Der integre Herr Urlaub

Es gibt eigentlich nur zwei Typen von Musikern. Für den ersten Typ ist jedes einzelne Lied ein harter, steiniger Weg. Der zweite Typ kann gar nicht nicht Musik machen. Farin Urlaub, Gitarrist der Band „Die Ärzte“, ist Typ zwei. „Ich kann es nicht anhalten, aus mir kommen Lieder raus“, sagt der 54-Jährige. So viele, dass es jetzt für ein ganzes Album mit 28 bisher unveröffentlichten Songs aus 30 Jahren Musikerdasein gereicht hat.

Das WDR-3-Feature „Schlechte Lieder, die lausig klingen“ bildet so etwas wie die Liner Notes zu „Berliner Schule“, wie Farin Urlaubs Album heißt. Jochen Schliemann und Philipp Kressmann haben sich mit Urlaub, der mit bürgerlichem Namen Jan Vetter heißt, in ein Studio gesetzt und sind das Album mit ihm Track für Track durchgegangen. Das ist zwar nicht „Song Exploder“, der US-Podcast, in dem Künstler dem Moderator Hrishikesh Hirway die Einzelspuren ihrer Songs überlassen und diese kleinteilig auseinandernehmen. Es geht aber in die Richtung, weil es erfreulich viel ums Songschreiben und erfreulich wenig um die zu Genüge erzählten Ärzte-Anekdoten der vergangenen 30 Jahre geht.

Weiterlesen in epd medien 43/2017

Mut zum Du. Der Deutschlandfunk-Podcast „Der Tag“

Wenn ein Inhalt nicht das Medium wechselt, sondern „nur“ das Dispositiv, also die Rahmenbedin- gungen der Rezeption, verändert er sich trotzdem. Ein Kinofilm wird für die Fernsehausstrahlung neu gemischt, weil die Umgebungsgeräusche im Wohnzim- mer lauter sind als im Kinosaal. Wird eine Fernsehserie für einen Streamingdienst konzipiert, müssen ihre Folgen nicht mehr alle gleich lang sein. Ein Videobericht, der primär auf Facebook gesehen wird, sollte sowohl mit als auch ohne Ton funktionieren.

Und was, wenn eine tägliche Nachrichtensendung nicht im linearen Radio ausgestrahlt, sondern als Podcast heruntergeladen und zeitsouverän gehört wird? Das Team des seit drei Wochen existierenden Podcasts „Der Tag“ vom Deutschlandfunk hat über diese Frage viel nachgedacht. In dem täglich um 17 Uhr erscheinenden Format „wollen wir uns erlauben, stärker gemeinsam nachzudenken“, erläutern die vier Moderatorinnen und Moderatoren Dirk-Oliver Heckmann, Sarah Zerback, Philipp May und Ann-Kathrin Büüsker im Online-Angebot des Deutschlandfunks. Interessanterweise scheint gerade die abgeschlossene Form dazu einzuladen, Nachrichten weniger abgeschlossen darzustellen.

Und persönlicher. Podcasts bilden in der Regel eben nicht eine von vielen Beschallungsquellen im Alltag. Sie wandern direkt vom Smartphone über den Kopfhörer ins Ohr. Da kann man schon mal „Du“ zu seinem Gesprächspartner sagen, auch wenn über diesen Bruch mit Radiokonventionen – wie die vier Moderatorinnen einräumen – „lange und heftig gestritten“ wurde. Aber man ist eben nicht mehr im Radio.

Weiterlesen in epd medien 42/2017

Das blinde rechte Auge – “Auch Deutsche unter den Opfern”

Zehn Morde an unschuldigen Menschen. 15 Raubüberfälle. Ein bodenloser Sumpf an rechtsradikalem Hass. Ein schier unglaubliches und wahrscheinlich systemisches Versagen von Polizei und Verfassungsschutz. Ein unbefriedigender, sich endlos hinziehender und teurer Prozess. Kaum Schuldeingeständnisse. Die Geschehnisse rund um die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) machen fassungslos. Sie machen wütend. Und es ist verständlich, dass sie auch zynisch stimmen können.

Vielleicht würde Tuğsal Moğul, der Autor von „Auch Deutsche unter den Opfern“ widersprechen, dass seine Aufarbeitung der Taten und ihrer Folgen in einer Mischung aus Regietheater, Poetry Slam und Hörspiel zynisch ist. Die kalte Aufzählung der Fakten rund um die Morde, die das 53-minütige Stück eröffnen, ist es sicher nicht. Auch die Intention, einen größeren Zusammenhang herzustellen zwischen den fehlgeleiteten NSU-Ermittlungen und anderen Opfern rechter Gewalt, die immer nur als Folgen des Verhaltens tragischer Einzeltäter hingestellt werden, ist gut und richtig. Die entsprechende Passage in der Mitte des Hörspiels verfehlt ihre Wirkung nicht.

Mogul gelingt es aber nicht, das unfassbare Debakel der Ermittlungen rund um die angeblichen „Dönermorde“, die absurden Begründungen der Behörden („So können Deutsche gar nicht morden“) und die erschreckende Verstrickung von Verfassungsschutz und rechtsextremer Szene in ihrer Schrecklichkeit einfach für sich sprechen zu lassen.

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Kulturindustrie 002 – Menschenwerk, Blade Runner, Blade Runner 2049

Zwei Wochen sind vorbei, ein neuer Podcast ist da. In Folge 002 spreche ich mit Lucas Barwenczik, Mihaela Sartori und Sascha Brittner über “Menschenwerk”, Han Kangs Roman über das Massaker von Gwangju, über “Blade Runner”, Ridley Scotts Sci-Fi-Neo-Noir Klassiker in seinem 35. Jahr und natürlich über “Blade Runner 2049”, Denis Villeneuves Fortsetzung dieses Klassikers mit Ryan Gosling. Außerdem: Persönliche Empfehlungen von jedem von uns.

Zeit, um großartig zu sein

Wer in der Postmoderne überleben will, sollte die Fertigkeit beherrschen, zwei scheinbar konträre Konzepte gleichzeitig geistig festzuhalten. Filme wie My Little Pony: Der Film sind selbst Meister dieser Kunst und verlangen entsprechend ihren Zuschauern das Gleiche ab. Sie sind gleichzeitig hirnverbrannte Glitzerexplosionen für ein U13-Publikum und die Subversion davon; reine, blank polierte Plastikoberfläche mit angeschlossener Produktlinie und aus tiefem Herzen ernst gemeintes Gefühlskino.

Vielleicht ist das der Grund, dass die dem Film zugrundeliegende Serie My Little Pony: Freundschaft ist Magie, die das Universum des 35 Jahre alten Hasbro-Spielzeugs 2010 in dessen neuester Inkarnation begleitete, so ein großer Erfolg wurde. Nicht nur beim geplanten Zielpublikum junger weiblicher Kinder, sondern auf merkwürdige Weise auch bei erwachsenen Männern, die sich selbst Bronies nennen und vor allem im Netz einen eigenartigen Kult begründet haben. My Little Pony: Der Film jedenfalls, hinter dem das gleiche, nur um ein paar Promi-Stimmen aufgestockte Serien-Kreativteam steckt, funktioniert im Rahmen der Erwartungen an einen Film zur Fernsehserie zum Spielzeug erstaunlich gut.

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Kulturindustrie 001 – Mother!, Tatort: Stau, The First Tree

Ich bin sehr begeistert von dem Podcast, den ich mache. Nach dem unnötig mühseligen Weg, den ich mir selbst auferlegt habe, bevor ich mich getraut habe, bin ich im Moment in einer starken Honeymoon-Phase und würde am liebsten die ganze Zeit nur podcasten. Seit Dienstag dieser Woche gibt es jetzt immerhin schon mal eine zweite Folge, in der wir über Darren Aronofkys Mother!, Dietrich Brüggermanns Tatort Stau und das Indiegame The First Tree sprechen.

Der lange Weg zur Kulturindustrie

© Image Comics, Netflix, Universum Film

Wer keine Lust auf wehmütige Reminiszenzen hat, einfach vorscrollen bis zur Zwischenüberschrift

Zehn verdammte Jahre ist es her, dass ich meinen ersten Podcast gehört habe. The Guardian Film Weekly hatte ein Danny-Boyle-Interview zu Sunshine, das ich unbedingt hören wollte. Danach war es um mich geschehen. Die Form des “Radio auf Abruf” hat mich sofort fasziniert und zu Film Weekly kamen in den nächsten fünf Jahren mehr Podcasts hinzu: Erst The Guardian Music Weekly, dann der Savage Lovecast und This American Life, dann der /Filmcast. Dann hatte ich irgendwann ein Smartphone und es gab kein Halten mehr. Heute habe ich 38 Podcasts abonniert und höre zusätzlich regelmäßig Einzelfolgen von anderen Podcasts (hauptsächlich wegen Sara Webers Newsletter).

Sieben Jahre ist es her, dass ich meinen ersten Podcast produziert habe. Auf dem eDIT-Festival 2010 zog ich mit meinem frisch gekauften Aufnahmegerät herum und interviewte Filmemacher, schrieb Moderationen und bastelte das ganze zusammen. Ein Jahr später blickte ich mit dem Podcast-Projekt “RePotter” auf die Harry-Potter-Filmreihe zurück. 2014 habe ich fünf Tage lang täglich per Podcast vom Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart berichtet. Aber immer habe ich die entstandenen Produktionen nur hier im Blog veröffentlicht. Es sollten immer nur Experimente sein, kleine Ausprobier-Projekte, aus denen nur ja keine Verpflichtung erwachsen sollte. Ich hatte irgendwie immer Angst vor der eigenen Courage, mich wirklich in die Podcast-Welt hineinzubegeben.

Spätestens seit ich sowohl das Slate Culture Gabfest als auch NPRs Pop Culture Happy Hour höre, hatte ich zum Beispiel den Gedanken, dass man ein solches Format doch auch in Deutschland umsetzen können muss. Kein lockerer Gesprächspodcast, in dem eine Reihe Kumpels frei assoziierend anderthalb Stunden über einen Film sprechen, sondern ein kompaktes Audio-Magazin, zwar mit Persönlichkeit, aber auch mit journalistischem Anspruch. Mitten in dem Sweet Spot, in dem ich meine Podcasts am liebsten mag und den in Deutschland nur wenige Menschen erreichen (wollen). (Augen öffnend für mich dazu: der Vortrag von Ralf Stockmann und Claudia Krell auf der re:publica 2015.)

Aber ach, ich traute mich nicht. So viel Arbeit. Und mir fehlten die richtigen Leute. Zufälligerweise lief keiner gerade rum, der einfach Lust hatte, mich mitzunehmen, und mir die Arbeit abzunehmen. Also tingelte ich stattdessen als Gast von Podcast zu Podcast, immer noch nicht willens, meinen vielen Worten zum Thema endlich Taten folgen zu lassen.

Im Sommer dieses Jahres war ich endlich so weit. Mit Lucas Barwenczik, dessen Artikel bei “kino-zeit.de” ich von Anfang an erstaunlich fand, und Sascha Brittner von “Pew Pew Pew”, mit dem mich seit unserem Interview vor fünf Jahren eine genauso erstaunliche Freundschaft verbindet, kannte ich zwei Leute, die willens waren, mit mir ein entsprechendes Projekt zu wagen. Mir war es aber auch wichtig, mindestens eine Frau im Team zu haben, deswegen war ich sehr froh, als sich Mihaela Sartori bei mir meldete und Interesse bekundete. Sie ergänzt nicht nur unsere jeweiligen (etwas filmlastigen) Hintergründe perfekt, sondern hat auch noch Podcasterfahrung.

Irgendwann hatte ich einen Namen und sogar ein Konzept, und trotzdem hätte ich Mitte August fast doch noch das Handtuch geworfen. Hätten Sascha, Mihaela und Lucas mich nicht irgendwann fast getreten, gäbe es wahrscheinlich immer noch keinen Podcast. Zum Glück haben sie es aber gemacht …

… und deswegen gibt es jetzt einen Podcast und er heißt Kulturindustrie

In der nullten Folge, die jede und jeder außer auf Soundcloud auch in Apple Podcasts und anderen Podcatchern hören kann, sprechen wir über The Circle, Bojack Horseman und den Comic Snotgirl. Obwohl die Aufnahme noch etwas holprig lief und es auf jeden Fall noch Luft nach oben gibt, was unsere Redebeiträge angeht, bin ich unglaublich stolz auf diesen Podcast. Nach meinem langen und schwer erklärbaren Leidensweg bin ich heilfroh, die Anfangshürde genommen zu haben und freue mich jetzt sehr darauf, weiterzumachen.

Kulturindustrie wird/soll zweiwöchentlich erscheinen. In Ausgabe 001, die wir am 24. September aufnehmen und hoffentlich am 26. September veröffentlichen, sprechen wir über Darren Aronofskys Mother!, Dietrich Brüggemanns Tatort “Stau” und das Indiegame The First Tree. Für weitere zwei Wochen später haben wir uns auf jeden Fall Han Kangs Roman Menschenwerk vorgenommen.

Egal ob jetzt oder nach einigen Folgen; Ich bin dankbar für alles konstruktive Feedback. Hier in die Kommentare, auf Twitter oder per Mail an podcast@kulturindustrie.de.