Annotierte Links: How ‘Solo: A Star Wars Story’ Makes the Galaxy Smaller

Der Link: How ‘Solo: A Star Wars Story’ Makes the Galaxy Smaller (filmschoolrejects.com)

Das “Small Universe Syndrome” ist etwas, was lang-laufende Erzählungen schon seit der Zeit beschäftigt, als man sie vor allem in Comics fand. Will man bei jeder Ecke, um die man geht, auf einen anderen Teilaspekt des Universums hingewiesen werden und einen Charakter aus der Nachbarserie treffen? Oder sperrt man sich dadurch in seinen eigenen Möglichkeiten ein?

Ich fand den vielkritisierten Reveal in Solo nicht schlimm, auch wenn er sicher hätte dezenter inszeniert und evtl. besser erklärt werden können. Ich halte es auch nicht für einen schamlosen Cash Grab, damit mehr Leute jetzt Rebels gucken. Es gibt einfach investierte Fans (Mark Rosewater nennt sie bei Magic immer “enfranchised”), die sich über solche Referenzen freuen, weil damit die Arbeit belohnt wird, die sie in dieses Universum gesteckt haben. Für alle anderen ist es ein kurzer WTF-Moment, aber dass man für Franchise-Filme Zusatztexte heranziehen muss, um alles zu verstehen, ist ja inzwischen Normalität geworden. (Für das Marvel-Universum erwarte ich irgendwann einen “Previously on …”-Trailer vor dem eigentlichen Film.)

Ich glaube aber durchaus, dass man mit dem “Small Universe” sehr vorsichtig sein muss. Übermäßige Selbstreferenz und der Wunsch, vorhandene Kreise zu schließen statt neue zu öffnen, weil es sich so gut anfühlt, treiben einen storytechnisch irgendwann zu sehr in die Enge, ketten einen zu sehr an Fremdbestimmtheit. Das beweisen auch andere Prequels wie die Hobbit-Filme.

Ausführlicher und mit einem Beispiel, wie ich es besser finde, hier im Blog.

Alien: Covenant stellt die wichtigste Frage aller Sequels

© 20th Century Fox

In space, no one can hear you spoil

Die Vision des “interaktiven Films”, die vermutlich den meisten Menschen noch im Kopf klebt, sieht wie folgt aus: Der Film beginnt mit einer Hauptfigur und läuft für einige Zeit wie ein normaler Film ab, bis diese Hauptfigur eine Entscheidung treffen muss. Der Film stoppt und die Zuschauenden stimmen ab, wie die Entscheidung ausfällt. Der Film läuft dann entsprechend weiter. Durchgesetzt hat sich dieses Prinzip nicht nur deswegen nie, weil der Produktionsaufwand für alle möglichen Szenen eines sich immer weiter verzweigenden Entscheidungsbaums irgendwann etwas unübersichtlich wird, sondern auch, weil bestimmte Geschichten gar nicht immer wieder in verschiedene Richtungen gezogen werden wollen. Selbst Videospiele, die dieses Prinzip zum Teil umgesetzt haben, bieten oft nur Pseudo-Entscheidungen an.

Alien: Covenant, das haben viele Kritikerinnen und Kritiker angemerkt, wirkt als Ganzes so, als würde es bei einer solchen Entscheidung innerhalb der größeren Alien-Saga auf der Stelle treten. Als recht direktes Sequel zu Prometheus nimmt des die Handlungsfäden rund um den Androiden David und die “Engineers”, die außerirdische Rasse, die eventuell die Menschheit geschaffen hat, auf, führt eine Raumschiffcrew auf den Engineer-Heimatplaneten und deutet weitere große Fragen an, die Regisseur Ridley Scott rund um Schöpfer und ihre Geschöpfe zu beschäftigen scheinen. Covenant macht aber auch das ursprüngliche Monster wieder zum Gegenspieler, den sogenannten Xenomorph, der sich in drei Evolutionsstufen (Ei, Facehugger, Xenomorph) mit Hilfe menschlicher Wirte zum tödlichst denkbaren Organismus entwickelt. Und er scheint sich nicht so recht entscheiden zu können, welche Geschichte er erzählen will.

Mythologie, Schmythologie

Kein Wunder, wenn man auf die Entstehungsgeschichte des Films schaut: Scott wollte ursprünglich auf genau dem Weg weitergehen, den er mit Prometheus beschritten hatte. Er wollte die mythologischen Fragen hinter seinem ursprünglichen Alien-Film erforschen. Wo kommen die Aliens her? Wer hat sie geschaffen? Welche Beziehung haben sie zur Menschheit? Drehbuchautor John Logan, und sicher auch die Marketing-Abteilung des Studios, drückten Scott jedoch stärker zurück zu den Wurzeln des Franchises – Menschen werden in einem Raumschiff, oder auf einem Planeten, von fiesen Kreaturen verfolgt. Mythologie, Schmythologie.

In der Kritik wurde die daraus resultierende Unentschlossenheit des Films, in der das Alien zwar irgendwie alle klassischen Verfolgungssituationen wie einen Parcous durchläuft, der eigentliche Gegenspieler aber der Größenwahn von David ist, entsprechend aufgenommen. Entweder nervte der epische Sci-Fi-Überbau – Glen Wheldon fasste im NPR-Podcast Pop Culture Happy Hour zusammen, alles, was er von einem Horrorfilm Marke Aliens wissen müsse sei “There are beasties”, der Rest sei überflüssig – oder das halbherzig eingefügte Alien, ohne das der Film vielleicht besser gewesen wäre. Die Unentschlossenheit an sich ist aber das Resultat einer wichtigen Frage, die sich im Franchise-Zeitalter immer häufiger stellt: Wie, zum Teufel, hättet ihr eigentlich gerne eure Sequels?

Prozedur oder Welt

Denn im Grunde liefert Alien: Covenant in einer Art Meta-Prozess zwischen denen, die die Filme machen und denen, die sie rezipieren, eine Auswahlmöglichkeit, die beinahe an die anfangs erwähnten interaktiven Filme erinnert. Wollt ihr, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, lieber, dass jeder Film das Grundprinzip des Originals unangetastet lässt, und es nur ad nauseam in neue Kontexte setzt, wie es jahrzehntelang bei Fortsetzungen üblich war? Oder wollt ihr, dass sich Filmemacherinnen und Filmemacher tatsächlich überlegen, welche Geschichten sich innerhalb der etablierten Diegese außerdem erzählen lassen – auf die Gefahr hin, dass sich der Fokus der späteren Filme verschiebt? Liegt die Essenz des Films in seinen prozeduralen Eigenheiten – am Anfang eine Leiche, am Ende eine Verhaftung; oder eben am Anfang ein Alien, am Ende ein Final Girl – oder in der Welt, die er erschafft?

Immer mehr Filme geben heute die zweite Antwort, genau wie auch immer mehr Fernsehserien die zweite Antwort geben und sich vom starren Festhalten an bestimmten Konventionen lösen, gerade wenn sie von Streamingdiensten produziert werden (z. B. Master of None oder BoJack Horseman). Mit Bezug auf die Planet of the Apes-Filme habe ich hier im Blog mal festgehalten, dass sich erfolgreiche Prequels (und Covenant ist ein Prequel) eher durch Weltöffnung, visuelle Motive, und entscheidende narrative Momente auszeichnen als dadurch, Plotlöcher eng zu schließen oder Bekanntes zu wiederholen.

Alien: Covenant versucht, beide Antworten auf einmal zu geben und scheitert wahrscheinlich – je nachdem, wer zuschaut – immer mindestens mit einer von beiden. Ich persönlich mochte Scotts philosophisches Geschwurbel und die Welt, die er dafür entwirft. Covenant macht Prometheus sogar im Rückblick besser. Aber ich weiß, dass ich damit eher in der Minderheit bin.

Wie hättest du gerne deine Fortsetzungen?

Piq: Haben wir das Happy End abgeschafft?

Jacob Hall ist einer der besten Thinkpiece-Autoren in der US-Filmbloggerszene, nachdenklich und eher versöhnlich als konfrontativ. Mit vielen der Gedanken, die er in seinem neuen Stück für “Slashfilm” aufwirft, ist er nicht der erste – es gibt exzellente Artikel aus Wired und Daily Dot, die sich auch mit dem neuen Kulturparadigma beschäftigt haben, in dem Geschichten kein Ende mehr finden.

Der neue Aspekt hier ist das Wort “Happy”. Anhand von Harry Potter and the Cursed Child und Star Wars: The Force Awakens seziert Jacob Hall, dass heutigen Helden eben nicht mehr nur kein Ende ihrer Geschichte mehr zugestanden wird, sondern auch kein lang anhaltendes Glück. Auf diese Weise, schreibt er, kommen wir nie dazu, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wir wollen uns nostalgisch an sie erinnern und reißen trotzdem ihre alten Wunden ständig wieder auf. “It’s frustrating to watch two worlds with infinite possibilities barrel toward the future while remaining so closely tethered to the past.”

Fans, meint er, bekommen zurzeit alles, was sie sich wünschen, nämlich eine endlose Parade an Abenteuern mit Charakteren, die sie lieben. Aber vielleicht, das ist seine Schlussfolgerung, sollten wir auch mal an das Schicksal der Charaktere denken.

Artikel auf “Piqd” bewerten und lesen

Das große Wunschkonzert – Sind Filme wie Terminator: Genisys Fanfiction?

© Paramount

Spätestens seit dem Erfolg von 50 Shades of Grey sollte Fanfiction vielen Menschen ein Begriff sein. Der Roman, der sein Leben als Fanfiction zur Buch- und Filmserie Twilight begann und dann zum Bestseller wurde, war der lebendige Beweis dafür, dass das überwiegend von weiblichen Fans betriebene Hobby, neue Geschichten für ihre Lieblingscharaktere aus Film, Fernsehen und Literatur zu erfinden, Mainstream-Appeal haben kann. Fanfiction ist längst das Objekt einer ganzen geisteswissenschaftlichen Forschungsrichtung, es gilt als interessantes Instrument des Empowerments von Fans wie von Frauen und es ist in vielen Fällen auch viel mehr als die reine Beschreibung erotischer Szenarien, selbst wenn die Unterabteilung “Slash” recht groß ist.

Nicht nur wegen des Slash-Faktors hat Fanfiction dennoch nicht den besten Ruf. Die Fanfic-Schreiber_innen wissen das. Sie diskutieren ihre Werke selbstkritisch und selbstironisch im Internet und haben längst ein ganzes Vokabular erschaffen, um die Probleme zu benennen, die ihr Hobby mit sich bringt. “Schlechte” Fanfiction – das Wort steht bewusst in Anführungszeichen, denn manche Autor_innen schreiben diese Geschichten auch in vollem Bewusstsein darüber, was sie gerade tun – fügt dem Originaltext wenig hinzu außer der persönlichen Wunscherfüllung der oder des Schreibenden. Sie reflektiert weder die Regeln der fiktionalen Welt, die sie erschafft, noch die unserer eigenen und spielt einfach Situationen durch, die der Autor oder die Autorin gerne erleben wollen. Das beliebteste Instrument dafür, nach dem inzwischen sogar eine feministische Popkultur-Seite benannt ist, ist die “Mary Sue“, ein allgemeiner Terminus für einen Charakter, der das nur schwach verklausulierte Idealbild der Autorin darstellt und dann stellvertretend die Abenteuer erleben darf, die ihr verwehrt bleiben.

Die Irren leiten das Irrenhaus

Diese lange Einleitung soll nur Hintergrund sein für eine Situation, die in der Popkultur längst überall gang und gäbe ist. Fans sind nicht nur die Autorinnen und Autoren der inoffiziellen Fortschreibungen von Serien, Comics und Filmen in Internetforen. Sie sind auch die offiziellen Autoren, Regisseure und Künstler, die sie am Laufen halten. Das Wiki “TV Tropes” nennt diesen Zustand “Running The Asylum“. Die Irren leiten das Irrenhaus. Popkultur-Franchises sind so alt und langlebig, dass sie heute von Menschen fortgeschrieben werden, die in ihrer eigenen Kindheit als Fans mit ihnen aufgewachsen sind. Meistens ist das gar kein Problem, denn natürlich sind diese Menschen inzwischen erwachsen und in der Lage, ihre eigenen Befangenheiten zu reflektieren. Aber manchmal ist es eben doch eins.

Jeff Cannata hat es im “/Filmcast” zum neuesten Ableger der Terminator-Reihe, Genisys, ganz gut auf den Punkt gebracht (bei 44:31).

Here’s the thing about this and Jurassic World for me. (…) The people who are making these movies, these properties that are 20 or more years old, were kids when those movies were out and they remember them fondly. And these movies feel like the kids got the keys to the kingdom and they get to write some fun fan fiction that is really reverent to the souce material, sort of like: what we always wished it could be. We sat around and thought: Well, if they had access to a time machine, why didn’t they just do X, Y or Z? And I feel like both this and Jurassic World are like the best fan fiction version of these franchises.

Was Cannata sagt, spiegelt in seinen beiden Kernpunkten den Konflikt des Fandoms an sich wieder. Menschen, die plötzlich ans Ruder einer von ihnen früher vergleichsweise unreflektiert geliebten Operation gelassen werden, fühlen sich hin- und hergerissen zwischen der Verehrung ihres Idols und dem Wunsch, daraus das zu machen, was sie sich immer erträumt hatten. Wer versucht, beiden Extremen gerecht zu werden, kann wahrscheinlich nur ein minderwertiges Ergebnis abzuliefern.

Veränderung des Mythos

Terminator: Genisys bietet einem Fanfiction-Autor mehr als jedes andere Franchise die Mittel dafür, den Spagat dennoch zu versuchen. Weil es im Terminator-Universum Zeitreisen gibt, bekommen Regisseur Alan Taylor und seine Drehbuchautor_innen Laeta Kalogridis und Patrick Lussier im Wortsinn die Möglichkeit, die Historie des Terminator-Mythos zu verändern. Genisys inszeniert tatsächlich einige Szenen des Original-Terminator von 1984 nach und verändert sie dann im neuen Zeitstrahl des Films, der – wie wir später erfahren – daraus entstanden ist, dass der “gute” T-800 bereits in eine Zeit vor dem ersten Film zurückgeschickt wurde.

In seinem weiteren Verlauf pickt Genisys sich wahllos alle coolen Ideen und Momente aus den bisherigen Terminator-Filmen zusammen, von Arnolds One-Linern bis zu den Flüssigmetall-Moves des T-1000, dessen Präsenz im Film tatsächlich nur dadurch gerechtfertigt zu sein scheint, dass es geil war, ihn mal wieder in Aktion zu erleben. Gleichzeitig besteht Genisys in seinem zentralen Mantra, der T-800 sei “alt, aber nicht veraltet” (“old, but not obsolete”) immer wieder darauf, dass halt doch Nichts über das Original geht. Damit untergräbt er seine eigene Existenz und insbesondere seinen ziemlich dämlichen dritten Akt. Genisys will eben nichts Neues versuchen, wie der spektakulär gescheiterte vierte Teil Terminator: Salvation, der zu einer ganz anderen Zeit spielte. Er will eigentlich nur das Gleiche noch einmal erzählen, die besten Stücke raussuchen und ein bisschen größer und spektakulärer erneut erleben.

Owen Grady ist die perfekte Mary Sue

Jurassic World ähnelt Genisys in dieser Hinsicht tatsächlich. Wie der Terminator-Film ist auch Colin Trevorrows Mega-Erfolg ein selektives Sequel, das nur die Teile des Mythos weiterentwickelt und aufgreift, die den Autoren gut gefallen haben. Und genau wie das Schwarzenegger-Vehikel ist auch Jurassic World hin- und hergerissen zwischen absurden Erfüllungsphantasien (“Was wenn der Park tatsächlich geöffnet hätte?”, “Wie geil wäre es denn bitte, wenn man Raptoren trainieren könnte?”) und einer lähmenden Ehrfurcht gegenüber dem Originalwerk, dessen T-Rex natürlich allein schon deswegen cooler ist als seine jüngeren Epigonen, weil er das Original ist. Chris Pratts Charakter Owen Grady ist in alledem die perfekte Mary Sue oder – wie man bei Kerlen sagt – Mary Stu.

Auch die Erschaffer_innen von popkulturellen Erfolgen geben manchmal den Fan-Impulsen nach, was im Fachjargon gerne “Fanservice” genannt wird. Es ist an sich nichts Schlechtes, sich ab und an einen Wunsch zu erfüllen. Zudem gehören “Was wäre wenn”-Szenarien fest zu den Merkmalen des modernen Franchising und sie sind einer seiner interessantesten Aspekte, egal ob es um einen alternativen Zeitstrahl von Star Trek geht oder darum, was passiert, wenn Thors Hammer und Captain Americas Schild aufeinandertreffen.

Doch die Fans, die den Schlüssel zum Königreich bekommen haben, müssen dennoch aufpassen, dass sie nicht zu tief in den Fanfiction-Strudel hineingerissen werden. Für die Außenwirkung eines Franchises ist es nämlich doch irgendwie wichtig, ob seine Fanfiction nur unter Fans geteilt wird, oder ob sie zu einem neuen Teil des Kanons wird und damit auch auf das Original zurückreflektiert. Für zukünftige Sequels sollte es wichtiger sein, den generellen Geist des Originals zu behalten, sich zu besinnen, welche zentralen Ideen es groß gemacht haben und ruhig mit allem anderen in eine radikal andere Richtung zu gehen und dort Originelles zu schaffen – Beispiel Mad Max: Fury Road. Die gegenteilige Möglichkeit, ein Derivat des Originals zu schaffen, das seine Verwandschaft aber nur an Äußerlichkeiten festmacht und sich ansonsten in wilden Wunschkonzerten verliert, kann langfristig nur in die Bedeutungslosigkeit führen.

Film-Franchising: Bilanz und Ausblick

© Disney

Avengers: Age of Ultron

Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle eine Vorschau auf die Franchise-Entwicklungen des kommenden Jahres veröffentlicht. Das möchte ich dieses Jahr wieder tun. Doch es lohnt sich, zunächst einen längeren Blick zurückzuwerfen, denn 2014 war in vielerlei Hinsicht ein entscheidendes Jahr in Sachen Film-Franchising. Wie immer: vage SPOILER für alle Entwicklungen bis heute.

Ich muss am Anfang doch erst noch einmal die Avengers erwähnen. Film-Franchising ist in Hollywood nun wirklich nichts Neues, aber Joss Whedons Film hat 2012 einfach der ganzen Industrie bewiesen, dass es nicht nur grundsätzlich funktioniert, dass Prinzip des Crossover-Comics auf die Welt der Big-Budget-Filme zu übertragen, sondern dass man damit auch unfassbar viel Geld verdienen kann. Wieviel Geld? Dritterfolgreichster-Film-aller-Zeiten-viel.

Die Ergebnisse dieser Erkenntnis im Jahr 2012 konnte man 2014 im Kino sehen. Jene Studios, die sich schon länger im Spiel befinden, fühlten sich in ihrem bisherigen Tun bestärkt und lieferten vergleichsweise erzählerisch mutige Filme ab. Die beiden Disney/Marvel-Filme etwa: Captain America: The Winter Soldier, in dem die Grundordnung des filmischen Universums auf den Kopf gestellt wird und Guardians of the Galaxy, dessen Franchise-Fäden ihn nur sehr dünn mit dem Rest dieses Universums verbinden, und der sich trotzdem voll auf die Marke Marvel lehnen konnte. Dito Fox mit X-Men: Days of Future Past, der voller Verve zwei filmische Universen miteinander verschmolz, um so die bisher erzählten Geschichten quasi ohne Abzusetzen weiterführen zu können.

Nachrüsten mit Marvelsaft

Auf der anderen Seite konnte man den anderen Studios dabei zusehen, wie sie sich mehr schlecht als Recht bemühten, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, indem sie bereits in Entwicklung befindliche oder sogar bereits abgedrehte Filme mühsam mit Marvelsaft nachrüsteten. The Amazing Spider-Man 2 ist das wahrscheinlich beste Beispiel für einen Film, der bei der Kritik vor allem deswegen durchfiel, weil man ihm ansah, wie das ursprüngliche Drehbuch durch diverse Anbauten im Nachhinein franchise-tauglicher gemacht wurde. Universal machte das gleiche mit Dracula Untold, aus dem sie mit einem End-Credits-Tag nachträglich den ersten Akt eines Monster-Universums schufen.

© Universal

Dracula Untold

Ich fühlte mich extrem an den Postkonvertierungs-3D-Boom von 2011 erinnert, und an die Wut die sich über Filme wie Clash of the Titans im Nachgang von Avatar ergoss, als “Marvel-Style Shared Universes” im Herbst 2014 auf der generellen Hassliste selbst von Nerd-Kritikern ganz oben landete. Es half sicher nicht, dass sowohl Warner/DC als auch Disney/Marvel sich in ihrem Erfolg so bestätigt fühlten, dass sie auf großen Events ihre geplanten Filmkalender gleich für die nächsten fünf Jahre vorstellten, was gerade bei jenem Teil der Bevölkerung zu Kopfschmerzen führte, der ins Kino geht, um dort so etwas Ähnliches wie Kunst zu erleben.

Hat Mark Harris recht?

Den besten, weil reflektiertesten, Artikel zum Thema verfasste Mark Harris bei “Grantland”. Harris erkennt die lange Geschichte an, die Hollywood mit Franchises hat und die bis in die Stummfilmzeit zurückreicht. Er weist darauf hin, dass Charakterstudien und ähnliche Formate ins Fernsehen gewandert sind, wo sie mehr Raum haben. Und doch kommt er zu einem bitteren Ergebnis:

The future of Hollywood movies right now — at least, as it lives in the hands of five-year planners — feels somehow small and cautious, a dream dreamed by people whose sugarplum visions of profit maximization depend on the belief that things will never change.

Ich muss sagen, dass auch ich überrascht war, als Marvel im Oktober seinen “Slate” bis 2019 vorstellte. Studiochef Kevin Feige hatte in der Vergangenheit of genug das Mantra wiederholt, dass langfristige Pläne bei Marvel immer hinter der Absicht zurückstecken müssen, den nächsten Film so gut wie möglich zu machen. Mit der Enthüllung ihres Plans vom “Infinity War”, den “Inhumans” und “Captain Marvel” aber legt sich das Studio für die kommenden Jahre extrem fest und schließt – genau wie Harris sagt – eine große Wette darauf ab, dass ihr jetziger Erfolg anhält. Auch der Streit rund um Ant-Man, der sich im Mai entlud, spricht für diese Entwicklung. Der Abspann von 22 Jump Street liefert die passende Parodie dazu.

© 20th Century Fox

Dawn of the Planet of the Apes

Dennoch muss man auch anerkennen, welche interessanten Momente das Jahr 2014 in Sachen Franchising hervorgebracht hat. Von dem bereits erwähnten X-Men: Days of Future Past, der ähnlich wie zuvor Star Trek mithilfe eines Zeitreiseplots einen nahtlosen Übergang von Sequels zu Prequels schaffte, bis zu Dawn of the Planet of the Apes, der gelungen eine Mythologie weiterspinnt und deren weiße Flecken füllt, ohne sich zu sklavisch an seine Vorlage zu ketten. In ihrer Verbindung von erzählerischen Volten und geschickter Marketingpolitik bleiben diese Filme Faszinosa. Anders übrigens als The Hobbit: The Battle of the Five Armies, an dem sich im Dezember die gesamte Enttäuschung über die LotR-fizierung von Jacksons zweiter Trilogie endgültig Bahn brach.

Der größte Coup gelang aber wieder einmal Marvel Studios, die im Frühjahr in Captain America: The Winter Soldier ein Ereignis einbauten, dessen Auswirkungen auf andere Bereiche des Franchise-Universums parallel zum Release des Films im Fernsehen verfolgt werden konnten. Nach dem Charakter-Crossover von The Avengers ist diese Event-Synchronität schon die zweite Comic-Mechanik, die das Studio erfolgreich in die Welt der bewegten Bilder transponiert hat. Man darf ruhig mal anerkennen, dass diese Form der Programmierung Live-Erlebnisse schafft, die im Zeitalter der ständigen Verfügbarkeit von Medieninhalten immer noch etwas besonderes sind.

Auf dem Weg zu den Inhumans

Wohin also führen uns diese Entwicklungen im Jahr 2015? Marvel Studios dominiert wie schon letztes Jahr die erste Jahreshälfte. Agent Carter, die neueste Marvel-Serie läuft in diesen Wochen in der Saisonpause von Agents of S.H.I.E.L.D. und erweitert das Marvel Cinematic Universe um Erzählungen aus der bisher noch nicht beleuchteten Nachkriegszeit. Erwartbar ist, dass Marvel versuchen wird, den Coup des Vorjahres zu wiederholen und sowohl Agent Carter als auch Agents of S.H.I.E.L.D. in irgendeiner Weise mit dem Start von Avengers: Age of Ultron am 1. Mai (in Deutschland am 30. April) zu verschränken. Im Gegensatz dazu steht Daredevil (10. April), der ersten von vier Serien, die Marvel für Netflix produziert hat wohl in einer etwas anderen Ecke des MCU, heißt es.

Age of Ultron selbst wirkt den bisherigen Trailern zufolge wie ein erster Schritt in ein etwas düstereres Marvel-Universum, das sich 2016 mit Captain America: Civil War fortsetzen wird. Der relativ generisch aussehende Ant-Man (23. Juli), der ja eher eine Komödie werden soll (Drehbuch: Adam McKay, Paul Rudd, Edgar Wright, Joe Cornish), mag da gar nicht so richtig reinpassen. Genausowenig wie in den nächsten großen Story-Arc im Marvel Cinematic Universe, das Erwachen der sogenannten “Inhumans”, die Marvel Studios wohl als Alternative zu den X-Men positionieren will, an denen sie keine Rechte haben. Die ersten Samen für die Inhumans-Story wurde im Mid-Season-Finale von Agents of S.H.I.E.L.D. gepflanzt. In Age of Ultron werden dann wohl schon zwei Inhumans mitspielen: Scarlet Witch und Quicksilver.

© Disney

The Force Awakens

Alle Kanonen in Stellung

Es ist kein Wunder, dass bei Marvel Studios im Herbst nichts mehr passiert, denn spätestens ab August wird Mutterschiff Disney alle Kanonen in Stellung bringen, um das größte Blockbuster-Event des Jahres hochzuhypen: Star Wars – Episode VII: The Force Awakens (17. Dezember). Aus Franchising-Sicht sind daran vor allem drei Dinge interessant: Erstens, dass Disney bereits 2014 die Entscheidung getroffen hat, den bisher etablierten Kanon des Story-Universums neu zu sortieren, um sich mehr erzählerische Manövrierfähigkeit zu schaffen. Zweitens, dass wohl noch zu später Stunde in der Pre-Production die Entscheidung fiel, den Soft Reboot des Star-Wars-Universums noch softer zu machen, als zuvor geplant und deutlich mehr Fokus auf bereits etablierte Charaktere zu legen (auch wenn der erste Trailer das Gegenteil suggeriert). Drittens, dass Star Wars in Zukunft auch im Kino zu einem “Shared Universe” wird, bei dem die großen “Episoden” begleitet werden von Spinoff-Filmen auf anderen Zeitstrahlen, von denen der erste bereits 2016 ins Kino kommt.

2016 wird auch das Jahr, in dem es für DC/Warner so richtig in die Vollen geht, wenn sowohl Batman v Superman: Dawn of Justice als auch Suicide Squad starten, die wahrscheinlich in bester Nolan/Snyder-Manier beide sehr düster werden. 2015 hält das Studio noch ein wenig die Füße still und konzentriert sich auf den Erfolg seiner Superhelden-Fernsehserien Arrow, Flash und Gotham. Zumindest Arrow und Flash wurde im Dezember 2014 auch bereits ein Crossover geschenkt. Weitere sollen folgen. (Disclaimer: Ich verfolge die DC-Serien nicht. Vielleicht kann jemand in den Kommentaren ergänzen, was uns dort Tolles erwartet.)

Ein weiterer Superheldenfilm wird uns 2015 noch heimsuchen: der Reboot von The Fantastic Four (6. August), zu dem gerade der erste Trailer veröffentlicht wurde. Da 20th Century Fox (X-Men) produzierendes Studio ist, liegt die Vermutung nahe, dass auch hier ein Crossover geplant ist. Bis auf die Tatsache, dass Drehbuchautor Simon Kinberg gesagt hat, er fände das spannend, gibt es aber noch keine Pläne.

© Paramount

Terminator: Genisys

No Fate

Terminator: Genisys (Paramount, 9. Juli) wird entweder eine brillante Zeitreise-Reflektion à la Back to the Future – Part II oder ein gigantischer Clusterfuck. Das Franchise hat sich schon immer im Kern darum gedreht, ob es so etwas wie Schicksal gibt und während der letzte von James Cameron inszenierte Teil von 1991 darauf noch die eindeutige Antwort “Nein” gab, wurde mit dem Konzept seitdem in der Serie The Sarah Connor Chronicles und dem missglückten Sequel Salvation immer wieder gespielt. Genisys scheint jetzt alles bisher passierte neu verquirlen zu wollen und wirft die Elemente und Zeitebenen wild durcheinander. Bisher ist das Ergebnis eher Ratlosigkeit.

Mit ein paar Ausnahmen sind alle weiteren Franchise-Filme, die für 2015 geplant sind, “reguläre” Fortsetzungen der alten Schule, die einfach nur mehr Geschichte aus etablierten Figuren herausholen, wie man Mark Harris’ Tabelle entnehmen kann. Gut zu erkennen ist das meist an der Zahl im Titel. Sowohl von Pitch Perfect 2 (14. Mai) als auch von Mission:Impossible 5 (14. Januar 2016) sollte man also keine narrativen Zaubertricks erwarten.

Was sind die Ausnahmen? Da ist einmal Jurassic World (11. Juni), der ein totgeglaubtes Franchise mithilfe eines Soft Reboot wieder zum Leben erwecken soll. Soft Reboot deshalb, weil die Bezüge zur Original-Trilogie – über die Idee des Dinoklonens hinaus – wahrscheinlich minimal sein werden – weder spielt der Film zeitlich nahe an Jurassic Park 1 bis 3, noch sind Figuren des Originals involviert. (Ergänzung: Allerdings spielt der Film auf der gleichen Insel wie die Ursprungsverfilmung und getwitterte Bilder lassen vermuten, dass es doch direkte Storybezüge geben könnte.)

Mad Max: Fury Road

Furious 7 (2. April) wird eigentlich nur deswegen interessant, weil der noch nicht abgedrehte Film irgendwie so umgestrickt werden musste, dass er den Tod eines Hauptdarstellers während der Dreharbeiten kaschiert, ebenso wie The Hunger Games: Mockingjay – Part 2 (19. November). Nachdem die James-Bond-Serie jahrzehntelang mit wenig Zusammenhalt zwischen den Filmen auskam, ist sie seit dem Reboot mit Casino Royale einer konkreten Storyline gefolgt, die in Skyfall mit dem Tod von M ein vorläufiges Ende-im-Anfang gefunden hat. Es wird interessant sein, zu sehen, wo genau Spectre (5. November) jetzt ansetzen wird.

Und dann ist da noch Mad Max: Fury Road (14. Mai), dessen Trailer bei einigen Leuten kleinere Orgasmen ausgelöst hat und mir irgendwie ziemlich egal ist. Bemerkenswert ist er vor allem deswegen, weil hier ein Regisseur 30 (!) Jahre nach dem letzten Film der Serie zu seinem eigenen Franchise zurückkehrt. Da bis heute niemand weiß, worum es in Fury Road eigentlich gehen wird – außer, dass er im Grunde eine einzige lange Verfolgungsjagd ist – kann davon ausgegangen werden, dass die Verwandschaft mit den Vorgängen auch eher in Motiven und Emotionen liegen wird, als in harten Storybezügen Die offizielle Synopsis des Films sagt an, dass der Film, der eine einzige lange Verfolgungsjagd sein soll, direkt nach den Ereignissen von Beyond Thunderdome von 1985 weitergeht.

Das Vermächtnis von Avatar

Ende des letzten Jahres landeten gleich drei Artikel in meinem Feedreader, die sich damit beschäftigten, dass James Camerons Avatar über den 3D-Boom hinaus kaum popkulturelle Fußstapfen hinterlassen hat (1, 2, 3), obwohl er vor fünf Jahren so ein Riesenerfolg war. Ich denke manchmal darüber nach, ob man den Filmen aus dieser jetzigen Spitzenzeit der “Cinematic Universes” in einigen Jahren den gleichen Vorwurf machen wird, eben weil die Franchisifikation von Geschichten auch viele Nachteile mit sich bringt.

Und in der Tat fand ich etwa Captain America: The Winter Soldier und Guardians of the Galaxy in der Zweitsichtung deutlich weniger beeindruckend, als im Mahlstrohm der Hypemaschine zum Kinostart. Die kommenden zwei Jahre werden wahrscheinlich darüber entscheiden, wie ergiebig die Zukunft dieses filmischen Modells noch ist – ob wir uns wirklich auf Franchises bis zum Sanktnimmerleinstag einstellen müssen, oder ob das Publikum gegen die nicht enden wollenden Versprechungen von immer neuen Superlativen irgendwann an der Kinokasse abstimmt. 2016 2017 jedenfalls kommt auch der erste Teil einer neuen Avatar-Trilogie ins Kino und James Cameron gehört zu den wenigen Regisseuren, die wirklich gute Fortsetzungen geschaffen haben. Man wird sehen, ob der Zeitgeist dann immer noch auf seiner Seite ist.

Nachtrag, 1. Februar: Sascha von “Pew Pew Pew” und Gerold von “DigitaleLeinwand” haben mich auf ein paar Fehler im Text hingewiesen, die ich korrigiert habe. Außerdem bin ich, wie Gerold zurecht schimpft, in meinem Rundumschlag am Schluss natürlich über ein paar Franchises hinweggehuscht, über die ich auch noch ausführlicher hätte schreiben können, aber es nicht getan habe, weil ich sie nicht (gut) kenne.

  • Paranormal Activity bekommt 2015 bereits seinen 6. Teil und sogar David Bordwell hat schon einmal darüber geschrieben wie das Franchise seine eigenen Methoden immer wieder interessant variiert, reflektiert und bricht.
  • Disney baut sich unbemerkt von einem großen Teil der Welt ein Imperium mit seinen Tinkerbell-Filmen auf. Tinkerbell und das Nimmerbiest (März in den USA) wird Teil 6 der erfolgreichen Reihe, die ich mir allein aus Forschungsinteresse gerne mal anschauen würde.
  • Despicable Me bekommt mit Minions (2. Juli) ein Spinoff, ähnlich wie es Madagascar 2014 mit The Penguins of Madagascar bekommen hat. Das Thema “Sidekicks sind viel interessanter als Hauptcharaktere und die Industrie nutzt das jetzt auch erzählerisch aus” wäre wahrscheinlich auch mal einen Blogpost wert, wenn ich beide Filme gesehen habe.
  • Ein neuer Asterix-Film startet schon in ein paar Wochen. Dazu arbeite ich bereits an einer Rückschau auf die bisherigen Zeichentrickabenteuer.

Vier Filme, Vier Regisseure – Wieviel Autorenschaft verträgt ein Franchise? (mit Infografik)

© 20th Century Fox

Weil Franchise-Filme immer mehr den Mainstream-Hollywood-Betrieb übernehmen, stellt sich zunehmend die Frage, inwiefern Regisseure mit einer deutlichen individuellen Handschrift in das System hineinpassen. Schließlich versuchen die großen Studios seit der Blockbuster-Ära immer wieder, “besondere” Regisseure für ihre Filmreihen zu gewinnen, um aus einem generisch erscheinenden Instrument einzigartige Noten herauszukitzeln.

Solche Experimente können gelingen. Manch ein Regisseur scheint so gut zu einem Franchise zu passen, dass man es zeitweise ganz und voller Enthusiasmus mit seinem Stil identifiziert – man denke an die Batman-Filme von Tim Burton und Christopher Nolan oder die Bourne-Episoden von Paul Greengrass. Es gibt Fälle, bei denen einzelne Filme aus einer Reihe positiv herausstechen, gerade weil sie individuell gefärbt sind – Alfonso Cuaróns Harry-Potter-Beitrag.

Sie können aber auch nach hinten losgehen. Marc Forster und das James-Bond-Franchise waren in Quantum of Solace bespielsweise eindeutig kein gutes Paar. Und auch über die Chemie von Ang Lee und Hulk lässt sich sicherlich diskutieren.

Interessant ist, dass uns die Filmgeschichte gleich zwei langlebige Franchises geschenkt hat, denen kein einzelner Regisseur seinen Stempel aufdrücken konnte. Im Gegenteil: Ihr Merkmal ist es beinahe geworden, dass sie versuchen, ihr Quellenmaterial mit jeder Folge durch neue Augen zu sehen – und durchaus nicht durch irgendwelche Augen. Sowohl Alien als auch Mission: Impossible bestehen (bisher) aus jeweils vier Filmen, inszeniert von vier Regisseuren, die meisten von ihnen namhaft und innerhalb des Hollywoodsystems auch als “Autoren” anerkannt.

Mich interessierte, ob man die individuelle Prägung eines Films mit dessen finanziellen Erfolg korellieren kann. Und ich nehme es gleich vorweg: die relativ banale Antwort lautet Nein. Während dem Alien-Franchise zuviel Autorenschaft eindeutig geschadet hat, konnte Tom Cruises Actionfilmserie mit ihrem untypischsten Film am meisten Geld scheffeln:

Auf der Y-Achse der Grafik findet sich das US-Einspielergebnis der jeweiligen Filme, hochgerechnet auf heutige Ticketpreise. Auf der X-Achse ein von mir vergebener “Autoren-Index”, der ausdrücken soll, wie stark der Film von seinen Machern geprägt ist und wie speziell er sich dadurch anfühlt. (Update, 23.9.: Der Index ist mit Humor zu nehmen)

Aber der Reihe nach:

Der Prototyp

Grundsätzlich sollte man festhalten, dass Franchising nur dann möglich scheint, wenn der Ursprungsfilm nicht schon so speziell ist, dass man sich schwer vorstellen kann, den Stoff in eine neue Richtung zu drücken. Dass aus David Lynchs Dune nie eine Filmserie wurde, ist sicher kein Zufall.

Sowohl Ridley Scotts Alien als auch Brian De Palmas Mission: Impossible besitzen genug Individualität, um aus dem Einheitsbrei Hollywoods herauszustechen, sie gehören aber beide nicht unbedingt zu den persönlichsten Filmen der beiden Regisseure. Alien ist etwa längst nicht so introspektiv wie Blade Runner und Ridley Scott noch relativ unerfahren. Und Brian De Palma hatte gerade mit Carlito’s Way quasi Scarface II gemacht und war vielleicht ganz froh, mal wieder einen richtigen Hollywood-Mainstream-Film zu inszenieren.

Beide Filme trafen jedenfalls eine Art Sweet Spot, der sie nicht nur zu großen Geldmaschinen machte, sondern auch zu Startrampen für erfolgreiche Fortsetzungen.

Der Topper

Die Fortsetzung muss immer größer sein als das Original. Auch in diesen beiden Franchises trifft diese Regel gnadenlos zu. James Cameron machte aus Scotts klaustrophobischem Horrorthriller ein gigantisches Science-Fiction-Action-Spektakel und schuf damit den in Fankreisen wohl beliebtesten, weil (sind wir mal ganz ehrlich) wichsvorlagigsten Film der Serie (nicht sexuell, nur in Sachen Ballerei und genereller Badassery). Und John Woo drehte in M:I-2 einfach alle Verstärker auf Elf und verwandelte De Palmas Spionage-Vexierspiel in ein relativ sinnfreies Explosionsfest mit Tauben.

Beide Filme gehören zu den bestverdienensten Instanzen ihrer Serien, doch dahinter scheint mir eher die positive Erwartungshaltung an eine Fortsetzung zu liegen als individueller Stilwille. Denn während De Palmas Film eindeutig eine deutliche Abkehr vom Prototypen darstellt und sogar dem Protagonisten einen völlig neuen Look verpasst, ist Camerons Anpassung subtiler und vor allem auf der thematischen Ebene zu finden.

Der Mutige

Wenn man als Filmstudio zweimal hintereinander erfolgreich war, scheint sich beim dritten Mal der Drang breitzumachen, etwas Neues zu versuchen. Bei den beiden Franchises in diesem Artikel führte das jeweils zu einem deutlich erfolgloseren, vielleicht aber auch zum interessantesten Film der Serie.

David Finchers Alien 3 ist mittlerweile einer dieser Legendenfilme. Der erste Spielfilm eines mittlerweile als genial verehrten Regisseurs, der im Kampf um die kreative Kontrolle zerrieben wurde. Für eine Neubewertung lohnt es sich, den Videoessay “The Unloved” anzusehen und ich persönlich liebe seinen Stil, doch es lässt sich nicht abstreiten, dass der Film innerhalb des Alien-Kosmos nur bedingt funktioniert.

© 20th century fox

Mission: Impossible 3 ist ebenfalls ein Spielfilmdebüt, und zwar von J. J. Abrams. Abrams kam vom Fernsehen und ist hier eindeutig noch auf Bewährung – seine inzwischen legendären Lens Flares etwa sind sehr spärlich eingesetzt. Ähnlich wie Cameron bei Aliens schafft es Abrams aber, sich der Serie inhaltlich überzustülpen. Das Kurtzman-Orci-Abrams-Drehbuch ist eine typische Mystery Box, gleichzeitig ist Ethan Hunt hier erstmals ein Familienmensch (eigentlich ungewöhnlich für eine so chamäleonhafte Figur) und sein Gegenspieler ist ein nihilistischer Businessman/Killer.

Der Vierte

Ein Franchise muss schon sehr erfolgreich sein, damit es auf vier Filme kommt. In den hier untersuchten Fällen entschied der vierte Film darüber, ob es weitere Fortsetzungen geben würde – wie im Fall von Mission: Impossible oder ob nicht eher ein Reboot angesagt wäre, wie bei Alien.

Alien: Resurrection ist eine so merkwürdige Kreatur, wie man sie nur selten findet. Die Markenzeichen von Drehbuchautor Joss Whedon und Regisseur Jean-Pierre Jeunet springen einen geradezu an. Die Einstellungen, Farbwelten und das Knautschgesichter-Casting von Jeunet; die Dialogzeilen und Figurenkonstellationen von Whedon. Aus der Schizophrenie von Drehbuch und Regie – Whedon hat mehrfach öffentlich erklärt, dass Jeunet seine Worte völlig falsch interpretiert hat – ergibt sich eine zwar filmwissenschaftlich interessante Spannung, aber leider kein wirklich guter Film, der entsprechend auch an den Kinokassen völlig versagte.

Während Alien also immer seltsamer wurde, ging Tom Cruise den Weg der Konsolidierung. Ghost Protocol, der vierte der Mission-Filme, ist vor allem solide. Brad Bird in seinem ersten Realfilm kadriert und erzählt präzise, sorgt für einige spektakuläre Setpieces und schafft damit einen gelungenen Actionthriller, aber “besonders” ist der Film eher nicht. Das wichtigste aber: er war erfolgreich genug, um einen fünften Film hervorzubringen. Mission: Impossible 5 unter der Regie von Christopher McQuarrie soll nächstes Jahr ins Kino kommen.

Alien hingegen kehrte mit Prometheus schließlich an seine Wurzeln zurück – zu Regisseur Ridley Scott und zu einer Zeit vor dem ersten Film. Das Ergebnis war durchwachsen. Sigourney Weaver, die ähnlich wie Tom Cruise irgendwann die treibende Kraft hinter den Filmen wurde, hat zum Ausdruck gebracht, dass sie Ellen Ripley gerne noch ein würdigeres Ende verschaffen würde. Sie müsste nur den richtigen Regisseur dafür finden. Die Frage bleibt aber: Wieviel Individualismus braucht es dafür?

Was uns Dawn of the Planet of the Apes über gute Prequels lehrt

Spoilerfrei bis fast zum Schluss (mit Extrawarnung)

Schon Eddie Izzard hat gesagt: “Guns don’t kill people, people kill people – but monkeys do too, if they’ve got a gun.” Und noch befindet sich ein Film in unseren Kinos, der genau diese Comedy-Routine zu illustrieren scheint. “Without a gun, they’re pretty friendly, but with a gun, they’re pretty dangerous …”

Ich mochte Dawn of the Planet of the Apes, den neuesten Ableger des Planet-der-Affen-Franchises, das vor drei Jahren mit dem ersten Prequel Rise of the Planet of the Apes neues Leben eingehaucht bekam. (Warum der Dawn nach dem Rise kommt, weiß bis heute niemand.) Ich fand die Story gut und klar strukturiert, die Charaktere ordentlich ausgearbeitet und die Themen nicht allzu ungelenk aufgetischt. Dawn ist kein philosophisches Meisterstück, aber seine gute Regie und seine erstaunlichen visuellen Effekte erheben ihn über seinen By-the-numbers-Plot.

Der Weg ist das Ziel

Vor allem aber ist er ein hervorragendes Studienobjekt für die Regeln eines (guten) Prequels. In einer Zeit, in der Filmemacher und andere Erzähler überall nach Möglichkeiten suchen, im Rahmen einer etablierten Marke neue Handlungsbögen zu finden, wenden sie sich oftmals der Vorgeschichte eines Ur-Texts zu, um diese zu erzählen. Laut Wikipedia wurde der Begriff “Prequel” im Filmbereich erstmals in den 70ern breiter benutzt (Butch and Sundance: The Early Days) – reifte aber zu einem Wort, das jeder kennt, erst mit den Star Wars-Prequels heran. Die wiederum traten fast in jede Falle, die ein Prequel enthält.

In seinem Standardwerk Building Imaginary Worlds schreibt Mark J. P. Wolf zu Prequels:

Prequels are constrained by the works which come before them, […] since characters’ fates and situations’ outcomes, which appear in the original work, are already known; thus surprise can be lost, and the final state is more than predictable, it is already known for certain.

Wir wissen, zum Beispiel, welche Charaktere nicht sterben können, schreibt Wolf. Insofern gehe es bei einem Prequel eher um den Weg, als um das Ziel. Ein Prequel erschafft einen neuen Startpunkt für diesen Weg und beschreitet ihn bis zu dem Punkt der Reise, den wir bereits kennen.

Ich werkle immer noch an meinem Magnum Opus “Continuity” und dieser Blogartikel ist so eine Art Vorstudie zu einem Kapitel und damit vielleicht etwas ausführlicher als gewohnt. Wer direkt weiter zu den Affen springen möchte, kann das hier tun.

Reverse Engineering

Die beste Analogie aus einem anderen Weltbereich, die man für die Erschaffung eines Prequels ziehen kann ist “Reverse Engineering”. Dabei geht es darum, ein fertiges Produkt in seine Bestandteile zu zerlegen, um herauszufinden, warum es wie funktioniert. Das ultimative Ziel kann sein, eine Kopie herzustellen. Zunächst einmal geht es aber vor allem darum, das Zusammenwirken der Einzelteile zu verstehen, ohne die Originalbaupläne zu besitzen.

Der größte Unterschied zwischen Reverse Engineering in der Kohlenstoffwelt und dem Reverse Engineering, was ein Geschichtenerzähler betreibt, ist, dass ich nach dem Auseinanderbauen eines Gerätes nur die Teile vor mir liegen habe, die zuvor im Gerät enthalten waren. Wenn ich das Gerät wieder zusammenbauen will, kann ich folglich auch nur diese nutzen. Für die Erschaffung eines Prequels aber bin ich nicht auf diese Exklusivität angewiesen. Genau in diesem Unterschied lauern bereits die ersten Fallstricke.

Der Sirenenruf der dramatischen Ironie

Man könnte ja meinen, dass es aufgrund der oben geschilderten Limitierung eines Prequels durch den Originaltext für einen Zuschauer besser ist, wenn es das Original gar nicht erst kennt. Dem widerspricht Mark Wolf, wenn er schreibt:

[O]ften a prequel will rely on the audience’s knowledge of the original work, creating dramatic irony through the audience’s knowledge of how things will eventually turn out and knowing what the characters do not know.

Das Vorwissen um das, was später passiert, ist also integraler Bestandteil eines Prequel-Bauplans. Dramatische Ironie hingegen ist in unserer postmodernen Zeit ein machtvolles Werkzeug und wenige Autoren können sich ihrem Sirenenruf entziehen. Dieser Ruf wird allerdings umso lauter, je mehr man sich auf die oben erwähnten Original-Bauteile verlässt und je weniger man versucht, eine möglichst unabhängige Geschichte zu erzählen.

It’s a small world

Dann nämlich bleibt einem nichts anderes üblich, als die vorhandenen Puzzlestücke neu zu arrangieren und dadurch notwendigerweise neue Beziehungen zu schaffen, die vorher nicht vorhanden waren – und die es auch nicht gebraucht hätte. In den Star Wars-Prequels entstehen durch zu hohes Vertrauen in Bekanntes unter anderem die beinahe absurd scheinenden Tatsachen, dass Anakin Skywalker (später Darth Vader) C-3PO konstruiert hat oder das Boba Fetts Vater Jango der Ur-Klon aller Klonkrieger ist. Mit anderen Worten: Die epische, viele Sternensysteme umspannende Saga über das Schicksal einer Galaxie findet im Kern fast ausschließlich im Zusammenspiel einer Handvoll Figuren statt, die über die Jahre hinweg immer und immer wieder zusammenstoßen.

Der Reiz dahinter ist klar: Es gefällt uns, als Zuschauer Mitwisser zu sein und – anders als die Charaktere – einen Schritt zurücktreten zu können und zu sehen, wie alle Zahnräder ineinandergreifen (→ Operationelle Ästhetik). Das Auftauchen vertrauter Elemente gibt dem Story-Universum Konsistenz. Zu wissen, dass zwei Charaktere einander später noch einmal begegnen werden oder dass ein Charakter seine Meinung zu einem Thema später radikal ändern wird, deutet auf die elementare Ironie unserer Existenz hin.

Meistens nutzen Prequels dieses Wissen für kleine Insider-Gags. Etwa wenn Wolverine in X-Men: First Class auf eine Rekrutierungsanfrage mit einem beherzten “Fuck you” antwortet. Wenn Gloín in The Hobbit: The Desolation of Smaug ein Bild verliert und Legolas erklären muss, dass darauf sein Sohn Gimli (in gut 80 Jahren Legolas’ BFF) zu sehen ist. Und auch das Apes-Franchise konnte in Rise nicht widerstehen, der berühmtesten Dialogzeile des 1968er-Originals ironisch Tribut zu zollen: “Take your stinking paws off me, you damn dirty ape.” (Natürlich kein Vergleich mit Troy McClures Darbietung)

Der Königsweg durch gefährliche Fahrwasser

Geht man über spielerische Andeutungen wie die oben erwähnten hinaus, begibt man sich sehr schnell in gefährliches Fahrwasser. Die Resultate ähneln dabei manchmal fast schon Zeitreise-Paradoxa: Man erschafft Beziehungen zwischen Charakteren von denen diese dann zu einem späteren Zeitpunkt (in der diegetischen Zeit) nichts mehr wissen, weil dieser spätere Zeitpunkt (in der extradiegetischen Zeit) eigentlich ein früherer Zeitpunkt ist.

Die vermeintlich elegantere Methode ist es, diesen Widerspruch einfach zu ignorieren und das extradiegetische Wissen des Zuschauers als Teil der Gleichung zu begreifen. Alternativ kann man den Nerdweg gehen und eine oft unnötig komplizierte “Retcon”-Lösung suchen, die dafür aber zumindest streng genommen keine Widersprüche mehr enthält. Wer es drauf anlegt, kann genau aus solchen Konstruktionen eigene Plots generieren.

Ein Beispiel für den ersten Weg findet sich im Pixar-Prequel Monsters University, dem beinahe eine einzige Dialogzeile aus dem Originalwerk das Kreuz gebrochen hätte, bis man sich entschied, mit dem Widerspruch zu leben. Bryan Singer wählte in X-Men: Days of Future Past eine Art Mittelweg, vielleicht sogar den Königsweg: Er hatte für jede vermeintliche Ungereimtheit zu den Vorgängerfilmen eine Erklärung parat, walzte diese aber nicht auf der Leinwand aus.

Affen auf Pferden

Und damit kommen wir dann auch endlich zu Dawn of the Planet of the Apes. Die Apes-Serie gehört, was die Continuity angeht, zu den kompliziertesten Franchises, die es gibt. Bereits die fünf ursprünglichen Filme enthielten Zeitreisen und damit auch Retcons (Affen, die aus der Zukunft in unsere Gegenwart reisen, bringen den Ursprung für die spätere Zerstörung der Menschheit mit sich). Die neuen Filme Rise und Dawn ignorieren Teile der ursprünglichen Timeline, sind aber auch keine richtigen Reboots der Gesamtserie, weil sie die Bezüge zum Originalfilm von 1968 beibehalten. (Eine ausführliche Analyse inklusive Zeitstrahl findet sich auf “io9”)

Dawn ist (ebenso wie Rise) also auf jeden Fall ein Prequel zu Planet of the Apes und, wie ich finde, ein gutes. Mit all den Vor-Erklärungen dieses Artikels kann man das Warum vielleicht auf drei Punkte reduzieren:

1. Er verweigert sich der Zirkellogik und damit der begrenzten Welt der Original-Sequels Escape und Conquest, in denen der Ursprung für die frühere Geschichte in der späteren Geschichte und damit wieder in der früheren Geschichte liegt. Stattdessen öffnet er die Welt der Geschichte für neue Zeiten, neue Figuren und neue Geschichten, die zwar auf den Ur-Text hinführen, diesen aber erzählerisch kaum beeinträchtigen.

2. Seine Verwandtschaft zum Ur-Text beweist der Film statt durch direkte erzählerische Bezüge lieber durch visuelle Motive, die wie Echos durch die Saga hallen. Meiner Ansicht nach das stärkste Motiv dieser Art sind Affen, die wie Menschen auf Pferden reiten – ein Bild das Charlton Heston dereinst im Original den Atem raubte und das hier eine ähnliche Wirkung entfalten soll (eine wirklich naheliegende Erklärung für die equestrische Kriegsführung gibt es in Dawn nämlich nicht [Ergänzung, 24.11.2014, @die_krabbe sieht das anders und das stimmt wohl]).

3. Den direkten Bezug findet der Film, indem er nach einem entscheidenden Moment sucht, der sozusagen die Timeline der Welt endgültig in Richtung des Originaltextes ausrichtet. Rise erforschte den ultimativen Ursprung der Apes-Saga, indem er den Moment fand, in dem die Apes-Timeline sozusagen von unserer realen abweicht. Dawn sucht den “Sündenfall”, in dem sich eine friedliebende Affen-Gemeinschaft auf den Weg macht, die kriegerische Affen-Zivilisation aus dem Ursprungsfilm zu werden.

(Spoiler in diesem Absatz) Drehbuchautor Mark Bomback beschreibt diesen Moment – in dem Caesar die goldene Regel bricht und Koba tötet, was auch mir im Kino am meisten Bauchgrimmen verursacht hat – im Podcast bei Jeff Goldsmith sehr genau (ungefähr bei 59:00): “He has to come to this very complicated decision, which is: this rule must be broken if we are to survive, but in breaking it, I’m actually breaking something in our community that’s never going to be healed.” (SPOILER ENDE)

Apes vs. George Lucas

Durch diese drei Merkmale – die Öffnung der Welt, die visuelle Verwandschaft und die Erforschung von Schlüsselmomenten – wird aus Dawn of the Planet of the Apes ein Prequel, das die Welt des Originalwerks erweitert, dessen Geschichte weitererzählt in dem es den Weg zum Ziel beschreibt, aber ohne dass es sich zu sehr auf die reine Rekombination von bereits vorhandenem verlässt.

In gewisser Weise kann man dem die Star Wars-Prequels entgegensetzen, welche die Welt nur sehr zaghaft öffneten (indem sie viele Schauplätze und Charaktere recyceln), kaum visuelle Verwandschaft demonstrieren (die Welt der Prequels sieht ganz anders aus als die der Originalfilme) und im Endeffekt einen einzelnen Schlüsselmoment “Wie wurde Anakin Skywalker zu Darth Vader” auf drei Filme auswalzen, bis man ihn nicht mehr sehen will. (Für Red Letter Media ist diese Konzentration auf die Vader-Story der Hauptgrund für die Ineffektivität der Prequels.)

Da inzwischen klar ist, dass es einen dritten Apes-Film aus der neuen Serie geben wird (denn aller guten Trilogien sind drei), bleibt zu hoffen, dass Bomback und Regisseur Matt Reeves auch dort noch gutes Prequel-Material finden werden. Die Zeichen dafür stehen ja eigentlich ganz gut. Alternativ könnte man der Izzard-Idee folgen, einen Affen mit Waffe in Charlton Hestons Haus einschließen und gucken, was passiert.

Franchise-Nomenklatur: “Soft Reboot”

“I’m not sure there’s that much value in determining what these nonsense words
mean anyway. They’re mostly for bloggers and entertainment journalists
to bandy about as they attempt to draw clicks to their website.”
– Craig Mazin, Scriptnotes #150

In der wackren neuen Welt des Film-Franchising versuchen Macher und Beobachter noch immer, der verschiedenen Strategien habhaft zu werden – auch, indem sie ihnen Namen geben. Immer mal wieder stolpere ich dabei auf neue Ideen, die mir gefallen. Zum Beispiel wenn Blogger “Echo-07” in seinem (für Star Wars-Theoretiker wie mich) durchaus interessanten Spekulationsartikel auf “Star Wars Episode 7 News” folgendes zu den neuen Star Wars-Filmen schreibt:

For the short-game we are getting six movies along with the TV show Rebels. For the long-game Episode VII is a “soft reboot” as the Original Trilogy cast acts as “connective tissue,” passes on the torch, passes on their storied legacy to a new generation of heroes and villains to carry said torch as far as they can, until they pass it on. (Meine Hervorhebung)

Den Begriff “soft reboot” im Bezug auf Franchising lese ich hier zum ersten Mal, aber er ergibt für mich sofort Sinn. Kein Wunder: Der “Hollywood Repoerter” identifizierte den Soft Reboot bereits im Februar 2012 als “Hollywood’s newest trend”, unter anderem in Reaktion auf den Backlash gegen The Amazing Spider-Man.

Dahinter steckt der Wille der Filmemacher, die Marke zu erneuern ohne dabei alle Verbindungen zur Vergangenheit zu kappen, wie es Anfang des Jahrtausends so beliebt war. Statt also wie bei James Bond oder Batman zu sagen, “Dies ist nicht der Charakter, den eure Eltern noch kannten, er ist neu und ganz anders und hat nichts mit seiner alten Version zu tun” beschwört man ganz bewusst die Bezüge zum Ur-Text herauf, lässt sich sozusagen von diesem den Segen erteilen, jetzt neue Geschichten zu erzählen, ohne die Kontinuität zu brechen.

Star Wars ist nicht das einzige Franchise, das diesen Weg geht. Jurassic World sieht danach aus. Und sowohl in J. J. Abrams’ Star Trek als auch in Bryan Singers X-Men: Days of Future Past bedienen sich die alten Charaktere Zeitreise-Plots, um die Fackel sogar an jüngere Versionen ihrer selbst weiterzugeben. Transformers 4 scheint den Begriff aktiv im Marketing zu benutzen. Es wird interessant sein, zu sehen was James Cameron mit seiner neuen Avatar-Trilogie macht. Dass das Prinzip in komplexeren Konstrukten wie Comic-Universen nach hinten losgehen kann, darauf wiesen mich zwei meiner Follower auf Twitter hin.

Die Bezeichnung existiert übrigens auch im Computerbereich, wo ja “Reboot” überhaupt herstammt. Und sie passt perfekt: “A soft reboot, by definition, is anything that uses only software to reboot the controller.” Mit anderen Worten: Der Neustart wird aus sich selbst heraus motiviert, es braucht keine externe “Hand Gottes”, die ihn herbeiführt. Daraus folgt, “that a hard reboot will erase everything stored in RAM while a soft reboot will not”. Man ersetze “RAM” durch “Continuity”. (Geläufig scheinen auch die Begriffe “Cold Reboot” und “Warm Reboot” zu sein)

Quotes of Quotes (XXII) – John Scalzi on Franchise Writing

“I think there is a snobbery toward franchise writing that’s wholly unwarranted,” Scalzi says. “It’s a ridiculous double standard. Franchise writing requires flexibility, speed, the ability to adhere to canonical guidelines while still producing entertaining work. That’s a specific skillset.”
– from a “Guardian” article by Damien Walter, emphasis mine

I think this is one more thing I should consider in “Continuity”, maybe by means of an interview. If any franchise writers out there feel like they would want to share their part in creating a connected narration, don’t hesitate to contact me.

Wie ein “Magic: The Gathering”-Film funktionieren könnte (und warum er es wahrscheinlich nicht wird)

Bild: NinnianeCC-BY-NC

Es gibt Momente, da muss ich jeden Anschein, ich würde hier ein seriöses, einigermaßen journalistisches Blog führen, fahren lassen. Und, so leid es mir tut: Dazu gehört eine Meldung, die ich heute morgen gelesen habe: Fox will das Kartenspiel “Magic: The Gathering” für die große Leinwand adaptieren.

Warum haut mich das so um? Nun, von meinem 12. bis 17. Lebensjahr bestanden grob geschätzt 80 Prozent meiner freien Zeit aus Magic-Karten kaufen, Magic-Karten sammeln, Magic spielen und Magic-Karten tauschen. Ganze Samstage und freie Nachmittage wurden in Spieleläden zugebracht, die es inzwischen gar nicht mehr gibt. In Schulstunden konstruierte ich nebenher Decks (schließlich kannte ich alle Karten auswendig). Meine Lektüre bestand bevorzugt aus Kartenspiel-Zeitschriften wie “Inquest” und den “Magic”-Romanen. Irgendwann fing ich natürlich auch an, Magic-Karten inklusive dazugehöriger Hintergrundwelt zu entwerfen.

Immer neue gefährliche Kombinationen

Soweit meine Lebensbeichte. Wer sich unter dem Ganzen nicht so recht etwas vorstellen kann. “Magic”, genau wie die Sammelkartenspiele, die ihm folgten – etwa “Pokémon” – zieht sein Geschäftsmodell daraus, dass die Spieler ihr Kartenspiel, “Deck” genannt, selbst aus allen zur Verfügung stehenden Karten zusammenstellen, die quasi beliebig kombiniert werden können. Wenn immer neue Kartensets auf den Markt kommen, heißt das auch, dass immer neue gefährliche Kombinationen möglich sind. Man muss also auf dem Laufenden bleiben. Verkauft werden die Karten natürlich nicht als Komplettset, sondern in zufällig sortierten Päckchen.

Der reine Inhalt des Spiels besteht darin, dass die Spieler mächtige Magier sind, die sich gegenseitig mit Zaubersprüchen, beschworenen Kreaturen und Gegenständen – den Karten – bekämpfen. Sie sind so mächtig, dass sie zwischen den Welten umherstreifen können und werden daher auch “Weltenwanderer” (“Planeswalker”) genannt. Die Energie für die Zauber, das sogenannte Mana, ziehen die Magier aus der sie umgebenden Landschaft, durch einen weiteren Kartentyp repräsentiert.

Mechaniken und Hintergründe

Für Hardcore-Spieler besteht “Magic” in erster Linie aus Spielmechaniken. Welche Karte kann was, ist gegen welche Strategie effektiv und lässt sich wie kombinieren? Und das Spiel begann 1993 auch größtenteils mit recht generischen Fantasy-Figuren auf den Karten. Als die Popularität wuchs, gab man sich bei der produzierenden Firma Wizards of the Coast, die später von Hasbro gekauft wurde, allerdings mehr und mehr Mühe, den Karten auch einen Hintergrund und eine fortlaufende Geschichte mit Charakteren und Völkern zu geben.

Die große Frage ist also, ob Fox plant, das Spielprinzip und seine Mechaniken oder die Hintergrundgeschichte der Spielsets zu verfilmen. Letztere eignen sich gut für Erzählungen, das beweisen die Dutzenden Tie-in-Romane und -Comics, die mittlerweile existieren und die bis 2011 immer gemeinsam mit einem Set erschienen. Da ich vor über zehn Jahren mit dem Spielen aufgehört habe, kann ich wenig darüber sagen, ob sich eine der jüngsten Storylines besonders gut eignen würde – es scheint jedoch, als seien die Planeswalker seit etwa 2007 nicht mehr nur eine Rahmenhandlung, die eigentlich eher die Spieler betrifft, sondern auch Teil der Spielwelt.

Abschreckende Vorgänger

Es ist dennoch schwer vorzustellen, dass das US-Studio mit diesem Projekt nicht auf die Nase fällt. Wenn sie sich eine der Storylines des Spiels rauspicken, laufen sie Gefahr, einen beliebig aussehenden Fantasy-Film zu machen, auf dem dann überflüssigerweise das Etikett “Magic: The Gathering” klebt (wir erinnern uns an Dungeons & Dragons? Oder lieber nicht?). Wenn sie versuchen, die Spielmechaniken zu verfilmen, könnte das genauso öde enden. Ein Plot über zwei ebenso beliebige Magier, die einander verfolgen und mit Zaubersprüchen um sich werfen (plus natürlich eine Liebesgeschichte). Der letzte Versuch, so etwas auf die Leinwand zu bannen hieß The Sorcerer’s Apprentice und war leider auch ein echter Reinfall.

Das Problem ist, wie bei allen “Verfilmungen” von Spielen, egal ob Brett-, Karten- oder Computer-, dass die Wünsche und Ziele so meilenweit auseinanderliegen. Das Studio möchte in erster Linie den Markennamen nutzen, um vorgeprägte Zuschauer ins Kino zu ziehen (was sowieso klappt). Die Fans hingegen hoffen darauf, ihr Spielerlebnis visualisiert zu sehen (was selten passiert). Keine der beiden Hoffnungen wäre normalerweise ein Anreiz für einen Drehbuchautor, sich an Material heranzuwagen. Solche Anreize wären eher ansprechende Welten, Charaktere oder Storylines. Die sind vielleicht sogar vorhanden, würden aber zu keinem der beiden gewünschten Ergebnisse führen. (Über dieses Problem ist besonders im Hinblick auf Computerspiel-Verfilmungen schon viel geschrieben worden.)

Wahrscheinlich wird also ein Hybrid das Ergebnis sein. Ein Fantasy-Plot, der sich eventuell Namen und Plotelemente aus den jüngsten Spielesets borgt, dann aber irgendwann die Kurve kriegt zu einem großen Magierduell. Da Simon Kinberg auch als “Franchisebeauftragter” verpflichtet wurde, wird das Ganze wahrscheinlich gleich auf mehr als einen Film ausgelegt. Das kann alles sehr schrecklich enden, aber vielleicht gibt es noch Hoffnung.

Was funktionieren könnte

Der erste Tie-in-Roman zu “Magic: The Gathering” hieß “Arena” und er gehört interessanterweise (sicherlich auch aus Nostalgiegründen) zu meinen Lieblings-Fantasyromanen und wartet seit Jahren darauf, noch einmal gelesen zu werden. Er entstand 1994, bevor “Magic” eine komplexe Hintergrundgeschichte hatte. Ganz eindeutig wurde dem Autor William Forstchen nur sehr wenig Material an die Hand gegeben, doch was er daraus improvisierte, könnte als Filmsetting gerade funktionieren: Eine Wüstenstadt, in der sich Magier zum Kämpfen treffen. Intrigen und Betrug, punktiert mit Duellen. Eigentlich eine klassische Martial-Arts-Story, ein Samuraifilm; nur dass die Kämpfe eben mit Magie ausgetragen werden und nicht mit Fäusten oder Schwertern. Kung-Fu Panda mit Weltenwanderern. Das Spiel trägt nicht umsonst den Untertitel “The Gathering”. (Soundtrack von Insane Clown Posse?)

So einen Film würde ich mir angucken, vielleicht sogar genießen. Aber wahrscheinlich kann man sich auf Hollywood verlassen und wir bekommen eher einen neuen Battleship oder Street Fighter. Es würde mich nicht wundern.

[Update, 15. Januar]

Auf meinem Facebook-Profil hat sich angenehmerweise eine lebhafte Diskussion zu diesem Beitrag entwickelt. Und ich musste lernen, dass mein Wissen um “Magic: The Gathering” doch ziemlich in die Jahre gekommen ist. Spieler Matthias Nagy kommentierte:

Wer nicht nur vor einer gefühlten Ewigkeit gespielt hat, sondern es noch heute tut, weiß genau was er sehen möchte. Der Film wird ein typischer Fantasy-Film, dem jeder was abgewinnen kann, der Magic nicht kennt, dessen Hauptdarsteller die derzeitigen Planeswalker sind (Neuer Kartentyp seit 2007). Einige von denen sind sehr stark und haben auch bei einigen Sets in der Hintergrundgeschichte mitgespielt. Jace wäre der Favorit. Wenn dann noch genügend bekannte Sprüche, welche ja auf den Karten auch gut dargestellt sind verwendet werden, werden alle Spieler glücklich sein und die anderen müssen nur noch eine tolle Geschichte bekommen. Bedenkt man wie gut die derzeitigen Geschichten im Kartenspiel der letzten fünf Jahre sind habe ich keine Angst das der Film großartig wird.

Hoffen wir, dass er Recht behält.