Sperrfristen-Spiele, Presse-Privilegien und Marketing-Machenschaften

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(Update, 26. Juli, 10:26 Uhr: Ich habe Marvel anscheinend so sehr genervt, dass sie mir gerade doch eine Twitter-Direktnachricht geschrieben haben, in der sie mir mitteilten, dass kurze Eindrücke okay, aber lange Besprechungen nicht erwünscht sind. Das war mir natürlich vorher klar – ich frage mich nur, warum man das nicht einfach öffentlich sagt. Damit nicht gewiefte Journalisten versuchen, wieder Schlupflöcher im System zu finden? Egal. Ich möchte damit nur einmal loswerden, dass ich Guardians of the Galaxy absolut famos fand und mich sicherlich noch viel daran abarbeiten werde. Bei all dem Ärger, der aus diesem Artikel spricht: Ich mag Marvel und Disney doch, sonst würde ich mir nicht so viele Gedanken um sie machen.)


Ich habe heute Abend Marvels neuesten Streich Guardians of the Galaxy gesehen. Zeitgleich mit den Besuchern der Europa-Premiere in London und mit hunderten anderen Menschen in Deutschland. Der Grund: Eine spezielle Preview, veranstaltet von ProSieben und anderen Gewinnspielanbietern, um im Vorfeld eine positive Grundstimmung für den Film zu erzeugen. Wer den Film gesehen hat und ihn gut fand, so die Logik, wird davon seinen Freunden erzählen. Und die werden davon ihren Freunden erzählen, und so weiter. Und dann gehen alle gleich am Eröffnungswochenende ins Kino, weil sie sich so auf den Film freuen. In Deutschland ist dies das Wochenende vom 28. August, also in fünf Wochen.

Allerdings, wenn meine Freunde und Bekannten im Internet zu Hause sind – auf Twitter, Facebook oder als Leser dieses Blogs – darf ich ihnen nicht davon erzählen, wie ich den Film fand. Das darf ich erst ab 15. August, weil “auf den Besprechungen zum Film eine Sperrfrist bis einschließlich 15. August 2014 liegt. Dies gilt für alle Medien (Print, Online, TV, Radio) inkl. Blogs, Sozialer Netzwerke und Webseiten”. Ein Zitat aus der Presse-Einladung zum Film. Klar: Wenn ich jetzt schon aufschreibe, wie ich den Film fand, besteht die Gefahr, dass das hoffentlich positive Summen, das den Film umgibt, zu früh verpufft. Nach dem Sommerurlaub Ende August haben dann schon wieder alle vergessen, was Menschen vor einem Monat über Guardians gesagt haben; und die ganze Mühe, die in das Anfachen des Feuers gesteckt wurde, war umsonst.

In über 40 Ländern

Die Denke dahinter ist verständlich. Nur: Am 15. August werden die Presse und die Gäste der Preview nicht die einzigen sein, die den Film gesehen haben. Bis dahin ist der Film in über 40 Ländern gestartet. Viel wichtiger: In seinem Hauptmarkt USA startet der Film am 1. August, zwei Wochen vorher. Das Internet – dieses globale Medium, das man überall lesen kann – wird voll sein mit Besprechungen. Würde ich meinen Sommerurlaub zufällig in den USA machen und den Film dort regulär im Kino sehen, dürfte ich ihn dann auch nicht besprechen? Was ist, wenn ich nicht in den USA war, aber behaupte, dort gewesen zu sein und ihn dort noch einmal gesehen zu haben? Was ist, wenn ein Freund von mir, der in den USA lebt, den Film dort im Kino sieht und mir anschließend davon erzählt – dürfte ich ihm beipflichten oder widersprechen? Dürfte ich einen Artikel verfassen, der Kritiken aus den USA aggregiert und am Ende schreiben: “Nur aufgrund der hier angegebenen Kritiken und natürlich keinesfalls aufgrund der Tatsache, dass ich den Film schon gesehen habe, denke ich, dass er gut/schlecht ist”?

Genug der Absurditäten.

Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass Filmjournalisten eine privilegierte Beziehung zu Filmen haben. Verleiher stellen uns vorab Zugang zu ihren Filmen zur Verfügung, obwohl sie das in den meisten Fällen – sind wir mal ganz ehrlich – nicht müssten. Gerade die großen Hollywood-Blockbuster brauchen Kritiken so sehr wie eine Katze einen Motorroller. Daher kann es auch ein Til Schweiger sich erlauben, einen Film wie Schutzengel Journalisten erst gar nicht vorab zu zeigen. Die Leute gehen eh rein. Das Ganze ist, wie so oft im Wechselspiel von PR und Journalismus, ein Tanz. Kritiker bekommen alle Filme vorab zu sehen, damit sie alle Filme gleich behandeln. Denn bei kleineren Filmen können gute Kritiken durchaus mal zum Erfolg verhelfen, also wägt man als Verleiher (oder vom Verleiher beauftragte PR-Firma) ab, dass man sich seine Filmkritiker lieber insgesamt warm hält. So läuft das halt im Geschäftsleben.

Merkwürdiger Hilferuf

Dass ich selber Filmjournalismus gerne lese und der Meinung bin, dass Filmkritik durchaus einen Beitrag zur kulturellen Debatte liefert, ändert nichts daran, dass ich finde, Filmkritiker nehmen sich selbst ein bisschen wichtig. Das Flugblatt für aktivistische Filmkritik des VDFK (dem ich immer noch nicht beigetreten bin, obwohl ich einige Male kurz davor war) habe ich nicht unterschrieben, weil es mir wie ein merkwürdiger Hilferuf von jemandem vorkam, der gerne mehr Bedeutung hätte, als er hat. Da wird angeklagt, dass sich viele Filmkritiker der Marketing-Maschine der Verleiher nicht widersetzen und sich mit einer “5 Sterne, unbedingt reingehen”-Kritik zufrieden geben, wenn sie doch Relevantes, “Aktivistisches” schreiben könnten, was kulturelle Bedeutung schafft. Als könnte das in einem freien Markt nicht jeder für sich entscheiden.

Schreibt halt selbst gute Sachen! kann und will ich da immer nur ausrufen. Und beschwert euch nicht über ein System, das euch zurückgelassen hat, weil ihr euch lieber im Geschwurbel versteckt, statt Relevanz zu schaffen. Und wenn ihr eure Sachen für gut haltet und niemand sie drucken oder bezahlen will, dann findet selbst einen Ort dafür. Qualität setzt sich durch. Das Anspruchsdenken, das manchmal aus Institutionen wie dem VDFK trieft, zum Beispiel wenn er fordert, selbst wählen zu können, in welcher Sprachfassung die Pressevorführungen stattfinden oder wie im Schutzengel-Fall behauptet, es wäre Behinderung der Presse, wenn Schweiger keine kostenlosen Vorab-Vorstellungen veanstaltet, ist typisch für den deutschen Kulturbetrieb. Ich beobachte es immer wieder. Gesellschaftliche Relevanz wird nicht erarbeitet. Sie wird einfach postuliert. Aus Tradition oder aus einem Selbstverständnis voller Hybris.

Das Spiel mitspielen – oder nicht

Ich liebe Journalismus, ich sehe mich selbst immer noch als Journalist, obwohl ich das meiste Geld mit PR (allerdings nicht Film PR) verdiene. Und dennoch bricht mich die Selbstgefälligkeit, mit der viele Journalisten die Welt beschreiten immer wieder an. Nicht nur beim “Spiegel”. Man muss sein Rebellentum dann aber meiner Ansicht nicht dadurch demonstrieren, indem man auch von Filmen einen Kritikerspiegel veröffentlicht, die noch nicht ihre Welturaufführung erlebt haben. Als wollte man sich damit dafür rächen, dass man sonst oft am kürzeren Hebel sitzt. Welchen Pyrrhussieg man damit feiern kann, sei dahingestellt. (Ja, Dennis, ich möchte nicht nur in der Echokammer drüber schreiben, sondern auch drüber reden. Ich versuche, zum nächsten Stammtisch zu kommen.)

Aber obwohl ich jetzt drei Absätze lang auf meinen Kollegen herumgedroschen habe, bin ich trotzdem der Meinung, dass die Guardians of the Galaxy-Sperrfrist eine Travestie ist. Sperrfristen haben als freiwillige Vereinbarung im Journalismus den Zweck, etwas als Arbeitserleichterung für alle rechtzeitig zu kommunizieren, aber es nicht zu veröffentlichen, bevor die Betroffenen Bescheid wissen, zum Beispiel bei Preisverleihungen. Hier aber ist die Meinung der Journaille den Verleihern anscheinend noch wichtig genug, um sie vor ihren Karren zu spannen. Aber gleichzeitig wird die eigene Marktmacht durch das absurd späte Datum ausgetestet. (Als Sanktion droht natürlich der Ausschluss von späteren Pressevorführungen.) Und ähnlich wie bei der Scorsese-Vorführung auf der Berlinale wäre das tatsächlich ein Punkt, wo man sich voll rechtschaffenden Zorns weigern kann, das Spiel mitzuspielen.

Wenn ein Film in der Welt ist, nicht nur in internen Pressevorführungen und Premieren für geladene Gäste, sondern in öffentlichen Vorführungen, sollte man darüber berichten können. Im Fall von Guardians wäre das also der 1. August. Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich das alberne Spiel diesmal mitspielen werde, oder nicht.

Epilog

Nach der Preview wollte Marvel dann plötzlich doch auf Twitter hören, wie die Leute den Film fanden. Auf meine Frage, ob nicht eigentlich Sperrfrist gelte, wurde nicht reagiert konfus reagiert. Kritiker wie Torsten Dewi haben daraufhin das Embargo “gebrochen”. Ich bin kein bisschen schlauer.

Nachtrag (25.7., 0:25 Uhr): In den USA hat Marvel dann doch erste Kritiken zugelassen. In einer früheren Version des Artikels hatte ich Torsten Dewis Vornamen fälschlicherweise “Thorsten” geschrieben.

Edit, 26.7.: Ein Hinweis noch im Zuge der vollständigen Offenlegung: Ich habe es nicht geschafft, Karten in einem Gewinnspiel zu ergattern, stattdessen habe ich bei der sehr freundlichen Presseagentur angerufen, die den Film betreut, und diese hat mir zwei Karten organisiert. Daher weiß ich auch überhaupt nur von der Sperrfrist, auf die ich im Zuge des Austauschs mit der Agentur nachdrücklich hingewiesen wurde. Auf dem Screening selbst wurde nichts dazu gesagt.

J. J. Abrams und die Gefahr des Simulacrums

Irgendwie ist, seit “TMZ” Bilder vom Set von Star Wars: Episode VII geleakt hat, die Geek-Welt ein bisschen hoffnungsvoller geworden. Da steht ein Millennium Falcon rum (was eigentlich gar nicht verwunderlich ist) und überhaupt dominiert der Eindruck, dass J. J. Abrams und sein Team sich sehr bemühen, den Geist der Originaltrilogie einzufangen. Nicht zuletzt, weil sie viel auf praktische Effekte setzen, wie man auch in dem Charity-Video sehen konnte, das Abrams offiziell vom Set geschickt hat.

Findige Spezialisten haben festgestellt, dass einige der Setbauten auf den geleakten Fotos verdächtig nach alten Design-Entwürfen des 2012 gestorbenen Production Artists Ralph McQuarrie aussehen. Okay, könnte man meinen, Abrams gibt sich also wirklich Mühe, den Geist von 1977 (oder 1980) herbeizurufen. Das passt zu vorausgehenden Entscheidungen: Das Ersetzen von Drehbuchautor Michael Arndt durch Lawrence Kasdan (der Empire und Jedi mitgeschrieben hat) und das gerüchteweise herumgerissene Drehbuch, in dem Luke, Leia und Han nunmehr nicht nur einen Gastauftritt haben sollen, sondern eine tragende Rolle. Mit anderen Worten: Star Wars VII wird so “Original”, das glaubt ihr gar nicht.

Zwei Vergleichsfilme

Das ist insofern interessant, als das man zwei vorhergehende Filme Abrams’ als Vergleich heranziehen kann. In Star Trek sah sich der Bad-Robot-Chef einer ähnlichen Situation wie jetzt gegenüber: Er sollte eine schlummernde Filmmarke wieder zum Leben erwecken. Abrams entschied sich für einen genialen Taschenspielertrick: Er rebootete die bekannte Erzählung, ohne die Kontinuität der alten dadurch aufzuheben. Dazu brauchte er Wurmlöcher, Leonard Nimoy und eine Menge zugedrückter Augen, aber es klappte. Am Ende hatte er mit Star Trek einen Film erschaffen, der sich frisch und neu anfühlte, ohne die Original-Filme und -Serien zu verwässern. (Als Negativ-Gegenbeispiel vergleiche man die Wucht der Star Wars Prequels).

Der zweite Vergleichsfilm ist Super 8 – Abrams’ Hommage an die Filme von Steven Spielbergs Firma Amblin in den 80ern, wie E.T. und The Goonies. Wie Abrams in Interviews immer wieder betonte war Super 8 als eine Art direkte Emulation des Amblin-Geistes zu verstehen und deswegen hatte er auch alle Zutaten: Er spielte in den 80ern, mit Schulkindern, die BMX-Fahrräder fahren und auf ein Monster treffen, dass sich als gar nicht so monströs entpuppt. Dazu natürlich Lens Flares und jede Menge “Spielberg Faces”.

Viele Kritiker waren sich nach Super 8 einig: Der Film ist nicht schlecht, aber er probiert ein bisschen zu sehr, ein Amblin-Film zu sein – und wirkt dadurch irgendwie hohl, wie ein perfekter Golem ohne Innenleben. Es reicht eben nicht, alles genauso zu machen, wie das große Vorbild. Wirklich großen Filmen liegt ein Funke inne, der sie einzigartig macht – die besondere Seele des Regisseurs und die daraus erwachsene Vision. Star Trek – man kann von ihm halten, was man will – hatte das.

Running the Asylum

J. J. Abrams befindet sich in der Situation vieler heutiger Filmemacher, die das Wiki “TV Tropes” “Running the Asylum” nennt. Die Fans übernehmen bei ihrem ehemaligen Fandom plötzlich selbst die Leitung, als würden die Irren anfangen, das Irrenhaus zu leiten. “Any sufficiently advanced franchise is indistinguishable from fan fiction”, lautet der zusammenfassende Satz. Daraus folgt aber, dass hier plötzlich eine Fan Fiction entsteht, die auf keinen zu verehrenden Text mehr verweist, sondern selbst Text ist. Jean Baudrillard nannte ein solches “Zeichen ohne Bezeichnetes” ein Simulacrum. Und diese Gefahr sehe ich auch bei Star Wars.

Abrams hat oft darüber gesprochen, wo seine Allianzen liegen. Dass er Star Wars liebt und Star Trek nur respektiert. Dass er vor allem deswegen Interesse an Star Trek hatte, weil es halt das “next best thing” nach dem tot geglaubten Star Wars war. Dass er Star Trek “ein bisschen mehr wie Star Wars” wirken lassen wollte. Jetzt hat er seinen Wunsch bekommen – er darf endlich Star Wars machen. Als die Entscheidung damals fiel, kommentierte Trek-Fan Jordan Hoffman pointiert: “I feel like J.J. Abrams took me out to the prom but left with the hotter girl.

Ganz sicher

Und jetzt scheint es so, als wolle J. J. Abrams dem heißen Mädel auch ganz doll beweisen, dass er seiner würdig ist, damit es mit ihm schläft. Dass er genau wie George Lucas sein kann, nur ohne die infantilen und sonstigen problematischen Neigungen, die seit Jedi die Serie geplagt haben. Er will ganz sicher gehen, dass er alles richtig macht – ein bisschen wie Bill Murray in Groundhog Day, als er versucht den perfekten Tag zu konstruieren. Wir wissen: darin liegt nicht die Lösung – am nächsten Morgen singt Cher immer noch “I got you, Babe.”

Wahrscheinlich unterschätze ich Abrams. Er wird um die Gefahren der Total-Emulation bis zum Simulacrum wissen. Ein Freund wies mich auf Facebook darauf hin, dass etwa McQuarries Entwürfe in der Vergangenheit auch in anderen Ecken des Star Wars-Universums wertvolle Stützen für tolle Geschichten waren. Vielleicht wird Episode VII ein Lieblingssessel, nicht originell, aber angenehm durch seine Vertrautheit. Aber Vorsicht ist geboten. Bryan Singer kann nach Superman Returns ein Lied davon singen, was die Folge ist, wenn man sich zu sehr bemüht, an Vergangenes anzuknüpfen. In X-Men: Days of Future Past hat er bewiesen, dass er aus der Erfahrung gelernt hat und dass es wichtiger ist, sich “gefühlt” mit dem Vorhergegangenen in einer Linie zu bewegen. Vielleicht hat Abrams auch aus Super 8 gelernt. Wollen wir es hoffen.

Bild: Joi, CC-BY 2.5

Was taugte die erste Staffel von Agents of SHIELD?

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Enthält keinerlei wirkliche Spoiler für Agents of SHIELD, nur für The Winter Soldier. Ich schreibe außerdem SHIELD statt S.H.I.E.L.D., weil Letzteres auf Dauer total behämmert zu tippen ist.

Um die ABC-Serie Marvel’s Agents of SHIELD hat sich in den vergangenen Wochen ein interessantes Narrativ gebildet. Es lautet: “Die Serie hatte einen sehr schwachen Start, aber in den letzten Wochen hat sie es echt rumgerissen und ist zu einem der besten Dinge im Fernsehen geworden.” Sehr praktisch für die Produzenten. Aber leider nur die halbe Wahrheit.

In Wahrheit sind einige Kritiker, ganz in meinem Sinne, totale Opfer der Operationellen Ästhetik geworden. “A true television marvel” nennt etwa Mary McNamara in der “Los Angeles Times die Serie, denn “never before has television been literally married to film, charged with filling in the back story and creating the connective tissue of an ongoing film franchise.”

Der einmalige Effekt

Und in der Tat ist das wohl der interessanteste und einmalige Effekt der Serie, mit dem sie vielleicht ein bisschen in die Annalen der Fernsehgeschichte eingehen darf. In Captain America: The Winter Soldier, der im Frühjahr ins Kino kam, bricht die Organisation SHIELD, die bis dahin das Marvel-Kinouniversium zusammengehalten hat, in sich zusammen. Und in der Serie gab es daraufhin die Folgen dieses Zusammenbruchs zu sehen.

In dieser Interaktion mit einem Kinostart hat lineares Fernsehen tatsächlich mal sein scheinbar größtes Defizit – das Festgelegtsein auf eine bestimmte Zeit – in eine Stärke umgewandelt. Wer Agents of SHIELD in Zukunft auf DVD oder VOD als Binge reinzieht, wird mit Sicherheit nicht so einen Aha-Effekt erleben, wie die Zuschauer, die frisch aus dem Kino kommend erleben durften, wie die Geschichte im Fernsehen weitergeht. Zuletzt hat solche Effekte wahrscheinlich Lost mit seinem allwöchentlichen Rästelraten erzeugt.

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Was die Macher sagen

In einem Interview mit “Buzzfeed” haben die Showrunner Jed Whedon und Maurissa Tancharoen verraten, dass sie von Anfang wussten, was auf sie zukommt. Sie mussten also irgendwie mit dem Problem umgehen, dass sie eine Serie namens Agents of SHIELD leiten und SHIELD per Dekret von oben nach zwei Dritteln der Laufzeit aufhören würde zu existieren. Dabei durften sie das natürlich niemandem verraten. Die Geheimhaltung von Marvel scheint legendär, das bestätigen auch die Produzenten Jeph Loeb und Jeffrey Bell. Und auch Joe Quesada hatte ja vor zwei Wochen schon gesagt, dass die Schauspieler beispielsweise zu Anfang nicht wussten, was sie erwartet.

Doch so beeindruckend all das ist – ein interessanter Twist nach 17 Folgen rechtfertigt nicht automatisch die 16 schwachen, die ihm vorausgingen. Neuen Serien, besonders solchen im werbegetriebenen Network-Fernsehen, muss man ein paar Folgen Zeit geben, um ihren Tritt zu finden. Aber sie sind eben kein 22-stündiger Film, wie es im “Buzzfeed”-Stück heißt, sondern sie müssen ihre Existenz Woche um Woche rechtfertigen.

Eine Season – drei Phasen

Ich bin da eher bei Todd VanDerWerff, der im “A.V. Club” ein etwas weniger euphorisches Fazit zieht und die Staffel in drei Phasen einteilt:

For the first nine or 10 episodes, the show is too often a slog, an attempt to create a weird blend of NCIS and The X-Files with a chaser of superhero dramatics. [...] Right after the first of the year, however, producers and showrunners Jed Whedon, Maurissa Tancharoen, and Jeffrey Bell started righting the ship. The episodes in this middle portion of the season are often clunky, but they do a better job of fleshing out the characters, and the superhero spy shenanigans start to coalesce into something more interesting than their disparate parts.

VanDerWerff gesteht schließlich zu, dass Agents of SHIELD ab Folge 17, wenn es mit den Folgen von The Winter Soldier umgeht, deutlich spannender wird. Allerdings notiert auch er, dass diese Spannung vor allem aus den vielen Storywendungen entsteht und weniger aus den lebendigen Charakteren. Devin Faraci von “Badass Digest” hingegen lässt kein gutes Haar an der Serie:

I got a show that continued to be about people having fights in hallways and empty rooms, about characters who constantly explain what happened in the last scene to each other and that felt like the kicked-to-the-curb step-sibling of the mighty Marvel Cinematic Universe.

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Hoffnung für langweilige Charaktere

Faraci hat recht, wenn er am Ende schreibt: “[W]hat the show needs [is] better, wittier writing. The characters are so bland that they can be reshaped in season two by better writers”. Das große Problem von Agents of SHIELD ist nicht, dass es keine interessante Geschichte zu erzählen hat, sondern dass es diese nicht auf interessante Weise an den Mann und die Frau bringt.

Zu sehr verlässt sich schon das Ausgangspaket auf die typische Whedon-Formel des Teams als kaputte Familie, die er in Buffy und stärker noch in Firefly scheinbar perfektioniert hatte. Doch nur weil ein Team aus disparaten Teilelementen besteht, von denen jedes eine andere Ecke des Fanservice-Spektrums und seiner Mary Sues zu erfüllen scheint (die Indiegirl-Hackerin, die arschtretende Ninja-Lady, der gutaussehende mysteriöse Mann, die zwei nerdigen Wisenschaftler mit sexy britischem Akzent), existiert damit noch lange nicht automatisch ein Ensemble, mit dem man mitfiebert. Man muss es auch mit Leben füllen.

Der steinige Weg zum Finale

Wenn dazu noch Episodenplots kommen, die in der Summe einfach schrecklich beliebig erscheinen und den Zuschauer selten überraschen, hat eine Serie einfach verloren. Agents of SHIELD wirkte von Anfang an zu formelhaft und kalkuliert, um in der Fernsehlandschaft der gestiegenen Ansprüche (auch im Network TV, man denke an gefeierte Serien wie The Good Wife) bestehen zu können. Auch ich musste zeitweise sehr die Zähne zusammenbeißen, um die Serie trotz meiner Enttäuschung weiterzuschauen. Gehalten hat mich hauptsächlich professionelles Interesse.

Treue Zuschauer wurden am Ende definitiv belohnt. Nicht nur, dass die Plotwendungen einem am Ende mehrfach den Boden unter den Füßen wegziehen – die Aufstockung des Casts durch Bill Paxton, Patton Oswalt und B. J. Britt als Agent Triplett fügt dem Ensemble tatsächlich mal ein paar Charaktere hinzu, die so wirken, als wüssten sie was sie tun. (Clark “I Am the Glue” Gregg, der in den Marvel-Filmen ein perfekter Nebendarsteller war, wirkt in Agents of SHIELD als Anführer ziemlich fade.) Außerdem sorgt die Tatsache, dass SHIELD zum Ende der Staffel nicht mehr existiert, dafür, dass nun für die Charaktere viel mehr auf dem Spiel steht. Sie waren vorher nicht mehr als Tatortreiniger, jetzt sind sie Gejagte. Mit einer Mission. Und im August – also kurz vor Start der zweiten Staffel – wird das Marvel Cinematic Universe bekanntlich galaktisch.

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Praxistipp: Diese Episoden lohnen sich

Wer sich nicht durch 22 Episoden wühlen will, nur um auf Stand zu sein, dem sei folgendes empfohlen: Schaut den Piloten, Episode 5 “Girl in a Flower Dress”, Episode 10 “The Bridge”, Episode 11 “The Magical Place”, Episode 13 “T.R.A.C.K.S.”, Episode 14 “T.A.H.I.T.I.” und dann alle Episoden von 17 bis 22. Wenn ihr noch weniger Zeit habt, schaut nur den Piloten, Episode 5 und die letzten sechs. So könnt ihr vorbereitet in die nächste Staffel und die nächste Phase des Marvel Cinematic Universe starten.

Mit Dank an Rochus

Digitales Kino: Schluss mit dem Materialfetischismus

Dies ist ein Beitrag zur Blog-Parade anlässlich des fünften Geburtstags von “DigitaleLeinwand”. Dort hat Gerold die Frage gestellt: Was hat das Digitale Kino für euch in den letzten fünf Jahren verändert?

Als ich meinen ersten Job antrat, im Januar 2009, konnte ich mein Glück kaum fassen. Mein erstes Gehalt erschien mir unfassbar viel Geld! Ich war Single, wohnte in einer Studentenbude und hatte noch ein Semesterticket, also konnte ich von meinem Gehalt so viel ausgeben, wie ich wollte, für all die Sachen, die ich liebte. Ich musste an keiner CD, keiner DVD, keinem Buch mehr vorbeigehen und mir sagen “Denk lieber noch mal nach, ob du es wirklich brauchst.” Und bald schon füllten sich meine Regale deutlich schneller, als sie das in den Jahren zuvor getan hatten. Ich durfte ja endlich.

Doch mein Job währte nicht ewig. Er war auf ein Jahr begrenzt. Und der nächste dann wieder auf anderthalb Jahre. Und dann zog ich mit meiner Freundin zusammen. Und dann zogen wir nochmal in eine schönere Wohnung. Wir haben irgendwann mal gezählt und kamen gemeinsam auf über 15 Umzüge in weniger als zehn Jahren. Und dabei verfluchte ich (und alle meine Freunde, die mir tapfer jedes Mal halfen) jedes verdammte wunderschöne Coffeetable Book, jede hübsche DVD-Sonderedition, jedes CD-Boxset, was ich mir über die Jahre geleistet hatte. All diese Dinge, die im Regal standen, und die ich nach der ersten Lektüre oder Sichtung ja doch erst zum Umzug wieder bewegte.

Danke, Bruce Sterling

Es war kurz vor meinem letzten Umzug und nachdem ich einen Vortrag von Bruce Sterling gehört hatte, dass ich entschied, Friedrich Schiller zu folgen und mit dem Anhäufen von Kram aufzuhören. Meine Musik kaufe ich (fast nur noch) digital, meine Bücher lese ich (wann immer es sich lohnt) auf dem Kindle. Noch kaufe ich DVDs, weil es im VoD-Dschungel Deutschland meistens immer noch einfacher ist – aber ich sortiere jetzt schon aus, welche Filme ich verschenken werde, sobald ich wieder umziehen muss (wahrscheinlich im Sommer 2015).

Ich habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut. All das Gerede von Haptik und “es gibt sie noch, die schönen Dinge” zündet bei mir nicht mehr. Das mag bei Tischen und Küchenmessern relevant sein. Bei Kulturgütern zählt, was drin ist. Und was praktisch ist. Zitate aus Büchern muss ich nicht mehr abtippen, ich kann sie direkt aus der Kindle-App ins Dokument ziehen. Mixtapes muss ich nicht mehr zusammenspulen, ich kann sie per Drag and Drop so lange hin und herschieben, bis sie passen. Ich lese dadurch nicht weniger. Und höre auch immer noch oft genug ganze Alben von Anfang bis Schluss.

Nicht mehr Film, nur noch Kino

Im Kino ist in den letzten fünf Jahren genau das gleiche passiert. Das Kino hat sich entschieden, mit dem Anhäufen von Kram aufzuhören. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Fantasy-Epen die Leinwände regieren, hat es sich gegen Fantasy und für Science Fiction entschieden. Es hat sich entschieden, nicht mehr Film, sondern nur noch Kino zu sein.

Mir ist bewusst, dass die Beweggründe dahinter nicht so idealistisch waren, wie ich das gerade formuliert habe. Mir ist auch bewusst, dass dort, wo das Anhäufen von Kram Sinn der Sache ist – in Archiven – das digitale Kino ein riesiges Problem hat. Mir ist bewusst, dass selbst die beste 4K-Kamera nicht die exakte und doch zufällige Besonderheit reproduzieren kann, die Filmmaterial immer zur großen Party Kino mitgebracht hat wie einen selbstgemachten Salat. Und mir ist auch bewusst, dass wir mit dem Umstieg ins Digitale eine Symbolwelt verlieren – Rollen, Filmstreifen, und so weiter – die Kino über Jahrzehnte repräsentiert hat und noch immer benutzt wird (eine Tatsache, auf die Gerold immer wieder gerne hinweist).

Aber ich halte diese Befreiung vom Kram doch für richtig. Wir befinden uns noch in einer merkwürdigen Zwischenphase derzeit und außerdem wirken die Kräfte des Kapitalismus natürlich so stark wie immer und sorgen dafür, dass vieles bleibt, wie die großen Player es gerne haben. Aber die Utopie existiert und sie existiert nur im Digitalen: Kino, losgelöst von ihrem Medium, losgelöst von Faktoren wie “Kopienanzahl” und “Anfahrtsweg” – jederzeit auf jeder Leinwand, wo immer man es haben will.

Begrenzt nicht die Utopie

Wer dem Rattern des Projektors, der puren Existenz des Filmmaterials, dem Krisseln des Korns hinterherweint, betreibt Fetischismus. Er oder sie ersetzt das Erlebnis Kino durch eine physische Manifestation, die auf einer Ansammlung historischer Zufälle basiert, egal wie bewährt sie sein mag. Er oder sie begrenzt die Utopie dessen, was Kino sein kann. Was Kino werden muss.

In den letzten fünf Jahren hat das Digitale Kino für mich wenig direkt verändert. Aber seine Veränderung ist dieselbe, nach der ich strebe. Noch kaufe ich mir ein Buch wie “The Wes Anderson Collection” als dicken, analogen Schinken. Aber nur, weil es noch kein digitales Gerät gibt, das mir Bilder und Layout in dieser Größe angenehm anzeigen kann. Auf der digitalen Leinwand aber wirkt die Idee Kino für mich genauso beeindruckend wie auf der analogen. Ganz ohne Kram dahinter.

Bild: Flickr Commons

Erst durch Godzilla werdet ihr merken, was ihr an Pacific Rim hattet

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Andreas Busche nennt in der aktuellen Ausgabe von “epd film” Godzilla als das jüngste Beispiel für einen schon länger anhaltenden Trend: “In Hollywood ist es Mode geworden, Newcomern und Autorenfilmern Multimillionen-Budgets in die Hand zu drücken. In der Hoffnung, die würden dem durchkalkulierten Blockbusterkino neue Impulse geben.” Und in der Tat schien im Vorfeld alles dafür zu sprechen, dass die Neuauflage des Monster-Franchises, das Roland Emmerich in den 90ern schon einmal richtig in den Dreck gefahren hatte, diesmal eine gute Balance zwischen Blockbuster und Kunst-Sensibilität finden würde.

Die Marketing-Kampagne für Godzilla – Poster, Trailer und veröffentlichte Bilder – jedenfalls sprach genau diese Sprache: Gareth Edwards, Regisseur von Monsters, Leute! Der wird’s richten. Ich habe dem Ganzen nicht vertraut, weil ich Hollywood nicht vertraue. Insofern waren meine Erwartungen niedrig, als ich ins Kino ging. Ich war mehr bereit, positiv überrascht zu werden. Ich saß aufrecht im Sessel, als ich sah, dass der Film einen richtigen Vorspann hatte, in dem sehr clever Backstory erzählt und grafische Elemente etabliert werden. Und dann wurde ich dennoch enttäuscht.

Man muss dazu sagen, dass ich im Gegensatz zu anderen Kritikern kein Kenner des Genres bin. Den Originalfilm von 1954 habe ich (leider) bis heute nicht gesehen. Ich vergleiche Godzilla also mit dem letzten Film, den ich im Kino gesehen habe, der irgendwas mit Japan und Monstern gemacht hat: Guillermo del Toros Pacific Rim.

Awesome Dumb Movies

Die Screen Junkies konnten sich in ihrem Honest Trailer passenderweise nicht entscheiden, ob Pacific Rim “The most awesome dumb movie ever made” oder “The dumbest awesome movie ever made” sein sollte. Godzilla jedenfalls will in diesem Wettbewerb gar nicht mitbieten. Es geht einen anderen, derzeit durchaus beliebten Weg und gibt sich erdig, ehrlich und – was auch immer das bei einem Monsterfilm bedeuten soll – “realistisch”. Vielleicht ist das schon der Punkt, wo die Frage des Gefallens oder Nicht-Gefallens zur Glaubensfrage wird, aber nehmen wir das Biest doch mal auseinander.

Von hier an ist Spoilerfreiheit nicht mehr garantiert.

Pacific Rim‘s erste Sätze geben vor, wie der Film wahrgenommen werden möchte. Die Kaijus sind Aliens. Ihre Bedrohung ist unter anderem dadurch so groß, dass man sie nicht verstehen kann – nur bekämpfen. Einer der größten Subplots des Films dreht sich darum, dass ein Wissenschaftler bereit ist, sich geistig in ein Kaiju hineinzuversetzen, um dessen Ursprung zu erfahren. Wie Menschen auf gottgleiche Wesen reagieren – auch wenn sie zerstörerisch sind – ist eines der Themen, die Pacific Rim im Hintergrund immer wieder aufwirft. Es gibt Kulte, die den Kaijus huldigen und diejenigen, die sie erfolgreich besiegen, werden wie Rockstars gefeiert. Aus dem Unbegreiflichen strickt Drehbuchautor Travis Beacham eine Mythologie, die dem Film Leben und Tiefe gibt. Das Gefühl einer Welt, in der zwar solch hanebüchene Konzepte wie “drift compatibility” existieren, die dafür aber atmet und in der noch andere Geschichten spielen könnten, ist eine der großen Stärken des Films.

Alles natürlich

Godzilla hat dafür – wie erwähnt – diesen tollen Vorspann und bemüht sich sehr, seine Geschehnisse in der Realität zu verankern. Godzilla selbst, wie auch die Wesen, gegen die er kämpfen muss, bekommen eine wissenschaftliche Erklärung verordnet und genau wie Pacific Rim von Anfang an seine phantastische Komponente etabliert, pocht Godzilla in beinahe jeder seiner 123 Minuten auf seine wissenschaftliche Erdung. Die Monster greifen an, weil sie sich “von Strahlung ernähren”, sie haben sich “auf den Meeresgrund zurückgezogen, um dort die Strahlung des Erdkerns aufzusaugen”. Sie haben elektromagnetische Pulse als Verteidigungsmechanismus, sie wollen sich eigentlich nur paaren, Godzilla ist ihr natürlicher Raubtier-Feind und überhaupt: eigentlich steht der Mensch nur im Weg bei einer ganz normalen Entfaltung der Natur. Darum geht es immer und immer wieder in Godzilla. Der Satz fällt sogar im Trailer.

Doch wie so häufig, wenn man versucht, das irgendwie Absurde (Riesenmonster) durch pseudo-realistische Wissenschaft zu erklären und es nicht als große Metapher zu begreifen (wie, so mein Verständnis, der Originalfilm aus den 50ern), muss man die zuständigen Wissenschaftler oft sehr runterdummen, um den Plot am Laufen zu halten. In diesem Fall sind es Sally Hawkins und Ken Watanabe, die diese undankbare Rolle ausfüllen müssen und immer erst dann zu eigentlich sehr naheliegenden Schlüssen kommen, wenn es plotmäßig relevant ist und es auch der dümmste Zuschauer im Publikum vor ihnen begriffen hat. Hier noch ein Tweet von Sebastian Moitzheim dazu

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Morgen lachen wir drüber

Eine Möglichkeit, die viele Filme ergreifen, um dem Absurd-unbegreiflichen Herr zu werden, ist Humor. Pacific Rim besitzt eine gesunde Dosis Frotzelei und Übertreibung, mit der dem Publikum unter der Hand signalisiert wird, dass sich die Filmemacher durchaus bewusst sind, dass sie eine gewisse “suspension of disbelief” verlangen. Alternativ besitzt etwa Jurassic Park eine Figur wie Jeff Goldblums Ian Malcolm, der als Anwalt des Publikums immer wieder eine Portion Zynismus über dem sich entfaltenden Szenario ausgießt und so einfach die allgemeine Stimmung auflockert.

Nicht so Godzilla. Ein paar Mal arbeitet der Film mit dramatischer Ironie, etwa wenn die Spielsüchtigen von Las Vegas zu beschäftigt sind, um das herannahende Monster in der Live-Fernsehübertragung direkt über ihren Köpfen auf die Stadt zustapfen zu sehen. Aber darüberhinaus darf niemand die Absurdität des Geschehenden anerkennen. Alle sind zu sehr damit beschäftigt, entweder grimmig darüber nachzudenken, wie sie die Bedrohung am besten bekämpfen oder ehrfürchtig ihre eigene Position im Kosmos zu reflektieren. “Awesome” wird hier nur im ursprünglichen Wortsinn bemüht, nicht als modernen Allzweckwort.

Die Fallhöhe mal wieder

Das Problem dabei ist ähnlich, wie bei den Wissenschaftlern: Humor entspannt, Ernsthaftigkeit schafft zusätzliche Fallhöhe. Mit anderen Worten: Ein Film, der sich selbst und seine Geschichte sehr ernst nimmt ist anfälliger dafür, logisch hinterfragt zu werden. Einem Film wie Pacific Rim kann man es gerade noch so verzeihen, dass ihm die Power einer bestimmten Waffe erst zehn Minuten vor Schluss, im dramatisch günstigen Moment, auffällt. Godzilla hingegen muss sich ein paar ernsthafte Fragen gefallen lassen – zum Beispiel: Wenn Godzilla ein Raubtier sein soll, warum frisst er dann seine Beute nicht?

Viel von Godzillas Dramaturgie ist darauf ausgerichtet, maximale Wirkung mit Bildern zu erzielen, die Zerstörung zeigen – und das gelingt ihm teilweise sehr gut. Godzilla und seine Kumpanen sind Naturgewalten und sie hinterlassen entsprechende Spuren. Doch die Regie des Films ordnet sich diesem Regime teilweise so sklavisch unter, dass es lächerlich wird. Da kann ein 50 Meter hohes Gigantum von einem auf den anderen Moment muxmäuschenstill werden, wann immer es opportun ist. Da schaffen es Menschen immer wieder, nur von der dramaturgisch günstigen Seite an einen Ort zu kommen – so dass erst mit einem enthüllenden Umschnitt für Charaktere und Publikum plötzlich das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar wird. Und jedes Mal fragt man sich: Leute, ihr hattet Hubschrauber! Habt ihr das gigantische Loch im Berg, aus dem ein Koloss hervorpoltert, nicht vorher gesehen?!

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Charakterköpfe

Es wird an allerlei Orten angemerkt werden, dass es etwas besonderes ist, dass sich Godzilla Zeit lässt, um seinen Plot zu entfalten. Dem stimme ich zu. Es ist alles andere als schlecht, dass er sich die Mühe macht, eine ausführliche Chronologie aufzubauen, um die Spannung für die unweigerlich folgende Zerstörungsorgie zu steigern. Pacific Rim ging damals den umgekehrten Weg, frühstückte die Hintergrundgeschichte in einer Montagesequenz ab und ging direkt zum Gerumpel über – und ja, am Ende war man dann auch etwas ermüdet.

Aber nutzt Gareth Edwards die gewonnene Zeit, um Charaktere zu erschaffen, um deren Schicksal man sich sorgt? Die Art und Weise, wie ich diese Frage stelle, verrät schon, dass sie rhetorisch ist. Nein, tut er nicht! Die Figuren in Pacific Rim mögen alberne Namen haben, aber sie sind alle zu verschiedenen Graden individuell und definiert genug (vom typischen blonden weißen Haupthelden abgesehen), um interessant zu wirken. Godzilla enthält genau eine interessante Figur, Bryan Cranstons Wissenschaftler-der-zum-Verschwörungstheroretiker-wird, und tötet sie nach 20 Minuten. Das ist zwar mutig, aber in diesem Fall wenig sinnvoll, weil niemand da ist, der ihren Platz einnehmen kann.

Wir waren schon mal weiter

Oder interessiert ernsthaft jemand Aaron Taylor-Johnsons jammerig-besserwisserischer Waffenexperte, dessen blaue Augen von der Muskelmasse, die er sich für den Film antrainiert hat, beinahe erdrückt werden? Oder Ken Watanabes bereits erwähnter vollkommen generischer Uiuiui-Wissenschaftler? Von den Frauenrollen will ich lieber gar nicht anfangen. Gerade von einem Film, der sich den Anstrich gibt, ein kleines bisschen anders zu sein, hätte ich mehr erwartet als Sally Hawkins’ Forscherin mit dem Gestus einer Zahnarzthelferin oder Indie-Darling Elizabeth Olsen, die als Aaron Taylor-Johnsons Frau (und als Krankenschwester!) auch wenig mehr tun darf als hilflos in der Gegend herum zu stehen. Juliette Binoche schließlich spielt eine liebende Mutter und liebende Ehefrau, die innerhalb kürzester Zeit stirbt und nur noch als Idealbild vergöttert werden darf. Da waren wir doch schon mal weiter.

Godzilla hat seine Stärken. Die bereits erwähnten Bilder der Zerstörung wecken tief sitzende Assoziationen und funktionieren in ihrer Schreckenswirkung dadurch entsprechend gut. Doch darüber hinaus hält sich der Film für viel cleverer und innovativer als er tatsächlich ist, denn er kann nicht einmal in seinem Design Akzente setzen, die einem irgendwie im Gedächtnis bleiben (im Vergleich etwa zu Pacific Rims neon-cyberpunkigen Farbspielereien). Und so wird Godzilla genau das werden, was er gerade nicht sein wollte: ein vergessbarer Blockbuster, der einen kurz unterhält und dann auf dem Komposthaufen der Filmgeschichte verrottet. So läuft das nunmal, wenn die Natur ihren Lauf nimmt.

Dabei sein und Dazugehören – Ein Fazit zur re:publica 2014

Was mir tierisch auf den Sack geht: Der Ausdruck “Netzgemeinde”
- Joachim Kurz, @Mietgeist, via Twitter

Ich gebe es bereitwillig zu: Einer der Gründe, warum ich auf die re:publica gefahren bin, war, dass ich gerne “offiziell” dazugehören wollte, zur Netzgemeinde. Ich wollte Leute treffen, die ich selten sehe oder noch nie persönlich gtroffen habe. Ich wollte Vorträge zu Themen hören, die mich interessieren. Und ich wollte das Gefühl haben, dabei gewesen zu sein, beim jährlichen Klassentreffen meiner Netzgemeinde.

Die Netzgemeinde, das sind in meinen Augen Menschen, in deren Leben das Internet eine wichtige Rolle spielt. Für die es mehr ist als nur reines Werkzeug, nämlich Lebensraum und Philosophie. So entsteht ein Zirkelschluss. Menschen, die freiwillig zur re:publica fahren, sind Netzgemeinde. Und wer zur Netzgemeinde gehört, fährt zur re:publica. Natürlich nicht verpflichtend. Aber es bietet sich an.

Gemeinde taugt

Gemeinde. Wer wie ich beruflich auch was mit Kirche macht, für den hat dieses Wort natürlich eine bestimmte Bedeutung. Aber ich habe es immer so wahrgenommen, dass selbst Menschen, die viele andere Dinge an Kirche ablehnen, Gemeinde gut finden. Nicht umsonst werden Gemeinden inzwischen sogar von säkulären Humanisten gepflegt.

Aber anscheinend hatte ich mir für meinen re:publica-Besuch gerade das Jahr ausgesucht, in dem es plötzlich gar nicht mehr so gut war, zur Netzgemeinde zu gehören. Zumindest nicht, wenn man nicht von Sascha Lobo beschimpft werden wollte, weil man nicht genug in die eigenen Lobbygruppen investiert. Weil man zusieht, wie unser Recht auf Freiheit vom eigenen Staat mit Füßen getreten wird. (Und irgendwas mit Vogelschutz, was ich dem Vogel gegenüber irgendwie unfair fand.)

Getting real

Auch anderswo wurde die Netzgemeinde abgestraft. “Get real”, meinte Yasmina Banaszczuk alias Frau Dingens und kritisierte in ihrem Vortrag: Als Netzgemeinde wahrgenommen würden nur weiße, bildungsbürgerliche, privilegierte Männer zwischen dreißig und vierzig, mit einer ganz bestimmten Agenda. Dabei gebe es sowohl eine digitale Spaltung in Richtung ältere Generation, als auch in andere Bildungsmilieus. Außerdem macht die jüngere Generation längst alles ganz anders; und Fashionblogger und Let’sPlayer verdienen im Netz gutes Geld, obwohl die Netzgemeinde sie ignoriere. Wir Netzgemeinder müssten uns ändern, meinte Yasmina. Weniger Ego, mehr Inklusion. Shame on us. Shame on you, Netzgemeinde!

Aber steckt darin nicht irgendwie ein Widerspruch? Kann man auf der einen Seite beklagen, dass sich bestimmte Menschen anmaßen, für eine wie auch immer geartete Netzgemeinde zu sprechen – und dann selbst für diese sprechen? Und sei es nur, um sie zu kritisieren und zu mehr Inklusion aufzufordern? Darf man an die Stelle eines falschen “Wir” einfach ein anderes axiomatisches “Wir” setzen, das aber auch nur ein verkapptes “Ich und meine Filterbubble” ist?

Not all Men

Als ich nach dem Vortrag anmerke, dass ich mich zwar als Teil der Netzgemeinde sehe, aber in meinem Umfeld durchaus nicht über Fashionblogger und schon gar nicht über Gamer gelacht wird, und dass parallel zu Yasminas Vortrag übrigens ein Panel mit Lifestylebloggern auf der re:publica abläuft, schreibt “kleinerdrei”-Bloggerin Lucie Höhler auf Twitter, ich würde ein “Not all Netzgemeinde”-Argument anbringen, analog zum “Not all Men”-Argument in feministischen Debatten.

“Not all Men” ist längst zu einem Meme geworden. Es geht dabei um den Einwand, es seien ja “nicht alle Männer so”, wenn strukturelle patriarchale Diskriminierungen in der Gesellschaft kritisiert werden – von glass ceiling bis rape culture. Meistens will sich der Widersprechende damit vor allem selbst aus der Schuld nehmen, bringt die Debatte aber damit nicht weiter – denn es geht ja sowieso nicht um die Männer, die nicht so sind.

Der Unterschied ist aber, dass ich mir nicht aussuchen kann, ein Mann zu sein. Mein “Mann sein” ist eine biologische und soziale Gegebenheit und es liegt an mir, daraus das Beste zu machen und die Fehler meiner Geschlechtsgenossen nicht fortzuführen. Teil der “Netzgemeinde” zu sein, ist aber etwas, was ich frei wählen kann. Ich sehe mich als Teil der Netzgemeinde, weil ich mit ihr bestimmte Lebenseinstellungen und strukturelle Ziele teile – siehe oben – und denoch spricht für diese Gemeinde weder Sascha Lobo (er hat das übrigens selbst letztes Jahr thematisiert) noch Yasmina Banaszczuk. Auf der re:publica waren dieses Jahr knapp 7000 Menschen. Sie alle sind Netzgemeinde. Und ihre Handlungen sind es, die zählen.

Drachenväter und Reverse Engineering

Ich will mich nicht dafür rechtfertigen müssen, zur den Menschen zu gehören, die das Internet toll finden. Genauso wie ich mich übrigens nicht dafür rechtfertigen möchte, ein Nerd zu sein und als solcher unter anderem Rollenspiele (die Fantasy-Art, nicht die soziologische oder sexuelle) toll zu finden. Das Buchprojekt “Drachenväter”, das auch mit einem Vortrag auf der re:publica vertreten war, schrammt meiner Ansicht nach haarscharf daran vorbei.

“Drachenväter”, ein Buch über die Geschichte des Rollenspiels, an dessen Crowdfunding ich mich beteiligt habe, argumentiert in einer Art Reverse Engineering, heutige Virtuelle Welten, ob in Videospielen, Social Networks oder Second Life, wären ohne klassische Tischrollenspiele wie “Dungeons & Dragons” nicht denkbar. Das mag stimmen, aber steckt hinter dieser Argumentation nicht auch der Wunsch des Außenseiters, sein Außenseiter-Hobby rückwirkend zu rechtfertigen? Es aufzuwerten, weil es Einfluss hatte auf etwas, das heute auch im Mainstream akzeptiert ist? Sich also im Endeffekt eine andere Zugehörigkeit zu geben? Als wäre Rollenspiel nicht an und für sich feierns- und untersuchungswert, weil es ein geiles, fantasievolles Hobby ist. Auch wenn Charakterbögen und Facebookprofile einander nicht gleichen würden. (Tom Hillenbrand hat auf diese Frage zähneknirschend gesagt, dass ich ein bisschen Recht haben könnte. Konrad Lischka war weniger nachgiebig.)

Auch Netzgemeinden brauchen Utopien

Dabei sein und dazugehören. Das Thema zog sich irgendwie durch viele Veranstaltungen, die ich auf der re:publica besuchen durfte. Teresa Bücker sprach in ihrem Vortrag “Burnout & Broken Comment Culture” am Mittwoch morgen davon, wie leicht es durch digitale Werkzeuge geworden ist, sich einer Sache anzuschließen und sich einer Bewegung zugehörig zu fühlen. Und wie schwierig es gleichzeitig ist, dabei zu bleiben, wenn man von den vorher dagewesenen sofort und ständig dafür kritisiert wird, dass man alles falsch macht. Quod Erat Demonstrandum. Inklusion bedeutet eben nicht nur, für die Entrechteten zu kämpfen. “Do you only care about the bleeding crowd? How about a needing friend?” hieß es schon 1969.

Ich bleibe dabei: Zugehörigkeitsgefühl zu Gruppen, Gemeinde, das ist etwas Gutes. Es stiftet gemeinsame Identität. Gemeinsame Identität kann etwas erreichen. Das ist meine Ansicht in meiner fortlaufenden, wenn auch kuscheliger gewordenen Filmblogosphären-Kampagne. Und es steckt zum Beispiel hinter der Tatsache, dass ich mich als Europäer begreife – um mal ein ganz anderes Beispiel zu bemühen. Manchmal mehr, als als Deutscher. Was uns eint, sollte immer stärker sein, als was uns trennt. Nur so lassen sich gemeinsame Utopien entwickeln. Wir brauchen Utopien. Auch die Netzgemeinde. Gerade jetzt, wo unsere heile Welt durch den Überwachungsskandal starke Risse bekommen hat.

Clanwirtschaft

Am Dienstagnachmittag der re:publica sprach Susanne Mierau über die gesellschaftliche Bedeutung von Elternblogs. Der Online-Elternclan, meinte sie, sei auch Ersatz für das nicht mehr vorhandene Clan- und Gemeinschaftsleben der vorindustriellen Menschen. Dort haben sich immer mehrere Frauen und Männer gemeinsam um Kinder und auch um Eltern gekümmert. Zur Zeit des Vortrags war ich noch voll auf dem High, endlich bei meiner Netzgemeinde angekommen zu sein. Aber den Gedanken eines Online-Clans finde ich auch jetzt noch sehr sympathisch.

Die letzte Veranstaltung, die ich auf der re:publica besucht habe, war übrigens noch einmal ein Vortrag von Yasmina am Donnerstagmorgen. Es ging um Fandoms und ihre Schlussfolgerung war im Grunde, dass man sich heute nicht mehr dafür schämen muss, Fan zu sein. Na also, dann. Ich bin Fan der Netzgemeinde. Auf geht’s!

P. S.: Wenn ich mir noch eine Sache rauspicken müsste, die ich grundsätzlich an der re:publica kritisieren möchte, dann­, dass mir viele Vorträge zu sehr an der Oberfläche blieben (vielleicht wegen des Sponsors Microsoft Surface? Ja ja), sobald es um kulturelle Themen ging, die nicht mehr nur mit Computern und Social Media zu tun hatten. Vielleicht saß ich auch nur in den falschen Veranstaltungen, aber ich finde man darf doch ein gewisses Niveau bei Publikum und Rednern voraussetzen, oder? Man darf doch ruhig auch mal Wissenschaft bemühen. Also auch Geisteswissenschaft. Zu Fandom etwa gibt es seit vielen Jahren eine blühende Forschungslandschaft. Das kann man dann in einem Vortrag zum Thema ruhig mal erwähnen. Gehört für mich auch zu Recherche dazu, dass man das wahrnimmt. Und dass man Fritz Langs urdeutschen Film Metropolis nicht “Mietwoppolis” ausspricht auch. Zumindest wenn man als Deutscher in Deutschland auf einem Podium über Science-Fiction spricht. Oder ist letzterer Gedanke zu tümelnd?

Immer diese Nazis – Haben Comic-Filme eine soziale Verantwortung?

© Walt Disney Pictures

Oh my God, it’s full of Spoilers!

Dem am Donnerstag startenden neuen Marvel-Film Captain America: The Winter Soldier könnte man mit einiger Berechtigung manche kritische Frage stellen. Zum Beispiel: Ist es wirklich notwendig, dass ein Film, der so vielversprechend als Paranoia-Thriller anfängt, am Ende doch wieder in einem krawalligen Showdown münden muss, in dem jede Menge Pixel explodieren und dessen zentrales Plotelement an der selten dämlichen Idee hängt, dass tödliche futuristische Flugzeugträger ihre hochsensiblen Zieldaten in einer offen zugänglichen Platine gespeichert haben, die sich in einem zentralen, verglasten und unbewachten Versorgungsschacht an der Unterseite des Gefährts befindet?

Oder: Hat der sogenannte “Winter Soldier” eigentlich irgendeine wirkliche Funktion, außer moralisch ambivalenter Gegenpart für Captain America zu sein, und ist es nicht eigentlich schade, eine so wichtige Umkehr der zuvor als sicher geltenden Ereigniskette für so eine generische Handlanger-Rolle zu verbraten? Wäre insofern der deutsche Verleihtitel sogar fast wirklich (*schluck*) der passendere?

Mit diesen Fragen will ich mich aber im Folgenden nicht beschäftigen, sondern mit der zentralen Verschwörungsthematik des Films.

Eine länger angelegte Entwicklung

Captain America: The Winter Soldier greift in seinem Spionage-Setting geschickt und ziemlich bewusst aktuell schwelende gesellschaftliche Themen rund um Überwachung und Verdachtsjustiz auf. Die Entwicklung ist seit längerer Zeit schon in den Marvel-Filmen angelegt. Die Mutation von S.H.I.E.L.D. zu einem autokratischen Machtapparat, dem auch dann nicht zu trauen ist, wenn er behauptet, auf der Seite der “good guys” zu stehen, klang in den Avengers schon an und ist auch einer der Handlungsstränge in der ABC-Serie “Agents of S.H.I.E.L.D.”.

In The Winter Soldier blüht sie vollends auf. Nach einer Entscheidung des ominösen “Weltsicherheitsrates” plant S.H.I.E.L.D. mit seiner Helicarrierflotte einen signifikanten Teil der Menschheit ohne Gerichtsverfahren (!) auf Basis von gesammelten Daten (!!) automatisiert von Weitem (!!!) hinzurichten. Steve Rogers, der ewige Anwalt der Unterdrückten und Verteidiger des Gerechten, muss quasi zum Edward Snowden werden, wenn sich ein wichtiger Teil der Handlung darum dreht, einen S.H.I.E.L.D.-gebrandeten USB-Stick zu bergen und seinen entlarvenden Inhalt in die Welt zu spielen. “This isn’t freedom, this is fear”, hält Rogers auch im Trailer Nick Fury entgegen.

Am Ende von The Winter Soldier liegen S.H.I.E.L.D. und seine größenwahnsinnigen Machenschaften in Trümmern. Ein konsequenter und durchaus mutiger Move, was die Mythologie des “Marvel Cinematic Universe” angeht und als Kommentar auf die momentane Weltlage nicht zu unterschätzen.

Wäre da nicht die Begründung, die der Film für die Pläne von S.H.I.E.L.D. liefert.

HYDRA ist überall

Wie Cap und Black Widow nämlich in den Geheimräumen eines alten Bunkers erfahren müssen, ist S.H.I.E.L.D. nur deswegen so faschistisch geworden, weil es seit Ende des Zweiten Weltkrieges systematisch von Nazis unterwandert wurde. Nicht von Nazis im übertragenen Sinne, also von engstirnigen Menschen, sondern von echten, deutschen Weltkriegs-Nationalsozialisten mit Schurken-Akzent und “Heil”-Rufen, Mitgliedern des Nazi-Forschungstrupps HYDRA und deren Rekruten.

Nun könnte man den Filmemachern gegenüber gnädig sein, wie es einige Kritiker getan haben, und daraus schlussfolgern, dass sie die momentanen Methoden der US-Regierung und ihrer Geheimdienste in die Nähe von Nazi-Ideologien rücken. Man könnte aber auch sagen, dass sie sich genau mit diesem Nazi-Unterwanderungs-Plot aus der Verantwortung stehlen. “Wahre Amerikaner”, sagt der Film aus, “wären von sich aus nicht auf solche Teufeleien gekommen. Die Nazis haben es ihnen eingeflüstert.” Deportation nach Guantanamo Bay abgewendet. Doppelt zynisch: Sharon Carter wechselt am Ende des Films von S.H.I.E.L.D. zur C.I.A. – scheinbar den wahren good guys.

The Winter Soldier reiht sich damit ein in die Polonaise der Comicfilme, die irgendwie was zu sagen haben, aber eigentlich dann doch wieder nicht so richtig. Iron Man über Waffen. The Dark Knight Rises so insgesamt. In letzter Instanz ist es wichtiger, dass die großen Blockbuster-Zeltpfosten möglichst alle Teile des politischen und demografischen Spektrums zufriedenstellen, als dass sie eine klare Haltung zeigen. Das entspricht auch durchaus der Geschichte ihrer gezeichneten Vorbilder, die sich etwa durch die bewegten 60er Jahre ebenfalls mit einer vagen “Für Gutes, gegen Schlechtes”-Haltung hindurchlavierten, aber im Zweifelsfall lieber einem klassischen Comicschurken die Schuld gaben, als gesellschaftliche Übel zu benennen.

Es geht auch anders

Dabei ist das kein Muss. In den X-Men-Filmen von Bryan Singer ist die Parabelhaftigkeit, mit der “Mutanten” für quasi alle ausgegrenzten Minderheiten, insbesondere aber für Homosexuelle, einstehen, nicht zu übersehen und die Filme sind trotzdem unterhaltsam. Mit der Figur von General Stryker, der bereit ist, seinen eigenen mutierten Sohn zu quälen und zu opfern, um sein Bild von Reinrassigkeit aufrecht zu erhalten, gelingt Singer ein erschreckendes Bild für blinden Fanatismus, weit weg von den hämisch kichernden Schießbuden-Nazis aus dem Captain-America-Kosmos.

Ist das, was Marvel in The Winter Soldier wagt, schon mehr, als man eigentlich erwarten darf? Oder sollten sich Comic-Verfilmungen mit ihrer Leitkultur-Funktion, die sie mittlerweile fast wahrnehmen, noch stärker auf die soziale Verantwortung besinnen, die sie besitzen? Für Cap wird die Antwort darauf wohl erst Age of Ultron geben. Autor und Regisseur Joss Whedon ist ja gemeinhein nicht dafür bekannt, in gesellschaftlichen Dingen ein Blatt vor den Mund zu nehmen.