Mit diesen fünf US-Podcasts fühle ich mich gut über Musik informiert

Redphones” by Garry Knight, CC-BY 2.0

Es gibt wohl nichts, wofür sich Podcasts besser eignen, als über Musik zu berichten – deutlich besser zumindest, als über Film und TV. Wenn dann noch das in den USA deutlich großzügigere Urheberrecht mit “fair use” hinzukommt, ergeben sich jede Menge tolle Möglichkeiten. Im Laufe der Jahre hat sich für mich als Musikfan eine kleine aber feine Auswahl an Podcasts durchgesetzt, in denen Musik von allen Seiten beleuchtet wird, und die ich gerne teilen möchte.

1. Neue Musik für die Playlist

Nachdem vor einigen Jahren der “Music Weekly” Podcast des Guardian eingestellt wurde, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Sendung, in der ich einfach neue Musik zum Hören entdecken konnte. Fündig wurde ich bei “All Songs Considered” von NPR. Hier spielen die Moderatoren Bob Boilen und Robin Hilton sich jede Woche eine Stunde lang aktuelle Musik vor, die ihnen gefällt. Boilen und Hilton sind beides mittelalte weiße Männer aus den USA, natürlich ist die Auswahl entsprechend angeschlagen. Scharfen Musikkritiker*innen aus Europa wäre sie vermutlich häufig zu seicht, aber für meinen Geschmack ist sie oft genau richtig. Indie, Rock, Folk und Country machen wahrscheinlich den größten Teil der Auswahl aus, aber der Musikgeschmack der beiden – und der Gäste, die sie manchmal im Studio haben – ist groß genug, dass man auch Highlights aus Feldern wie Hip-Hop, Punk, Metal und avantgardistischeren Musikrichtungen zur hören bekommt. Das besondere: “All Songs Considered” spielt seine Songs voll aus (im Streamingzeitalter scheinen die Lizenzen bezahlbar zu sein) und erlaubt daher, wirklich zu entscheiden, ob einem ein Song gefällt oder nicht. Ergänzt wird der Podcastfeed durch gelegentliche Interviews mit Musiker*innen, die oftmals weitere interessante Entdeckungen bereithalten.

2. Wie kommen die Löcher in den Käse?

Hinter “Song Exploder” steckt eine Idee, die so einfach wie genial ist. Moderator Hrishikesh Hirway interviewt Musiker*innen über die Entstehung einzelner Songs und bekommt von ihnen zusätzlich die sogenannten “Stems”, also die Originalspuren ihrer Aufnahmen. Das ermöglicht es ihm, einzelne Elemente der Songs zu isolieren und den Beschreibungen zuzuordnen. Im Ergebnis lernt man nicht nur, wie vielschichtig manche Songs sind, sondern auch wie unterschiedlich die kreativen Prozesse in der Entstehung von Musik sein können. Aus welchem Element ist der Song gewachsen? Welchen Einfluss hatten Musiker und Produzenten? Was war gewollt und was ist einfach passiert? Warum hat Rivers Cuomo von Weezer eine riesige Excel-Tabelle mit Textzeilen? Da ich selbst Musiker bin (wenn auch nur Schlagzeuger) ist “Song Exploder” für mich eine endlose Fundgrube an Inspiration. Die Musikrichtungen von “Song Exploder” reichen von Filmmusik über Hardcore bis Pop und Rock. Einfach mal reinhören! (Bonus: Das Longform-Interview mit Hrisikeh Hirway gibt wiederum Einblicke in die Entstehung von “Song Exploder” und die kleinteilige Arbeit, die Hirway investiert.)

3. Die Perlen der Charts

Eher selten in den beiden erstgenannten Sendungen vertreten sind die Songs, die nicht die Regale von Musiksnobs, sondern die Heavy Rotations junger Radiowellen dominieren. Hier hilft “Switched on Pop” aus. Songwriter Charlie Harding und Musikwissenschaftler Nate Sloan nehmen dort alle zwei Wochen aktuelle Pophits auseinander und entdecken ihre verborgenen Tiefen. Das beste an dem populär-musikwissenschaftlichen Ansatz, den die beiden verfolgen, ist, dass sie auch versuchen Trends zu identifizieren, ihnen Namen zu geben und zu beobachten, wo sie herkommen und hingehen. Im letzten Jahr ist etwa der “Pop Drop” zum definierenden Merkmal aktueller Popmusik geworden, in dem der Refrain durch eine gepitchte und zerstückelte Stimme auf fetten Beats ersetzt wird, die Assimilation eines Stilmittels aus der elektronischen Tanzmusik. “Switched on Pop” hilft mir dabei, auch bei Musik “in the know” zu bleiben, die ich selbst wenig höre, die aber Rückschlüsse auf unsere Popkultur als Ganzes zulässt. Und manchmal entdecke sogar ich in den aktuellen Chartpoppern etwas, was mir gefällt, zum Beispiel Julia Michaels.

4. Auf zu neuen Ufern

So nah “Switched on Pop” an populärer Musik ist, so weit ist “Meet the Composer” davon entfernt. Die preisgekrönte Sendung der Musikerin und Moderatorin Nadia Sirota beschäftigt sich mit moderner Klassik oder “New Music”, wie sie es nennt. Auch wenn ich selbst nur wenig dieser Musik selbst höre (Atonalität ist wirklich nicht mein Ding), ist die Sendung allein schon wegen ihrer Produktion hörenswert und weil man so viel dabei lernt. Wurden in Staffel 1 und 2 noch pro Folge individuelle Komponist*innen vorgestelllt, widmet sich Staffel 3 oft auch abstrakteren und faszinierenden Konzepte. Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Komponist*in und den Ensembles, die die Musik spielen – und welche Rolle spielt Sadomasochismus dabei? Welche Rolle spielen Komponist*innen, die Musik nicht notieren, sondern aus Samples zusammenbauen? “Meet the Composer” hat meinen Horizont in Sachen Musik so erweitert wie schon lange nichts mehr.

5. Der kulturindustrielle Komplex

Chris Molanphy ist Autor der Slate-Kolumne “Why is this Song Number One?” und hat das pophistorische Wissen des 20. Jahrhunderts in seinem Kopf gespeichert. In seinem Podcast “Hit Parade”, der monatlich im Feed des “Slate Culture Gabfest” auftaucht untersucht er Phänomene, die weniger mit Komposition und Musikgeschmack, als mit den Karrieren von Musiker*innen im Spiegel von Promotion und Airplay zu tun haben. Bisher gibt es drei Episoden von “Hit Parade” und alle waren spannend: Warum wurde UB40’s “Red Red Wine” in den 80ern ein Hit in den USA und welche Rolle spielten abweichlerische Radio-DJs dabei? Wie gelang es den Beatles 1964, die gesamte Top 5 der Billboard-Charts zu besetzen und was hatte die schlechte Plattenlabel-Politik der USA damit zu tun? Und eine Historie der Zusammenarbeit und Rivalität von Elton John und George Michael über vier Dekaden hinweg. Musik ist eben auch eine Industrie, die aber ihre eigenen beeindruckenden Geschichten bereithält.

Außerdem Über “Pitch” und “Our Debut Album” habe ich im Blog schon geschrieben. Beide Projekte scheinen für’s erste beendet zu sein.

Was fehlt? Über die deutsche Musikszene weiß ich weiterhin sehr wenig, aber mir ist auch noch kein guter Podcast dazu in die Hände gefallen. Vorschläge und weitere Tipps zu guten Musikpodcasts gerne in die Kommentare.

Das Interessanteste an … Moana (2016)

Es mag an meiner leichten Winterdepression liegen, aber nach Disneys Südseeabenteuer Moana (das inzwischen fast in mehr Territorien Vaiana heißt, weil ein Kosmetikhersteller ein Copyright besitzt) fühlte ich mich sonnendurchflutet und gut. Es war mir irgendwie egal, dass der Film eine Verfilmung des Joseph Campbell-Ausmalbuchs ist. Ich habe meine Augen begeistert an den fotorealistischen Umgebungen geweidet, mochte die Dynamik zwischen den Figuren und beim Song “How Far I’ll Go” liefen mir – ungelogen – Schauer über den Rücken.

“How Far I’ll Go” ist in Moana der klassische “I Wish/I Want”-Song des Musical-Schemas. Meistens als zweiter großer Showstopper nach dem Eröffnungstrack, der die Welt des Musicals etabliert (hier ist das “Where you are”, in dem das Dorf vorgestellt wird), hat der “I want”-Song in Musicals die Funktion, den zentralen Konflikt der Hauptfigur zu etablieren. Sie will etwas, ahnt etwas und muss dann die Reise des Plots antreten, um es zu erreichen. Zwei typische “I want”-Songs sind “Part of that World” aus The Little Mermaid und “The Wizard and I” aus Wicked.

“How Far I’ll Go”, geschrieben und getextet von Lin-Manuel Miranda noch vor seinem großen Erfolg mit Hamilton, orchestriert von Mark Mancina, legt entsprechend dar, was Hauptfigur Moana sich wünscht: von der Insel, auf der sie lebt, herunterkommen; zur See fahren; ihr Schicksal finden. Entsprechend der typischen Dramaturgie eines solchen Songs beginnt sie vorsichtig, ist am Ende des Songs aber wild entschlossen, aufzubrechen, wie die Version im Film zeigt. Von so viel Leidenschaft kann man schon mal mitgerissen werden, wenn man wie ich ein großer Softie ist.

Für den Abspann des Films jedoch hat Disney den Song umschreiben und von Teenie-Star Alessia Cara (in Deutschland: Helene Fischer) interpretieren lassen. Diese Art von Hitparaden-Zweitverwertung hat bei Disney Tradition (“A Whole New World” aus Aladdin ist vermutlich das bekannteste Beispiel) und ergibt oft taugliche Popsongs, befreit von ihren Musical-Ursprüngen, gerne interpretiert von ihren Autoren (“Can you Feel the Love Tonight” von Elton John, “You’ll be in my heart” von Phil Collins).

Das Ergebnis ist in diesem Fall allerdings einigermaßen furchtbar:

Der Grund ist meiner Ansicht nach, dass Disney sich diesmal zu sehr von aktuellen Trends hat leiten lassen. “How Far I’ll Go” in der Version von Alessia Cara ist kein zeitloser Popsong, sondern springt mit voller Wucht auf den aktuellen EDM-Trend in den USA auf, was man an zwei Merkmalen deutlich merkt, die praktischerweise beide im vergangenen Jahr im großartigen Podcast Switched On Pop erklärt wurden.

Das eine ist der momentan übliche Claven-Rhythmus, der den Four-on-the-Floor-Umpfer im Mainstream-EDM fast vollständig abgelöst hat. Nate Sloan und Charlie Harding vergleichen am Anfang einer Episode die Songs der Billboard Hot 100 und sie klingen alle gleich. Auch der große Pophit des vergangenen Sommers “One Dance” von Drake nutzt diesen im Vergleich zum geraden Viervierteltakt leicht verschobenen Rhythmus. Hier wirkt er aufgrund der großen Menge an Text, den Alessia Cara in gesteigerter Geschwindigkeit herunterattern mus, irgendwie extrem hektisch im Vergleich zu den stampfenden polynesischen Trommeln und Drama-Fanfaren des Originals.

Das zweite ist die von Nate und Charlie Pop Drop getaufte Eigenart aktueller Popsongs, dem eigentlichen Refrain eine Sektion folgen zu lassen, in der die Stimme des Interpreten zerhackt wird und eine völlig neue Melodie nachzeichnet. Dies ist die in die Popmusik übertragene Variante des “Drop” aus der EDM von Interpreten wie David Guetta, die keinen eigentlichen Refrain haben, sondern nur einen euphorischen Teil, bei dem die Menge besonders stark abtanzen soll. In vielen aktuellen Songs ist der “Pop Drop” der eigentliche Refrain und der Refrain verkommt zur Bridge. Aber “How Far I’ll Go” hat einen wunderbaren Refrain. Besonders die Wiederholung der Melodielinie über sich verschiebenden Harmonien in der Zeile “And no one knows / how far it goes” hat es mir angetan. Diesem Refrain noch einen mittelmäßigen Pop Drop folgen zu lassen ist wie einen Hut auf einen Hut zu setzen. Es ist überflüssig und hebt sich gegenseitig auf.

Dass es auch anders geht zeigt übrigens die Pop-Version von “You’re Welcome”. Ex-Disney-Sternchen Jordan Fisher singt hier die Melodie und Lin-Manuel Miranda rappt dazu einen “Guest Verse”, der im Film nicht zu hören ist. Das ganze passt aber gut und organisch zusammen. Für “How Far I’ll Go” hätte sich doch bestimmt auch ein Popsternchen finden lassen, der das Ganze in klassischer Film-Endballaden-Manier in die Welt krakeelt hätte. Kommt dann wahrscheinlich eines Tages auf einer dieser grausamen “Disneymania”-CDs.

Mixtape 2016

In den vergangenen Jahren habe ich in diesem Blog immer nur auf Filme und Persönliches zurückgeblickt und mein musikalisches Jahr in andere Social-Media-Reiche verbannt. 2016 bin ich aber der Meinung: Wer dieses Blog regelmäßig liest, der verkraftet es auch, mit meinem Musikgeschmack konfrontiert zu werden.

Das Besondere am Jahr für mich war, dass ich es erstmals vollständig im Streamingland verbracht habe. Was das für mein Hörverhalten bedeutet hat, steht seit August im Techniktagebuch. Ich glaube außerdem, dass sich dieses Jahr endgültig mein Musikgeschmack so verändert hat, dass mich Bands, die ich vor zehn Jahren noch für die Krönung der Schöpfung hielt, mit ihren Alben nicht mehr begeistern können.

Stattdessen: dieses Mixtape. Die Reihenfolge ist nicht als Wertung, sondern als vorgeschlagene Hörreihenfolge zu verstehen.

A-SEITE

1. Bloc Party – The Love Within

Bloc Party zurück nach längerer Pause mit einem spirituellen Album, das nach wie vor die beiden Pole hymnenhaftigkeit (so heißt es auch, “Hymns”) und weirdness großartig miteinander verschränkt, wie dieser Track zeigt. The love within is moving upward / sweeter than any drug, das sollten wir uns merken.

2. Laura Mvula – Overcome (feat. Nile Rodgers)

When you’re heart is broken down / and your head don’t reach the sky / take your broken wings and fly, so beginnt dieser vielschichtige Song, nachdenklich-lieblich, aber mit Wumms, und definitiv zugänglicher als der Rest des Albums “The Dreaming Room”. Entdeckt durch die Nominierung für den Mercury Prize, jedes Jahr eine exzellente Quelle für neue Musik.

3. AURORA – Conqueror

“Running with the Wolves” ist wahrscheinlich der bekanntere Song der jungen Norwegerin, aber ich mag “Conqueror”, wie ich ja offene Lovesongs generell mag. I’ve been looking for a conqueror / but he don’t seem to come my way.

4. Paul Simon – The Werewolf

Paul Simons jüngere Alben hatten einen großen Klangcollagen-Faktor und “Stranger to Stranger”, dessen Opener “The Werewolf” ist, bildet keine Ausnahme. Im Interview erzählt Simon, aus wie vielen Komponenten dieser Werwolf zusammengesetzt ist. Die Kombination aus ironisch-leichten Texten (They eat all the nuggets, then they order extra fries) und einer sich zunehmend aufbauenden Drohkulisse gefällt mir an diesem Song.

5. Shearwater – A Long Time Away

Das Album “Jet Plane and Oxbow” ist vermutlich mein Lieblingsalbum des Jahres. Es lässt sich wunderbar von vorne bis hinten durchhören und findet genau die richtige Songmischung. “A Long Time Away” ist der dynamischste und besste Song des Albums.

6. Julien Baker – Sprained Ankle

Wenn es mal richtig richtig weinerlich werden darf, dann doch gerne so. Entdeckt in der “NPR Music Austin Top 100”.

7. Tiger Lou – You Town

Tiger Lou gehört zu den Bands, die ich Anfang der 2000er entdeckt habe, aber deren Werk für mich immer etwas im Vakuum hing. Dieses Jahr war ich dank Apple Musics “Neue Musik”-Playlist zur Stelle als ein neues Album erschien und konnte dann im Dezember sogar auf ein Konzert gehen. Das ganze Album lohnt sich sehr.

8. Archive – Driving in Nails

“False Foundation” ist wahrscheinlich Archives bisher düsterstes Album. So düster, dass ich es bisher noch nicht am Stück gehört habe. Die Vorabsingle “Driving in Nails” beweist das eindrücklich.

9. 65daysofstatic – Asimov

Vor zwei Jahren habe ich hier im Blog als einer der ersten berichtet, dass 65daysofstatic eventuell am Soundtrack zum Videospiel No Man’s Sky beteiligt sein könnten. Dieses Jahr sind Soundtrackalbum und Spiel endlich erschienen. Das Soundtrackalbum zumindest enttäuscht nicht.

B-SEITE

10. Ryley Walker – The Great and Undecided

Ryley Walker hat mich mit seinem Folk-Rock-Pop schon letztes Jahr begeistert, sein neues Album ist fast noch besser.

11. KT Tunstall – All or Nothing

KTs Album “KIN”, das im Herbst erschien, gehört zu den vergessbareren Releases des Jahres. Bei mir hat es bisher nicht einmal für einen zweiten Hördurchlauf gereicht. Aber auf der vorab erschienenen EP “Golden State” fand sich diese B-Seite, die an ihre besten Zeiten erinnert. Vor allem diese Woah-Yeah-Bridge zum Ende des Songs hat es in sich.

12. Coldplay – Up&Up

Dieses beeindruckende Video mag eine Rolle gespielt haben, aber in kleinen Dosen finde ich Coldplay nach wie vor sehr gut hörbar, auch wenn sie inzwischen als Schnulzenkönige gelten. “Up&Up” gibt Hörenden jederzeit eine Portion Optimismus zurück, wenn sie gebraucht wird: We’re gonna get it, get it together right now / get it together somehow / get it together and flow.

13. NAO – In the Morning

Als NAO erst im “All Songs Considered”-Podcast und dann in meinem “New Music”-Mix auftauchte, wusste ich, dass ich ihr eine Chance geben muss. Und ich wurde nicht enttäuscht: Das ganze Album “For All We Know” ist wunderbar greasy-sleazy R&B, garniert mit zerrenden Ausbrüchen, wie hier am Ende von “In the Morning”.

14. The Pretty Reckless – Take Me Down

“Take Me Down” erscheint mir wie ein Sequel zu “Sympathy with the Devil”. Die Instrumentierung, das Thema, alles passt zusammen. Nur eben all girls, wie bei Ghostbusters. Und mit der geilsten Triangel aller Zeiten.

15. Kula Shaker – 2 STYX

Ich mag Songs, die es erfolgreich schaffen, sehr unterschiedliche Refrains und Strophen miteinander zu verknüpfen. Kula Shaker gelingt das in “2 STYX” sehr gut – und wenn der Refrain dann endlich losbricht, knallt er doppelt.

16. Kishi Bashi – M’lover

Wenn Männer Falsett singen, ist es ja meist schon halb um mich geschehen. “M’Lover” ist definitiv der beste Song von Kishi Bashis neuem Album “Sonderlust” und gefällt mir in seinem operatischen Drama. Fast eine Antwort auf “Conqueror” 13 Songs zuvor.

17. Justin Timberlake – Can’t Stop the Feeling!

Switched On Pop hat sehr gut auseinanderdividiert, wo sich Justin Timberlake diesen Song überall zusammengeliehen hat, aber das macht nichts: er ist einfach gnadenlos catchy und man kann quasi nicht nicht dazu tanzen. Und bei der Tonartverschiebung auf dem Wort “Move” muss man dann immer das Gesicht auf eine bestimmte Art verziehen.

18. Aoife O’Donovan – Magic Hour

Dieser mir eher durch Zufall zugeflogene Track ist definitiv mein Song des Jahres. Er fängt einfach ganz wunderbar so eine bestimmte Stimmung zwischen Melancholie und innerer Ruhe ein, und er beschreibt in wenigen Worten die schönste Zeit des Tages: In the magic hour, when the moon is low / and the sky’s the kind of blue that you think you know / but you don’t know.

BONUSTRACK

19. Gipfeltreffen – Der aufrechte Gang

Im Herbst 2015, nach dem Umzug nach Berlin, war mir schnell klar, dass ich wieder ein Hobby brauchen würde. Ich fand Christian und Olli, die im Begriff waren, eine Band zu gründen und noch einen Schlagzeuger brauchten. Ein Jahr später haben wir bereits drei Demos aufgenommen, die zum Bestklingendsten gehören, was ich jemals auf virtuelles Tonband fixiert habe. Auf Soundcloud kann man reinhören.

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Piq: Die Elemente der Musik von “Arrival”

“Song Exploder is a podcast where musicians take apart their songs, and piece by piece, tell the story of how they were made.” Ein faszinierend einfaches Konzept, das sich perfekt für einen Podcast eignet.

In einer Mischung aus Interviews und einzelnen Aufnahmespuren erlaubt Hrishikesh Hirways Sendung Hörerinnen und Hörern so nah an den kreativen Prozess von Musikerinnen und Musikern heranzukommen wie sonst selten. Und was bei Pop-Bands schon spannend ist, ist bei Filmmusik erst recht genial. Song Exploder hat angekündigt, in den nächsten Monaten Scores auseinanderzunehmen, die gute Chancen auf eine Oscar-Nominierung haben.

Den Anfang macht ein Cue aus Arrival, einem neuen Sci-Fi-Film von Denis Villeneuve (Sicario), der mit viel Vorschusslorbeeren aus anderen Teilen der Welt diese Woche in Deutschland anläuft. Komponist Jóhann Jóhansson setzt in der Geschichte über Verständigung mit Aliens auf eine Minimal-Music-ähnliche Mischung aus organischen Collagensounds und Orchesterinstrumenten. Die einzelnen Komponenten und Gedanken dazu zu hören ist die ideale Vorbereitung auf den Kinobesuch am Wochenende.

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Das ist mein erster Piq für den neuen Piqd-Kanal “Videos und Podcasts”, den ihr jetzt abonnieren könnt.

“Our Debut Album” erlaubt einen einmaligen Einblick in kreative Prozesse

Wir sind davon besessen, wie Kreativität funktioniert. Wer sich einmal in eine bestimmte Filterblase im Netz verirrt, zum Beispiel auf “Medium”, kann sich plötzlich gar nicht mehr retten vor Selbsthilfe-Tipps für Autoren – gegen Schreibblockaden, für Ideenfindung, zur Effizienzsteigerung und Prozessverbesserung. Erfolgreiche Kreative und findige Wissenschaftler_innen teilen in TED-Talks und anschließenden Büchern inzwischen regelmäßig ihre Kreativitäts-Geheimnisse und -Beobachtungen. In Fernsehsendungen wird Kreativität als Problemlösung endlos zur Schau gestellt.

Aber selten bekommen wir die Gelegenheit, Ideen tatsächlich beim Entstehen zu beobachten. Denn Kreativität ist nach wie vor ein enorm privater Prozess. Er findet im Kopf statt oder alleine im stillen Kämmerlein (einer der Tipps für Ideenfindung) und wenn er, wie im Reality-TV der Superstars und Umdekorierungen, öffentlich inszeniert ist, wird die wirkliche Arbeit in der Regel nicht gezeigt, weil sie zu langweilig scheint. Podcasts wie der fantastische Song Exploder, “where musicians take apart their songs, and piece by piece, tell the story of how they were made” kommen einer echten Kreativ-Analyse einzelner Werke ohne Selbsthilfe-Charakter sehr nah (Rivers Cuomo hat einen der faszinierendsten Arbeitsprozesse aller Zeiten). Aber auch sie können Kreativität nur im Nachhinein erzählen. Live dabei sind sie nicht.

Eine Stunde Zeit

Auftritt Our Debut Album. Der Podcast von Dave Shumka und Graham Clark hat ein simples Konzept: Viele große Hits der Musikgeschichte wurden angeblich in unter einer Stunde geschrieben. Also braucht man auch nur eine Stunde, um gute Hits zu schreiben. Also kann man sich dabei auch aufnehmen. Shumka und Clark, beide eigentlich Comedians und weit davon entfernt, geübte Musiker zu sein, geben sich ein paar Minuten zum Brainstormen, dann starten sie den Countdown und schreiben einen Song.

Die Ergebnisse, die auf Bandcamp gestreamt und gekauft werden können, haben meiner Ansicht nach bisher nicht das Kaliber echter Hits. Einigen von ihnen merkt man ihren nicht sehr durchdachten Entstehungsprozess auch deutlich an. Aber darum geht es nicht. Viel interessanter ist, dass man Shumka und Clark dabei zuhören kann, wie sie unter (mäßigem) Zeitdruck Ideen entwickeln und ausarbeiten. Dass sie hauptberuflich Comedians sind, hilft, weil sie ihren eigenen Prozess ständig verbalisieren, kommentieren und auseinandernehmen – was schließlich auch das Geheimnis vieler guter Witze ist.

Meine persönliche Kreativitäts-Theorie

Ich habe eine persönliche Lieblingstheorie zum Thema Kreativität, die darin besteht, dass es im Grunde zwei kreative Persönlichkeitstypen gibt (und, natürlich, wie immer, ein Spektrum dazwischen). Bei den einen ist Kreativität von einer Vision getrieben. In ihrem Kopf entsteht sehr schnell ein voll ausgeformtes Endprodukt und der kreative Prozess besteht darin, sich diesem Endprodukt anzunähern. Eine der schönsten Visualisierungen dieses Typs habe ich im Film Begin Again entdeckt. Mark Ruffalo hört Keira Knightley in einer Bar zur Gitarre singen und für ihn stimmen sofort die herumstehenden Instrumente mit ein, zeigen das Arrangement, dass er sich vorstellt. Ich selbst bin auch so ein Typ – ich kann erst anfangen zu schreiben, wenn der Text in meinem Kopf erst existiert. Der Vorteil ist, dass der eigentliche Schreibprozess oft sehr schnell geht. Aber wenn auf dem Weg zur Vision etwas Unvorhergesehenes passiert oder die Vision sich nicht einstellen will, gerät der ganze Prozess schnell in eine existenzielle Krise.

Am anderen Ende des Spektrums steht Kreativität, die von einem Prozess getrieben ist. Zumindest habe ich das beobachtet. Ich kenne viele kreative Menschen, die eben nicht sofort wissen, wo sie hinwollen, sondern einfach so lange arbeiten, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden (genug) sind. Das bedeutet oft, erstmal übers Ziel hinauszuschießen und dann den Kurs zu korrigieren sowie sich bestimmte Ideen gar nicht vorstellen zu können, bevor der vorhergehende Schritt nicht abgeschlossen ist. Prozessorientierte Kreative sind, glaube ich, bessere Zusammenarbeiter und sie sind offener für spontane Entwicklungen im Laufe des Prozesses. Dafür brauchen sie meist länger, neigen stärker zur Prokrastination und man muss ihnen ihr Werk manchmal mit den Worten “Das ist jetzt gut so” aus den Händen reißen.

Die Theorie in Aktion

Bei der Live-Kreativität von Our Debut Album kann man als Hörer Zeuge von beidem werden. Shumka und Clark sind beide eher prozessorientierte Kreative, wie oben beschrieben. Sie fangen mit einer Ursprungs-Idee an und hangeln sich davon ausgehend so lange durch das Songwriting bis die Zeit um ist. Natürlich greifen sie auf typische Muster des Liedschreibens zurück, um ein Gerüst zur Orientierung zu haben, aber nicht selten kommen die entscheidenden Heureka-Momente erst nach der Hälfte der Zeit.

Ein paar Mal hatten die beiden allerdings auch Gäste mit in der Sendung, und fast jedes Mal konnte man beobachten, wie zwei verschiedene Kreativitätswelten aufeinander trafen. Emmett Hall, der in Episode 2, “Glam Boyz” mit im Studio sitzt, ist schon nach gut 15 Minuten von den ersten Ideen so angefixt, dass er den Rest des Songs bereits spielen könnte und von den anderen gestoppt werden muss (Ungefähr bei 18 Minuten im Podcast). Und mit Jessica Delisle wurschteln Shumka und Clark in Episode 6, “Party Lyin'” eine Stunde lang herum und sind am Ende überzeugt, zum ersten Mal gescheitert zu sein. Aber Delisle versichert ihnen: “In my mind, I’m hearing a song” – und produziert kurze Zeit drauf eine Demo aus den Versatzstücken (Bei ca. 33 Minuten). “I’m very much ‘what’s on the page'”, gibt Graham Clark als Antwort darauf zu und beschreibt damit das andere Ende des Spektrums. Es ist faszinierend!

Wieviel bleibt übrig?

Im letzten Schritt des Podcasts beschreiben die Gastgeber zusätzlich, wie aus ihrem in der Sendung entstandenen Gerüst mit Hilfe des Produzenten Jay Arner ein fertiger Song wird. Und obwohl dieser Schritt immer sehr verkürzt dargestellt wird, lässt sich auch darin noch viel über die Mutabilität von Ideen lernen. Weil die Zuhörer_innen zuvor alle Sackgassen miterleben durften, die das Songwriting auf seinem Weg passiert hat, bringen sie jetzt ein viel besseres Gefühl dafür mit, welche Anfangs-Ideen es bis zum Ende schaffen und wieviel Saat des finalen Songs in diesen Anfangs-Ideen überhaupt vorhanden ist.

Wer sich für Kreativität, Musik und Komik interessiert, dem lege ich Our Debut Album hiermit wärmstens ans Herz. Neue Episoden erscheinen immer am ersten Mittwoch jedes Monats. Neun Songs sind schon fertig, zwölf sollen es mal werden.

Und wer Ideen, Erfahrungen und Meinungen zu meinen Gedanken über kreative Prozesse hat, darf sie gerne in die Kommentare schreiben.

Piq: Die musikalische Einheitssoße moderner Blockbuster

“Können Sie die Musik aus einem Marvel-Film summen”, fragt Tony Zhou, der oft kluge und immer streitbare Video-Essayist des YouTube-Kanals “Every Frame a Painting” am Anfang seines neuesten Streichs. Natürlich kann es keiner, so wie Sie, die Sie jetzt diesen Piq lesen, es sicher auch nicht können.

In den darauf folgenden 12 Minuten blättert Zhou die ganze Misere moderner Blockbuster-Musik auf: das Mantra, dass Musik am besten gar nicht bemerkt werden soll; die fehlende Intelligenz in der emotionalen Taktung und das ewige Drama der “Temp-Music”, in der sich Komponistinnen an im Schnitt verwendeter Beispielmusik orientieren sollen und sich so immer weiter selbst replizieren.

Man muss nicht in allen Punkten mit Zhous Thesen übereinstimmen – braucht jeder Film überhaupt ein Thema, dass man nachsummen kann? – aber das reine Nachdenken darüber dürfte den nächsten Kinobesuch in der eigenen Wahrnehmung schon verändern.

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