In eigener Sache: Eingebackene Veränderung

Von 1991 bis 1996 hat mein Vater in Den Haag gearbeitet und wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, haben dort gemeinsam mit ihm gelebt. Dass die Stelle eine temporäre sein würde, stand von Anfang an fest, wie bei vielen Menschen, die von ihren Arbeitgebern ins Ausland geschickt werden. Auf meiner Deutschen Schule merkte ich das ebenfalls. Als ich neu in die 4. Klasse kam, war das für meine Klassenkameraden kein großes Ding und in den kommenden fünf Jahren merkte ich, wie das an Auslandsschulen so ist: Jedes Jahr zum Anfang des Schuljahres (manchmal auch mittendrin) kamen neue Menschen in die Klasse, am Ende des Schuljahres verließen uns einige.

Für uns Schülerinnen und Schüler war das normal. Es war normal, dass sich die Klasse veränderte, dass man am Anfang des Schuljahres schnell neue Freundschaften schloss und am Ende auch lernte damit umzugehen, dass nicht alle Klassenkameraden für immer bei einem bleiben würden. Die Veränderung war Teil des Systems. Ganz anders an dem Gymnasium, in das ich nach meiner Den Haager Zeit eingeschult wurde: hier kannten sich viele schon seit der Grundschule, mindestens aber seit der 5. Klasse. Die Rollen standen fest, Veränderung war frühestens wieder zum Studienbeginn zu erwarten.

Inzwischen weiß ich, dass es im Beruf manchmal ähnlich sein kann. Festgefahrene Rollen, eiserne ungeschriebene Regeln, von denen keiner mehr weiß, wer sie aufgestellt hat, sind wahrscheinlich in mehr Büros Alltag als man denkt. Nicht zuletzt deswegen habe ich den Deutschen Evangelischen Kirchentag immer bewundert. Die Geschäftsstelle, die die Veranstaltung organisatorisch plant, zieht alle zwei Jahre von Stadt zu Stadt, mit einem kleinen Kernteam aus 20 bis 30 Leuten. Im Laufe der nächsten zwei Jahre wächst dieses Team auf über 100 Menschen kurz vor der “Durchführung”, den eigentlichen Veranstaltungstagen im Frühsommer jedes ungeraden Jahres.

Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten nur ein knappes Jahr beim Kirchentag und springen auf einen Zug auf, der längst mit hoher Geschwindigkeit fährt. Sie werden in zwei Wochen ins Thema geholt und müssen sofort loslegen. Das funktioniert nur, weil auch hier die Veränderung und das neue Team für jeden Kirchentag Teil des Systems ist. Weil selbst die, die schon länger dabei sind, die vielleicht schon ein oder zwei Kirchentage mitorganisiert haben, bereit sind, sich sehr schnell auf die neuen Gesichter, Arbeitsweisen, Spezialisierungen einzustellen. Doch nicht nur deswegen kann man nicht alles machen wie immer. Man ist außerdem in einer neuen Stadt, in einer neuen Region, in einer neuen Landeskirche. Konzepte werden laufend überholt und verändert. Die Fähigkeit, sich anzupassen und auf allen Ebenen offen für Neues zu sein, ist in den Prozess fest eingebacken. Anders geht es nicht. Jeder Kirchentag, um es mit Dirk von Gehlen zu sagen, drückt aus: Eine neue Version ist verfügbar. Nicht umsonst sind Kirchentage nummeriert.

Vor fast acht Jahren habe ich mich entschieden, das Rhein-Main-Gebiet, in dem ich Abitur gemacht, studiert und meine erste Arbeitsstelle angetreten hatte, zu verlassen und beim Kirchentag in Dresden die Internetredaktion zu übernehmen, aus dem gleichen Grund: mein Leben brauchte eine Veränderung. Ich wusste nicht, was mich erwartet, ich war nie auf einem Kirchentag gewesen, und ich hätte nicht ahnen können, wie gut es mir gefallen würde. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir dort sehr viel zugetraut. Ich durfte alle Social-Media-Kanäle starten und mir eine Strategie dazu überlegen. Und im Juni 2011 durfte ich eine 40-köpfige Redaktion leiten.

Die Erinnerung an die dynamische Arbeitsweise und die Möglichkeit, Veränderung zu gestalten, hat mich so beeindruckt, dass ich zweieinhalb Jahre später zum Kirchentag zurückkehrte, diesmal als Abteilungsleiter für Presse und Öffentlichkeitsarbeit (soviel zum Thema “Zutrauen”). Diesmal blieb ich einen ganzen Zyklus an Bord. Nach dem Kirchentag in Stuttgart 2015 zog ich mit nach Berlin und war dort Abteilungsleiter Presse und Marketing – bis heute.

Heute hatte ich meinen letzten Arbeitstag beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen möchte ich gerne in Berlin wohnen bleiben, wenn meine Kolleginnen und Kollegen nach Dortmund ziehen. Aber zum anderen war es nach siebeneinhalb Jahren (brutto) auch wieder Zeit für etwas Neues. Denn so dankbar ich für all die Impulse, Erfahrungen und Begegnungen bin, die ich in dieser Zeit mitnehmen durfte: Das System Kirchentag kann nur funktionieren, wenn es auch die Möglichkeit bekommt, seine eingebackene Veränderung auszuleben. Genau wie das System Alex. 

Am 15. September beginnt mein neuer Job als Referent für Digitale Kommunikation beim Service-Portal Integration der Stiftung Haus der kleinen Forscher. Ich freue mich auf jede Menge neue Klassenkameraden.

Werde auch du ein popkultureller Anfänger-Coach!

Vor über zehn Jahren hat meine Freundin Julia mal etwas für mich getan, was ich ihr nie vergessen werde. Sie, im Besitz aller Staffeln von Buffy The Vampire Slayer auf DVD, schuf für mich, der ich noch keine einzige Folge der Kultserie gesehen hatte, ein Video-Mixtape. Eine mit der Longplay-Funktion aufgenommene VHS-Kassette, die mir einen Einstieg in das Buffyversum ermöglichen sollte. Die Auswahl war perfekt: Pilotfilm und zweite Folge zur groben Orientierung in der Welt, das Finale der ersten Staffel um zu kapieren, worum es im Größeren geht, und anschließend eine Reihe von legendären Folgen wie “Hush”, “Once more with feeling” und “The Body”, um mir einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Wege die Serie unter anderem eingeschlagen hat.

Julias Auswahl hat mich nicht zum Fan gemacht. Ich bin nicht losgezogen, um mir die restlichen Folgen so schnell wie möglich reinzupfeifen, aber seit ich diese acht Stunden Buffy gesehen habe, habe ich zumindest eine grobe Ahnung davon, was die Serie für ihre Fans besonders macht. Wenn in einem Gespräch mit Buffy-Liebhabern das Gespräch darauf kommt, kann ich zwar nicht behaupten, dass ich wirklich Bescheid weiß, aber es wird klar: ich habe mich damit beschäftigt. Das ist vielen schon eine Menge wert und es gibt auch mir ein gutes Gefühl, an dieser Stelle kein popgeschichtliches Loch klaffen zu sehen.

Ich muss nicht alles kennen, aber

Von diesen Löchern nämlich hat man als Ottonormalmensch in Zeiten von Peak TV, dutzenden Franchises im Kino und in den Bücherregalen, irgendwie viel zu viel. Natürlich ist die einfachste und vollkommen legitime Reaktion darauf, einfach zu entscheiden: Ich muss nicht alles kennen. Weil es stimmt. Aber vielleicht gibt es doch immer wieder diese einzelnen juckenden Stellen, die man gerne kratzen würde (Was hat eigentlich Generationen von Leuten so an Perry Rhodan begeistert? Worum ging es im großen Hype um Lost? Woher zur Hölle kommt die Langlebigkeit von Pokémon?), aber bei denen man trotzdem weiß, dass man nicht bereit ist, 150 Stunden seines Lebens zu investieren, um sich vollständig auf Stand zu bringen. Und bei denen auch klar ist, dass es oft wenig bringt, am Anfang anzufangen, wenn man einen repräsentativen Eindruck bekommen möchte. Weil viele serielle Phänomene leider erst nach einiger Zeit zu Hochform auflaufen.

In diesen Fällen wünsche ich mir Leute wie Julia, die sich die Mühe machen, eine Art Anfänger-Coaching zu verfassen. Als Hardcore-Fan ist das manchmal nicht ganz einfach. Man muss sich dem Nerd-Empfehlungsdilemma stellen und versuchen die eigene Innensicht zu verlassen. Man muss selbst Zeit und Aufwand reinstecken und um Zugänglichkeit und Übersicht bemühen. Aber im besten Fall ist das Resultat, dass man einem anderen Menschen das eigene Liebhabertum nähergebracht hat. Ewige Dankbarkeit ist vorprogrammiert.

Everything you need to know

Immer wieder gibt es bereits solche Anfänger- oder Aufhol-Coachings. Für die neue Marvel/Netflix-Serie The Defenders zum Beispiel war ich sehr dankbar für ein Video von ScreenCrush mit dem Titel “Everything you need to know before you watch ‘The Defenders'”. Obwohl ich selbst nur Jessica Jones gesehen hatte, fühlte ich mich mit dem Video bereit, die Serie anzugehen, auch weil es in seiner Beurteilung so ehrlich war und sich explizit an Menschen wandte, die die Vorgängerserien nicht oder nur zum Teil gesehen hatte (“Iron Fist? Boy, you’re gonna be glad you skipped this one.”). Wie ein guter Freund, der einen ganz persönlich abholt.

Ich sehe schon zwei Gegenargumente von Weitem auf mich zufliegen. Erstens: “Auf diese Art bekommt man keinen wirklichen Eindruck von dem, was an X tatsächlich besonders ist. Die 150 Stunden, die man reinsteckt, gehören dazu!” Stimmt. Wer mit Hilfe einer “Executive Summary” der Meinung ist, er wisse genauso viel wie die Wissenschaftlerin, die die Studie erarbeitet hat, leidet an einem Egoproblem. Aber es geht ja auch viel mehr darum, nicht völlig im Dunkeln zu stehen und sich nur von Vorurteilen oder popkulturellen Zitaten leiten zu lassen. Wer Feuer fängt, verschlingt anschließend sowieso das ganze Kunstwerk.

Zweitens: “Es gibt Phänomene, bei denen dieser Zugang nicht funktioniert.” Das mag sein. Ich bin froh, dass ich Breaking Bad vollständig nachgeholt habe und nicht nur in repräsentativen Ausschnitten. Aber grundsätzlich denke ich: Wenn hinter dem Coaching nur genug echte Begeisterung steckt, ist es trotzdem möglich, einem unbedarften Publikum die eigene Leidenschaft zu vermitteln.

Mach mit!

Wer bis hierhin gelesen hat: Ich rufe dich dazu auf, ein solches Coaching zu schaffen. Such dir etwas aus, wo du dich auskennst und was du liebst, und gib anderen die Chance, deine Liebe zu verstehen, mit Erklärungen und gut kurartierten Beispielen. Verlinke wie bei einer Blogparade auf diesen Beitrag, und in ein paar Wochen sammle ich alle Coachings in einem Posting. Ich selbst habe Ähnliches bisher auch nur für die erste Staffel von Agents of SHIELD (im letzten Absatz) gemacht und möchte es wieder tun. Was könnte sich deiner Meinung nach lohnen?

Hast du ein Thema, für das du dir immer schon ein Anfänger-Coaching gewünscht hast? Schreib es in die Kommentare. Ich selber bräuchte dringend jemand, der mir erklärt, was zur Hölle in den letzten 15 Jahren bei Magic: The Gathering los war – und was sich seit 1999 wirklich im Videospiel-Bereich getan hat.

Momente der Authentizität

Angela Merkels letzte Begegnung mit einem Youtuber liegt zwei Jahre zurück, und sie war nicht gerade
glorreich. Wurde nach dem Interview mit LeFloid im Juli 2015 zunächst dem jungen Interviewer vorgeworfen, nicht hart genug gefragt und zu oft genickt zu haben, kristallisierte sich später das Narrativ heraus, dass das Kanzleramt LeFloid in eine Arena geholt hatte, in der sich dieser weder wohlfühlte noch selbst die Regeln bestimmen durfte. So beraubten sie ihn, vielleicht aus Angst, jeden Bisses und degradierten ihn zu Merkels Stichwortgeber. LeFloid fühlte sich „benutzt“.

Es ist erstaunlich, dass Merkels mediale Zwischenhändler offenbar aus dem Flop mit LeFloid ausgerechnet
die Lehre gezogen haben, dass zwischen der Bundeskanzlerin und der rauen Welt von Youtube dringend die
Strukturen einer konventionellen TV-Talkshow stehen sollten. Die von Studio71, dem Youtube-Arm von Pro- SiebenSat.1, produzierte Sendung „#DeineWahl“ ließ zwar gleich vier Youtube-Persönlichkeiten die Kanzle- rin interviewen, glich aber abgesehen von den jungen Protagonisten einem fernsehüblichen Talkshow-Format.

Weiterlesen in epd medien 33/2017

There’s this one thing about Invisibilia that really bothers me

NPR’s hit podcast Invisibilia about the “invisible forces that control human nature” has just completed its third season. The self-professed “concept album” of seven episodes released over four weeks dealt a lot with constructivist ideas. Do emotions, does reality just happen to us or do we make them first? While not as good as season 2, which seemed more politically relevant to me, season 3 again delivered some aha moments that got me thinking. It also repeated something it has been doing since the beginning, which I find both terribly annoying and journalistically questionable.

Invisibilia belongs to the school of storytelling podcasts made popular by This American Life. It strings together interviews and sound documents with explanatory narration to inform you about a topic and tell a compelling story a the same time. Different shows have different sonic profiles to support the storytelling, especially in their use of music and sound design. Radiolab, for example, often “visualises” (for lack of a better word) microscopic processes with synthesized sounds, making it easier to follow the explanation. Invisibilia‘s signature technique is to represent thoughts and feelings through single sentences from interviews and weave them into the narration whenever they become relevant again, like flashback images in a movie.

The sonic flashback

For example, the first episode of season three, Emotions, Part One, tells the story of a man, Tommy, traumatised by an accident he was involved in. The man recounts how he got out of his truck and approached the car he collided with. The driver is unconscious, the passenger, Miss Jones, is dazed. Tommy says: “Miss Jones says something about ‘the other child’ and I say ‘what other child’? That’s when I see Michaela’s arm, hanging there.” This is the original recording, but the phrase uttered by Tommy that describes the trauma is repeated throughout the episode as a shorthand for the whole image. For example:

Alix Spiegel: The day after the accident, after a tortured night in a motel room, Tommy’s trucking company put him on a plane to go home. He got in his seat, fastened his seatbelt. Would you like something to drink, sir?
Tommy: Her little arm, hanging out of the car.

I personally don’t like this “sonic flashback” technique. I find it clumsy and I just don’t like listening to it, but there is nothing badly wrong with it. It does, however, speak to the liberty Invisibilia takes with their recorded interviews, using phrases like these to illustrate thoughts and placing them in contexts where they were not originally uttered.

Unwarranted confirmation

The show does the same with other, shorter phrases, and there, I find, it crosses a line of good journalism. It is customary in the storytelling format to summarise longer interview bits that contain explanations a bit too long for the format. You will normally hear the first few sentences of the explanation, and then the narrator will take over and summarise the rest. Radiolab or This American Life often even fade down the original tape and lets it play in the background, while the narration talks over it, saying something like: “John explains, that …”.

But Invisibilia goes one step further. It will summarise a bit of tape and then it will insert a sound bite that confirms the summary, something I want to call “unwarranted confirmation”. Take this example from the final episode, “True You”:

Mindy: And so in life he became polite and reserved and embarrassed, …
Lulu Miller: This is his wife, Mindy, …
Mindy: … I mean that in a good way.
Lulu Miller: … who says that wile Chad is six foot five, he will always try to appear smaller.
Mindy: Whenever we’re in a crowd, like, when we’re at a concert, he’s trying to get out of the way.
Chad: Yeah.
(…)
Lulu Miller: And then one day, in his mid-thirties, a very different side of him appeared.
Chad: Yes.

Both the “Yeah” and the “Yes” are spliced into the narration from contexts we as listeners don’t know about. Chad was probably not interviewed at the same time as Mindy, but the producers see it necessary to insert his confirmation of Mindy’s statement about concerts by splicing in a “Yeah”. Well, maybe they asked him afterwards if the story was true and he actually did say “Yeah” and corroborated it.

Intransparent and condescending

The second example is worse. “One day, a very different side of him appeared” is not a statement that needs affirmation or denial. It is simply a justified assertion, an observation made by the storyteller. Why does Chad need to say “Yes” afterwards? It sounds like the producers are getting his blessing for what they just said, even though 1) what they said does not need a blessing and 2) we don’t know what context the blessing comes from. It could be any “Yes” from hours of tape. We have no idea what it originally pertained to.

Invisibila will do this all the time. They insert “Yes”, “Yeah”, “No”, “That’s right”, “Uh-huh” and other short phrases into their narration to confirm their own statements in a way that’s both non-transparent and often unnecessary. It’s like a sonic tic the show has been cultivating since its very first episode. And while it seems to be something Alix Spiegel, Hanna Rosin and their producers employ to shape the show’s profile, it’s also journalistically questionable and condescending in exactly the way NPR is often accused of being, degrading interview subjects to deliver sound bites for the self-aggrandisement of a manipulative storyteller.

Do you agree?

Beinahe unaufhaltsam: Bilals Weg in den Terror

Es gibt Tonaufnahmen, die so mächtig sind, dass man eine fünfteilige Radioserie um sie aufbauen kann. Weniger als eine Minute lang ist wahrscheinlich die Whatsapp-Audionachricht, die der 17-jährige Bilal aus Syrien an einen Freund in Deutschland schickt und doch funktioniert sie wie eine Art Generalschlüssel für den gesamten Themenbereich „Radikalisierung junger Muslime in Westeuropa“. Bilal ist aus Hamburg über die Türkei nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen und für die gute Sache des Islam zu kämpfen.

Doch in Syrien findet er nur Chaos vor. Er wird eingesperrt und mit leeren Versprechungen hingehalten. Nichts von dem, was ihm erzählt wurde, ist wahr. Stattdessen begreift er schnell, warum er nach Syrien geholt wurde. Seine Altersgenossen und er dienen dem IS als Kanonenfutter in seinem scheinheiligen Krieg. Fassungslos wiederholt er, was er sieht: „Die schicken einfach die Brüder zum Tod.“

Weiterlesen in epd medien 9/17

Zum Podcast-Angebot des RBB

Piq: Die Gefahren der Nostalgie

Simon Reynolds’ Buch Retromania ist eins der prägenden kulturkritischen Werke der letzten Jahre. 2010 erstmals erschienen, blättert Reynolds darin auf, wie in der Musikindustrie und überhaupt in unserer gesamten Kulturlandschaft die Sehnsucht nach dem Alten längst das Interesse am Neuen überholt hat.

Zum Buch gab es auch ein Blog, in dem Reynolds regelmäßig neue Gedanken sammelte und passende Artikel verlinkte. Dieses Blog schloss im September, denn “while retro remains a prominent part of the current culture, it doesn’t feel dominant to the same extent it did”.

Der Trump-Sieg hat Simon Reynolds dazu gebracht, sein Blog noch einmal zu öffnen, auch wenn es nur für ein paar Zitate ist, eins davon aus seinem Buch. Dabei geht es um “reflektive” und “restorative” Nostalgie, eine Unterscheidung der Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym. Es ist die restorative Nostalgie, “big on pageantry (…), folklore, and Romantic nationalism”, die zurzeit die Welt im Griff hat. Aber der Blick in Reynolds’ Blog zeigt: zu viel Nostalgie sollte uns generell eine Warnung sein.

Zum Artikel | Zum Piq

Ich habe schon länger überlegt, zu diesem Thema zu bloggen und mich jetzt stattdessen aus Zeitgründen für einen Piq entschieden. Einen wichtige Wendepunkt fand ich Stranger Things dieses Jahr – das ich, zugegeben, selbst noch nicht gesehen habe. Hier stimmten plötzlich selbst viele Nostalgiekritiker (unabhängig von der Qualität der Serie selbst) ins Lob der Vergangenheitsverklärung mit ein. Nach dem Motto: Wenn sie transformativ genug ist, ist Nostalgie ja okay, immerhin geht es nicht mehr immer um die gleichen alten Filme. Ich habe selbst noch keine endgültige Meinung dazu, spüre aber immer wieder die gefährlichen restorativen Tendenzen in solchen Schwärmereien (s.o.)