Leiden für die Kunst (II)

Dieses Video ist gestern schon relativ viral durchs deutschsprachige Netz gegeistert. Es passt aber auch zu gut zur Freude der Deutschen an der Selbst-Flagellation. Hach, endlich sagt mal wieder jemand “neutrales”, wie bescheuert “Wetten, dass …?” wirklich ist. “Betrachtet man die Show aus der Perspektive eines US-Schauspielers, hat Arnett sogar recht”, schreibt etwa Meedia.

Blödsinn. Das erste, was Arnett sagt, ist, wie viele Menschen er mit seinem Auftritt erreicht hat. Und auf eine gewisse Weise war er wohl eher vom generellen Aufwand beeindruckt, der für eine Show wie “Wetten, dass …?” betrieben wird, und der ja auch ziemlich einmalig in Europa ist. Der Mann ist Comedian – ist ja klar, dass er beim Erzählen gerne übertreibt. Und dass “40 Minuten auf einer Couch sitzen” auf einer Promotour, die sonst aus 5-Minuten-Interviews besteht, schon als anstrengend wahrgenommen wird, finde ich persönlich ja auch ein bisschen pienzig.

Als Lehren aus dieser Episode sollten wir vielmehr zwei Sachen mitnehmen: 1. Knopf-im-Ohr Synchrondolmetschung ist Mist und hemmt Gespräche. Da kann ich Arnett voll verstehen. Lieber das Gespräch auf Englisch führen, wenn er Moderator des Englischen mächtig ist, und anschließend kurz übersetzen, worüber man gesprochen hat. Dauert etwas länger und ist auf den ersten Blick umständlicher, aber auch viel natürlicher. Alternativ: Den Dolmetscher als Person mit auf die Bühne holen (kenn ich zum Beispiel von Filmfestivals). Menschlich > Mechanistisch. 2. Briefing ist alles. Als Hollywood-Schauspieler sollte man sich doch eigentlich einen Promotour-Manager leisten können, der einem Konzept und Kontext der Show erklärt, in der man auftritt. Wobei Arnett’s Hintergrundwissen zur Show, das er preisgibt, wie gesagt sowieso dafür spricht, dass er gar nicht so verwirrt war, wie er tut.

Sich freundlich-neidisch über die in ihrer Effizienz zum Größenwahn neigenden Deutschen lustig zu machen ist nunmal auch Volkssport in den USA. Das sollte man auch nicht vergessen. Funktioniert ja schließlich umgekehrt genauso.

(In der Reihe “Leiden für die Kunst” sammle ich amüsante und anstrengende Episoden aus der Filmpromotion. Hinweise gerne an bonjour@realvirtuality.info)

Who am I – sind Hacker die modernen Robin Hoods? [gestellt von Netzsieger.de]

Dieser Beitrag wurde zur Verfügung gestellt von Netzsieger.de / Timm Hendrich.

Wer bin ich? Die Fragen aller Fragen. Der Film mit dem Titel “Who Am I – Kein System ist sicher“, der seit Ende September in unseren Kinos läuft, lässt keinen Zweifel daran, dass es darin existentialistisch wird. Im weltweiten Netz der Virtualität kann man sich verlieren, finden oder als Cyberpirat bewegen. Wenn man kann. Hacker können. Aber dürfen sie auch? Welche Moral hatte Robin Hood, und darf man diese als Hacker für sich in Anspruch nehmen?

Seit einem Seminar letzte Woche trage ich als Orientierungshilfe vier Ws mit mir und will sehen, was sie mir hier nutzen: Das erste W, das Wählen, ist im Internet ein uferloses Unterfangen. Gebe ich Moral bei Google ein, bekomme ich 16.900.000 Einträge. In 0,19 Sekunden. Robin Hood bringt übrigens fast 3.000.000 Einträge, braucht dafür allerdings 0,40 Sekunden. Das nur am Rande. Als meine Eltern den ersten Schwarz-Weiß-Fernseher kauften, hatten wir zwei Fernsehprogramme. Es gab manchmal einfach nichts. Fast sehnsuchtsvoll denke ich an diese Erfahrung, die ich vom Internet nicht kenne. Nicht, dass ich dort immer etwas finde. Aber es würde ganze Leben sinnlosen Suchens dauern, dies sicher zu wissen. Bei zwei Fernsehprogrammen brauchte ich dafür als Kind keine Minute.

Das zweite W ist das Wollen. Ich denke an Facebook oder an Sex (hat übrigens 245.000.000 Einträge bei Google). Wir verbinden unsere Wahl jetzt mit einem bejahenden Gefühl. Wenn diese unersättliche Gier im Menschen dann ins Netz fließt, dass zunächst kaum Widerstand leistet, sind die Folgen mitunter verheerend. Dennoch ist das Netz unschuldig, ich bin es, der eine Wahl treffen kann. Suche ich die Lyrics und Akkorde für den Song “Dukes on Sunday” und freue mich, dass ich sie in 10 Sekunden finden kann, hacke ich mich in einen Regierungsrechner oder suche ich Kinderpornos?

Das dritte W ist das Wagen. Das Internet ist auch ein Sammelbecken der Feiglinge. Solange man nichts Illegales macht oder anderen auf die Füße tritt, ist es ohne Konsequenz. Ich kann mich vor Frauen als Superman aufspielen, ohne es zu sein. Ich habe 1385 Freunde und muss es nie beweisen.

Das vierte W ist das Wiederholen. In Zeiten der Unverbindlichkeit ist das hier positiv gemeint. Beim Internet denke ich aber eher an die Gefahr der Sucht.

Der Hacker aus dem Film trifft eine Wahl. Er hat auch einen Willen, den zum Guten. Zumindest am Anfang. Der Hacker wagt durchaus, denn er tut Illegales, kann vom Jäger auch zur Beute werden wie gesehen. Die Wiederholungen lassen ihn aber nicht unverändert. Die romantische Attitüde eines Robin Hood fällt ab mit dem Erfolg. Die morallose Gier packt jetzt auch ihn. Er muss sich ihr stellen und seine Konsequenzen ziehen.
Robin Hood ist lange tot. Jeder musste schon immer selber verantworten, was er tut. Hehre Ziele rechtfertigen nicht alle Mittel.

Das Internet liegt vor mir wie ein Meer und spiegelt mich. Zeigt mir, wer ich bin. Mit all meinen Träumen und Untiefen. Trotz seiner Gefahren, es würde mir fehlen, wenn es nicht da wäre.

Der Hacker und ich

Die Wahl der eigenen Sicherheit ist immer eine Frage der objektiven Empfindung und des eigenen handeln. Traue ich dem Anhang des Fremden, wie viel ist mir ein gratis Tool, Film oder auch Musik wert? Wie schütze ich mich? Schütze ich mich Überhaupt? Was ist mir mein Schutz wert? Dies alles sind Fragen von fundamentaler Bedeutung, die jeder für sich selber klären muss.

Ich für meine Person wandle auf einem schmalen Grad, ich kenne die Gefahren und versuche diese mit minimalem Aufwand zu egalisieren. Mir reicht ein günstiger Interschutz um mir das Gefühl der Überlegenheit und Sicherheit zu geben. Auch John McAfee einer der uns Sicherheit bringen soll, ist einer dieser zwielichtigen Gestalten. Zuletzt ist Johne McAfee, der Firmengründer von „McAfee“, die uns bis heute mit McAfee Sicherheitsprodukten versorgen, eher durch Schlagzeilen von wilden Räuberpistolen, angebliche Drogengeschäfte und einen Asylantrag aufgefallen. Zuletzt veröffentlichte er sogar ein amüsantes Satire Video, in dem er sich über all diese Geschichten und sein Leben in Saus und Braus amüsierte. Kaum vorstellbar, dass dieser Mann bereits 1987 die Firma McAfee Associates gegründet hat.

Für das Veröffentlichen des Beitrags bin ich bezahlt worden.

Recap: Agents of SHIELD – Season 2, Episode 5 “A Hen in the Wolfhouse”

Als sich die frisch enttarnte Bobbi Morse (Adrianne Palicki) im SHIELD-Hauptquartier umsieht und auf ihren alten Kumpanen Alphonso “Mac” Mackenzie (Henry Simmons) trifft, entsteht ein wunderbarer Moment, der den gesamten Geist des Marvel-Universums zu enthalten scheint. Die beiden umarmen sich und das erste, was ihnen einfällt, ist irgendein schräger Insiderwitz, den keiner um sie herum versteht – außer warscheinlich Lance Hunter, der wenige Sekunden später den Raum betritt und seiner Ex-Frau gegenübersteht.

Der Moment erinnert an die brillante Szene in Edgar Wrights Shaun of the Dead, in der Shaun und seine kleine Zombie-Flüchtlingsfamilie in einer Schrebergartensiedlung auf eine andere Truppe treffen, die ebenfalls vor den Zombies flieht und fast exakt gleich besetzt ist. Als Zuschauendem wird einem in diesen Augenblicken bewusst, dass man mit den Erzählsträngen, denen man durch einen Films oder eine Serie folgt, immer nur einen winzigen Ausschnitt der Welt zu sehen bekommt, in der die Geschichte spielt. Bobbi, Mac, Hunter und die verstorbene Isabelle Hartley sind eine eingeschworene Truppe, genau wie Skye, Fitz-Simmons, Ward und May es waren, und ganz sicher haben sie im letzten Jahr eigene Abenteuer erlebt, die wir nie zu sehen bekommen werden. Das besondere des Universums-Gedankens, den Marvel vom Comic in Film und TV übertragen hat, ist, dass man stärker als je zuvor das Gefühl hat, diese Abenteuer seien tatsächlich passiert – weil man bereits so viele andere Geschichten erzählt bekommen hat, die im gleichen Universum spielen. Unterschiedliche Perspektiven auf gleiche Ereignisse sehen durfte. Völlig unabhängig von schwachen Drehbüchern, mauer Inszenierung und langweiligen Sets: das Universum selbst bleibt die größte Stärke des Marvel Cinematic Universe.

Der große Twist

Morses Enttarnung als Undercover-Agentin unter den Hydranten ist der große Twist der Folge, auf den auch der Titel “A Hen in the Wolf House” anspielt. Die Enthüllung kommt tatsächlich einigermaßen überraschend, weil Palickis Auftreten als eiskalte, Jackett tragende Nazibraut zuvor durchaus überzeugend anmutet. Verdacht hätte man schöpfen sollen, wenn man sich anschaut, wie behämmert Morses Fußtruppen im Vergleich aussehen, mit ihren Fahrradhelmen und Spritzschutz-Brillen, die sie absurderweise auch in geschlossenen Gebäuden tragen. Dem Comic-Paradigma, dass äußerst bedrohliche und unglaublich schurkische Vereinigungen sich immer dann, wenn es drauf ankommt, durch Inkompetenz und albernes Äußeres identifizieren lassen, kann man in Agents of SHIELD einfach nicht entkommen.

Das gleiche Prinzip gilt auch für die andere Schlüsselszene der Folge, in der wir Skyes Vater endlich besser kennenlernen. Er ist ein “Doc” der dubiosen Agententhriller-Spezies, die bevorzugt in schlecht beleuchteten und ganz sicher nicht sterilen Kellerräumen operieren, wo sie flüchtigen Kriminellen Schuss- und andere Kampfwunden verbinden. Kyle MacLachlan hält sich in dieser Szene nicht zurück, sondern zieht sämtliche Register des Grand Guignol diesseits eines schallenden Bösewicht-Lachens. Passenderweise fällt ausgerechnet (und ausschließlich) grünes Licht durch das kleine Fenster seiner OP-Kaschemme, das in genau jenem Moment die Hälfte seines Gesichts bescheint, als sich aus den Dialogen erschließt, dass “Doc” wohl eine Art Jeckyll-und-Hyde-Problem hat. Subtil ist das wahrlich nicht, aber es lässt jede Menge Raum für Spekulation. Kyle MacLachlan als eine Art Hulk? Wer möchte das nicht sehen? Ich hoffe natürlich heimlich, dass er sich bei Kontrollverlust in Agent Dale Cooper verwandelt.

Illegal Aliens

Wahrscheinlicher, soweit reicht sogar mein Marvel-Wissen inzwischen, ist aber wohl, dass der “Doc” irgendetwas mit Skrulls, Inhumans oder anderen Außerirdischen zu tun hat. Die haben auch farbige Haut und würden sowohl zur “kosmischen” Dimension des Marvel-Katalogs passen, die Guardians of the Galaxy gerade weit aufgerissen hat, als auch zu Coulsons Vermutung, Skye könnte Alien-DNS besitzen und habe deswegen anders auf das extraterrestrische GH-Serum reagiert als Coulson und Garrett. Wenn Skye dann am Ende der Folge noch feststellt, dass die Zeichnungen, die Coulson impulsiv anfertigt, eine außerirdische Karte sein könnten, scheinen sich langsam einige Puzzlestücke zusammenzufügen, die Großes für den Rest der Staffel erahnen lassen.

Die gesamte restliche Handlung der Folge rund um Raina, die sich zwischen drei Bedrohungen – durch Whitehall, durch Skyes Vater und durch SHIELD – entscheiden muss, fällt bei solch kosmischen Andeutungen fast ein bisschen unter den Tisch. Dennoch liefert Ruth Negga wieder einmal eine der überzeugendsten Performances ab und es wird spannend sein, zu sehen, wie es mit ihr weitergeht. Immerhin sorgt sie für genug Ablenkung, damit Skye sich auf eigene Faust aufmachen kann, um ihrem Vater gegenüberzutreten. Das weiß dieser zwar zu verhindern, aber der finale Moment, in dem die so hart gewordene Skye plötzlich doch unter all den merkwürdigen Gefühlen zusammenbricht und Coulson in die Arme fällt, ist ein selterner und schön gespielter Moment der Menschlichkeit in all den artifiziellen Comic-Kulissen, die die Serie ausmachen.

Beste Szene: Fitz und Simmons durchleben spiegelbildlich homoerotische Momente beim betrachten von Mac (“he certainly has an impressive physique”) bzw. Bobbi (“she’s amazing”).

Bester Dialogsatz: “I was a fat baby”, Lance Hunter, One-Liner-Kanone, beim Betrachten des cherubischen Jesuskindleins auf dem gestohlenen Bild

Note: 2

Crosspost mit “Serien.Ninja”

Reduktion statt Abschaffung: Fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung

Als ich am vergangenen Mittwochabend in Stuttgart in den einzigen ICE stieg, der mich rechtzeitig nach Frankfurt zum Konzert von The Intersphere bringen würde, erwartete ich das Schlimmste. Ich bin mal am zweiten Weihnachtsfeiertag von Frankfurt nach Bremen gefahren, das war nah an der Apokalypse – nur gestresste Menschen, die sich gemeinsam auf viel zu wenig Platz zusammendrängten. Mit dem Streik am Mittwoch schwante mir Ähnliches. Weil nur ein paar Notfallzüge fuhren, würde es sicher voll und ungemütlich werden, dachte ich.

Das Gegenteil war der Fall. Ich weiß nicht, wann dieser ICE, mit dem ich schon häufig gefahren bin, zuletzt so friedlich war. All die hektischen, wichtigen und dummen Menschen, die sonst ihre Koffer in den Gang stellen, drängeln, Fahrtgenoss_innen beim Einsteigen nicht vorbeilassen oder die Türen blockieren, schienen auf die Straße ausgewichen zu sein. Übrig geblieben waren nur Bahnfahrer_innen aus Überzeugung wie ich, und selbst bei denen war der allgemeine Stress einer gewissen Schicksalsergebenheit gewichen. Es fuhr nur dieser eine Zug. Es war klar, dass wegen des Streiks vieles nicht funktionieren würde. Aber deswegen hatten wir alle Zeit mitgebracht und freuten uns gemütlich darauf, irgendwann irgendwo anzukommen.

Während des Bahnstreiks am Wochenende war ich wieder unterwegs. Von Wiesbaden nach Duisburg und zurück. Wieder nur wenige Züge auf der Schiene. Und wieder alles erstaunlich entspannt. Einen Tag vorher hatte ich diesen Artikel auf “kleinerdrei” gelesen, in dem die Autor_innen über Apps schimpfen, die uns das Leben erleichtern sollen, uns aber in Wirklichkeit versklaven.

Der Gletscher kalbt

Lucie schreibt zum Beispiel über “Pocket”, eine App, die ich über alles liebe: “Vor meinen Augen kalbt ein HTML-Gletscher aus ungelesenen Texten und eine Ladeanzeige gemahnt mich stumm daran, dass ich niemals up-to-date und vollumfänglich thematisch eingelesen sein werde, because I SUCK.” Archive Panic, wie “TV Tropes” das nennt, ist kein neues Phänomen. Viele Internet-Kritiker nennen gerne die unüberschaubare Menge an Daten und Möglichkeiten als ein Problem. Simon Reynolds beschreibt sie auch in “Retromania” als Kulturphänomen: Wenn die gesamte Musikgeschichte nur einen Klick entfernt ist, warum sollte ich dann versuchen, “manuell” neue Bands zu entdecken? Irgendwo las ich mal: Früher hat man morgens einen Song im Radio gehört und den ganzen Tag darauf gewartet, dass man ihn noch einmal hört, um rauszufinden, von wem er ist. Heute shazamt man ihn oder googelt einen Textfetzen, lädt sich die komplette Diskografie der Band runter und ist am Abend dann schon übersättigt.

Weil sehr viele Menschen (auch ich) gerne in schwarz-weiß-Kontrasten denken, wird als Gegenmodell dann immer gerne der Total-Ausstieg propagiert. Irgendwann konnte man die Menge der “Ich habe versucht ohne Internet zu leben”-Artikel und Bücher kaum noch überblicken. Und auch jetzt noch ruft immer irgendwo jemand: Entschleunigung. Freedom. Auch mir wurde das schon diverse Male nahegelegt.

Als ich letztes Jahr auf Hochzeitsreise fuhr, dachte ich mir: Superidee, ich mach das jetzt auch mal. Zehn Tage lang keine Blogs, kein Facebook, kein Twitter, nur am Strand liegen mit meiner Liebsten, Bücher lesen, Filme gucken, Musik hören. Nach etwa drei Tagen wurde ich depressiv. Es gab einfach Momente, da hatte ich auf keine der genannten Aktivitäten Lust. Ich wollte stattdessen dem Geschnatter auf Twitter beiwohnen. Ich wollte die wunderbaren Dünen auf Instagram teilen. Ich wollte sogar bloggen, über das interessante Buch, was ich gerade durchgelesen hatte. Zeit hätte ich sogar gehabt. Ich hab’s mir dann irgendwann erlaubt. Es ging mir direkt besser. Internet entspannt mich. Meine Frau war mir nicht böse.

Spätestens seit diesem Urlaub weiß ich, dass es nicht um Alles oder Nichts geht. Und der Bahnstreik ist das beste Beispiel dafür. Wäre kein einziger Zug gefahren, ich hätte frustriert in Stuttgart gesessen und mein Konzertticket wäre verfallen. Aber es gab einen Notfallfahrplan und so musste ich einfach gut planen und alles klappte. Ich glaube, wenn Menschen sich in analoge Zeiten zurücksehnen, ist es häufig nicht die völlige Abwesenheit von Möglichkeiten, die sie sich zurückwünschen, sondern die kleinere Auswahl.

Das Geheimnis ist, sich heute einfach oft genug eine ähnlich kleine Auswahl zu schaffen. Das geht. Man braucht nur ein bisschen Disziplin und die Fähigkeit, in sich reinzuhören. Hier sind meine fünf Schritte zur entspannteren Mediennutzung.

1. Zugeben, dass man hilflos ist

Der erste Schritt der Anonymen Alkoholiker heißt “Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.” Bei Medienkonsum ist das ähnlich. Je schneller man einsieht, dass man nie alle Bücher lesen wird, die einen interessieren; dass es immer irgendwo in der Filmgeschichte Lücken geben wird, die man noch nicht geschlossen hat; dass es da immer noch diese eine Serie gibt, die einem ständig Leute empfehlen und die man doch nie guckt; umso besser. Es wird einen nicht umbringen. Sterbende ärgern sich nicht darüber, dass ihnen noch eine Staffel Breaking Bad fehlte. Es gibt Dinge im Leben, die nunmal wirklich wichtiger sind. Und manchmal kann sogar “rumhängen und prokrastinieren” eins dieser Dinge sein. So sind wir halt gepolt.

2. Filtern

Mein iPhone hat “nur” 16 GB Speicherplatz. Ich kann also gar nicht meine ganze Musiksammlung mit mir herumtragen. Ich könnte mir natürlich einen gigantischen iPod kaufen, aber ich mag die Tatsache, dass ich mir die Musik, die ich mitnehmen kann, vorher aussuchen muss. Auf ähnliche Art kann man viele Informationsströme reduzieren, frei nach Clay Shirkys “Es gibt nur falsche Filter”-Maxime. Was einen davon abhält, ist die Angst, etwas zu verpassen, aber es war noch nie leichter, nichts Wichtiges zu verpassen. Denn: 1. Die Algorithmen des Internets, die programmierten und die natürlichen, sorgen dafür, dass Dinge, die für uns wirklich wichtig sind, uns in 90 Prozent aller Fälle schon irgendwann erreichen. Ich merke das jedes Mal, wenn jemand in meinem Facebook-Feed ein Video oder einen Artikel drei Wochen nach meiner direkten peer group postet. Meist denke ich: ah, jetzt ist das auch bei dieser Person angekommen. 2. Das Internet sorgt eben dafür, dass alles archiviert wird. Was im “Archive Panic” Modus als Bedrohung erscheint, wird im Information-Nachholmodus zum Segen.

3. Diszipliniert sein

Es kommt einem oft nicht so vor, aber stetiges Abarbeiten führt genauso zu Ergebnissen, wie langes Aufschieben und dann in einem Wegputzen. Ich versuche, jeden Abend vor dem Einschlafen, wenigstens zwei Seiten meines Gute-Nacht-Wälzers zu lesen. Das ist besser als gar nichts und auch in diesem Tempo werde ich ihn irgendwann durchlesen. Aber es ist besser, zwei Seiten zu lesen, als keine Seite zu lesen. Noch besser: Es hält fit. Man bleibt drin. Man denkt öfter dran, bekommt dadurch automatisch öfter Lust darauf, auch mal mehr zu lesen. Nicht davon abschrecken lassen, dass man noch so viel vor sich hat. Disziplin + Filter heißt auch: Auswählen, bei welchen Dingen man diszipliniert sein will, und bei welchen nicht. Ich habe mir derzeit auferlegt, jede Woche einen Agents of SHIELD-Recap zu schreiben und tue das auch geflissentlich. Rebels hingegen habe ich seit dem Pilotfilm nicht weiter verfolgt. Vielleicht hole ich es irgendwann nach. Wenn ich eine neue Band entdecke, widerstehe ich der Versuchung, mir sofort alles von ihnen zu besorgen. Ich entdecke sie lieber in Ruhe, Album für Album.

4. Einen langen Atem haben

“Aber Filter und Disziplin sind Methoden, die dennoch bedeuten könnten, dass ich etwas Aktuelles verpasse.” Ja, stimmt. Eventuell ist man nicht dabei, wenn gerade ein Mem durchs Dorf getrieben wird. Vielleicht kann man nicht miterleben, wie ein #gate eskaliert. Muss das schlecht sein? Dafür bekommt man den Vorteil, dass man mit größerem Weitblick zu einer Situation hinzukommen kann, unbeeindruckt vom play-by-play der vergangenen Tage. Das kann auch dazu führen, dass man sich Ärger erspart. Ich habe bei Lost nach der ersten Staffel aufgegeben, weil ich wirklich nicht begeistert war und ja sowieso fast jeder vom Ende unbeeindruckt war. Nachhaltigkeit lohnt sich im Internet mehr als man denkt, die meisten Diskussionen werden irgendwann wieder relevant – als jemand, der mal wissenschaftlich gearbeitet hat, kennt man das. Es gibt Artikel in meiner Pocket-Liste, die ich erst 12 bis 18 Monate nach Hinzufügen gelesen habe und die immer noch gut waren. Andere waren verbrannt, die musste ich dann nicht mal fertig lesen.

5. Bauchgefühle verstehen lernen

Egal, was man sich vielleicht vorgenommen hat, mit der Zeit lernt man, die Punkte 2 bis 4 in ihrer Relevanz einzuschätzen. Wenn man in sich reinhört, weiß man, dass man – egal für welche Option man sich entscheidet – das Richtige tut (siehe 1). Dann darf man also auch mal undiszipliniert sein. Auf jeder Bahnfahrt frage ich mich wieder: Wofür nutze ich die Zeit? Podcast hören? Buch lesen? Pocket weglesen? Arbeiten? Film gucken? Schlafen? Egal, Hauptsache ich bin möglichst entspannt. Auch wenn die Bahn wieder streikt.

Fetter Disclaimer: Ich gebe nur weiter, was für mich – auch als Philosophie – funktioniert. Ich bin jemand, der umso kreativer ist, je mehr seine Optionen beschränkt sind. Vielleicht tickt ihr anders und Reduktion schränkt euch ein. Punkte wie 4. können irrelevant werden, wenn man beruflich in bestimmten Dingen auf der Höhe sein muss (wobei man das dann fast schon wieder auf 2 und 3 delegieren könnte). Bis ich bei 5. einigermaßen sicher war, musste ich 30 werden und einige Geisteskrisen durchstehen. Und auch diese Methode #failt manchmal ungeheuerlich und führt zu Ärger und Frust. Aber es gibt nunmal keine absoluten Sicherheiten. Und bei mir funktioniert es besser als alles andere. Was bei euch funktioniert: gerne in die Kommentare.

Nachtrag, 22.10.: Meine Frau hat sich zu Wort gemeldet und meine Erinnerung an unsere Hochzeitsreise korrigiert: “Deine Frau hat dir in dem Urlaub irgendwann dazu geraten, bitte wieder das Internet zu benutzen. Und das, weil sie selbst gerne mit dem Internet entspannt! Nur mal so.”

Horror gucken bei Maxdome

Der folgende Post entstand mit Unterstützung von Maxdome.

Ich habe ja neulich über diese Blogaktion geschrieben, bei der man sich im Oktober vor Halloween 13 Horrorfilme anschauen soll. Ich habe auch erwähnt, dass ich zwar eine Liste von Kandidaten angelegt habe, aber mir nicht sicher bin, wieviele ich davon gucken kann. Nun, äh, ich bin noch 11 Tage von Halloween entfernt und habe noch keinen einzigen davon gesehen.

Nun habe ich ja schon öfter darüber geschrieben, warum mir der Besitz von Zeug zunehmend zur Last wird. Für mich ist also klar: Meine Horrorfilme werde ich mir als VOD besorgen. Das spart auch Zeit. Und wo guckt man zuerst? Beim Marktführer. In Deutschland ist das immer noch Maxdome. Und siehe da, von meinen 13 Filmen haben sie sogar über die Hälfte gerade da:

Alle Filme könnte ich für jeweils 2,99 Euro für 48 Stunden leihen. Genug Zeit also, um bei einem Film zwischendurch vor Angst schlotternd aufzuhören, ein warmes Bad zu nehmen, eine Nacht unruhig zu schlafen, und dann erholt den Rest zu gucken. Die meisten Filme könnte ich alternativ auch für knapp unter 10 Euro kaufen, zum immer wieder gruseln. Und mit einem Abo wären immerhin Saw und der Original-Godzilla kostenlos.

Und wo ich schon mal auf der Maxdome-Seite war, habe ich mich natürlich noch ein bisschen rumgeschaut und festgestellt: die haben auch Specials, Serien, und Actionfilme. Allerhand!

Dieser Post entstand mit Unterstützung von Maxdome.

Recap: Agents of SHIELD – Season 2, Episode 4 “Face My Enemy”

Ming-Na Wen spielt in dieser Folge von Agents of SHIELD gleich drei Rollen. Da ist ihre reguläre Figur Melinda May, eine verschlossene SHIELD-Agentin mit unbestimmter Vergangenheit, die in Phil Coulsons Team für Arschtreterei zuständig ist. Dann gibt es “Heidi Martin”, eine Tarnidentität, die Agent May annimmt, um sich mit Coulson auf ein Charity-Event zu schleichen, wo sie ein mysteriöses Gemälde stehlen wollen. Und schließlich ist da “Melinda May”, die aber eigentlich Agent Q (Maya Stojan) mit Gesichtsmaske ist und sich Coulsons Vertrauen erschleichen will. (Den Konventionen des Spionagegenres im Film zufolge verändern Gesichtsmasken ja sofort auch den kompletten Körperbau des Trägers und werden somit auch von dem Schauspieler gespielt, den sie imitieren sollen.)

Wen gelingt es gut, die Unterschiede der drei Rollen herauszuarbeiten. Wenn sie als Heidi (Heidi!) Martin plötzlich zur Charme sprühenden Lächelmaschine wird, sind nicht nur die daheim gebliebenen restlichen Teammitglieder aus dem Häuschen über die Metamorphose der ansonsten finster blickenden, schmallippigen May. Und keiner kann mir erzählen, dass Coulson auf der gemeinsamen Reise mit Q-May nicht schon von Anfang an misstrauisch war – denn die falsche Melinda hat eine ganz andere Sprachmelodie und -farbe.

Grob behauene Felsbrocken

An Ming-Na Wen kann es also nicht liegen, dass die vierte Folge der zweiten Staffel, deren Titel ein Kalauer auf die eben erwähnte Gesichtsmaske ist, wieder mal arg holprig daher kommt. Auf jedes ernsthaft locker und natürlich wirkende Gespräch kommt mindestens ein weiteres, in dem die Expositions-Sätze wie massige, grob behauene Felsbrocken in die Szene poltern, um dann noch eine Weile unangenehm im Hintergrund liegen zu bleiben. Die Tanzszene zwischen May und Coulson etwa, in der die beiden zwischen Nostalgie und Raum-Auskundschaften hin- und herwechseln, ist zwar als Idee nicht neu, hätte aber in den richtigen Händen trotzdem amüsant werden können. Drehbuch (Drew Greenberg) und Inszenierung (Kevin Tancharoen) jedoch arbeiten geschickt zusammen, um die Situation so steril und plump wie möglich zu gestalten. Es ist zum Mäusemelken.

Ansonsten zeigt “Face Your Enemy” endgültig, dass Agents of SHIELD wohl wirklich danach trachtet, weniger eine Superhelden-Saga als so etwas wie “Joss Whedon’s X-Files” zu sein. Auf der einen Seite vertieft die Folge die Bedeutsamkeit der merkwürdigen Zeichen, die aus Coulson herausbrechen und die sich auch auf der Rückseite des schon erwähnten Gemäldes finden. Diese werden auch erstmals definitiv als “Alien Writing” benannt und könnten sowohl vom Look als auch vom Mystery-Faktor auch direkt aus Chris Carters Erfolgsserie herübergerettet worden sein. Andererseits ist der Whedon’sche “Team als Familie”-Gedanke schon lange nicht mehr so ausgestellt worden wie diese Woche. Papa und Mama sind auf geheimer Mission und die Kids stehen zu Hause und beobachten, ob alles gut geht. Übrigens eine der besseren Szenen der Folge, bis die imaginäre Simmons wieder explizit erklärt, worum es gerade gehen soll: “Fitz, go join them, they’re bonding.”

Satin-Unterkleider in Action

Höhepunkt des ganzen Tohuwabohus ist – wie so oft – ein Mano-a-mano Kampf von Melinda May, diesmal allerdings mit sich selbst, einmal im Abendkleid und einmal in einem hübschen Satin-Unterkleid mit interessantem Schnittmuster. Zumindest der finale “Sprung über den Tisch”-Move erhebt diese Prügelszene dann auch über vorhergehende. Parallel dazu im Bus: Fitz muss Lance Hunters völlig technik-unfähigen Hände “benutzen”, um eine Sabotageaktion aufzuhalten. Eine schöne Idee, die in der Charakterdynamik auch gut ausgespielt wird. Allerdings hätte ich von den Hydranten schon etwas bessere Technik erwartet, die sich nicht durch zwei Kabel-Umsteckungen aus dem Verkehr ziehen lässt.

Punkten können in dieser Folge schließlich auch die Gegenspieler. Adrian Pasdar spielt Glenn Talbot ebenfalls in doppelter Ausführung. Am Ende mit seiner üblichen angenervten Steifheit, zu der auch die indignierte Aussage passt, dass Coulson ja wohl schon bei dem Gedanken, dass ihn, Talbot, ein Gemälde interessieren könnte, hätte misstrauisch werden müssen. Und im Stinger ist schließlich Reed Diamond wieder als “Big Bad” Daniel Whitehall dabei, der echte Bedrohung ausstrahlt und in einem Nebensatz bestätigt, dass er anscheinend seit dem 2. Weltkrieg am Leben ist. Noch ein Mysterium, das es zu lösen gilt.

Beste Szene: Fitz und Hunter beim Kabelstecken.

Bester Dialogsatz: “Yo!” (Phil Coulson)

Note: 2

Meine Recaps erscheinen auch auf “Serien.Ninja”

In eigener Sache: Real Virtuality verkauft seinen Körper

In der kommenden Woche werde ich in diesem Blog erstmals Posts veröffentlichen, für die ich bezahlt worden bin. Bisher habe ich mich immer dagegen gesträubt, weil meine journalistische Ehre genauso dagegen spricht wie der ursprüngliche Plan, dieses Blog eher als Visitenkarte und als Auffangbecken für anderswo unpublizierbare Gedanken zu nutzen. Eigentlich will ich mit diesem Blog also gar kein Geld verdienen, es ist aber eine Zeit herbeigekommen, wo ich es a) kann und b) “muss”. “Muss” in Anführungsstrichen, weil ich natürlich auch an anderer Stelle Geld sparen, meinen Job wechseln, in eine kleinere Wohnung ziehen oder sonstige Dinge tun könnte, um am Ende des Monats im Plus zu sein, aber formulieren wir es einfach mal so: Ich kann das Geld im Moment trotz day job gut gebrauchen.

Mir ist wichtig, dass ich hier wirklich nur meinen Körper, das heißt: dieses Blog, verkaufe und nicht meine Seele. Die bezahlten Posts werden transparent als solche gekennzeichnet sein. Es werden nicht viele Posts sein und ich werde das Ganze nur einen gewissen Zeitraum machen. Wer trotzdem “Ausverkauf!” schreien möchte, dem sei noch in Erinnerung gerufen, dass ich bisher komplett darauf verzichtet habe, dieses Blog mit vergleichsweise einfachen aber Klickzahlen-mäßig sehr effektiven Einträgen wie Trailern oder Gewinnspielen zu füllen und nur mit Einträgen meinen jetzigen Status erreicht habe, in denen viel Zeit, Schweiß und Recherche steckt.

Ich hoffe auf euer Verständnis.