Ich brauchte das 80er-Revival, um die 80er zu verstehen

The Lost Boys © Warner Bros.

Die Achtziger sind meine Problemdekade.

Meine Eltern sind mittlere Babyboomer. Als Angehörige des Jahrgangs 1952 waren sie 1968 gerade so nicht alt genug, um den ganzen Rummel vollständig mitzuerleben und nicht jung genug, um von ihren Eltern mitgerissen zu werden. Meine Mutter erzählt gerne, dass sie eine Mao-Bibel und ein Che-Guevara-Poster besaß, aber auch nicht genau wusste, warum sie “Ho-ho-ho-chi-minh” rief. Mein Vater hing zu seiner Abizeit gern in Freiburger Studentenkneipen rum und spielte Schach, aber dann wurde er trotzdem Zeitsoldat, um Wartesemester für sein Medizinstudium zu sammeln. Woodstock oder “Hair” – das war irgendwie ein Traum, aber keine wirkliche Realität.

Und dann haben sie beide nicht studiert. In den Siebzigern waren sie mehr damit beschäftigt, sich kennenzulernen und sich ein selbstständiges Leben zu schaffen – unabhängig von ihren Eltern. Ich hab sie nie gefragt, wo sie 1977 waren, als der Punk ausbrach. Aber dass sie es nie erwähnt haben, spricht eigentlich auch für sich.

Meine Fünf war keine Anti-Establishment-Geste

Und in den Achtzigern – nun, da haben sie Kinder bekommen, mich und meine Schwester. Da war der Popkultur-Zug dann endgültig abgefahren. Als Jahrgang 1983 sitze ich fett in der Mitte der Generation Y – die uncoole Stiefgeschwister-Generation der Generation X und der nervige ältere Cousin der Millennials. Als “Nevermind” erschien war mir noch nicht klar, dass meine gerade erhaltene Fünf in Schönschrift in der dritten Klasse eine Anti-Establishment-Geste sein könnte. Die Achtziger waren für mich nicht Postpunk und Gothic, sie waren das, was meine Eltern sich an Kultur in die Kinderkriegjahre hinübergerettet hatten: Andrew Lloyd Webber und Chris de Burgh.

Und deswegen hatte ich Zeit meines Lebens Schwierigkeiten, die Achtziger zu verstehen – jene Dekade, die von gefühlt allen Menschen, die auch nur ein bisschen älter sind als ich, endlos verehrt wird. 1982 oder 1984 – der beste Filmsommer aller Zeiten (USA)! Rip it up and start again (UK)! Ich will Spaß, ich geb Gas (Deutschland)!

Mein Popleben beginnt 1992

Die Achtziger, vor allem die frühen Achtziger, waren überall, wo ich hinsah, aber sie waren mir unendlich fern. Ich habe nicht einmal die deutsche Einheit so richtig mitbekommen. Mein Popleben beginnt irgendwie 1992 mit 2 Unlimited, Glitzerstickern und “Rhythm is a Dancer”, Jan Böhmermann hat das zuletzt gut auf den Punkt gebracht.

Klar, ich mochte E.T. und Back to the Future auch. Aber als ich als Teenager begann, selbst in der Zeit zurückzureisen und die Genre-Filmgeschichte zu entdecken, stieß ich in den Achtzigern ohne ältere Geschwister immer wieder auf Granit. Während sich mir sonnendurchflutete Hippiefabeln und ihre Nachwehen problemlos erschlossen (ganz wirkungslos waren die Beatles-Platten meines Vaters dann doch nicht), waren Filme zwischen 1980 und 1989 irgendwie merkwürdig. Dunkel. Schräg. Escape from New York – da erkannte man gar nichts! Blade Runner – ein Haufen kauderwelschiges Gelaber!

Albträume bis heute

Time Bandits, Legend, Labyrinth, The Dark Crystal, The Lost Boys – selbst die Filme, die ich streckenweise mochte, schienen wie aus einer anderen Welt zu sein. Viele Zeichentrickfilme aus den 80ern, etwa von Don Bluth und Prä-Katzenberg Disney – The Great Mouse Detective, The Secret of NIMH – sind fucking weird, man! Ich warte bis heute darauf, All Dogs go to Heaven noch einmal zu sehen, der mir damals merkwürdige Albträume bescherte.

Das war alles so anders als meine prägenden Filme: Jurassic Park, Terminator II, Toy Story, The Matrix – deutlich heller ausgeleuchtete, weniger synthie-lastige Märchen über Menschen und ihre Spielzeuge. Nicht so ein merkwürdiger Quatsch wie David Lynchs Dune.

Noch bis weit in meine Studienjahre hinein dachte ich, ich würde die Achtziger nie richtig verstehen. Metallica würden für mich ihre Karriere immer mit dem schwarzen Album begonnen, Yes ihre mit “Going for the One” beendet haben.

Tron:Legacy © Disney

Die Rückkehr

Dann aber wurden die Menschen 35, die die Achtziger als Kinder erlebt hatten. Und begannen Mitte der 2000er damit, ihre Kindheit zu remaken. Plötzlich waren die Achtziger wieder da. Egal ob Transformers, Indiana Jones, Tron, Die Hard oder Super 8; Turtles, My little Pony, Conan, Robocop und und und. Das Internet half als ewige Wiederkäu-Nostalgie-Maschine dabei, jeden noch so kleinen Geburtstag zu feiern und sich zurückzusehnen in alte Zeiten. In der Musik wurden an jeder Ecke die Synthies wieder ausgepackt. JUGENDLICHE TRUGEN WIEDER VOKUHILAS!

Aber irgendwie passte es auch. In den Achtzigern war die Welt durch den kalten Krieg in zwei Lager gespalten, nach 9/11 war sie es wieder. In den Achtzigern regierten rücksichtsloses Gewinnstreben und gelebte Maßlosigkeit, jetzt auch. Die Angst vor dem Terror war wieder da. Die Furcht vor Maschinen, die uns überlegen sind, ließ sich perfekt aufs Internet übertragen. Statt Tschernobyl eben Fukushima. Der einzige Unterschied liegt darin, dass man sich zusätzlich noch vor der ewigen Wiederkehr des Gleichen fürchtet.

Als Kind der hippie-dippie Neunziger – Love Parade, Schnullis, “Weil ich’n Mädchen bin” und so weiter – begann ich um 2010 herum endlich zu verstehen, was die Achtziger ausgezeichnet hatte. Dieses Gefühl des Tanzes auf dem Vulkan, der Katastrophe vor Augen, der Beinahe-Sehnsucht nach dem Weltuntergang, die sich auch im Kino plötzlich wiederfand, das alles leuchtete mir plötzlich ein.

Barocke, unpolitische Wiedergeburt

Ich fing deswegen nicht plötzlich an die Smiths zu hören, denn schließlich waren das hier ja nicht die Achtziger selbst, sondern ihre barocke, unpolitische Wiedergeburt. Aber plötzlich bekamen Alben wie “90125” oder “Human Racing” einen anderen Klang. Was mich vorher abgestoßen hatte, erschien mir jetzt plötzlich gerade schön. Filme wie Beetlejuice, The Terminator oder Who Framed Roger Rabbit, die ich gesehen und gemocht, aber nicht gefühlt hatte, entfalteten eine neue Ebene. Ich konnte etwas wie The Adventures of Buckaroo Banzai Across the 8th Dimension sehen und irgendwie nachempfinden.

Wir können auf Remakes und Nostalgie-Kultur schimpfen, so viel wir wollen. Aber manchmal braucht es genau diese Appropriation durch die rosa Brille anderer Menschen, um die Vergangenheit selbst zu erfahren. Manchmal reicht nicht der Text allein, es braucht den Metatext, der die Bedingungen, unter denen der Text entstand, wieder herbeibeschwört. Erst wenn wir beginnen unsere eigene Vergangenheit zu remaken, können unsere Nachfolger beginnen, zu verstehen, was sie für uns bedeutete.

Abschließende und Mehrwollende – Wer bist du?

© HBO

Will abschließen (links), will mehr (rechts)

Ich habe das Zitat zuerst in einem Scriptnotes-Podcast gehört. Einer Google-Suche zufolge wird es der amerikanischen Publizistin Dorothy Parker zugeschrieben und es drückt eigentlich schon vieles von dem aus, womit ich mich im folgenden Text beschäftigen will: “I hate writing, but I love having written.”

Dabei kann ich nicht einmal sagen, ob ich der ersten Hälfte des Zitates zustimmen würde. Ich hasse es nicht, zu schreiben. Aber die zweite Hälfte stimmt dafür umso mehr: Ich liebe es, etwas getan zu haben. Das geht mir nicht nur in der Produktion so, sondern auch in der Rezeption. Ein Buch durchlesen, einen Film fertigsehen, eine Serienstaffel beenden – das alles sind Momente, die mich mit Freude erfüllen. Sie geben mir das Gefühl, etwas geleistet, etwas geschafft zu haben. Eine Sache weniger vor Augen zu haben, die auf Vollendung wartet.

Das erste Feld eines neuen Weges

Doch wie so häufig stelle ich fest, dass mein Empfinden keinesfalls dem der gesamten Menschheit entspricht. Wie diametral entgegengesetzt die Wahrnehmung von Abschlüssen sein kann, erlebe ich jedes Mal wieder, wenn ich gemeinsam mit einer mir sehr nahen Person (insbesondere) Fernsehen gucke. In der letzten Folge der vierten Staffel von Game of Thrones passiert Einiges, auch Überraschendes, aber es gelingt der Serie, alle Hauptfiguren am Ende der Folge – und der Staffel – auf das erste Feld eines neuen Weges zu setzen und wunderbare offene Enden zu konstruieren. “Prima”, denke ich mir, während der Abspann läuft, “brillant beendet. Ich freue mich auf nächstes Jahr und bin froh, jetzt erstmal wieder andere Dinge zu machen.” Doch neben mir auf der Couch quietscht es entrüstet: “WAAAS? UND JETZT MUSS ICH WIEDER EIN JAHR WARTEN, BIS ES WEITERGEHT?”

Ich habe das Gefühl, dass die in Nerdkreisen so übliche Listenkultur eigentlich meine Sichtweise der Dinge unterstützt. Erst wenn ich einen Film gesehen, ein Buch gelesen habe, kann ich es in die “Erledigt”-Ecke meines virtuellen Regals stellen, egal ob auf Goodreads oder auf Letterboxd. Ein Buch, das auf ewig in meiner “Currently Reading”-Liste vor sich hinrottet, “bringt” mir nichts. Ich kann nicht behaupten, dass ich es gelesen habe. Und eine Serie, die nie endet, etwa eine Daily Soap, erlaubt nicht nur ihren Charakteren, sondern auch mir nicht, Frieden zu finden, abzuschließen, weiterzugehen.

Eine Art Limbus

Ich staune, wenn ich lese, dass meine Blogger_innen-Kollegen Björn und Yolanda Bücher nach der Hälfte oder zwei Dritteln zur Seite legen und nie wieder angucken. Sicher, so leben die Charaktere ewig fort, aber doch nur in einer Art Limbus – ohne Ziel und Zweck. Mein innerer Aspie würde da auf Dauer durchdrehen.

Die unterschiedlichen Bedürfnisse an große Erzählungen scheinen eine breitere Diskussion in der Popkultur, insbesondere in der Fan-Kultur zu sein. Nicht nur in der Serie Community ist eine Figur erst dann vollständig zufrieden, als sie mit dem Doctor Who-inspirierten “Inspector Spacetime” eine Obsession gefunden hat, die selbst in ihrem bisherigen Umfang quasi endlos ist und damit auch endlose Obsession zulässt. In einem lesenswerten Artikel auf “The Daily Dot” blickt Dominic Mayer kritisch auf die erste kanonische Veröffentlichung aus dem Harry-Potter-Universum seit mehreren Jahren und die bevorstehenden Filme, die J. K. Rowling derzeit schreibt, und zieht vergleiche zu George Lucas’ Herumdoktern an der ursprünglichen Star Wars-Trilogie, George R. R. Martins “Fuck You” an Fans, die verlangen, er möge schneller schreiben – und sogar Community selbst, die Serie, die sich auf immer absurdere Weise weigert zu sterben, um ihr selbst-gesetztes “six seasons and a movie”-Schicksal erfüllen zu können.

“Part of Art is Finality”

“[I]t’s hard to argue that part of art is finality”, schreibt Mayer. “The debate and continual reinterpretation is what keeps it alive, not a continuous stream of canon that ensures nobody ever has to feel sad about a thing they enjoyed coming to a close.” Ich bin geneigt, ihm Recht zu geben – und das als jemand, der sich bevorzugt mit nicht-endendem Franchising beschäftigt. Wie enttäuschend sind doch häufig nachgeschobene Sequels wie Indiana Jones and the Crystal Skull oder Live Free and Die Hard? Wie belanglos und leichenfleddernd neue Pink Floyd Alben 20 Jahre nach einem würdigen letzten Aufbäumen, das auf dem bittersüßen Gitarrensolo von “High Hopes” (allein der Titel!) geendet hatte?

Ich kann Anderen ihre Lust am Mehr nicht absprechen, finde es sogar bewundernswert, wenn sie so gut mit der Nichtabgeschlossenheit einer Geschichte leben können und gar nicht das Bedürfnis haben, eine Art “innere Ablage” zu betreiben. In unserer Kultur der “Hyper-Stasis” oder Atemporalität befeuert es aber natürlich auch das immerwährende Bedienen am Alten und die Weigerung, zu neuen Grenzen aufzubrechen, bis nur noch ein Weltuntergang helfen kann – wobei uns Comics, Alien-Filme und Posthume Auftritte natürlich daran erinnern, dass niemand tot bleiben muss.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende? Zu welcher Fraktion gehört ihr, liebe Leserinnen und Leser?

Zeitgeist: Escape (The Piña Colada Song)

Irgendwas muss dran sein an Rupert Holmes’ Hit von 1979, dass er plötzlich innerhalb eines Jahres in zwei Filmen wieder auftaucht. Da der Song seit dreißig Jahren nicht nur Leitmotiv der Creme-Cocktail- sondern auch der Partnervermittlungs-Industrie ist, scheint es fast schon logisch, dass er im überdimensionierten eHarmony-Werbespot The Secret Life of Walter Mitty auftaucht, wenn auch in einer gelungenen Coverversion von Jack Johnson. Aber auch im neuen Marvel-Film Guardians of the Galaxy ist der Song als Teil des ominösen Mixtapes zu hören, das Peter Quill immer bei sich trägt.

Was fällt auf an dem Song, der laut Wikipedia die letzte Nummer Eins der Siebziger war?

1. Der Titel. Wer auch immer den Song hört, dürfte danach erstmal ziemlich sicher sein, dass er “If you like Piña Coladas” heißt – oder so ähnlich, zumindest irgendwas mit “Piña Colada” im Titel. “Escape (The Piña Colada Song)” teilt sich insofern ein Schicksal mit dem ein oder anderen Hit durch die Jahrzehnte, dem in Klammern ein zusätzlicher Titel angehängt werden musste, damit der Pöbel ihn auch erkennt, wenn er ihn sieht (spontan fällt mir als weiteres Beispiel nur “Sweat (A la la la la long)” ein, aber zum Glück gibt es ja das Internet – wie sind Nirvana bloß damals mit “Smells like Teen Spirit” durchgekommen?).

2. Die Story. Wer den Song oberflächlich hört, kennt schon bald den Refrain auswendig und ahnt, dass es irgendwie um Partnerschaftsanzeigen geht. Aber in Wirklichkeit geht es um einen Mann, dessen langjährige Beziehung ihn nicht mehr erfüllt (“like a worn-out recording of my favourite song”) und der deshalb heimlich auf eine Anzeige in der Zeitung antwortet (weil er Piña Coladas mag). Doch das Blind Date endet unverhofft: die Anzeigenschreiberin ist seine eigene Frau und beide stellen plötzlich fest, dass es eine Menge gibt, was sie noch nicht voneinander wussten. Zum Beispiel ihre Vorliebe für Dünensex zur Geisterstunde.

3. Der Zeitgeist. Die beiden vielsagendsten Zeilen von “Escape” drehen sich um das, was Rupert Holmes und seine Frau nicht mögen. Sie sind “not into Yoga” und “not into health food”. Ich finde es irgendwie ganz wunderbar, wie sich hier die New Age Trends der 70er widerspiegeln, denen man damals wahrscheinlich kaum entkommen konnte. Die Figuren des Songs hingegen sind echte Genießer, süffeln lieber Cocktails und Champagner, statt auf der Selbstverbesserungs-Welle mitzureiten. Wahrscheinlich sehen sie sich selbst als die letzten normalen Menschen. Heute sind Yoga und gesundes Essen Mainstream, also was würde wohl an Stelle dieser Textzeilen treten, wenn der Song heute geschrieben würde? Wovon sagen “normale” Leute gerne, dass sie es nicht nötig haben? Vielleicht Social Media? “If you’re not into Facebook …?”

Film Blog Adventskalender – 22 – Jens Prausnitz

Mit Traditionen zu brechen, wenn sie einem nichts mehr geben und möglichst konstruktiv darüber zu schreiben, könnte als Motto über meinem Leben stehen. Wie Buñuel sein, die Rituale entlarven, und dann so spielerisch damit umgehen wie Woody Allen, und Dali ein Rhinozeros in den Porzellanladen von Mund legen. Everything is a Remix.

Wie sieht das als Weihnachtsgeschenk aus? So, wie die meisten meiner Geschenke das ganze Jahr über daher kommen, als Link. Kaum etwas bereitet mir mehr Freude, als über etwas zu stolpern, dabei an jemanden zu denken, und ihm oder ihr diesen Fund unmittelbar zukommen zu lassen. Nur weil ich als Erwachsener nichts mehr vom “Fest der Liebe” halte, heißt das noch lange nicht, dass ich anderen die Weihnachtszeit mutwillig verderben möchte. Als Vater eines 10-Jährigen wäre das auch reichlich infantil. Außerdem erinnere ich mich noch, wie sehr ich selbstgebastelte Adventskalender geliebt habe, und das dürfte bis heute die einzige Serie sein, bei der ich mich nicht an 23 Prequels oder “origin stories” störe.

Für meinen Sohn besteht er noch aus remixten, schwer dechiffrierbaren Legosets, für alle anderen als öffentliches Mixtape recht unsexy und haptikfrei online. Darauf sind jedes Jahr 24 schnittige Lieder, gespickt mit Samples aus Filmen und Serien, die ich im jeweiligen Jahr gesehen oder (wieder)entdeckt habe. Das Erste machte ich noch klassisch auf eine 90er Kassette – Chromdioxid, Typ II – für zwei gute Freunde, als Begleitung für deren gemeinsame lange “Driving home for Christmas”-Autofahrt von der Uni nach Hause. Selbstredend ohne dieses grauenhafte Lied. Inzwischen schaffe ich das aber nicht mehr alles in der Adventszeit, daher hat sich daraus ein Jahresrückblick im Januar entwickelt, gehalten haben sich aber die 24 Häppchen, und gebrannt muss es immer noch auf eine CD passen. Wer jetzt mal in vergangene Ausgaben reinhören will, bitteschön. Im Januar gibt’s die nächste Ausgabe unter dem gleichen Link, für die ich schon das ganze Jahr über Samples und coole Songs gesammelt habe – Dank einem Tweet von Alex ist übrigens “Cholla” von The Joy Formidable dabei.

So entwickelt sich alles schleichend bis radikal weiter, ich liebe und lebe von der Montage, ob als Cutter von Werbespots für Katzenfutter bis hin zu Spiel- und Kurzfilmen, Produzent vom torrent-magazin Podcast, dem Entwurf und Bau von eigenen Lego-Modellen, sowie dem Schreiben von Filmbesprechungen, Texten und Drehbüchern. Angetrieben werde ich von einem Hauch Nostalgie, höre dabei auf mein Bauchgefühl und folge meinem Herzen. Die meiste Energie widme ich im Augenblick wohl dem von mir ins Leben gerufenen “writers’ room” auf wasbleibtistprost.de, wo ich gemeinsam mit 23 ;) anderen Pionieren öffentlich an einer deutschen Mystery-Horror-Serie schreibe: “Woipating” bzw. “W.” – ein bisschen wie TWIN PEAKS im Bayrischen Wald. Dementsprechend schließe ich einigermaßen passend mit Dale Cooper: “I’m gonna let you in on a little secret: Every day, once a day, give yourself a present. Don’t plan it, don’t wait for it, just let it happen. It could be a new shirt at the men’s store, a cat nap in your office chair, or two cups of hot black coffee.”

(Jens Prausnitz)

Quotes of Quotes (VII)

Food for thought, and the reaction to Retromania and everything around it that I could most relate to:

Retromania is a provocation. It deals in what Mark Fisher calls ‘negativity’. The term is intended to be less pessimistic that it sound. ‘Negativity’, for Fisher, is a productive spure: discontent as a call to arms. [...] Rather than simply represent that negativity, however, Reynolds and Fisher would have us respond to it. This is the difference too between the kind of negative politicism expressed during the recent London riots and those camped outside St Paul’s Cathedral and across the nworld in the name of the Occupy movement. Negativity is obviously not an end in itself, but sometimes it simply has to come first.
- James Parker, University of Melbourne (via)

5 Dinge, die Rock of Ages nicht hat

Tom Cruise als Stacee Jaxx in Rock of Ages

Bild: Warner Bros.

Rock. Man möchte meinen, mit einem Soundtrack von Bon Jovi bis Foreigner und dem Wort “Rock” im Titel, habe Adam Shankmans 80er-Jahre-Revival genug Fels um die Pyramiden von Gizeh in Lebensgröße neu aufzuschütten. Doch neu arrangiert im bombastischen “Night of the Proms”-Stil, überschüttet mit Synthesizern und Kompression, dargeboten von Stimmen der Castingshow-Generation, scheint jede noch so kleine Scharte der Originalsongs abgewetzt. “Wanted: Dead or Alive” ist damit eindeutig nur noch eins: dead.

Musical-Feeling. Gar nicht so dumm wäre es, zu hoffen, dass dieser zuckrige Überzug wenigstens für eine ordentliche Portion Broadway-Glamour sorgt. Aber irgendwann muss jemand mal festgestellt haben, dass man selbst auf ein Mashup von “I love Rock and Roll” und “Hit me with your best shot” nur schwer tanzen kann. Die Folge: Lahme bis nicht vorhandene Choreografien, die im Schnittchaos verdient untergehen. Wenn Busby Berkeley das noch erleben könnte …

Sex. Regelmäßig fällt dieses Wort in “Rock of Ages”. Als Anklagepunkt der von Catherine Zeta-Jones angeführten Protesttruppe, als Essenz seines Erfolgs aus dem Mund von Tom Cruises Tyler-Rose-Jovi-Amalgam Stacee Jaxx.* Doch selbst in der explizitesten Beischlafszene des Films muss die von Malin Akerman gespielte Rockjournalistin ihren BH anlassen. Das Spießertum, das Shankman noch im John-Waters-Musical Hairspray so treffend wie komisch anprangerte, hat in Rock of Ages obsiegt. Mothers, no need to hide your daughters, es ist nur eine weitere, mit Retropaste überzogene Franchisefolge von High School Musical. Typisch dafür, wie wenig ernst der Film Sex überhaupt nimmt, auch dieser Dialog: “Ich arbeite als Stripperin in einer Bar.” – “Ich bin Mitglied einer Boyband.” – “Okay, du hast gewonnen.”

Nostalgie. Die Haare, die Klamotten, die backsteingroßen Telefone, die Songs: Wie Archäologen, die versuchen, eine untergegangene Zivilisation aus deren Artefakten zu rekonstruieren, haben die Filmemacher alles zusammengetragen, was vermeintlich die Ära ausmachte, in deren überhöhter Version ihre Geschichte spielt. Die Aura dieser Ära jedoch – dreckiger, düsterer und dennnoch irgendwie schöner – haben sie irgendwo am Wegesrand vergessen. Übrig bleibt nur das übliche Zeichen ohne Bezeichnetes und ein ebenso leeres Gefühl in den limbischen Systemen der Zuschauer.

Eine Seele. Journeys “Don’t stop believing” ist gewissermaßen Drehbuchgrundlage (“Just a small town girl …”) und zentrale Hymne dieses Films, der sich anschickt, die wahre Religion des Rock vor den dunklen Mächten des Pop zu bewahren. Doch woran soll man noch glauben, wenn die selbsternannten Priester längst selbst einen Deal mit dem vermeintlichen Teufel geschlossen haben und eine unverhohlene filmische Manifestation von “The Man” als Neues Testament darreichen. Dann lieber zum zehnten Mal This is Spinal Tap gucken. Dort wird der bizarre Pomp und Circumstance jener Spätauswüchse des Rock ‘n’ Roll auch lächerlich gemacht, aber er wird wenigstens ernst genommen. Wie heißt es in “Don’t stop believing”? “Some were born to sing the blues.” Ja, und andere halt nicht.

*Cruise, der als reale Persönlichkeit mindestens genauso umstritten ist wie seine Filmfigur Stacee Jaxx, ist das einzig Sehenswerte an Rock of Ages. In seinen Szenen schillert manchmal für Sekundenbruchteile etwas von der Hassliebe durch, die man zu 80s-Bombastorock gefälligst zu pflegen hat.

Navel Gazing – Part 3: Blogs

I like to know what’s going on in the world, but generally I’m fine with having a cursory overview of the most important events. This is different in my more specific fields of interest – film, media, music and cultural trends – and I have come to depend on blogs for most of my information in these fields.

Like with everything else, I use Netvibes to organize my feeds and I would be lost without it. The widget mode allows me to see all feeds with one look and lets me decide if I want to read every item, pick out single ones or just mark the whole feed read. This mode of operation also allows me to give feeds different amounts of room according to how often they post new items and how important I find them and also allows for easy cycling in and out of feeds, e.g. when they stop updating or start boring me.

I have organised my feeds in five tabs: film, music, media, “cult and culture” (a term I borrowed from my college newspaper’s miscellaneous section) and “people”, which means private blogs of people I know. Let me take you through those tabs.

Film

As I’ve already mentioned in my last entry, my main blog for keeping track of everything film has become /film. It’s not as good as my earlier key medium, Cinematical, mostly because of its limited (geeky) scope, but it’s okay for keeping an overview on Hollywood filmmaking at least (I’m thinking of switching, maybe to something like “The AV Club”. Any other suggestions?). For arthouse cinema, I rely on the “Film Weekly” podcast discussed in the last episode). In support of /film, I follow the only German film blog worth following, NEGATIV, but I mostly just skim the articles. Because they are opinion leaders in Germany, for some strange reason, I also follow Die Fünf Filmfreunde, who mostly post trailers. PARALLEL FILM is the blog of German filmmaker Christoph Hochhäusler, the only German filmmaker who blogs (the sorry state of the German film blogosphere is a topic for another post or post series).

There are three academic film blogs whose authors I respect and like. Dan North wrote one of the best books on digital aesthetics four years ago (get it here) and he irregularly blogs about sci-fi, puppetry and Naomi Watts. I am especially fond of his Build Your Own Review category. The Film Doctor posts good linklists every weeks and writes delightfully snarky reviews (“The Artist: When Homage becomes Fromage”). And David Bordwell really needs no introduction. He’s easily the most interesting academic film blogger around.

For some (very rarely updated) fun, I follow Adam Quigley’s Tumblr.

Music

I have a problem. I actively enjoy a genre of music that is one of the most reviled among music journalists: prog rock. I also don’t care much for many artists and styles music journalists regularly hype. And I find the kind of writing about prog rock that does exist mostly quite dull and old-fashioned. So I only read three music blogs in support of my wekly dose of the “Music Weekly” Podcast: The Guardian Music Blog for its occasional interesting theses about the music industry and columns like “The Indie Professor”; Eric Pfeil’s Pop-Tagebuch because even though I don’t share his taste, he is a very funny writer; and Jem Godfrey’s (Frost*) blog The View from the Cube, because I’ve grown so used to it.

Media

When I was a media journalist, I had two tabs filled with feeds and added new ones almost every week. After I changed jobs, I kept only the blogs of the people whose opinion I generally find worth reading, no matter what they write about. In addition to the german opinion leader in the field, BildBlog, they are: Stefan Niggemeier, Katrin Schuster, Jeff Jarvis, Ulrike Langer and Christian Jakubetz. Also on my media tab: The Guardian Critic’s notebook. Reflecting now, maybe this tab needs a bit of a shake-up soon.

Cult and Culture

This tab holds the best of the rest and everything else that captures my interest for a while or for longer. A sort of hobby-horse of mine is linguistics and I always get my fix at Language Log. I’ve started to read its German equivalent, Sprachlog, but while I like the topics, I can’t stand the precocious tone of its author (one of the problems with blogs). Two blogs keep me updated on Geek culture, German heavyweight Nerdcore and Geekologie, which is infested with crude humour, but funny nonetheless. And then there’s four bloggers, who stand on their own. Sascha Lobo, a very disputed figure in the German blogosphere but I tend to agree with him; Lukas Heinser, who generally writes about pop culture in an amusing way, even though (once again) I don’t share his taste in music; Michael Marshall Smith, who used to be one of my favourite novelists, but has turned kind of sour, which makes for some interesting blogging sometimes; and finally, Georg Seeßlen, an influential German film/culture critic who has good ideas but always carries them a bit too far into convolution – I watch his blog with morbid fascination.

I read lots of other blogs as well, but I don’t read them regularly. I don’t follow their RSS-feeds, even though I like or respect their authors or their topics. There is only so much stuff one person can read in a week. Luckily, the internet has found ways to let the most interesting posts from those blogs float to the top. One of them is aggregators like Rivva, which I mentioned last week. The other one is soial networks, the topic of the next episode.

Navel Gazing is a multi-part blog series about my personal media consumption habits, meant as a case study and a moment of self-reflection on account of Real Virtuality’s third birthday.