Vier Filmadaptionen, die besser Fernsehserien wären

© 20th Century Fox, Everett Collection, Warner Bros.

Am vergangenen Wochenende ist die vierte Staffel von Game of Thrones gestartet. Die Serie ist bis heute insofern ein Meilenstein, als dass sie gezeigt hat, dass die Dicke eines zu adaptierenden Buches nicht unbedingt etwas über die Größe des Ausgabemediums aussagen muss. Im immer noch andauernden Neuen Goldenen Zeitalter der Dramaserie kann eine Fernsehadaption für einen epischen Fantasyroman eine deutlich bessere Adresse sein als ein Kinofilm. Eben weil sie Zeit hat für Charakterentwicklung, Mythologie und Weltenbau – Faktoren, die im effekthascherischen Blockbusterkino gerne zu kurz kommen. Nach einer Reihe von Adaptionsflops im Kino wie The Golden Compass, Eragon und Tintenherz hat Game of Thrones bewiesen, dass klassische Fantasy jenseits von Tolkien durchaus weiterhin ihren Reiz hat – wenn sie das richtige Medium findet.

Das Kino schaut sich derzeit eine Menge vom Fernsehen ab. Das Aufsplitten von Stoffen in mehrere, nicht abgeschlossene Folgen etwa wird zur akzeptierten Tatsache – bei Twilight, The Hunger Games und jetzt auch Divergent. In den Superheld-Kosmen bilden sich sogar Konstruktionen, die an die “Showrunners” und “Writer’s Rooms” der US-Fernsehindustrie erinnern. Gleichzeitig erarbeitet sich das Fernsehen immer mehr Freiheiten und löst sich in den USA Stück für Stück von den klassischen Network-Formaten mit ihren festen Vorgaben für Längen, Staffeln und Werbepausen-Dramaturgie.

Warum also nicht gleich ins Fernsehen? Von monetären Gründen jetzt mal abgesehen: hier sind vier Kinoereignisse, die sich meiner Meinung nach auf dem kleinen Bildschirm genauso wohl gefühlt hätten – wenn nicht wohler.

1. Harry Potter

Die Harry-Potter-Filme bilden – nach dem Marvel Cinematic Universe – die erfolgreichste Filmserie aller Zeiten, aber man muss nicht lange bohren, um zu der Meinung zu kommen, dass einige von ihnen als Filme im Vergleich zu den Büchern wirklich abstinken. Die Deathly Hallows wurden in zwei Teile geteilt, aber gerade die Bücher vier bis sechs leiden doch sehr darunter, dass viele hundert Seiten mit Mühe und Not in zweieinhalb Stunden gepresst werden mussten.

Dabei ist purer Plot mit Sicherheit nicht Joanne K. Rowlings starke Seite. Immer und immer wieder jagen Harry und seine Kumpanen diversen MacGuffins hinterher. Dabei sind der eigentliche Star der Bücher die Beziehungen der Figuren zueinander, zu der Welt um sie herum und besonders zu ihrer Vergangenheit. Dazu folgen die Romane noch bis Buch sechs den regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen eines Schuljahres, das sich nicht ganz zufällig gut mit dem Zeitplan einer Fernsehsaison deckt. Harry Potter als Internatsserie, mit einem großen Cast aus Lehrern und Schülern, die alle echte Persönlichkeiten sind und nicht nur Stichwortgeber für die Hauptfigur. Und dazu der Season-übergreifende Plot rund um Voldemort und Co. Ich glaube, das könnte richtig gut werden.

2. The Godfather – Part II

Aus irgendeinem Grund muss The Godfather – Part II immer in der “Sequels, die besser sind als der erste Teil”-Diskussion als Beweisstück herhalten. Dabei gewinnt dieser zweite Teil hauptsächlich dadurch, dass er MEHR Handlung in einem Film bietet, als Teil eins. Ganz hinterhältig baut er eine zweite Zeitebene ein, die keinerlei direkte Auswirkungen auf die Handlung in der Jetztzeit hat.

Dennoch erinnert die Struktur von The Godfather – Part II in gewisser Weise enorm an die so genannten A- und B-Plots von Fernsehserien. Und darin steckt sein Potenzial: Statt einem über-überlangen Film erschafft man eine Serie, in welcher der A-Plot in der Gegenwart und der B-Plot in der Vergangenheit spielt. Die beiden spiegeln und beeinflussen einander mal mehr, mal weniger und die komplizierten Familienverhältnisse der Corleones bekommen allen Raum, den sie brauchen. Verdammt, ich glaube abgesehen von der Zeitebene haben die Sopranos diese Aufgabe wahrscheinlich schon erfüllt.

3. The Hobbit

Ja, ihr lacht. Mit jedem neuen Film aus Peter Jacksons zweiter Mittelerde-Saga bricht das Gejammere darüber wieder los, dass hier ein kurzes Buch auf viel zu viel Zeit ausgedehnt wird. Ich halte dagegen, dass die Geschehnisse des Buches im Gegenteil noch viel mehr Zeit verdient hätten. Derzeit befindet sich der Hobbit in einem merkwürdigen Limbus: Er muss einerseits auf drei Kinofilme gestreckt werden, hat aber trotzdem nicht die Zeit, um seinen Charakteren (13 Zwerge!) und Schauplätzen ausreichend Tiefe zu verleihen. Das Ergebnis sind hauptsächlich überflüssig lange und komplizierte Actionszenen, die einen nach einer gewissen Zeit zu langweilen beginnen. (Das ist auch der Grund, warum zumindest bei An Unexpected Journey die 20 Minuten längere Extended Edition einen wesentlich besseren Fluss entwickelt).

Wieviel schöner wäre ein Hobbit in 19 jeweils 45-minütigen Fernsehepisoden (eine für jedes Kapitel)? Mittelerde in all seiner Pracht entdecken. Genug Zeit für ausführliche Gesangseinlagen, Slapstickszenen und Geschichten. Und im Hintergrund der unterhaltsamen Episoden langsam aber unaufhaltsam den düsteren “Erwachsenen”-Plot aufbauen, den Jackson mehr schlecht als recht in seinen Film hineinzufriemeln versucht. Das wäre ein Hobbit der Fans und Neulinge gleichermaßen zufriedenstellen könnte.

4. Slumdog Millionaire

Danny Boyles erfolgreichster Film ist zugleich der, über dessen Enttäuschung ich nie hinwegkommen werde, weil er eins der zentralen Elemente seiner Vorlage unter den Tisch fallen lässt. Vikas Swarups Roman Q & A folgt dem gleichen Prinzip wie Boyles Film: Er entdeckt die Lebensgeschichte eines Menschen in den Antworten auf 15 Quizfragen. Doch weder sind die Fragen so einfach und eindeutig mit den Lebensereignissen verknüpft, noch folgen sie im Buch der Lebenschronologie der Hauptfigur.

Die emotionale Bindung an den Hauptcharakter wird in 120 Minuten stärker, wenn das Drumherum überschaubar bleibt, insofern sind die Entscheidungen von Simon Beaufoys Drehbuch nachvollziehbar. Doch meine ideale Adaption von Q & A wäre nach wie vor eine Art indische Variante von Lost, in der in 15 Episoden das Leben eines Menschen wie ein Puzzle aus einer Reihe von nicht-chronologischen Flashbacks zusammengesetzt wird. Und das Konzept ließe sich durchaus über mehrere Staffeln ausdehen, in denen der Quizmaster und die Quizshow das verbindende Element bleibt, aber jedes Jahr das Leben und das zentrale Mysterium einer neuen Persönlichkeit zusammengesetzt wird.

Ursprünglich sollte dieser Artikel mal fünf Vorschläge enthalten, doch mir wollte einfach kein gutes fünftes Beispiel einfallen. Habt ihr noch Beispiele für Filme, die ihr lieber in Serienlänge erleben würdet, liebe Leser_innen?

Quotes of Quotes (XXI) – Trend Journalism and the Frequency Illusion

Frequency illusions are self-perpetuating cycles enhanced by lazy journalism and punditry. One reason people think new mothers post a lot of baby pictures is that trend pieces and op-eds claim they do. (Indeed, trend journalism is essentially a form of intellectual trolling designed to create frequency illusions. “Why is everyone suddenly listening to Wilco again?”)
- Clive Thompson, “Science Says: The Baby Madness on Your Facebook Feed Is an Illusion

Intellectual trolling? Ouch. As a former communications student, I am, of course, aware of the frequency illusion, (also: the recency illusion), and I try not to generalize too much in my posts on what I perceive to be cinematic trends. Sometimes, an opportunity is too good to pass on, of course.

Have you ever become a victim?

No Children of the Revolution: Das Modell Moulin Rouge! hat sich nie durchgesetzt

© 20th Century Fox

In einem der besten DVD-Extras aller Zeiten spricht der australische Regisseur Baz Luhrmann alleine auf einer Bühne darüber, welchen Prozess er durchlaufen musste, um seine neonfarbene Inszenierung von William Shakespeares “Romeo und Julia” dem Hollywood-System zu verkaufen. Wer zehn Minuten Zeit hat, sollte sich das ganze Video anschauen, es ist urkomisch, aber für das Thema dieses Artikels reicht es, sich auf eine Stelle zu konzentrieren.

An diesem Punkt der Geschichte ist Luhrmann völlig entmutigt, dass irgendjemand sein Konzept interessant findet. Noch dazu hat er sich verbogen, um seine wahre Intention vor dem Studioboss, der ihm gegenübersitzt, zu verbergen. Dieser hat Mitleid mit ihm und versucht, dem Regisseur einen Rettungsring zuzuwerfen. “I hear there’s music in this film. What kind of music?”, bietet er an, und Luhrmann beißt sofort in die angebotene Karotte. “Contemporary music!”, ruft er, und auf die Nachfrage “What kind of contemporary music?”, platzt es aus ihm heraus: “More hits than you can possibly imagine!”

Generation Lovefool

Nun war das Soundtrack-Album von William Shakespeare’s Romeo + Juliet tatsächlich sehr erfolgreich. Obwohl es wahrscheinlich nur einen wahren Hit produzierte, “Lovefool” von der schwedischen Band The Cardigans1, gehört es in meiner Generation — gemeinsam mit dem drei Jahre später erschienenen Soundtrack von Cruel Intentions (dt. Eiskalte Engel) — zu den Soundtrack-CDs, die fast jeder Mittelstufler im Regal stehen hatte. Luhrmann hatte also bewiesen, dass er ein Auge bzw. ein Ohr dafür hatte, das Klassische in interessanter Weise auf das Moderne treffen zu lassen. Nur für seine Vision von den unvorstellbar vielen Hits musste die Welt sich noch einen Film lang gedulden.

Moulin Rouge! (nur echt mit Ausrufezeichen), Luhrmanns dritter Spielfilm aus dem Jahr 2001, wird den meisten Menschen filmhistorisch gesehen — falls überhaupt — eventuell im Gedächtnis bleiben, weil sein Erfolg in Hollywood eine Welle von neuen Musicalfilmen lostrat, in denen Stars, die nicht für ihre Singstimmen bekannt waren, plötzlich ihr Talent als moderne Bard_innen entdeckten. Gemeinsam mit Darren Aronofskys Requiem for a Dream wird Moulin Rouge!, mit seiner durchschnittlichen Einstellungslänge von 1,9 Sekunden2, außerdem auf ewig als Exempel für die Beschleunigung des Filmschnitts um die Jahrtausendwende herhalten dürfen.

Marmeladen-Ladies

Pophistorisch könnte Luhrmanns Film eventuell noch als einer der wichtigsten Meilensteine auf Christina Aguileras Pfad zum Superstar wahrgenommen werden — schließlich übernahm “Xtina” gewissermaßen die Hauptrolle in der Mega-Super-Smash-All-Star-Coverversion von Labelles “Lady Marmelade”, die den Soundtrack krönte und wochenlang weltweit die Popcharts regierte.3 Dabei hat der Film in seinen Musiknummern ein Modell aufgestellt, das bis heute nie wieder erreicht wurde.

Hinter Moulin Rouge! und seinem Songkonzept steht ein einfacher Gedanke: Dass die großen Poeten früherer Zeitalter heute wahrscheinlich Songwriter für Popsongs wären. In der berühmtesten Szene des Films versucht der mittellose Poet Christian (Ewan McGregor) die Zuneigung der begehrten Tänzerin Satine (Nicole Kidman) für sich zu gewinnen. Satine ist Christian durchaus zugetan, doch sie weiß, dass Christian ihr nichts bieten kann außer einem Leben in Armut. Noch dazu hat Satines Chef Zidler (Jim Broadbent), der Betreiber des Moulin Rouge, ihr jüngst in Aussicht gestellt, dass ein wohlhabender Kunde (Richard Roxburgh) bereit ist, eine große Menge Geld in das Theater zu investieren, wenn er dafür Satine bekommt. Während Christian der Tänzerin also Antrag auf Antrag macht, weist sie ihn immer wieder zurück.

Anatomie eines Elefantenmedleys

Das “Elephant Love Medley”, wie das dabei entstehende Werk auf dem Soundtrack heißt, weil die ganze Szene auf einem überdimensioniertem Stück indischer Dekoration spielt, besteht ausschließlich aus den Zeilen bekannter Lovesongs. Christian lässt nichts aus, um Satine zu umwerben, weder “All you need is love” noch “I was made for loving you”, “One more night”, “In the name of love”, “Don’t leave me this way” oder “Up where we belong”. Jeder Song ist ein neuer Ansatz, den Satine jedoch immer mit einer Verdrehung des Textes abweist. “The only way of loving me, baby, is to pay a lovely fee”, heißt es etwa in Antwort auf KISS’ größten Hit. Erst mit David Bowies “Heroes” – scheinbar dem Song zeitgenössischer Bohemiens – kann Christian Satine berühren und schon bald liegen sich die beiden zu “I will always love you” in den Armen, dem wahrscheinlich pompösesten und größten Lovesong aller Zeiten und Universen.

Die anderen großen Musiknummern des Films funktionieren nach dem gleichen Rezept – “more hits than you could possibly imagine”. Luhrmann und sein Music Developer Josh Abrahams plündern die Musikgeschichte mit maximaler Effektivität. Die schillernde Revue, die in mehreren, nur durch wenig Dialog unterbrochenen, Musikeinlagen das Moulin Rouge und seine Charaktere vorstellt, mischt Marilyn Monroes “Diamonds are a girl’s best friend” mit Madonnas “Material Girl”, Marc Bolans “Children of the Revolution” und – am erinnernwertesten – einer einzelnen Zeile aus Nirvanas “Smells like Teen Spirit”: “Here we are, now entertain us!”.

Mehr als eine Jukebox

Elton Johns “Your Song”, Madonnas “Like a Virgin”, Randy Crawfords “One Day, I’ll Fly Away” und Queens “The Show Must Go On” bilden weitere Bausteine des Gesamtkunstwerks Moulin Rouge!. “El Tango de Roxanne”, der dramatische Höhepunkt des Films lässt mehrere Charaktere an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Stufen der Verzweiflung gegeneinander ansingen.4 Das Leitmotiv bildet “Roxanne” von The Police, das im Rotlichtmilieu des Films und als Tango arrangiert plötzlich einen ganz anderen Effet bekommt. Nach und nach mischt es sich mit “Come what may”, der einzig prominenten Originalkomposition des Films.

So genannte “Jukebox Musicals”, die den Katalog eines Interpreten oder einer musikalischen Ära plündern, und mit viel Mühe versuchen, eine Geschichte drumherum zu stricken, sind eins der erfolgreichsten Bühnenkonzepte des 21. Jahrhunderts — von “Mamma Mia” und “We Will Rock You” bis zu ihren deutschen Nachahmern wie “Hinterm Horizont”. Doch während diese Chimären des Musiktheaters meist nur gnadenlos unsere Sucht nach Retromania bedienen, erschafft Luhrmann in Moulin Rouge! aus seinem Bric-a-brac der Musikgeschichte etwas Eigenes. Er nutzt die zeitlosen Songs nicht als Bezeichnetes, an das wir uns nostalgisch zurückerinnern, sondern als Materialien für ein Patchwork unseres kollektiven Unbewussten, in dem sie nahtlos verschwinden.

Das merkt man etwa daran, dass Luhrmann kein Problem damit hat, Textzeilen einfach zu ändern, wenn sie nicht passen. “Like a virgin” ist im Original ein Song in der ersten Person Singular, doch in Moulin Rouge! wird er zum Bericht an eine zweite und über eine dritte Person. Die Zeile “When your heart beats next to mine” ändert der Film daher kurzerhand in “When your hearts beat both in time”. Wer sich Madonna voll hingeben will, ist irritiert, doch der Song ist eben nur kultureller Lehm, endlos formbar unter den Händen seines Künstlers.

Der Prototyp

Das Mashup ist, neben Dubstep, wohl die prominenteste “neue” Musikrichtung, die in den 2000er Jahren den Mainstream erreicht habt, und sie dient den Kulturpessimisten gerne als Beweis dafür, dass die digitale Ära eine ist, in der nichts Neues mehr erschaffen, sondern nur noch Vorhandenes rekombiniert wird. Ein gutes Mash-up aber lässt seine Elemente so aufeinanderprallen, dass in ihrer Reaktion miteinander etwas Neues entsteht. Die Musik von Moulin Rouge! ist sozusagen ein Prototyp eines solchen Mash-ups.

Baz Luhrmann hat das Mashup um Himmels Willen nicht erfunden.5 Er kannte es sozusagen nur, bevor es, wahrscheinlich spätestens mit Danger Mousens “Grey Album”, berühmt wurde. Doch Moulin Rouge!s Pionierfunktion geht noch weiter. In gewisser Weise nehmen die Arrangements des Films die bombastische Showtune-isierung sämtlicher Popklassiker durch die musikalischen Castingshows dieser Welt und die Fernsehserie Glee vorweg, von den heute total hippen Bollywood-Tonalitäten, die Luhrmann schwerelos in seinen Songteppich einwebt, ganz zu schweigen.

Moulin Rouge! ist also nicht nur ein Meilenstein des musikalischen Kinos, es ist auch eine Bestandaufnahme musikalischer Strömungen um die Jahrtausendwende. Dennoch wurde sein Konzept nie weiträumig kopiert. Das Filmmusical erhielt, wie erwähnt, einen Aufschwung, meist jedoch entweder in Produktionen von etablierten Broadway-Hits wie Chicago und jüngst Les Misérables oder in den oben genannten Jukebox-Musicals wie Mamma Mia, Across the Universe oder Rock of Ages. Selbst Baz Luhrmann traute sich nicht, sein eigenes Konzept weiterzuentwickeln. The Great Gatsby von 2013 paart zwar F. Scott Fitzgeralds literarisches Gemälde der Roaring Twenties mit der modernen Dekadenz von Lana Del Rey und Jay-Z, ist in seinen Musikeinsätzen damit aber eher wieder im Territorium von Romeo + Juliet angekommen.

Der einzige Nachahmer

Einen einzigen Film gibt es, der sich traute, den Moulin Rouge!-Weg zu gehen, und obwohl er in seinem Erscheinungsjahr 2006 recht erfolgreich war, dürfte er wohl kaum die Geschichte überdauern. Die animierte Pinguinfabel Happy Feet — interessanterweise ebenfalls von einem Australier, George Miller, inszeniert — ist ebenfalls ein Musical, das sich seine Songs aus der gesamten Musikgeschichte zusammenklaut und sie fröhlich miteinander verquirlt. Hugh Jackman und Nicole Kidman (mal wieder) imitieren Elvis Presley und Marilyn Monroe und paaren sich zu einem Mashup von Princes “Kiss” und Elvis’ “Heartbreak Hotel”. Weitere Highlights sind eine Interpretation der spanischen Übersetzung von “Comme d’habitude” (“My Way”) durch Robin Williams und Brittany Murphys Rockin-Southern-Church-Version von Queens “Somebody to Love”.

Happy Feet erreicht allerdings nicht annähernd die Dichte und schiere Wucht von Moulin Rouge! und vielleicht ist das auch der Grund, warum sich sonst niemand mehr an Luhrmanns Konzept versucht hat. Der Film ist so archetypisch. Sein Plot ist im Grunde eine Variante von “Orpheus in der Unterwelt”, was ebenfalls in mehrfach gebrochenen Referenzebenen reflektiert wird — die Figuren des Films führen ein Stück auf, das ihre eigene Situation reflektiert und nutzen dafür Passagen aus Jacques Offenbachs “Can can”. Seine wichtigsten Songs sind so bekannt, so eingebrannt in unser kulturelles Gedächtnis, dass jeder weitere Versuch, das Konzept zu adaptieren, wie eine schale Imitation wirken muss.

Moulin Rouge! bleibt also ein Beinahe-Einzelfall, entweder ein Meisterwerk oder ein freak accident der Filmgeschichte, mit Sicherheit aber Baz Luhrmanns vielschichtigster und vielleicht auch bester Film bisher. Und sein Erbe lebt fort. Come what may.

Inspiriert wurde dieser Artikel übrigens vom Besuch der Ausstellung “Esprit Montmartre” in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Die Ausstellung ist noch bis 1. Juni 2014 zu sehen und sehr empfehlenswert.

1 Das Erbe von Luhrmanns Inszenierung des Stücks inklusive des Cardigans-Songs parodieren Simon Pegg und Edgar Wright kongenial in einer Szene in Hot Fuzz, in der die Dorftheatertruppe “Romeo und Julia” aufführt und dabei nicht nur in den Kostümen Luhrmann “schwedet”. Am Ende tanzt auch das ganze Ensemble zu einer Pianoversion von “Lovefool” von der Bühne.
2 Diese Zahl stammt aus einem Vortrag von David Bordwell, den ich 2003 gehört habe.
3 An dem Song bis heute bemerkenswert: Wie es Missy Elliot gelingt, das französische Wortpaar “Moulin Rouge” in einem ihrer Einwürfe bis zur Unkenntlichkeit zu amerikanisieren. Mew-Lahn Roosh, indeed.
4 Mein innerer Klugscheißer will behaupten, dass diese Tradition, die sich heute in vielen Musicals findet, auf Leonard Bernsteins “Quintet” aus West Side Story zurückgeht, ich bin mir aber nicht sicher.
5 Wikipedia nennt The Whipped Cream Mixes (1995) von Mark Gunderson als Vater des Genres.

Gesucht: Gesprächspartner für das ITFS

Ich habe mich für das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart akkreditiert und plane, von Dienstag an täglich hier im Blog von dort zu berichten. Unter anderem möchte ich einen täglichen etwa halbstündigen Podcast produzieren, der zur Hälfte aus Interviews mit Filmemachern und zur Hälfte aus Besprechungen des Programms besteht.

Für diese Besprechungen suche ich andere beim ITFS akkreditierte Blogger_innen und Journalist_innen, die Lust haben, sich jeweils an einem Tag des Festivals eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, um mit mir den Tag zu rekapitulieren. Denn im Gespräch lässt sich besser reflektieren als allein.

Dass ich auf eure Blogs, Profile oder sonstige Arbeit verlinke und hinweise versteht sich von selbst.

Wenn ihr Interesse habt, schickt mir eine Mail an

kontakt@alexandermatzkeit.de

und wir klären alles weitere.

In eigener Sache: Ein neues Zuhause

Seit Jahren rede ich darüber, dass ich “Real Virtuality” dringend auf meinen eigenen Webspace umziehen und volle Kontrolle über Layout, Plugins und Inhalte haben will. Heute habe ich meinen Worten endlich, endlich Taten folgen lassen. Jetzt gehört dieses Blog wahrhaftig mir!

Das Layout lehnt sich bewusst an das alte an, denn das Rad wollte ich nicht neu erfinden. “Real Virtuality” bleibt ein einfaches Blog mit regelmäßigen Texten zu Film und Medien. Über eine Rückmeldung, wie ihr das neue Layout findet, freue ich mich in den Kommentaren. Es ist davon auszugehen, dass sich hier und da in den nächsten Wochen noch Kleinigkeiten ändern während ich die endlosen Weiten von WordPress erkunde.

WordPress macht es einem übrigens wirklich leicht, ein .com-Blog auf den eigenen Webspace umzuziehen. Deswegen funktionieren alle Links und Abonnements für’s erste auch weiterhin. Falls ihr irgendwo auf meine Startseite verlinkt habt, würde ich euch trotzdem bitten, den Link auf die neue Domain realvirtuality.info umzuleiten.

Ich wünsche frohes Lesen.

Was rettet die Filmzeitschrift? – E-Mail an “epd film”

Mit “epd Film” verbindet mich inzwischen eine achtjährige persönliche Geschichte. Im Frühjahr 2006 habe ich in der Redaktion in Frankfurt ein Praktikum gemacht, knapp einen Monat nachdem sie meinen ersten Artikel veröffentlicht hatten. Ich habe mich dort wirklich wohl gefühlt und wurde wohl nicht zuletzt deshalb ein Jahr später gebeten, einen Monat als Aushilfe dort zu arbeiten. Seitdem ist “epd film” als Autor meine Brücke in die Welt des traditionellen Filmjournalismus geblieben, weil sie netterweise immer noch drei bis viermal pro Jahr Artikel von mir veröffentlichen. Meistens geht es darin um meine Lieblings-Erklärbärthemen wie 3D, Streaming und andere Film-Technik-Schnittstellen, aber sie haben mich auch schon bei ambitionierteren Projekten wie einer Untersuchung von Reboot-Kultur und filmischem Storytelling in Themenpark-Rides unterstützt.

Ich bin also alles andere als ein objektiver Beobachter der Zeitschrift, die mit dem aktuellen Heft nach mehreren Jahren mal wieder ihr komplettes Look and Feel verändert hat. Aber ein echter Insider bin ich auch nicht. Ich wusste, dass der Relaunch in den Startlöchern stand, aber ich hatte – bis ich gestern das Heft in der Hand hielt – keine Ahnung, wie er aussehen würde. Ich denke, das Ergebnis kann man äußerlich als “behutsame Modernisierung” bezeichnen. Das Titelseiten-Layout ist deutlich zeitgemäßer und sollte an den Kiosks wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die etwas biedere Kadrierung der alten Hefte. Das frische Blau, das Logo, die neuen Fonts, sie alle stehen für einen Zeitenwechsel auch für das, was man eigentlich mit Begriffen wie “Kultur” oder “Feuilleton” asoziieren will. “epd film” war nie intellektuelle Avantgarde, nicht “Schnitt” (†), “Cargo” oder “Revolver”, sondern immer dezidiert Publikumszeitschrift mit gehobenem Anspruch. Schon irgendwie entschieden “Middlebrow”, aber zum Glück nie ohne eine gewisse Stacheligkeit – zumindest meistens. Mit dem neuen Layout rückt sie noch etwas näher an das meiner Ansicht nach passende Vorbild “Sight and Sound” heran.

Im vergangenen Juni habe ich Sabine Horst in der Redaktion eine Mail geschrieben mit meinen Ideen für den Relaunch. Mein Plan war schon damals, die Mail später wieder hevorzukramen und zu schauen, welche Vorschläge Gehör gefunden haben – wobei ich keinesfalls andeuten will, dass die Dinge, die geschehen sind, nur auf meine Anregung hin entstanden. Die Mail war mehr so eine Bestandsaufnahme des “Wenn ich heute eine Filmzeitschrift machen würde” und ich hoffe, dass sie auch jetzt als eine Diskussionsgrundlage dafür angesehen wird.

Liebe Sabine,

als wir das letzte Mal telefoniert haben, hast du gesagt, dass ihr gerade noch in den Planungen für den Relaunch seid und “wenn du noch Ideen hast, immer her damit”. Das hat mich nicht losgelassen, und ich habe viel darauf rumgedacht in den letzten Wochen. Und irgendwann habe ich mich auch mal hingesetzt und mir Notizen gemacht. Und die wollte ich dir jetzt noch schicken, auch wen es wahrscheinlich schon zu spät ist. Nur meine 2 cents.

1. Formen

Ich würde mir wünschen, dass epd Film noch öfter mit Formen experimentiert. Manchmal macht ihr das ja schon und ich freue mich jedes Mal. Aber da geht noch mehr. Sowas kann man doch auch als feste Rubriken einführen, z. B. “die andere Kritik” oder so. Hier kann man sich vom Internet wunderbar inspirieren lassen.

Beispiele:
- Daten in anregenden Grafiken aufbereiten, z. B. das Kinojahr oder auch mal etwas ungewöhnliches wie “Farbverteilungen in Filmen von 1930 bis 2013″ (sowas hat die Filmwissenschaftlerin Barbara Flückiger vor kurzem gemacht, sieht toll aus)
- Kritiken im Dialog – wie in Podcasts oder der YouTube-Sendung “Short Cuts“. Eine Kritik wird interessanter, wenn man mehr als einen Blickwinkel darauf bekommt. Nicht Pro und Contra, einfach ein Dialog von zwei Leuten, die den Film gesehen haben
- “Oral history” – ein Format, das ich in letzter Zeit häufig gesehen habe. Ein Ereignis in den Worten der Betroffenen erzählt, zusammengesetzt aus Interviewschnipseln.
- Neue Interviewformen, z. B. in Bildern oder in “Fünf Filme, die mich geprägt haben” etc. Ist fast schon ein alter Hut, funktioniert aber immer wieder.

Ich wurde ein bisschen erhört. Die neue “epd film” hat in ihrem Einleitungsteil (der jetzt “Foyer” heißt) jetzt immerhin einen “Listicle” zu einem aktuellen Thema (dieses Mal, schräge Wahl: “Die relaxtesten Roadmovies”), einen kurzen Fragebogen (“E-Mail an Christoph Maria Herbst”) und es gibt einen Film, der ausführlicher besprochen und analysiert wird als die anderen. Ein Anfang. Aber mal im Ernst: Das ist es doch, wie man Filmkritik interessant und frisch halten kann. Wer das – und vieles andere – übrigens sehr genial macht ist die britische Zeitschrift “Little White Lies”, über die Filmfans regelmäßig ins Schwärmen geraten.

2. Optik

Hier habt ihr schon viel mit dem letzten Relaunch gemacht und es entstehen immer wieder tolle Leiter. Aber da geht noch mehr. Dicke Fotos, damit können Printmagazine doch punkten. Wie wäre es mit einer Fotostrecke, nur mit großformatigen Bildern aus Cannes? Oder ein riesiges Schaubild von einem Filmset, wo dann die einzelnen Personen mit Pfeilen erklärt werden. oder oder.

Wie geschrieben, da ist schon viel passiert, und die neuen Ideen für den Titel tragen ihren Teil dazu bei, dass “epd film” sich einigermaßen zeitgemäß anfühlt. Aber ich glaube, auch hier könnte man noch wesentlich mehr machen ohne traditionelle Leser zu verschrecken. Andere erfolgreiche Magazine wie “brand eins” machen es vor.

3. Meinungen und Persönlichkeiten

Ihr habt ja schon einige Kritiker und Autoren, die man “erkennt”. Und immer mal wieder kommt da auch ein gewisses Expertentum raus. Aber ich würde mir doch mindestens eine Stelle im Heft wünschen, wo jenseits von normalen, relativ ausbalancierten Filmkritiken mal eine steile Meinung zu lesen ist, an der man sich so richtig reiben kann. Jemand, der sich traut einen Rundumschlag über einen aktuellen Trend oder eine Entwicklung in der Branche oder ein Ereignis auf einem Festival zu schreiben und pointiert zu kommentieren. Sowas schafft Kontroverse und damit Leserbeteiligung (auch online?). Selbst epd medien leistet sich das “Tagebuch”, ich finde ihr braucht sowas auch.

Aber auch sonst wäre ich dafür, öfter mal Autoren zu holen, die für mehr stehen als “seit 30 Jahren FilmkritikerIn”. Sowas wie die Gatsby-Geschichte im letzten Heft. Mehr davon, das steht euch gut! Ihr seid ein Ort, wo Meinungsvielfalt einen Platz hat!

Ich wurde doppelt erhört. Im “Foyer” gibt es jetzt die Rubrik “Die steile These”. Die erste These, verfasst von Sabine Horst, lautet “Biopics sind überflüssig”. Mal schauen, wie zahm oder bissig diese Rubrik sich noch entwickeln wird. Außerdem hat Wladimir Kaminer jetzt eine Kolumne, “Kaminers Kino”, in der er über Kinoerfahrungen aus dem Alltag philosophieren darf. Für das Middlebrow-Publikum ein guter Wurf, finde ich. Das sind echt zwei Scheiben, die sich gerade Magazine noch stärker von Blogs abschneiden könnten, Antje Schrupp hat gerade erst wieder pointiert aufgeschrieben, warum.

4. Journalismus und Recherche

Mir ist klar, dass Filmjournalismus im Grunde ein Feuilleton-Thema ist. Kritik und Textanalyse. Aber ab und zu finde ich, ihr könntet es euch leisten, ECHTEN Journalismus zu betreiben. Mal eine aufwändige Recherche in Auftrag zu geben, die vielleicht Arbeit kostet und entsprechend entlohnt werden muss, aber wo am Ende mal wirklich was bei rauskommt, was sonst niemand hat! Nicht nur das enzyklopädische Wissen von Georg Seeßlen auf drei Seiten ausbreiten (so interessant es ist), sondern eine echte Geschichte mit Protagonisten und Konflikten. Ist ja nicht so, dass in der deutschen Filmlandschaft nichts passiert. Hier nur mal ein Beispiel für etwas, was ich meinen könnte, aus dem “New York Times Magazine”: “Here is what happens, when you cast Lindsay Lohan in your Movie”.

Dieser Vorschlag wurde leider noch nicht umgesetzt. Und sicherlich ist Geld dabei ein entscheidender Faktor. Aber wäre es nicht cool, wenn für sowas mehr Ressourcen da wären? Dass mal so richtig gute Recherchestücke aus dem Filmmilieu entstehen könnten? Und nicht nur so ein Schwachfug wie das “Zeit”-Dossier zu Cloud Atlas?

5. Haltung

Ich denke, darin seid ihr alles in allem auch schon sehr gut. Aber ich finde man kann das im Zeitalter von Markenidentifikation etc. nicht genug betonen. Es sollte mit jedem Artikel und mit jeder Seite klar sein, wofür “epd film” steht: Unabhängigkeit, Vielfalt, Anspruch und Spaß am Film. Das klingt zwar irgendwie lahm, aber eigentlich will ich vorher schon wissen, was mich erwartet, wenn eine neue “epd Film” kommt: Ein frischer Blick auf die Welt des Films, anspruchsvoller als die Hochglanzmagazine, aber nicht so abgehoben wie die Pseudo-Wissenschaftler, die anderswo schreiben. Interessant aufbereitet, am Puls der Zeit. Nur die Themen weiß ich noch nicht – aber ich weiß, dass sie interessant sein werden.

Noch was, was ich aus dem Bloggen abgeleitet habe, ehrlich gesagt. Ich hoffe, dass “epd Film” da auch in Zukunft ein starkes Rückgrat beweist. In der Vergangenheit fand ich, dass es stärkere und schwächere Hefte gab, aber so ist das nunmal im Leben. Auf der neuen Website gibt es jetzt immerhin ein Blog von Gerhard Midding – ich habe es allerdings noch nicht gelesen, auch deswegen, weil man es nicht als Feed abonnieren kann, womit seine Sinnhaftigkeit wieder in Frage steht!. Als App gibt es “epd Film” jetzt auch. Da ich seit ein paar Monaten Besitzer eines Tablets bin, werde ich das auch mal ausprobieren.

Ich kann “epd film” für Filmfans nach wie vor empfehlen. Aber Filmzeitschriften haben trotzdem noch einen langen Weg vor sich!

Immer diese Nazis – Haben Comic-Filme eine soziale Verantwortung?

© Walt Disney Pictures

Oh my God, it’s full of Spoilers!

Dem am Donnerstag startenden neuen Marvel-Film Captain America: The Winter Soldier könnte man mit einiger Berechtigung manche kritische Frage stellen. Zum Beispiel: Ist es wirklich notwendig, dass ein Film, der so vielversprechend als Paranoia-Thriller anfängt, am Ende doch wieder in einem krawalligen Showdown münden muss, in dem jede Menge Pixel explodieren und dessen zentrales Plotelement an der selten dämlichen Idee hängt, dass tödliche futuristische Flugzeugträger ihre hochsensiblen Zieldaten in einer offen zugänglichen Platine gespeichert haben, die sich in einem zentralen, verglasten und unbewachten Versorgungsschacht an der Unterseite des Gefährts befindet?

Oder: Hat der sogenannte “Winter Soldier” eigentlich irgendeine wirkliche Funktion, außer moralisch ambivalenter Gegenpart für Captain America zu sein, und ist es nicht eigentlich schade, eine so wichtige Umkehr der zuvor als sicher geltenden Ereigniskette für so eine generische Handlanger-Rolle zu verbraten? Wäre insofern der deutsche Verleihtitel sogar fast wirklich (*schluck*) der passendere?

Mit diesen Fragen will ich mich aber im Folgenden nicht beschäftigen, sondern mit der zentralen Verschwörungsthematik des Films.

Eine länger angelegte Entwicklung

Captain America: The Winter Soldier greift in seinem Spionage-Setting geschickt und ziemlich bewusst aktuell schwelende gesellschaftliche Themen rund um Überwachung und Verdachtsjustiz auf. Die Entwicklung ist seit längerer Zeit schon in den Marvel-Filmen angelegt. Die Mutation von S.H.I.E.L.D. zu einem autokratischen Machtapparat, dem auch dann nicht zu trauen ist, wenn er behauptet, auf der Seite der “good guys” zu stehen, klang in den Avengers schon an und ist auch einer der Handlungsstränge in der ABC-Serie “Agents of S.H.I.E.L.D.”.

In The Winter Soldier blüht sie vollends auf. Nach einer Entscheidung des ominösen “Weltsicherheitsrates” plant S.H.I.E.L.D. mit seiner Helicarrierflotte einen signifikanten Teil der Menschheit ohne Gerichtsverfahren (!) auf Basis von gesammelten Daten (!!) automatisiert von Weitem (!!!) hinzurichten. Steve Rogers, der ewige Anwalt der Unterdrückten und Verteidiger des Gerechten, muss quasi zum Edward Snowden werden, wenn sich ein wichtiger Teil der Handlung darum dreht, einen S.H.I.E.L.D.-gebrandeten USB-Stick zu bergen und seinen entlarvenden Inhalt in die Welt zu spielen. “This isn’t freedom, this is fear”, hält Rogers auch im Trailer Nick Fury entgegen.

Am Ende von The Winter Soldier liegen S.H.I.E.L.D. und seine größenwahnsinnigen Machenschaften in Trümmern. Ein konsequenter und durchaus mutiger Move, was die Mythologie des “Marvel Cinematic Universe” angeht und als Kommentar auf die momentane Weltlage nicht zu unterschätzen.

Wäre da nicht die Begründung, die der Film für die Pläne von S.H.I.E.L.D. liefert.

HYDRA ist überall

Wie Cap und Black Widow nämlich in den Geheimräumen eines alten Bunkers erfahren müssen, ist S.H.I.E.L.D. nur deswegen so faschistisch geworden, weil es seit Ende des Zweiten Weltkrieges systematisch von Nazis unterwandert wurde. Nicht von Nazis im übertragenen Sinne, also von engstirnigen Menschen, sondern von echten, deutschen Weltkriegs-Nationalsozialisten mit Schurken-Akzent und “Heil”-Rufen, Mitgliedern des Nazi-Forschungstrupps HYDRA und deren Rekruten.

Nun könnte man den Filmemachern gegenüber gnädig sein, wie es einige Kritiker getan haben, und daraus schlussfolgern, dass sie die momentanen Methoden der US-Regierung und ihrer Geheimdienste in die Nähe von Nazi-Ideologien rücken. Man könnte aber auch sagen, dass sie sich genau mit diesem Nazi-Unterwanderungs-Plot aus der Verantwortung stehlen. “Wahre Amerikaner”, sagt der Film aus, “wären von sich aus nicht auf solche Teufeleien gekommen. Die Nazis haben es ihnen eingeflüstert.” Deportation nach Guantanamo Bay abgewendet. Doppelt zynisch: Sharon Carter wechselt am Ende des Films von S.H.I.E.L.D. zur C.I.A. – scheinbar den wahren good guys.

The Winter Soldier reiht sich damit ein in die Polonaise der Comicfilme, die irgendwie was zu sagen haben, aber eigentlich dann doch wieder nicht so richtig. Iron Man über Waffen. The Dark Knight Rises so insgesamt. In letzter Instanz ist es wichtiger, dass die großen Blockbuster-Zeltpfosten möglichst alle Teile des politischen und demografischen Spektrums zufriedenstellen, als dass sie eine klare Haltung zeigen. Das entspricht auch durchaus der Geschichte ihrer gezeichneten Vorbilder, die sich etwa durch die bewegten 60er Jahre ebenfalls mit einer vagen “Für Gutes, gegen Schlechtes”-Haltung hindurchlavierten, aber im Zweifelsfall lieber einem klassischen Comicschurken die Schuld gaben, als gesellschaftliche Übel zu benennen.

Es geht auch anders

Dabei ist das kein Muss. In den X-Men-Filmen von Bryan Singer ist die Parabelhaftigkeit, mit der “Mutanten” für quasi alle ausgegrenzten Minderheiten, insbesondere aber für Homosexuelle, einstehen, nicht zu übersehen und die Filme sind trotzdem unterhaltsam. Mit der Figur von General Stryker, der bereit ist, seinen eigenen mutierten Sohn zu quälen und zu opfern, um sein Bild von Reinrassigkeit aufrecht zu erhalten, gelingt Singer ein erschreckendes Bild für blinden Fanatismus, weit weg von den hämisch kichernden Schießbuden-Nazis aus dem Captain-America-Kosmos.

Ist das, was Marvel in The Winter Soldier wagt, schon mehr, als man eigentlich erwarten darf? Oder sollten sich Comic-Verfilmungen mit ihrer Leitkultur-Funktion, die sie mittlerweile fast wahrnehmen, noch stärker auf die soziale Verantwortung besinnen, die sie besitzen? Für Cap wird die Antwort darauf wohl erst Age of Ultron geben. Autor und Regisseur Joss Whedon ist ja gemeinhein nicht dafür bekannt, in gesellschaftlichen Dingen ein Blatt vor den Mund zu nehmen.