Zum aktuellen Stand des Marvel Cinematic Universe – Real Virtuality Podcast #4

In den USA ist am vergangenen Dienstag eine BluRay-Box mit dem Titel Marvel Cinematic Universe: Phase 1 – Avengers Assembled erschienen, meiner Ansicht nach das erste Mal, dass Marvel den Begriff “Marvel Cinematic Universe” nicht nur intern, sondern auch im Marketing benutzt. (Auf Nachfrage hat mir Disney Deutschland übrigens gesagt, dass nicht geplant ist, die Box auch in Deutschland zu veröffentlichen)

Höchste Zeit also – auch mit dem Start von Iron Man 3 im Mai – meiner Obsession mit Marvels ambitioniertem Franchiseprojekt mal wieder Raum zu geben. Diesmal bin ich aber nicht alleine. Als Mitdiskutanten habe ich mir Comicfan Michael Timpe, Marketing-Spezialist Norbert Hillinger* und Medienwissenschaftlerin Aileen Pinkert eingeladen. Gemeinsam sprechen wir eine knappe Stunde lang über den aktuellen Stand des filmischen Universums und spekulieren, wie es wohl weitergeht.

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Vielen Dank an meine drei Panel-Partner und ein Extra-Dankeschön an alle Retweeter, die mich zu ihnen geführt haben.

* man beachte die Blogosphäre-Einbindung.

Eine kleine Geschichte des “echten” Gesangs im Film

Bild: Universal Pictures International

Die Musical-Verfilmung Les Misérables hatte meiner Ansicht nach so einige Probleme. Unter anderem litt sie unter schlecht inszenierter Action und einem furchtbar langweiligen dritten Akt, dessen essenzielle Konflikte ständig in einer Ariensoße zu ertrinken drohten. Was mich allerdings nicht gestört hat, obwohl es (exemplarisch) anderswo originell beschimpft wurde, war der am Set aufgenommene Live-Gesang, der an die Stelle des traditionellen Vollplaybacks zu einer im Studio aufgenommenen Version trat.

Tom Hooper und sein Team wurden nicht müde, das Alleinstellungsmerkmal dieses Verfahrens zu betonen (obwohl Julie Taymor es vor fünf Jahren in Across the Universe auch schon gemacht hat, was sogar Improvisation am Set zuließ) – und ich fand es funktionierte. Die velorene Gesangsqualität wurde durch rohe Emotion ausgeglichen.

Zur wahren Emotionalität fehlt Les Misérables aber dennoch der entscheidende Schritt. Denn all das endlose Gesinge in Paris findet ja nach wie vor außerhalb der Diegese der Handlung statt. Es ist eine Konvention des Genres, dass alle Charaktere singen, statt zu sprechen. Behandelt werden ihre stimmlichen Äußerungen aber so – egal ob live oder nicht – als würden sie sprechen; was man daran erkennt, dass die Musik aus dem Nichts kommt und niemand zugibt, dass er gerade singt.

Echtes Singen aber ist ein zutiefst emotionaler Akt, bei dem ein Mensch ein Stück seiner Seele offenbart. Und außerhalb von (technisch unterstützten) Performance-Situationen steigt diese Seelenoffenbarung, diese Zurschaustellung von Verletzlichkeit, die dadurch aber eine umso intensivere emotionale Bindung zulässt, noch um ein Vielfaches.

Daher liebe ich es, wenn Menschen in Filmen “echt” singen, das heißt der Akt des Singens findet innerhalb der Handlungswelt statt. Keiner der Singenden steht dabei auf einer Bühne, in einer anderen Sphäre, sondern der Gesang ist Teil der unmittelbaren Lebenswelt aller beteiligten Figuren. Eine schwammige Definition, ich weiß, aber vielleicht kann die folgendes Sammlung meiner Lieblingsbeispiele demonstrieren, was ich meine. Ich freue mich auf die weitere Sammlung in den Kommentaren – vor allem, um das 40-jährige Loch in der Mitte zu stopfen. [Auf Facebook sind schon ein paar gute Ergänzungen eingegangen]

1. It Happened One Night (1934)

Das Video zeigt den ganzen Film, die relevante Stelle ist hier.

Das waren noch Zeiten, als man Songs noch ungestraft mitten in einen Film einbauen konnte. Hier haben sich Clark Gable und Claudette Colbert lange angekabbelt und nun endlich eine gemeinsame Linie gefunden, als sie zusammen im Bus sitzen. Dem Publikum und derm Film selbst wird daher eine Atempause zugestanden, indem der ganze Bus anfängt vom “Daring Young Man on a Flying Trapeze” zu singen. Das wärmt das Herz, sorgt für Gemeinschaftsgefühl und beschwingt den Busfahrer so sehr, dass er in den Graben lenkt – wo die Screwball-Handlung wieder weitergehen kann. Ein echter Coup!

2. Casablanca (1942)

Die wahrscheinlich berühmteste Szene in meiner Aufzählung. In einem Krieg der Lieder gewinnt das Lied der Unterdrückten (dessen textlichen Inhalt man an dieser Stelle besser ausblendet).

3. Paths of Glory (1957)

Genau genommen steht die junge Christiane Kubrick hier natürlich schon auf einer Bühne, doch es gibt keine trennende Linie zwischen Performer und Zuhörer. Im Gegenteil: Die ganze Szene zielt darauf ab, die Demarkationslinie zwischen Soldaten und Zivilisten, Besatzern und Besetzten, “Guten” und “Bösen” einzureißen. Das Motiv des traurigen Lieds von der Heimat, das die Soldaten in ihrer Menschlichkeit vereint, taucht hier weder zum ersten, noch zum letzten Mal auf.

4. Almost Famous (2001)

Cameron Crowe schummelt ein bisschen, weil er die Original-Aufnahme des Songs unter die Szene legt, das nimmt dieser entfernten Kusine von Szene Nummer 1 aber nichts von ihrer Wirkung. An einem absoluten Tiefpunkt angekommen, groovt sich eine zerstrittene Band hier mit einem Song, den sie liebt, wieder zurück in die positive Zone. Wer sich jemals wirklich mit einer Band im Auto/Bus die Fahrt mit Musik vertrieben hat, weiß, dass solche Momente magisch sind.

5. Moneyball (2011)

“I’m just a little girl lost in the moment.” Hier wird ein Song zum Bindeglied zwischen einer Tochter und dem Vater, der sie vernachlässigt hat, weil er von Baseball-Statisken besessen ist und der sich eben nicht zurücklehnen kann “and just enjoy the show”. Und der Song verbindet sie bis zum Ende des Films, wenn die Baseball-Mission des Vaters gescheitert ist, Tochter und Song aber zum Glück noch da sind.

90 Minuten Cronenberg

Bild: ZDF/Ron Kolumbus

Ich muss zugeben, dass ich meinen Kollegen Maik Platzen schon ein bisschen beneidet habe, als er nach Toronto geflogen ist, um David Cronenberg zu interviewen – für seine “Kennwort Kino”-Sendung zu Cronenbergs 70. Geburtstag. Im “Bell Lighthouse” des Toronto International Film Festival, wo das Interview gedreht wurde, war ich ja während meines Nordamerika-Trips 2011 auch zu Gast und auch wenn ich David Cronenbergs Filme nicht immer gut finde, kann ich Ihnen zumindest immer eine interessante Idee oder einen Anreiz für meine eigenen Gedanken abgewinnen. Manche Filme, eXistenZ oder A History of Violence zum Beispiel, gehören aber auch zu meinen persönlichen Favoriten.

Cronenberg hat sich als ein extrem eloquenter und interessanter Interviewpartner erwiesen, und sein Rückblick auf seine inzwischen fast 50 Jahre umspannende Karriere ist keine Minute langweilig. Humor hat er auch. Das alles weiß ich, weil Maik und ich gemeinsam dafür sorgen konnten, dass das komplette 90-minütige Interview auch online abrufbar ist. Wer sich also für den kanadischen Meister des Schreckens interessiert, kann ihm auf der 3sat-Website 90 Minuten beim Nachdenken zuhören.

Und wer dann noch Maiks Blick auf Cronenberg sehen will, kann am Donnerstag, 14. Dezember, um 22.25 Uhr auf 3sat das Kennwort Kino “Die dunklen Begierden des David Cronenberg” schauen – anschließend auch in der Mediathek.

Mitleid und Kalauer-Analyse: Die Trailer für “Wolkig mit Fleischbällchen 2”

Sony Pictures

Man kann sicher geteilter Meinung darüber sein, ob es überhaupt einen Film Cloudy with a Chance of Meatballs 2 geben sollte. Ich fand den Ursprungsfilm ziemlich gut, hatte aber auch den Eindruck, dass die Geschichte am Ende des Films auch zuende erzählt war. Dass in Teil zwei zum erzählereisch wenig überzeugenden Mittel gegriffen wird, dass die Helden wegfahren müssen, um irgendwas zu machen, und dann zurückkehren, bestätigt diese Einschätzung. Auch hätte ich mir einen etwas kreativeren Titel gewünscht, eine Variation des ersten Titels, etwa “Heiter mit Aussicht auf Quarkkuchen” oder so. Aber egal, immerhin scheinen sie im neuen Film wirklich in den vollen Gaga-Modus geschaltet zu haben.

Deswegen bin ich aber nicht hier, ich wollte stattdessen mal einen Blick auf den ersten Trailer für den neuen Film werfen, der diese Woche im Netz gelandet ist. Und vor allem auf die deutsche Übersetzung. Denn der Englische Trailer setzt radikal und bis zum Abwinken auf puns für seinen Humor. Und jedem Übersetzenden dürften sich dabei die Zehennägel aufgerollt haben.

Puns sind im englischsprachigen Raum ja doch ein bisschen so etwas wie eine Kunstform. Der Kalauer ist hingegen in Deutschland nicht so hoch angesehen – obwohl es auch hier Könige gibt, wie Willy Astor und das Postillon-Kollektiv. Ich liebe Wortakrobatik gepaart mit dummen Witzen, aber die Menschen, die das ganze übersetzen müssen (noch dazu mit mächtig Zeitdruck) können einem wirklich leid tun.

Hier ist der deutsche Trailer:

Haben die Damen und Herren, die hier am Werk waren, einen guten Job gemacht? Weil ich manchmal einn Hang zu sinnlosen Unterfangen habe, dachte ich, ich vergleiche mal die Original-Pointen mit den deutschen. Los geht’s.

Englisch: Are those Shrimpanzees?
Deutsch: Sind das Shrimpansen?

Wir steigen einfach ein. Zum Glück sind sowohl “Shrimp” als auch “Schimpanse” relativ sprachneutrale Wörter.

Englisch: Look, Mosquitoast!
Deutsch: Guck mal, Moskitoasts!

Auch “Moskito” und “Toast” sind Lehnwörter, wie praktisch. Der “Butterfly”-Witz, der im Bild noch versteckt ist, geht allerdings verloren. Und ist der Frosch der “Butter” sagt (aus dem deutschen Trailer rausgeschnitten) vieleicht auch eine Anspielung auf die alten Budweiser-Werbespots?

Englisch: Those are some tasty-looking Jellyfish!
Deutsch: Die Quallwiche sehen aber lecker aus.

Jetzt wird es schon schwerer. Um den englischen Witz zu verstehen, muss man nicht nur wissen, dass Quallen auch in unserer Welt “Jellyfish” heißen (eine Art Beschreibung ihres Äußeren), sondern auch dass “Peanut Butter and Jelly”-Sandwiches (auch “PB&J” genannt) ein typisches amerikanisches Kinderessen sind. “Quallwiche” gibt es nicht, aber das Sandwich-Element wird gerettet und es beschreibt die Viecher ganz gut. Sähen sie auch nur etwas weniger nach Sandwiches aus, hätte man sie wahrscheinlich einfach “Fischbrötchen” nennen können. Ich glaube hier gibt es noch Möglichkeiten.

Englisch: Tacodile supreme!
Deutsch: Tacodil supreme!

Noch einmal einfach. Zum Glück klingen Krokodile fast überall gleich. Auch wenn “Crocodile” im amerikanischen Englisch “Krahkodail” ausgesprochen wird, und damit an “Taco” natürlich näher dran ist als “Kroko”.

Englisch: It’s no picnic saving the world!
Deutsch: Die Welt retten ist kein Zuckerschlecken!

Diese Tafel wurde der Einfachheit halber durch einen Offtext ersetzt (die Zeit muss wirklich knapp gewesen sein). Gut gelöst! Meine Alternativ-Vorschläge: “Das Leben ist kein Geflügelhof”, “Das wird nicht light” oder irgendwas mit Diäten erhöhen.

Englisch: There’s a leek in the boat!
Deutsch: Das Boot laucht!

Der Höhepunkt des Trailers schifft (höhö) im Deutschen leider völlig ab. Blöd, dass “Lauch” und “Leck” (leak) im Deutschen keine Homonyme sind. Wenn man einen Kalauer machen will, muss man sich also für ein Wort entscheiden und von dort aus assoziieren. “Alles auf Lauchstation” zum Beispiel oder “Leck mich am Stengel!”. Ad hoc fällt mir natürlich auch nichts gutes ein, aber ich spüre, dass es einen Ausweg gibt. Warten wir mal den Zusammenhang im Film ab. “Das Boot laucht” ist zumindest so grundbescheuert, dass es schon irgendwie wieder lustig ist.

Englisch: Breakfast bog, food animal jungle, big rock candy mountain
Deutsch: Frühstückssumpf, Fresstierdschungel, Zuckergussgebirge

Die ersten beiden sind eigentlich keine Kalauer. “Fresstierdschungel” klingt fast besser als “Food animal jungle”. Die “Big Rock Candy Mountains” sind das englische Äquivalent zum Schlaraffenland, das geht natürlich verloren. Aber für’s erste okay.

English: Piece of cake!
Deutsch: Pustekuchen!

Großartig! “Pustekuchen” bedeutet zwar “Blödsinn” und nicht “Total einfach”, aber beides hat etwas von Abwinken und so fällt das gar nicht auf und der Kuchen ist gerechtfertigt. Respekt!

Englisch: We can call him “Berry”.
Deutsch: Oh, wie süß!

Witz einfach geschluckt. Man hätte einen “Beertram” draus machen können.

Alles in allem eigentlich eine solide Leistung. Es bleibt abzuwarten, ob der ganze Film so kalauerig ist (na dann, Mahlzeit!), oder ob sich das Ganze in Grenzen hält und nur für den Trailer thematisch zusamengezogen wurde. Ich denke, die Übersetzenden haben sich das gleiche gedacht. Ich werde die Augen offenhalten.

TV like Movies, Movies like TV

Dass Fernsehen angeblich das neue Kino ist – zumindest insofern, als dass dort derzeit die interessantesten Inhalte produziert werden – ist inzwischen schon zu einer Binsenweisheit geworden. Dazu passen diverse Beobachtung, etwa dass hochwertige Serien wie “House of Cards” anscheinend auch nicht nach dem traditionellen Fernsehmodell gedreht, sondern eher wie ein 13-stündiger Megafilm angegangen werden, in dem verschiedene Regisseure eben verschiedene Teile inszenieren (ich habe das irgendwo gelesen oder gehört, aber ich kann leider zu keiner Quelle mehr verlinken Danke an Denis für den Link). Auch ein Artikel des “Economist” über die derzeitige Hollywoodkrise weist in die entsprechende Richtung und das Drama Blog fragt zurecht: “Steht Hollywood eine Zeitenwende bevor?” From Tinseltown to TV-Town?

Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es auch eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung gibt. Besonders unter dem Banner des Disneykonzerns haben sich Strukturen herausgebildet, die das sündhaft teure Filmgeschäft durch eine Art Insourcing näher an die Produktionsbedingungen von TV heranrücken. Pixar etwa, mit seinen festangestellten In-House-Autoren, deren Arbeitsweise an die Writer’s Rooms von Serien erinnern. Und Marvel, über die “/film” vor kurzem schrieb, ihre Verträge würden denen gleichen, die im Fernsehen üblich sind.

Überhaupt: Marvel. Deren “Mavel Cinematic Universe: Phase 1” lässt sich eigentlich auch fast wie eine gigantische Fernsehserie lesen. Sicher, diese Struktur wurde nachgeschoben, nachdem Iron Man so erfolgreich war, aber im Grunde könnte man Kevin Feige als eine Art Showrunner betrachten, der die Serie bis zum Staffelfinale in den Avengers geführt hat. Joss Whedon ist jetzt der neue Showrunner, der Überblickbehalter über das Universum, das sich ja in der zweiten Phase/Staffel nun auch tatsächlich in ein Fernsehformat vorwagen will, mit “SHIELD”.

Nicht direkt mit dem Thema dieses Artikels verwandt, aber ebenfalls bemerkenswert: Kevin Feige hat gesagt, The Winter Soldier, der zweite Film mit Captain America wird ein Polit-Thriller. Auch Iron Man 3 soll anders werden als seine beiden Vorgänger und so den Charakteren neues Leben einhauchen. Ich finde das Konzept interessant, sich zu überlegen, aus dem “Superhelden-Film” weniger ein Genre als eine Gattung zu machen, dem man, so Feige, “Sub-Genres anheften” kann. Wenn Marvel weiter so erfolgreich ist, könnte innerhalb des MCU theoretisch in Zukunft Filme jeden Genres entstehen. Mit Joss Whedon im Team, der ja im Buffyversum auch schon Musicals veranstaltet hat, bin ich gespannt, was da noch kommt.

Deutsche Filmtitel: Ich bin Mittäter

Sur La Planche. Foto: ZDF/Eric Devin

Kassel, Herbst 2001. Mein Chef hat mich freundlicherweise mitgenommen auf die Tradeshow der Filmverleiher, auf der den Kinobesitzern die möglichen Hits der nächsten Monate vorgestellt werden. Highlight Film stellt dort den Film Serendipity mit John Cusack und Kate Beckinsale vor, eine romantische Komödie, die ihren Titel im Trailer erklärt.

When Love Feels Like Magic, It’s called Destiny. When Destiny Has A Sense of Humor, It’s Called Serendipity.

“Wir suchen übrigens noch einen deutschen Titel”, heißt es nach dem Trailer aus der Richtung der Verleiher. Klar, “Serendipity” ist für Deutsche nicht nur ein Zugenbrecher, es lässt sich auch nicht direkt übersetzen. “Glücklicher Zufall”, vielleicht, aber dem fehlt dieser besondere, fröhlich klimpernde Klang des Wortes. Ich schlage “Ironie des Zufalls” vor, auch eine eher schwache Idee. Am Ende kommt der Film ein halbes Jahr später als Weil es dich gibt in die Kinos. Love, Magic, Destiny, Humor – und ein fröhlich klimperndes Wort ausgemerzt zugunsten einer hohlen Grußkartenformel. Man kann deutsche Filmtitel nur hassen.

Mainz, Jahresanfang 2013. Im März zeigt 3sat eine ambitionierte Filmreihe über die unterschiedlichen Lebenssituationen von Frauen in islamischen Ländern. Die Filmredaktion hat zwei Spielfilme beigesteuert, für die ich als Redakteur fungiere. Für Leila Kilanis faszinierenden Genremix Sur la Planche suchen wir in der Redaktionskonferenz einen deutschen Titel. “Sur La Planche” bedeutet “auf der Planke”, “auf dem Sprungbrett”, vor der Entscheidung in ein neues Leben zu springen oder in den Abgrund zu fallen – so sieht Badia, die Hauptfigur des Films, sich selbst. Der englische Festivaltitel lautet “On the Edge”. Eine deutsche Entsprechung wäre vielleicht “Auf Messsers Schneide” oder “Auf dem Sprung”. Wir diskutieren angeregt und immer wieder fällt das Argument, dass der Film herausstechen, dass der Titel etwas aussagen muss. Am Ende entscheiden wir uns, auch mit meiner Stimme, für den Titel Nachts in Tanger. Die spannungsgeladene Lebensentscheidung einer jungen Frau, geopfert zugunsten eines Titels, der Mysterien und einen exotischen Schauplatz verheißt (beides bietet der Film übrigens auch tatsächlich). Deutsche Filmtitel, das Geschmeiß der internationalen Filmlandschaft.

Ich bin Mittäter. Ich bin mit dafür verantwortlich, dass bei der Übertragung von Originaltiteln für die deutsche Vermarktung hässliche Kompromisse eingegangen werden. Und das obwohl ich jahrelang nichts anderes gemacht habe, als auf deutsche Titel zu schimpfen. Ich hatte sogar mal mit einem Kollegen überlegt, ein Buch mit den “100 bescheuertsten deutschen Filmtiteln” herauszugeben – von den Schauspieler/Figur-vertauschenden Entgleisungen der sechziger Jahre (Frankie und seine Spießgesellen), über die (häufig mehrfachen) Sinnentstellungen des B-Movie und Direct-To-Video-Marktes, bis hin zum nouveau-anglais der 2000er, in denen englischsprachige Filme einen anderen englischen Titel bekommen und so aus Rabbit-Proof Fence in Deutschland Long Walk Home wird.

Kein Wunder, dass Woody Allen sich in seine Verträge schreiben lässt, dass die Titel seiner Filme im Ausland nicht geändert werden dürfen. Und ebenso kein Wunder, dass im Sinne internationalen Markenerhalts immer mehr große Filme einfach ihren Originaltitel behalten. Das Ergebnis: Zuschauer, die auch nicht so richtig wissen, was der Filmtitel eigentlich bedeutet (sogar ich mit meinem Magister in Anglistik musste mir Zero Dark Thirty erklären lassen) und sich an der Kinokasse die Zunge verrenken.

Aber ist das nicht immer noch besser, als der sonst übliche Krampf, bei dem oberstes Gesetz ist, dass schon der Titel des Films nur eine mögliche Assoziation zulässt, die dem Zuschauer jedes eigenständige Denken abnimmt. Bridesmaids mit “Brautjungfern” zu übersetzen kommt nicht in die Tüte, nur Brautalarm schreit laut genug KOMÖDIE!!!! – auch noch, wenn der Film aus den Kinos ist und beim Blättern in der Videothek oder der Fernsehzeitschrift gefunden werden soll. Am meisten lache ich mir immer ins Fäustchen, wenn sich Titelentscheidungen im Nachhinein als dumm herausstellen, und Dan Browns Buch in Deutschland als “Sakrileg” erscheint (denn Bahnhofsbuchhandlungs-Thriller dürfen immer nur reißerische Ein-Wort-Titel haben – oder brauchen, wie Terry Pratchett schon festgestellt hat, mindestens einen griechischen Buchstaben im Titel), dann aber als “Da Vinci Code” ein globales Phänomen wird und der Film quasi mit zwei Titeln ins Kino kommen muss.

Dabei wird uns Deutschen doch mit unseren eigenen Filmtiteln viel mehr eigenes Denkvermögen zugetraut. Selbst bei Keinohrhasen würde doch nicht sofort jeder an eine romantische Komödie denken, es ist einfach ein clever klingendes Wort, das Interesse weckt (soviel muss man dem Film schon zugestehen). Schutzengel (um mal im Schweigerversum zu bleiben) könnte genau so gut ein Liebesdrama im Rettungssanitäter-Milieu sein wie ein Thriller über einen Ex-Cop und seine Tochter. Wäre der Film ein englischer und hieße “Guardian Angel”, hieße er in Deutschland sicher “Der Guardian” (weil das härter klingt) oder er würde einen markigen Untertitel wie “- er lässt dich nicht allein” bekommen (man denke an The Rock – Fels der Entscheidung). Bestimmte Phrasen stehen für alle Genres ja auch schon readymade zur Verfügung, “… zum Verlieben” für Romantik und “… zum Knutschen” für Komödien, zum Beispiel.

Und doch: ich kann die Denke dahinter verstehen, weil ich inzwischen in der gleichen Situation war. Nachts in Tanger erweckt einfach mehr Aufmerksamkeit als “Auf dem Sprung”, ein Filmtitel, hinter dem alles und nichts stecken kann. Und ich möchte ja, dass diese Perle von einem Film, in dessen Akquise und Bearbeitung viel Mühe geflossen ist, gefunden und geschaut wird. Denn Wörtlichkeit in der Übersetzung ist auch gar nicht das, worauf es ankommt – jeder der mal übersetzt hat, wird mir da hoffentlich zustimmen. Vielleicht gibt es ja einen Mittelweg, in dem man sich Freiheiten erlaubt, aber sein Publikum trotzdem nicht restlos für dumm verkauft. Ich hoffe, dass mir das mit Nachts in Tanger gelungen ist.

Die 3sat-Filmreihe “Frauen im Islam” startet am 3. März. Nachts in Tanger läuft am 7. März um 22.25 Uhr, im arabischen Original mit deutschen Untertiteln.

Danke für die Anregung an Jack.

Hält Celeste and Jesse Forever oder nur ein paar Jahre?

DCM Filme

Sie buchstabieren es für uns. “SHITEGEIST” heißt das aktuelle Werk von Trendforscherin und Filmhauptfigur Celeste, das sie zwar in einer TV-Sendung vorstellen darf, dann aber doch in ihrem Lieblingsbuchladen selbstständig prominenter platzieren muss. Einen deutlicheren Hinweis darauf, dass sich Celeste & Jesse Forever nicht nur an modernen Liebesbeziehungen abarbeiten will, sondern auch an unserer Zeit ganz allgemein, könnte er uns wohl nicht geben.

Es ist erstaunlich, wie gut dem Film der Drahtseilakt gelingt, sich genug, aber nicht zuviel, über das zu amüsieren, was er selbst ist. Matt Singer hat vor einigen Monaten Sherlock Holmes: A Game of Shadows als den perfekten Film vorgeschlagen, den zukünftige Generationen sehen sollten, wenn sie wissen wollen, wie Filme rund um das Jahr 2012 waren. Celeste & Jesse Forever wäre ein genauso guter Kandidat: Er ist gedreht im derzeit allgegenwärtigen DSLR-Look, komplett mit flachen Schärfebereichen, blassen Tageslichtszenen und schwarz-rot-goldenen Nachtszenen. Seine Hauptfiguren sind mehr oder weniger hippe Wissensarbeiter, die Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden haben. Angeschnittene Themen (an die ich mich noch erinnere) sind Veganismus (und die dazugehörige Öko-Kultur), IKEA, Branding, Psychopharmaka und queere Stereotypen. Trendforscherin Celeste bügelt einen Yoga-Kollegen, der mit ihr flirtet, mit folgenden Worten ab:

You traded in your Porsche for an Audi, because the economy is still tanking and you’re afraid to lose your job. You just bought a Droid cellphone, because you think it makes you seem more business-oriented; unlike the iPhone, which you think is for teenage girls. You go to Yoga, because you went to a sub-Ivy League school, you spent the last ten years working long hours, drinking all weekend, you thought it was time to do something spiritual.

Wer hätte gedacht, dass man einen Android-vs-iPhone-Witz in einer romantischen Komödie unterbringt und es tatsächlich komisch sein kann? Und schließlich ist da noch Rashida Jones. Die Hauptdarstellerin und Co-Autorin des Drehbuchs hat etwas sehr millenniales an sich, nicht zuletzt wegen ihrer unscharfen ethnischen Zuordnung (ihr Vater ist Quincy Jones, ihre Mutter ein blondes Model mit russisch-jüdischen Vorfahren, aber ihr Teint und ihr Vorname wecken südasiatische Assoziationen – ich musste mehrmals an diese “New Girl”-Episode denken).

Zusammenfassend: Celeste and Jesse Forever ist so sehr of its time, dass seine Drehbuchgrundlage auch eine Tag-Cloud der aktuellsten Buzzwords auf “Gawker” sein könnte. Das hindert ihn nicht daran, ein gut gemachter, witziger Film zu sein, der insbesondere in seiner Auflösung den klassischen Hollywood-Pfad verlässt, aber wird es ihn nicht schon in ein paar Jahren ganz furchtbar alt aussehen lassen?

Die Romantic Comedy, so scheint es mir, ist eigentlich ein Genre, das jeden Zeitgeist übersteht, weil es a) so formelhaft ist und gewünscht wird und b) weil Liebe und der Wunsch nach romantischer Liebe ebenfalls etwas zeitloses ist. Natürlich merkt man einem Film wie It Happened One Night (1934) an, das er ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, aber sein wunderbares Geturtel zwischen Clark Gable und Claudette Colbert funktioniert nach wie vor, und ich hatte nie den Eindruck, dass sein Witz heute weniger zündet. Dito The Apartment (1960) oder When Harry Met Sally (1986).

Mein persönlicher Lieblingskandidat aus dem Genre, Annie Hall (1977), ist allerdings durchsetzt mit Zeitgeist-Witzen. Wenn ich nicht zufällig gewusst hätte, wer Marshall McLuhan ist, als ich den Film 2001 das erste Mal sah, hätte ich beim besten Bruch der vierten Wand EVER bestimmt nicht so laut gelacht – und ich möchte wetten, dass in Annie Hall einige Anspielungen stecken, die mir nicht aufgefallen sind, beim Kinopublikum der Zeit aber als wunderbar aktuelle Seitenhiebe ankamen. Trotzdem hat der Film nichts von seiner Energie und seinen universellen Wahrheiten verloren und ich würde ihn jederzeit auch ohne 70er-Jahre-Beiblatt weiterempfehlen.

Celeste & Jesse Forever spielt nicht auf dem gleichen Level wie Woody Allen, natürlich. Aber vielleicht gibt es dennoch Hoffnung, dass er auch in zwanzig Jahren noch komisch ist.

Der Film mit dem schrecklichen deutschen Titel Celeste & Jesse – Beziehungsstatus: Es ist kompliziert ist am 14. Februar in den deutschen Kinos gestartet. Eine kürzere Kritik von mir in der aktuellen “Close up”-Sendung.

Met the Bloggers

Es war ein ganz ulkiges Bild: In der Mitte des ersten Stockwerks vom “Mommsen-Eck” am Potsdamer Platz saßen die “richtigen” Filmkritiker beim alljährlichen Treffen der “epd film”-Autoren, an dem ich in der Vergangenheit auch schon teilgenommen habe. Ein paar Meter weiter vorne saßen die Blogger an ihrem Tisch. Eingekeilt zwar, zwischen Treppenhaus und Tür zur Männertoilette, aber der Weg führte unweigerlich an ihnen vorbei.

Ich war froh, dass ich zu einem Zeitpunkt, als auf meine Twitvite gerade sechs Zusagen generiert hatte, trotzdem sicherheitshalber einen Tisch für 15 Personen reserviert hatte. Denn der Platz wurde gebraucht. In dem grässlichen Bewusstsein, mit Sicherheit jemanden zu vergessen, kann ich vermelden, dass neben mir und Cutterina außerdem Doreen Butze, Rochus Wolff, Bernd Zywietz, Martin Gobbin, Gerold Marks, Thilo Röscheisen, Frédéric Jaeger, Dennis Vetter und Simon Born, Joachim Kurz, Andreas Tai und Norbert Hillinger vor Ort waren. Gerold, der sich als Frontkämpfer für die gute Sache hervorgetan hat, hatte außerdem zwei Kollegen der Seite “Inside Kino” dazugeladen, die die Runde zumindest einigermaßen amüsiert betrachteten.

Ich musste nach weniger als zwei Stunden bereits schon wieder gehen, weil der nächste Film rief, aber gelohnt hat sich das Treffen allemal. Über Blog-Politik wurde nur wenig geredet und ich glaube auch nicht, dass dieses Treffen plötzlich eine Blogosphäre herbeizaubern wird. Aber ich fand es trotzdem toll, all diese Internetschreiber an einem Tisch zu versammeln, kennenzulernen und ihnen zuzuhören (zum Beispiel als Frédéric und Joachim auf meine Frage hin versuchten zu verhandeln, ob sie Konkurrenten sind oder nicht). Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der einzige bin, dem es so ging.

Die Tatsache, dass ähnliche Treffen und Bekanntschaften, Gespräche am Rande von Pressevorführungen und Festivals, schon vorher stattgefunden haben, ändert meiner Meinung nach nichts daran, dass es nichts schadet, diese Treffen ein kleines bisschen zu institutionalisieren und für alljene zu öffnen, die sich angesprochen fühlen möchten. Das fördert den Kontakt und öffnet die Filterbubble-Scheuklappen, die wir ja doch alle tragen, ob wir es zugeben oder nicht, zumindest ein bisschen. Und damit ist meiner Ansicht nach schon viel gewonnen. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!

In meinem Festival-Kalender steht als nächstes das Trickfilmfestival Stuttgart. Ich hoffe, die Bloggertreffen-Tradition dort fortzusetzen.

EDIT, 19. Februar: Andreas Tai zur Liste der Anwesenden hinzugefügt.

In eigener “Ansichtssache”

Zwischen zwei Berlinale-Filmen soll nur kurz angemerkt sein: Das Buch Ansichtssache – Zum aktuellen deutschen Film ist in den letzten Tagen erschienen und kann im wohlsortierten (Internet-)Buchhandel erworben werden.

Herausgegeben von Bernd Zywietz und Harald Mühlbeyer, versammelt der Reader eine Vielzahl von Texten, die sich an einer aktuellen Vermessung der deutschen Film- und Kinolandschaft versuchen. Von mir ist ein Beitrag zur Digitalisierung dabei, den ich ja auch im Blog schon einmal angeteasert hatte. Ein Blog zum Buch gibt es auch!

Leider ist der Redaktionsschluss inzwischen schon wieder ein halbes Jahr her und gerade in Sachen Kino-Digitalisierung hat sich inzwischen einiges getan. Vielleicht veröffentliche ich den Beitrag also irgendwann auch hier noch einmal, aktualisiert und überarbeitet. Aber für’s erste existiert er nur in diesem formidablen Buch, das auf keinem Buchregal fehlen sollte!