Warum ich kein Fan bin, und eigentlich auch keiner sein möchte

Es gab eine Zeit, in der ich nicht verstanden habe, warum Menschen in Bundesligaspielen für Bayern München sind, obwohl sie nicht in München wohnen oder aus München stammen. Irgendwann hat es mir mal jemand erklärt: Meistens gibt es einen entscheidenden Moment, oft in der Kindheit, in der eine große Identifikation entsteht. Vielleicht spielt einfach der geilste Fußballspieler der Welt gerade für diesen Club oder der Verein beeindruckt mit einer sympathischen Mannschaft. Später ist es dann egal, ob Bayern München gerade bejubelnswert ist. Die Identifikation ist da, man ist halt einfach Fan.

Mir wurde klar, dass das mit Sport auch nicht anders ist, als mit anderen Dingen. Einem Künstler oder einer Künstlerin, den oder die ein Mensch einmal ins Herz geschlossen hat, bleibt er auch dann treu, wenn er die Band austauscht oder sie ein, zwei schlechte Filme macht. Der Mensch wird getragen von einer emotionalen Verbundenheit, die nicht auf dem aktuellen Status basieren muss. Sie geht tiefer. Und sie treibt ihn zu den wahnsinnigsten Sachen.

Wahrscheinlich war ich ein Fan

Aus meiner Kinder- und Jugendzeit kann ich mich an Momente erinnern, die mich so begeistert haben, dass ich fortan große Teile meines Lebens darauf verwenden würde, ihnen nachzuspüren. Als ich das Kartenspiel Magic: The Gathering entdeckte, zum Beispiel, oder als ich zum ersten Mal die Band Dream Theater hörte. In beiden Fällen wusste ich einige Jahre später alles, was es über Spiel oder Band zu wissen galt, ich besaß oder kannte alles, was es zu besitzen oder kennen galt. Ich war auf jedes neue Kartenset perfekt vorbereitet und ich besuchte jedes Mal ein Konzert, wenn Dream Theater im Umkreis von 300 Kilometern auftraten. Es war großartig.

Wahrscheinlich war ich ein Fan, und wahrscheinlich war ich auch noch ein Fan des ersten Herr der Ringe-Films, des letzten kulturellen Erzeugnisses, bei dem ich mich an eine Identifikation erinnere, die so intensiv war. Seit ich volljährig bin jedoch kann ich nicht mehr sagen, dass ich noch einmal etwas so bedingungslos geliebt habe. Ich habe mich immer wieder stark für Dinge begeistern können, zuletzt sicher für das Marvel Cinematic Universe, aber ich gestehe: Ich kann mich nicht mehr als Fan bezeichnen. Und, ganz ehrlich, ich merke auch immer wieder, dass ich gar kein Fan sein möchte.

Fans sind im Zeitalter des Internets so wichtig geworden wie nie. Sie sind die Kernzielgruppe jedes subkulturellen Produkts. Es scheint, als hätten sie die Macht, Königinnen und Könige auf den Thron zu heben und sie auch wieder zu stürzen. Und sie sind mehr als nur jubelnde oder buhende Anhänger. Sie sind selbst derivative Schöpfer. In Wissenssammlungen, Fanfiction und Cosplay drücken sie ihre eigene Kreativität und Leidenschaft aus, erschaffen Neues, entwickeln das subkulturelle Produkt in unerwartete Richtungen weiter.

Gefangen im Griff der Schöpfenden

Und dennoch – und das ist der Punkt, wo bei mir die Bewunderung in Entsetzen übergeht – sind sie vollends im Griff der ursprünglichen Schöpferinnen und Schöpfer gefangen. Die nämlich entscheiden was Kanon ist, was wahr ist und was falsch. Sie entscheiden, wie eine serielle Erzählung sich weiterentwickelt, welche Charaktere leben und welche sterben. Sie denken dabei an die Fans, schenken ihnen manchmal vielleicht sogar “Fanservice”, aber schlussendlich verfolgen sie entweder eine eigene kreative Vision oder eine Rechnung der Gewinnmaximierung. Manchmal beides gleichzeitig.

Die Hilflosigkeit der Fans ist für mich immer wieder ein erstaunlicher Anblick. Sie hoffen und bangen, manchmal bekommen sie genau, was sie sich wünschen, oft genug werden sie enttäuscht. Ihre Wertigkeit als Fans drücken sie durch ihre Leidenschaft aus, durch ihr obsessives Wissen, und im schlimmsten Fall dadurch, dass sie viel Geld ausgeben. Es ist Selbstversicherung und immer wieder die Hoffnung darauf, jenen Moment der Identifikation zurückzuholen.

Die nächste Stufe jedoch ist noch unangenehmer. Wenn sie sich einmal so viel von dem einverleibt haben, wovon sie Fan sind, sind viele von ihnen der Meinung, dass sie nun auch am besten wissen, wie es sein sollte. Sie glauben, seine Essenz erkannt zu haben. Und wenn sich ein Produkt weiterentwickelt, manchmal weg von dieser gefühlten Essenz, werden sie sauer. Sie fühlen sich als wahre Besitzer ihres Kulturprodukts. Sie verstehen nicht, dass jemand anderes anders darüber denken könnte. Ist es der ursprüngliche Schöpfer, die ursprüngliche Schöpferin, so hat diesen der wahre Geist verlassen. Ist es jemand, der ihm oder ihr nachgefolgt ist, so war dieser Mensch eindeutig die falsche Wahl. Ist es, wie es heutzutage immer häufiger vorkommt, jemand, der selbst früher Fan war, hat diese Person ihre Wurzeln vergessen.

Bittere Abhängigkeit

Dieser Besitzanspruch, der sich aus nichts weiter herleitet, als aus einer intensiven Beschäftigung, hat nichts Positives mehr. Er führt zu einer bitteren Abhängigkeit, in der man sich als Fan noch immer genötigt sieht, dem Geliebten die Treue zu halten, während man gleichzeitig leidet. Im schlimmsten Fall entwickelt man auch noch eine Abneigung gegen alle, die die Lage anders sehen, denen die neue Richtung vielleicht sogar gefällt, und verdirbt ihnen die Laune, indem man sagt, dass sie keine Fans sind. (Am Beispiel Batman hat Glen Weldon dieses Phänomen letztes Jahr in seinem Buch The Caped Crusade ganz gut aufgezeichnet.)

Ich bedaure manchmal, dass ich anscheinend irgendwann das Fan-sein verlernt habe. Diese Begeisterung und Identifikation zu spüren, dieses pure Glück, sich in der Schöpfung eines anderen zu erkennen, zu wissen, dass man sich über diese Schöpfung auch selbst in wenigen Gedanken definieren kann, ist etwas Wunderbares. Neuen Entwicklungen gebannt entgegenfiebern, mitleiden und mitfreuen mit Scheitern und Erfolgen, so intensiv habe ich schon lange nichts mehr wahrgenommen. Ich kann nicht einmal behaupten, wirklich Filmfan zu sein. Obsessives Immer-Wieder-Schauen der gleichen Filme, Reinigendes Erleben der wahren Essenz des Kinos – ich kann es nicht.

Aber ich bin auch froh, dass mir die andere Seite erspart bleibt. Filme immer wieder zu sehen, Alben immer wieder zu hören, in der Hoffnung, dass sie doch noch irgendwann so werden, wie ich sie mir wünsche. Gleichzeitig zu wissen, dass das nicht passieren wird und dass die große Identifikation eventuell nie wieder kam.

Gibt es Hoffnung für mich?

Ganz ruhen lassen kann ich meine alten Fantümer nicht. Ich wandere immer wieder in Spieleläden hinein und kaufe Magic-Karten (das Spiel ist immer noch großartig), doch ich werde wohl nie wieder Zeit und Geld investieren, um ein turnierfähiges Deck auf die Beine zu stellen. Ich war enttäuscht, dass die Hobbit-Trilogie nicht so gut war, wie ihr Vorgänger, aber ich bin deswegen nicht wütend auf Peter Jackson. Und es fiel mir schwer, aber das letzte Dream-Theater-Album habe ich nur einmal gehört und dann aus meiner Musikbibliothek geworfen. Ich fand es endgültig furchtbar, aber ich wünsche der Band damit alles Gute.

Eventuell machen die Eigenschaften, die es mir unmöglich zu machen scheinen, ein ordentlicher Fan zu sein, aus mir gleichzeitig einen besseren Journalisten. Jemanden, der in der Betrachtung von kulturellen Gütern in der Lage ist, Begeisterung für ganz unterschiedliche Dinge zu entwickeln, sie aber gleichzeitig immer kritisch zu hinterfragen. Jemand, der (meistens) Kulturprodukte so beurteilen kann, wie sie sind, und sie nicht daran misst, ob sie einem platonischen Ideal entsprechen, dass man nur selbst zu kennen scheint. Ich hoffe es sehr.

Alien: Covenant stellt die wichtigste Frage aller Sequels

© 20th Century Fox

In space, no one can hear you spoil

Die Vision des “interaktiven Films”, die vermutlich den meisten Menschen noch im Kopf klebt, sieht wie folgt aus: Der Film beginnt mit einer Hauptfigur und läuft für einige Zeit wie ein normaler Film ab, bis diese Hauptfigur eine Entscheidung treffen muss. Der Film stoppt und die Zuschauenden stimmen ab, wie die Entscheidung ausfällt. Der Film läuft dann entsprechend weiter. Durchgesetzt hat sich dieses Prinzip nicht nur deswegen nie, weil der Produktionsaufwand für alle möglichen Szenen eines sich immer weiter verzweigenden Entscheidungsbaums irgendwann etwas unübersichtlich wird, sondern auch, weil bestimmte Geschichten gar nicht immer wieder in verschiedene Richtungen gezogen werden wollen. Selbst Videospiele, die dieses Prinzip zum Teil umgesetzt haben, bieten oft nur Pseudo-Entscheidungen an.

Alien: Covenant, das haben viele Kritikerinnen und Kritiker angemerkt, wirkt als Ganzes so, als würde es bei einer solchen Entscheidung innerhalb der größeren Alien-Saga auf der Stelle treten. Als recht direktes Sequel zu Prometheus nimmt des die Handlungsfäden rund um den Androiden David und die “Engineers”, die außerirdische Rasse, die eventuell die Menschheit geschaffen hat, auf, führt eine Raumschiffcrew auf den Engineer-Heimatplaneten und deutet weitere große Fragen an, die Regisseur Ridley Scott rund um Schöpfer und ihre Geschöpfe zu beschäftigen scheinen. Covenant macht aber auch das ursprüngliche Monster wieder zum Gegenspieler, den sogenannten Xenomorph, der sich in drei Evolutionsstufen (Ei, Facehugger, Xenomorph) mit Hilfe menschlicher Wirte zum tödlichst denkbaren Organismus entwickelt. Und er scheint sich nicht so recht entscheiden zu können, welche Geschichte er erzählen will.

Mythologie, Schmythologie

Kein Wunder, wenn man auf die Entstehungsgeschichte des Films schaut: Scott wollte ursprünglich auf genau dem Weg weitergehen, den er mit Prometheus beschritten hatte. Er wollte die mythologischen Fragen hinter seinem ursprünglichen Alien-Film erforschen. Wo kommen die Aliens her? Wer hat sie geschaffen? Welche Beziehung haben sie zur Menschheit? Drehbuchautor John Logan, und sicher auch die Marketing-Abteilung des Studios, drückten Scott jedoch stärker zurück zu den Wurzeln des Franchises – Menschen werden in einem Raumschiff, oder auf einem Planeten, von fiesen Kreaturen verfolgt. Mythologie, Schmythologie.

In der Kritik wurde die daraus resultierende Unentschlossenheit des Films, in der das Alien zwar irgendwie alle klassischen Verfolgungssituationen wie einen Parcous durchläuft, der eigentliche Gegenspieler aber der Größenwahn von David ist, entsprechend aufgenommen. Entweder nervte der epische Sci-Fi-Überbau – Glen Wheldon fasste im NPR-Podcast Pop Culture Happy Hour zusammen, alles, was er von einem Horrorfilm Marke Aliens wissen müsse sei “There are beasties”, der Rest sei überflüssig – oder das halbherzig eingefügte Alien, ohne das der Film vielleicht besser gewesen wäre. Die Unentschlossenheit an sich ist aber das Resultat einer wichtigen Frage, die sich im Franchise-Zeitalter immer häufiger stellt: Wie, zum Teufel, hättet ihr eigentlich gerne eure Sequels?

Prozedur oder Welt

Denn im Grunde liefert Alien: Covenant in einer Art Meta-Prozess zwischen denen, die die Filme machen und denen, die sie rezipieren, eine Auswahlmöglichkeit, die beinahe an die anfangs erwähnten interaktiven Filme erinnert. Wollt ihr, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, lieber, dass jeder Film das Grundprinzip des Originals unangetastet lässt, und es nur ad nauseam in neue Kontexte setzt, wie es jahrzehntelang bei Fortsetzungen üblich war? Oder wollt ihr, dass sich Filmemacherinnen und Filmemacher tatsächlich überlegen, welche Geschichten sich innerhalb der etablierten Diegese außerdem erzählen lassen – auf die Gefahr hin, dass sich der Fokus der späteren Filme verschiebt? Liegt die Essenz des Films in seinen prozeduralen Eigenheiten – am Anfang eine Leiche, am Ende eine Verhaftung; oder eben am Anfang ein Alien, am Ende ein Final Girl – oder in der Welt, die er erschafft?

Immer mehr Filme geben heute die zweite Antwort, genau wie auch immer mehr Fernsehserien die zweite Antwort geben und sich vom starren Festhalten an bestimmten Konventionen lösen, gerade wenn sie von Streamingdiensten produziert werden (z. B. Master of None oder BoJack Horseman). Mit Bezug auf die Planet of the Apes-Filme habe ich hier im Blog mal festgehalten, dass sich erfolgreiche Prequels (und Covenant ist ein Prequel) eher durch Weltöffnung, visuelle Motive, und entscheidende narrative Momente auszeichnen als dadurch, Plotlöcher eng zu schließen oder Bekanntes zu wiederholen.

Alien: Covenant versucht, beide Antworten auf einmal zu geben und scheitert wahrscheinlich – je nachdem, wer zuschaut – immer mindestens mit einer von beiden. Ich persönlich mochte Scotts philosophisches Geschwurbel und die Welt, die er dafür entwirft. Covenant macht Prometheus sogar im Rückblick besser. Aber ich weiß, dass ich damit eher in der Minderheit bin.

Wie hättest du gerne deine Fortsetzungen?

Die Illusion der fairen Filmkritik

Immer wieder habe ich mir gesagt, dass ich zu diesem Thema die Klappe halten will. Aber jetzt sitze ich doch hier und tippe, weil sich Leute, die ich eigentlich schätze, auf Twitter regelmäßig angiften. Und das alles nur, weil in einer vielleicht sogar lohnenswerten Debatte mehrere völlig unterschiedliche Themen in einen Topf geworfen werden.

Was ist passiert? Im August 2015 haben sich Antje Wessels und Sidney Schering, die beide im Netz sowohl privat als auch beruflich über Film schreiben (Sidney war damals einer meiner Interviewpartner für den Blogosphären-Post), vorgenommen, eine ihrer Meinung nach überfällige Diskussion über die Qualität von Filmkritik und Filmkritiker_innen loszutreten. Was als einigermaßen unkoordinierte Ventilation von persönlichem Frust begann, mündete schließlich in einem Plädoyer von Antje auf ihrer Website, in dem sie sich für “Faire Filmkritik” einsetzt. Diskutiert wurde dieses Plädoyer nach meiner Wahrnehmung vor allem unter Blogger_innen, weniger unter anderen professionellen Filmkritiker_innen, zum Beispiel im Verband der deutschen Filmkritik, der ja selbst vor zwei Jahren ein Flugblatt zur Lage der Filmkritik veröffentlicht hat.

Das Plädoyer

Genau genommen besteht das Plädoyer aus zwei Kritikpunkten, die für Antje aber unmittelbar miteinander zusammenzuhängen scheinen. Der eine ist, dass viele Filmkritiker_innen sich laut Antje in ihrem Beruf wie Idioten verhalten. Obwohl sie in der privilegierten Situation sind, Filme gesondert vorgeführt zu bekommen, Interviews mit inspirierenden Menschen führen zu dürfen und dafür bezahlt zu werden, ihre Meinung zu äußern, beschweren sie sich ständig über ihre Arbeitssituation, sind faul und ätzend im Umgang. Ihren persönlichen Frust und ihre persönlichen Vorlieben auch für Dinge, die wenig bis gar nichts mit den Filmen zu tun haben, die sie besprechen sollen, gießen sie in ihre Kritiken. Kurzum: Sie entsprechen genau dem Klischee des Filmkritikers, dass Jesse Eisenberg jüngst für den “New Yorker” aufgeschrieben hat.

So weit so gut. Diesem Kritikpunkt kann ich – auch wenn ich persönlich bisher nur wenige Vertreter_innen dieser Spezies erlebt habe – zustimmen. Ich habe mich oft genug selbst mit dem merkwürdigen Dünkel auseinandergesetzt, den ein Teil der Kolleg_innen an den Tag legt und ich habe eine klare Position dazu: Wer sich selbst für zu wichtig hält, um seinen Job ordentlich zu machen, gehört kritisiert, gekündigt und im besten Fall außerdem ausgelacht. Einen Film kritisieren, den man nicht oder nur halb gesehen hat; persönlichen Ärger an denen auslassen, die nichts dafür können; die Menschen, die hinter einem Film stehen, persönlich zu beschimpfen, statt sich mit ihrer Kunst auseinanderzusetzen – das ist schlicht und einfach unprofessionell.

Nervig und Lächerlich

Sich pausenlos darüber beschweren, dass der Markt die eigene Arbeit nicht wertschätzt und die Arbeitsbedingungen besser sein könnten, ist meiner Meinung nach nicht das gleiche. Es ist nervig, oft genug lächerlich, aber auch menschlich und nicht auf die Filmkritik-Branche beschränkt. So lange solche Menschen am Ende trotzdem ordentliche Arbeit abliefern, sollte man da als ebenfalls professionell arbeitender Mensch einfach drüberstehen oder eine vergnügliche Kolumne drüber schreiben.

Für Antje – und Sidney, der sie mal mehr, mal weniger sachlich auf Twitter verteidigt (Anmerkung: Sidney sieht sich hier außer Kontext zitiert Ich habe Sidneys als zweiten verlinkten Tweet augenscheinlich falsch verstanden. Er war, wie er in den Kommentaren erläutert, als humorvolle Aufspießung der ganzen Debatte gemeint, ich empfand ihn als passiv-aggressive Nonmention von wem auch immer. Es war wahrscheinlich dumm, ihn hier auf ähnlich raunende Weise und außer Kontext aufzugreifen. Wir haben das besprochen.) – sind beide Fälle allerdings Ausprägungen des gleichen Missstandes. Dies ist der zweite Kritikpunkt des Plädoyers: Die gescholtenen Kritiker_innen haben keinen “Respekt” vor den Filmen, über die sie schreiben, und sie haben nicht verstanden, welchen Zweck Filmkritik hat. Dieser ist laut Antje: “Filmkritiken sollten im Idealfall als Atlas für all jene Zuschauer fungieren, die mit dem Gedanken spielen, ins Kino zu gehen.”

A Little Respect

Über diesen Satz und seine Implikationen, die im Plädoyer auch noch weiter aufgefächert werden, schreibe ich gleich etwas und komme damit zum Herz dieses Posts. Aber um das Ganze noch etwas weiter in die Länge zu ziehen, will ich nur noch kurz etwas zu der Sache mit dem Respekt sagen. Ich höre dieses Argument öfter und ich habe es am Rande in meinem “Filme normal gucken“-Post gestreift. Ich halte es außerdem für gefährlich. Natürlich sollte man als Kritiker_in grundsätzlich erstmal jedem Film so unvoreingenommen entgegentreten, wie das eben geht, in einem Strudel von Vorwissen und PR. Aber genauso sollte man sagen dürfen, dass man persönlich einen Film “schlecht” findet. Nicht nur “am Publikum vorbeiinszeniert”. Dass ehrliche Arbeit und Mühe in ein Projekt geflossen ist, kann trotzdem bedeuten, dass das Ergebnis nicht überzeugt.

(Anmerkung: Ich sehe ein, dass dieser Absatz und der davor missverstanden werden können. Was er nicht bedeutet: Dass Sidney alles, was Antje schreibt, exakt genau so sieht. Dass Sidney oder Antje denken, dass Kritiker Filme nicht mögen dürfen.)

Jetzt sind wir endlich am Knackpunkt der ganzen Diskussion angelangt. Für Antje hat “persönlicher Filmgeschmack (…) in einer Pressevorführung nichts zu suchen”. Die wahre Kunstfertigkeit der “fairen” Filmkritik liegt darin, “sich in die Erwartungen der unterschiedlichen Zielgruppen hineinzuversetzen”. Das ermöglicht “unabhängige Berichterstattung”, denn die Annahme “Filmkritiken könnten niemals objektiv sein (…) [ist] schlicht und ergreifend falsch.”

Ehrenwert und tragisch, aber falsch

Antjes Argumentation geht also in die exakt entgegengesetzte Richtung des weiter oben erwähnten Flugblatts des VDFK. Ihrer Meinung nach ist es der explizite Zweck von Filmkritik, sich in jede_n einzelne_n mögliche_n Zuschauer_in hineinzuversetzen und eine Empfehlung auszusprechen, ob diese_r Zuschauer_in sein sauer verdientes Geld und seine knappe Zeit in diesen Film investieren sollte. Sie glaubt nicht nur, dass das möglich ist, sie hält es sogar für die einzig richtige Art der Filmkritik. Winston Roundtree gibt ihr recht. Ich nehme vorweg: Ich halte beide Annahmen für falsch. Die erste für ehrenwert aber falsch, die zweite für tragisch und falsch.

Ich möchte kurz versuchen, die erste Annahme zu entkräften, es sei möglich, Filme objektiv zu bewerten, indem man versucht vorherzusehen, ob sie einem bestimmten Publikum gefallen könnten. Es ist ja nicht so, dass ich mit den gesammelten Werken von Pauline Kael und Michael Althen in der Wiege geschlafen habe. Ich habe meine Filmbildung auch jahrelang aus “TV Movie” und anderen Zeitschriften gezogen, die genau diese Art der Filmbewertung vornehmen (“Cinema” zufällig nicht, aber “Cinema TV”). Ich halte sie für eine legitime Form des Servicejournalismus, aber sie ist nicht “objektiv”. Sie versucht, sich in eine begrenzte Zahl (!) bestimmter Zielgruppen hineinzuversetzen, aber sie ist nicht “unabhängig”. An die Stelle der persönlichen Meinung eines Autors tritt das behauptete Expertentum des Mediums. Das ist aber genauso ein Konstrukt wie Aggregatskritik und kann höchstens eine relative Meinung vermitteln. Keine Wahrheit, so schön das wäre.

Wichtig ist meine eigene Meinung

Die zweite Annahme ist aber die unangenehmere. Ich kann einfach nicht zustimmen, dass diese Art von Filmkritik die einzig richtige ist, im Gegenteil. Filmkritik sollte persönliche Meinung enthalten und zwar viel davon. Weil Filmkritik nicht nur Serviceempfehlung ist, sie ist Teil des kulturellen Diskurses. Was Filmkritik alles kann, welche Aufgaben sie wahrnehmen kann, das muss ich hier nicht alles noch einmal aufzählen. Dafür kann man das Flugblatt lesen, oder Rajkos Text oder Lucas’ Text oder A. O. Scotts Buch (das ich noch nicht gelesen habe) oder einen der dutzenden anderen Texte, die zu diesem Thema bereits aufgesetzt wurden, auch in den letzten paar Jahren.

In einer Sache gebe ich Antje Recht: Ich finde auch, dass es in einer guten Filmkritik um eine Beziehung zwischen Autor_in und Leser_in geht. Diese wird aber zunächst einmal von Leser_innenseite aus initiiert. Ich lese einen Text zu einem Film und die dort vertretene Meinung entspricht meiner oder nicht, auf jeden Fall aber regt sie mich im besten Fall zum Nachdenken an. Später lese ich einen weiteren Text, der von derselben Person geschrieben oder am selben Ort publiziert wurde und irgendwann habe ich vielleicht eine Beziehung zu Person oder Ort, die unabhängig vom konkreten Text existiert. Ich weiß, wenn ich kluge Dinge über Comicfilme lesen möchte, lese ich Matt Singer; wenn ich in meiner landläufigen Meinung herausgefordert werden möchte, lese ich Rajko Burchardt; wenn ich wissen möchte, wie ein intimer Kenner des Disney-Kanons denkt, lese ich Sidney Schering; wenn ich tendenziell linksliberale, intelligente amerikanische Kulturkritik lesen will, schaue ich mal, was bei “Slate” steht. Wichtig ist aber am Ende meine eigene Meinung, die durch die Beschäftigung mit den Meinungen anderer entsteht. Nicht, ob irgendjemand recht hatte, dass ein Film gut oder schlecht ist. Das alles kann Filmkritik leisten.

tl;dr?

Dieser Text ist sehr lang und womöglich hat jemand, der bis hier gelesen hat, schon wieder vergessen, was am Anfang stand. Deswegen möchte ich meine Kernthesen noch einmal zusammenfassen. Ich bin der Meinung, dass

  1. Filmkritiker_innen, die unprofessionell arbeiten, einen anderen Beruf haben sollten,
  2. Filmkritiker_innen, die nervige Zeitgenossen sind, ausgelacht werden sollten, aber ansonsten genauso toleriert werden müssen, wie andere nervige Menschen auch, so lange sie niemandem wehtun,
  3. Servicekritik, die an den Ansprüchen eines vorgestellten Publikums ausgerichtet ist, legitim, aber weder “objektiv” noch besonders “fair” ist,
  4. Filmkritik im Idealfall zu einem kulturellen Gespräch beiträgt und es Konsument_innen ermöglicht, sich eine eigene Meinung zu bilden und ebenfalls Teil dieses Gesprächs zu werden.

Diese Thesen zeigen, dass die Diskussion vielschichtig ist und mehrere Themen beinhaltet. Es ist sehr schwierig, sie in 140-Zeichen-Schüben, am besten noch auf Englisch (mit anderen Nicht-Muttersprachler_innen), zu führen. Aber sie ist es durchaus wert, geführt zu werden.

Drei Ergänzungen noch zum Schluss:

Ich habe einen Punkt versucht, so gut es geht auszusparen, und das ist Antje Wessels Person – obwohl diese im Zentrum des Textes steht und obwohl sie ihr Plädoyer aus ihrer eigenen Biografie herleitet. Wie auch immer diese Diskussion weitergeführt wird, ich finde es sehr wichtig, dass dies auch alle anderen Diskutant_innen tun. Es ist egal, ob euch Antje und ihre Art, Kritiken zu schreiben oder auf Twitter aufzutreten, sympathisch ist oder nicht. Wenn ihr sie persönlich angreift, verhaltet ihr euch exakt so unprofessionell, wie sie das ihren Kolleg_innen vorwirft.

Weil der Artikel sonst noch ein paar Schlaufen hätte drehen müssen, habe ich auch das größere Thema “Journalismus” ausgespart. Ich habe große Probleme mit einem Satz wie “Wenn ich heute ein Interview mit einem Schauspieler führe, empfinde ich das nach wie vor als große Ehre”. Journalismus kann im Gegensatz zu Kritik sehr wohl unabhängig (also nicht von fremden Interessen geleitet) sein, und wer für die reine Möglichkeit, sich in die PR-Maschinerie von Firmen einzuklinken, die etwas verkaufen wollen schon so dankbar ist, sollte meiner Ansicht nach noch einmal über seine Funktion in der Gesellschaft nachdenken. Damit meine ich nicht, dass niemand Fan von Künstler_innen sein darf oder sich nicht freuen darf, diese etwas zu fragen. Aber wenn man es als Ehre begreift, macht man sich damit selbst unnötig klein.

Schließlich bitte zu beachten, dass ich mich bemüht habe, in diesem Text an vielen Stellen hervorzuheben, dass er nur meine eigene Meinung in einer Diskussion wiedergibt. Eine Eigenschaft von Antjes Text, an der sich vielleicht auch andere bewusst oder unbewusst gestört haben, ist, dass er so absolut ist. Eine spöttische Überschrift “gehört sich einfach nicht”, eine überhaupt nicht faktisch überprüfbare Annahme ist “schlicht und ergreifend falsch”. Das mag einer journalistischen Zuspitzung geschuldet sein. Hilfreich in einem Gespräch gerade mit Kolleg_innen ist es aber nicht.

Außer den markierten Korrekturen, habe ich im Laufe des Abends noch ein paar Tippfehler in diesem Text korrigiert.

Wie SPECTRE die Totalüberwachung verharmlost

© MGM

Spoiler für SPECTRE und M:I – Rogue Nation.

Ich war nicht sonderlich begeistert von Sam Mendes’ SPECTRE. Über die Eröffnungssequenz hinaus fand ich ihn irgendwie langweilig, uninspiriert und fast schon reaktionär. Wie häufig wurde ich in den Worten von Matt Singer fündig, um zu beschreiben, was ich meinte. Singer nennt den Plot rund um Christoph Waltz – den zweifachen Oscar-Preisträger, der aber doch irgendwie immer die gleiche Figur spielt – einen “retcon of the highest, dopiest order”. Waltz’ Figur sei “precisely the sort of cliché that had gotten so tired by the early 2000s that it necessitated an entire franchise reboot”.

Ich finde aber, dass der Film noch eine viel größere Sünde begeht. Es ist verzeihbar, dass er, wie viele Blockbuster momentan, etwa Captain America: The Winter Soldier, das brennende Thema rund um Überwachung und staatliche Kontrolle als plot device nutzt, das den Film in Gang hält. Andrew Scott als C, ein Geheimdienst-Funktionär der neuen Generation, der sich deutlich an Scotts bisher bekannteste Rolle als Moriarty in Sherlock anlehnt, ist im Verlauf von Spectre dabei, ein Geheimdienst-Abkommen namens “Nine Eyes” abzuschließen. Ähnlich wie das reale “Five Eyes“-Abkommen soll es den Geheimdiensten von neuen Ländern erlauben, ihre Überwachungsdaten zu teilen.

Bond findet im Laufe des Films allerdings heraus, dass in Wahrheit Christoph Waltz’ Oberhauser hinter der Überwachungsmaschinerie steckt. C ist nur ein Strohmann, der in seinem Namen handelt. Oberhauser ist, wie oben erwähnt, ein Bond-Bösewicht der alten Schule. Er ist exzentrisch und psychisch gestört, lebt in einer versteckten Basis in einem Vulkankrater Meteoritenkrater und steht einer geheimen Organisation namens SPECTRE vor, die auf der Welt Kriege anzettelt und Märkte manipuliert. Ihm fehlt wirklich nur noch ein Mini-Me um ihn zu einer Parodie von Dr. Evil zu machen, der ja seinerseits eine Parodie der Blofelds aus den Siebzigern war. Was genau Oberhauser mit den Daten willl – außer private Rachefeldzüge gegen James Bond zu führen – wird nicht näher erklärt, aber das letzte Setpiece des Films dreht sich um eine lächerliche ticking clock – die den Start des “Nine Eyes”-Programms repräsentiert.

No Reptiles

Was will uns SPECTRE sagen? Hinter den ungeheuren Überwachungsapparaten, die Edward Snowden enthüllt hat, stehen nicht etwa Staaten, die jedes Maß für die Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit verloren haben? Die in einem von Sicherheitsesoterik getriebenen Denken vorsichtshalber Jede und Jeden verdächtigen und alle Menschen ihrer Grundrechte berauben, in dem abwägigen Glauben, damit abstrakten Phänomenen wie Terror und Kriminalität Herr werden zu können? Sondern es sind nur einzelne verrückte böse Genies, die in Marokko in Vulkankratern Meteroritenkratern sitzen und in geheimen Konferenzen die Welt steuern. Und deswegen brauchen wir Männer wie James Bond, die gegen alle Regeln spielen und diese bösen Genies zu Fall bringen.

Das ist leider eine traurige Verharmlosung der aktuellen Situation. Einzelpersonen und Weltverschwörungen sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass gerade erst wieder das deutsche Parlament ein Gesetz verabschiedet hat, das dafür sorgt, dass unser Telefon- und Internetverhalten systematisch gespeichert wird. Demokratische Grundrechte und informationelle Selbstbestimmung werden mit Füßen getreten, um eine Überwachungsmaschine in Gang zu halten, die bis heute noch nie funktioniert hat, aber uns alle zu potenziellen Kriminellen deklariert. Dahinter steckt kein gut gekleideter Österreicher mit einer persönlichen Rachephantasie, sondern ein System, das im Zweifelsfall Kontrolle höher bewertet als Freiheit. No Reptiles. Just soft-boiled eggs in shirts and ties.

Mir ist klar, dass “das Sytem” oder “die Politik” keine besonders guten Gegner für James Bond darstellen. Aber der letzte Mission: Impossible hat es auch besser gemacht. Dort stellt sich am Ende raus, dass die Schattenorganisation, gegen die Tom Cruise als Ethan Hunt kämpft, eine aus dem Ruder gelaufene Unternehmung ist, die der britische Geheimdienst selbst gestartet hatte – eine Art V-Mann-Skandal mit mehr Explosionen. Man kann solche abstrakten Idee also drehbuchtauglich machen. Man muss es aber auch wollen.

Es wird Zeit, diese ätzende Presse-Junket-Kultur zu beenden. Aber wie?

Die Schauspielerin Cara Delevigne hat ein Interview gegeben, in dem sie sich nicht mehr zurückhalten konnte. Die Tatsache, dass die Moderatoren und die Moderatorin einer stets-fröhlichen Morgenshow aus Sacramento sie nicht nur fragten, ob sie denn auch das Buch gelesen habe, auf dem der Film Paper Towns (deutsch: Margos Spuren) basiert, sondern auch, ob sie sich schlecht konzentrieren kann, weil sie so viel arbeitet, muss ihr am Ende des Promotion-Zyklusses für den Film einfach den Rest gegeben haben. Sie antwortet mit einer sarkastischen Anti-Antwort auf jede der Fragen ihrer Gegenüber, bevor sie dann gelangweilt die Antworten gibt, die sie immer gibt. “A few months ago, you seemed to be more excited about the film”, kommentieren Delevignes Gegenüber diese Haltung, bevor sie sie mit “We’ll let you go and take a nap” nach zweieinhalb unangenehmen Minuten hinauskomplimentiert wird. “Man, she was in a mood”, lautet die Bilanz, als das Liveschalten-Bild endet.

Vor zwei Jahren hatte ich meine erste und bisher einzige Begegnung mit der Art und Weise, wie heutzutage Filme vermarktet werden. Für “Close up” durfte ich Charlotte Roche interviewen, die dabei half, die Verfilmung ihres Romans “Feuchtgebiete” zu promoten. In einer Hotelsuite in Berlin wartete ich eine Weile auf dem Gang, während sich um mich herum aufgeregte junge Frauen mit Bussi begrüßten, und wurde dann schließlich in einen abgedunkelten Raum geführt, in dem bereits sämtliche Technik aufgebaut war. Ich hatte das große Glück, nicht nur das erste Interview der gesamten Pressetour zu führen, sondern mit Charlotte Roche auch noch eine “Gastkritik” zu machen, in der sie über einen persönlichen Lieblingsfilm (Harold and Maude) sprechen konnte.

Feuchte Küsse von Charlotte

Anschließend habe ich ihr natürlich trotzdem noch ein paar Standardfragen zu Feuchtgebiete gestellt, aber sie war freundlich, frisch und charmant und signierte mir meine Ausgabe ihres Romans mit ein paar “Feuchten Küssen“. Für mich war das Ganze eine tolle Erfahrung, aber ich wusste: Wenn ich jetzt gehe, muss sie den Rest des Tages in diesem Raum noch ein Interview nach dem anderen geben. Die meisten wahrscheinlich kaum länger als zehn Minuten, in denen sie immer und immer wieder die gleichen Fragen gestellt bekommt.

Das Modell ist heute absoluter Standard geworden. Verschiedene Akteure haben bereits vonseiten der Interviewten beschrieben, wie bescheuert sich der Prozess anfühlt und wie sehr man nach ein paar Tagen Pressetour beginnt, in einer Parallelwelt zu leben. Zum Nachlesen ist vielleicht die Perspektive von C. Robert Cargill am interessantesten, dem Drehbuchautor von Sinister, der zuvor selbst Filmjournalist bei “Ain’t it Cool News” war. Zum Hören hat zuletzt Ian McKellen im Nerdist-Podcast hörbar geseufzt. Man wird eine Woche lang von Hotel zu Hotel gekarrt und gibt hunderte Interviews – manche davon one-on-one, andere im “Roundtable”-Format mit mehreren Journalisten gleichzeitig; wenige mit Leuten, die sich wirklich für Film interessieren (die sind für die PR-Agentur auch am unwichtigsten), dafür umso mehr mit Klatschreporter_innen und Allround-Dilletanten wie den Morning Show-Moderator_innen aus dem Delevigne-Interview. Die wenigsten Fragen sind durchdacht, viele drehen sich um das eigene Privatleben. Man ist ein menschliches Konsumgut. Mittel zum Zweck des Filmverkaufs.

My Miracle Is My Wife

John Green, der Autor des Buchs “Paper Towns”, ist Cara Delevigne auf “Medium” zur Seite gesprungen. Ihr männlicher Schauspielerkollege Nat Wolff werde nie nicht so oft gefragt, ob er das Buch gelesen habe, meint Green, nur wann. Auch er beschreibt, wie behämmert man sich irgendwann vorkommt. Dass man nur noch seinen Text herunterleiert und irgendwann schon gar nicht mehr weiß, ob das, was man gerade sagt, eigentlich noch die Wahrheit ist. Er beschreibt auch, dass er irgendwann aufgegeben hat, auf dumme Fragen differenzierte Antworten zu geben.

Like, there’s a line in the beginning of the novel: “Everyone gets a miracle.” The male narrator of the story believes his miracle is Margo Roth Spiegelman, the character Cara plays in the movie. Later in the book, the boy realizes that Margo is not a miracle, that she is just a person, and that his imagining her as a miracle has been terribly hurtful to them both. But still, I was asked over a hundred times, “Who’s your miracle?” At first, I tried to fight it, tried to argue that we must see people as people, that we must learn to imagine them complexly instead of idealizing them, that the romantic male gaze is limiting and destructive to women. That’s the whole point of the story to me.

But eventually, I just started to say, “My miracle is my wife.” (And then Nat would deadpan, “My miracle is also John’s wife. She’s great.”) In the end, rather than fight, I stuck to the script.

Pressejunkets sind entmenschlichend

Kein Wunder also, dass es immer mal wieder Vorfälle gibt, in denen die völlig kaputten Filmleute im besten Fall die Routine dekonstruieren und im schlimmsten Fall genervt abwinken, wie Cara Delevigne bei “Good Day Sacramento”. Wie Mila Kunis in der Promo zu Oz – The Great and Powerful. Wie Samuel L. Jackson, als der Interviewer ihn mit dem Namen eines anderen schwarzen Schauspielers anspricht. Wie Bruce Willis oder Harrison Ford in beinahe jedem Interview. Kein Wunder auch, dass es einige Filmemacherinnen und Schauspieler gibt, die sich vertraglich zusichern lassen, dass sie keine Interviews geben müssen. Dass sich Chris Pratt im Vorfeld für die Dinge entschuldigt, die er eventuell sagen könnte und die dann im Internet rauf und runter laufen werden.

Pressejunkets sind eine entmenschlichende Praxis und sie gehören abgeschafft. Für jeden Film wird ohnehin ein Pressekit angefertigt, in dem die Antworten auf die Standardfragen abgedruckt und auf Video aufgezeichnet sind. Sollen all die Medien, die bei den Junkets Schlange stehen, einfach die nutzen? Man möchte meinen, das Ergebnis ist das gleiche. Bei schriftlichen Interviews passiert das eh längst. (Mal ganz abgesehen davon, dass die Junkets schweineteuer und Teil des ganzen Problems sind, dass die gleiche Summe für die Vermarktung eines Films ausgegeben wird wie für seine Produktion.)

Ihr könnt euch ruhig mal anstrengen

Es gibt zwei Arten, wie in der Regel auf diese Argumentation reagiert wird. Die erste kann man auch am Ende des Cara-Delevigne-Videos hören. “You make $5 Million for six weeks worth of work, you can pretend to talk to ‘Good Day Sacramento’ with some oomph”, sagt der Sonnyboy-Moderator ganz links. Das ist in etwa die Reaktion, die ich auch bekam, als ich hier im Blog mal ein Video geteilt habe, in dem sich Zac Efron für einen deutschen YouTuber zum Affen machen musste. Diese Menschen verdienen viel Geld. Die Promotion ist Teil des Jobs. Hört mal auf, sie zu bemitleiden.

Ehrlich gesagt ist das nicht weit entfernt von der berüchtigten “Fahrstuhl”-Metapher, die “Bild” mal für den Medienzirkus geprägt hat. Wir helfen euch, euer Produkt zu promoten, dafür müsst ihr auch ein bisschen Erniedrigung über euch ergehen lassen. Aber diese Argumentation ist Schwachsinn. Ich würde behaupten es sind nur sehr wenige Schauspieler, die das, was sie tun, wegen der Berühmtheit und dem Geld gewählt haben. Natürlich gehört Eitelkeit und Glamour immer dazu, aber im Endeffekt höre ich immer wieder, dass die meisten von ihnen nur ihren Beruf ausüben wollen. Filmpromotion ist eben eigentlich nicht Teil dieses Berufs (auch wenn sie Teil des Vertrags sein mag) und Schauspielerinnen und sonstige Filmemacher helfen damit auch in den wenigsten Fällen sich selbst, sondern meistens vor allem ihrem Studio.

Was hinter dieser Gegenargumentation steckt ist nichts anderes als Neid. Wir wollen, dass diese Menschen, die für scheinbar so wenig Arbeit so viel bekommen – nicht nur das Geld, sondern auch den Ruhm und den Glamour – wenigstens auch ein bisschen leiden müssen. Unser Leben macht schließlich auch nicht immer nur Spaß. Es mag naiv wirken, aber ich möchte mich diesem Gedankengang nicht anschließen. Lasst Filmemacher Filme machen. Den Medienzirkus haben wir aufgebaut, nicht sie.

Diese Interviews sind Scripted Reality

Die zweite Gegenargumentation ist die wichtigere. Pressejunkets sind heutzutage oft die einzige Möglichkeit, eine Persönlichkeit aus der Filmbranche überhaupt zu interviewen. Gebietet nicht die Pressefreiheit, dass wir diese Praxis aufrecht erhalten, damit wenigstens ein paar Journalistinnen die Möglichkeit bekommen, auch mal gute Fragen zu stellen? In meiner Filterbubble erlebe ich immer wieder, wie sehr Kolleginnen und Kollegen sich darauf freuen, zehn Minuten mit einer Person zu verbringen, deren Arbeit sie bewundern. Und Paul Wolinski, der allerdings Musiker ist und kein Filmmensch, hat mir gesagt, dass Interviews ihm helfen, seine eigene Arbeit zu reflektieren. Ist es das nicht wert?

Leider entspricht diese Vorstellung auch nur in sehr seltenen Fällen der Wahrheit. “I don’t get the feeling that the journalists asking the same questions over and over particularly savor the experience, either”, schreibt John Green in seiner Verteidigung. Sie wissen, dass sie auch nur Teil einer Marketing-Maschine sind, genau wie im Gerangel um die Pressevorführungen. Auch für Journalisten gibt es genau genommen ein Skript, von dem sie nicht abweichen dürfen. Wer denkt, er könne die zehn Minuten nutzen, um Fragen zu stellen, die nicht mit der Promotion des Films zu tun haben, wird im ersten Schritt von der anwesenden PR-Person ermahnt. Im zweiten bricht der Star dann das Interview ab, wie vor kurzem Robert Downey Jr bei Channel 4. Die sogenannten Interviews sind eigentlich gar keine. Sie sind Scripted Reality.

Geben und Nehmen

Krishnan Guru-Murthy, der Moderator, der das Interview mit Downey führte, hat für den “Guardian” eine ähnliche Reflektion geschrieben wie ich gerade. Sein Fazit:

Maybe, like a bad relationship, this just isn’t working. We want different things out of it. I want something serious and illuminating, they just want publicity. Maybe we and the movie stars should just go our separate ways, and find people more suited to our needs. But I think that would be a shame. There’s an easy marriage to be worked out here with a bit of give and take. And some intelligent casting by the PR companies. If a movie star has no interest in engaging, maybe don’t offer them up to the news. Find one of the cast who does.

Guru-Murthy plädiert dafür, den Zirkus weiterlaufen zu lassen, als Tanz, in dem beide Seiten zusammenarbeiten, um ein Ergebnis zu erzielen, das für alle zufriedenstellend ist. Und wer nicht will, der muss nicht. Es gibt Momente, in denen ich – als jemand, der sowohl im Journalismus als auch in der PR (wenn auch in einem völlig anderen Feld) gearbeitet hat – das auch denke. Es wäre sicher die einfachste Lösung. Für die schwierige Lösung müssten sich sowohl Interviewte als auch Interviewer gegen das gesamte Konstrukt wehren, sie müssten sich sowohl der Filmbranche als auch der Medienbranche als Ganzes in den Weg stellen. Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, dass so etwas jemals passiert.

Aber vielleicht tragen Interviews wie das von Cara Delevigne ja dazu bei, dass dank der Transparenz des Internets Stück für Stück eine Art “awareness” für diesen Irrsinn aufgebaut wird, auch außerhalb der beteiligten Zirkel. Vielleicht wird es immer mehr Filmemacherinnen geben, die sich dem Promotion-Zirkus einfach verweigern (und stattdessen nur noch “richtige” Interviews geben) oder den ein oder anderen Journalisten, der auf sein Honorar und die Begegnung mit einem Star verzichtet, um sich nicht zu einem Zahnrad in der Marketingmaschine verbiegen zu lassen. Mir ist bewusst, dass das im Großen und Ganzen absolut nichts ändern wird und es außerdem in der Unterhaltungsbranche immer genug Eitelkeit auf beiden Seiten geben wird, um die Maschine auf ewig am Leben zu erhalten, aber Fatalismus hat noch nie jemanden weitergebracht. Stattdessen glaube ich mal John Green. Everyone gets a miracle.

Vom auf die Schnauze fallen

Es ist etwas mehr als vier Jahre her, dass sich mir eine Gelegenheit bot, für das Online-Portal einer großen deutschen Zeitung Filmkritiken zu verfassen. Die Gelegenheit war entstanden, weil mich eine Kollegin empfohlen hatte und ich fühlte mich sehr geehrt.

Der erste Kontakt mit der Redaktion war gut, allerdings war ich zu dieser Zeit, genau wie jetzt auch, voll berufstätig außerhalb des Filmbereichs und hatte keine Gelegenheit, Pressevorführungen zu besuchen. Also einigte ich mich mit der Redakteurin darauf, den zu besprechenden Film in einer Mitternachtspreview zu sehen und die Kritik noch in der gleichen Nacht zu schreiben, damit sie ihn am nächsten Morgen auf ihrem Schreibtisch hatte.

Ein hässlicher Bastard

Das Ergebnis war ein Desaster. In der Mittagspause bekam ich einen Anruf, dass meine Kritik nicht dem Niveau entspreche, dass sich die Redakteurin erwartet hatte. Ich wusste sofort, was passiert war: Ich hatte mich so sehr bemüht, für diese Zeitung besonders klug zu klingen, dass ich meine eigene Stimme verloren und stattdessen einen hässlichen Bastard geboren hatte. Die Kritik las sich genauso, wie sich manchmal Briefe von Menschen lesen, die im Alltag wenig mit Schriftsprache zu tun haben, und sich nun Mühe geben, besonders “offiziell” zu klingen.

Weil die Zeit drängte, hatte ich keine Möglichkeit mehr, den Text zu überarbeiten und das Online-Portal veröffentlichte stattdessen eine Kritik aus einer anderen Zeitung. Ich bekam ein Ausfallhonorar (keine Selbstverständlichkeit) und einen Monat später auch eine zweite Chance, deren Ergebnis dann auch veröffentlicht wurde. Aber es war danach klar, dass sich keine erneute Zusammenarbeit ergeben würde.

Im Frühjahr des letzten Jahres durfte ich einen Vortrag auf einem Symposium halten. Wieder fühlte ich mich sehr geehrt, besonders, als sich anschließend die Möglichkeit bot, den Vortrag für die Veröffentlichung in einer akademischen Zeitschrift umzuarbeiten. Ich bin ja inzwischen seit acht Jahren nicht mehr an der Uni, aber ich interessiere mich nach wie vor für die akademische Welt und auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung würde ich sehr stolz sein.

Die erste Fassung des Artikels bekam ich von meinem Betreuer mit viel konstruktivem Feedback zurück. Unter anderem bat er mich, stärker auf den Fokus der Zeitschrift einzugehen. Ich überarbeitete den Artikel und er wanderte in den Review-Prozess.

Die Peer Reviewer schlagen zurück

Heute, ein gutes halbes Jahr nach der Einreichung, habe ich erfahren, dass die Peer Reviewer ihn nicht gut genug finden. Einige Kritik, vor allem zu fehlenden Hintergrundinformationen und Literatur, die ich vielleicht noch in Betracht ziehen sollte, hat sich mir erschlossen. Allerdings wurde auch mehrfach darauf hingewiesen, dass Stil und Struktur nicht akademisch genug seien und sich der Artikel “eher wie ein Blog” lese. Sie fanden das Thema interessant, aber ich hätte den Text noch einmal grundlegend überarbeiten müssen. Im Grunde wäre ich wohl nicht umhin gekommen, ihn neu zu schreiben und erheblich zu erweitern.

Was passiert, wenn ich so tue, als wäre ich jemand anderes, habe ich vor vier Jahren erlebt, als ich das erste Mal auf die Schnauze gefallen bin. Ich habe damals eine Weile mit mir gerungen, ob ich vielleicht einfach nicht gut genug für bestimmte Aufgaben bin, stattdessen habe ich mich aber entschieden, dass ich schreibe, wie ich schreibe. Das heißt nicht, dass ich der Meinung bin, es sei alles gut so, wie es ist und dass ich nicht an mir arbeiten muss. Aber ich möchte dabei “meine Stimme” nicht verlieren, von der ich weiß, dass manche Menschen sie auch schätzen. Es schien mir verlorene Lebenszeit, daran zu arbeiten, mehr so zu klingen, wie ich glaube, dass andere Leute gerne hätten, dass ich klinge.

Daher war ich heute zwar enttäuscht, dass mein Artikel nicht genommen wurde, aber ich habe mich auch sehr schnell dagegen entschieden, die große Emulationsmaschine im Keller anzuwerfen und mich in den nächsten Wochen damit abzustrampeln, so zu tun, als wäre ich ein Vollzeitakademiker. Ich habe den Luxus, dass ich meistens aus Spaß am Schreiben schreiben kann. Und vor allem dann, wenn ich nicht dafür bezahlt werde, möchte ich mir diesen Spaß erhalten. Dafür bin ich auch bereit, manchmal auf die Schnauze zu fallen.

Das lange Interview – Zwei Ansätze

Den ersten Podcast, den je gehört habe, habe ich wegen eines Interviews gehört. Jason Solomons hatte bei “Guardian Film Weekly” (inzwischen tot) meinen Lieblingsregisseur Danny Boyle zu Gast, der über Sunshine sprach (das Internet vergisst nichts). Das war im April 2007. Es dauerte nicht lange, bis Podcasts ein wichtiger Teil meines Medienkonsums wurden und Hörbücher als akustische Unterhaltung ablösten. Und obwohl ich nach einiger Zeit auch journalistische Storytelling-Formate entdeckte und lieben lernte, Interview-Podcasts sind bis heute ein wichtiger Teil meines Podcast-Menüs.

Das lange, ungeschnittene Gespräch gehört zu den wenigen journalistischen Formen, die dem Nutzer tatsächlich manchmal einen gewissen “echten” Einblick in die Weltsicht anderer Menschen erlauben. Ungefiltert durch das Auge eines Reporters und unbedrängt durch Formatierungen wie Einspieler und Zeitfenster kännen diese Personen mehr oder weniger erzählen, was sie wollen. Ähnlich wie bei Audiokommentaren gibt es natürlich auch in Interviews große Bandbreiten, wie authentisch Menschen sich präsentieren oder präsentieren dürfen. Manche reden wirklich relativ frei von der Leber weg, andere flüchten sich bei jeder Frage schnell in zurechtgelegte Anekdoten und sichere PR-Phrasen.

Immer die gleichen Fragen

Interessant finde ich als Meta-Beobachtung aber vor allem auch, wie unterschiedlich man Interviews führen kann. Zu meinen ersten Podcasts gehörten die langen Gespräche mit Drehbuchautoren von Jeff Goldsmith, die zunächst unter dem Titel “Creative Screenwriting” und seit einigen Jahren als “The Q&A” existieren. Goldsmith hat bereits hunderte Autoren interviewt und er stellt ihnen allen mit leichten Abwandlungen die gleichen Fragen. “What’s your breaking-in story?” “Do you get writer’s block, and if so, how do you battle it?” “What was your toughest scene to write, the one you kept going back to, and how did you creatively solve it?” Er nutzt sogar die gleichen Überleitungen. Ich weiß nicht, wie oft ich Goldsmith schon “Obviously, theme is important” habe sagen hören, um anschließend eine Frage über die Themen des Films zu stellen. Jedes Gespräch endet mit “You’ve been very generous with your time. Give it up again for …”. Goldsmith behandelt seine Gäste, meistens eben Drehbuchautoren, wie sehr wichtige Menschen. Er ist fast schon untertänig in seinen Fragen, hakt nie wirklich nach, winkt sofort ab, wenn jemand mit einer Frage ringt. Er ergreift immer die Seite seiner Partner und er findet grundsätzlich jeden Film “fantastic”.

Chris Hardwick ist da ganz anders. Der “Nerdist Podcast”, den ich seit deutlich kürzerer Zeit höre, besteht ebenfalls meist aus etwa 60- bis 90-minütigen Interviews, folgt aber einem Muster, das vom “Q&A” gar nicht weiter entfernt sein könnte. Wo es Goldsmith vor allem darum geht, sehr systematisch bestimmte Prozesse des Filmemachers abzufragen, folgt Hardwick der sehr viel klassischeren Form, es seinen Gesprächspartnern so gemütlich zu machen, dass sie irgendwann von selbst ins Plaudern kommen. Gegen Goldsmiths zurechtgelegte, oft etwas bemüht locker klingende Sprüche setzt Comedian Hardwick seinen natürlichen Witz und eine Bereitschaft, sich über sich selbst lustig zu machen.

The Ebb and Flow of Conversation

Dass dahinter durchaus System steckt, konnte man vor kurzem im Nerdist Podcast mit Bill Gates beobachten, wo ein argwöhnischer Pressemensch Hardwick nach kurzer Zeit ermahnen musste, dass es in dem Interview doch bitte um die Arbeit der Bill and Melinda Gates Foundation gehen soll und nicht um Gates’ nerdige Anfänge in den 70er und 80er Jahren. Hardwick entgegnet: “I know, but this is how the podcast works. It’s just the ebb and flow of a conversation.” Und tatsächlich kreiselt das Interview nach einigen Fragen über “Zork” und die Anfänge der Tech-Szene zurück in Gates’ heutiges humanitäres Engagement. Eine Mischung aus natürlichem Gesprächsverlauf und gezielten Steuerbewegungen, die im besten Fall dazu führen, dass die interviewte Person gar nicht merkt, dass sie interviewt wird. Genauso machen das gute Interviewer_innen seit Jahrzehnten.

Hardwick setzt noch eine weitere interessante Taktik ein. Er zieht gelegentlich die Karte seines eigenen Promilebens als Comedian, Moderator bei “The Talking Dead” und “@midnight” und Vorzeige-Nerd, um den Interviewten klarzumachen: “Ich bin einer von euch, ihr könnt mir alles erzählen, weil ich weiß, wie ihr euch fühlt.” Es ist erstaunlich, wie sehr das manche Gesprächspartner lockert und es ist eine Waffe, die kaum ein Journalist nutzen kann, abgesehen vielleicht von großen Late Show-Moderator_innen. Hardwick spielt es auch insofern in die Hände, als dass er vor allem herausfinden möchte, wie sein Gegenüber die Welt sieht und erlebt. Mit Paul McCartney spricht er kaum über Musik, weil er weiß, dass andere das längst gefragt haben. Stattdessen versucht er zu ergründen, wie das eigentlich ist, wenn man eine lebende Legende ist. Das Ergebnis ist oft so erhellend wie entlarvend.

Wie viele Antworten kann man geben?

Beide Ansätze, Hardwicks wie Goldsmiths, sind auf ihre Art erfolgreich. Interviewpartner_innen mögen Jeff Goldsmith, weil sie wissen, was sie zu erwarten haben und weil er ihre Eitelkeit akzeptiert. Sie kommen gerne in seine Screenings und lassen sich hinterher ausfragen, schenken ihm auch mal mehr als die 60 angesetzten Minuten Q&A-Zeit. Hörer_innen können das gleiche, faszinierende Gefühl erleben, wie wenn sie zu sehen bekommt, wie dutzende Menschen die exakt gleich geschnittene Hochhauswohnung unterschiedlich einrichten. Dadurch dass die Fragen immer ähnlich sind, spürt man erst richtig, wie viele unterschiedliche Antworten man auf eine Frage – etwa die nach der Schreibblockade – überhaupt geben kann.

Hardwicks Gäste sprechen gerne mit ihm, weil sie das Gefühl haben, ein Gespräch auf Augenhöhe führen zu können. Das ist nicht so effizient wie Goldsmiths Methode, weil in einem Gespräch auf Augenhöhe manchmal halt auch nichts entsteht, was für Personen außerhalb des Gesprächs von Interesse ist. Im besten Fall, und selbst in manchen schlechteren Fällen, führt es aber zu einem echten Einblick in ihre Welt und Persönlichkeit. Und dafür gibt es nach wie vor kaum eine bessere Form als das lange, aufgezeichnete Interview.

Bild: Chris Hardwick by Gage Skidmore. CC-BY-SA 3.0.