Piq: Die besten deutschen Filme der letzten 16 Jahre?

Die BBC hat 177 Filmkritikerinnen und Filmkritiker aus der ganzen Welt gefragt, was die besten Filme des jungen 21. Jahrhunderts sind und das Ergebnis als Liste veröffentlicht. Solche Listen sind immer genauso sinnlos wie faszinierend. Sie spiegeln einen scheinbaren Konsens des Kunstvergleichs wieder, den niemand braucht, sind aber auch ein sehr einfacher und effektiver Weg, um Diskussionen anzuregen. Gehört Mulholland Drive von David Lynch wirklich auf Platz 1? Und Maren Ades noch nicht einmal sechs Monate alter Film Toni Erdmann auf Platz 100?

Man konnte förmlich zusehen, wer sich alles bemühte, in den letzten Tagen die BBC-Liste einzuordnen, zu kommentieren – und natürlich auch “weiterzudrehen”. Das Berliner Stadtmagazin “Tip” hat das BBC-Experiment kurzerhand wiederholt und auf Deutschland reduziert. Ihre Liste der zehn “Besten deutschsprachigen Filme des 21. Jahrhunderts”, ebenfalls von einer Gruppe Filmkenner gewählt, ist genau so vor allem Diskussionsstoff und Zeitbild.

Toni Erdmann, noch frisch im Gedächtnis, steht hier plötzlich viel weiter oben. Christian Petzold ist gleich dreimal in der Top 10 vertreten. Und keiner der großen deutschen Publikumshits der letzten 16 Jahre, nicht Good Bye Lenin, nicht Das Leben der Anderen, hat auch nur einen Cameo-Auftritt. Die Gruppe der befragten Kritiker ist sehr feuilletonslastig und (zumindest von den genannten) zu hundert Prozent männlich – was wäre wohl rausgekommen, wenn man das Feld etwas mehr diversifiziert hätte?

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Das Interessanteste an … Toni Erdmann (2016)

© NFP

Ich schließe mich nicht oft Hypes an, was mich aber nicht daran hindert, Dinge gut zu finden, die andere Menschen auch gut finden. In Toni Erdmann habe ich im Kino viel gelacht und viel gedacht, die fast drei Stunden Laufzeit gingen einigermaßen flott rum und auch wenn ich den dezenten Backlash als Reaktion auf die überkandidelte Feierlaune der Kritik verstehen kann – Maren Ades Film wird bei mir mit ziemlicher Sicherheit am Ende des Jahres auf irgendeiner Liste stehen.

Das Bemerkenswerteste aber ist, überhaupt zu beobachten, welche Reaktionen der Film hervorruft. Ich war mit drei weiteren Personen im Kino und schon auf dem Weg zur S-Bahn wurde klar, dass wir uns alle auf ganz unterschiedliche Weise im Film gespiegelt haben. Eine Person aus unserer Gruppe sprang sofort auf das Thema “Frau in einer männerdominierten Arbeitswelt” an, das ich gar nicht so stark wahrgenommen hatte. Ich dachte am meisten darüber nach, ob Peter Simonischeks Charakter jetzt eigentlich bewunderns- oder bemitleidenswert sein sollte und sah in Sandra Hüllers Ines eine Frau, die zwar mit sich kämpft, aber doch immerhin weiß, was sie will. Manch einer sah sich an das Verhältnis zu den eigenen Eltern erinnert, ein anderer an den eigenen Eindruck von Deutschland als Ort. Jeder von uns vieren spiegelte sich sehr individuell in diesem Film und nahm ganz andere Dinge daraus mit. Keine “Message” oder “Erfahrung”, sondern einen sehr persönlichen Spiegel des eigenen Lebens und der eigenen Philosophien.

Wo ich hinschaue, wenn Menschen über Toni Erdmann reden, sehe ich die gleiche Ratlosigkeit. Im Longtake Podcast, zum Beispiel, kämpft Joko, der im bürgerlichen Leben gerade in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat, damit, das Bild der Unternehmensberatungs-Welt im Film mit seinem eigenen in Einklang zu bringen — es ist längst nicht so überzogen wie etwa in Zeit der Kannibalen und ihm wohl gerade dadurch nicht ganz geheuer (mir ging es ähnlich mit der Darstellung von Coaching und Führung). Und im unbedingt lesenswerten Gespräch über Toni Erdmann auf “Jugend ohne Film” sind die drei Diskutierenden fest davon überzeugt, dass sich der Film direkt an Filmkritiker und “Leute, die im Kulturbetrieb arbeiten” richtet, obwohl er fernab von dieser Branche spielt.

Das Gespräch von Patrick Holzapfel, Katharina Müller und Alejandro Bachmann dreht überhaupt einige interessante Schleifen, denn ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie dem Film reihum gegenteilige Kritik anhalten. Zu lustig, nicht lustig genug, zu deutsch, nicht deutsch genug und sogar zu ambivalent, nicht ambivalent genug. Auch dort spiegelt sich also der Facettenreichtum eines Films, in dem sich jede_r irgendwie findet, aber auf eine so persönliche Art, dass es schwer ist, sie mit anderen zu teilen. Weshalb es simpler ist, sich einfach auf “Sehr gut” als Konsens zu einigen.

Am Ende des Gesprächs wird dann klar, dass Betrachter_innen mit diesem Gefühl unterschiedlich gut klar kommen:

K.M.: Ich bin auf jeden Fall noch nie mit Leuten zusammengekommen wegen eines Films, um aufzunehmen, was wir darüber denken. Also das spricht für den Film.

P.H.: Oder die Reaktion auf diesen Film löst das auf. Ich habe noch nie eine derart breite Zuneigung für einen Film gesehen. Der Film trifft ja nicht nur einen Zeitnerv, sondern auch etwas, was sich Filmzuseher wünschen. Da wird Kritik eigentlich ausgehebelt. Für mich ist das eine Armutserklärung, wenn lange Zeit nur Lob zu hören ist, man aber beim Lesen nie ganz versteht, woher dieses Lob eigentlich kommt.

Wo ich stehe ist klar, oder?

Piq: Der Joker – Eine Herausforderung für Make-Up-Designer

Suicide Squad läuft seit zwei Wochen in den USA, jetzt auch in Deutschland. Über Jared Letos Darstellung von Batmans Gegenspieler Joker, eine Rolle die Leto nach Medienberichten auch abseits der Kamera nicht abstreifte, wird bereits heftig diskutiert: Ist es der Beweis dafür, dass “Method Acting” längst kaputt ist? War es vor allem ein Marketing-Gag?

Viel interessanter ist es da, sich mal das Handwerk anzuschauen, das dafür sorgte, dass Leto und sein legendärer Rollenvorgänger Heath Ledger überhaupt in die Rolle des berüchtigten Spaßmachers schlüpfen konnten. Der “Hollywood Reporter” hat die Makeup-Artists von Ledger und Leto, John Caglione Jr. und Alessandro Bertolozzi, erzählen lassen, wie sie die Maske gemeinsam mit den Schauspielern erarbeiteten.

Spannendstes Faktoid: Ledgers ikonisches “Why so serious”-Makeup brauchte am Ende nur 25 Minuten, Leto saß täglich drei Stunden in der Maske. Und Caglione kennt jetzt schon den ersten Satz seines Nachrufs.

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Piq: Haben wir das Happy End abgeschafft?

Jacob Hall ist einer der besten Thinkpiece-Autoren in der US-Filmbloggerszene, nachdenklich und eher versöhnlich als konfrontativ. Mit vielen der Gedanken, die er in seinem neuen Stück für “Slashfilm” aufwirft, ist er nicht der erste – es gibt exzellente Artikel aus Wired und Daily Dot, die sich auch mit dem neuen Kulturparadigma beschäftigt haben, in dem Geschichten kein Ende mehr finden.

Der neue Aspekt hier ist das Wort “Happy”. Anhand von Harry Potter and the Cursed Child und Star Wars: The Force Awakens seziert Jacob Hall, dass heutigen Helden eben nicht mehr nur kein Ende ihrer Geschichte mehr zugestanden wird, sondern auch kein lang anhaltendes Glück. Auf diese Weise, schreibt er, kommen wir nie dazu, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wir wollen uns nostalgisch an sie erinnern und reißen trotzdem ihre alten Wunden ständig wieder auf. “It’s frustrating to watch two worlds with infinite possibilities barrel toward the future while remaining so closely tethered to the past.”

Fans, meint er, bekommen zurzeit alles, was sie sich wünschen, nämlich eine endlose Parade an Abenteuern mit Charakteren, die sie lieben. Aber vielleicht, das ist seine Schlussfolgerung, sollten wir auch mal an das Schicksal der Charaktere denken.

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Das Interessanteste an … Wiener-Dog (2016)

© Prokino

Manchmal lustig, manchmal zynisch, aber am Ende ein bisschen leer. So wirkte Todd Solondz’ Episodenfilm Wiener-Dog auf mich. Gute Schauspieler, einige originelle Ideen, und das alles nur, um mir zu erzählen, dass wir alle sterben müssen? What else is new?

Dieser Song ist neu, den man leider nirgendwo bekommt, aber kurz im Trailer erhaschen kann:

Die Country-Ballade, die in ihrem Text von den heroischen Taten des Dackels erzählt, auf dem Weg durch die Weite der Vereinigen Staaten, läuft über einer fünfminütigen “Intermission” in der Mitte des Films. Neben Hinweisen auf “Der Film geht gleich weiter” und “Im Foyer gibt es Snacks” sieht man dazu eine Bluescreen-Montagesequenz, in der der titelgebende Wiener-Dog in froher gleichmut durch wechselnde Hintergründe läuft.

Dem Blog “Sydney’s Buzz” hat Solondz erzählt, was die Geschichte hinter dem Lied ist:

In the script all it said was, “doggy montage,” and I had to figure out what that would be, because I wanted to give a panoramic, expansive view of America, of a dog going on a quest for home. That’s what the lyrics were supposed to convey. And I chose music that was inspired by songwriters like Johnny Cash, and Marc and Scott understood the quality of the very American sound that I wanted. I didn’t want any kind of “indie” sounds, I wanted something very “American.” So it would be very expansive for the movie, because it is a little movie, we had a limited budget, but this, I felt, could open it up more.

“Marc and Scott” sind die Autoren des Songs, Marc Shaiman und Scott Wittman. Shaiman kennt man vielleicht von seinen diversen Comedy-Filmscores, die er über die Jahre geschrieben hat. Aber echtes Gold kommt vor allem zum Vorschein, wenn er sich mit dem Texter Scott Wittman, zusammentut. Zum Beispiel die Musicalversion von Hairspray, die 2007 verfilmt wurde, und die so brillant beginnt:

Sänger Eric William Morris hat übrigens keinerlei Folk- oder Country-Credentials. Er war Schauspieler, erst am Broadway unter anderem in Mamma Mia!, und jetzt im Fernsehen. An der Fiedel fährt der Song dafür Gabe Witcher auf, bekannt aus der Bluegrass-Band Punch Brothers.

“The Ballad of Wiener-Dog” ist das Interessanteste an Todd Solondz’ FIlm. Ich stimme dem britischen Filmkritiker Guy Lodge zu: “If Marc Shaiman’s ‘The Ballad of Wiener-Dog” doesn’t get nominated for a Best Original Song Oscar next year, just retire the category.

Das Interessanteste an … Ghostbusters (2016)

© Columbia Pictures

Nach dem gigantischen Bohei um die Neuauflage von Ghostbusters mit weiblichen Hauptdarstellerinnen, fand ich den letztendlich entstandenen Film erschreckend (höhö) egal. Er erschien mir streckenweise witzig, aber auch erstaunlich lose gestrickt und abgesehen von seinem Casting einfach in keinster Weise irgendwie relevant. Außer …

… in seinem Einsatz von stereografischem 3D. Ghostbusters arbeitet in seiner 3D-Fassung durchgängig mit der Technik des “Maskenbruchs” (matte break), um die Strahlen der Protonenpacks und die umherschwirrenden Geister stärker aus dem Bild herausspringen zu lassen. Die Technik ist punktweise auch in der Vergangenheit schon oft bei 3D-Filmen eingesetzt worden, zum Beispiel in der Fisch-Sturm-Szene in Life of Pi.

Aber bei Ghostbusters gingen die Filmemacher einen Schritt weiter und letterboxten den kompletten Film für die 3D-Fassung durchgängig auf ein schmaleres Format (von 1:2,4 auf 1:1,85), das dann durchbrochen werden konnte.

Auf “Vulture” erklärt Regisseur Paul Feig:

“I thought it sounded cool, because I’m always looking for anything that’s innovative and new (…). So they did a test with one of the proton beams firing towards the camera and shooting outside the frame, and I said, ‘That’s the greatest thing I’ve ever seen. How many things can we do it on?’”

Aber das war auch das einzig Interessante an Ghostbusters.

Teaser sind die besseren Trailer

Screenshot: Paramount Pictures

Meine Fresse habe ich Lust auf Arrival. Es wird Zeit, dass die Welt mal wieder einen SF-Film in der Tradition von Close Encounters und Contact bekommt. Der Teaser Trailer, der unten eingebettet ist, weckt perfekt diese Lust in mir. Er erklärt kurz die Ausgangssituation des Films, zeigt die Hauptcharaktere und die Mission, die vor ihnen liegt, vermittelt einen Eindruck von der Grundstimmung – und bricht dann ab, während ich hier sitze und denke: MEHR! Und das alles in unter einer Minute.

Das vergleiche ich im Kopf gerade mit meinem Kinobesuch von Ghostbusters letzte Woche, wo ich vor dem Hauptfilm die Trailer für Mike and Dave need Wedding Dates, Nine Lives und Bad Moms gezeigt bekam. Drei vermutlich relativ platte Komödien, von denen ich mir aber mindestens zwei allein wegen der involvierten Schauspieler an einem verkaterten Sonntagmittag trotzdem angucken würde, wenn nicht die Trailer so unfassbar blöd gewesen wären. Bei Mike and Dave erfährt man nicht nur die Handlung des 98-Minüters bis sicherlich Minute 50, sondern auch noch mehrere Witze, an denen Handlungswendungen zu hängen scheinen. Warum sollte ich diesen Film noch sehen?

Was Trailer nicht alles sind. Ein Ergebnis der Leak Culture. Ein Showcase für unfertige Effekte. Irreführend und monoton.

Two-Hour Albatross

Der neueste Anti-Trailer-Text ist von Chris Ryan bei “The Ringer” und heißt relativ klar “Stop Watching Movie Trailers“. Unterzeile: “They are broken and they are ruining movies”. Sein Argument: Wenn man einen Film sehen will, geht man eh rein, Trailer hin oder her. Für einen Film, den man sehen will, muss man sich nicht mit Hilfe eines Trailers vorbereiten. Am Ende des Promotion-Laufs, während dem immer mehr Szenen veröffentlicht werden (bei Amazing Spider-Man 2 waren es am Schluss 25 Minuten), ist der eigentliche Film nur noch ein “two-hour albatross hanging around a three-minute trailer’s neck”.

Es gibt eine ganze Schule von Filmschauenden, die sämtliche Marketing-Instrumente im Vorfeld eines Films vermeiden, um ihn möglichst unbeleckt sehen zu können. Andere scheinen Trailer zu wollen, die bereits viel zeigen oder zumindest andeuten. Die es erlauben, sich eine Meinung über den Film zu bilden ohne den Film gesehen zu haben. Die meisten hängen wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Sie haben nichts gegen ein bisschen Aufmerksamkeit und Vorfreude, aber sie wollen den Film auch nicht schon auswendig kennen, bevor sie ihn gesehen haben.

Der Buchstabe tötet

Mit Theologe und Filmfan Stefan Geil habe ich vor kurzem darüber gesprochen, inwieweit Trailer-Analyse, wie sie etwa bei einem Film wie Rogue One losbricht, mit biblischer Exegese zu vergleichen ist. Sein Fazit: Die Praxis kommt einer biblischen Exegese schon sehr nah, “aber Traileranalysen werden dann obsolet, wenn man das fertige Produkt im Kino zu sehen bekommt”. Der Apostel Paulus schreibe: “Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig” (2. Korinther 3,6) – laut Stefan “eine Absage gegenüber allen, die denken, ein Text dürfe sich in den Augen eines Lesers niemals verändern und keine neuen Bedeutungen entwickeln”. Also: Trailerexegesen sind höchstens temporäre Wahrheiten.

Es gibt Trailer, die sich der Exegese und dem Streit um die temporäre Wahrheit weitgehend entziehen. Jene nämlich, die im Fachjargon nur “Teaser” genannt werden. Kürzer, weniger umfassend als ein ganzer Trailer. Ein Filmchen, das einen nur kitzelt und Interesse weckt und nicht schon den Film als ganzes Produkt verkauft. Wenig Buchstabe, viel Geist. Martin Beck hat das mal so ausgedrückt: Der ideale Fall wäre, wenn eine “Marketing-Kampagne nur noch aus einem Versprechen besteht. Erste Tafel: ‘Lasst euch überraschen’. Zweite Tafel: ‘Im Kino’.” Dem kann ich voll zustimmen. Hasst also nicht den Trailer als solches. Aber schaut ihn besser nur, wenn “Teaser” draufsteht.