Gibt es ein Revival der interaktiven Fiktion?

Jannis Schakarian, ich, Christoph Rieth. Bild: Bernd Zywietz

Am 11. Juni konnte ich auf der TXT, der offiziellen Strand-After-Hour der re:publica 2022, ein Panel zum Thema “Gibt es ein Revival der interaktiven Fiktion?” moderieren. Mit mir auf der Bühne saßen Jannis Schakarian, Autor der “Hastig”-Textabenteuer, und Christoph Rieth, der Leiter der MDR Digitalkoordination, die das interaktive Hörspiel “Schloss Einstein: Mission to Mars” produziert hat. So lautete die Session-Beschreibung:

“Choose Your Own Adventure!” und “You are the hero!”. Mit Sätzen wie diesen begann in den 70ern ein Genre von interaktiven Texten, das erst 20 Jahre später durch die endgültige Dominanz von grafischen Computerspielen aus dem Mainstream verdrängt wurde. Von einer kleinen Nische an Aficionados als “Interactive Fiction” am Leben erhalten, studiert und weiterentwickelt, erlebt es zurzeit durch Voice Technologie und Retrogaming-Trends ein Comeback.

Im Gespräch finden wir heraus, ob es tatsächlich ein Revival der interaktiven Fiktion gibt. Die beiden Schöpfer sprechen darüber, welche Herausforderungen und Chancen darin liegen, den Nutzer ins Zentrum der Geschichte zu stellen und welche Möglichkeiten neue Technologie für die Zukunft der Gattung eröffnet.

Ich konnte das knapp 45-minütige Gespräch mitschneiden und habe es im Feed des LEXPOD veröffentlicht.

Bild: Bernd Zywietz

69 kurze Podcast-Höreindrücke

Eines Tages werden uns allen die Symbolbilder ausgehen.

Im #Podcapril habe ich als Selbstversuch einen Monat lang nur Podcasts gehört, die ich noch nicht kannte. Hier im Blog steht auch warum und was ich dabei gelernt habe. Zu jedem Podcast habe ich auf Twitter einen kurzen Höreindruck geteilt, den ich hier an manchen Stellen etwas ergänzt habe. Da ich von jedem Podcast nur eine Folge gehört habe, möchte ich die Höreindrücke nicht als echte Kritiken verstanden wissen, das wäre den Podcasts gegenüber unfair.

  1. Rice and Shine #54 – Mai Thi Nguyen-Kim / Sympathische Moderatorinnen, gut geführtes Interview, der persönliche Blick aus einem anderen Hintergrund bereichert immer. “Rice and Shine” wäre die Art Produktion, die ich mir bei unendlich viel Zeit sicher auch öfter anhören würde – und eine, für die eine Programmzeitschrift für herausragende Folgen sich für mich lohnen würde.
  2. Fix und Vierzig #7 – Onlinedating / Auch hier: immer gut, mal eine andere Seite zu hören. Männer sind anscheinend wirklich ziemlich armselig. Ich bin nicht die Zielgruppe, und kann mich daher wohl nicht so oft nickend bestätigen lassen, wie es das Konzept vorsieht – Podcast als Selbstbestätigung, als ein dankbares “Ich bin also nicht allein”, scheint mir ohnehin ein beliebtes Motiv zu sein.
  3. Feel the News #5 – Toxic Wokeness / Fand ich gerade zu einem Thema, in dem es um Perspektivwechsel geht, erschreckend selbstbestätigend und noch schwach in der Balance zwischen Script und Spontaneität. Als Bonus kann man zählen, wie oft Sascha Jule das Wort abschneidet.
  4. Vollkommen unperfekt 30.3. / Dispatch aus der Achtsamkeits-Influencer-Bubble. Obwohl ich dafür inhaltlich nur bedingt zu haben bin, mag ich diese Solo-Erzählform immer noch und bewundere das Selbstbewusstsein der Menschen, ihr eigenes Leben so selbstverständlich zu präsentieren. Ich finde es auch für Influencer und ähnliche Menschen mit Jünger*innen eine einfache und sehr intime Art, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die mir etwas nachhaltiger erscheint als Instagram-Stories.
  5. Drinnies #64 / Ich kann völlig verstehen, warum Menschen das gerne hören. Es ist sympathisch, low-key witzig und verlangt den Hörenden nichts ab – reine Entspannung. Irgendwie sind diese “Lustige Geschichten aus dem Leben”-Comedy-Podcasts einfach nichts für mich. Das zeigt auch, mit welchen unterschiedlichen Motiven Menschen Podcasts hören.
  6. Sport Inside – Das perfekte Verbrechen / Sehr gut, dass es diesen Podcast gibt, aber die konkrete Folge (Teil 3 der verteilten Miniserie) hat mich leider aufgrund der Präsentation und des Tonfalls des Interviewpartners immer wieder geistig aussteigen lassen.
  7. Zeitansage – 15:26 / Ziemlich sicher von allen Folgen dieses Tagesereignisses die beste.
  8. Women in War – Folge 1 / Ich finde die Idee so gut, aber ich wünschte, man könnte solche Geschichten ohne diese Mischung aus Sensationalismus (vor allem im Sound Design) und ausgestellter Betroffenheit erzählen. Eine Abneigung gegen diese Art von Präsentation, die den Hörenden immer wieder erzählt, was sie gerade fühlen sollten und wie krass das ist, was sie hören, ist aber ein Pet Peeve von mir. Viele andere scheinen sie ja zu mögen, sonst würde sie nicht immer wieder bedient.
  9. Audio:viel 29 / Bisher war ich immer von der Länge abgeschreckt, aber ich fand’s ganz wunderbar (nachdem ich Teile des Anfangsgeplänkels übersprungen hatte). Christiane Attig mag ich sowieso, aber hab mich hier insgesamt sofort zu Hause gefühlt. Menschen, mit denen ich rumhängen will. (Spoiler: Das werde ich auch. In der nächsten Ausgabe von Audio:viel darf ich zu Gast sein.)
  10. 9/12 #1 / Wie wurde aus dem Ereignis 9/11 die Erzählung 9/11, die als Rechtfertigung für alles Mögliche herhalten musste. Von Dan Taberski (Running from Cops) gewohnt souverän erzählt und eine interessante Idee. Hat Preise gewonnen und werde ich vermutlich bei Gelegenheit bingen.
  11. Narcoland #1 / Sympathisch und mit der richtigen Mischung aus Naivität und Professionalität. Das Thema interessiert mich wahrscheinlich nicht genug zum Weiterhören.
  12. Tadschu #1 – Hat mich als selbst Enkelkind eines staatenlosen Ausländers sehr interessiert. Super produziert und recherchiert. Persönlich. Manchmal etwas sprunghaft. Dennoch Empfehlung. Erstaunlich, dass Menschen solche Projekte auf eigene Faust realisieren. (Der Podcast-Podcast Ohrensessel hat gerade noch einmal ausführlicher hingehört.)
  13. Kein Mucks – Besuch nach Büroschluss / Bastian Pastewka präsentiert alte Krimihörspiele, liebevoll und mit genau der richtigen Mischung aus ironischer Distanz und echtem Interesse. Viel besser als erwartet! (Empfehlung dazu: das Interview mit Redakteurin Lina Kokaly im Newsletter “Mixdown”)
  14. Plastisphere #7 – Bioplastics / Lots of Germans speaking to each other in English, just like Twitter. Superviel gelernt, top produziert (gerade auch Musik- und Atmoauswahl, es ist erstaunlich wie der Anbieter “Blue Dot Sessions” einen Sound geschaffen hat, in dem ich mich, von NPR Podcasts kommend, sofort zu Hause fühle) und kompakt. Klasse!
  15. Geschichten aus der Geschichte #243 – Irischer Whisky / Dieses “Einer erzählt dem Anderen etwas zuvor Recherchiertes”-Format finde ich schon länger total gut. Interessemäßig werden mich diese Historien-Anekdoten nie ganz abholen, aber sympathischer kann man es kaum machen.
  16. All Good Podcast #71 – grim104 / Lockeres Interviewformat im Kumpelgespräch-Modus. Der Interviewer Jan Wehn stellt keine unangenehmen, aber doch tief bohrende Fragen. Am Ende weiß man ein bisschen mehr über den Künstler.
  17. Fashion the Gaze – Damengambit / Eine echte Entdeckung für mich! Ein leicht verschobener, auch anders professionell geprägter Blick auf Realität, Fiktion und das Verhältnis dazwischen. Zum Glück wurde die Aufnahmetechnik inzwischen noch verbessert. Abo!
  18. Der Hörbuchwelten Podcast – Female Audiobooks / Das war nicht mein Fall. Wirkte trotz halbwegs professioneller Produktion unbeholfen und oberflächlich. Trotz des Service-Charakters des Formats hatte ich nicht das Gefühl, etwas zu lernen oder einen Überblick zu erhalten. Sorry
  19. Die Skorpion und Batterie Show – Ausgabe vom 19.12.21 / Wie bereits erwähnt, bin ich Solo-Podcasts gar nicht abgeneigt – mit einer Late Night Show hat das Ganze für meine Ohren aber wenig zu tun, insofern war ich verwirrt.
  20. Die akustische Enttäuschung #75 / Gutes, professionelles (nie ins insiderige abdriftende) und dennoch persönliches Gespräch. Gerne gehört und was gelernt. Die Ironie im Podcasttitel finde ich allerdings … enttäuschend.
  21. 99% Invisible #450 – Stuff the British Stole / Eigentlich gar keine 99pi-Folge, sondern Folge 1 eines eigenen Podcasts mit einem sehr charismatischen Host, Marc Fennell. Tolles Konzept super umgesetzt und ich mag diese Art der Kuration mit anschließendem Interview sehr!
  22. Quoted #1 / Interessante Hosts, die sich aber erst noch finden müssen; Thema war mir trotz guter Gedanken und gutem Gast etwas unfokussiert und mäandernd betrachtet. Und warum heißt der Podcast “Quoted” wenn niemand zitiert wird?
  23. Sternenbuch #100 / Wenn die Gästin den Moderator am Anfang erst animieren muss, läuft irgendwas falsch. Dann sagt er am Ende sogar, es sei ein Lieblingsfilm von ihm. Ich war verwundert, denn er klang die ganze Zeit eher gelangweilt. Pluspunkt für’s kompakte Gespräch.
  24. Der ganz formale Wahnsinn #41 / Nicht ganz so begeistert wie der Kollege von Übermedien, aber diese Art kompaktes Laien-Fachgespräch dürfte es gerne öfter geben und gerne auch immer so locker wie hier.
  25. Kino 90 Podcast 17 / Konzept und Hosts durchaus nicht verkehrt. Viel Wissen vorhanden, das Bedürfnis, der eigenen Nostalgie nachspüren zu wollen, kann ich total nachempfinden. Das Format ist mir nur persönlich zu laberig. It’s not you, it’s me.
  26. FRÜF Podcast #004 / Sehr differenzierte Diskussion und journalistische Aufarbeitung eines Themas, das an mir völlig vorbeigezogen war, nämlich der Vergewaltigungsworwürfe gegen Cristiano Ronaldo. Jetzt weiß ich Bescheid, danke.
  27. Our Opinions are Correct – Monstrous Women / Sachverstand und gute Vorbereitung trifft auf angenehme Gesprächskultur. Habe ich abonniert und auch schon weiterempfohlen – die weiteren Folgen fand ich aber bisher nicht so gut, wie diese erste, die ich gehört habe. Steht also wieder auf dem Prüfstand.
  28. Queek #86 / Gute Gedanken, aber diesmal hätte ich es wahrscheinlich wirklich lieber gelesen als gehört (da ich auch die Filme alle nicht gesehen hatte).
  29. Schamlos #40 – Böse / Wie genial ist bitte diese Idee, Diskussion mit Impro-Comedy zu kombinieren? Warum gibt es das nicht öfter? Thematisch ebenfalls gut. Diesmal muss ich sagen, dass ich zum Glück nicht mehr viel dazuzulernen hatte.
  30. Team Schere – Candyman / Selbst wenn man wie hier durch den Film geführt wird, machen mich Analysen von Filmen, die ich nicht gesehen habe, insbesondere akustisch, nach wie vor nicht an. Ansonsten aber solide.
  31. Skip Intro – Eldorado Kadewe / Professionelles Format. Gut gestaltetes Gespräch. Ich mag es ja, wenn Interviews mal nicht in Gänze gespielt werden, sondern wie hier in Einspieler aufgeteilt und persönlich eingeordnet werden.
  32. Man nerdet nie aus – Spider-Man / Was ich schön fand, war die persönliche Ebene. Wenn viel wissende Menschen auch mal erzählen, was Geschichten für sie persönlich bedeuten, welche Ereignisse und Gefühle für sie damit verbunden sind, erlaubt das viel Empathie und ist angenehm.
  33. Mittermeiers Synapsen-Mikado 21 / Klar, “Familiodologie” ist die logische Folge von “Paardiologie”. Ich finde das (anders als bei Roche) über den reinen Voyeurismus einer berühmten Familie hinaus nicht wirklich interessant, aber der und eine gewisse Grundsympathie tragen schon eine Weile.
  34. Conspirituality #21 / Dichter Essay-Podcast mit O-Tönen. Inhaltlich sehr gut und gruselig. Dass für einige (wie schon Bannon, aber vielleicht auch Putin) ihre Politik nicht nur ideologisch, sondern richtiggehend religiös aufgeladen ist, macht Angst.
  35. Des Pudels Kern #5 / Das war die Art Empfehlungsperle, auf die ich gehofft hatte. Just außerhalb meines Radars aber genau mein Ding – Gedanken anregend und durchdacht. Und es geht sogar um Horizonterweiterung.
  36. Dissens #122 / Dass sich Menschen in Gesprächen zuhören, miteinander nachdenken, voneinander lernen und nicht nur performen, ist auch in der Podcastlandschaft selten geworden – daher auf jeden Fall sehr gerne gehört. Super Tipp!
  37. Verrückt #3 / Nee, das war nicht mein Fall. Obwohl das Thema interessant war, hat mir die Art der Gesprächsführung und Produktion (z.B. das Intro) gar nicht gefallen. Muss es ja auch geben.
  38. Tech Won’t Save Us – Annalee Newitz / Schon das 2. Mal, dass mir Newitz empfohlen wird, aber obwohl Newitz gute Sachen sagt, fand ich das Interview nur mittelgut. Viel Stichwortgeben und gegenseitiges Bekräftigen, nicht mal vorsichtig ein paar Gegenargumente ins Feld führen.
  39. In trockenen Büchern – Monster / Alexandra Tobor kenne ich von “Anekdotisch Evident”. Die Idee, Sachbuchkritik als persönlichen Essay aufzuziehen, finde ich super. Ich höre trotzdem nicht so gerne zu, wie anderswo. Muss persönlicher Geschmack sein.
  40. Freiheit Deluxe mit Golineh Atai / Sehr aufschlussreiches und sympathisches Gespräch. Tolle Gesprächspartnerin. Wäre die Art Podcast, die ich sicher öfter hören würde, wenn sie sich nicht wie Hausaufgaben anfühlen würden. Hier wäre wieder die Programmzeitschrift praktisch.
  41. Hamburg hOERt ein HOOU – Christian Stöcker/ Schönes Gespräch mit dem Journalisten über sein neuestes Buch, darüber, warum exponentielles Wachstum für die Welt wichtig ist und Medienbildung. War aber keine typische Folge für den Podcast, dessen Mission mir nur vage klar geworden ist.
  42. Schläfst du schon? – Des Kaisers neue Kleiderkammer / Was für ein lustiges Konzept, bekiffte Unterhaltung ohne Kiffen aufzunehmen und sich absurde Theorien auszudenken. Nix für auf Dauer für mich, aber ich ziehe meinen Hut vor der Kreativität.
  43. Safe for Work #3 / So schön ich die Idee finde, vom eigenen Heimwerkerfortschritt zu berichten, so anstrengend und langweilig fand ich leider das Gespräch. Zu mäandernd für mich, nach 30 Minuten abgebrochen.
  44. Plötzlich Pirat:in #1 / Unglaublich, was hier an Einfallsreichtum und von vorne bis hinten an brillanter Umsetzung drinsteckt, Sound Design, Schauspiel usw. Ich persönlich finde es nur leider trotzdem einfach nicht interessant, anderen Leuten beim Rollenspielen zuzuhören, das habe ich auch schon an diversen anderen Stellen festgestellt. Mit Johannes Wolf würde ich trotzdem total gerne mal über seine Methode sprechen.
  45. Malikfm – Linus Neumann / Obwohl ich Logbuch Netzpolitik nicht höre, fand ich dieses lange Interview über die private Seite von Linus Neumann sehr interessant und hab es gerne gehört. Malik ist ein guter, entspannter Interviewer, der viel von seiner eigenen Neugier einbringt
  46. Clean Electric #138 / Super-Idee, sich für eine Einstiegsfolge einen echten Use Case als Gast zu laden, und sehr spannend, dann zu beobachten, wie schwer es Nerds manchmal fällt, ihre eigenen Fachgebiete auch zu erklären (denke ich ja auch nicht zum ersten Mal drüber nach). Ich hab auf jeden Fall viel gelernt!
  47. Tell me a History #46 / Mit Wissenschaftler*innen über ihre Spezialthemen (hier Geschichte aus dem Nahen Osten) zu sprechen, ist grundsätzlich klasse. Hier wurde mir aber zu viel Wissen und Vorinteresse vorausgesetzt. Nicht uninteressant, aber auch nicht fesselnd genug. (Hierauf habe ich mich auf Twitter in eine Diskussion mit meinem Freund Martin Fischer verwickeln lassen, der vielleicht auch ein Stückweit zurecht angemahnt hat, dass Vorinteresse ja wohl immer eine Voraussetzung ist und das Grundlagenwissen in früheren Folgen vermittelt wird. Ich finde dennoch – das habe ich in meinem “Gelerntes”-Post in Punkt 16 angerissen – dass man sich sehr wohl Gedanken machen darf, wo man seine Zuhörenden abholt. Ebenso wieviel Vorinteresse man voraussetzt und wieviel man durch seine Gestaltung wecken will. Als Hörer finde ich es dann auch legitim zu sagen, dass sich das Format wohl nicht an mich richtet und mich nicht genug fesselt.)
  48. Chaosköppe #5 / Mischung aus Selbsthilfegruppe und Aufklärung (nicht negativ gemeint). Ich kannte jetzt das in dieser Folge erklärte “Löffel”-Modell schon, aber der Refresher war hilfreich.
  49. Agnes trifft … Hoffnung / Ein schönes Sinn suchendes und Sinn stiftendes Gespräch. Auch wenn es nicht sehr in die Tiefe geht, höre ich solchen Gesprächen gerne zu.
  50. 1LIVE Der Raum – Tim Bendzko / Ein so einfaches wie gutes Konzept (Promis, ein Raum mit Mikrofon, eine halbe Stunde Zeit), dass man auch Tim Bendzko gerne mal eine halbe Stunde beim Nachdenk-Reden zuhört.
  51. Radio Freies Ertrus #29 / Es stellt sich heraus, ich kann auch anderthalb Stunden (in doppelter Geschwindigkeit) zwei Nerds beim Nerden über ein Thema (Perry Rhodan) zuhören, von dem ich keinerlei Ahnung habe. Es liegt einfach eine gewisse anthropologische Faszination darin.
  52. Weltendieb #3 / Die Art von Gespräch, der ich vor 15 Jahren vermutlich noch gerne zugehört hätte, die mir heute aber zu beliebig ist, wenn ich die Leute nicht kenne. Wenn ich nicht schnell erkennen kann, warum ich genau euch zuhören sollte, bin ich raus.
  53. Eskapodcast #197 / Tendenziell verkopfte Art, übers Rollenspielen zu reden, die mir als langjährigem aber nicht mehr wirklich aktivem Spieler aber sehr liegt. Moderationstonfall gewöhnungsbedürftig, aber nicht unsympathisch. Macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Den Eskapodcast habe ich nach dieser Probe abonniert und er erfreut mich weiterhin. Ich bin für Meta-Herangehensweisen zu Kulturthemen irgendwie immer zu haben.
  54. Warpcast #171 / Nee, sorry, noch mal 45 Minuten Perry-Rhodan-Besprechungen, und dann auch noch solo, schaffe ich nicht.
  55. Feminist Shelf Control #1 / War mir zu langatmig und zu chaotisch, insbesondere der Einstieg. Ich habe bei Podcasts nur selten Interesse daran, Teil einer Insider-Runde zu sein und passiv mitzulachen, das ist einfach persönlicher Hörgeschmack (vielleicht drösele ich dieses Thema irgendwann noch mal breiter auf, aber es ist wohl wirklich meine eigene Psychologie). In diesem Fall haben die beiden Sprecherinnen ja viel Ahnung von ihren Themen, setzen sie aber nur spärlich ein. Ich hätte gerne mehr über die Vergleiche und Ähnlichkeiten zur christlichen Rechten gehört, die zum Beispiel von Annika Brockschmidt anklangen.
  56. Serienoase – A Taxi Driver / Gut strukturiertes und mit sehr viel Hintergrundwissen angereichertes Filmgespräch – weil ich den Film nicht gesehen habe, hab ich die eigentliche Inhaltsdiskussion übersprungen und mich mit den Fakten zur Revolution in Gwangju begnügt.
  57. Stichwort Drehbuch – Der Überfall / Große Teile des Gesprächs und Intros fand ich aufgrund der Haltung einzelner Männer sehr unangenehm, aber Katja Wenzel hat tapfer dagegengehalten – dem Klang nach in einem Badezimmer in Stereo wie 1965.
  58. Hohe Tiere – Magawa / Informatives und unterhaltsames Format mit guten Tiergeschichten, das ich ganz sicher weiterempfehlen werde.
  59. Fux und Bär – Scout / Finde dieses knappe Rezensionsformat sehr sympathisch. Es bleibt aber schwierig, Spiele verständlich nur zum Hören zu erklären. Das verwirrt manchmal minimal.
  60. Diverse Kinderbücher – Gewalt / Mag das magazinige Format, das insgesamt einen guten Überblick gibt. Abgelesene Interviews leider eher nicht so, aber ich ahne warum. Sehr umfangreiche Shownotes.
  61. Memoranda #13 / Interview mit dem SF-Historiker Hans Frey, nicht unbedingt sehr lebendig, aber doch interessant, wenn man sich gerne historisch mit SF beschäftigt.
  62. Request for Comments #15 / Stell dir vor, der Kumpel mit Ahnung erklärt dir abends beim Bier, wie Verschlüsselung funktioniert, bis du es kapiert hast. Guter Service. Dass mir das ausgerechnet @dentaku empfahl, der das mal für mich mit Programmiersprachen machen musste. 👌
  63. Studio Komplex #1 / Ganz ehrlich, ich bin kein Fan dieser obercleveren Mixtur aus Flapsigkeit, Selbstgeilfinden, Provokation durch Thesen und x-facher Metaebene. Da hat man nichts mehr woran man sich festhalten kann und behält im Zweifelsfall nichts. Kann ja noch wachsen.
  64. Weibers #77 / Kannte die beiden Sprechenden nicht (einfach nicht meine Bubble), aber fand es eine angenehme Mischung aus Gossip und Verstand. Allerdings unangenehm lange Werbeunterbrechungen.
  65. Schicke Frise – Die Thaartortreinigerin / Super Idee, gutes Interview, gute Gästin, die viel Überraschendes zu erzählen hat, und übers Haareschneiden lernt man auch noch was. Finde es einfach echt klasse, Interviews so mal neu zu denken.
  66. Betreutes Fühlen #133 / Eigentlich ganz sympathische Darbringungsform des üblichen, immer wieder gern gekauften Psychotipp-Formats, aber Atze Schröder mag ich deswegen trotzdem nicht mehr.
  67. Freitagnacht Jews – Jew Noir! / Das war für mich die richtige Mischung aus Nachdenklichkeit und Quatsch – vor allem im direkten Vergleich zu “Studio Komplex”. Der entscheidende Punkt war die persönliche Perspektive von Daniel Donskoy und die Kunstfigur, die er für seine Provokation erschafft, während “Studio Komplex” für mich so daherkommt, als würde mich irgendein Journalist ankumpeln, was ich unangenehm fand.
  68. Apokalypse und Filterkaffee – Malcolm Ohanwe / Meh. Merkwürdige Mischung aus Nachrichten, semi-qualifizierten Kommentaren und Comedy. Hat mich nicht angesprochen, obwohl ich Malcolm super finde.
  69. Not another F**king Elf – Boromir / Joah. Die Idee, sich dem Text mal über die verschiedenen Interpretationen der Rolle zu nähern, finde ich gut, hält mich aber nicht auf Dauer interessiert. Der Ton ist dazu leider sehr unangenehm.

23 Dinge, die ich durch einen Monat unbekannte Podcasts gelernt habe

Kleiner Ausschnitt aus meinem Hörverlauf

Im April hatte ich für mich den #Podcapril ausgerufen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und einen Monat lang nur Podcasts hören, die ich noch nicht kenne. Welche Podcasts ich gehört habe, lässt sich am besten in meinem Twitter-Thread nachlesen, ein Blogpost wird dazu noch folgen.

1. Es war super

Alles in allem hat mir der Podcapril, trotz seines total doofen Namens, genau das gebracht, was ich mir erhofft habe. Ich habe sehr viele neue Podcasts gehört und damit auch viele neue Hörerfahrungen gemacht. Die wenigsten Sachen haben mir so gut gefallen, dass ich sie weiterhören wollte, aber erkenntnisreich war es allemal!

2. Ich habe es nicht durchgehalten

Ich habe unterschätzt, wie sehr Podcasts auch Comfort Food sind, die einen regelmäßig mit Vertrautem abholen. Nur neue Hörerfahrungen hingegen sind auf Dauer anstrengend. Deswegen habe ich mir ab und zu Pausen gegönnt und ein paar Folgen meiner Lieblings-Entspannungspodcasts nicht einfach weggewischt, sondern gehört. Der Unterschied war enorm.

3. Menschen sind gut im Podcast empfehlen

Ich hatte ja bereits eine kleine Liste von Podcasts begonnen, in die ich schon länger reinhören wollte, aber es war schon auch ein großes Glück, dass mir meine Follower auf Twitter, und die, an die der Ursprungstweet weitergereicht wurde, wirklich eine große und breite Auswahl an Formaten und Genres empfahlen. Dass die Liste am Ende ziemlich exakt so lang wurde, dass sie den Monat abdeckte, war ein glorreicher Bonus.

4. Naja, die meisten Menschen

Ich hatte ja explizit auch “erlaubt”, eigene Podcasts zu empfehlen, so lange irgendeine Qualifizierung stattfand. Das haben viele Podcaster*innen ganz toll gemacht und mir ihre persönlichen Lieblingsepisoden geschickt (sehr aufschlussreich!) oder Episoden, die gut für Einsteiger geeignet sind. Aber manche empfahlen mir doch einfach nur ganze Feeds oder, noch besser, ganze Netzwerke! Twitter halt.

5. Es fiel mir erstaunlich leicht, auf meine übliche Podcast-Diät zu verzichten

An den meisten Tagen empfand ich es geradezu als befreiend, wartende Folgen mit einem Wisch ins Nirwana zu schicken und nie wieder anzuschauen. Nur wenige Episoden warten noch darauf, nachgehört zu werden, hauptsächlich, weil sie irgendeine übergeordnete Relevanz für mich haben. Und natürlich musste Karina Longworth ausgerechnet im April ihre neue Staffel You Must Remember This starten.

6. Wer labert, braucht entweder Charme oder Sachverstand

Die meisten Podcasts, die ich regulär höre, sind eher journalistisch, insofern war es super, auch mal ein bisschen breiter in die beliebte Gattung der “Laberpodcasts” reinzuschnuppern. Dabei ist mir mal wieder eine Sache klargeworden: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Menschen nicht immer zielgerichtet oder mit Publikum im Hinterkopf sprechen, aber sie müssen mir einen Grund geben, ihnen zuzuhören. Für mich ist dabei relevant, dass sie entweder wirklich außergewöhnlich viel Ahnung von dem haben, wovon sie reden, oder so charmant sind, dass ich ihnen zuhören würde, egal worüber sie reden. Es gibt leider immer noch Podcasts, die beides nicht bieten können, und ich frage mich nach wie vor, für wen sie sind – abgesehen von Leuten, die die Sprechenden ohnehin kennen, und extradiegetischen Kontext beisteuern können.

7. Zwei Sprechende sind eine gute Menge Sprechende

Ich habe über 69 Podcasts immer wieder festgestellt, wie angenehm ich Gespräche zwischen zwei Menschen finde. Es ist ist wirklich kein Wunder, dass sich das gerade bei Promis als ein Standardformat herausgeschält hat. Bei einer normalen Podcastlänge kommt in einem Zwiegespräch jeder genug zu Wort, zwei Personen sind in der Regel leicht unterscheidbar, das Gespräch moderiert sich selbst und findet bei geübten Sprechenden meist auch natürliche Spannungsbögen und Dramaturgien. Bei mehr als zwei Personen ist das viel schwieriger und gelingt selten so gut (schrieb er als Teil eines Kulturkritik-Podcasts mit vier Panel-Teilnehmer*innen).

8. Low-Key Podcasthumor ist nichts für mich

Ich hatte vor Jahren schon mal in Gästeliste Geisterbahn reingehört, kenne natürlich Fest und Flauschig und war jetzt auch mal hörend bei Drinnies und evtl. sogar bei Apokalypse und Filterkaffee zu Gast. Ich kann total verstehen, warum dieses Genre – Menschen, die einen natürlichen Witz besitzen, erzählen sich lustige Geschichten aus ihrem Leben – beliebt ist. Es fordert von den Hörenden quasi überhaupt keine Eigenleistung. Es ist einfach nur gemeinsames Abhängen. Die Leute sind charmant (s.o.) und können Geschichten gut erzählen. Ich verwende meine Podcasthörzeit gerne anders und habe meinen Humor gerne fordernder (der Podcast Schamlos zum Beispiel baut in seine Plauderrunden unerwartet Improcomedy-Szenen ein – mag für manche wie ein Albtraum klingen, ich fand es genau die richtige Form von komödiantischer Übung).

9. Ich bin für jeden dankbar, der meinen Blick verändert

Ich denke öfter an die Formel zurück, die besagt, dass wer im Internet erfolgreich sein will, etwas entweder zuerst, am besten oder anders machen muss. Ich habe mich sehr über Podcasts gefreut, die vertraute Themen aus einem unerwarteten Blickwinkel neu aufgerollt haben. Die Macherinnen von Fashion the Gaze beispielsweise blicken auf Medienkultur sehr kundig mit dem expliziten Schwerpunkt Selbstinszenierung. Sport Inside schaut auf die Welt des Sports mit dem Blick von investigativem Journalismus. Not Another F**king Elf blickt auf Tolkiens Charaktere und vergleicht deren Interpretation in verschiedenen Adaptionen.

10. Ich bin für jeden dankbar, der das Format aufmischt

Ebenso habe ich mich jedes Mal gefreut, wenn ich das Gefühl hatte, dass jemand formell etwas Ungewöhnliches probiert. Mit Plötzlich Pirat:in habe ich endlich mal eins der berüchtigten Rollenspiel-Hörspiele aus der Schmiede von Johannes Wolf und Co (Puerto Patida) gehört, und obwohl ich das Format persönlich nicht so spannend finde, ziehe ich doch meinen Piratenhut vor der Idee und der Umsetzung. Der 1LIVE-Podcast Der Raum setzt Prominente einfach alleine in einen Raum und lässt sie 30 Minuten reden. Schicke Frise verlegt das Interview in den Friseurstuhl, aber nicht nur als Gimmick, sondern es werden tatsächlich währenddessen Haare geschnitten. Auch Studio Komplex, ein neuer Podcast des HR, hat mir zwar selbst nicht gefallen, ist aber als investigatives Format mit hoher Selbstreferentialität formell auf jeden Fall ein bemerkenswertes Experiment.

11. Interviewen ist ein Handwerk

In meinen Empfehlungen fanden sich auch diverse Interviewformate, und es war besonders im direkten Vergleich schon noch einmal deutlich zu hören, dass Interviews gut und schlecht sein können und das nicht nur an der interviewten Person liegt. Vorbereitete Fragen ablesen, die im Zweifelsfall nicht besonders interessant sind, machen leider noch kein Interview. Wer denkt “Ich muss ja einfach nur irgendwelche Leute was fragen, dann habe ich einen guten Podcast”, ist auf dem Holzweg.

12. Manche Vorurteile bestätigen sich

Natürlich hatte ich über einige Formate, die ich noch nicht gehört hatte, oder bestimmte Ecken der Podcastlandschaft, Vorurteile. Manche haben sich leider bestätigt. Andere dafür zum Glück nicht.

13. Wenn man viele Podcasts hört, hört man wie unterschiedlich Leute reden

Das klingt wie eine Binsenweisheit, war für mich aber ein interessanter Aspekt der Horizonterweiterung. Nicht mehr nur Leute zu hören, die einen gewissen professionellen Hintergrund haben oder aus den gleichen Subkulturen stammen wie ich, fand ich sehr wertvoll. Besonders aufgefallen ist mir, dass schon Menschen, die nur rund zehn Jahre jünger sind als ich (Jahrgang 83), zum Beispiel die Moderatorinnen von Rice and Shine oder Weibers, einfach einen ganz anders geprägten Duktus haben. Podcasts zu hören, die außerhalb der unmittelbaren eigenen Lebenswelt stattfinden, und von denen man vielleicht auch gar nicht die direkte Zielgruppe ist, sensibilisiert einen damit auch für’s restliche Leben – Empathie und so.

14. Podcast-Kuration ist etwas Tolles

Einer der empfohlenen Podcasts war eigentlich ein Podcast im Podcast, die Debütfolge von Stuff the British Stole, eingebettet in 99% Invisible. Zusätzlich zur Folge gab es aber auch ein Intro von 99PI-Moderator Roman Mars und ein anschließendes Interview mit dem Macher. Ich wünsche mir, dass noch mehr Podcasts diese Art der Cross-Promo nutzen, weil sie einfach für mich als Hörer so bequem für Neuentdeckungen, und durch die redaktionelle Einbettung mehr als reine Werbung ist.

15. Es gibt Themen, die mich einfach nicht genug interessieren

Auch das ist eine Erkenntnis. Podcasts erlauben es sehr gut, Nischen zu bedienen, aber auch ich als professioneller Podcasthörer kann nicht einfach so in jede Nische hineinschlüpfen. Bei manchen Themen, die alleine mit meinem persönlichen Geschmack zu tun haben, kann auch ein guter Podcast meine Aufmerksamkeit nicht halten, wenn er sich primär an Leute richtet, die ein Vorinteresse mitbringen.

16. Ansprache ist wichtig

Das folgt aus dem letzten Punkt, und es ist etwas, über das ich schon länger nachdenke. Ich glaube, es machen sich immer noch zu wenige Nicht-Profis (denn Profis müssen es tun) Gedanken darüber, wer eigentlich ihre Zielgruppe ist. Mache ich meinen Podcast für Leute, die das Thema sowieso interessiert? Oder möchte ich möglichst viele Menschen erreichen und ihnen beweisen, dass mein Thema interessant ist? Der zweite Ansatz sorgt wahrscheinlich dafür, dass ich mein eigenes Niveau senken muss, und darauf habe ich wahrscheinlich auf Dauer keine Lust oder halte es auch nicht durch. Aber: Es kann sich lohnen, immer mal wieder Einsteigerfolgen einzustreuen und an Leute zu denken, die später dazukommen und vielleicht noch ein bisschen ins Boot geholt werden müssen. Solche Folgen kann man dann zum Beispiel mir empfehlen, wenn ich Podcapril mache. Clean Electric hatte zum Beispiel so eine Folge parat, und das fand ich klasse.

17. Ich respektiere Podcasts, die nur entstehen, weil die Macher Bock drauf hatten

Das ist die andere Seite der Medaille. Nicht jeder Podcast braucht eine Zielgruppe, und ich finde es auch super, wenn Leute einfach ihr Ding machen, genau so, wie sie es machen wollten. Podcast, as if no one is listening.

18. Ich kenne quasi keine Podcastpromis

Seit Podcasts auch ein Vehikel für Promis und Influencer geworden sind, hat sich nach meinem Empfinden so eine Art Podcast-Personality-Bubble etabliert, mit der ich aber wenige Berührungspunkte habe, weil ich mich dem Medium aus einer anderen Richtung genähert habe. Einigen dieser Menschen, die dem Anschein nach sonst jeder kennt, Micky Beisenherz und Leila Lowfire, zum Beispiel, bin ich durch den Podcapril das erste Mal begegnet. Ich fand es einfach irgendwie witzig, wie man innerhalb des gleichen Medums so aneinandervorbeileben kann – man darf einfach nie vergessen, dass Podcasts nur ein Medium und kein Genre sind und es so viele Startpunkte wie Podcasts gibt.

19. Ich sollte mal auf ein Podcast-Treffen gehen

Ich höre ja wirklich schon lange Podcasts (seit 2007), bin aber überhaupt nicht in der deutschen Indiepodcast-Szene vernetzt – eben weil ich an einem anderen Startpunkt begonnen habe und im Internet eher aus der Blogosphäre als der Podcastosphäre stamme. Als mein Interesse an Podcasts so weit gereift war, dass ich mich gerne mehr vernetzt hätte, bekam ich in kurzer Abfolge erst ein Kind und dann eine Pandemie, so dass Veranstaltungen wie die Subscribe oder Podstock leider keine Option mehr waren. Das möchte ich in Zukunft ändern. Schon das Hören einiger Podcasts aus dieser Szene hat meinen Blick verändert – jetzt würde ich sehr gerne auch die Menschen dazu kennenlernen. (Podstock dieses Jahr passt leider zeitlich nicht.)

20. Ich hasse exklusive Podcasts

Ich hatte einige Podcasts auf der Liste, die ich eigentlich noch hören wollte, die aber exklusiv bei Spotify eingemauert sind. Als ich alle anderen Podcasts, die ich einfach in meinem Podcatcher in den Queue werfen konnte, geschafft hatte, war der Monat vorbei. Die zusätzliche Hürde, eine extra App zu öffnen (ich bin sonst auch kein Spotify-Nutzer), um dort bestimmte Podcasts zu hören, war für mich schon zu viel. Ich habe auch aufgehört, mindestens einen sehr guten Podcast zu hören (Heavyweight), weil er exklusiv zu Spotify gewandert ist. Podcasts sind ein Routinen-Lean-Back-Medium. Ich höre sie nicht, wenn ich sie nicht gut in diese Routinen einbauen kann. Gilt auch für die ARD-Audiothek.

21. Ich weiß, dass ich nichts weiß

Der Podcapril hat mir gezeigt, wie wenige Podcasts ich überhaupt kenne und wie viele es noch zu entdecken gibt. Das ist zwar manchmal etwas erschreckend, aber bedeutet eben auch, dass es immer noch das Potenzial gibt, etwas zu finden, dass einem wirklich gut gefällt. Podcasts wie Our Opinions Are Correct, Des Pudels Kern, Freitagnacht Jews und das schon erwähnte Fashion the Gaze habe ich meinen regulären Abos hinzugefügt. Bei anderen Podcasts wäre ich jederzeit bereit, einzelne Folgen zu hören, wenn sie mir gut empfohlen werden.

22. Ich werde es wieder tun

So anstrengend der Podcapril war, die ständige Auseinandersetzung mit dem Neuen und die teilweise langen Strecken mit Podcasts, die sich wie Hausaufgaben anfühlten, so bereichernd war er auch. Ich mache daraus also ziemlich sicher eine Tradition. Mal schauen, ob wieder nächstes Jahr im April, oder wann sich die nächste gute Zeit dafür findet.

23. Vielleicht brauche ich auch einen festen Platz für Neues

Alternativ oder ergänzend habe ich überlegt, ein Backlog an Podcasts anzulegen, in das ich reinhören möchte und mir einen festen Platz in der Woche oder im Monat zu reservieren (s.o., Routinen) in denen einer dieser Podcasts im Queue nach vorne springt und gehört wird. So könnte ich meinen Horizont regelmäßig und in kleinen Inkrementen erweitern, statt nur auf einen Schlag. Auf jeden Fall gilt: Wer immer das liest, darf mir immer und jederzeit Podcasts empfehlen, auch die eigenen (bitte Punkt 3 und 4 beachten)! Ich werde einen Zeitpunkt finden, um reinzuhören.

Podcastempfehlungen gerne als Kommentar unter diesem Post, auf Twitter oder per Mail an bonjour@realvirtuality.info.

Diesen April höre ich nur neue Podcasts – hilf mir oder mach mit! #Podcapril

Ah … ein Podcast, den ich noch nicht kenne. Foto: Katharina Matzkeit

In einer durchschnittlichen Woche höre ich etwa 25 bis 30 Podcasts.*

Ich bin mir nicht mal sicher, ob das auf den ersten Blick nach viel oder wenig aussieht, aber ich vermute, dass es etwa zwei bis zweieinhalb Stunden pro Tag sind, je nach Tagesablauf.

Mein Problem dabei: Die meisten dieser 25 bis 30 sind Podcasts, die ich schon lange und gerne höre. In meinem Leben, das neben Podcasts ja auch noch voll ist mit anderen Dingen wie Arbeit, Familie und Hobbys, ist wenig Zeit für regelmäßige Entdeckung neuer Podcasts. Ab und zu finde ich mal etwas, was mich so sehr fasziniert, dass ich einen Platz dafür finde. Immer wieder committe ich mich auch auf Podcasts-Seasons mit einer begrenzten Menge Folgen. Und manchmal darf ich Dinge hören und bezahlt darüber schreiben. Aber eine wirkliche Lücke für Neuentdeckungen besteht in meinem Zeitplan nicht.

Das ändere ich dieses Jahr. Im April werde ich all meine regulären Podcast-Abos ignorieren und stattdessen

  1. endlich mal in all die Podcasts reinhören, von denen ich schon so viel gehört habe (auf meiner Liste stehen bisher Rice and Shine, Narcoland, Fix und Vierzig, Fomo, 190220 – Ein Jahr nach Hanau, Lost in Neulich, Das perfekte Verbrechen, 9/12, Vollkommen unperfekt und Drinnies)
  2. weitere Podcasts hören, die mir andere Menschen empfehlen.

Ich hoffe, damit meinen Horizont mal systematisch zu erweitern und etwas von meiner doch sehr stark von einer bestimmten US-amerikanischen Radioschule geprägten Podcast-Kost loszukommen. Komfort-Hören ist bei Podcasts natürlich auch total wichtig, aber sollte für Möchtegern-Kritiker wie mich nicht der einzige Modus sein.

Wer möchte, kann mir bei der Horizonterweiterung helfen und mir Podcasts empfehlen, gerne auch den eigenen. Ich bitte dabei nur um Folgendes: Mein Ziel ist Breite, nicht Tiefe, bitte empfehlt mir auch bei lange laufenden Gesprächspodcasts nur einzelne Folgen und schreibt mir idealerweise noch dazu, warum die Folge sich lohnt. Auf Wunsch bedanke ich mich mit einer kurzen Rezensionsnotiz hier im Blog, auf Twitter und/oder bei Apple Podcasts. Wenn ich tweete, dann unter dem auf maximale Blödheit optimierten Hashtag #Podcapril.

Haben vielleicht andere Podcasthörer*innen Lust, sich mir anzuschließen? Dann sagt mir doch Bescheid und/oder benutzt den gleichen Hashtag.

Ihr erreicht mich auf Twitter unter @alexmatzkeit oder per Mail an bonjour@realvirtuality.info.

Einen fröhlichen #Podcapril allerseits!

`* Montag: This American Life, The Commander Sphere, The Command Zone, The Upkeep; Dienstag: The Best Advice Show, WTFM 100,0, Switched on Pop, Das Coronavirus-Update, All Songs Considered; Mittwoch: Slate’s Culture Gabfest, Planet Money; Donnerstag: Good One, Limited Resources; Freitag: New Music Friday, Drive to Work, Die Wochendämmerung, Über Podcast, Holger ruft an; Sonntag: Working, Ein Filmarchiv, dazu Podcasts die monatlich oder unregelmäßig erscheinen oder von denen ich nur manche Folgen höre wie Tasty MTG, The 11th, Hit Parade, Decoder Ring, Death, Sex and Money, Alles ist Film, Sexy und Bodenständig. Song Exploder, Das Tropenhaus, Casual Magic, CUTS, The Q&A with Jeff Goldsmith, MKL, HowSound, King Kong Klima, Alles gesagt?, Alexander’s Ragtime Band, Slow Burn, You Must Remember This, VFX Notes und Mediasres.

Journalistische Arbeit als Podcast-Plotpunkt

Symbolbild: Mit diesem Mikrofon wird sicher niemand etwas aufnehmen, denn es ist nicht eingesteckt. (Chris Engelsma, CC-BY 3.0)

Der neueste Podcast aus dem Hause Serial/New York Times heißt The Trojan Horse Affair. Darin spüren zwei Journalisten einem Brief nach, der Anfang der 2010er Jahre erst in Birmingham und anschließend in ganz Großbritannien für Debatten und später sogar politische Maßnahmen sorgte, weil er angebliche Pläne aufzeigte, Schulen in der Stadt gezielt zu islamisieren. In The Trojan Horse Affair geht es darum, wer diesen Brief geschrieben hat, und warum.

Doch es geht noch um mehr. Der Podcast hat einen richtiggehenden B-Plot, der nicht nach außen, sondern nach innen gekehrt ist. The Trojan Horse Affair ist auch eine Art Buddy Movie über zwei Journalisten – der eine älter, weiß, erfahren (Brian Reed, S-Town), der andere, Hamza Syed, jünger, frisch auf der Journalistenschule und brown. (Hier reden die beiden darüber.) Gemeinsam loten sie aus, was Journalismus leisten sollte und darf, wann das Ergebnis einer Recherche befriedigend ist und wann nicht. Die Gespräche darüber machen einen erheblichen Teil des Podcasts aus. Sie lassen gleichzeitig die Arbeit transparent werden und sie sorgen für einen zweiten, inneren Konflikt zusätzlich zum äußeren, wie aus dem Drehbuch-Lehrbuch. (Wie Willa Paskin im Slate Culture Gabfest festgestellt hat, endet er wie viele Podcasts dieser Art außerdem auf einer Art konstruktivistischer “Was ist eigentlich Wahrheit?”-Note, aber das nur am Rande.)

The Trojan Horse Affair ist nicht der erste Serial-Podcast, der seine eigene Arbeit zum Thema macht. Schon im ursprünglichen Serial ging es genauso um die Arbeit von Sarah Koenig und ihrer Producerin Julie Snyder wie um den Mord, in dem die beiden herumwühlten. Und schon damals machte diese Transparenz einen Teil des Appeals aus. Das Problem bei Trojan Horse: Es werden gerade Vorwürfe laut, dass die Journalisten eben nicht transparent genug gewesen seien. Die Darstellung ihrer Recherche stütze einseitig ihre Thesen, lasse manche Interviewpartner zu leicht davonkommen und gehe mit anderen zu hart ins Gericht. Dieser Artikel in “Vulture” fasst die ganze Debatte ganz gut zusammen, gibt den Autoren Raum für Reaktion und vermutet vor allem einen konservativen Backlash, aber eine kritische Frage finde ich berechtigt: Hätte es diese Debatte überhaupt gegeben, wenn Syed und Reed ihre eigene Arbeit nicht so plotdienlich thematisiert (und dadurch auch erzählerisch sortiert) hätten?

Ich finde es grundsätzlich gut, wenn Podcasts auch von ihrer Recherche erzählen, denn ich bin Medienjournalist und Journalismus-Nerd und manchmal interessiert mich fast mehr, wie ein Medium entsteht als was es enthält. Die Art, wie diese Entstehung erzählt wird, macht aber viel aus. In 11 Leben berichtet Max-Jacob Ost, dass er erst nach dem Treffen mit einem Dramaturgen auf die Idee kam, seine eigene Arbeit am Podcast und die Frage “Gelingt es mir, ein Interview mit Uli Hoeneß zu ergattern?” zum B-Plot des Projekts zu machen, der aber durchaus zur Unterhaltung und zum Spannungsbogen beiträgt. Er sorgt für Ereignis-Highlights wie einem zufälligen Treffen an der Kühltheke im Supermarkt und er lässt das Ende deutlich befriedigender erscheinen. Aber es ist schwer zu sagen, ob diese eigene Reise vollständig oder nur plotdientlich erzählt wurde.

Andere, insbesondere investigative Podcasts, erzählen ebenfalls von ihrer Arbeit, schaffen es aber nicht immer, diese als Teil des Spannungsbogens zu verkaufen, sondern sie einfach nur wie ein bisschen Flexing um die Recherche aufregender erscheinen zu lassen. In meiner Kritik zum Podcast Just Love für epd medien habe ich das so beschrieben:

Wir haben das aufgedeckt, heißt es, und dafür haben wir einen enormen Aufwand betrieben. Es folgt (…) eine Aufzählung dieses Aufwandes – Recherchen, Interviews, Akteneinsichten – als müsse man ganz zu Anfang nicht nur die Zuhörenden von der Qualität der Ergebnisse überzeugen (über die dieser Aufwand natürlich wenig aussagt (…)), sondern auch den Verantwortlichen im Verlag oder Sender erklären, wo ihr Geld geblieben ist.

Trommeln gehört zum Handwerk und Konventionen zum Genre, aber es wäre schon manchmal angenehm, wenn Reportagen ohne dieses Gebelle auskommen würden. Das gilt vor allem, wenn sie wie „Just Love“ (…) gar nicht so schrecklich viel Neues aufdecken. Was nicht schlimm ist. Enthüllung muss nicht immer das Ziel einer guten Podcast-Reportage sein. Es kann ein großer oder sogar größerer Wert sein, existierende oder bekannte Fäden zusammenzuführen und zu einem Gesamtnarrativ zu verdichten. „Just Love“ gelingt das am Ende sogar, aber bis die Hörenden sich dahin vorgekämpft haben, müssen sie sehr viel performative Recherchearbeit über sich ergehen lassen.

Diese Art von “performativer Recherchearbeit” finde ich die Kehrseite der inzwischen anscheinend etablierten Weisheit, das man den Journalismus auch zum Thema machen sollte. Als Hörende erfahren wir dabei wenig bis nichts über die Menschen, die den Podcast machen, über ihre Motivationen oder über die Sackgassen, die ihre Recherche genommen hat. Es bleibt nur die, wie es Carina und Sandro Schroeder in ihrem neuen Podcast Ohrensessel ausdrücken, “Breitbeinigkeit”. Die Schroeders nennen als weiteres Positivbeispiel den Podcast Narcoland der “Aachener Zeitung”, in dem der Journalist sich ebenfalls zur Hauptfigur macht, den ich aber noch nicht gehört habe.

Bei der FYEO-SZ-Koproduktion Going to Ibiza – Österreich und die Korruption war ich im Herbst 2020 auch ganz angetan von der Aufbereitung der eigenen Recherche. Von den zwei Hosts qualifiziert sich die eine, Leila Al-Serori, dadurch, dass sie selbst Teil des Rechercheteams war, und der andere, Vinzent-Vitus Leitgeb, dadurch, dass er wie Al-Serori österreichische Staatsbürgerschaft hat. Wie wichtig diese Beziehung der Hosts zum Thema sein kann beschreiben die Schroeders in Ohrensessel wenn sie über die neuere SZ-Produktion Suisse Secrets sprechen – dort hostet ebenfalls Leitgeb, er hat aber mit der Recherche nichts mehr zu tun und wird zum unbeteiligten Erzähler.

Etwas unentschieden war ich in meiner Betrachtung von Sneakerjagd, dem Podcast zu einer Recherche des Startups Flip. Hier hat die Recherchemethode, GPS-Sender in gebrauchten Turnschuhen, um nachzuvollziehen, ob diese recycelt werden, fast schon Gimmick-Charakter. Sie visualisiert Erkenntnisse, die Branchen-Insidern vermutlich zu großen Teilen bekannt waren, erlaubt den Journalist*innen aber, daran eine Verfolgungsjagd-Erzählung aufzuhängen.

Wie gut ihnen diese Erzählung gelingt, ist dann aber trotzdem noch einmal eine andere Frage. Sneakerjagd wurde für mich deutlich besser, als er zum Schluss in einen relativ klassischen Feature-Modus zurückkehrte und nicht mehr seinen Autoren um die Welt folgt. Eventuell muss man sich halt doch entscheiden: Was brauchen die Hörenden in diesem Moment? Will ich Informationen vermitteln oder will ich etwas erzählen? Und wenn Letzteres der Fall ist, habe ich überhaupt etwas Interessantes zu erzählen?

Preis und Wert – für welche digitalen Abos zahle ich und warum?

Pieter Breughel der Jüngere – Die Zahlung des Zehnten (Ausschnitt) – Quelle: Wikimedia Commons

Abo-Modelle gelten für Inhalte-Erschaffer*innen im Internet oft als große Hoffnung. Wenn es gelingt, in der persönlichen Nische einen Kundenstamm aufzubauen, der groß genug ist, dass sich zumindest (im ersten Schritt) ein bestimmtes Produkt refinanziert oder (im zweiten Schritt) der Grund-Lebensunterhalt bestreiten lässt, entsteht gemeinsam mit anderen Einkünften durch Werbung, Anschlussaufträge o.ä. Sicherheit und Ruhe für ambitioniertere Projekte, größere Gedanken und bessere Arbeit. So lautet stark vereinfacht die Maxime.

Ich finde dieses Modell gut und unterstütze es gerne, allerdings auch nicht immer und überall, deswegen habe ich mich entschieden, mein eigenes – vermutlich höchst erratisches – Online-Abo-Verhalten mal unter die Lupe zu nehmen. Ich hoffe dadurch auf Reaktionen – handeln andere Menschen ähnlich? Anders? Warum?

Bevor ich auf die Realität gucke, sind hier meine theoretischen Gedanken: Bevor ich mich entscheide, ein Crowdfunding-Abo abzuschließen, überlege ich meistens:

1. Signifikanz Wie wichtig sind mir diese Inhalte in meinem Leben? Wäre ich unglücklich, wenn die Schöpfer*innen dahinter sie nicht mehr produzieren könnten, oder ist es nur ein “nice to have”?

2. Nutzen Was habe ich davon? Bietet mir eine Abo-Unterstützung einen spürbaren Vorteil, zum Beispiel gegenüber den oft ebenfalls existierenden kostenlosen Angeboten? Damit meine ich nicht unbedingt ein mehr an Inhalt – die Vorteile können ganz unterschiedlicher Natur sein.

3. Wohltätigkeit Möchte ich die Schöpfer*innen unabhängig vom persönlichen Wert für mich unterstützen? Habe ich das Gefühl, dass meine Unterstützung einen Unterschied macht? Dieser Punkt ist nicht unerheblich, er ist aber – bei aller Liebe – nicht der wichtigste für mich, und er kann sich auch im Laufe der Zeit ändern.

Also, wofür zahle ich, wieviel und warum?

Patreon

Judith Holofernes (Künstlerin) / $5 im Monat / exklusiver Zugang zu Kapiteln der Post-Wir-sind-Helden-Autobiografie, an der Judith gerade arbeitet, exklusiver Zugang zu Fragen-Podcasts, frühzeitiger Zugang zu Interview-Podcasts, Möglichkeit direkt mit einer Künstlerin zu interagieren, die ich sehr schätze

65daysofstatic (Band) / $6 im Monat / exklusiver Zugang zu Blogposts und Musikreleases, Unterstützung einer Lieblingsband, die derzeit nicht auf Tour gehen kann

The Command Zone (Magic Podcast) / $1 im Monat / früherer, werbefreier Zugang zu Videos, Unterstützung von hochwertigen Inhalten

Limited Resources (Magic Podcast) / $1 im Monat / Unterstützung der Moderatoren, Möglichkeit, Fragen zu stellen und On Air beantwortet zu bekommen

Rhystic Studies (Magic YouTube Channel) / $1 im Monat / Unterstützung des Schöpfers, Nachbesprechung der Videos per Podcast

Steady

Wochendämmerung (Podcast) / €1 im Monat / Unterstützung der Schöpferin und ihres Podcast-Labels

Filmlöwin (Website) / €2,50 im Monat / Unterstützung der Schöpferin, die ich persönlich kenne, und der Sache (feministische Filmkritik)

Cuts – der kritische Filmpodcast / €1 im Monat / Unterstützung des Formats

Übermedien (Website) / €5 im Monat / Zugang zu Artikeln und Abonnenten-Newsletter, wichtige berufliche Ressource

Außerdem

Slate Plus (Website und Podcasts) / $35 im Jahr (einmalig, auf dem Prüfstand) / Zusätzliche Segmente in und früherer Zugang zu Podcasts, gut kuratierter Newsletter

Letterboxd Pro (App/Datenbank) / $12 im Jahr / Möglichkeit, mein externes Archiv zu importieren, Unterstützung der Plattform

Bilanz

Wenn man alles zusammenrechnet komme ich somit auf rund 25 Euro, die ich jeden Monat für Online-Abos ausgebe, also etwa 300 Euro im Jahr. Damit ist auch meine Grenze dafür erreicht, was ich grundsätzlich auszugeben bereit bin. Zusätzliche Kosten müsste ich mit einem hohen (zum Beispiel beruflichen) Nutzen für mich persönlich rechtfertigen.

Ich würde gerne mehr Formate auch nur deswegen unterstützen, weil ich sie gut finde oder sie mich bereichern. Die Zusatzangebote, die dann häufig mit einem Abo verbunden sind, seien es weitere Inhalte oder das Versprechen einer Online-Community, etwa auf einem Discord-Server, kann ich in der Regel überhaupt nicht nutzen. Mir würde es meist völlig reichen, das sieht man auch an der Übersicht oben, guten Zugang zu haben – zu den Inhalten und manchmal zu den Schöpfer*innen, zum Beispiel durch Interaktion in Kommentaren.

Wieviel bekomme ich für 5 Dollar im Monat?

Deswegen ärgert es mich allerdings, dass bei vielen Newslettern oder Podcasts die niedrigste Unterstützungsstufe häufig bei 4,50 Euro/5 Dollar angesetzt ist. Bei dem Preis kann ich einfach nicht so viele Schöpfer*innen unterstützen, wie ich gerne würde. Newsletter wie Anne Helen Petersens Culture Study oder Berit Glanz’ Phoneurie finde ich eigentlich bereichernd genug, dass ich gerne einen Beitrag leisten würde, ähnlich der Podcast The Commander Sphere, aber wenn ich für jedes Angebot 5 Dollar im Monat zahle, müsste ich dafür wieder einem anderen Creator die Finanzierung entziehen. (Im Fall von Berit habe ich daher einen kleinen Betrag per Paypal am Ende des Jahres überwiesen.)

Ich würde mir wünschen, dass es noch öfter die Möglichkeit gibt, kleine Beiträge zu leisten, für die es eigentlich keine Perks geben muss außer dem erwähnten Zugang. Schöpfungen wie die drei Magic-Podcasts würde ich nicht unterstützen, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, nur 1 Dollar im Monat zu zahlen. Gäbe es diese Option öfter, könnte ich mein Abo-Budget breiter streuen, mehr Schöpfer*innen unterstützen. Aus diesem Grund habe ich auch ein Abo bereits wieder beendet. Den vor einem Jahr gestarteten Newsletter Zwischenzeit_en von Teresa Bücker fand ich manchmal sehr gut, aber insgesamt eher durchwachsen. Bei einem geringeren monatlichen Betrag hätte ich ihn vielleicht weiter bezahlt.

An meiner Aufstellung sieht man: Mehr Geld zahle ich vor allem für Dinge, die ich nur auf diese Art bekomme und die für mich einen nachhaltigen Wert haben, etwa Musik oder die Teilhabe an einem kreativen Prozess. Gerade bei Schöpfungen, die auch kostenlos angeboten werden, möchte ich mit einem Abo weniger die Arbeit der Schöpfer*innen oder den Nutzen für mich direkt entlohnen (dafür wäre der Betrag in der Tat zu niedrig und den Nutzen bekomme ich ja ohnehin), als meine Wertschätzung zeigen. Ich weiß nicht, ob andere Menschen ähnlich handeln würden wie ich. Aber wenn die Gründe für die Zahlungsbereitschaft verwechselt werden, kommt es zu einem Unterschied in Wahrnehmung zwischen Preis und Wert. Das ist zumindest mein Eindruck.

Don’t unplug, rewire

Bru-nO / Pixabay

Unplugged-Musik hat eine feste Ästhetik bekommen. Was vor 30 Jahren, als MTV Unplugged startete, noch eine neue Idee war – Rockbands spielen ihre Songs “ohne Strom”, eigentlich also ohne Verzerrer, elektrische Tonabnehmer und Keyboardchips, ist inzwischen ein Satz an Konventionen, einem der voreingestellten Instagram-Filter vergleichbar. Elektrische Gitarren und Bässe werden durch akustische ersetzt, Keyboards durch Klaviere, dazu kommen je nach Budget ein paar Streicher. Der Schlagzeuger spielt statt mit Stöcken mit Power Rods, damit alles etwas sanfter klingt. Auf Streamingdiensten gibt es Künstler, die vermutlich gar nicht schlecht damit nebenbei verdienen, bekannte Rock- und Popsongs genau in dieser Ästhetik zu covern. Cottagecore für den Rock’n’Roll.

Ich höre immer wieder gerne ein etwas vergessenes Album, was dieses Prinzip etwas auf den Kopf stellt. Nick D’Virgilio, damals Kopf der Progtruppe Spock’s Beard und Sessiondrummer in diversen Projekten, und der Produzent Mark Hornsby kamen Ende der 2000er auf die Idee, das gesamte Magnum Opus The Lamb Lies Down on Broadway von Genesis zu covern, ein verschlungenes Doppelkonzeptalbum mit traumwandlerischer Story von 1975. Aber statt auf die bekannte Ästhetik zu setzen, klingt Rewiring Genesis, wie das Album am Ende heißen sollte, ziemlich einzigartig.

Längst nicht alle Stecker sind gezogen, es gibt durchaus elektrische Gitarren zu hören, und das Schlagzeug spielt mit ganzer Power, aber die für die Genesis-Besetzung der Ära typische Mischung aus 12-saitigen Gitarre´n mit vielen Effekten sowie analogen Synthesizern, E-Orgeln und experimentellen Tasteninstrumenten wie dem Mellotron, ist völlig aufgelöst. An ihre Stelle treten Streicher, Bläser, Melodikas, Akkordeons, A-Capella-Chöre und eine kleine Prise Jazz. Das Ergebnis hat die volle Wucht des Originals, es ist keine sanfte Akustikversion, die man leicht nebenbei hören kann, aber es klingt gleichzeitig ganz anders. Ein kleiner Vergleich:

Diese Art von Arrangements scheint Drummern zu liegen. Gavin Harrison, der Schlagzeuger von Porcupine Tree, hat vor ein paar Jahren auf seinem Soloalbum etwas ähnliches gemacht. Die von Gitarrenwänden und Keyboardflächen geprägten Songs der Band erschallen im hier vollends jazzigen Gewand auf ähnliche Weise genauso kräftig, aber eben anders.

Ich wollte eigentlich nur in der Erinnerungskiste wühlen und ein Album empfehlen , das zu meinen meistgehörten zählt (und das es leider nirgendwo digital zu kaufen oder zu streamen gibt).

Aber steckt darin vielleicht auch eine Lebensweisheit? Wenn es um digitalen Medienkonsum geht, ist ja auch oft die Rede davon, mal den Stecker zu ziehen und Digital Detox zu machen. Und tatsächlich tauchen dabei vor meinem geistigen Auge ähnlich geronnene Bilder auf, wie bei Unplugged-Musik – ein Bauernhaus auf dem Land, im Wind wehende Leinenstoffe, eine perfekt für den Katalog inszenierte Gemütlichkeit and not a cell phone in sight. Eventuell (auf jeden Fall für mich) ist auch in diesem Fall ein Rewiring die interessantere Lösung. Statt Handy und Laptop im Garten zu vergraben (wenn man denn einen hat), vielleicht einfach mal schauen, was man damit statt Doomscrolling machen könnte. Mal wieder Blogs lesen, statt Twitter. Mal wieder einen längeren Gedanken festhalten, statt eine Insta-Story zu posten. Die Aufmerksamkeit neu auswildern. Die Wucht behalten. Die Instrumentierung ändern.

The Morning Show und Real World Suspense – Is it a thing?

Wir haben am Wochenende die zweite Staffel von The Morning Show auf Apple TV+ beendet. Obwohl es tragisch ist, dass diese Serie, die ich in der ersten Staffel mal sehr unterhaltsam fand (und in der immer noch viele sehr charismatische Schauspieler*innen mitspielen), in der zweiten leider ziemlich random und langweilig geworden ist (Linda Holmes kann besser erklären, warum), hat sie doch einige Gedanken in mir angestoßen.

Denn eine Entscheidung, die ich sehr clever von den Drehbuchautor*innen fand, war, die Staffel in den Wochen vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie anzusiedeln. Sie spielen immer wieder sehr geschickt damit, wie fast alle Menschen den Ausbruch in China vor anderthalb Jahren erstmal nicht besonders ernst genommen haben (ich höre ab und zu meinen Podcast vom 11. März 2020 nochmal) und baden geradezu darin, große Menschenmengen und Händeschüttel-Orgien zu zeigen, während wir – das Publikum mitten in der Pandemie – dabei vermutlich jedes Mal zusammenzucken. Die Staffel kulminiert darin, dass einer der Hauptcharaktere selbst COVID bekommt, aber bis dahin spielt die Serie geschickt damit, dass wir uns ständig fragen, wie die anlaufende Pandemie wohl die Handlung beeinflussen wird?

Dazu frage ich mich einmal, ob das die erste Serie ist, die den Corona-Ausbruch auf diese Art thematisiert. (Ich habe mitbekommen, dass Grey’s Anatomy sich auch mächtig ins Zeug gelegt hat, aber dort ist man ja an vorderster Front. Auf die entsprechende Staffel von The Good Fight warte ich sehnsüchtig.) Denn wie wir zum Beispiel noch in Kulturindustrie festgestellt haben, fühlte sich etwa die dritte Staffel von Master of None ja sehr nach “in der Pandemie gedreht” an, thematisierte sie aber gar nicht.

Zweitens frage ich mich, ob diese Art von “Suspense durch Ereignisse aus der echten Welt” ein regulärer Brunnen ist, aus dem TV-Autor*innen schöpfen können und/oder sollten. Bei historischen Filmen ist es ja eigentlich gang und gäbe, dass ein großer Teil der Spannung daraus besteht, dass wir als Publikum wissen, was passieren wird, und uns eigentlich pausenlos fragen, was deswegen den Figuren zustoßen kann. Ist ja auch eine beliebte Quelle für dramatische Ironie, egal ob auf der Titanic (“Gott selbst könnte dieses Schiff nicht versenken”) oder am Vorabend der Machtübernahme durch die Nazis. Aber mit einem so jungen historischen Ereignis fühlte es sich irgendwie anders an – vielleicht auch, weil wir noch nicht auf der anderen Seite sind (“I am tired of being a part of a major historical event“). Und wie so oft endet mein Gedankengang dort – ich finde es weder besonders gut oder schlecht, nur irgendwie bemerkenswert.

Aktivitäten der letzten Monate

Leider fehlt mir die Zeit, hier im Blog regelmäßig zu dokumentieren, wo ich überall publizistisch aktiv bin. Daher hier eine kleine Übersicht:

epd medien

Für den Fachdienst epd medien schreibe ich regelmäßig Medienkritiken und gelegentlich Glossen. Da es sich um einen Fachdienst handelt, sind die Beiträge leider nicht frei im Netz verfügbar.

Dies sind einige Produktionen, die ich in den vergangenen Monaten besprochen habe:

Tomorrow Now, Webserie, SWR, in Ausgabe 39/21
Virtuelle Propaganda, Radiofeature von Peter Kreysler, WDR, in Ausgabe 35/21
Hahnenkampf in Quitzow, Hörspiel von Hermann Bohlen, RBB, in Ausgabe 32/21
r_crusoe, Hörspiel von Wittmann/Zeitblom, Deutschlandfunk/SWR, in 25/21
“Immersive Erfahrung: Fernsehen ohne Bild”, Tagebuch zu Calls, Apple TV+, in 21/21

epd film

Für die Filmzeitschrift epd film schreibe ich unregelmäßiger Artikel, häufig zu neuen technischen und ökonomischen Entwicklungen der Filmbranche.

“Die Lebenszeit-Fresser”, Kolumne zum Start von The Wheel of Time, Heft 10/21
Raumhafte Illusionen: Wegweisende Trends in der Filmtechnik“, Heft 7/20

Ein weiterer Artikel wird in Heft 12/21 erscheinen.

piqd

Für den Inhalte-Kurationsdienst piqd wähle ich regelmäßig Artikel und Podcasts zu Medien- und Popkulturthemen aus und beschreibe mit einem kurzen Text, warum sie die Zeit der Lesenden wert sein könnten.

piqd Autorenprofil mit allen Beiträgen

Kulturindustrie

Der Podcast Kulturindustrie bespricht einmal monatlich drei kulturelle Themen, beispielsweise Filme, Serien, Bücher, Comics oder Games. Ich bin einer von vier Moderator:innen.

Episode 32 – Dune, Das Dämmern der Welt, Schumacher
Episode 31 – Fabian, Der falsche Gruß, Martin Eden
Episode 30 – In The Heights, Mein Leben unter Ludwig II., Bad Luck Banging or Loony Porn

Wie Magic: The Gathering den Transmedia-Code knackte

Diesen Talk durfte ich auf der re:publica 2019 halten, die das Motto “tl; dr” hatte. Dies sind meine Vortragsnotizen. Das gesprochene Wort im Video weicht leicht davon ab. Meine Präsentation ist ebenfalls online. Auf der Seite der re:publica kann man den Programmtext lesen.

Ich möchte mit einer Frage beginnen. Kennt jemand diesen freundlichen jungen Mann? Das ist der Italiener Andrea Mengucci.

Andrea spielt professionell das Kartenspiel “Magic: The Gathering”, hat im März das erste große “Mythic Invitational”-Turnier gewonnen und ein Preisgeld von 250,000 Dollar eingesackt – zusätzlich zu den 75,000 Dollar Jahresgehalt, die er als Spieler der “Magic Pro League” erhält.

Und wie sieht’s mit dieser sympathischen Figur aus?

Das bin ich, im Jahr 1997. Und damals war ich wahrscheinlich ähnlich besessen von Magic wie Andrea heute.

Dieses Spiel – Magic: The Gathering – ist wirklich schon so alt, dass es Andrea und mich verbindet.

Es wurde 1993 von dem Mathematiker Richard Garfield erfunden, der diese Idee hatte, dass ein Spiel “bigger than the box” sein könnte. Magic ist eben nicht nur ein Kartenspiel, es ist ein Sammelkartenspiel.

Man kauft die Karten in zufällig sortierten Packungen und konstruiert sich aus den Karten, die man erhält, sein eigenes Kartenspiel, mit dem man gegen andere antritt, die das gleiche getan haben.

Ein Vorteil dieses Systems ist, dass man das Spiel stetig erweitern kann. In den jetzt 26 Jahren, die es besteht, sind für Magic 81 reguläre Erweiterungen erschienen, plus dutzende weitere Sets und Editionen, im Moment erscheinen rund vier reguläre neue Erweiterungen pro Jahr, die jüngste, “War of the Spark”, an diesem Wochenende.

Es gibt über 20.000 unterschiedliche Karten inzwischen

Inzwischen ist Magic auch ein recht beliebter E-Sport. Andrea Mengucci und seine Kollegen spielen einen großen Teil seiner Spiele auf der Plattform “Magic Arena”. Das Spiel hat viele Fans weltweit, 2015 waren es wohl etwa 20 Millionen, aber ein Mainstream-Phänomen ist es trotzdem nicht – es bleibt ein nischiges Nerdhobby.

Ich habe Magic nach dem Abi 2001 für lange Zeit ziemlich aus den Augen verloren, aber vor zwei Jahren habe ich ein neues Hobby gesucht – und obwohl ich erst zaghaft wieder angefangen habe, hat das Spiel sehr schnell einen Sog entwickelt und jetzt ist es schon wieder kein Hobby mehr, denn ich stehe ja hier und halte einen Vortrag darüber.

Was mich nämlich als Medienwissenschaftler und Kommunikationsmensch überrascht hat, als ich wieder angefangen habe, und mich eingelesen hatte ist, wie gut Magic in Transmedia Storytelling geworden ist.

Der Begriff ist relativ selbsterklärend, aber hier noch mal die Definition von seinem größten Propheten Henry Jenkins:

“Transmedia storytelling bezeichnet einen Prozess, in dem integrale Elemente einer Fiktion systematisch über mehrere Ausspielkanäle verteilt werden, mit dem Ziel, ein einheitliches und abgestimmtes Unterhaltungserlebnis zu erschaffen. Idealerweise trägt dabei jedes Medium etwas Einzigartiges zur Entfaltung der Geschichte bei.”

Henry Jenkins

Das ist sozusagen eine Idealdefinition, relativ eng gefasst. Jenkins hat sie selbst mehrfach aufgebrochen und sieht sie keinesfalls als dogmatisch.

Prominenteste Beispiele für Transmedia Storytelling finden sich heute vermutlich in den großen Fantastik-Franchises wie dem Marvel Cinematic Universe, das über Kinofilme, Fernsehserien und Comics hinweg erzählt wird oder Star Wars – dort gibt es Kinofilme, Comics, Romane und Videospiele.

Transmedia Storytelling galt mal eine Weile so als der Heilige Gral modernen Geschichtenerzählens, weil es wirklich cool ist, wenn es funktioniert, aber in seiner puren Form auch wirklich schwierig gut zu machen ist.

Ich will also, dass über mehrere Medien hinweg eine Geschichte erzählt wird. Das heißt auch: Ich will diejenigen belohnen, die sich die Mühe machen, alle Teile dieser Geschichte über die verschiedenen Medien hinweg zu verfolgen. Die sollen einen Mehrwert davon haben, ein umfassenderes Bild, vielleicht einen Blick auf die Dinge, der anderen fehlt.

Aber ich will auch diejenigen mitnehmen, die sagen TL; DR – ich habe keine Lust, eine Geschichte über mehrere verschiedene Formate hinweg zu verfolgen und zum Beispiel das Ende nur zu erfahren, wenn ich nach meinem Kinobesuch noch ein Buch lese. Die sind nämlich das Gros, und die bringen im Zweifelsfall auch das Geld.

Am besten sollte es auch noch egal sein, wo ich anfange. Also es sollte keine festgelegte Reihenfolge geben, in der ich die Medien konsumieren MUSS und wenn ich als weniger investierter Konsument anfange, sollte ich die Möglichkeit haben später nachzurüsten sozusagen. Jenkins spricht von “rabbit holes”, von Kaninchenlöchern, die überall verteilt sind und wo man halt gucken kann, wie tief man hineinkriecht.

Und trotz all dieser Einschränkungen, sollte eben trotzdem ein einheitliches Bild entstehen, keine Widersprüche usw. – nicht zu viel Wildwuchs.

Wie schwierig das ist, kann ich mal kurz an den beiden Beispielen zeigen, die ich eben genannt habe. Im Marvel Cinematic Universe war die Serie Agents of S.H.I.E.L.D. anfangs relativ eng an die Kontinuität der Kinofilme angedockt.

Als in Captain America: Winter Soldier plötzlich enthüllt wird (SPOILER), das SHIELD von der bösen Organisation HYDRA unterwandert worden ist, war es tatsächlich so, dass zur gleichen Zeit als der Film ins Kino kam, die gleiche Plotwendung auch in der Serie ausgefochten wurde.

Das war aber sozusagen plotlogistisch gleichzeitig so komplex und anscheinend im Payoff trotzdem irgendwie nicht krass genug, dass es das letzte Mal war, dass die beiden Medien so eng zusammenarbeiten. Inzwischen existieren die Marvel-Kinofilme und die Marvel-Serien zwar immer noch nominell im gleichen Universum, was man vor allem daran sieht, dass gelegentlich Charaktere aus dem einen im anderen auftauchen, aber davon abgesehen erzählen sie eigentlich separate Geschichten.

Bei Star Wars ist es noch krasser. Hier wurde über drei Jahrzehnte ein sogenanntes “Expanded Universe” aus hunderten Büchern und Comics aufgebaut, in denen sich diverse Autoren über sehr lange fiktive Zeiträume auch austobten, aber als die neuen Kinofilme vor ein paar Jahren in den Startlöchern standen, entschied man sich bei der Produktionsfirma Lucasfilm, alles bisher Erschienene mit Ausnahme der Filme aus dem Kanon zu streichen und zu “Legenden” zu machen. Es wäre einfach zu komplex gewesen, und hätte den neuen Filmen keinen Raum mehr zum Atmen gelassen.

Dafür ist Star Wars jetzt aber ebenfalls ein ziemlicher Transmedia-König – die verschiedenen TV-Serien, Comics, Romane und natürlich die Filme sind eng aneinander angebunden und bieten eigentlich genau das, was Jenkins definiert.

Star Wars brauchte dafür aber diese Tabula Rasa, als 2015 die neuen Filme kamen. Magic hingegen, beziehungsweise das Unternehmen Wizards of the Coast, das das Spiel herstellt, hat über 25 Jahre immer wieder aufs Neue probiert, sein Transmedia Storytelling auf die Reihe zu kriegen.

Mark Rosewater, der seit vielen Jahren der Head Designer von Magic ist, betont immer wieder, wie wichtig Iteration für den Designprozess ist. Und das finde ich das Faszinierende daran. Wir können uns heute im Rückblick diesen iterativen Prozess anschauen und nachvollziehen, was sie versucht haben, wo sie gescheitert sind und was sie gelernt haben – bis sie heute, wie ich finde, an einem Punkt angekommen sind, wo es wirklich gut funktioniert.

Fangen wir mal damit an, wie man bei einem Kartenspiel überhaupt dazu kommt, eine Geschichte zu erzählen.

Als Magic entstand, hatte es eigentlich gar keine Geschichte, es hatte nur diese Spielidee von sich duellierenden Magiern, was aber ja eigentlich auch nur ein stimmungsvoller Anstrich für ein Regelkonzept ist. Aber es war auch nicht total generisch.

Also wenn wir uns eine typische Karte aus der Zeit anschauen – die hätte ja auch einfach nur “Elves” heißen können, aber es sind eben Llanowar Elves, offenbar eine sehr kriegerische Elfenart, das zeigt auch das Bild und dieser sogenannte “Flavor Text” in kursiv, der keine Regelbedeutung hat.

Solche Andeutungen von einer größeren Welt hinter den Karten gab es auf vielen Karten und irgendwann hat sich dann auch mal jemand hingesetzt und diese Andeutungen zu einer Welt und auch einer groben Geschichte zusammengesetzt.

Also es gab die Karten “Ankh of Mishra” und “Glasses of Urza”.

Und als die Erweiterung “Antiquities” designt wurde, entschieden die Designer das Urza und Mishra Brüder waren, die gegeneinander Krieg führten – und deuteten das dann wiederum im Flavor Text an.

Gleichzeitig hatte Magic, dieses neue Spielprinzip, aber auch kurzzeitig so etwas wie Mainstream-Erfolg und Wizards lizensierte die Magic-Marke an Verlage, die Bücher und Comics herausgaben. Die Autoren dachten sich aber wiederum eigene Geschichten aus, die höchstens mal einzelne Karten referenzierten. Ein Buch über den Krieg zwischen Urza und Mishra gab es zum Beispiel nicht.

Also: Transmedia Storytelling, Fehlanzeige

Die zweite Iteration beginnt Ende der 90er. Hier wurde parallel zum Set “Visions” eine Reihe von Charakteren eingeführt, die Besatzung eines fliegenden Schiffs namens “Weatherlight”, das fortan Abenteuer in Magics Multiversum erleben sollte.

Gleichzeitig wurde die Buchproduktion von Wizards of the Coast ins Haus zurückgeholt, und ab 1999 erschienen die Romane – geschrieben von freien Autoren – begleitend zu den Sets. Zum Teil sogar nachträglich – und es gab endlich einen Roman zum “Brother’s War”.

Allerdings waren die Produktionszyklen von Romanen und Karten so unterschiedlich und weiterhin so wenig aufeinander abgestimmt, dass sich irgendwie kein einheitliches Gefühl einstellen wollte.

Der damalige Kreativchef Brady Dommermuth fasste das mal so zusammen:

“Allgemein liefern die Karten die Welt, in der die Romane spielen, und die Romane liefern manchmal Charaktere, die auf Karten zu sehen sind. Aber Karten führen auch eigene Charaktere ein, die nicht in den Romanen auftauchen. Kurz gesagt arbeiten das Magic Kreativteam und die Romanautor*innen größtenteils parallel und informieren einander so viel wie möglich.”

“Wir informieren uns so gut es geht.” Klingt von einem Transmedia-Standpunkt eher nach “Er hat sich stets bemüht.” Und so sind wohl auch die meisten Romane aus dieser Zeit. Für Fans, die sich wirklich für die Geschichte interessieren, ist die Tatsache, dass das irgendwie nicht zusammen passt, ein endloser Grund für Frust.

Für die anderen ist es aber auch nicht besser: Die Charaktere tauchten ständig auf den Karten, in Bildern und Flavor Text auf, aber da man ja diese Karten zufällig bekommt und nicht in irgendeiner Art chronologisch spielt, muss man schon sehr stark auf die Suche gehen, um irgendwie einen Eindruck davon zu bekommen, was die Geschichte sein soll, die hier erzählt wird.

Dieses Parallelsystem war trotzdem ziemlich lange der Status Quo. Irgendwann aber hatte der eben schon erwähnte Brady Dommermuth die Idee, die im Endeffekt zur dritten Iteration führte: Was wir brauchen sind Figuren, die ein bisschen außerhalb des Spiels stehen, mit denen sich die Spieler identifizieren können.

Deswegen gab es 2007 erstmals sogenannte Planeswalker, ein völlig neuer Kartentyp mit Charakteren, die die Macht haben, zwischen den verschiedenen Welten, auf denen Magic spielt, hin und her zu wandern. Im Endeffekt wie die Spieler.

Doch obwohl es plötzlich diese durchaus auch populären Charaktere gab, gelang es Wizards einfach nicht, die Spieler für die parallel produzierten “Planeswalker Novels” zu begeistern, auch nicht für die Ebooks, die man dann stattdessen versuchte zu produzieren.

Deswegen versuchte man es schließlich 2015 noch einmal mit so einer Art Neustart und einer neuen Distributionsstrategie.

Man kombinierte ein Team aus beliebten jungen Planeswalkern, die bereits in den bisherigen Sets aufgetaucht waren, mit Kurzgeschichten, keinen ganzen Romanen, die In-House von Mitgliedern des Creative Teams geschrieben wurden.

Und diese Geschichten wurden kostenlos auf der Magic Website veröffentlicht. Und plötzlich wurden sie besser gelesen als je zuvor.

Auf den Karten wurden wiederum wurden nur noch wenige Schlüsselmomente aus den Geschichten abgebildet, die als “Story Spotlights” mit einem Symbol markiert sind. Unten rechts in der Ecke steht die URL mtgstory.com – auf dieser Website finden sich dann die Kurzgeschichten. Die restlichen Karten im Set schmücken wie bisher die Welt aus.

Diese Mischung schien endlich zu funktionieren.

  • Die Spieler kennen ihre Charaktere, weil sie mit ihnen spielten.
  • Wichtige Momente finden sich auf den Karten wieder und nicht so stark in die Story investierte Spieler bekommen dennoch einen groben Eindruck
  • Wer mehr erfahren will, kann niedrigschwellig und kostenlos im Internet genau erfahren, wie die Geschichte weitergeht
  • Weil der Geschichtsprozess Teil des Kartendesignprozesses ist, gehen die beiden Welten endlich Hand in Hand. Inzwischen funktioniert es sogar wieder mit externen Autoren ganz gut

Aber das beste ist – das hätte ich mir nicht mal träumen lassen können, als ich diesen Talk eingereicht habe – dass sich diese Iteration dieses Jahr so richtig auszahlt. Das aktuelle Set nämlich, das gerade erst dieses Wochenende erschienen ist, erzählt fast ausschließlich Geschichte – was nur mit dem momentanen Modell möglich ist.

“War of the Spark” ist jetzt dieses Wochenende erschienen und bildet den Abschluss eines zweijährigen Plotbogens. Eine Art Avengers: Infinity War” von Magic. Alle Planeswalker treffen sich auf einer Welt und kämpfen gegeneinander und gegen einen Oberbösewicht, den fiesen Drachenplaneswalker Nicol Bolas.

Anders als in anderen Sets steht hier nicht irgendeine spannende Welt im Hintergrund, die bestimmte EIgenschaften hat, sondern wirklich die Geschichte und die Figuren, die über Jahre etabliert wurden. Die Designer selbst nennen es ein “Event Set”.

Die Karten wurden in Story-Reihenfolge enthüllt. Die Story-Spotlights haben Akte. Und plötzlich solche Kommentare:

Zusätzlich zu den kostenlosen Geschichten gibt es auch wieder einen Roman, der kräftig beworben wird. Sie versuchen es also noch einmal, aber diesmal könnte es funktionieren, weil sich die Spieler tatsächlich für die Geschichte interessieren!

Das zeigt sich unter anderem daran, dass sogar einige professionelle Spieler – leider nicht Andrea Mengucci, das wäre ein zu schöner geschlossener Kreis gewesen, aber immerhin zum Beispiel Jon Finkel, einer der dekoriertesten Spieler aller Zeiten, die sich für’s gewinnen sonst natürlich nie für die Story interessieren, haben gesagt: Jetzt möchten sie doch mehr wissen.

Natürlich sind nicht alle zufrieden. Es gibt auch immer noch genug zu kritisieren. Das Buch zum Beispiel hat viel Plot und wenig Tiefe. Aber insgesamt kann das Ganze schon als Erfolg gewertet werden. Mit den Karten zu spielen fühlt sich wirklich an, als würde man Geschichte erleben.

Hätte man an diesem Punkt auch sofort mit Konzeption des Spiels angelangen können? Wahrscheinlich nicht, einfach weil die Medienlandschaft 1993, und selbst 2005 noch so anders aussah als heute.

Mal ganz abgesehen davon, dass es noch kein Internet gab. Auch genau diese Herangehensweise an Lizensierung aus den frühesten Iterationen war typisch für diese Zeit. Erst in den letzten Jahren ist es üblich geworden, so enge kreative Kontrolle auszuüben, weil man gemerkt hat, dass man so seinen Kunden ein einheitlicheres Erlebnis bieten kann – was sich nicht nur kreativ, sondern auch in Sachen Markenbindung und damit in ausgegebenem Geld auszahlt.

Das coole ist eben, dass man bei Magic diese Entwicklung so schön beobachten kann. Man beginnt mit Karten, die Hinweise auf eine größere Geschichte geben und damit ein Potenzial für Transmedia Storytelling sichtbar machen.

Dann probiert das Spiel in einer ersten Iteration ein Lizensierungsmodell, stellt aber fest, dass das nicht gut funktioniert.

Also holt man die Buchproduktion, jetzt mal repräsentativ für die tiefere Geschichte, ins Haus.

Dann wendet man sich wieder den Karten zu, und versucht, zusätzlich mehr Geschichte auf den Karten zu erzählen (tl;dr). Aber das funktioniert auch nicht. Was man braucht sind ANDERE Karten, die CHARAKTERE verkörpern.

Das funktioniert sehr gut bei den Karten, aber nun werden die Probleme des Romanformats noch deutlicher.

Deswegen löst kostenlose Webfiction sie ab.

Und weil da so gut funktioniert, kann man sich wieder dem Potenzial von “Geschichte auf den Karten” zuwenden und entwickelt die “Story Spotlights”.

Jetzt endlich ist alles verbunden. Charaktere, Geschichten und Karten passen zusammen

Und geben sogar die Sicherheit, in einem “Event Set” wieder zusätzlich einem Roman eine Chance zu geben.

Aber damit das möglich war, und sich das volle Potenzial entfalten konnte, das sich am Anfang nur erahnen ließ, brauchte es eben jede Menge Zwischenschritte, es brauchte regelmäßiges Scheitern, und den Willen, immer wieder neue Varianten zu versuchen.

Mit die wichtigste Ressource für die Entstehung dieses Talks waren die Artikel (1, 2, 3) “A Brief History of Magic Publishing” von Sam Keeper und eine Folge des “Vorthos Cast”.