Warum haben die Medien so ein Problem mit Jan Böhmermann?

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was die restlichen Medien des Landes für ein Problem mit Jan Böhmermann​ haben. Erst das ganze Bohei um Varoufakis, dann die Aufregung um “Ich hab Polizei”, als ihm unterstellt wurde, er würde sich über niedrigere soziale Schichten lustig machen.

Und auch im aktuellen Interview mit dem Stern (Blendle-Link) zeigen sich die Journalisten wieder überrascht, dass der Mann im Herzen Moralist ist. Sie werfen ihm vor, einen Ironie-Panzer zu tragen und scheinen sich auf’s härteste zu bemühen, hinter sein dunkles Geheimnis zu kommen.

Dabei gibt es das doch augenscheinlich nicht. Es ist doch einfach glasklar, dass Jan Böhmermann persönlich sehr bestimmte Werte vertritt. Er ist für Offenheit und kritisches Denken und er steht auf der Seite der Unterdrückten, wie es jeder kluge Mensch tun sollte. Trotzdem schlägt er mit seiner Satire natürlich gegen alle, die sich wie Idioten verhalten – egal ob das Gangsterrapper oder Polizisten, Politiker, YouTube-Stars oder Sportfunktionäre sind. Er kämpft einen Kampf gegen Ignoranz und Dummheit, ist sich aber trotzdem für selbstbewusste Albernheit nicht zu schade. Warum ist das so schwer zu verstehen? South Park macht das seit 18 Jahren.

Ist die deutsche Medienkaste wirklich immer noch nicht aus ihrem Jacuzzi aus Selbstgefälligkeit und Intrigantentum aufgestanden? Kann sie wirklich nicht verstehen, dass es Menschen in ihrer Branche gibt, die Überzeugungen haben und Intelligenz demonstrieren wollen und nicht nur darauf aus sind, den eigenen Ruhm und das eigene Geld zu mehren?

Stefan Niggemeier​ hat mal einen entscheidenden Satz geschrieben, nachdem er in der “Bild- und Tonfabrik” zu Gast war: “Das sind keine Hipster hier, es sind Nerds.” Darin liegt der entscheidende Unterschied. Die einen nutzen Ironie, um sich vor der Welt zu verstecken, die anderen, um der Welt offensiv entgegenzutreten. Es ist traurig, dass an so vielen Orten nur die erste Art bekannt zu sein scheint.

Mit diesen drei Richtlinien können Nerds dem Empfehlungsdilemma entgehen

Mein Freund Simon ist der größte Brettspiel-Nerd, den ich kenne. Er arbeitet freiberuflich in der Spielebranche und seine Wohnung gleicht einem Ausstellungsraum für Brettspiele jeder Form und Farbe. Mir war also klar, an wen ich mich Ende Oktober wenden würde, als ich vorhatte, ein neues Spiel zu kaufen. Bis sich folgender Dialog im Facebook-Messenger entspann:

Alex: Hi! Kathi und ich fahren nächste Woche in Urlaub. Kennst du noch ein gutes kompaktes Spiel für zwei, das ich mitnehmen könnte?

Simon: Ich kenne einige, habe auch einige und kann entsprechend einige empfehlen… :) Kommt ein bisschen drauf an, was ihr mögt.

Alex: Ich weiß nicht so richtig, was wir mögen. Wir hatten Spaß am “Siedler”-Kartenspiel und an “Mr. Jack“. Ich wollte gestern am liebsten “Munchkin” kaufen, aber das geht ja erst ab 3 Spielern. Ist das eine Orientierung?

Simon: Du meinst, das 2-Personen-Kartenspiel für Siedler, richtig? Ja, das finden wir auch super. Schon lange nicht mehr gespielt, allerdings – kostet dann doch etwas Zeit. So, wie ich das herauslese, sollte das Spiel thematisch eingekleidet sein, weniger abstrakt. Und auch eher kein 2-Stunden-Spiel, sondern eher was kürzeres, das man ggf. öfter spielen kann. Und sollen es primär 2-Personen-Spiele sein (also reine ebensolche), oder Spiele, die auch mit mehreren gespielt werden können?

Alex: Meistens sind wir zu zweit. Das Thematische ist wurscht. Wir wollen nur im Urlaub auch mal was anderes machen als Fernsehen gucken, essen und lesen :)

Simon: Ah. Wie schauts mit der Spiellänge aus? Ich hab da durchaus involvierte, lange Spiele, aber auch Spiele mit “normaler” Länge, oder sogar kurze :) Ist die Frage – lieber ein Spiel lang, oder ein Spiel mehrfach… :)

Alex: Egal. Kurz ist praktischer, aber wenn das lange Spiel gut ist nehm ich auch das

Simon: Okay, dann lass mich mal überlegen. Ich kann allerdings nicht garantieren, dass es die Spiele noch alle gibt. In Berlin solltet ihr aber mehr Chancen haben, denke ich… Das dauert jetzt etwas, da ich eine etwas größere Liste bzw. Auswahl vorschlage. Jeweils mit Link zu einschlägigen Foren, damit ihr weitere Infos/Bilder kriegt, falls es interessant klingt
Ich mach mir grade nen Tee, dann setz ich mich dran… :)

Alex: Simon, empfiehl mir doch einfach was Einfaches, was ich überall bekomme und womit wir zu zweit ein bisschen Spaß haben können.

Simon: Wenn das so einfach wäre.

Ich war hin- und hergerissen. Einerseits war ich zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich genervt, weil ich doch eindeutig einen Experten gefragt hatte. Warum war dieser Experte nicht in der Lage, meine doch irgendwie einfache Frage auch einfach zu beantworten? Andererseits konnte ich Simon verstehen. Wenn man als Experte schon mal gefragt wird, dann möchte man natürlich auch sein gesamtes Expertenwissen anwenden (was ja schließlich sonst so selten Leute interessiert).

Die vermittelnde Instanz fand ich im Journalismus. Dort geht es schließlich auch darum, umfangreiches Wissen so zu filtern und aufzubereiten, dass es auch von jenen verstanden werden kann, die das Wissen nicht besitzen. Und auch wenn die Verfechter der aktivistischen Filmkritik den Charakter der Filmkritik als Dienstleistung ablehnen, ist es doch genau eine Dienstleitung, die sich viele Konsumenten mindestens von einer Filmkritik erwarten. Eine Antwort auf die Frage: Sollte ich mir diesen Film ansehen? Ich weiß, “Here I am, brain the size of a planet, and they ask me to take you to the bridge.” Aber trotzdem.

“Kannst du mir einen Film empfehlen?” ist die Frage, die ich als Filmmensch nach “Kannst du Filme noch normal gucken?” und “Was ist dein Lieblingsfilm?” wahrscheinlich am häufigsten gestellt bekomme. Und weil ich ungerne ein Snob bin und gerne gute Antworten gebe, halte ich mich bei dem, was ich daraufhin sage, an drei einfache Richtlinien, die ich hiermit allen Nerds ans Herz legen will. Eure Freunde werden sich bei euch bedanken und euch als Empfehlungsgeber weiterempfehlen. Garantiert!*

1. Denkt in breiten Kategorien

Ihr seid Experten und kennt euer Feld viel feinkörniger als jeder Laie. Ihr sortiert euer Interessensgebiet nach Schulen, Ländern, Branchenkategorien. Aber mit diesem Insiderwissen verwirrt ihr euer Gegenüber nur. Dem genügen vermutlich die Einordnungen, wie sie in einer Kaufhausabteilung gemacht wurden. “Komödie”, “Drama”, “Musical”. “Rock”, “Pop”, “Dance”. “Krimi”, “Historischer Roman”, “Liebesschnulze”. Zwingt euch, für einen Moment ebenfalls in diesen Kategorien zu denken. Wenn eure Gesprächspartnerin ein Beispiel nennt, was sie gerne mochte, ordnet dieses Beispiel möglichst weit ein. Wenn sie sagt: “Ich mochte Willkommen bei den Sch’tis.”, denkt nicht: Okay, sie mag französische Filme von und mit Dany Boon, die sich über lokale Besonderheiten lustig machen und mindestens zehn Millionen Zuschauer hatten. Denkt: “Sie mag lustige Filme. Und sie hat nichts gegen europäisches Kino.” Empfehlt ihr schweren Herzens Ziemlich beste Freunde, falls sie den nicht eh schon kennt.

2. Sortiert nach Erhältlichkeit

Simons erste Empfehlung auf meine Frage oben (“7 Wonders – Duel”) hätte ich online bestellen oder in einem Fachhandel suchen müssen. Ich hatte aber tatsächlich relativ wenig Zeit und wollte am liebsten in den nächsten Karstadt marschieren und es noch schnell mitnehmen. Aus demselben Grund empfehle ich Leuten, die mich nach Filmen fragen, am liebsten Filme, die gerade noch im Kino laufen oder überall einfach auf DVD zu haben sind. Denn auch wenn ihr bereit seid, für die perfekte Perle lange und hartnäckig zu graben, heißt das nicht, dass euer Gegenüber genau so denkt. Wenn ihr bei eurer Empfehlung seine Bedürfnisse mitdenkt, heißt das auch, dass ihr es ihm einfach machen solltet, eurer Empfehlung auch nachzukommen. Sonst steht die Chance hoch, dass ihr euch viele Gedanken gemacht habt, aber nie erfahren werdet, ob der Tipp ein guter war.

3. Macht es euch selbst nicht so schwer

Auch wenn es euch vielleicht Spaß macht, euer ganzes Wissen in den Ring zu werfen, lange an einer perfekten Lösung zu tüfteln und die Fragenden im Zuge dessen ein bisschen zu bilden, ihnen am besten noch eine Auswahl zu geben, aus der sie selbst wählen können: Widersteht der Versuchung! Sie macht dem anderen unnötige Arbeit. Als Experten solltet ihr auch wissen, welche Kulturprodukte allgemein beliebt sind. Nennt erstmal das nächstbeste, was euch passend vorkommt. Wenn die Fragende das Empfohlene schon kennt, geht eine Schicht tiefer und nennt etwas, was viele, aber nicht alle mögen (in Reiseführern und Fernsehzeitschriften gerne hyperbolisch “Geheimtipps” genannt). Ein solches Schichtensystem sorgt im besten Fall dafür, dass ihr die fragende Person sanft an einen (eurer Meinung nach) guten Geschmack heranführt, statt von vornherein dutzende Kategorien abzufragen, über die sie sich vermutlich vorher nie Gedanken gemacht hat.

Diese Richtlinien sind übrigens genau das: Richtlinien. Keine in Stein gehauenen Gebote. Wenn euer Gegenüber ebenfalls so seine Obsessionen und Zeit hat, kann es Spaß machen, gemeinsam auf die Suche nach der perfekten Empfehlung zu gehen. Oder die Fragende ist ohnehin so informiert, dass sie bitte einen außergewöhnlichen Tipp haben will und eben nicht eine allgemeine, einfache Empfehlung. Ich selbst stelle solche Fragen allerdings eher selten, selbst in Gebieten, in denen ich mich nicht auskenne, weil die Gefahr, danebenzulangen, viel größer ist. Und ich bekomme sie auch nur selten gestellt.

Case in Point:

Simon: Stell Dir mal vor, ich frag Dich nach nem spannenden, lustigen Film

Alex: Naja, ich werde das ja auch öfter gefragt und ich habe das geübt ;). Zum Beispiel würde ich dir bei spannend und lustig momentan empfehlen … Man from UNCLE.

Simon: Ja, Man from U.N.C.L.E. steht auf der Liste.

* nicht garantiert

Bild: Allan Ajifo, CC-BY 2.0

Real Virtualinks 49/15

videotheken: weggeströmt

Felix Schwenzel antwortet auf einen Vox-Artikel, in dem ein Videothekar seinen Arbeitsplatz verteidigt, und widerlegt seine Argumentation nach meinem Dafür- und Streamingdienstverhalten) sehr schlüssig.

Der Verlust der Physischen Realität (Teil 1)

Sven von Reden zeigt auf kino-zeit gerade ausführlich und angenehm systematisch auf, wie unser Computer-Leben immer schwieriger filmisch darstellbar wird. Meiner Ansicht nach hat das ganze allerdings auch noch eine ideologische Dimension (dazu im nächsten Jahr zu gegebener Zeit mehr).

Home Invasion

Peter Jackson kann immer noch nicht schauspielern. Seine Tochter Katie hingegen, die Mittelerde-Fans ja ebenfalls auf der Leinwand haben aufwachsen sehen, macht sich ganz gut.

2015 Salute to Cinema

Jetzt geht es wieder los mit jener gleichzeitig schönsten und schlimmsten Zeit des Jahres, in der wir zurückblicken, weil wir bestimmt haben, dass an einem willkürlichen Termin etwas Neues beginnt. (Final Cut ist eigentlich noch besser)

573: Status Update

Die jüngste Folge von This American Life geht in zwei ihrer Segmente sehr interessanten Fragen nach: Welche geheime Statussprache benutzen Teenager-Mädchen in der Kommentierung ihrer Selfies? (Hier als Text zusammengefasst) Wie verändert sich das Verhältnis zum besten Freund, wenn dieser plötzlich reich und berühmt wird?

Die Zukunft des Kinos. Oder in Zukunft ohne das Kino? Teil 3

Joachim Kurz hat in Mannheim einen Vortrag zur Zukunft des Kinos gehalten, der in drei Teilen auf kino-zeit.de online steht. Er bietet einen guten Überblick, enthält aber wenig Neues für Leute, die sich sowieso mit Digitalisierung, Video on Demand und co beschäftigen. Im dritten Teil jedoch wagt Joachim auch eine Zukunftsvision, die ich gar nicht so abwägig finde. Multiplexe und Arthäuser werden zu Event-Palästen, jedes auf seine Art – und die FIlmkunst könnte sich im kommunalen Kino wiederfinden: In “zentral gelegenen, fachkundig geführten, offenen Orten der Begegnungen mit anspruchsvollen Filmen, mit Meisterwerken aus der Vergangenheit, mit Reihen, die Epochen, Genres, Ländern und manchmal auch Seiten- und Holzwege der Filmgeschichte präsentieren. In meiner zugegeben vielleicht etwas naiven Vorstellung besitzt eine solche Kinemathek die gleiche Wichtigkeit und eine nahezu identische finanzielle Ausstattung wie ein Stadttheater, ein städtisches Orchester oder eine Stadtbücherei.”

Sisters – The Farce Awakens

Tina Fey und Amy Poehlers Film Sisters kommt am gleichen Tag wie Star Wars in die US-Kinos. Also haben die Comedy-Göttinnen eine unfassbar gute Parodie auf das Star Wars-Comic Con-Reel gedreht. ‪#‎youcanseethemboth‬

Ann Powers: Werden Alben wie Filme?

Im Podcast von NPRs Musiksendung All Songs Considered entspann sich heute eine interessante Diskussion:

Robin Hilton: If you asked me, what was my favorite record this year, I’d say the Sufjan Stevens record by far and I feel like I listened to that record a million times. And I went to my iTunes and looked at the play count. 18 Times.

Ann Powers: Wow.

Robin: 18 Times I listened to that record.

Bob Boilen: I threw out a poll yesterday that asked people: favorite album, how many times did you listen to it? And 50 percent of the people listened to their very favorite album of the year less than 20 times. So that means they can go two weeks without hearing the record. That surprised me.

Robin: There’s no time for … I felt like, to dig deep into the record.

Bob: I wonder what that means to an artist as deep a Björk.

Ann: Well, I have an opinion about that. Maybe certain albums are becoming more like films. You don’t … I mean, people who love films are seeing them over and over again, but others see a film once or possibly twice. Maybe this is a good listening practice to consider: take a record like [Björk’s “Vulnicura”], when you’re listening to it, treat it like a film. Truly immerse. Don’t do the dishes. Don’t be on your phone, playing minecraft or whatever the kids play these days …

Robin: Mind Candy Crush Craft?

Stephen Thompson: Stop it with your Pacman and your Donkey Kong.

Ann: Just listen to the music, people.

Stephen: It think that is a really good point. Think about your favourite movie of all time. How many times have you seen it? I’m not even sure my favorite movie is the one I’ve seen the most. A movie like Eternal Sunshine of the Spotless Mind, I’ve only seen a few times, but it’s constantly spinning in my memory.

Ann: So true. Unlike Mean Girls, which I have seen 3.000 million times, because my 12-year-old is obsessed with it.

Seit es Playlists und mp3-Player gibt, höre ich meine Lieblingsalben definitiv nicht mehr so oft. Everything Everythings Album Get to Heaven, wahrscheinlich mein Lieblingsalbum des Jahres, hat auf meiner Last.fm-Seite gerade mal 97 Plays insgesamt, einzelne Songs habe ich nur vier mal gehört, “No Reptiles”, meinen Lieblingssong vom Album, 14 mal. Bewusst ganz gehört habe ich es wahrscheinlich dreimal. Meinen Lieblingsfilm aller Zeiten, 2001: A Space Odyssey, habe ich fünf Mal gesehen, ebenfalls so bewusst, dass ich mich an jedes einzelne Mal erinnern kann (auf VHS, im Kino, im Kino, auf DVD, auf BluRay).

Der Hauptgrund dafür ist sicher, dass einem so viel mehr Inhalte jederzeit zur Verfügung stehen. Aber ich glaube ja, dass man deswegen nicht trotzdem entspannt sein kann.

Real Virtualinks 48/15

So läuft das nämlich. Man kündigt großspurig eine neue, regelmäßige Kurationsrubrik an und in der nächsten Woche ist man erstmal so beschäftigt, dass man kaum dazu kommt, etwas zu lesen, geschweige denn zu empfehlen.

Der Star-Wars-Film, der im Giftschrank landete

Rajko Burchardt bemüht sich wie immer redlich, die Filmgeschichte gegen den Strich zu bürsten. Diesmal argumentiert er, das verhöhnte Star Wars Holiday Special sei ein Fenster zu einem anderen Star Wars, nicht durchmythologisiert und kanonisiert, sondern camp und offen, wie die Vorbilder des ersten Films. Gar nicht mal dumm.

Welcome to the Age of the Legacyquel

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber das Kunstwort. Matt Singer macht aus dem “Soft Reboot” das “Legacyquel”

Review: Samsung Gear VR

Der zentrale Satz aus Peter Rubins euphorischer Review des Samsung Gear VR ist “Don’t look now, but your next three-hour flight just became a private matinee screening.”
Eine ganz neue Generation von “Smombie”-Aufreger-Bildern auf Facebook kommt auf uns zu. Nehmt doch mal eure verdammte VR-Brille ab und schaut mal wieder auf euer Smartphone, das ist wenigstens real.

Ein ausgeruhtes, zurückgelehntes Feuilleton

Die Überschrift finde ich nicht so gut gewählt, aber Frédéric Jaeger spricht ausführlich und zumindest für Insider sehr interessant mit der ehemaligen “taz”-Filmchefin Cristina Nord.

Das beste am Civil War-Trailer (außer Falcon)

Alex Matzkeit’s Reviews > The Last Tycoon

Ich habe F. Scott Fitzgeralds unvollendeten Roman The Last Tycoon gelesen, dessen Hauptfigur, so heißt es, Irving Thalberg nachempfunden ist. Eine schöne Sache am Buch steht nicht in meiner Kurzkritik. Das Zitat “The cleverly expressed opposite of any generally accepted idea is worth a fortune to somebody“, was sich nur in Fitzgeralds Notizen findet, aber wunderbar den Kreis zur ersten Linkempfehlung diese Woche schließt.

Real Virtualinks 47/15

Die Bekanntschaft mit Felix hat mich dazu gebracht, im Hinterkopf häufiger über Kuration nachzudenken, als ich das vorhatte. Ich hatte ja schon in einem Post am Ende des Sommers darüber sinniert, dass ich bei “Real Virtuality” gerne auch wieder etwas aggregieren und kuratieren würde, mir aber eigentlich die Zeit dafür fehlt.

Ich glaube, ich habe ein Modell gefunden, dass die Arbeit ein bisschen verteilt und es deswegen möglich macht. Ich werde ab sofort in diesem Blog einmal pro Woche unter dem Titel “Real Virtualinks” Verweise auf Inhalte im restlichen Web präsentieren. Diese sind das Aggregat von Links, die ich unter der Woche schon auf der Real Virtuality Facebookseite und in der Regel auch auf Twitter geteilt und kommentiert habe. Auf diese Weise kann sich jeder den Kanal raussuchen, der ihm am besten gefällt – aber auf jeden Fall verschwinden die Links und die Kurztexte dazu nicht in der Tiefe des Facebook-Feeds.

Empfehlungsgedöns

Zum Einstieg. Weil es passt

Against Subtlety: The Case For Heavy-Handedness in Art

Nicht nur in meiner “Kommerzkacke”-Kolumne war ich ja schon immer eher ein Fan von “Viel hilft viel”-Filmen. Forrest Wickman hat dafür jetzt auf Slate.com großartig argumentiert.

Intro-‘Spectre’-ion: Where Does James Bond Go From Here?

Jacob Hall, der für “Slashfilm” und “ScreenCrush” schreibt, ist einer der interessantesten neuen Autoren in der US-Filmblogosphäre. Er beteiligt sich genau wie viele von uns gerne an Spekulationen, aber hat dabei einen relativ fundierten Stil ohne allzuviel Snark. Case in Point: Dieser Bond-Artikel, in dem er über Vergangenheit und Zukunft des Helden reflektiert. Wenig Neues, aber ein gut geschriebener Überblick, der zum Nachdenken anregt.

J.J. Abrams, Star Wars Superfan, on Directing The Force Awakens

Dieses Interview mit J. J. Abrams von der amerikanischen “Wired” ist schon etwas älter, aber wirklich lesenswert, wenn man sich für das Fans-werden-zu-Kanon-Erschaffern-Phänomen interessiert, das ich im Blog regelmäßig anschneide. Abrams reflektiert sehr gut seine Rolle als zentrale kreative Figur in einem Mahlstrom aus Marketing, Fandom und Erwartungsmanagement.

Sci-Fi’s Hugo Awards and the Battle for Pop Culture’s Soul

Die Diversity-Debatte in der aktuellen Science-Fiction-Szene, die ich in meinem jüngsten Post zu “Tomorrowland” und “The Martian” angeschnitten habe, wurde in der aktuellen “WIRED” noch einmal sehr gut zerlegt und zusammengefasst.

You Won’t Live to See the Final Star Wars Movie

Mein Lieblings-“WIRED”-Autor Adam Rogers hat in einem Artikel so ziemlich alles zusammengefasst, an dem ich mich in den letzten fünf Jahren abgerackert habe. Das einzige Problem ist, dass er wieder einen neuen Begriff einführt: “Paracosm”. Aber damit kann ich leben.

An Honest Film Review

Im “New Yorker” hat Schauspieler Jesse Eisenberg das verfasst, was er “an honest film review” nennt. Dort zementiert er die unter Filmprofis gerne vertretene Meinung, dass Filmkritiker verbitterte Menschen sind, die Filme aus persönlichen Minderwertigkeitskomplexen niedermachen. Ist trotzdem lustig zu lesen.

The Problem with The Battle of Five Armies

Obwohl der Film eine ziemliche Katastrophe war, freue ich mich sehr auf meine Extended Edition von The Hobbit: The Battle of the Five Armies, die nächste Woche erscheint – besonders wegen des Making-of-Materials. Auf YouTube ist bereits ein Video aufgetaucht, dass das zentrale Problem der gesamten Trilogie zeigt: Produktion ohne Plan.

Erster Animationsfilm vor 20 Jahren – “Toy Story” war anfangs ein riesiger Flop

Für den epd-Featuredienst habe ich eine Geschichte zu 20 Jahren Toy Story geschrieben. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung / HAZ hat ihn online veröffentlicht – leider ohne Autorenangabe und mit einer irritierend falschen Überschrift

Sollte mir “Real Virtualinks” auf lange Sicht übrigens doch zu viel Zeit rauben, werde ich es wieder einstampfen. Aber eure Meinung interessiert mich trotzdem. Wollt ihr das lesen?

Blick in die Blogosphäre: Andrea David schreibt über Filmreisen

Bitte mal Handzeichen, wer im Urlaub schon einmal einen Umweg gemacht hat, um bei einem Filmdrehort vorbeizufahren? Oder sogar einen Urlaub nur gebucht hat, weil er den Ort im Film gesehen hat. Andrea David hat daraus ihren Beruf gemacht, sie nennt es “Setjetting”. Mit ihrem Blog Filmtourismus.de, in dem sie Drehorte und deren touristische Erschließung sammelt, hat sie eine echte Nische entdeckt und ist damit – irgendwo zwischen Geek-Journalismus und Reise-PR – recht erfolgreich. Diese völlig andere Herangehensweise ans “Filmbloggen” fand ich von Anfang an so faszinierend, dass ich Andrea unbedingt ein paar Fragen stellen wollte. Per E-Mail hat sie mir erzählt, wie sie zu dem Projekt kam, wie sie sich vorbereitet und wo sie noch hinmöchte.

Kannst du erzählen, wie du zum Bloggen gekommen bist und dann dazu, dich genau so zu spezialisieren, wie du es getan hast?

Als ich auf das Thema Filmtourismus kam, hatte ich mit Bloggen noch überhaupt nichts am Hut. Ich habe Tourismusmanagement studiert und war auf der Suche nach einem spannenden Thema für meine Diplomarbeit. Inspiriert wurde ich durch eine Reise nach Schottland, bei der ich eher zufällig auf bekannte Filmdrehorte aus Highlander, Braveheart und Ritter der Kokosnuss stieß. Zur gleichen Zeit warb auch Neuseeland für sich als “Mittelerde”. Mich faszinierte vor allem, wie die Filmbilder den Orten eine neue Story und damit auch Bedeutung gaben. In Deutschland gab es dazu fast keinen wissenschaftlichen Stoff und so entschied ich mich, in meiner Arbeit den Einfluss von Filmen und Serien auf unsere Reiseentscheidungen untersuchen, machte Umfragen im Kino usw.

Während ich meine Diplomarbeit schrieb und Beispiele dazu sammelte, kam ich schließlich selbst auf den Geschmack, hin und wieder gezielt Filmdrehorte zu besuchen. Im Laufe der Zeit haben sich durch mein neues Hobby sehr viele Infos angehäuft, die ich irgendwann online mit anderen Filmfans teilen wollte. So entstand bereits vor einigen Jahren unter filmtourismus.de eine kleine Datenbank mit Drehortinfos. Erst seit anderthalb Jahren berichte ich auf der Seite auch über meine Reisen.

Du bist ja eher Reisebloggerin mit Filmschwerpunkt als umgekehrt. Bedeutet das was? Wie sehr siehst du dich überhaupt als Filmgeek?

So hundertprozentig passt mein Blog wohl in keine Schublade. Aber das ist auch nicht so wichtig. Ich mache keine klassischen Filmbesprechungen, da die Leute sich auf der Seite vordergründig für die Drehorte interessieren. Auch unter den Reisebloggern habe ich meine eigene Nische, da ich einen Ort auf eine ganz andere Art und Weise erkunde und beschreibe. Da ich lange in der Tourismusbranche gearbeitet habe, setze ich diese Brille vermutlich einfach etwas öfter auf. Ich bin jedoch auch absoluter Filmgeek!

Wie läuft deine Arbeit typischerweise ab. Wirst du meistens eingeladen? Unternimmst du Reisen selbstständig? Machst du das nur in deiner Freizeit oder kannst du das auch manchmal refinanzieren?

Früher waren das alles private Reisen in meiner Freizeit. Seit ich selbständig arbeite, bin ich auch öfter mal auf Pressereisen oder gebe Workshops zum Thema Filmtourismus. Wo immer ich gerade unterwegs bin, strecke ich meine Fühler auch nach Filmschauplätzen aus.

Wie bereitest du dich auf deine Filmreisen vor? Ich sehe später immer die Fotos, wo du die Filmbilder in die Szenerie hältst. Ist das immer so einfach?

Im Idealfall sehe ich mir alle Filme, die am Reiseziel gedreht wurden, noch kurz vorher an, um die einzelnen Szenen leichter zuordnen zu können. Zur besseren Wiedererkennung mache ich mir dann ein paar Screenshots, die ich ausgedruckt mit auf Reisen nehme. Sie helfen auch dabei, vor Ort konkret danach fragen zu können. Gerade wenn es sonst keinerlei Hinweise auf den Drehort von Seiten des Filmverleihs und des Tourismusamtes gibt. Irgendwann kam ich auf die Idee die Fotos entsprechend in die Szenerie zu halten und davon wiederum Bilder zu machen. Es klappt aber nicht immer, da man manchmal den ursprünglichen Kamerawinkel nicht einnehmen kann. Aber es macht Spaß und man sorgt damit vor Ort öfter mal für Aufsehen. In Kambodscha hatte ich zum Beispiel plötzlich ein paar Touristen aus Korea um mich herum versammelt, die sich plötzlich alle für den “Tomb-Raider-Baum” in Angkor interessierten.

Interessieren dich Filme mit interessanten Drehorten mehr bzw. ist das die Hauptbrille geworden, durch die du Filme betrachtest?

Nein, das kann man so nicht sagen. Ich mag auch viele Filme, die bezüglich ihrer Drehorte weniger interessant sind. Und es gibt natürlich Filme mit großartigen Drehorten, die leider ziemlich schlecht sind, wie bspw. The Tourist … Allerdings ertappe ich mich vor Bildschirm und Leinwand hin und wieder dabei, wie ich mich frage, wo eine bestimmte Szene aufgenommen wurde. Vor allem, wenn sehr viel von der Landschaft zu sehen ist oder die Skyline einer Großstadt eingeblendet wird. Filme, deren Drehorte ich schon besucht habe, wirken später wie eine Art Reiseerinnerung auf mich.

Was geht in dir vor, wenn die Reiselocation vielleicht mal interessanter ist als der Film (oder warst du großer Fan von Hangover 2)?

Bei den Hangover-Locations hat mich insbesondere interessiert, wie die Filme, die ja super erfolgreich waren, wiederum die Schauplätze beeinflusst haben. Also insbesondere die Hotels und ob diese sich trauen, es für ihr Marketing zu nutzen oder eben nicht. Fast unabhängig vom Film, macht es jedoch immer wieder Spaß, die Drehorte aufzuspüren. Es hat so ein bisschen was von Geocaching.

Sammelst und liest du auch andere Beiträge zu Drehorten und Dreharbeiten, um informiert zu sein?

Ja, eigentlich laufend. Ich kann nicht immer und überall vor Ort recherchieren und von Jahr zu Jahr ändert sich auch recht viel. Mittlerweile helfen auch die Nutzer selbst mit, die Inhalte up to date zu halten und schicken mir hin und wieder sogar aktuelle Fotos zur Verwendung. Das hilft mir sehr, die Seite aktuell zu halten.

Wie sind die Reiseblogger so drauf, wie funktioniert deren Vernetzung untereinander? Trifft man sich dann ständig am anderen Ende der Welt?

Es gibt in der Reiseblogger-Szene eine sehr gute Vernetzung und ein reger Austausch an Gastbeiträgen, Round-Up-Posts, etc. Auf Reisen trifft man sich leider eher selten, dafür auf Netzwerk-Veranstaltungen, Seminaren und Messen.

Hast du auch das Gefühl, dass Filmtourismus so eine Sparte ist, die erst vor kurzem so richtig als Tourismusinstrument entdeckt wurde? Verstärken die entsprechenden Firmen da jetzt ihre Bemühungen?

Für den deutschen Markt trifft das auf jeden Fall zu. Da ich selbst mit Fachvorträgen und Workshops viel Lobbyarbeit für das Thema mache, freue ich mich natürlich über diese Entwicklung.

Was sind deine nächsten Ziele? Wo willst du unbedingt noch hin, wo du noch nicht warst?

Ich komme gerade aus Sölden zurück, wo der neue James-Bond-Film Spectre gedreht wurde. Meine nächsten Ziele in diesem Jahr sind die Warner Bros. Studio Tour in London (Harry Potter) sowie Malta (Game of Thrones, By the Sea und viele andere). Meine Sehnsuchtsziele in Sachen Filmschauplätze sind Island und Hawaii. Zumindest an eines der beiden werde ich es nächstes Jahr hoffentlich schaffen.

Bonusfrage: Mir ist aufgefallen, dass in deiner „Andere Blogger erzählen ihre Lieblingsdrehorte“-Liste mehrfach The Beach auftauchte. Das hat mich doch etwas gewundert, denn The Beach handelt ja gerade davon, wie genau die ultimative Utopie vom Reisen sich in einen Alptraum verwandelt. Schräg, dass so viele „Traveler“ den Film so mögen, oder?

Ich denke, dass liegt einfach daran, dass der Strand durch The Beach, einer der wohl bekanntesten Backpacker-Filme, sehr berühmt wurde. Ob die Story negativ oder positiv ist, spielt dabei meist keine Rolle für den Filmtourismus. Ein Beispiel: Auch das Hotel aus The Shining ist immer noch Ziel vieler Filmtouristen, obwohl es im Film ein Ort des Alptraums wird. Der Strand ist übrigens, abgesehen von den Menschenmassen, wirklich paradiesisch.

Alle Bilder: © Andrea David. Der einfachste Weg, Andreas Projekte zu verfolgen ist über ihre Facebookseite oder ihren Instagram-Account. Dort gibt es auch noch mehr Screenshot-Fotos. Aber man wird auch sehr schnell neidisch.

Rückentbündelung. Watchever und die alten Kathodenstrahlröhren

Frank Underwood starrt einem in Berlin gefühlt von jedem zweiten Werbeplakat entgegen. Unter markigen Sprüchen über politisches Kalkül empfiehlt die Hauptfigur der Serie House of Cards dem Betrachtenden zusätzlich ein Abo beim Weltmarktführer für das Streamen von Videoinhalten, Netflix. Auf der anderen Hälfte der Plakate wirbt Netflix’ größter Konkurrent, der deutsche Marktführer Amazon Video, mit einem dramatischen Motiv für die Serie Hand of God, in der Ron Perlman beim Anblick eines Tauben-Mobiles in blutige Tränen ausbricht (das verspricht zumindest das Poster).

Verdächtig abwesend in diesem Krieg der Video-on-Demand-Anbieter ist Watchever, die deutsche Tochter des französischen Konzerns Vivendi, deren Werbekampagne mit Til Schweiger man noch vor einiger Zeit kaum entkommen konnte. Dabei hat das Portal erst Anfang Oktober mit viel Getöse einen Relaunch hingelegt, um dem dramatischen Absturz von Nutzern seit dem deutschen Netflix-Start entgegenzuwirken.

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Podgast (X) – Zu SPECTRE auf der “CineCouch”

Ich habe mich sehr gefreut, als mich Jan vom Podcast “CineCouch” gefragt hat, ob ich bei ihnen in einer Folge zu Gast sein möchte – denn immerhin speist sich das Team von “CineCouch” aus meiner Alma Mater, dem filmwissenschaftlichen Institut der Uni Mainz und ich wollte schon immer mal mit ihnen was machen. Gemeinsam reden Jan, Michi und ich eine gute Stunde über den neuen Bond-Film SPECTRE, von dem wir (Spoiler!) alle nicht besonders begeistert waren.

Zum “CineCouch”-Podcast

“Kommerzkacke”: Die perfekte Abschlussnummer

“Das ist doch alles Kommerz!” Mit wenigen Sätzen kann man eine Diskussion über Filme schneller beenden. Kommerz, das wollen wir ja nicht, das ist das Gegenteil von Kunst. Kunst ist Ausdruck individuellen Empfindens und entsteht aus sich selbst heraus. Kommerz hat Geldmacherei zum Ziel, deswegen strebt er auch nicht nach Schönheit und Wahrheit, sondern nach größtmöglichem Massenzuspruch.

Mein Kopf wird bei Filmen und andere Kulturprodukten, die eindeutig kommerzielle Ziele verfolgen, erst so richtig wach. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie sich nichtkünstlerische Ziele wie Vermarktbarkeit in einem Produkt künstlerisch niederschlagen können und dieses Produkt deshalb funktioniert – oder eben gerade nicht. Das “perfekte” Produkt, das sehr präzise auf einen bestimmten Markt kalibriert wurde, hat eine eigene Erhabenheit. Um den Versuch, diese zu beschreiben (und manchmal vielleicht auch darüber zu lachen), soll es bei “Kommerzkacke” gehen.

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