. Das Internet sorgt eben dafür, dass alles archiviert wird. Was im “Archive Panic” Modus als Bedrohung erscheint, wird im Information-Nachholmodus zum Segen.

3. Diszipliniert sein

Es kommt einem oft nicht so vor, aber stetiges Abarbeiten führt genauso zu Ergebnissen, wie langes Aufschieben und dann in einem Wegputzen. Ich versuche, jeden Abend vor dem Einschlafen, wenigstens zwei Seiten meines Gute-Nacht-Wälzers zu lesen. Das ist besser als gar nichts und auch in diesem Tempo werde ich ihn irgendwann durchlesen. Aber es ist besser, zwei Seiten zu lesen, als keine Seite zu lesen. Noch besser: Es hält fit. Man bleibt drin. Man denkt öfter dran, bekommt dadurch automatisch öfter Lust darauf, auch mal mehr zu lesen. Nicht davon abschrecken lassen, dass man noch so viel vor sich hat. Disziplin + Filter heißt auch: Auswählen, bei welchen Dingen man diszipliniert sein will, und bei welchen nicht. Ich habe mir derzeit auferlegt, jede Woche einen Agents of SHIELD-Recap zu schreiben und tue das auch geflissentlich. Rebels hingegen habe ich seit dem Pilotfilm nicht weiter verfolgt. Vielleicht hole ich es irgendwann nach. Wenn ich eine neue Band entdecke, widerstehe ich der Versuchung, mir sofort alles von ihnen zu besorgen. Ich entdecke sie lieber in Ruhe, Album für Album.

4. Einen langen Atem haben

“Aber Filter und Disziplin sind Methoden, die dennoch bedeuten könnten, dass ich etwas Aktuelles verpasse.” Ja, stimmt. Eventuell ist man nicht dabei, wenn gerade ein Mem durchs Dorf getrieben wird. Vielleicht kann man nicht miterleben, wie ein #gate eskaliert. Muss das schlecht sein? Dafür bekommt man den Vorteil, dass man mit größerem Weitblick zu einer Situation hinzukommen kann, unbeeindruckt vom play-by-play der vergangenen Tage. Das kann auch dazu führen, dass man sich Ärger erspart. Ich habe bei Lost nach der ersten Staffel aufgegeben, weil ich wirklich nicht begeistert war und ja sowieso fast jeder vom Ende unbeeindruckt war. Nachhaltigkeit lohnt sich im Internet mehr als man denkt, die meisten Diskussionen werden irgendwann wieder relevant – als jemand, der mal wissenschaftlich gearbeitet hat, kennt man das. Es gibt Artikel in meiner Pocket-Liste, die ich erst 12 bis 18 Monate nach Hinzufügen gelesen habe und die immer noch gut waren. Andere waren verbrannt, die musste ich dann nicht mal fertig lesen.

5. Bauchgefühle verstehen lernen

Egal, was man sich vielleicht vorgenommen hat, mit der Zeit lernt man, die Punkte 2 bis 4 in ihrer Relevanz einzuschätzen. Wenn man in sich reinhört, weiß man, dass man – egal für welche Option man sich entscheidet – das Richtige tut (siehe 1). Dann darf man also auch mal undiszipliniert sein. Auf jeder Bahnfahrt frage ich mich wieder: Wofür nutze ich die Zeit? Podcast hören? Buch lesen? Pocket weglesen? Arbeiten? Film gucken? Schlafen? Egal, Hauptsache ich bin möglichst entspannt. Auch wenn die Bahn wieder streikt.

Fetter Disclaimer: Ich gebe nur weiter, was für mich – auch als Philosophie – funktioniert. Ich bin jemand, der umso kreativer ist, je mehr seine Optionen beschränkt sind. Vielleicht tickt ihr anders und Reduktion schränkt euch ein. Punkte wie 4. können irrelevant werden, wenn man beruflich in bestimmten Dingen auf der Höhe sein muss (wobei man das dann fast schon wieder auf 2 und 3 delegieren könnte). Bis ich bei 5. einigermaßen sicher war, musste ich 30 werden und einige Geisteskrisen durchstehen. Und auch diese Methode #failt manchmal ungeheuerlich und führt zu Ärger und Frust. Aber es gibt nunmal keine absoluten Sicherheiten. Und bei mir funktioniert es besser als alles andere. Was bei euch funktioniert: gerne in die Kommentare.

Nachtrag, 22.10.: Meine Frau hat sich zu Wort gemeldet und meine Erinnerung an unsere Hochzeitsreise korrigiert: “Deine Frau hat dir in dem Urlaub irgendwann dazu geraten, bitte wieder das Internet zu benutzen. Und das, weil sie selbst gerne mit dem Internet entspannt! Nur mal so.”

“Startup”, “Serial” und Co: US-Podcasts wagen den nächsten Schritt

Wer Podcasts liebt und des Englischen mächtig ist, kommt früher oder später nicht mehr am US-amerikanischen “public radio” vorbei. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk der USA ist im Gegensatz zu BBC oder ARD komplett durch Spenden finanziert, muss sich entsprechend keinerlei Massengeschmack beugen und gilt als intellektuelles Leuchtfeuer in einem ansonsten komplett durchformatierten Radioland.

Und weil gutes Radio nicht live gehört werden muss, haben die Sendungen von Distibutoren wie NPR in den vergangen Jahren auch als Podcasts mit mehreren 100.000 Abrufen pro Sendung Karriere gemacht. Ich kann jedem nur raten, sich Podcasts wie “This American Life” (TAL), “Radiolab” oder “99 % Invisible” mal anzuhören. Was dort an akustischem Journalismus geboten wird, ist eine Freude für Ohr, Herz und Hirn und wird selbst in den letzten Qualitäts-Bastionen von Deutschlandradio und Co nur selten erreicht. Ähnlich wie im Magazinjournalismus zeigt sich auch in den Podcasts die Vorliebe der Amerikaner für gutes Geschichtenerzählen. Journalistische Stücke enthalten meist sowohl die Persönlichkeit ihres Producers (und keine abgelesenen Texte eines “Sprechers”) als auch einen Spannungsbogen – und insbesondere bei TAL werden sie gerne auch mal mit fiktionalen Geschichten gemischt (ähnlich wie in Magazinen wie dem “New Yorker”).

Eine akustische Unternehmungsgründung

Menschen wie TAL-Chef Ira Glass sind damit längst zu Podcast-Superstars aufgestiegen, die auch über die Radio- und Podcastszene hinaus einen gewissen Ruhm genießen. Und es scheint, als sei die Zeit jetzt endlich reif, dass diese Radiostars ihr Gewicht in den Ring werfen, um auch im Podcast-Bereich den nächsten Schritt zu gehen. So werkelt der ehemalige TAL- und “Planet Money”-Producer Alex Blumberg derzeit an einem ganzen Podcast-Netzwerk, das journalistisches Storytelling nach dem eben beschriebenen Muster exklusiv über das Internet verbreiten soll. Das eigentliche Netzwerk, für das Blumberg derzeit zwei Millionen Dollar Venture Capital einsammelt, existiert noch nicht, aber Blumberg hat sich vorgenommen, die einzelnen Schritte seiner Unternehmungsgründung sorgfältig akustisch aufzuzeichnen und dabei ganz besonders offen und ehrlich zu sein.

Das Ergebnis, der Podcast “Startup” ist ein faszinierendes Dokument, das mindestens jeder kreative Mensch hören sollte, der jemals darüber nachgedacht hat, sich mit einem Projekt selbstständig zu machen. Jeder andere natürlich auch. Blumberg spricht über den richtigen Pitch, über Partner, über Geld. Er präsentiert ein ausgewogenes Bild zwischen persönlichen Emotionen und harten Fakten. Blumberg plant, dass das “American Podcasting Network” (Arbeitstitel) in den nächsten Monaten launchen wird. Ich bin sehr gespannt, ob es funktionieren wird.

Das True Detective unter den Podcasts

“This American Life” hat derweil diese Woche sein erstes Spinoff aus der Taufe gehoben, von dem ich mir gut vorstellen könnte, dass es irgendwann in Blumbergs Podcasting-Network landet. “Serial”, produziert von TAL-Alumna Sarah Koenig, schickt sich an, das True Detective unter den Podcasts zu werden. Die erste Staffel erzählt die Geschichte eines Mordfalls und seines verurteilten Mörders, ein seit 15 Jahren hinter Gittern sitzenden Mann, der zur Tatzeit 18 Jahre alt war und an dessen Schuld berechtigte Zweifel bestehen. Über zwölf Folgen hinweg folgt der Hörer Koenigs Nachforschungen, in denen sie versucht, zu ergründen, was 1999 wirklich geschah und dabei selbst immer wieder zwischen Schuld- und Unschuldsvermutung hin- und hergerissen wird. Eine spannungsgeladene Hörerfahrung, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Bisher sind drei Folgen der ersten Staffel online, neue folgen jeden Donnerstag. Ich schätze, dass “Serial” bei Erfolg weitere serielle Radiogeschichten erzählen wird.

Das besondere sowohl an “Startup”, als auch an “Serial” ist, dass beide Sendungen reine Podcast-Projekte sind. Blumberg und Koenig haben ihre Alma Maters “Planet Money” und “This American Life” genutzt, um auf ihre Neustarts aufmerksam zu machen (sonst hätte auch ich nicht davon erfahren), aber zunächst müssen beide Formate ganz ohne Radiowellen und die damit verbundene Hörerschaft auskommen. Blumberg glaubt ja sogar, dass er eine ganze Station aufbauen kann, deren Inhalte nur als Podcast verteilt werden. Das ist bemerkenswert, weil Podcasts bisher fast ausschließlich entweder a) als Zweitverwertung von für’s Radio produzierten Sendungen oder b) als Produktionen von Amateuren existierten. Dass Radio-Profis jetzt versuchen, aus Podcasts einen Markt zu machen, ist damit ein nicht zu unterschätzender Schritt in der digitalen Audiowelt. “Serial” hat entsprechend schon ein knuffiges Tutorial realisiert, dass auch bisher Podcast-unerfahrene Radiohörer an diese wackre neue Welt des Audiogenusses heranführen soll.

Finanzierung

Finanzieren soll sich zumindest Blumbergs Podcasting-Network über Freemium-Abos, Sponsoring und Merchandising-Verkäufe. Aber falls die Formate erfolgreich genug sind, ist es sicher auch denkbar, dass sie irgendwann von Radiosendern zurücklizensiert werden und so noch einmal Geld einspielen. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein solches direct-to-digital Modell, jenseits der Formatbeschränkungen von klassischem Radio, auch in Ländern wie Deutschland irgendwann Fuß fassen kann. Ich würde einschalten.

Zum Weiterlesen:
Ein Interview mit Alex Blumberg zu “Startup”
“The (Surprisingly Profitable) Rise Of Podcast Networks”, ausführlicher Hintergrundartikel, der auch auf die Geschichte des Mediums eingeht und einige Zahlen nennt.
CNBC über “Serial” – Ira Glass wird mit den Worten zitiert: “We want to give you the same experience you get from a great HBO or Netflix series, where you get caught up with the characters and the thing unfolds week after week, but with a true story, and no pictures. Like House of Cards but you can enjoy it while you’re driving.”

Bild: Flickr Commons

Abschließende und Mehrwollende – Wer bist du?

© HBO

Will abschließen (links), will mehr (rechts)

Ich habe das Zitat zuerst in einem Scriptnotes-Podcast gehört. Einer Google-Suche zufolge wird es der amerikanischen Publizistin Dorothy Parker zugeschrieben und es drückt eigentlich schon vieles von dem aus, womit ich mich im folgenden Text beschäftigen will: “I hate writing, but I love having written.”

Dabei kann ich nicht einmal sagen, ob ich der ersten Hälfte des Zitates zustimmen würde. Ich hasse es nicht, zu schreiben. Aber die zweite Hälfte stimmt dafür umso mehr: Ich liebe es, etwas getan zu haben. Das geht mir nicht nur in der Produktion so, sondern auch in der Rezeption. Ein Buch durchlesen, einen Film fertigsehen, eine Serienstaffel beenden – das alles sind Momente, die mich mit Freude erfüllen. Sie geben mir das Gefühl, etwas geleistet, etwas geschafft zu haben. Eine Sache weniger vor Augen zu haben, die auf Vollendung wartet.

Das erste Feld eines neuen Weges

Doch wie so häufig stelle ich fest, dass mein Empfinden keinesfalls dem der gesamten Menschheit entspricht. Wie diametral entgegengesetzt die Wahrnehmung von Abschlüssen sein kann, erlebe ich jedes Mal wieder, wenn ich gemeinsam mit einer mir sehr nahen Person (insbesondere) Fernsehen gucke. In der letzten Folge der vierten Staffel von Game of Thrones passiert Einiges, auch Überraschendes, aber es gelingt der Serie, alle Hauptfiguren am Ende der Folge – und der Staffel – auf das erste Feld eines neuen Weges zu setzen und wunderbare offene Enden zu konstruieren. “Prima”, denke ich mir, während der Abspann läuft, “brillant beendet. Ich freue mich auf nächstes Jahr und bin froh, jetzt erstmal wieder andere Dinge zu machen.” Doch neben mir auf der Couch quietscht es entrüstet: “WAAAS? UND JETZT MUSS ICH WIEDER EIN JAHR WARTEN, BIS ES WEITERGEHT?”

Ich habe das Gefühl, dass die in Nerdkreisen so übliche Listenkultur eigentlich meine Sichtweise der Dinge unterstützt. Erst wenn ich einen Film gesehen, ein Buch gelesen habe, kann ich es in die “Erledigt”-Ecke meines virtuellen Regals stellen, egal ob auf Goodreads oder auf Letterboxd. Ein Buch, das auf ewig in meiner “Currently Reading”-Liste vor sich hinrottet, “bringt” mir nichts. Ich kann nicht behaupten, dass ich es gelesen habe. Und eine Serie, die nie endet, etwa eine Daily Soap, erlaubt nicht nur ihren Charakteren, sondern auch mir nicht, Frieden zu finden, abzuschließen, weiterzugehen.

Eine Art Limbus

Ich staune, wenn ich lese, dass meine Blogger_innen-Kollegen Björn und Yolanda Bücher nach der Hälfte oder zwei Dritteln zur Seite legen und nie wieder angucken. Sicher, so leben die Charaktere ewig fort, aber doch nur in einer Art Limbus – ohne Ziel und Zweck. Mein innerer Aspie würde da auf Dauer durchdrehen.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse an große Erzählungen scheinen eine breitere Diskussion in der Popkultur, insbesondere in der Fan-Kultur zu sein. Nicht nur in der Serie Community ist eine Figur erst dann vollständig zufrieden, als sie mit dem Doctor Who-inspirierten “Inspector Spacetime” eine Obsession gefunden hat, die selbst in ihrem bisherigen Umfang quasi endlos ist und damit auch endlose Obsession zulässt. In einem lesenswerten Artikel auf “The Daily Dot” blickt Dominic Mayer kritisch auf die erste kanonische Veröffentlichung aus dem Harry-Potter-Universum seit mehreren Jahren und die bevorstehenden Filme, die J. K. Rowling derzeit schreibt, und zieht vergleiche zu George Lucas’ Herumdoktern an der ursprünglichen Star Wars-Trilogie, George R. R. Martins “Fuck You” an Fans, die verlangen, er möge schneller schreiben – und sogar Community selbst, die Serie, die sich auf immer absurdere Weise weigert zu sterben, um ihr selbst-gesetztes “six seasons and a movie”-Schicksal erfüllen zu können.

“Part of Art is Finality”

“[I]t’s hard to argue that part of art is finality”, schreibt Mayer. “The debate and continual reinterpretation is what keeps it alive, not a continuous stream of canon that ensures nobody ever has to feel sad about a thing they enjoyed coming to a close.” Ich bin geneigt, ihm Recht zu geben – und das als jemand, der sich bevorzugt mit nicht-endendem Franchising beschäftigt. Wie enttäuschend sind doch häufig nachgeschobene Sequels wie Indiana Jones and the Crystal Skull oder Live Free and Die Hard? Wie belanglos und leichenfleddernd neue Pink Floyd Alben 20 Jahre nach einem würdigen letzten Aufbäumen, das auf dem bittersüßen Gitarrensolo von “High Hopes” (allein der Titel!) geendet hatte?

Ich kann Anderen ihre Lust am Mehr nicht absprechen, finde es sogar bewundernswert, wenn sie so gut mit der Nichtabgeschlossenheit einer Geschichte leben können und gar nicht das Bedürfnis haben, eine Art “innere Ablage” zu betreiben. In unserer Kultur der “Hyper-Stasis” oder Atemporalität befeuert es aber natürlich auch das immerwährende Bedienen am Alten und die Weigerung, zu neuen Grenzen aufzubrechen, bis nur noch ein Weltuntergang helfen kann – wobei uns Comics, Alien-Filme und Posthume Auftritte natürlich daran erinnern, dass niemand tot bleiben muss.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende? Zu welcher Fraktion gehört ihr, liebe Leserinnen und Leser?

Sperrfristen-Spiele, Presse-Privilegien und Marketing-Machenschaften (Update)

© Disney

(Update, 31. Juli, 16:20 Uhr: Per Anruf wurde ich gerade informiert, dass die Sperrfrist für Guardians of the Galaxy auf morgen mittag (1.8. – Startdatum in den USA) verkürzt wurde. Kein Kommentar.)

(Update, 26. Juli, 10:26 Uhr: Ich habe Marvel anscheinend so sehr genervt, dass sie mir gerade doch eine Twitter-Direktnachricht geschrieben haben, in der sie mir mitteilten, dass kurze Eindrücke okay, aber lange Besprechungen nicht erwünscht sind. Das war mir natürlich vorher klar – ich frage mich nur, warum man das nicht einfach öffentlich sagt. Damit nicht gewiefte Journalisten versuchen, wieder Schlupflöcher im System zu finden? Egal. Ich möchte damit nur einmal loswerden, dass ich Guardians of the Galaxy absolut famos fand und mich sicherlich noch viel daran abarbeiten werde. Bei all dem Ärger, der aus diesem Artikel spricht: Ich mag Marvel und Disney doch, sonst würde ich mir nicht so viele Gedanken um sie machen.)


Ich habe heute Abend Marvels neuesten Streich Guardians of the Galaxy gesehen. Zeitgleich mit den Besuchern der Europa-Premiere in London und mit hunderten anderen Menschen in Deutschland. Der Grund: Eine spezielle Preview, veranstaltet von ProSieben und anderen Gewinnspielanbietern, um im Vorfeld eine positive Grundstimmung für den Film zu erzeugen. Wer den Film gesehen hat und ihn gut fand, so die Logik, wird davon seinen Freunden erzählen. Und die werden davon ihren Freunden erzählen, und so weiter. Und dann gehen alle gleich am Eröffnungswochenende ins Kino, weil sie sich so auf den Film freuen. In Deutschland ist dies das Wochenende vom 28. August, also in fünf Wochen.

Allerdings, wenn meine Freunde und Bekannten im Internet zu Hause sind – auf Twitter, Facebook oder als Leser dieses Blogs – darf ich ihnen nicht davon erzählen, wie ich den Film fand. Das darf ich erst ab 15. August, weil “auf den Besprechungen zum Film eine Sperrfrist bis einschließlich 15. August 2014 liegt. Dies gilt für alle Medien (Print, Online, TV, Radio) inkl. Blogs, Sozialer Netzwerke und Webseiten”. Ein Zitat aus der Presse-Einladung zum Film. Klar: Wenn ich jetzt schon aufschreibe, wie ich den Film fand, besteht die Gefahr, dass das hoffentlich positive Summen, das den Film umgibt, zu früh verpufft. Nach dem Sommerurlaub Ende August haben dann schon wieder alle vergessen, was Menschen vor einem Monat über Guardians gesagt haben; und die ganze Mühe, die in das Anfachen des Feuers gesteckt wurde, war umsonst.

In über 40 Ländern

Die Denke dahinter ist verständlich. Nur: Am 15. August werden die Presse und die Gäste der Preview nicht die einzigen sein, die den Film gesehen haben. Bis dahin ist der Film in über 40 Ländern gestartet. Viel wichtiger: In seinem Hauptmarkt USA startet der Film am 1. August, zwei Wochen vorher. Das Internet – dieses globale Medium, das man überall lesen kann – wird voll sein mit Besprechungen. Würde ich meinen Sommerurlaub zufällig in den USA machen und den Film dort regulär im Kino sehen, dürfte ich ihn dann auch nicht besprechen? Was ist, wenn ich nicht in den USA war, aber behaupte, dort gewesen zu sein und ihn dort noch einmal gesehen zu haben? Was ist, wenn ein Freund von mir, der in den USA lebt, den Film dort im Kino sieht und mir anschließend davon erzählt – dürfte ich ihm beipflichten oder widersprechen? Dürfte ich einen Artikel verfassen, der Kritiken aus den USA aggregiert und am Ende schreiben: “Nur aufgrund der hier angegebenen Kritiken und natürlich keinesfalls aufgrund der Tatsache, dass ich den Film schon gesehen habe, denke ich, dass er gut/schlecht ist”?

Genug der Absurditäten.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass Filmjournalisten eine privilegierte Beziehung zu Filmen haben. Verleiher stellen uns vorab Zugang zu ihren Filmen zur Verfügung, obwohl sie das in den meisten Fällen – sind wir mal ganz ehrlich – nicht müssten. Gerade die großen Hollywood-Blockbuster brauchen Kritiken so sehr wie eine Katze einen Motorroller. Daher kann es auch ein Til Schweiger sich erlauben, einen Film wie Schutzengel Journalisten erst gar nicht vorab zu zeigen. Die Leute gehen eh rein. Das Ganze ist, wie so oft im Wechselspiel von PR und Journalismus, ein Tanz. Kritiker bekommen alle Filme vorab zu sehen, damit sie alle Filme gleich behandeln. Denn bei kleineren Filmen können gute Kritiken durchaus mal zum Erfolg verhelfen, also wägt man als Verleiher (oder vom Verleiher beauftragte PR-Firma) ab, dass man sich seine Filmkritiker lieber insgesamt warm hält. So läuft das halt im Geschäftsleben.

Merkwürdiger Hilferuf

Dass ich selber Filmjournalismus gerne lese und der Meinung bin, dass Filmkritik durchaus einen Beitrag zur kulturellen Debatte liefert, ändert nichts daran, dass ich finde, Filmkritiker nehmen sich selbst ein bisschen wichtig. Das Flugblatt für aktivistische Filmkritik des VDFK (dem ich immer noch nicht beigetreten bin, obwohl ich einige Male kurz davor war) habe ich nicht unterschrieben, weil es mir wie ein merkwürdiger Hilferuf von jemandem vorkam, der gerne mehr Bedeutung hätte, als er hat. Da wird angeklagt, dass sich viele Filmkritiker der Marketing-Maschine der Verleiher nicht widersetzen und sich mit einer “5 Sterne, unbedingt reingehen”-Kritik zufrieden geben, wenn sie doch Relevantes, “Aktivistisches” schreiben könnten, was kulturelle Bedeutung schafft. Als könnte das in einem freien Markt nicht jeder für sich entscheiden.

Schreibt halt selbst gute Sachen! kann und will ich da immer nur ausrufen. Und beschwert euch nicht über ein System, das euch zurückgelassen hat, weil ihr euch lieber im Geschwurbel versteckt, statt Relevanz zu schaffen. Und wenn ihr eure Sachen für gut haltet und niemand sie drucken oder bezahlen will, dann findet selbst einen Ort dafür. Qualität setzt sich durch. Das Anspruchsdenken, das manchmal aus Institutionen wie dem VDFK trieft, zum Beispiel wenn er fordert, selbst wählen zu können, in welcher Sprachfassung die Pressevorführungen stattfinden oder wie im Schutzengel-Fall behauptet, es wäre Behinderung der Presse, wenn Schweiger keine kostenlosen Vorab-Vorstellungen veanstaltet, ist typisch für den deutschen Kulturbetrieb. Ich beobachte es immer wieder. Gesellschaftliche Relevanz wird nicht erarbeitet. Sie wird einfach postuliert. Aus Tradition oder aus einem Selbstverständnis voller Hybris.

Das Spiel mitspielen – oder nicht

Ich liebe Journalismus, ich sehe mich selbst immer noch als Journalist, obwohl ich das meiste Geld mit PR (allerdings nicht Film PR) verdiene. Und dennoch bricht mich die Selbstgefälligkeit, mit der viele Journalisten die Welt beschreiten immer wieder an. Nicht nur beim “Spiegel”. Man muss sein Rebellentum dann aber meiner Ansicht nicht dadurch demonstrieren, indem man auch von Filmen einen Kritikerspiegel veröffentlicht, die noch nicht ihre Welturaufführung erlebt haben. Als wollte man sich damit dafür rächen, dass man sonst oft am kürzeren Hebel sitzt. Welchen Pyrrhussieg man damit feiern kann, sei dahingestellt. (Ja, Dennis, ich möchte nicht nur in der Echokammer drüber schreiben, sondern auch drüber reden. Ich versuche, zum nächsten Stammtisch zu kommen.)

Aber obwohl ich jetzt drei Absätze lang auf meinen Kollegen herumgedroschen habe, bin ich trotzdem der Meinung, dass die Guardians of the Galaxy-Sperrfrist eine Travestie ist. Sperrfristen haben als freiwillige Vereinbarung im Journalismus den Zweck, etwas als Arbeitserleichterung für alle rechtzeitig zu kommunizieren, aber es nicht zu veröffentlichen, bevor die Betroffenen Bescheid wissen, zum Beispiel bei Preisverleihungen. Hier aber ist die Meinung der Journaille den Verleihern anscheinend noch wichtig genug, um sie vor ihren Karren zu spannen. Aber gleichzeitig wird die eigene Marktmacht durch das absurd späte Datum ausgetestet. (Als Sanktion droht natürlich der Ausschluss von späteren Pressevorführungen.) Und ähnlich wie bei der Scorsese-Vorführung auf der Berlinale wäre das tatsächlich ein Punkt, wo man sich voll rechtschaffenden Zorns weigern kann, das Spiel mitzuspielen.

Wenn ein Film in der Welt ist, nicht nur in internen Pressevorführungen und Premieren für geladene Gäste, sondern in öffentlichen Vorführungen, sollte man darüber berichten können. Im Fall von Guardians wäre das also der 1. August. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das alberne Spiel diesmal mitspielen werde, oder nicht.

Epilog

Nach der Preview wollte Marvel dann plötzlich doch auf Twitter hören, wie die Leute den Film fanden. Auf meine Frage, ob nicht eigentlich Sperrfrist gelte, wurde nicht reagiert konfus reagiert. Kritiker wie Torsten Dewi haben daraufhin das Embargo “gebrochen”. Ich bin kein bisschen schlauer.

Nachtrag (25.7., 0:25 Uhr): In den USA hat Marvel dann doch erste Kritiken zugelassen. In einer früheren Version des Artikels hatte ich Torsten Dewis Vornamen fälschlicherweise “Thorsten” geschrieben.

Edit, 26.7.: Ein Hinweis noch im Zuge der vollständigen Offenlegung: Ich habe es nicht geschafft, Karten in einem Gewinnspiel zu ergattern, stattdessen habe ich bei der sehr freundlichen Presseagentur angerufen, die den Film betreut, und diese hat mir zwei Karten organisiert. Daher weiß ich auch überhaupt nur von der Sperrfrist, auf die ich im Zuge des Austauschs mit der Agentur nachdrücklich hingewiesen wurde. Auf dem Screening selbst wurde nichts dazu gesagt.

J. J. Abrams und die Gefahr des Simulacrums

Irgendwie ist, seit “TMZ” Bilder vom Set von Star Wars: Episode VII geleakt hat, die Geek-Welt ein bisschen hoffnungsvoller geworden. Da steht ein Millennium Falcon rum (was eigentlich gar nicht verwunderlich ist) und überhaupt dominiert der Eindruck, dass J. J. Abrams und sein Team sich sehr bemühen, den Geist der Originaltrilogie einzufangen. Nicht zuletzt, weil sie viel auf praktische Effekte setzen, wie man auch in dem Charity-Video sehen konnte, das Abrams offiziell vom Set geschickt hat.

Findige Spezialisten haben festgestellt, dass einige der Setbauten auf den geleakten Fotos verdächtig nach alten Design-Entwürfen des 2012 gestorbenen Production Artists Ralph McQuarrie aussehen. Okay, könnte man meinen, Abrams gibt sich also wirklich Mühe, den Geist von 1977 (oder 1980) herbeizurufen. Das passt zu vorausgehenden Entscheidungen: Das Ersetzen von Drehbuchautor Michael Arndt durch Lawrence Kasdan (der Empire und Jedi mitgeschrieben hat) und das gerüchteweise herumgerissene Drehbuch, in dem Luke, Leia und Han nunmehr nicht nur einen Gastauftritt haben sollen, sondern eine tragende Rolle. Mit anderen Worten: Star Wars VII wird so “Original”, das glaubt ihr gar nicht.

Zwei Vergleichsfilme

Das ist insofern interessant, als das man zwei vorhergehende Filme Abrams’ als Vergleich heranziehen kann. In Star Trek sah sich der Bad-Robot-Chef einer ähnlichen Situation wie jetzt gegenüber: Er sollte eine schlummernde Filmmarke wieder zum Leben erwecken. Abrams entschied sich für einen genialen Taschenspielertrick: Er rebootete die bekannte Erzählung, ohne die Kontinuität der alten dadurch aufzuheben. Dazu brauchte er Wurmlöcher, Leonard Nimoy und eine Menge zugedrückter Augen, aber es klappte. Am Ende hatte er mit Star Trek einen Film erschaffen, der sich frisch und neu anfühlte, ohne die Original-Filme und -Serien zu verwässern. (Als Negativ-Gegenbeispiel vergleiche man die Wucht der Star Wars Prequels).

Der zweite Vergleichsfilm ist Super 8 – Abrams’ Hommage an die Filme von Steven Spielbergs Firma Amblin in den 80ern, wie E.T. und The Goonies. Wie Abrams in Interviews immer wieder betonte war Super 8 als eine Art direkte Emulation des Amblin-Geistes zu verstehen und deswegen hatte er auch alle Zutaten: Er spielte in den 80ern, mit Schulkindern, die BMX-Fahrräder fahren und auf ein Monster treffen, dass sich als gar nicht so monströs entpuppt. Dazu natürlich Lens Flares und jede Menge “Spielberg Faces”.

Viele Kritiker waren sich nach Super 8 einig: Der Film ist nicht schlecht, aber er probiert ein bisschen zu sehr, ein Amblin-Film zu sein – und wirkt dadurch irgendwie hohl, wie ein perfekter Golem ohne Innenleben. Es reicht eben nicht, alles genauso zu machen, wie das große Vorbild. Wirklich großen Filmen liegt ein Funke inne, der sie einzigartig macht – die besondere Seele des Regisseurs und die daraus erwachsene Vision. Star Trek – man kann von ihm halten, was man will – hatte das.

Running the Asylum

J. J. Abrams befindet sich in der Situation vieler heutiger Filmemacher, die das Wiki “TV Tropes” “Running the Asylum” nennt. Die Fans übernehmen bei ihrem ehemaligen Fandom plötzlich selbst die Leitung, als würden die Irren anfangen, das Irrenhaus zu leiten. “Any sufficiently advanced franchise is indistinguishable from fan fiction”, lautet der zusammenfassende Satz. Daraus folgt aber, dass hier plötzlich eine Fan Fiction entsteht, die auf keinen zu verehrenden Text mehr verweist, sondern selbst Text ist. Jean Baudrillard nannte ein solches “Zeichen ohne Bezeichnetes” ein Simulacrum. Und diese Gefahr sehe ich auch bei Star Wars.

Abrams hat oft darüber gesprochen, wo seine Allianzen liegen. Dass er Star Wars liebt und Star Trek nur respektiert. Dass er vor allem deswegen Interesse an Star Trek hatte, weil es halt das “next best thing” nach dem tot geglaubten Star Wars war. Dass er Star Trek “ein bisschen mehr wie Star Wars” wirken lassen wollte. Jetzt hat er seinen Wunsch bekommen – er darf endlich Star Wars machen. Als die Entscheidung damals fiel, kommentierte Trek-Fan Jordan Hoffman pointiert: “I feel like J.J. Abrams took me out to the prom but left with the hotter girl.

Ganz sicher

Und jetzt scheint es so, als wolle J. J. Abrams dem heißen Mädel auch ganz doll beweisen, dass er seiner würdig ist, damit es mit ihm schläft. Dass er genau wie George Lucas sein kann, nur ohne die infantilen und sonstigen problematischen Neigungen, die seit Jedi die Serie geplagt haben. Er will ganz sicher gehen, dass er alles richtig macht – ein bisschen wie Bill Murray in Groundhog Day, als er versucht den perfekten Tag zu konstruieren. Wir wissen: darin liegt nicht die Lösung – am nächsten Morgen singt Cher immer noch “I got you, Babe.”

Wahrscheinlich unterschätze ich Abrams. Er wird um die Gefahren der Total-Emulation bis zum Simulacrum wissen. Ein Freund wies mich auf Facebook darauf hin, dass etwa McQuarries Entwürfe in der Vergangenheit auch in anderen Ecken des Star Wars-Universums wertvolle Stützen für tolle Geschichten waren. Vielleicht wird Episode VII ein Lieblingssessel, nicht originell, aber angenehm durch seine Vertrautheit. Aber Vorsicht ist geboten. Bryan Singer kann nach Superman Returns ein Lied davon singen, was die Folge ist, wenn man sich zu sehr bemüht, an Vergangenes anzuknüpfen. In X-Men: Days of Future Past hat er bewiesen, dass er aus der Erfahrung gelernt hat und dass es wichtiger ist, sich “gefühlt” mit dem Vorhergegangenen in einer Linie zu bewegen. Vielleicht hat Abrams auch aus Super 8 gelernt. Wollen wir es hoffen.

Bild: Joi, CC-BY 2.5

Was taugte die erste Staffel von Agents of SHIELD?

© ABC

Enthält keinerlei wirkliche Spoiler für Agents of SHIELD, nur für The Winter Soldier. Ich schreibe außerdem SHIELD statt S.H.I.E.L.D., weil Letzteres auf Dauer total behämmert zu tippen ist.

Um die ABC-Serie Marvel’s Agents of SHIELD hat sich in den vergangenen Wochen ein interessantes Narrativ gebildet. Es lautet: “Die Serie hatte einen sehr schwachen Start, aber in den letzten Wochen hat sie es echt rumgerissen und ist zu einem der besten Dinge im Fernsehen geworden.” Sehr praktisch für die Produzenten. Aber leider nur die halbe Wahrheit.

In Wahrheit sind einige Kritiker, ganz in meinem Sinne, totale Opfer der Operationellen Ästhetik geworden. “A true television marvel” nennt etwa Mary McNamara in der “Los Angeles Times die Serie, denn “never before has television been literally married to film, charged with filling in the back story and creating the connective tissue of an ongoing film franchise.”

Der einmalige Effekt

Und in der Tat ist das wohl der interessanteste und einmalige Effekt der Serie, mit dem sie vielleicht ein bisschen in die Annalen der Fernsehgeschichte eingehen darf. In Captain America: The Winter Soldier, der im Frühjahr ins Kino kam, bricht die Organisation SHIELD, die bis dahin das Marvel-Kinouniversium zusammengehalten hat, in sich zusammen. Und in der Serie gab es daraufhin die Folgen dieses Zusammenbruchs zu sehen.

In dieser Interaktion mit einem Kinostart hat lineares Fernsehen tatsächlich mal sein scheinbar größtes Defizit – das Festgelegtsein auf eine bestimmte Zeit – in eine Stärke umgewandelt. Wer Agents of SHIELD in Zukunft auf DVD oder VOD als Binge reinzieht, wird mit Sicherheit nicht so einen Aha-Effekt erleben, wie die Zuschauer, die frisch aus dem Kino kommend erleben durften, wie die Geschichte im Fernsehen weitergeht. Zuletzt hat solche Effekte wahrscheinlich Lost mit seinem allwöchentlichen Rästelraten erzeugt.

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Was die Macher sagen

In einem Interview mit “Buzzfeed” haben die Showrunner Jed Whedon und Maurissa Tancharoen verraten, dass sie von Anfang wussten, was auf sie zukommt. Sie mussten also irgendwie mit dem Problem umgehen, dass sie eine Serie namens Agents of SHIELD leiten und SHIELD per Dekret von oben nach zwei Dritteln der Laufzeit aufhören würde zu existieren. Dabei durften sie das natürlich niemandem verraten. Die Geheimhaltung von Marvel scheint legendär, das bestätigen auch die Produzenten Jeph Loeb und Jeffrey Bell. Und auch Joe Quesada hatte ja vor zwei Wochen schon gesagt, dass die Schauspieler beispielsweise zu Anfang nicht wussten, was sie erwartet.

Doch so beeindruckend all das ist – ein interessanter Twist nach 17 Folgen rechtfertigt nicht automatisch die 16 schwachen, die ihm vorausgingen. Neuen Serien, besonders solchen im werbegetriebenen Network-Fernsehen, muss man ein paar Folgen Zeit geben, um ihren Tritt zu finden. Aber sie sind eben kein 22-stündiger Film, wie es im “Buzzfeed”-Stück heißt, sondern sie müssen ihre Existenz Woche um Woche rechtfertigen.

Eine Season – drei Phasen

Ich bin da eher bei Todd VanDerWerff, der im “A.V. Club” ein etwas weniger euphorisches Fazit zieht und die Staffel in drei Phasen einteilt:

For the first nine or 10 episodes, the show is too often a slog, an attempt to create a weird blend of NCIS and The X-Files with a chaser of superhero dramatics. […] Right after the first of the year, however, producers and showrunners Jed Whedon, Maurissa Tancharoen, and Jeffrey Bell started righting the ship. The episodes in this middle portion of the season are often clunky, but they do a better job of fleshing out the characters, and the superhero spy shenanigans start to coalesce into something more interesting than their disparate parts.

VanDerWerff gesteht schließlich zu, dass Agents of SHIELD ab Folge 17, wenn es mit den Folgen von The Winter Soldier umgeht, deutlich spannender wird. Allerdings notiert auch er, dass diese Spannung vor allem aus den vielen Storywendungen entsteht und weniger aus den lebendigen Charakteren. Devin Faraci von “Badass Digest” hingegen lässt kein gutes Haar an der Serie:

I got a show that continued to be about people having fights in hallways and empty rooms, about characters who constantly explain what happened in the last scene to each other and that felt like the kicked-to-the-curb step-sibling of the mighty Marvel Cinematic Universe.

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Hoffnung für langweilige Charaktere

Faraci hat recht, wenn er am Ende schreibt: “[W]hat the show needs [is] better, wittier writing. The characters are so bland that they can be reshaped in season two by better writers”. Das große Problem von Agents of SHIELD ist nicht, dass es keine interessante Geschichte zu erzählen hat, sondern dass es diese nicht auf interessante Weise an den Mann und die Frau bringt.

Zu sehr verlässt sich schon das Ausgangspaket auf die typische Whedon-Formel des Teams als kaputte Familie, die er in Buffy und stärker noch in Firefly scheinbar perfektioniert hatte. Doch nur weil ein Team aus disparaten Teilelementen besteht, von denen jedes eine andere Ecke des Fanservice-Spektrums und seiner Mary Sues zu erfüllen scheint (die Indiegirl-Hackerin, die arschtretende Ninja-Lady, der gutaussehende mysteriöse Mann, die zwei nerdigen Wisenschaftler mit sexy britischem Akzent), existiert damit noch lange nicht automatisch ein Ensemble, mit dem man mitfiebert. Man muss es auch mit Leben füllen.

Der steinige Weg zum Finale

Wenn dazu noch Episodenplots kommen, die in der Summe einfach schrecklich beliebig erscheinen und den Zuschauer selten überraschen, hat eine Serie einfach verloren. Agents of SHIELD wirkte von Anfang an zu formelhaft und kalkuliert, um in der Fernsehlandschaft der gestiegenen Ansprüche (auch im Network TV, man denke an gefeierte Serien wie The Good Wife) bestehen zu können. Auch ich musste zeitweise sehr die Zähne zusammenbeißen, um die Serie trotz meiner Enttäuschung weiterzuschauen. Gehalten hat mich hauptsächlich professionelles Interesse.

Treue Zuschauer wurden am Ende definitiv belohnt. Nicht nur, dass die Plotwendungen einem am Ende mehrfach den Boden unter den Füßen wegziehen – die Aufstockung des Casts durch Bill Paxton, Patton Oswalt und B. J. Britt als Agent Triplett fügt dem Ensemble tatsächlich mal ein paar Charaktere hinzu, die so wirken, als wüssten sie was sie tun. (Clark “I Am the Glue” Gregg, der in den Marvel-Filmen ein perfekter Nebendarsteller war, wirkt in Agents of SHIELD als Anführer ziemlich fade.) Außerdem sorgt die Tatsache, dass SHIELD zum Ende der Staffel nicht mehr existiert, dafür, dass nun für die Charaktere viel mehr auf dem Spiel steht. Sie waren vorher nicht mehr als Tatortreiniger, jetzt sind sie Gejagte. Mit einer Mission. Und im August – also kurz vor Start der zweiten Staffel – wird das Marvel Cinematic Universe bekanntlich galaktisch.

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Praxistipp: Diese Episoden lohnen sich

Wer sich nicht durch 22 Episoden wühlen will, nur um auf Stand zu sein, dem sei folgendes empfohlen: Schaut den Piloten, Episode 5 “Girl in a Flower Dress”, Episode 10 “The Bridge”, Episode 11 “The Magical Place”, Episode 13 “T.R.A.C.K.S.”, Episode 14 “T.A.H.I.T.I.” und dann alle Episoden von 17 bis 22. Wenn ihr noch weniger Zeit habt, schaut nur den Piloten, Episode 5 und die letzten sechs. So könnt ihr vorbereitet in die nächste Staffel und die nächste Phase des Marvel Cinematic Universe starten.

Mit Dank an Rochus

Digitales Kino: Schluss mit dem Materialfetischismus

Dies ist ein Beitrag zur Blog-Parade anlässlich des fünften Geburtstags von “DigitaleLeinwand”. Dort hat Gerold die Frage gestellt: Was hat das Digitale Kino für euch in den letzten fünf Jahren verändert?

Als ich meinen ersten Job antrat, im Januar 2009, konnte ich mein Glück kaum fassen. Mein erstes Gehalt erschien mir unfassbar viel Geld! Ich war Single, wohnte in einer Studentenbude und hatte noch ein Semesterticket, also konnte ich von meinem Gehalt so viel ausgeben, wie ich wollte, für all die Sachen, die ich liebte. Ich musste an keiner CD, keiner DVD, keinem Buch mehr vorbeigehen und mir sagen “Denk lieber noch mal nach, ob du es wirklich brauchst.” Und bald schon füllten sich meine Regale deutlich schneller, als sie das in den Jahren zuvor getan hatten. Ich durfte ja endlich.

Doch mein Job währte nicht ewig. Er war auf ein Jahr begrenzt. Und der nächste dann wieder auf anderthalb Jahre. Und dann zog ich mit meiner Freundin zusammen. Und dann zogen wir nochmal in eine schönere Wohnung. Wir haben irgendwann mal gezählt und kamen gemeinsam auf über 15 Umzüge in weniger als zehn Jahren. Und dabei verfluchte ich (und alle meine Freunde, die mir tapfer jedes Mal halfen) jedes verdammte wunderschöne Coffeetable Book, jede hübsche DVD-Sonderedition, jedes CD-Boxset, was ich mir über die Jahre geleistet hatte. All diese Dinge, die im Regal standen, und die ich nach der ersten Lektüre oder Sichtung ja doch erst zum Umzug wieder bewegte.

Danke, Bruce Sterling

Es war kurz vor meinem letzten Umzug und nachdem ich einen Vortrag von Bruce Sterling gehört hatte, dass ich entschied, Friedrich Schiller zu folgen und mit dem Anhäufen von Kram aufzuhören. Meine Musik kaufe ich (fast nur noch) digital, meine Bücher lese ich (wann immer es sich lohnt) auf dem Kindle. Noch kaufe ich DVDs, weil es im VoD-Dschungel Deutschland meistens immer noch einfacher ist – aber ich sortiere jetzt schon aus, welche Filme ich verschenken werde, sobald ich wieder umziehen muss (wahrscheinlich im Sommer 2015).

Ich habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut. All das Gerede von Haptik und “es gibt sie noch, die schönen Dinge” zündet bei mir nicht mehr. Das mag bei Tischen und Küchenmessern relevant sein. Bei Kulturgütern zählt, was drin ist. Und was praktisch ist. Zitate aus Büchern muss ich nicht mehr abtippen, ich kann sie direkt aus der Kindle-App ins Dokument ziehen. Mixtapes muss ich nicht mehr zusammenspulen, ich kann sie per Drag and Drop so lange hin und herschieben, bis sie passen. Ich lese dadurch nicht weniger. Und höre auch immer noch oft genug ganze Alben von Anfang bis Schluss.

Nicht mehr Film, nur noch Kino

Im Kino ist in den letzten fünf Jahren genau das gleiche passiert. Das Kino hat sich entschieden, mit dem Anhäufen von Kram aufzuhören. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Fantasy-Epen die Leinwände regieren, hat es sich gegen Fantasy und für Science Fiction entschieden. Es hat sich entschieden, nicht mehr Film, sondern nur noch Kino zu sein.

Mir ist bewusst, dass die Beweggründe dahinter nicht so idealistisch waren, wie ich das gerade formuliert habe. Mir ist auch bewusst, dass dort, wo das Anhäufen von Kram Sinn der Sache ist – in Archiven – das digitale Kino ein riesiges Problem hat. Mir ist bewusst, dass selbst die beste 4K-Kamera nicht die exakte und doch zufällige Besonderheit reproduzieren kann, die Filmmaterial immer zur großen Party Kino mitgebracht hat wie einen selbstgemachten Salat. Und mir ist auch bewusst, dass wir mit dem Umstieg ins Digitale eine Symbolwelt verlieren – Rollen, Filmstreifen, und so weiter – die Kino über Jahrzehnte repräsentiert hat und noch immer benutzt wird (eine Tatsache, auf die Gerold immer wieder gerne hinweist).

Aber ich halte diese Befreiung vom Kram doch für richtig. Wir befinden uns noch in einer merkwürdigen Zwischenphase derzeit und außerdem wirken die Kräfte des Kapitalismus natürlich so stark wie immer und sorgen dafür, dass vieles bleibt, wie die großen Player es gerne haben. Aber die Utopie existiert und sie existiert nur im Digitalen: Kino, losgelöst von ihrem Medium, losgelöst von Faktoren wie “Kopienanzahl” und “Anfahrtsweg” – jederzeit auf jeder Leinwand, wo immer man es haben will.

Begrenzt nicht die Utopie

Wer dem Rattern des Projektors, der puren Existenz des Filmmaterials, dem Krisseln des Korns hinterherweint, betreibt Fetischismus. Er oder sie ersetzt das Erlebnis Kino durch eine physische Manifestation, die auf einer Ansammlung historischer Zufälle basiert, egal wie bewährt sie sein mag. Er oder sie begrenzt die Utopie dessen, was Kino sein kann. Was Kino werden muss.

In den letzten fünf Jahren hat das Digitale Kino für mich wenig direkt verändert. Aber seine Veränderung ist dieselbe, nach der ich strebe. Noch kaufe ich mir ein Buch wie “The Wes Anderson Collection” als dicken, analogen Schinken. Aber nur, weil es noch kein digitales Gerät gibt, das mir Bilder und Layout in dieser Größe angenehm anzeigen kann. Auf der digitalen Leinwand aber wirkt die Idee Kino für mich genauso beeindruckend wie auf der analogen. Ganz ohne Kram dahinter.

Bild: Flickr Commons