Their Names Escape Me

Ausschnitt aus dem Backcover von X – Ⓒ Mascot Records

Im Jahr 2009 hatte die Band Spock’s Beard eine harte Zeit. Ihr Frontmann, Visionär und einziger Songschreiber hatte einige Jahre zuvor eine Solokarriere gestartet, weil er Born-Again Christ geworden war. Die letzten zwei Alben, in denen die Band versucht hatte, zu zeigen, was das restliche Personal so produzieren kann, hatten sich nur mäßig verkauft. Spock’s Beard entschieden sich also, einen damals noch recht neuen, aber von anderen Bands mit hartem Fan-Kern wie Marillion vorgelebten, Weg zu gehen, und die Studiozeit für das neue Album X per Crowdfunding vorzufinanzieren.

Wie damals auch schon üblich gab es verschiedene Stufen, auf denen man die Band unterstützen konnte. Nur das Album, das Album und ein T-Shirt, diverse Deluxe-Ausstattungen. Das “Ultra Package” aber enthielt etwas noch Krasseres:

your name written into the lyrics of a new Spock’s Beard song. This track will include a vocal section where your name (or somone you choose) will be sung by the band. This will be a full band, fully-produced song that requires a long list of names be sung as part of the lyric.

Die Diskussionen in den Fan-Foren liefen heiß. War das eine gute Idee? Ging das nicht eine Spur zu weit in Sachen Gimmickiness? Es war ja eine Sache, Namen von Unterstützern in den Credits aufzulisten (wie es inzwischen jeder zweite Patreon macht), aber ein Lied mit 100 oder mehr Namen drin? Das konnte ja nur schief gehen.

Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich finde “Their Names Escape Me” ist vielleicht der beste Song, den Spock’s Beard in dieser Bandkonstellation geschrieben haben. (Und er ist nicht einmal auf der regulären Verkaufsversion des Albums enthalten.)

Im Text geht es um jemand (vielleicht einen Priester oder einen Seher), der vor ein Orakel geschleift wird. Die göttliche Kraft, die hinter dem Orakel steht, herrscht ihn an, er möge die Namen aller Verräter nennen, die “arms against the nation” führen würden. Der Priester bittet um Vergebung, dass er die Namen gegenüber seinem Gott nicht geheimhalten kann – und zählt auf. Erst ganz leise, dann immer lauter und wilder steigert er sich in den Verrat hinein, während die Musik hinter ihm anschwillt. (Wer nur mal reinhören will, dieser Teil beginnt bei 3:39 Minuten.)

“Their Names Escape Me” profitiert natürlich davon, dass 9-minütige Songs, in denen es minutenlange, langsame Steigerungen gibt, im Progrock, in dem sich Spock’s Beard bewegen, keine Seltenheit sind. Seine ernsthafte Stimmung wird an einigen Stellen dadurch gebrochen, dass Sänger Nick D’Virgilio Quatschnamen wie “Simon D’Progcat” singen muss. Aber ein Gimmick ist er auf keinen Fall. Er besitzt dafür, dass er im Endeffekt eine Crowdfunding-Belohnung war, eine erstaunliche Gravitas. Mir schaudert es heute noch wohlig an einigen Stellen, gerade in dem Wissen, das hinter den Namen echte Fans stehen, die bereit waren, ihre Band großzügig zu unterstützen (mein Name ist übrigens nicht dabei).

Crowdfunding Rewards auf Plattformen wie Steady, Patreon oder Kickstarter haben eine gewisse Routine erreicht. Auf den unteren Levels gibt es einfachen Zugang, auf den höheren besseren Zugang, persönliche Grüße, Credits, Autogramme und Merch. Das ist vollkommen in Ordnung so. Diese Plattformen sollen Künstler*innnen ja in erster Linie dazu dienen, ihnen Freiheit für ihre Kunst zu gewähren. Aber wenn es mal, wie in diesem Fall, dazu kommt, dass die Fans in der Kunst selbst verewigt werden können, gehört das zusätzlich gefeiert.

Kennt ihr dafür noch weitere Beispiele?

Don’t unplug, rewire

Bru-nO / Pixabay

Unplugged-Musik hat eine feste Ästhetik bekommen. Was vor 30 Jahren, als MTV Unplugged startete, noch eine neue Idee war – Rockbands spielen ihre Songs “ohne Strom”, eigentlich also ohne Verzerrer, elektrische Tonabnehmer und Keyboardchips, ist inzwischen ein Satz an Konventionen, einem der voreingestellten Instagram-Filter vergleichbar. Elektrische Gitarren und Bässe werden durch akustische ersetzt, Keyboards durch Klaviere, dazu kommen je nach Budget ein paar Streicher. Der Schlagzeuger spielt statt mit Stöcken mit Power Rods, damit alles etwas sanfter klingt. Auf Streamingdiensten gibt es Künstler, die vermutlich gar nicht schlecht damit nebenbei verdienen, bekannte Rock- und Popsongs genau in dieser Ästhetik zu covern. Cottagecore für den Rock’n’Roll.

Ich höre immer wieder gerne ein etwas vergessenes Album, was dieses Prinzip etwas auf den Kopf stellt. Nick D’Virgilio, damals Kopf der Progtruppe Spock’s Beard und Sessiondrummer in diversen Projekten, und der Produzent Mark Hornsby kamen Ende der 2000er auf die Idee, das gesamte Magnum Opus The Lamb Lies Down on Broadway von Genesis zu covern, ein verschlungenes Doppelkonzeptalbum mit traumwandlerischer Story von 1975. Aber statt auf die bekannte Ästhetik zu setzen, klingt Rewiring Genesis, wie das Album am Ende heißen sollte, ziemlich einzigartig.

Längst nicht alle Stecker sind gezogen, es gibt durchaus elektrische Gitarren zu hören, und das Schlagzeug spielt mit ganzer Power, aber die für die Genesis-Besetzung der Ära typische Mischung aus 12-saitigen Gitarre´n mit vielen Effekten sowie analogen Synthesizern, E-Orgeln und experimentellen Tasteninstrumenten wie dem Mellotron, ist völlig aufgelöst. An ihre Stelle treten Streicher, Bläser, Melodikas, Akkordeons, A-Capella-Chöre und eine kleine Prise Jazz. Das Ergebnis hat die volle Wucht des Originals, es ist keine sanfte Akustikversion, die man leicht nebenbei hören kann, aber es klingt gleichzeitig ganz anders. Ein kleiner Vergleich:

Diese Art von Arrangements scheint Drummern zu liegen. Gavin Harrison, der Schlagzeuger von Porcupine Tree, hat vor ein paar Jahren auf seinem Soloalbum etwas ähnliches gemacht. Die von Gitarrenwänden und Keyboardflächen geprägten Songs der Band erschallen im hier vollends jazzigen Gewand auf ähnliche Weise genauso kräftig, aber eben anders.

Ich wollte eigentlich nur in der Erinnerungskiste wühlen und ein Album empfehlen , das zu meinen meistgehörten zählt (und das es leider nirgendwo digital zu kaufen oder zu streamen gibt).

Aber steckt darin vielleicht auch eine Lebensweisheit? Wenn es um digitalen Medienkonsum geht, ist ja auch oft die Rede davon, mal den Stecker zu ziehen und Digital Detox zu machen. Und tatsächlich tauchen dabei vor meinem geistigen Auge ähnlich geronnene Bilder auf, wie bei Unplugged-Musik – ein Bauernhaus auf dem Land, im Wind wehende Leinenstoffe, eine perfekt für den Katalog inszenierte Gemütlichkeit and not a cell phone in sight. Eventuell (auf jeden Fall für mich) ist auch in diesem Fall ein Rewiring die interessantere Lösung. Statt Handy und Laptop im Garten zu vergraben (wenn man denn einen hat), vielleicht einfach mal schauen, was man damit statt Doomscrolling machen könnte. Mal wieder Blogs lesen, statt Twitter. Mal wieder einen längeren Gedanken festhalten, statt eine Insta-Story zu posten. Die Aufmerksamkeit neu auswildern. Die Wucht behalten. Die Instrumentierung ändern.

Playlist 2021

Mein Album des Jahres

Wisst ihr noch, letztes Jahr, als alle sehnlichst darauf gewartet haben, dass 2020 endlich vorbei ist? Jetzt sind wir wieder etwas schlauer. Immerhin gibt es Musik. Meine Playlist dieses Jahr ein paar echte Ausreißer. Normalerweise habe ich ein oder zwei davon und stecke sie ganz ans Ende, aber dieses Jahr sind ein paar mehr “uncoole” Songs dabei, und ich bin zu alt, um mich dafür zu schämen.

Es gibt deutlich mehr Songs, die ich 2021 gerne gehört habe. Um auf diese Liste zu kommen, muss ein Song sich irgendwo bei mir im Kopf festgesetzt haben. Häufig bedeutet das entweder, dass ich ihn bewusst immer wieder gehört habe, oder, dass ich ihn mit einem Ereignis verbinde.

Es sind 30 Songs auf der Liste. Ich versuche, mich mit den Kommentaren kurz zu fassen.

1. A Capella Science – Soon May the Vaccine Come (Covid Wellerman)

Ich weiß auch nicht. Irgendwie hat mich dieser TikTok-Clip gerührt, als ich noch nicht geimpft war, und ich fand es witzig, dass er am Ende in einen kompletten Raggaeton-Dance-Song abdriftet. Und dann musste ich ihn 20 mal mit meinem Kind gucken.

2.. Frost* – Day and Age

Frost* sind eine alte Liebe, und dieses Jahr haben sie wieder ein Album rausgebracht, dass ich lieben kann. Irgendwo zwischen späten Pink Floyd, 80er-Genesis und ELO, mit etwas knalligeren Drums.

3. Public Service Broadcasting – Blue Heaven

Diese kleine Prise Retrofuturismus zwischen Post-Rock und Blade Runner-Soundtrack hat mir meinen Oktober versüßt. Unter anderem bin ich dazu durchs ICC spaziert.

4. Jane Weaver – The Revolution of Super Visions

Die Magie liegt im Refrain.

5. Ryley Walker – Striking Down Your Big Premiere

Ryley Walker hat sich dieses Jahr mit einem sehr proggigen Album zurückggemeldet, das nach Yes und Canterbury klingt. Ich feiere es.

6. Katy Kirby – Traffic!

Das erste Album, das mich 2021 begeistern konnte. Fluffiger Singer-Songwriter-Pop.

7. Kishi Bashi – Early Morning Breeze

Kishi Bashi covert Dolly Parton. Hat mir im düstersten Covid-Winter gute Laune gemacht.

8. Anna Fox Rochinski – Everybody’s Down

Dazu bin ich im Sommer Longboard gefahren.

9. Dodie – Cool Girl

Build a Problem, das Album, ist nicht mein liebstes Werk von Dodie, leider doch etwas zu viel Gehauche für meinen Geschmack. Aber ich bleibe Fan von ihr und das ist der beste Song.

10. Edie Bricknell & New Bohemians – Sleeve

Ein Algorithmus-Song, der mir einfach gefiel. Und dann im November noch mal thematische Resonanz bekam.

11. Marcella Rockefeller – Anders als geplant

Es muss an meiner Musical-Zuneigung liegen (und daran dass Peter Plate und Leo Sommer gerade ein Musical geschrieben haben, aus dem ich mal einen Song gehört habe), dass mir dieses Rosenstolz-Cover eines Travestie-Künstlers in den Algorithmus geflogen ist. Und was soll ich sagen: Es ist schmalzig, aber ich mag es. (Den Rest der Platte jedoch nicht.)

11. Eternity’s End – Hounds of Tindalos

Metal zum Aufwachen. Eine sanfte Ironie, die ich immer wieder gerne betrachte, ist folgende: Als ich jung war, hatte ich zehn Jahre lang eine Band. Unser Gitarrist hatte einen deutlich jüngeren Bruder. Und heute ist der Gitarrist Physiker und der Bruder professioneller Gitarrist und ein Gniedelmonster vor dem Herrn. Eternity’s End ist eine seiner Bands, und ich fühle mich damit in die Zeit zurückversetzt als ich 15 war und Blind Guardian und Hammerfall gehört habe.

12. The Paper Kites – Climb on Your Tears (feat. Aoife O’Donovan)

Aoife O’Donovan hat eine der schönsten Stimmen der Musikwelt, deswegen taucht sie auch als einzige zweimal in der Liste auf.

13. Zucchero – Soul Mama (Acoustic Version)

Ich habe irgendeine tiefsitzende, grundlose Liebe für Zucchero und für diesen sinnlosen Song (Beep beep!).

14. Attacca Quartet – Real Life

Beats und Streichquartett. Gehört, als ich aus dem Impfzentrum nach der zweiten Impfung kam.

15. Ashnikko – L8r Boi

Ich finde die Idee total gut, statt eines Antwort-Songs einfach den Original-Song umzuschreiben. Und deswegen wird der Sk8r Boi hier halt nicht später zum Star und das Mädchen ist traurig, sondern sie lebt einfach ihr eigenes Leben und er bleibt alleine zurück. Was soll sie auch machen, er hat sie nicht befriedigt und sie ist nicht seine Therapeutin.

16. Partner – Here I am World

Der Drum-Break vor der zweiten Strophe und dieses generelle 90s-College-Rock-Gefühl.

17. Lorde – Solar Power

Auf die Akkorde von “Freedom ’90” würde ich vielleicht jeden Song gut finden.

18. Half-Alive – Summerland

Eine wunderbare, melancholische Sommerhymne.

19. Aoife O’Donovan – Phoenix

Mein Song des Jahres. So viel Schmerz und Hoffnung zugleich in einem Lied.

20. Orla Gartland – More Like You

Oh, I heard it from a woman on the internet
She told me to eat well and try to love myself
Then maybe I won’t wish that I was someone else

Das ganze Album ist toll. Ich freue mich sehr auf das Konzert im April.

21. Matilda Mann – Bloom

Kam irgendwann als Ohrwurm zurück, obwohl ich ihn lange nicht gehört hatte.

22. M Field – Fiona

Ganz tolle EP. Ich brauchte eine Weile, um zu merken, dass es natürlich sehr an Graceland erinnert, denn Matthew Field stammt aus Südafrika. Aber dieses synkopierte Gitarrenspiel kombiniert mit der weichen Stimme beschwingt einfach.

23. Judith Holofernes – Ich wär so gern gut

Ich patronisiere Judith und lese dort ihre autobiografischen Essays, denn sie kann eigentlich gerade gesundheitlich gar nicht singen. Diesen Song hat sie aus der Schatzkiste gezogen und abgesehen davon, dass ich das Wort “gut” irgendwie gleichzeitig passend und unpassend finde, mag ich ihn, vor allem den Refrain.

24. Mickey Guyton – Different

Jeder kann einen Empowerment-Country-Rock-Song brauchen, der anfängt wie das Löwenzahn-Thema.

25. APRE – You

Die Jungs von APRE machen seit Jahren gute Hymnen. Das ist keine Ausnahme.

26. Laura Mvula – What Matters (feat. Simon Neil)

Laura Mvulas Stimme ist toll, und der Song erinnert ja ganz bewusst an 80s-Synthieballaden. Ich habe lange überlegt, ob ich nicht lieber “Conditional” vom gleichen Album nehmen soll, weil er mehr knallt, aber mich dann doch hierfür entschieden.

27. LeBrock – All Or Nothing

vgl. Simulakren

28. The Beatles – Get Back (2021 Mix)

Zugegeben: Im Unterschied zum neuen Stereomix von Sgt. Pepper höre ich hier kaum Unterschiede, aber mir ist jede Entschuldigung recht, um meinen Lieblings-Beatlesong auf eine Playlist zu schreiben.

29. Carolin Kebekus – La Vida Sin Corona (feat. Karl Lauterbach)

Ich fand das Thema Covid als Klammer dieser Playlist irgendwie passend, und die beiden Songs haben auch eine ähnliche Funktion. Sie haben im Frühsommer durch Albernheit Hoffnung gestiftet. Beide Songs sind übrigens auch gar nicht so triumphal, wie sie wirken. In ihnen stecken viele Mollakkorde und diese klassische Melancholie von Musik, zu der man sich bewegen soll, hat mich berührt. Dieser Wunsch, Karl Lauterbach einfach durch Autotune wegzupusten und so zu tun, als gäbe es diese ganze Scheiß-Pandemie nicht mehr, kommt irgendwie von ganz tief unten.

Zum Selbsthören:

Die Playlist auf Apple Music | Die Playlist auf Spotify

Popkultur-Simulakren, 2021

Cowboy Bebop, (c) Netflix

Seit ich ihn gelernt habe, beim Schreiben meiner Magisterarbeit vor etwa 15 Jahren, lässt mich der Begriff des Simulakrums nicht mehr los. Ich weiß nicht, ob Jean Baudrillard ihn erfunden oder nur adaptiert hat (und bin gerade zu faul zum Googeln, der Sinn dieser Blogposts soll sein, dass ich sie schnell runterschreibe) und ich weiß auch, dass er sie deutlich politischer aufgeladen hat, als es heute meistens getan wird. Aber ich mag ihn einfach sehr, diesen Gedanken, von einem Zeichen, das auf etwas verweist, was nicht mehr da ist und somit nur noch als leerer Verweis stehen bleibt – wie ein Hyperlink auf eine 404-Seite.

In den vergangenen Jahren habe ich schon oft über Retromanie und reaktionäre Nostalgie geschrieben, aber das, was mir im Jahr 2021 begegnet, halte ich oft für harmloser. Ich denke, es stammt meist aus einer genuinen Liebe für etwas Vergangenes, und dem Wunsch, ihm ein zweites Leben einzuhauchen. Musik-Streaming etwa hat musikalischen Nischen den Weg bereitet, die sehr stark in diesen Topf greifen. Die Musik der Band LeBrock klingt eins zu eins nach Powerballaden und Hairmetal-Hymnen der 1980er, so nah dran, dass man es fast schon für Parodie halten könnte – es ist aber bierernst. Wir leben aber nicht mehr in den 1980ern, sondern 40 Jahre später. Worauf die musikalische Ästhetik der Zeit reagiert hat, etwa den Überhang der Hippie-Ära oder den Maximalismus der politischen Rhetorik, hat sich gewandelt. Somit wird die Musik von LeBrock zum Simulakrum, zum Zeichen ohne Bezeichnetes. (Ich finde sie trotzdem gar nicht schlecht, ehrlich gesagt)

Im Streaming-TV sehen wir etwas Ähnliches. Wir haben darüber unter anderem in der bald kommenden Folge von Kulturindustrie gesprochen, deswegen will ich nicht zu sehr vorgreifen, aber was genau will eigentlich Cowboy Bebop? Wenn man ein kulturelles Produkt remaket, das seinerseits bereits auf alle Lieblingsdinge der Macher*innen verweist, was bleibt dann übrig?`

Die Ästhetik, die entsteht, wenn man diesen Produktionen einerseits genug Geld gibt, um sie stellenweise poliert aussehen zu lassen, andererseits aber auch wieder nicht so viel, um sie wirklich ins Detail zu durchdenken und etwas eigenes schaffen zu können, ist so eine merkwürdige Middlebrow-Hohlheit. Nicht underdog-mäßig genug, um in seiner niedrigen Qualität charmant und roh zu sein (was man evtl. für den Original-Anime argumentieren könnte, aber auch für andere Kultprodukte wie etwa Evil Dead), aber auch nicht so mit Budget zugeschissen, dass es für echte Hochwertigkeit reicht.

Bei The Wheel of Time, von dem ich – so viel Transparenz muss sein – erst eine Folge gesehen habe, verhält es sich meiner Ansicht nach ähnlich. Die Serie ist auf Glamour gebürstet, der ruft “Schau mal, ich bin hochwertig”, es scheint ihr aber an wirklicher Qualität zu fehlen. Die Hauptdarsteller*innen, mit Ausnahme von Rosamund Pike, fallen alle in die Kategorie “Hübsch, aber charakterlos”, für die Ausstattung gilt Ähnliches. Passt aber vielleicht dann auch wieder ganz gut für eine Buchvorlage, die zwar ein großer Fantasy-Erfolg war, sich aber im Rückblick vor allem wie eine Neuverquirlung aller bis dahin bekannten Fantasy-Klischees, von Bibel über Tolkien bis Dune, mit wenigen eigenen Ideen liest.

Das sind sie, die Popkultur-Simulakren von 2021 – Verweise auf Verweise, aber nicht originell und postmodern verspielt, sondern außen poliert und innen hohl. Streaming-Golems, gut genug für Netflix und Amazon Prime.

Mixtape 2018

Bei allen Umwälzungen, die das Jahr mit sich brachte (mehr dazu bald hier): Musikhören ging relativ konstant weiter, gehemmt höchstens durch meinen permanenten Podcastkonsum. Der allerdings zum Teil auch wieder zurückgibt, denn Podcasts wie All Songs Considered (jetzt auch mit “New Music Friday”), Song Exploder und Switched on Pop sind mindestens für die Hälfte meiner Musikentdeckungen verantwortlich. Ein weiterer großer Teil stammt aus Apple Musics “Neue Musik für dich”-Playlist, ein dritter aus Songs in Serien, Filmen und im Zeitgeist.

Dieses Jahr sind es 25 Songs geworden. Passt nicht mehr auf ein wirkliches Mixtape (1 Stunde, 36 Minuten), ist aber eine durchschnittliche Playlistlänge, denke ich. So wandelt sich die Zeit.

1. Lorne Balfe – Fallout

Zu sehen, wie Filmkomponisten aus dem “Mission: Impossible”-Thema mit jeder Iteration wieder neue Nuancen rauskitzeln, ist inzwischen so interessant geworden, wie die Filme zu gucken. Balfes Signatur-Instrument für diesen Soundtrack ist ausgerechnet die Bongo (hier am Anfang zu hören, sehr prominent im Track “Stairs and Rooftops”), die für permanente Spannung sorgt. Aber ich mag auch, wie er das Thema für die Main Titles aggressiv zersticht und zerhaut. Kann man immer wieder hören.

2. Janelle Monáe – Make Me Feel

2018 war Janelle Monáes Jahr. Ihr Album “Dirty Computer” ist auf so vielen Bestenlisten vertreten, dass es schon fast lächerlich ist, angesichts der Tatsache, dass es musikalisch bei weitem schwächer ist als die Vorgänger. Aber manchmal muss der Zeitgeist halt erst mit einem aufholen. “Make Me Feel”, Monáes Prince-Pastiche und Ode an ihren im Vorjahr verstorbenen Mentor, macht trotzdem mächtig Laune. (“Pynk” ist auch noch nicht schlecht.)

3. Dave Matthews Band – Do You Remember

In einer All Songs Considered-Sendung habe ich vor kurzem gehört, das Alben im Playlist-Zeitalter wie Filme geworden sind. Man hört sie meist nur noch einmal ganz, außer man verliebt sich wirklich in sie. Die 90er-DMB-Alben wie Crash und Before these Crowded Streets waren für mich als Alben wichtig, aber in jüngerer Zeit reicht es mir, von jedem Album nur noch ein bis zwei Tracks zu picken, die mir gefallen. “Again and Again” wäre die andere Wahl gewesen, ansonsten ist das Album Come Tomorrow routiniert und nett, aber nicht herausragend.

4. RADWIMPS – Zenzenzense

Laut iTunes ist dieser Titel schon 2016 erschienen. Er stammt aus dem Soundtrack von “Your Name.”, und der Film kam in Deutschland erst dieses Jahr ins Kino, daher mache ich eine Ausnahme. Außerdem scheint der Song in einem Labor für mich gezüchtet: episch, temporeich und ein wirklich hypermotivierter Schlagzeuger. Da ist es auch völlig egal, dass ich den japanischen Text nicht verstehe. Das Ding geht wirklich immer, egal in welcher Stimmung ich bin. Ich habe schon seit geraumer Zeit, den Eindruck, dass ich mit dem richtigen Einstieg an J- oder K-Pop großen Gefallen finden könnte, aber ich suche noch jemanden, der mir mal eine gute Playlist baut.

5. Sergey Golovin – Depth

Durch die Geburt meines Kindes hatte 2018 eine gewisse regressive Qualität bei mir. Ich habe mich viel mit den Sachen beschäftigt, die mir in unschuldigeren Zeiten etwas bedeutet haben. Das Kartenspiel Magic natürlich, aber auch die Musik, die zu dieser Phase meines Lebens in den 90ern dazu gehört: Progressive Metal. Sergey Golovin, auf den ich durch Zufall per Apple Music gestoßen bin, klingt wirklich exakt wie mein Lieblings-Dream-Theater-Album Images and Words – bis hin zum Drumsound.. Seine Songs sind, dafür dass sie instrumental sind, erstaunlich rund, und das ganze Album lässt sich super hören. EIne echte Entdeckung.

6. Rayland Baxter – Strange American Dream

Manchmal spült einem der “New Music Friday” von NPR Künstler und Alben in die Bibliothek, die man erst nur ganz nett findet, aber dann stellt man zum Ende des Jahres fest, dass sie doch irgendwie hängengeblieben sind. Baxters Album Wide Awake und besonders dieser erste Song des Albums war so ein Fall.

7. The Essex Green – Sloane Ranger

Es gibt eine Reihe von musikalischen Figuren, die die Chance, dass ich einen Song mag, sofort exponenziell erhöhen. Halbe Triolen gehören dazu, Falsettgesang, interessante Synkopierungen, und – wie in diesem Fall – Call- and Response-Passagen, am besten zwischen männlichen und weiblichen Stimmen. Noch ein catchy Refrain obendrauf und fertig ist der Mixtapeeintrag.

8. The Decemberists – Once in My Life

Dieser Song hat eine neue Qualität für mich gewonnen, nachdem ich die Song Exploder-Folge mit Colin Meloy gehört habe. Dort sagt er nämlich etwas über “Once in My Life”, was mich sehr bewegt hat, und was ich jetzt immer mit dem Song verbinde:

“‘I’m a professional musician, have two wonderful kids, I have my wife, I’m fairly happy. I feel like so many things have gone right for me, and I have so much gratitude for that. Where do I get off, singing ‘Oh, for once in my life, could something go right’?

And we talked about it a little bit, and I still believe it’s a universal enough feeling. I think it’s something that everybody, regardless of their situation, should give themselves license to really throw themselves into, every once in a while.”

9. APRE – Without Your Love

Einer von diesen “Neue Musik für dich”-Songs, der einfach genau auf mich passt. Britischer Indiepop mit netten Melodielinien. Gekauft.

10. Christine and the Queens – Doesn’t Matter (Voleur de Soleil)

Auch hier stand wieder eine Folge Song Exploder Pate. Die Nummer hat auch so schon eine Menge Energie, aber wenn man dazu noch die Geschichte zum (französischen) Text im Hinterkopf hat, die – wie Christine selbst zugibt – selbstmitleidig-aggressive Haltung, die der Song nach vorne bringt, hängt man sich doppelt so gerne rein. Und dann kommt dieser krasse B-Teil zum Schluss und alles ist sowieso großartig.

11. Frankie Simone – War Paint

Eine queere Kampfhymne, die aber auch generell als Pump-Up-Song großartige Dienste leistet. Diese Kombi aus Harmoniegesang und krachender Percussion reißt einfach mit.

12. Half-Alive – Still Feel.

Irgendwas musste dieses Jahr das Loch füllen, dass Everything Everything (deren letztes Album mir nicht so zusagte) und OK Go (die seit vier Jahren keine Musik veröffentlicht haben) hinterlassen haben. Diese Nummer stellt sich dabei schon ganz gut an: Funky, zittrig, hymnisch, mit großartigem Finale. Das Video ist auch nicht zu verachten:

13. Amy Shark – All Loved-Up

Wir hatten die Indiebanger, die Progrocker, die Filmmusik und die lauten Frauen. Was fehlt? Richtig: zuckersüßer Pop. Auch “All Loved-Up” hat ein Merkmal, das ich fast immer mag: den Refrain, bei dem der Rhythmus wegfällt, nur um später mit doppelter Wucht zurückzukommen.

14. Nation of Language – On Division Street

Es herrscht eindeutig zuviel 80er-Nostalgie in der Welt, aber das heißt nicht, dass sich eine Band, die ich nicht kenne, nicht mit einem Depeche-Mode-Pastiche in mein Ohr wurmen kann.

15. Troye Sivan – Seventeen

Noch ein Popsong, der einfach gut ins Ohr geht und mit Troye Sivan eine tolle Stimme am Mikrofon hat. Hier habe ich definitiv noch vor, mehr vom Album zu hören.

16. IDER – Body Love

“Body Love” war der erste Song, der aus der regulären Rotation in meine “Best of”-Playlist gewandert ist. Er lässt einen einfach nicht mehr los mit diesem herrlich synkopisch gereimten Refrain und den engen Harmonien. Hat ein bisschen was von Imogen Heap.

17. Sherry Kean – People Talk

Abgesehen von den guten Drum-Fills, hat mich “People Talk” vor allem mit seiner Gesangsmelodie begeistert, irgendwie fröhlich und melancholisch zugleich. Und: Gibt es eventuell eine unironische Rückkehr des Saxophons im Indiepop? Gerade diese Bariton-Bops, wie sie hier zu hören sind, habe ich in letzter Zeit öfter entdeckt.

18. Lemuria – Sliver of Change

Mein meistgehörter Song des Jahres. Steigt direkt ein und macht eine Ansage, das Schlagzeug weiß was es will, Gitarre und Bass folgen der Melodie und im Refrain gibt es dann diese männlichen Backing Vocals, die sind wahrscheinlich mein Lieblingsteil des Lieds.

19. Alexander Scheer und Band – Linda

Was diese Version von Gundermanns Lied für seine Tochte mit mir im Kino gemacht hat, habe ich für “Kino-Zeit” aufgeschrieben.

20. Eels – The Deconstruction

Eels wollten wir dieses Jahr eigentlich mal live sehen, aber dann haben wir doch eingesehen, dass das mit einem zwei Monate alten Baby nicht realistisch ist. Ins neue Album habe ich trotzdem reingehört und den Opener als kleines Memoriam mit mir durchs Jahr getragen.

21. Death Cab for Cutie – Gold Rush

Death Cab for Cutie sind so eine Band, die immer in meinem Augenwinkel existiert hat, irgendwie “Coldplay, wenn sie nicht so kommerziell wären”. Sie tauchen immer wieder auf meinem Radar auf, aber ich habe sie nie richtig entdeckt. Dieses Jahr drückte mir Apple Music die Songs des neuen Albums gnadenlos in die “Neue Musik für dich”-Playlist, aber vom ganzen Album blieb nur ein Song wirklich hängen. “Gold Rush” hat die richtige Mischung aus Melodie, Harmonie und Groove.

22. Plini – Salt + Charcoal

Noch eine Entdeckung aus meiner erwähnten Progphase, die dann vor allem zu Instrumental-Künstlern führte. Dazu gehört der Australier Plini, der in seinen Stücken mit Slap Bass und so einem Start-Stop-Gestus irgendwie Funk in das Gitarrengefuddel bringt. Das klingt einfach insgesamt sehr cool.

23. Frank Turner – Be More Kind

Diese Art von Hymnen brauchen wir 2018 und Frank Turner kann es irgendwie rüberbringen, ohne dass es allzu kitschig klingt: “In a world that has decided / that it’s going to lose its mind, / be more kind, my friends, try to be more kind”. Passt besonders gut in die Endzeit des Jahres, in der ich immer besonders sentimental werde.

24. Weezer – Africa

An diesem Cover hat sich die Musikjournaille wirklich abgearbeitet, aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und der Entstehungsgeschichte des Originalsongs von Toto. Die Existenz von Weezers “Africa” sei ein Beweis für die “Beigeness” (also Langeweile) des Internets, meinte etwa Ann Powers bei NPR. Mag sein, dass der Song wenig Sinnvolles über Afrika erzählt, aber musikalisch ist er einfach ein echtes Highlight des Pop und die Weezer-Version aktualisiert ihn subtil mit mehr Gitarren und einem guten Groove. Nur für das Keyboardsolo hätte ich mir mehr Einfallsreichtum gewünscht.

25. Roger Miller All Stars – King of the Road

Als Finale des Roger-Miller-Tribute-Albums “King of the Road” singen diese Version des gleichnamigen Hits sämtliche Country-Stars Zeile für Zeile, die man finden konnte. Von Willie Nelson und Merle Haggard bis Eric Church und Kacey Musgraves. Das ist irgendwie herzerwärmend, und der Originalsong bleibt einfach großartig – obwohl ich erst dieses Jahr zum ersten Mal wirklich auf den Text gehört und festgestellt habe, dass es um einen Hobo geht und nicht (wie ich immer dachte) um einen Trucker.

Als Playlist auf Apple Music | Als Playlist auf Spotify

 

Mixtape 2017

Wir fangen mit Musik an. So will es die Tradition. Viel Spaß mit meinen Lieblingssongs des Jahres. Die Reihenfolge ist keine Rangfolge, die Songs lassen sich so aber gut hintereinanderweg hören.

SEITE A

1. Selena Gomez – Bad Liar

Der Podcast “Switched on Pop” hat dieses Jahr wieder ganze Arbeit bei mir geleistet. Auch wenn die generellen Theorien über die Poplandschaft weniger geworden sind (ich vermisse Termini-Neuschöpfungen wie den “Pop Drop”), hilft er mir dabei, die Perlen der Charts, die ich nicht verfolge, zu entdecken. “Bad Liar” gehört definitiv dazu. Nicht, weil er wohl auf dem “Psycho Killer”-Riff der Talking Heads basiert (ich finde die Verwandschaft minimal), sondern wegen dieses tollen synkopischen Refrains, dem pling! auf der eins und dem schicken B-Teil, der mit “Oh Baby let’s make …” beginnt.

2. Dan Auerbach – Shine on Me

Ich musste ein Interview mit Auerbach hören, um zu kapieren, dass Mark Knopfler himself hier die Gitarre spielt. Wenn man es weißt, leuchtet es sofort ein. Aber auch ohne das Dire-Straits-Riff macht dieser Song einfach wahnsinnig Laune und eignet sich viel zu gut, um ihn an Sommernachmittagen zu singen, während man durch das Wohngebiet spaziert. Leider konnte mich nicht das ganze Album “Waiting on a song” überzeugen.

3. Judith Holofernes – Charlotte Atlas

Insgesamt konnte mich Judith Holofernes’ zweites Soloalbum nicht ganz so überzeugen wie ihr erstes, aber einige Songs liefen trotzdem bei mir in Dauerschleife. “Analogpunk” natürlich (mit einigen der besten Reime des Jahres wie “Ich Firewall / du Thor Heyerdahl”), der Titeltrack “Ich bin das Chaos” und eben “Charlotte Atlas”, in dem Judith (die ich auch live sehen durfte) aus vollem Rohren “Walk like an Egyptian” channelt, um zu mehr Gelassenheit beim Tragen unserer Sorgen aufzurufen.

4. Satchmode – State of Mind

Einige der Einträge aus dieser Liste stammen aus den “New Music for You”-Playlists von Apple Music, darunter dieser Track. Apple hat anscheinend meine merkwürdige Schwäche für 70s/80s Soft Rock durchschaut und einen Song gefunden, der wie im Labor für mich gezüchtet wirkt. Schummrige Synthies, klimpernde Gitarren, elektronisches Schlagzeug und ein hymnischer, bittersüßer Refrain. “You just keep breaking my heart / It’s only making me love you more” – du Dummkopf!

5. Henry Jamison – If You Could Read My Mind

Coverversionen sind ja im Streamingzeitalter a dime a dozen und viele von ihnen sind das mehrmalige Anhören gar nicht wert. Was Henry Jamison allerdings aus Gordon Lightfoots Song gemacht hat, gefiel mir irgendwie von Anfang an. Er behält den selbstmitleidigen Pathos in der Stimme bei, aber entschlackt das Bett darunter etwas und gibt ihm etwas mehr rhythmischen Umpf. Henry Jamisons Album “The Wilds” ist auch gar nicht verkehrt (insbesondere der Titelsong), aber ihm fehlt die songschreiberische Stärke von “If you could read my mind”.

6. Eddie Berman . You Can Call Me Al

Ein Cover noch, dann kehren wir zu den Originalen zurück. Eddie Berman gelingt es in seiner Gitarrenpicking-Interpretation Paul Simons Klassiker, der ja eigentlich von seinem Synthieriff und seinen stampfenden Drums lebt, eine neue Melancholie zu verleihen. So kommt die ganze Selbstreflektion des Originals ganz anders zum Vorschein.

7. K.Flay – Blood in the Cut

A propos stampfende Drums. Die kommen hier irgendwann dazu und bilden die Grundlage für einen immer größeren Aufbau von Drohkulisse bis zum finalen Refrain, den man dann endgültig mitgröhlen möchte. Ein Song, den ich beinahe selbst gerne mal covern würde.

8. The National – The System Only dreams in Darkness

Zeichen und Wunder! Ähnlich wie auch Arcade Fire und Radiohead gingen The National trotz großer Beliebtheit bei allen musikinteressierten Freunden über all die Jahre nicht an mich. Dieser Song hat das geändert. Ob es an dieser coolen Sologitarre liegt? An dem wunderbar aufrüttelnden Schlagzeug? Oder an “I can’t explain it / any other / any other way”? Erinnert mich jedes Mal daran, dass ich mir auch den Rest des neuen Albums in Ruhe anhören möchte.

9. alt-J – 3WW

Nicht alles, was alt-J auf ihrem dritten Album ausprobieren, gefällt mir. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängerscheiben kann ich es nicht immer wieder durchhören. Aber die erste Vorabsingle hat sich in mein Hirn gebrannt. Vom langsamen Intro, über die ersten volksliedartigen Strophen bis zum Einsatz von Ellie Rowsell im letzten Drittel des Songs fließt der Song einfach wunderbar von Stimmung zu Stimmung, anscheinend um eine Outdoor-Liebesgeschichte zu erzählen.

10. Severija – Zu Asche, zu Staub (Psycho Nikoros)

Zu Babylon Berlin wird in diesem Blog dieses Jahr noch etwas mehr zu lesen sein, denn ich mochte die Serie wirklich. Die Musik, und vor allem dieser Track, der in einer fulminanten Szene in Folge 2 für den ersten Höhepunkt sorgt, haben daran auch einen Anteil. Dieses unbeirrbar pulsierende Jazzschlagzeug, über dem sich irgendwann die schwelgenden Tanzorchester-Klänge entfalten, hat einfach was. Es fängt tatsächlich ganz gelungen den Tanz auf dem Vulkan ein, den die Serie aus der Zeit macht, in der sie spielt. Da kann man bei “das bloße Haschen nach dem Wind” schon mal eine Gänsehaut bekommen.

SEITE B

11. Charlie Puth – Attention

Noch eine “Switched on Pop”-Perle. Kein besonders gehaltvoller Song, besonders vom Text, der aber irgendwie meinen R&B-Sweetspot trifft, nicht zuletzt wegen dieser enorm lässigen Bassgitarre im Refrain. Naja und dann ist da noch mein leichter Falsett-Fetisch. Aber darüber rede ich wahrscheinlich besser mit meinem Therapeuten. ;-)

12. Beck – Square One

Beck ist auch einer dieser gefeierten Künstler, dessen Oeuvre mir nie besonders zugesagt hat. Dass er auf seiner neuen Platte das Credo “Full Pop” ausgegeben hat, was einigen Fans weniger gefiel, scheint aber genau für mich gepasst zu haben. “Colors” ist insgesamt ein gut gelauntes, fett produziertes Popalbum, dass sich lohnt. “Square One” hat die schönsten Akkordfolgen, insbesondere im Refrain.

13. Jonathan Coulton – Don’t Feed the Trolls

Trotz mehreren Versuchen konnte ich aus Coultons Konzeptalbum “Solid State” nicht wirklich viel mehr ziehen als diesen Song, der textlich auf englischen Abzählreimen basiert, diese dann aber immer dreht, um irgendwas (ich weiß nicht genau was) über Internetkultur auszusagen. Bleibt locker? Lasst euch nicht fertigmachen? Ruhm vergeht? Egal. Ich mag die paranoide Zeile “Dance like they’re watching you / cause they are watching you”.

14. Julia Michaels – Issues

In Momenten emotionaler Verletzlichkeit hat mich dieser ebenfalls nicht gerade tiefgründige Popsong trotzdem regelmäßig sehr gerührt. Ich mag dieses Narrativ von zwei Menschen, die beide akzeptieren, dass sie Probleme haben und anstrengend seinen können, aber sich lieben und sich miteinander durchschlagen, wahrscheinlich weil es auch meine Philosophie ist. Vor sieben Jahren, beim ersten Date mit meiner Frau, haben wir uns beide unsere größten Schwächen erzählt und damit eine gute Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung geschaffen. “I’ve got issues, you’ve got ’em too / so give them all to me and I’ll give mine to you. / Bask in the glory of all our problems / cause we’ve got the kind of love it takes to solve them.”

15. 2raumwohnung – Ich bin die Bass Drum (Nacht)

Auch diese Nummer tauchte irgendwann in meiner Apple-Music-Liste auf und natürlich kenne ich 2raumwohnung irgendwie, aber eigentlich auch nicht. Der Track hat mich bisher noch nicht dazu verführt, den Rest des “Nacht und Tag”-Albums zu entdecken, aber seine futuristische Melancholie mag ich einfach.

16. Farin Urlaub – The Power of Blöd

Über Farins Album voller unveröffentlichter Demos gab es ein Radiofeature, über das ich wiederum eine Kritik geschrieben habe. Keiner der Songs blieb wirklich bei mir hängen, bis auf diesen großartigen Nonsens-Song, von dem ich mich wirklich frage, warum er nie auf einem Ärzte-Album gelandet ist und – wie geplant – in endlosen neuen Iterationen live gespielt wird. Enthält die Textzeile des Jahres: “Aber ich muss es singen, weil es hier steht / ich bin nur der Interpret / es ist dermaßen blöd.”

17. Caro – Eyes on the Ground

In einem Jahr, in dem mich das neue Everything Everything-Album doch irgendwie kalt zurückgelassen hat, muss ich mir irgendwie zappeligen Indiepop-Ersatz suchen und das Caro mit diesem Song noch am besten geschafft. War lange der größte Wackelkandidat für diese Liste, hat aber dann doch diese schönen Momente zwischendrin, vor allem diese Gitarrenfigur kurz vor dem Refrain.

18. Steven Wilson – Pariah

In prognahen Medien war zu lesen, dass Wilson mit seinem Album “To the Bone” auf besonders graziöse Weise den Brückenschlag zwischen Art Rock und Pop geschafft habe. Das finde ich nicht, ich finde “To the Bone” klingt halt wie Wilson immer klingt, was immer solide ist, aber immer auch sehr unterschiedlich bei mir hängenbleibt (“Insurgentes”, “Hand. Cannot. Erase.”) oder nicht (“Grace for Drowning”, “The Raven”). In “Pariah” findet er die richtige Kombination aus Harmonien, Sounds, Dramaturgie und Stimmen, um mir zu gefallen. Aber ich spreche trotzdem eine Hörempfehlung aus für alle, die diesen Ausnahmemusiker noch nicht kennen.

19. Lo Moon – This is it

Lo Moon hätten das Potenzial, in Wilsons Jagdgebiet irgendwann mal Teilpächter zu werden. Ihre Songs, von denen es leider immer noch nicht viele gibt, haben auch diese schwelgerische, überzeugte Epik, die gelingen oder albern klingen kann. Noch lieber als “This is it” hätte ich wahrscheinlich die erste Single “Loveless” in die Liste aufgenommen, aber die stammt von Herbst 2016. Dafür klingt “This is it” noch etwas mehr nach 80s Peter Gabriel und das ist doch auch was. Hoffentlich kommt von den Kaliforniern, die sich schon in ihrer Twitterbio als “3 song Band” bezeichnen, bald ein Album.

20. Iron & Wine – Call it Dreaming

Der letzte Song, der sich am Ende des Jahres noch auf die Liste gerettet hat. Einfach weil er trotz seiner sommerigen Stimmung auch perfekt in den kalten dunklen Winter passt. Ich weiß nicht genau, worum es in dem Song geht, ich glaube Vergänglichkeit, aber “Where we drift and call it dreaming / we can weep and call it singing” klingt trotzdem toll. Vor allem in der Stimme von Sam Beam.

21. Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly & James McAlister – Jupiter

Es fällt mir durch das Streaming-Zeitalter zunehmend schwerer, mich für ganze Alben zu begeistern, aber dieses Jahr hat es eins geschafft: “Planetarium”, diese merkwürdige Kollaboration aus zwei Indie-Darlings, einem New-Music-Komponisten und einem Drummer, ist dank dieser Menschenkombination dann auch irgendwie ein Gesamtkunstwerk geworden, das vielleicht noch am ehesten mit Sufjan Stevens’ “Age of Adz” vergleichbar ist. “Jupiter” ist das Herzstück des Albums und enthält alle seine Merkmale. Stevensige sanft lullende Melodielinien, plötzlich hämmernde Elektronik, verzerrte Stimmen und weirde Harmoniefolgen und am Ende dieser verdammte Bläsereinsatz, mit dem man die Mauern von Jericho aufs neue zum Einstürzen bringen könnte. Nicht für jeden was, aber voll was für mich.

22. Per Gessle – Känn dej som hemma

Nach über 30 Jahren muss man von einem Songwriter mit so viel Output wie Per Gessle nichts Überraschendes mehr erwarten, und so klangen dann ja auch die letzten Roxette-Alben. Aber solo und auf Schwedisch hat Gessle diese eine Schiene, die er in seiner englischen Popmusik selten erforscht, außer auf “Song of a Plumber”, das zu meinen Lieblingsalben gehört. In diesem Modus denkt er in Instrumentierung und Gefühl an den Folk-Popm seiner Kindheit in den 70ern zurück und lässt sie neu entstehen mit sanften Songs wie “Känn dej som hemma” (Fühl dich Zuhause), mit gleitendem E-Piano, Fiedel, Maultrommel, gedämpfter Gitarre und einem heimeligen Text über jemand, der für seine geliebte Person zu Hause alles so herrichtet, dass sie sich wohlfühlt. Das ganze Album “En vacker dag” (Ein schöner Tag) ist so gefällig – da braucht es keine Hygge-Manuals mehr.

Knapp am Mixtape vorbeigeschrammt, aber dennoch hörenswert: A Perfect Circle – The Doomed, Ibeyi – I wanna be like you, Mew – Carry me to safety, Partner – Everybody Knows, LUWTEN – Difference, Ride – Home is a Feeling, Portugal. The Man – Feel it Still, Charlie Bliss – Black Hole, The Building – Have to Forgive, Set and Setting – The Mirrored Self

Dieses Jahr sehr viel gehört, aber leider nicht 2017 erschienen: Von Wegen Lisbeth – Wenn du tanzt, Aoife O’Donovan – Turn Me On, I’m a Radio, Pyur – Epoch Sinus, The Pineapple Thief – No Man’s Land, Things of Stone and Wood – Happy Birthday Helen, Neal Morse – The Ways of a Fool, St. Vincent – New York

Dieses Mixtape auf Apple Music | Dieses Mixtape auf Spotify

Mit diesen fünf US-Podcasts fühle ich mich gut über Musik informiert

Redphones” by Garry Knight, CC-BY 2.0

Es gibt wohl nichts, wofür sich Podcasts besser eignen, als über Musik zu berichten – deutlich besser zumindest, als über Film und TV. Wenn dann noch das in den USA deutlich großzügigere Urheberrecht mit “fair use” hinzukommt, ergeben sich jede Menge tolle Möglichkeiten. Im Laufe der Jahre hat sich für mich als Musikfan eine kleine aber feine Auswahl an Podcasts durchgesetzt, in denen Musik von allen Seiten beleuchtet wird, und die ich gerne teilen möchte.

1. Neue Musik für die Playlist

Nachdem vor einigen Jahren der “Music Weekly” Podcast des Guardian eingestellt wurde, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Sendung, in der ich einfach neue Musik zum Hören entdecken konnte. Fündig wurde ich bei “All Songs Considered” von NPR. Hier spielen die Moderatoren Bob Boilen und Robin Hilton sich jede Woche eine Stunde lang aktuelle Musik vor, die ihnen gefällt. Boilen und Hilton sind beides mittelalte weiße Männer aus den USA, natürlich ist die Auswahl entsprechend angeschlagen. Scharfen Musikkritiker*innen aus Europa wäre sie vermutlich häufig zu seicht, aber für meinen Geschmack ist sie oft genau richtig. Indie, Rock, Folk und Country machen wahrscheinlich den größten Teil der Auswahl aus, aber der Musikgeschmack der beiden – und der Gäste, die sie manchmal im Studio haben – ist groß genug, dass man auch Highlights aus Feldern wie Hip-Hop, Punk, Metal und avantgardistischeren Musikrichtungen zur hören bekommt. Das besondere: “All Songs Considered” spielt seine Songs voll aus (im Streamingzeitalter scheinen die Lizenzen bezahlbar zu sein) und erlaubt daher, wirklich zu entscheiden, ob einem ein Song gefällt oder nicht. Ergänzt wird der Podcastfeed durch gelegentliche Interviews mit Musiker*innen, die oftmals weitere interessante Entdeckungen bereithalten.

2. Wie kommen die Löcher in den Käse?

Hinter “Song Exploder” steckt eine Idee, die so einfach wie genial ist. Moderator Hrishikesh Hirway interviewt Musiker*innen über die Entstehung einzelner Songs und bekommt von ihnen zusätzlich die sogenannten “Stems”, also die Originalspuren ihrer Aufnahmen. Das ermöglicht es ihm, einzelne Elemente der Songs zu isolieren und den Beschreibungen zuzuordnen. Im Ergebnis lernt man nicht nur, wie vielschichtig manche Songs sind, sondern auch wie unterschiedlich die kreativen Prozesse in der Entstehung von Musik sein können. Aus welchem Element ist der Song gewachsen? Welchen Einfluss hatten Musiker und Produzenten? Was war gewollt und was ist einfach passiert? Warum hat Rivers Cuomo von Weezer eine riesige Excel-Tabelle mit Textzeilen? Da ich selbst Musiker bin (wenn auch nur Schlagzeuger) ist “Song Exploder” für mich eine endlose Fundgrube an Inspiration. Die Musikrichtungen von “Song Exploder” reichen von Filmmusik über Hardcore bis Pop und Rock. Einfach mal reinhören! (Bonus: Das Longform-Interview mit Hrisikeh Hirway gibt wiederum Einblicke in die Entstehung von “Song Exploder” und die kleinteilige Arbeit, die Hirway investiert.)

3. Die Perlen der Charts

Eher selten in den beiden erstgenannten Sendungen vertreten sind die Songs, die nicht die Regale von Musiksnobs, sondern die Heavy Rotations junger Radiowellen dominieren. Hier hilft “Switched on Pop” aus. Songwriter Charlie Harding und Musikwissenschaftler Nate Sloan nehmen dort alle zwei Wochen aktuelle Pophits auseinander und entdecken ihre verborgenen Tiefen. Das beste an dem populär-musikwissenschaftlichen Ansatz, den die beiden verfolgen, ist, dass sie auch versuchen Trends zu identifizieren, ihnen Namen zu geben und zu beobachten, wo sie herkommen und hingehen. Im letzten Jahr ist etwa der “Pop Drop” zum definierenden Merkmal aktueller Popmusik geworden, in dem der Refrain durch eine gepitchte und zerstückelte Stimme auf fetten Beats ersetzt wird, die Assimilation eines Stilmittels aus der elektronischen Tanzmusik. “Switched on Pop” hilft mir dabei, auch bei Musik “in the know” zu bleiben, die ich selbst wenig höre, die aber Rückschlüsse auf unsere Popkultur als Ganzes zulässt. Und manchmal entdecke sogar ich in den aktuellen Chartpoppern etwas, was mir gefällt, zum Beispiel Julia Michaels.

4. Auf zu neuen Ufern

So nah “Switched on Pop” an populärer Musik ist, so weit ist “Meet the Composer” davon entfernt. Die preisgekrönte Sendung der Musikerin und Moderatorin Nadia Sirota beschäftigt sich mit moderner Klassik oder “New Music”, wie sie es nennt. Auch wenn ich selbst nur wenig dieser Musik selbst höre (Atonalität ist wirklich nicht mein Ding), ist die Sendung allein schon wegen ihrer Produktion hörenswert und weil man so viel dabei lernt. Wurden in Staffel 1 und 2 noch pro Folge individuelle Komponist*innen vorgestelllt, widmet sich Staffel 3 oft auch abstrakteren und faszinierenden Konzepte. Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Komponist*in und den Ensembles, die die Musik spielen – und welche Rolle spielt Sadomasochismus dabei? Welche Rolle spielen Komponist*innen, die Musik nicht notieren, sondern aus Samples zusammenbauen? “Meet the Composer” hat meinen Horizont in Sachen Musik so erweitert wie schon lange nichts mehr.

5. Der kulturindustrielle Komplex

Chris Molanphy ist Autor der Slate-Kolumne “Why is this Song Number One?” und hat das pophistorische Wissen des 20. Jahrhunderts in seinem Kopf gespeichert. In seinem Podcast “Hit Parade”, der monatlich im Feed des “Slate Culture Gabfest” auftaucht untersucht er Phänomene, die weniger mit Komposition und Musikgeschmack, als mit den Karrieren von Musiker*innen im Spiegel von Promotion und Airplay zu tun haben. Bisher gibt es drei Episoden von “Hit Parade” und alle waren spannend: Warum wurde UB40’s “Red Red Wine” in den 80ern ein Hit in den USA und welche Rolle spielten abweichlerische Radio-DJs dabei? Wie gelang es den Beatles 1964, die gesamte Top 5 der Billboard-Charts zu besetzen und was hatte die schlechte Plattenlabel-Politik der USA damit zu tun? Und eine Historie der Zusammenarbeit und Rivalität von Elton John und George Michael über vier Dekaden hinweg. Musik ist eben auch eine Industrie, die aber ihre eigenen beeindruckenden Geschichten bereithält.

Außerdem Über “Pitch” und “Our Debut Album” habe ich im Blog schon geschrieben. Beide Projekte scheinen für’s erste beendet zu sein.

Was fehlt? Über die deutsche Musikszene weiß ich weiterhin sehr wenig, aber mir ist auch noch kein guter Podcast dazu in die Hände gefallen. Vorschläge und weitere Tipps zu guten Musikpodcasts gerne in die Kommentare.

Das Interessanteste an … Moana (2016)

Es mag an meiner leichten Winterdepression liegen, aber nach Disneys Südseeabenteuer Moana (das inzwischen fast in mehr Territorien Vaiana heißt, weil ein Kosmetikhersteller ein Copyright besitzt) fühlte ich mich sonnendurchflutet und gut. Es war mir irgendwie egal, dass der Film eine Verfilmung des Joseph Campbell-Ausmalbuchs ist. Ich habe meine Augen begeistert an den fotorealistischen Umgebungen geweidet, mochte die Dynamik zwischen den Figuren und beim Song “How Far I’ll Go” liefen mir – ungelogen – Schauer über den Rücken.

“How Far I’ll Go” ist in Moana der klassische “I Wish/I Want”-Song des Musical-Schemas. Meistens als zweiter großer Showstopper nach dem Eröffnungstrack, der die Welt des Musicals etabliert (hier ist das “Where you are”, in dem das Dorf vorgestellt wird), hat der “I want”-Song in Musicals die Funktion, den zentralen Konflikt der Hauptfigur zu etablieren. Sie will etwas, ahnt etwas und muss dann die Reise des Plots antreten, um es zu erreichen. Zwei typische “I want”-Songs sind “Part of that World” aus The Little Mermaid und “The Wizard and I” aus Wicked.

“How Far I’ll Go”, geschrieben und getextet von Lin-Manuel Miranda noch vor seinem großen Erfolg mit Hamilton, orchestriert von Mark Mancina, legt entsprechend dar, was Hauptfigur Moana sich wünscht: von der Insel, auf der sie lebt, herunterkommen; zur See fahren; ihr Schicksal finden. Entsprechend der typischen Dramaturgie eines solchen Songs beginnt sie vorsichtig, ist am Ende des Songs aber wild entschlossen, aufzubrechen, wie die Version im Film zeigt. Von so viel Leidenschaft kann man schon mal mitgerissen werden, wenn man wie ich ein großer Softie ist.

Für den Abspann des Films jedoch hat Disney den Song umschreiben und von Teenie-Star Alessia Cara (in Deutschland: Helene Fischer) interpretieren lassen. Diese Art von Hitparaden-Zweitverwertung hat bei Disney Tradition (“A Whole New World” aus Aladdin ist vermutlich das bekannteste Beispiel) und ergibt oft taugliche Popsongs, befreit von ihren Musical-Ursprüngen, gerne interpretiert von ihren Autoren (“Can you Feel the Love Tonight” von Elton John, “You’ll be in my heart” von Phil Collins).

Das Ergebnis ist in diesem Fall allerdings einigermaßen furchtbar:

Der Grund ist meiner Ansicht nach, dass Disney sich diesmal zu sehr von aktuellen Trends hat leiten lassen. “How Far I’ll Go” in der Version von Alessia Cara ist kein zeitloser Popsong, sondern springt mit voller Wucht auf den aktuellen EDM-Trend in den USA auf, was man an zwei Merkmalen deutlich merkt, die praktischerweise beide im vergangenen Jahr im großartigen Podcast Switched On Pop erklärt wurden.

Das eine ist der momentan übliche Claven-Rhythmus, der den Four-on-the-Floor-Umpfer im Mainstream-EDM fast vollständig abgelöst hat. Nate Sloan und Charlie Harding vergleichen am Anfang einer Episode die Songs der Billboard Hot 100 und sie klingen alle gleich. Auch der große Pophit des vergangenen Sommers “One Dance” von Drake nutzt diesen im Vergleich zum geraden Viervierteltakt leicht verschobenen Rhythmus. Hier wirkt er aufgrund der großen Menge an Text, den Alessia Cara in gesteigerter Geschwindigkeit herunterattern mus, irgendwie extrem hektisch im Vergleich zu den stampfenden polynesischen Trommeln und Drama-Fanfaren des Originals.

Das zweite ist die von Nate und Charlie Pop Drop getaufte Eigenart aktueller Popsongs, dem eigentlichen Refrain eine Sektion folgen zu lassen, in der die Stimme des Interpreten zerhackt wird und eine völlig neue Melodie nachzeichnet. Dies ist die in die Popmusik übertragene Variante des “Drop” aus der EDM von Interpreten wie David Guetta, die keinen eigentlichen Refrain haben, sondern nur einen euphorischen Teil, bei dem die Menge besonders stark abtanzen soll. In vielen aktuellen Songs ist der “Pop Drop” der eigentliche Refrain und der Refrain verkommt zur Bridge. Aber “How Far I’ll Go” hat einen wunderbaren Refrain. Besonders die Wiederholung der Melodielinie über sich verschiebenden Harmonien in der Zeile “And no one knows / how far it goes” hat es mir angetan. Diesem Refrain noch einen mittelmäßigen Pop Drop folgen zu lassen ist wie einen Hut auf einen Hut zu setzen. Es ist überflüssig und hebt sich gegenseitig auf.

Dass es auch anders geht zeigt übrigens die Pop-Version von “You’re Welcome”. Ex-Disney-Sternchen Jordan Fisher singt hier die Melodie und Lin-Manuel Miranda rappt dazu einen “Guest Verse”, der im Film nicht zu hören ist. Das ganze passt aber gut und organisch zusammen. Für “How Far I’ll Go” hätte sich doch bestimmt auch ein Popsternchen finden lassen, der das Ganze in klassischer Film-Endballaden-Manier in die Welt krakeelt hätte. Kommt dann wahrscheinlich eines Tages auf einer dieser grausamen “Disneymania”-CDs.