Real Virtuality 2018 – Persönliche Highlights

Ich habe hier im Blog schon über Musik geschrieben. Meine Leseliste gibt’s auf Goodreads. Podcasts und Filme folgen (hoffentlich) noch. In diesem Post schreibe ich ein bisschen auf, was bei mir persönlich los war in diesem Jahr.

Für mich persönlich wurde 2018 von einem Ereignis dominiert, und wer mich online verfolgt ahnt natürlich, welches es ist. Auch dazu will ich ein bisschen was schreiben, aber es gab auch noch ein paar andere erwähnenswerte Dinge:

Der neue Job

Den habe ich eigentlich schon im September 2017 angetreten, aber dieses Jahr hat er dann angefangen Früchte zu tragen. Ich bin sehr gerne bei der Stiftung, bei der ich arbeite (die ich hier nicht nenne, weil dieser Post sonst wieder im Pressespiegel auftaucht), und ich konnte dort über’s Jahr einiges ausprobieren und vor allem weiterhin viel lernen, vor allem über Pädagogik und menschliches Miteinander. Ich durfte einen Kurs zu Gewaltfreier Kommunikation besuchen (sehr empfehlenswert), an einem Design Thinking Workshop teilnehmen, und mit vielen spannenden Menschen sprechen, die in Bereichen wie Sprachförderung, Interkulturelle Kompetenz oder Anti-Bias vor allem mit Kindern arbeiten. Zu sehen, wie Kinder im Kita-Alter – in dieser Alterskohorte hat rund ein Drittel der Deutschen einen Migrationshintergrund – miteinander forschen und lernen, gibt einem tatsächlich Hoffnung für die Menschheit.

Der Gedanke, der mir am meisten nachhängt, stammt aus einem Interview mit der Pädagogikwissenschaftlerin Frauke Hildebrandt. Sie hat darüber gesprochen, was gute Gespräche ausmacht. Ihre Meinung: Gemeinsam darüber nachzudenken, “warum die Dinge sind, wie sie sind, und ob sie nicht auch anders sein könnten”. Kann ich eigentlich so unterschreiben.

Kulturindustrie

Auch wenn wir im Mai aufhören mussten: Ich bin stolz auf diesen Podcast, der meinen Horizont enorm erweitert und mich viel gelehrt hat. Wenn die Dinge nicht so gekommen wären, wie sie kamen, würde ich mir die Arbeit jetzt immer noch gerne machen. Und ich hoffe sehr, dass die Sterne irgendwann wieder richtig stehen, damit ein ähnliches Format (das es nach wie vor nirgendwo in Deutschland gibt) noch einmal passieren kann.

“Unsichtbare Kunst”

Ich bin sehr dankbar, dass ich bei epd medien neben meinem Brotjob einen kleinen Zeh im Medienjournalismus behalten kann, an dem – das ist kein Geheimnis – mein Herz hängt. Meisten schreibe ich Hörfunkkritiken, ungefähr eine pro Monat, aber im Frühjahr hatte ich noch einmal Gelegenheit eine große Geschichte zu schreiben, über die Visual-Effects-Landschaft in deutschen TV-Produktionen. Die Recherche hat eine Menge Spaß gemacht, ich konnte mit persönlichen Heldinnen wie Barbara Flückiger sprechen, und auf den resultierenden Artikel bin ich doch recht stolz. Er ist immer noch online.

Podcasts

Nicht nur habe ich 2018 den Aufstieg und Fall meines eigenen Podcasts erlebt, ich habe auch den Boom des Mediums mitgenommen selbst sehr viele gehört. Die besten konnte ich regelmäßig bei “Piqd” empfehlen, was ich ebenfalls sehr genossen habe. Ich hoffe, ich kann noch einen eigenen Post zu meinen Lieblingsepisoden schreiben. Aber so viel steht fest: Ich liebe dieses Medium, ich beobachte mit Freude, wie es sich entwickelt, und ich warte gespannt auf das, was noch kommt.

Magic: The Gathering

Das hatte ich letztes Jahr schon im Jahresrückblick, aber ich muss es einfach noch mal erwähnen. Die Wiederentdeckung dieses bestimmenden Spiels meiner Teenagerzeit war mir 2018 ein wichtiger Anker. Als die freie Zeit rar wurde, und ich mir deswegen umso genauer überlegte, wie ich sie verbringe, war meine Antwort oft nicht Kino oder Lesen sondern Magic. Bei diesem Spiel fällt es mir leicht, in einer andere Welt abzutauchen, in der ich nicht Kritiker bin, einfach meinen Spaß haben und gleichzeitig mein taktisches Hirn trainieren kann. Noch dazu habe ich einen ganzen Haufen neue, nette Leute kennengelernt, mit denen das Spielen immer Spaß macht. Einziger Wermutstropfen: Mit dem tieferen Eintauchen in die Community und die Finessen des Spiels kann ich defintiv nicht mehr alles aufrechterhalten, was ich in meinem etwas unkritischen Post im Januar geschrieben habe.

Das Kind

Im April bin ich Vater geworden und, wie ich auch schon für “kino-zeit” mit Blick auf Gundermann aufgeschrieben habe, es verändert sich dadurch wirklich irgendwie alles (und nichts), zumindest dann, wenn man, wie ich, ein gleichberechtigter und gleichbepflichteter Elternteil sein möchte. Es stimmt auch, dass einen auf die emotionale Seite des Ganzen niemand vorbereiten kann. Viele Dinge muss man eben fühlen, um sie begreifen zu können.

Da ist zum einen die Verantwortung. Das hat mich wenige Tage nach der Geburt wie ein Hammer getroffen. Ich neige dazu, mir im Leben Optionen offen zu halten und habe entsprechend oft Jobs oder Wohnorte gewechselt, wenn sich mir neue Möglichkeiten geboten haben. Dabei bleibt natürlich immer auch etwas zurück. Von der Bindung an diesen neuen Mensch aber gibt es kein zurück. Ich bin für ihn verantwortlich. Ich hoffe, ich enttäusche ihn nicht.

Dann die Liebe, die sich erstaunlicherweise nicht sofort eingestellt hat. Zunächst hat die Überwältigung überwogen, gepaart mit einem unbedingten Bedürfnis, dieses fremdartige Wesen zu beschützen, Aber das echte Sehen, das echte Wahrnehmen jenes Wesens als einen Mensch in meinem Leben, kam erst mit der Zeit. Das Tolle ist allerdings: Jetzt kann ich der Liebe beim Wachsen zusehen. Sie wird jeden Tag größer (ich sitze immer noch manchmal da und habe das Gefühl, ich habe Herzchen in den Augen wie ein Smiley, und meine Bürokolleginnen können bestätigen, wieviel ich von meinem Kind rede), und der Unglaube vom Anfang, ist einem tiefen Vertrauen gewichen. Vor allem seit meiner Elternzeit im Herbst haben mein Kind und ich einen einzigartigen Draht zueinander – und mir ist jetzt klar: das ist das, wovon immer alle reden.

Eine starke Partnerschaft ist mit das schwierigste, was es zu erhalten gilt, dagegen sind Schlaflosigkeit und volle Windeln ein Pappenstiel. Da kommen plötzlich innere Dämonen zum Vorschein, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Ich bin regelmäßih aufs Neue dankbar, dass wir gut miteinander reden können, und uns auch trauen, das immer und immer wieder zu tun, wenn es notwendig ist. Falls ihr also darüber nachdenkt, euch Kinder anzuschaffen, übt das lieber schon mal vorher.

Und schließlich die Zeit. Ich habe wirklich so richtig krass unterschätzt, wie wenig Zeit man als Mensch mit Kind noch für sich hat, oder umgedreht: wie viel Zeit man vorher hatte, und wieviel man davon mit Dingen verbringt, die einem eigentlich wenig bedeuten. Das Ganze ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits kann ich jetzt eben keinen Podcast mehr aufnehmen, nicht mehr 50 mal im Jahr ins Kino gehen, Videospiele durchspielen, auf dutzende Veranstaltungen gehen und nebenher bloggen, aber andererseits genieße ich die Kinobesuche, Freundetreffen und Spieleabende, die möglich sind, dafür jetzt viel mehr. Mir ist rückblickend aufgefallen, dass ich große Teile meiner Freizeit oft als eine Art To-Do-Liste begriffen habe, in denen möglichst viele Dinge erledigt werden mussten. Das hat sich jetzt ganz von selbst erledigt, und es hat mir insgesamt gesehen gut getan. Nur manchmal werde ich wehmütig und sogar ein bisschen bitter, aber auch das gehört dazu. Andere Eltern sagen ja: Es wird besser und normaler, so ab dem dritten Lebensjahr.

Die Sängerin Brandi Carlile hat in ihrem Lied “The Mother” Ende 2017 ganz gut auf den Punkt gebracht, wie man manchmal innerlich abwägt, aber natürlich nur auf einer Seite rauskommen kann:

Outside of my windows are the mountains and the snow
I hold you while you’re sleeping and I wish that I could go
All my rowdy friends are out accomplishing their dreams
But I am the mother of Evangeline

And they’ve still got their morning paper and their coffee and their time
And they still enjoy their evenings with the skeptics and the wine
Oh, but all the wonders I have seen, I will see a second time
From inside of the ages through your eyes.

Ich habe ja insgesamt eine eher additive Vorstellung von menschlichen Beziehungen. Andere Menschen füllen für mich keine Lücken in unseren Herzen, die wie bei Gundermann “verlassene Häuser” sind. Wir sind auch alleine gut genug und brauchen weder Partner noch Kinder, um uns zu “vervollständigen”. Aber ohne andere Menschen wäre das Leben auch um ein vielfaches langweiliger, ärmer und weniger aufregend. Und dieser neue Mensch in meinem Leben, neben dem ich jeden Abend einschlafen und jeden Morgen aufwachen darf, ist auf jeden Fall genau die Herausforderung und die Bereicherung, die ich gebraucht habe. Und ich kann nicht erwarten, womit er mich noch alles überraschen wird.

Ich bin sehr glücklich, dass mein Kind sehr kommunikativ und überhaupt nicht schüchtern  ist, mit großen Augen die Welt erkundet und so langsam auch den Eindruck macht, als würde es hart über vieles nachdenken, was es sieht. Damit erobert es auch in der Öffentlichkeit, ob im Bus oder im Supermarkt, regelmäßig die Herzen selbst der bluetooth-headsettigsten Businesskasper. Und ich genieße in der Regel die Interaktionen, die daraus entstehen, denn die meisten sind positiv. Das schönste Kompliment des Jahres, zum Beispiel, haben Kind, Mutter und ich heute von einer Kellnerin bekommen: “Euer Kind ist super, ihr solltet dringend noch mehr kriegen!”

Ist vorerst nicht geplant. Aber ein gutes Gefühl, dass man in die Feiertage und ins neue Jahr mitnehmen kann. Ich wünsche euch eine gute Zeit mit den Menschen, die euch bereichern, und alles Gute für 2019.

How Much of the Message Is Actually in the Medium?

Jan Böhmermann und Olli Schulz wechseln vom Radio zu Spotify. Was natürlich die mit prophetischer Rede begabte Menschen zu der Frage verleitet, ob uns mit dieser Entscheidung nun auch in Deutschland der kleine aber feine Podcast-Durchbruch (klingt nach Darmdurchbruch) bevorsteht, der in den USA schon mancherorts Fuß gefasst hat. Ich glaube nicht, aber darum soll es jetzt nicht gehen.

Mich interessiert viel eher die andere fast schon kniereflexartige Reaktion, die in solchen Momenten aus der digitalen Meinungslandschaft zu hören ist, zum Beispiel bei Felix Schwenzel:

diese nachricht erschüttert mich jetzt relativ wenig, ich habe die sendung nämlich nie freiwillig gehört (…). ich habe nichts gegen zielloses herumlabern und meckern, das mute ich hier schließlich auch seit 14 jahren meinen lesern zu – aber ich tue es seit 14 jahren skip-freundlich, mit texten, die sich leicht überspringen und überfliegen lassen.

Felix ist nicht der einzige Mensch, den ich kenne, der mit Podcasts nichts anfangen kann. Immer wieder höre ich das Argument, dass dieses Medium, dem ich seit gut zehn Jahren als Konsument und Kritiker verfallen bin, so schrecklich ineffizent sei. Man kann es nicht überfliegen, man kann es nicht gut zitieren. Es ist schwer, Informationen wiederzufinden, die man dort gehört hat. Es dauert viel länger, diese Informationen zu hören, als sie zu lesen.

Die Gegenargumente sind bekannt

Die Gegenargumente, die sich zum Beispiel schnell unter Felix‘ Facebookpost zu sammeln begannen, sind genauso hinreichend bekannt. Podcasts lassen sich hören, während man andere Dinge tut – spazieren, Auto fahren, putzen, Sport – sie transportieren über Klänge und Musikuntermalung weit mehr als ein Text, genau wie das Radio seit gut 100 Jahren. Die Tatsache, dass Podcasts meistens über Kopfhörer gehört werden, führt zusätzlich zu einer erhöhten Intimität und Empathie gegenüber den Sprechenden; die persönliche Art, in der gerade viele Gesprächspodcasts aufgebaut sind, lässt über die Zeit ein merkwürdiges Vertrauensverhältnis zwischen Hörenden und Sendenden entstehen.

Und doch haben auch die Menschen, die Podcasts produzieren, längst erkannt, dass genau diese intime Verbindung auch satte Nachteile hat, zum Beispiel in der „Sharing Economy“ des Netzes. „To Attract New Listeners, Podcasts Need to Move Beyond Audio“ war der Titel eines „Wired“-Artikels, den ich vor einiger Zeit hier im Blog verlinkt habe, und der beschrieb, wie etwa Serial seine zweite Staffel durch „Shareables“ auf der Website unterfüttert hat, da die Episoden selbst sich so schlecht für virale Verbreitung eignen. Als Gimlet, die Podcast-Firma von This American Life-Alumnus Alex Blumberg, noch in der Findungsphase war, stand lange im Raum (wie im Podcast Startup dokumentiert), ob sie überhaupt eine Content-Firma werden soll – oder nicht vielleicht lieber „Instagram for Audio“. Wer weiß, ob Gimlet diese Pläne wirklich aufgegeben hat? Audible hat gerade damit begonnen, Ausschnitte aus Hörbüchern teilbar zu machen.

Würden Transkripte alles besser machen?

Es ist klar, dass es Podcast-Hörenden beim Hören nicht nur um reine Informationsaufnahme geht, aber ich habe ja schon öfter davor gewarnt, Medien allzu essentialistisch zu betrachten. Es ist zu einfach, sie auf das zu reduzieren, was sie besonders macht. Wie also wäre es, wenn man Podcasts stattdessen oder ergänzend als Text konsumieren könnte? Würde das alles besser machen?

Zum Glück gibt es für diese Frage ein Fallbeispiel. Scriptnotes, ein Podcast, in dem sich zwei Hollywood-Drehbuchautoren über Handwerk und Business (und ab und zu auch Kunst) des Drehbuchschreibens austauschen, erscheint seit Jahr und Tag jede Woche mit einem Transkript der Sendung. Ab und zu habe ich das als hilfreich empfunden, wenn ich wirklich mal etwas zitieren wollte, oder nach längerer Zeit eine Referenz gesucht habe. Transkripte sind, anders als Audioaufnahmen, googlebar.

Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, die Podcasts zu lesen statt sie zu hören – auch nicht, nachdem ich irgendwann mein Scriptnotes-Abo ausgesetzt hatte. Das Motto „Ich investiere keine Stunde pro Woche mehr, um zwei Typen quatschen zu hören, aber ich kann ja in zehn Minuten überfliegen, was sie gesagt haben“ kam mir nicht in den Sinn. Gespräche bleiben Gespräche. Es macht keinen Spaß, sie zu lesen, auch wenn es effizienter ist.

Von Drehbüchern und Dramen

Und weil es so schön passt: John August und Craig Mazin, die Moderatoren von Scriptnotes, betonen in ihrer Sendung immer wieder, vor allem als Ratschlag an junge Schreiberlinge, dass Drehbücher keine Texte sind, die dafür gedacht sind, gelesen zu werden. Sie sind ein Arbeitsdokument, aus dem ein Film entstehen soll. Es kann Drehbücher geben, die sich gut lesen lassen, aber das ist nicht ihr Zweck, denn sie sind kein Film. Genau wie Transkripte keine Podcasts sind.

Aber, könnte ein Anti-Essentialist wiederum einwenden, wir haben uns auch daran gewöhnt, Dramen zu lesen, wenn sie gerade nicht in unserer Nähe auf dem Spielplan eines Theaters stehen. Allerdings könnte eine Anhängerin von „The Medium is the Message“ auch dagegenhalten, dass bei Dramen der Bezug zwischen geschriebenem Text und „vollständigem“ Endprodukt loser ist. Damit steht das schriftliche Drama stärker für sich selbst, denn es gibt viele verschiedene Inszenierungen davon, aber logischerweise nur einen Podcast zu jedem Transkript und in der Regel auch nur einen Film zu jedem Drehbuch. (Interessanterweise entsteht aber derzeit in den USA die Tradition der „Live Reads“, in der neue Schauspieler alte Drehbücher neu „aufführen“.)

Executive Summary

Als mein Bloggerkollege Matthias den Auftrag bekam, sich mit Buffy the Vampire Slayer zu befassen, wusste er, dass er keine Zeit haben würde, sich durch alle sieben Staffeln zu gucken. Also wählte er einen anderen Weg und las stattdessen die ausführlichen Plotzusammenfassungen jeder Folge in der englischen Wikipedia. Würde ihn allerdings jemand fragen, ob er die Serie kennt, würde er nur „Jein“ antworten, sagt er. Inzwischen habe er sogar die erste Staffel gesehen und könne sich darauf basierend den Rest ausmalen. „Aber vorher kannte ich nur das Geschriebene, keine Stimmen und nur bedingt Gesichter von Figuren.“ Zu einem Kenner der Serie hat ihn das scheinbar nicht gemacht.

Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt, diese Methode anzuwenden, wann immer mir eine Serie zum Gucken zu langwierig geworden ist, ich aber dennoch wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. Bei Lost war ich sehr versucht, bei Battlestar Galactica stehe ich kurz davor. Bei der dritten Staffel von Agents of S.H.I.E.L.D. habe ich es jetzt einfach mal gemacht – natürlich weil mich interessiert, wie die Serie die Geschehnisse von Captain America: Civil War einarbeitet. Das Ergebnis: Als „Executive Summary“ taugen die Texte ganz gut – vor allem, wenn man die Serie schon kennt. Aber sie sind auch schrecklich unübersichtlich, vor allem in einer Serie wie S.H.I.E.L.D., wo die meisten Charaktere relativ flache Typen sind, deren Rolle man sich eher über äußere Merkmale als über Namen merkt.

Ergebnisse einer Umfrage

Ich habe dann noch eine völlig unrepräsentative Umfrage zum Thema in der ständigen „Techniktagebuch“-Redaktionskonferenz gemacht, immerhin eine Gruppe von Menschen, die sich gerne und viel mit solchen Themen auseinandersetzt. Das kam raus: Wenn Schrifttexte in audiovisuelle Medien übertragen werden, geht das nicht einfach so. Kathrin Passig erzählt, dass das Übersetzen von eigenen, geschriebenen Texten in Vorträge für sie immer bedeutet, noch einmal ganz vorn, bei etwa fünf Prozent, anfangen zu müssen. Anne Schüßler und Thomas Jungbluth berichten, dass sie die Entscheidung „Buch oder Hörbuch“ sowohl nach Art des Buchs als auch nach Sprechenden treffen.

Wenn es also bei so vielen anderen Medien schon so klar ist, dass die Verschriftlichung des Audiovisuellen oder die Audiovisualisierung des Schriftlichen definitiv eine Veränderung mit sich bringt, warum wird dann gerade Podcasts immer wieder vorgeworfen, dass man die darin enthaltenen Informationen doch viel einfacher oder besser lesen könnte? Zumal gerade allerorts interessante Artikel dazu aufploppen, dass die Zukunft des Internets eventuell nicht so textbasiert sein könnte, wie sie sich im Moment noch darstellt (siehe auch Snapchat).

Eine gute Antwort auf diese Frage ist mir auch nach einigem Grübeln noch nicht eingefallen. Aber ich möchte gerne weitere Erfahrungen mit Vertextlichung sammeln. Sogar schriftlich. In den Kommentaren dieses Posts.

In eigener Sache: So kann es mit “Real Virtuality” nicht weitergehen

Es gibt drei Gründe, warum ich blogge.

1. Weil ich muss

Wenn ich viele Dinge lese oder anderweitig aufnehme, die mich interessieren, bekomme ich irgendwann den Drang, sie zu verarbeiten. Seit ich mit dem Studium fertig bin, habe ich nicht mehr so viele Bekannte, mit denen ich auf einem hohen Nerdlevel über Filme reden kann, also ist dieses Blog für mich das beste Ventil. Wenn ich einen Gedanken aufgeschrieben habe, auch wenn es manchmal nur ein kleiner Gedanke ist oder eine leichte Variante von einem Gedanken, den ich schon mal aufgeschrieben habe, geht es mir in der Regel danach direkt besser.

2. Weil ich kann

Dieses Blog gibt mir die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die mich in einem professionellen Kontext niemand einfach mal so ausprobieren lassen würde. In diesem Blog hat alles Platz. Kurze Gedanken und ellenlange Stücke, Ausflüge in andere Medien und Themen, die eigentlich nur am Rande etwas mit “Film, Medien und Zukunft” zu tun haben. Ich habe auf “Real Virtuality” Podcasts gemacht, Videos veröffentlicht, mich an TV-Recaps versucht, eine sehr krude Infografik gebastelt und und und. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Was klappt und Spaß macht, mache ich öfter. Was nicht so gut klappt, lasse ich lieber.

3. Weil es mir etwas bringt

Ich habe dieses Blog begonnen, als ich noch einen festen Job als Journalist hatte. Ich konnte sowieso jeden Tag schreiben und ins Blog wanderten nur die Sachen, die mir außerdem noch einfielen. Inzwischen schreibe ich deutlich weniger für Geld, aber das Blog trainiert meine Schreibmuskeln nebenher weiter. Das ein oder andere Mal habe ich auch im Blog schon Themen erforscht, für die ich später anderswo bezahlt wurde – manchmal mit einem Artikel und manchmal mit einem Vortrag. Und natürlich gibt es inzwischen einige Leute, die mich wegen meines Blogs kennen. Dieses Blog ist Aushängeschild meiner Persönlichkeit im Netz, meine Visitenkarte, viel mehr als es vielleicht ein Arbeitszeugnis wäre.

Warum schreibe ich diese drei Punkte noch einmal auf? Weil ich eigentlich rekapitulieren will, wieviel mir mittlerweile sechseinhalb Jahre “Real Virtuality” gebracht haben. Denn zurzeit habe ich das Gefühl, ich habe damit eigentlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. An einem durchschnittlichen Tag hat “Real Virtuality” zwar nur etwa 80 bis 100 Page Impressions, aber ich weiß, dass das hauptsächlich daran liegt, dass ich nur etwa einmal die Woche blogge.

Das, was ich schreibe hat aber unter anderem dazu geführt, dass ich auf der re:publica auftreten durfte, auf dem Radar von einigen Leuten landete, die ich bewundere, von Seiten verlinkt wurde, nach deren Empfehlungen ich mich sonst selbst richte, und sogar einen echten viralen Hit landen konnte. In diesem undurchsichtigen Blogranking, auf das man nicht zu viel geben sollte, das mir aber trotzdem irgendwo aus Egogründen nicht egal ist, war ich zwischendurch mal auf Platz 5 aller Film- und Fernsehblogs. Völlig absurd. (#humblebrag)

Und ich habe auch das Gefühl, dass sich etwas geändert hat. Als ich angefangen habe, meine kleinen Thinkpieces über aktuelle Mainstreamfilme zu schreiben (die Form, in der ich mich immer noch am wohlsten fühle) gab es im deutschen Netz außer Rajko quasi niemanden, der das gemacht hat. Inzwischen sehe ich, was Lucas Barwenczik drüben bei “kino-zeit” fabriziert oder was Sophie aus ihrer feministischen Perspektive bei “Filmlöwin” macht und ich sehe: ich bin überholt worden.

So kann das nicht weitergehen.

Ich habe den dringenden Wunsch, mich weiterzuentwickeln. Genau wie David Chen bin ich ein bisschen vom New, Different or Best-Gedanken getrieben. Und da ich in zwei Wochen sowieso nach Berlin ziehe, ist jetzt die beste Zeit für einen Neuanfang. Mein Problem ist nur: Ich kann mich nicht entscheiden. Also habe ich mal drei Varianten aufgeschrieben und würde euch, liebe Leser, um eure ehrliche Meinung bitten.

1. Das Medium wechseln

Ich flirte seit Jahren mit Audio. Ich habe einzelne Podcasts gemacht, die ich auch ganz okay fand. Ich war zu Gast in anderen Podcasts. Ich habe über Podcasts geschrieben. Ich höre sehr viele Podcasts. Und ich wollte immer schon Radio machen, auch wenn es dafür professionell nie gereicht hat. Vielleicht sollte ich endlich den Sprung wagen, und vom schreibende ins quatschende Fach wechseln.

Die naheliegendste Idee wäre natürlich, endlich jenen Film-Podcast zu machen, den ich selber gerne hören würde. Der journalistische Herangehensweise, Veröffentlichungsdisziplin und ordentliche Produktion miteinander verbindet. Aber ich weiß nicht, ob außer mir diesen Podcast wirklich jemand hören will.

Ich habe aber auch noch ein paar andere Ideen, die eher in Richtung Interview- und Reportagepodcast gehen. Wie klingt das?

2. Aggregator sein

Es gibt Marcos “Das Bloggen der Anderen” und es gibt den täglichen Pressespiegel bei “Film-Zeit“. Es gibt die Facebookseiten von “Revolver” und “crew united“, um einen guten Überblick über lesenswerte, auch deutschsprachige Filminhalte im Netz zu bekommen. Aber ich träume nach wie vor davon, ein “6 vor 9” für Film zu bauen. Jeden Tag, oder vielleicht auch jeden zweiten Tag, eine gut sortierte Auswahl von wirklich interessanten oder anderen Webinhalten über Film.

Ich weiß, dass das wahnsinnig viel Aufwand ist. Man muss ja erstmal alles lesen, bevor man es empfehlen kann. Jeden Tag! Ich glaube, ich könnte es nur umsetzen, wenn ich mich für meine Zeit irgendwie bezahlen lassen würde, zum Beispiel über Crowdfunding oder einen Sponsor, damit ich im Zweifelsfall auch jemanden als Vertretung oder Unterstützung engagieren könnte. Denn für einen Aggregator gilt das gleiche wie für Facebook: “If those servers are down for even a day, our entire reputation is irreversibly destroyed!”

3. “Real Virtuality” öffnen

Eins der Dinge, die ich an der Arbeit in meinem Feld schätze, ist die Zusammenarbeit mit anderen. Das ist der Grund, warum ich diese ganze Filmblogosphären-Kiste angezettelt habe und es ist auch der Grund, warum ich öfter sage, dass ich mich persönlich eigentlich eher als Redakteur denn als Autor sehe. Eine “Edelfeder” war ich noch nie, aber ich kommuniziere und organisiere gerne, identifiziere Themen und weise dann andere darauf hin, die viel besser damit umgehen können als ich.

Auf “Real Virtuality” habe ich schon ab und zu mit diesem Gedanken gespielt. Ich hatte Gastbeiträge und habe mich mit Leuten schriftlich zum Gespräch getroffen. Ich fände es cool, wenn “Real Virtuality” noch mehr zu einer Adresse werden würde, wo nicht nur ich sondern auch andere Leute sich ausprobieren können. Kein eigenes Blog? Veröffentliche hier. Unsicher ob bloggen was für dich ist? Ich bin dein Redakteur und helfe dir da durch, gemeinsam schaffen wir Großartiges. Oder willst du mal von mir ein Thema verpasst bekommen, als Inspirationshilfe? Auch kein Problem. Stärker in die Redakteursrolle zu gehen, Menschen zu fordern und zu fördern, fände ich irgendwie ziemlich cool. Wenn es klappt und irgendjemand das will. Geld habe ich natürlich keins, die Redaktion wäre die Bezahlung.


Wie soll es weitergehen? Helft mir beim Nachdenken, bitte. Ich bin für jede Rückmeldung dankbar. Wenn ihr euch nicht in den Kommentaren verewigen wollt, schreibt mir einfach eine Mail. Aber ich mache das eben nicht nur für mich, sondern inzwischen auch für euch. Und deswegen schätze ich eure Meinung sehr.

Pitch

Im letzten Post auf diesem Blog ging es um das Finden von Geschichten und darum, dass sich diese besonders in Audioform gut erzählen lassen. Ein Projekt, das beide Aspekte abdeckt ist der Podcast “Pitch“, den ich hiermit nachdrücklich empfehlen möchte.

Wer grundsätzlich Lust auf den Radio-Stil von Sendungen wie “This American Life“, “Radiolab” und “Planet Money” hat, und/aber das gleiche Prinzip mal auf den Bereich Musik angewendet sehen möchte, sollte bei “Pitch” sein Glück finden. Die beiden Producer Alex Kapelman und Whitney Jones erforschen in ihren bisher 14 Episoden (eine neue gibt es alle zwei Wochen in bestimmten Staffel-Zeiträumen) ganz unterschiedliche Geschichten aus dem gesamten Spektrum der Musikwelt, aber jenseits traditionellen Musikjournalismus. In “Pitch” geht es tendenziell eher um Musik als Phänomen, um Metathemen, die Genres und Epochen überspannen, aber manchmal auch um ganz konkrete Einzelgeschichten, die die Autoren einfach zu interessieren schienen.

Jede Episode ist nur zehn bis 20 Minuten lang, die 14 Folgen lassen sich also relativ flugs im Binge weghören. Wer weniger Zeit hat und nur mal in einzelne Episoden hineinhören will, dem empfehle ich Episode 1, “The Clearmountain Pause”, in der eine Legende um die dramatische Pause vor dem letzten Refrain von Semisonics “Closing Time” aufgeklärt wird; Episode 3, “Rock the Longbox”, in der eine CD-Verpackung eine politische Entscheidung herbeiführt; Episode 9, “Somewhere in my Memory” über das Phänomen, dass einzelne kleine Alltagstöne in Köpfen regelmäßig Musiklawinen lostreten können* und Episode 13, “Voice” über die Erfahrung eines trans-männlichen Sängers, der im Rahmen seiner Körperanpassung auch Testosteron genommen und seine Stimme völlig verändert hat.

Das beste an “Pitch” ist, dass es anders als all die anderen Sendungen, die ich oben aufgezählt habe, keine Radiosendung ist, die einfach nur als Podcast ausgeliefert wird. Kapelman und Jones arbeiten völlig unabhängig und derzeit sogar ohne Sponsor – anscheinend einfach, weil sie Spaß dran haben. Dafür ist die Qualität aber erstaunlich, was beweist, dass Amateur-Podcasts sich nicht auf reine “Laber”-Formate beschränken müssen. Das steigert den Mut, es selbst zu probieren.

* Ich brauche nur den Signalton der Berliner U-Bahn zu hören und “Mr. Brightside” von den Killers steckt die nächsten Stunden in meinem Ohr fest.

“True Detective” zum Hören. Der Podcast “Serial”

Adnan Syed sitzt in Baltimore im Gefängnis für einen Mord, den er 1999 begangen haben soll. Damals war er 18 Jahre alt. Das Opfer: seine Exfreundin Hae Min Lee, die ihn wenige Wochen zuvor verlassen hatte. Doch es gibt Unstimmigkeiten. Das Urteil fußt vor allem auf der Aussage einer Person. Weitere Beweise gibt es nicht. Adnan sagt, er sei unschuldig. Seine Verteidigerin ist vor ein paar Jahren gestorben. Eine Reporterin, die den Fall zugespielt bekommen hat, nimmt sich der Sache an und versucht herauszufinden, was wirklich geschehen ist.

Weiterlesen in epd medien 45/2014, für eine Woche auch online

“Startup”, “Serial” und Co: US-Podcasts wagen den nächsten Schritt

Wer Podcasts liebt und des Englischen mächtig ist, kommt früher oder später nicht mehr am US-amerikanischen “public radio” vorbei. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk der USA ist im Gegensatz zu BBC oder ARD komplett durch Spenden finanziert, muss sich entsprechend keinerlei Massengeschmack beugen und gilt als intellektuelles Leuchtfeuer in einem ansonsten komplett durchformatierten Radioland.

Und weil gutes Radio nicht live gehört werden muss, haben die Sendungen von Distibutoren wie NPR in den vergangen Jahren auch als Podcasts mit mehreren 100.000 Abrufen pro Sendung Karriere gemacht. Ich kann jedem nur raten, sich Podcasts wie “This American Life” (TAL), “Radiolab” oder “99 % Invisible” mal anzuhören. Was dort an akustischem Journalismus geboten wird, ist eine Freude für Ohr, Herz und Hirn und wird selbst in den letzten Qualitäts-Bastionen von Deutschlandradio und Co nur selten erreicht. Ähnlich wie im Magazinjournalismus zeigt sich auch in den Podcasts die Vorliebe der Amerikaner für gutes Geschichtenerzählen. Journalistische Stücke enthalten meist sowohl die Persönlichkeit ihres Producers (und keine abgelesenen Texte eines “Sprechers”) als auch einen Spannungsbogen – und insbesondere bei TAL werden sie gerne auch mal mit fiktionalen Geschichten gemischt (ähnlich wie in Magazinen wie dem “New Yorker”).

Eine akustische Unternehmungsgründung

Menschen wie TAL-Chef Ira Glass sind damit längst zu Podcast-Superstars aufgestiegen, die auch über die Radio- und Podcastszene hinaus einen gewissen Ruhm genießen. Und es scheint, als sei die Zeit jetzt endlich reif, dass diese Radiostars ihr Gewicht in den Ring werfen, um auch im Podcast-Bereich den nächsten Schritt zu gehen. So werkelt der ehemalige TAL- und “Planet Money”-Producer Alex Blumberg derzeit an einem ganzen Podcast-Netzwerk, das journalistisches Storytelling nach dem eben beschriebenen Muster exklusiv über das Internet verbreiten soll. Das eigentliche Netzwerk, für das Blumberg derzeit zwei Millionen Dollar Venture Capital einsammelt, existiert noch nicht, aber Blumberg hat sich vorgenommen, die einzelnen Schritte seiner Unternehmungsgründung sorgfältig akustisch aufzuzeichnen und dabei ganz besonders offen und ehrlich zu sein.

Das Ergebnis, der Podcast “Startup” ist ein faszinierendes Dokument, das mindestens jeder kreative Mensch hören sollte, der jemals darüber nachgedacht hat, sich mit einem Projekt selbstständig zu machen. Jeder andere natürlich auch. Blumberg spricht über den richtigen Pitch, über Partner, über Geld. Er präsentiert ein ausgewogenes Bild zwischen persönlichen Emotionen und harten Fakten. Blumberg plant, dass das “American Podcasting Network” (Arbeitstitel) in den nächsten Monaten launchen wird. Ich bin sehr gespannt, ob es funktionieren wird.

Das True Detective unter den Podcasts

“This American Life” hat derweil diese Woche sein erstes Spinoff aus der Taufe gehoben, von dem ich mir gut vorstellen könnte, dass es irgendwann in Blumbergs Podcasting-Network landet. “Serial”, produziert von TAL-Alumna Sarah Koenig, schickt sich an, das True Detective unter den Podcasts zu werden. Die erste Staffel erzählt die Geschichte eines Mordfalls und seines verurteilten Mörders, ein seit 15 Jahren hinter Gittern sitzenden Mann, der zur Tatzeit 18 Jahre alt war und an dessen Schuld berechtigte Zweifel bestehen. Über zwölf Folgen hinweg folgt der Hörer Koenigs Nachforschungen, in denen sie versucht, zu ergründen, was 1999 wirklich geschah und dabei selbst immer wieder zwischen Schuld- und Unschuldsvermutung hin- und hergerissen wird. Eine spannungsgeladene Hörerfahrung, die ich uneingeschränkt empfehlen kann. Bisher sind drei Folgen der ersten Staffel online, neue folgen jeden Donnerstag. Ich schätze, dass “Serial” bei Erfolg weitere serielle Radiogeschichten erzählen wird.

Das besondere sowohl an “Startup”, als auch an “Serial” ist, dass beide Sendungen reine Podcast-Projekte sind. Blumberg und Koenig haben ihre Alma Maters “Planet Money” und “This American Life” genutzt, um auf ihre Neustarts aufmerksam zu machen (sonst hätte auch ich nicht davon erfahren), aber zunächst müssen beide Formate ganz ohne Radiowellen und die damit verbundene Hörerschaft auskommen. Blumberg glaubt ja sogar, dass er eine ganze Station aufbauen kann, deren Inhalte nur als Podcast verteilt werden. Das ist bemerkenswert, weil Podcasts bisher fast ausschließlich entweder a) als Zweitverwertung von für’s Radio produzierten Sendungen oder b) als Produktionen von Amateuren existierten. Dass Radio-Profis jetzt versuchen, aus Podcasts einen Markt zu machen, ist damit ein nicht zu unterschätzender Schritt in der digitalen Audiowelt. “Serial” hat entsprechend schon ein knuffiges Tutorial realisiert, dass auch bisher Podcast-unerfahrene Radiohörer an diese wackre neue Welt des Audiogenusses heranführen soll.

Finanzierung

Finanzieren soll sich zumindest Blumbergs Podcasting-Network über Freemium-Abos, Sponsoring und Merchandising-Verkäufe. Aber falls die Formate erfolgreich genug sind, ist es sicher auch denkbar, dass sie irgendwann von Radiosendern zurücklizensiert werden und so noch einmal Geld einspielen. Es bleibt nur zu hoffen, dass ein solches direct-to-digital Modell, jenseits der Formatbeschränkungen von klassischem Radio, auch in Ländern wie Deutschland irgendwann Fuß fassen kann. Ich würde einschalten.

Zum Weiterlesen:
Ein Interview mit Alex Blumberg zu “Startup”
“The (Surprisingly Profitable) Rise Of Podcast Networks”, ausführlicher Hintergrundartikel, der auch auf die Geschichte des Mediums eingeht und einige Zahlen nennt.
CNBC über “Serial” – Ira Glass wird mit den Worten zitiert: “We want to give you the same experience you get from a great HBO or Netflix series, where you get caught up with the characters and the thing unfolds week after week, but with a true story, and no pictures. Like House of Cards but you can enjoy it while you’re driving.”

Bild: Flickr Commons

In eigener Sache: Bitte um Feedback zur ITFS-Berichterstattung

Falls es irgendjemand nicht mitbekommen hat, weil er oder sie jetzt erst dazugestoßen ist: Ich habe in der vergangenen Woche vom Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart einen täglichen Podcast hier im Blog und einen täglichen Bericht auf kino-zeit.de veröffentlicht.

Das Ganze war für mich auch eine Herausforderung an mich selbst. Ich habe noch nie richtige Festivalberichterstattung gemacht und wollte es mal ausprobieren. Ich hatte streckenweise Spaß dabei, habe aber auch manchmal ziemlich mit Termindruck, Schlafmangel und sonstigen Widrigkeiten, die wahrscheinlich dazu gehören, zu kämpfen.

Die große Frage, die sich für mich nun stellt, ist: Soll ich das jemals wieder machen? Größere Projekte dieser Natur lohnen sich für mich persönlich im Endeffekt (und im Unterschied zu einfachen Blogposts) nach dem ersten Mal nur, wenn sie ein Publikum finden. Daher würde ich mich sehr über ein kurzes Feedback freuen – in den Kommentaren, per Mail oder über das soziale Netzwerk eurer Wahl.

Ich erhoffe mir vor allem Antworten auf folgende Fragen: War das Angebot zu viel, zu wenig oder genau richtig? Habt ihr die Podcasts überhaupt gehört? Fandet ihr sie interessant und würdet ihr sie wieder hören? Wenn nein, warum nicht? Ergibt diese Art von nicht-regelmäßigem Podcast überhaupt einen Sinn? Was würdet ihr eventuell lieber sehen?

Wenn ihr euch die Zeit nehmt, bin ich euch sehr dankbar.

5 Dinge, mit denen ihr mich dazu bringt, euren Podcast mehr als einmal zu hören

podcasts machen ist das neue schwarz
waxmuth auf Twitter

Neue Dinge ausprobieren ist toll, und sobald Dinge sich dafür anbieten, sie einfach und erschwinglich auszuprobieren, sollte man das tun! Podcasts gehören auch dazu. Der eierlegende Wollmilchmedienmensch der Zukunft sollte in der Lage sein, auch mit Audio zu arbeiten, und ein Podcast ist eine geniale Möglichkeit, seine Audiofähigkeiten auszuprobieren. Hinzu kommt, dass es irgendwie viel weniger arbeitsaufwändig ist, eine Weile frei von der Leber weg zu reden als die gleichen Zeit mit Schreiben oder Videoproduktion zu verbringen. Podcasting ist also die ultimative Geheimwaffe für Leute mit nicht genug Zeit für ein Blog. Nicht wahr?

Fast. Obwohl ich mich, wie gesagt, für jedes Experiment begeistern kann und mich über jeden Podcast freue, der entsteht, gibt es doch ein paar Dinge, die mir als leidenschaftlicher Podcasthörer und gelegentlicher Podcast-Macher aufgefallen sind. Dinge, die mich stören und Dinge, die ich super finde. Und weil ich anscheinend nicht der einzige bin, habe ich diese Dinge mal zu fünf freundlichen Ratschlägen zusammengefasst, die Podcaster meiner Ansicht nach zu besserem Podcasting führen könnten.

1. Denkt dran, dass “Podcast” von “Broadcast” kommt

Der “Pod” in “Podcast” ist nichts, was die Gattung definiert. Er ist nur das Gerät, auf dem der Klang wiedergegeben wird. Der wichtige Wortteil ist “-cast”, also “senden”. Ein Podcast ist eine Sendung, und eine Sendung sollte für ein Publikum gemacht werden. Wenn es euch egal ist, ob eure Sendung ein Publikum findet oder nicht, oder wenn euer komplettes Publikum auf endlose Insiderwitz-Kaskaden, ziellose Abschweifungen, Essgeräusche und andere Merkmale einer privaten Unterhaltung steht, dann viel Spaß damit. Aber denkt grundsätzlich daran, dass ihr etwas Öffentliches tut und verhaltet euch entsprechend. Ein bisschen privates Gequatsche macht menschlich, ist sympathisch und ein wichtiger Faktor für langjährige Hörer, die längst eine emotionale Verbindung zu euch aufgebaut haben. Aber je mehr ihr euch auf das konzentriert, was ihr vermitteln wollt, umso besser sendet ihr für alle potenziellen Hörer.

2. Schaut auf die Uhr

Der große Vorteil des Internets ist, dass die nervigen Formatgrenzen nicht-digitaler Medien aufgehoben sind. Das heißt: Euer Podcast kann so lange dauern, wie er will, weil er niemandes Sendezeit blockiert. Es heißt aber nicht, dass ganz natürliche Richtwerte wie die menschliche Aufmerksamkeitsspanne oder die Zeit, die man pro Woche hat, um nebenher etwas zu hören, nicht mehr existieren. Achtet deswegen darauf, dass euer Podcast nicht zu lang wird. Ich persönlich finde alles bis 90 Minuten erträglich, bevorzuge aber Formate zwischen 45 und 60 Minuten. Das ist eine Zeitspanne, in der ich prima zur Arbeit pendeln, die Wohnung putzen oder eine Weile joggen/spazieren gehen kann. Wenn das ganze ab und zu länger dauert: kein Problem – ihr habt den Platz ja und manchmal braucht ihr ihn vielleicht auch. Aber wenn ihr regelmäßig mehr als zwei Stunden braucht, werdet ihr mich wahrscheinlich als Hörer verlieren.

3. Investiert in ein bisschen Klangqualität

Denkt daran, dass ihr in den unterschiedlichsten Situationen gehört werdet. Selbst mit Kopfhörern auf dem iPod kann ein zu leise ausgesteuerter Podcast, in dem alle Sprecher in hallenden Räumen sitzen und am besten noch Störgeräusche mit aufgenommen wurden, sehr sehr anstrengend werden. Von einer Wiedergabe über Lautsprechern ganz zu schweigen. Darüber hinaus wissen die im Radio schon, was sie so tun. Eine gut zu verstehende Stimme, die nah am Mikrofon ist, schafft auch emotionale Nähe. Ihr müsst ja nicht wie Vollprofis klingen, aber einigermaßen okay klingende Podcastmikrofone sind gar nicht so teuer und die Investition lohnt sich. Das eingebaute Mikro in eurem Laptop ist auf jeden Fall die falsche Wahl, zumindest nach den ersten paar Testsendungen – und ein Blick auf den Pegel des mp3 vor dem Hochladen wirkt auch manchmal Wunder.

4. Habt keine Angst, zu schneiden

Wer Texte publiziert, sieht diese in der Regel nach dem Schreiben und vor dem Veröffentlichen noch einmal durch. Nicht selten findet man dabei Formulierungen, die man lieber noch mal umstellt oder ändert. Warum sollte für Podcasts nicht das gleiche gelten? Das Aufgenommene noch einmal durchzuhören und geringfügig zu schneiden macht zwar zusätzliche Arbeit, es erhöht die Qualität aber um ein Vielfaches. Abschweifungen, von denen man hinterher feststellt, dass sie nirgendwohin führten; sich endlos ziehende Momente der Sprachlosigkeit oder Äh-äh-äh-Stammelei bei Denkaussetzern, sie alle können glücklich im Nirvana verschwinden. Es lockert zudem die Atmosphäre während der Aufnahme, wenn alle Beteiligten wissen, dass Verhaspler, Hustenanfälle und geistesabwesende Falschbehauptungen hinterher entfernt werden können. Die ganze Pointe eines Podcasts ist ja, dass er zeitunabhängig gehört werden kann, also nicht live sein muss. Nutzt es. (Hilft auch, die Längenrichtlinie einzuhalten)

5. Überrascht mich

Das schöne an regelmäßigen Podcasts ist die Vertrautheit, die man schon nach kurzer Zeit mit seinen Machern entwickelt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich die Moderatoren meiner Lieblingspodcasts mindestens so gut kenne wie gute Bekannte. Diese ewige Wiederkehr des Vertrauten alleine reicht aber nicht aus. Wenn es nach mir geht, solltet ihr eure eingeschliffenen Routinen so oft es geht durchbrechen – idealerweise durch Gäste, die zu den von euch diskutierten Themen etwas Neues beizutragen haben. Aber auch ein Ortswechsel (“Heute mal vom Filmfestival XY”), ein ergänzendes Interview oder das Ausprobieren neuer Rubriken kann den Podcast beleben. Was nicht funktioniert, lässt man halt irgendwann wieder weg. Aber die Möglichkeiten sind endlos.

Meine “Referenzen”: Ich höre jede neue Folge von Radiolab, MusicWeekly, The Guardian Film Show, Scriptnotes, This American Life, PewCast und /Filmcast, ergänzt durch ausgewählte Folgen von Second Unit, The Q&A und dem Zündfunk Generator. Ich habe von jedem mir bekannten deutschen Filmpodcast mindestens eine, eher zwei bis drei Folgen gehört. Meine eigenen Podcastversuche starteten auf Festivals, haben eine Harry-Potter-Retro überlebt und einen Jahresrückblick.

Und jetzt dürft ihr mich in den Kommentaren beschimpfen.