Twittering Machine

Der folgende Text wurde mir zu recht von der epd medien-Redaktion als zu impressionistisch um die Ohren gehauen, ich habe ihn dann überarbeitet und die Kritik hoffentlich etwas nachvollziehbarer gemacht. Aber hier kann ich ihn veröffentlichen. Ich war wirklich fassungslos am Ende dieses Hörerlebnis und konnte nicht aufhören an die Performance von “Vulva” in Spaced zu denken. Vielleicht bin ich aber auch einfach zu dumm, um Twittering Machine wertzuschätzen.

Ausgerechnet auf Twitter, dem sozialen Netzwerk der kurzen Nachrichten, das Klaus Buhlert in Titel und Text seines Hörspiels referenziert, geriet der Schreiber dieser Zeilen vor kurzem in Konflikt mit einer Autorin. Er hatte ihr Buch als langweilig empfunden und das einer dritten Person geschrieben. Das veranlasste die Autorin dazu, ihm per Tweet mitzuteilen, er solle nicht über ihr Buch herziehen und sich einfach damit begnügen festzustellen, dass es nichts für ihn sei.

In diesem Sinne stellt der gleiche Autor fest: Twittering Machine, Klaus Buhlerts 43-minütige Musik- und Sprachcollage, ist wohl nichts für ihn. Buhlert ist seit vielen Jahren erfolgreicher Hörspielregisseur. Coldhaven, das er 2017 inszenierte, wurde als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet. Auch Twittering Machine wurde zum Hörspiel des Monats eingereicht. Bulehrt wird wissen, was er tut. Es wird Menschen geben, die in Twittering Machine, das – inspiriert von Paul Klees (in englischer Übersetzung) gleichnamigem Bild – Musikeinsätze und Geschichtenfetzen aneinanderreiht und miteinander verwebt, die vage etwas mit Vögeln, dem Schweben und mechanischen Dingen zu tun haben, ein Stück Kunst voller Spannung sehen. Geheimnisvoll und brachial zugleich, assoziativ und musikalisch vielschichtig. Ein Wittgensteinsches “Sprachspiel”, das “Eröffnungsvarianten wie beim Schach” anbietet, wie Buhlert im Pressetext formuliert.

Würde er sich nicht damit begnügen, dass Twittering Machine nichts für ihn ist, müsste der Autor leider schreiben, dass dieses Hörspiel das Albernste ist, was er seit langem gehört hat. Alle Merkmale modernistischer Kunst mit bedeutsamem, großem K sind zum Fahnenappell erschienen. Stimmen, die abwechselnd verheißungsvoll raunen, zerbrechlich miauen und “überraschend” schreien: Anwesend. Musikbegleitung aus schwerem Piano und zuckenden Streichern: Jawohl. Ein harter Rockmusik-Einsatz auf halber Strecke: Zur Stelle. Eine rätselhafte Geschichte über ein historisches Ereignis, hier die Titanic, verquirlt mit einem Märchen von Hans-Christian Andersen, an dessen Ende die Hauptfigur deklamiert: “Die Titanic hat es nie gegeben!”: Wir fangen gerade erst an. Andere Geschichtenfetzen, in denen Figuren mit Namen wie “Braunschweiger” vorkommen, als hätte sich ein verkannter Dadaist ein letztes Mal ächzend im Grab herumgedreht: Selbstverständlich. Ein Werk, das gänzlich wie eine Parodie auf überambitionierte Pseudo-Kunst wirkt, und alles ohne den Hauch einer ironischen Brechung. Vielleicht aber ist der Autor dieser Zeilen, wie beschrieben, auch einfach nicht das Zielpublikum. Dann ist das auch okay so.

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Interview: Dirk von Gehlen über Das Pragmatismus-Prinzip

Foto: Hauke Bendt

In “Kulturindustrie” geht es ja sonst eigentlich immer darum, was wir vier so von verschiedenen Dingen halten, ich fand es aber spannend, diese Idee gelegentlich auch durch Gespräche mit Menschen, die selbst Kultur schaffen, zu erweitern. Deswegen gibt es jetzt eine neue Folge, die aus einem Interview mit Dirk von Gehlen besteht.

Dirk von Gehlen arbeitet als Leiter Social Media/Innovation bei der Süddeutschen Zeitung. Er bloggt und er betreibt die Seite Phänomeme.de, eine Art gelegentliches deutschsprachiges Know Your Meme, und er schreibt auch schon seit mehreren Jahren Bücher. Mashup war sein erstes 2011, sein letztes vor dem aktuellen hieß Meta.

Das Pragmatismus-Prinzip, so heißt das neueste Buch, ist ein Plädoyer für den offenen Umgang mit dem Neuen und verquirlt dafür verschiedene Denkschulen und Ideen miteinander zu einer, wie ich finde, ganz gelungenen Mischung und einer Art über die heutige Zeit nachzudenken, die mir persönlich sehr sympathisch ist. Ich würde das Buch also auf jeden Fall empfehlen – das nur vorweg – und habe mit Dirk eher noch über Fragen gesprochen, die sein Buch in mir angestoßen hat. Wir kennen uns auch seit einer Weile über Twitter und duzen uns entsprechend. Also bitte nicht enttäuscht sein, wenn jetzt kein knallhartes Investigativ-Interview folgt. Es ist eher ein offenes Gespräch.

Auf dem Cover von Das Pragmatismus-Prinzip ist ein Emoticon abgebildet, das Dirk von Gehlen den “Shruggie” nennt, und das ihr sicher auch kennt. Es sieht aus wie ein Mensch, der lächelnd mit den Schultern zuckt. ¯\_(ツ)_/¯ Der Shruggie spielt im Buch eine gewisse Rolle, er ist der “Autor” des Vorworts und er fasst auch immer die Kapitel zusammen. Mit dem Journalisten Yannik Hannebohm hat Dirk vor ein paar Wochen einen Podcast namens “Was würde der Shruggie tun” gestartet, in dem er in der Rolle des Shruggie Lebensfragen beantwortet.

Angefangen habe ich das Gespräch aber mit einem Rückgriff. Mashup, sein erstes Buch, habe ich nämlich damals auch in meinem Blog besprochen und dem Post dazu den Titel “Das vernünftige Manifest” gegeben. Ich fand nämlich schon damals gut, dass das Buch sehr unaufgeregt ist und sich eher bemüht, das Phänomen Remixkultur und Dinge wie Creative Commons zu verstehen, als irgendwas darüber zu behaupten. Deswegen habe ich Dirk als erstes gefragt, ob Das Pragmatismus-Prinzip einen Gärungsprozesses beendet, der schon viel länger andauert.

Ganz kurz noch was zur technischen Entstehung des Interviews. Dirk und ich haben ganz normal so aufgenommen, wie wir auch bei Kulturindustrie immer aufnehmen – verbunden per Skype und jeder nimmt seine Spur auf. Am Ende des Gesprächs stellte sich dann aber raus, dass es bei Dirk einen technischen Fehler gab. Seine Spur war also verloren. Anstatt aber das ganze Gespräch neu zu führen, haben wir pragmatisch (höhö) etwas neues probiert; Ich habe Dirk meine Seite der Aufnahme geschickt und er hat meine Fragen einfach noch einmal neu beantwortet. Das Ergebnis ist jetzt also eine Art Frankenstein-Interview. Meine Fragen, im gleichen Fluss wie sie im Originalgespräch gestellt wurden und Dirks zeitversetzte Antworten dazu.

Kulturindustrie 012 – The Shape of Water, Bingo Love, MGMT – Little Dark Age

Themen: “The Shape of Water”, Guillermo del Toros Film über Liebe zwischen einer Frau und einem Fischwesen; “Bingo Love”, Tee Franklin und Jenn St-Onges Comic über Liebe, die die Jahrzehnte überdauert und “Little Dark Age”, das neue Album der Band MGMT.

The Shape of Water – 0:50
Bingo Love – 15:07
Little Dark Age – 32:22
Empfehlungen (mit Hörerempfehlung) – 45:27

9 Jahre Real Virtuality

In dieser Woche wird Real Virtuality neun Jahre alt. Ich wollte das nur kurz erwähnen, für mehr ist keine Zeit. Ich weiß, dass das Blog, abgesehen von einem Post über die Kommunikationsarbeit von Magic: The Gathering seit etwa einem halben Jahr nur noch aus Verweisen auf Dinge besteht, die ich anderswo schreibe oder aufnehme. Das tut mir selbst ein bisschen leid. Aber vielleicht kommen ja auch wieder andere Zeiten (sagte er sechs Wochen vor der Geburt seines ersten Kindes).

Kulturindustrie 011 – Der seidene Faden, Olympus Mons, The End of the F***ing World

Themen: “Der seidene Faden”, Paul Thomas Andersons Film über einen Schneider und seine Frau, “Olympus Mons”, der neue Science-Fiction-Comic des Autors und Zeichners Christophe Bec, und “The End of the F*ing World”, eine Ausreißer-Serie aus Großbritannien.

Der seidene Faden – 1:27
Olympus Mons – 25:39
The End of the F*ing World – 40:27
Empfehlungen: 54:33

Mit dem Brechen brechen

Wer sich schon einmal mit einer schwangeren Frau im ersten Trimester unterhalten hat, weiß, dass „Morgenübelkeit” ein gemeiner Marketing-Euphemismus der Schwangerschaftsratgeber-Industrie ist. In den ersten Monaten der Schwangerschaft ist einem nicht nur morgens ein bisschen übel, sondern die kleinsten Trigger reichen aus, um das dringende Bedürfnis zu verspüren, die nächste Toilettenschüssel aufzusuchen. So war es zumindest bei meiner Frau im vergangenen September, weshalb wir regelmäßig Zuflucht im Kino suchten.

Dort fing das Elend aber erst an. Kaum saßen wir in The Party, läuft eine der Figuren auf der Leinwand aufs Klo, um sich dort genüsslich zu übergeben. Meine Frau war in diesem Moment froh, am Rand zu sitzen, denn sie musste ebenfalls spontan den Saal verlassen. Nur wenige Tage später in Atomic Blonde das gleiche. Die stark gebeutelte Heldin verschafft sich im Vomitorium Erleichterung.

Danach schien es egal zu sein, in welchem Film wir saßen. Überall wurde gewürgt. In The Circle arbeitet eine Figur so hart, dass ihr der Stress wieder hochkommt. Sogar in Barfuß in Paris wird ein Charakter seekrank. Trauriger Höhepunkt war dann Darren Aronofskys mother!, in dem nicht nur etwas Undefinierbares ausgespien, sondern kurze Zeit später auch noch ein Neugeborenes zerfleischt und gegessen wird (auch nicht so super für Schwangere). Ich konnte irgendwann ein ungläubiges Kichern nicht mehr unterdrücken, aber im Sitz neben mir wurden echte Kämpfe ausgefochten. Erst Victoria & Abdul befreite uns über einen Monat später von der großen Kino-Kotzerei – oder vielleicht ist auch nur meine Erinnerung getrübt.

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Qualityland

Marc-Uwe Kling beherrscht etwas, was ich das “Humor-Sandwich” nenne. Wie bei allen Satirikern steckt unter Szenen, die oberflächlich witzig sind, eine Scheibe Ernst, doch er untergräbt meist auch den Ernst noch einmal mit einer weiteren Scheibe Humor, was ich für wichtig halte.

Spätestens seit dem dritten Känguru-Band hat er außerdem bewiesen, wie gekonnt er mit Genre- und Erzählstrukturen umgehen kann. Daher versucht Qualityland natürlich ein dystopischer Roman zu sein, der sich an alle Regeln von 1984 und Co hält (Heldenreise eines Einzelnen, der gegen das System rebelliert; Liebe als Motor; Lektionen von einem Mentor außerhalb des Systems; Begegnung mit dem Mächtigen; System erweist sich als robust), und sie gleichzeitig unterwandert (zum Beispiel, indem große expositionelle Info-Dumps von den Charakteren selbst als langweilig kommentiert werden, bezeichnend finde ich aber vor allem auch die Sympathie, die Kling den Maschinen entgegenbringt).

Die Ideen, die dabei entstehen, sind alle nicht neu (Maschinen, die menschlicher sind als Menschen, ist seit Frankenstein ja quasi der Urknall der SF), und die Systemkritik ist für eine informierte Internetleserin alles andere als überraschend, aber es gehört schon eine Menge Können dazu, das Ganze so nahtlos und unterhaltsam zu bündeln. Und eben, sich nicht von der Ernsthaftigkeit mancher Gedanken erdrücken zu lassen, sondern noch eine hoffnungsvolle Scheibe Humor drunterzuschieben, wie es vielleicht auch der Shruggie tun würde.

Unentschieden bin ich, ob ich es gut finde, dass Kling nicht auf Querverweise in sein Känguruverse verzichten kann. Aber ich habe meistens gelacht und nicht gestöhnt, was ich mal als gutes Zeichen werte.

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