Essentialismus ist die falsche Waffe gegen YouTube

Erinnert sich noch jemand an Fappygate? Ein völlig bescheuerter und unnötig eskalierter Netzstreit von vor einem Jahr, in dem Sascha Pallenberg und Yasmina Banaszczuk auf Twitter aneinander gerieten und der darin endete, dass Yasmina sich vollständig aus Twitter zurückzog?

Weil der ausufernde, ätzende Sexismus am Ende das wahre Problem war, kann sich wahrscheinlich kaum noch jemand erinnern, worüber die beiden gestritten hatten. Banaszczuk hatte vermutet, dass sich Andreas Rickmann in einem Blogpost an einer ihrer Thesen bedient hatte, ohne sie zu erwähnen. Die These: Bei YouTube passiert Personality-Zeugs, das wir als erste Netzgeneration gar nicht wirklich mitbekommen und das wir nicht ernst genug nehmen.

LeFloid ist ihr Sascha Lobo

Das war vor einem Jahr. Seitdem ist viel passiert. Eine größere Gruppe YouTuber hat sich von ihrem Management losgesagt. Der YouTuber LeFloid hat die Kanzlerin interviewt und bekommt eine eigene Fernsehsendung. YouTube fährt derzeit eine riesige Werbekampagne in Deutschland, in der zwei Gesichter im Vordergrund stehen und nicht das Medium. Kurz: Was Rickmann und Banaszczuk vor einem Jahr noch beklagt haben, dürfte im kollektiven Gedächtnis angekommen sein. YouTuber sind die neuen Blogger. LeFloid ist ihr Sascha Lobo.

Lucas Barwenczik hat auf kino-zeit.de gerade darüber geschrieben, wie YouTuber Filmkritik machen. So, wie sie alles andere auch machen. Sie setzen sich vor eine Kamera und reden drauflos. Und weil Filmkritik für die meisten Menschen nicht gerade Kulturpraxis ist, wie Lucas kurz zuvor in einem anderen Artikel beschrieben hat, besteht diese Kritik vor allem aus der heiligen Dreifaltigkeit Inhaltsangabe, Bewertung, Konsumempfehlung.

Lucas kritisiert, dass die Kritiker auf YouTube ihr Medium nicht besser nutzen. Da haben sie schon Video zur Verfügung, könnten den Film zeigen, statt ihn wie wir Textknechte nur zu beschreiben, und sie machen es nicht. Stattdessen filmen sie sich beim Labern, ergeben zusammen ein “visuelles Vuvuzela-Konzert” – Flachheit, wo Tiefe möglich wäre. (Ich spare den Punkt, dass es in Deutschland keine Fair use-Gesetzgebung gibt und daher das Arbeiten mit Ausschnitten, zum Beispiel für Essay-Kritiken, immer mit deutlich mehr Abmahn-Risiko verbunden ist als anderswo, hier mal bewusst aus.)

Ich kann doch auch nichts damit anfangen

Es ist nicht so, dass ich Lucas’ Sorgen nicht nachvollziehen könnte. Nicht nur, was die Qualität der Filmkritik angeht, obwohl er dort ja nur in einen Chor einstimmt, dem ich als Wiederholer des Mantras “Wenn ihr gute Filmkritik wollt, macht sie selber, aber erhebt keinen Anspruch darauf, dass euch jemand dafür bezahlt” nur bedingt zuhören möchte. Aber ich kann mit YouTube-Vlogging auch überhaupt nichts anfangen.

Und zwar ebenfalls, weil ich es für eine schrecklich inneffiziente Nutzung eines visuellen Mediums halte, sich selbst beim Reden zu filmen. Einen Blogpost kann ich auf dem Handy lesen, während ich im Bus sitze. Einen Podcast kann ich hören, während ich zur Bushaltestelle laufe. Aber um ein YouTube-Video zu sehen, brauche ich sowohl eine Internetverbindung als auch ungeteilte Aufmerksamkeit. Und wenn der Informationsgehalt dann der gleiche wie bei einem Audio- oder Textformat ist, frage auch ich mich: Lesen geht schneller, Hören erlaubt Multitasking. Wann und warum soll ich das gucken?

Beautiful Faces statt Beautiful Minds

Mal ganz abgesehen davon, dass ich alter Sack natürlich keinen Bezug zu den Personen habe, die da reden. Aber in mir glüht auch noch dieser Funke des Blogzeitalters, der mir sagt: Ja ja, damals, als Blogs noch die Revolution waren, da standen noch die Texte im Vordergrund und eben nicht die Persönlichkeiten. Ich lese Blogtexte von Leuten, zu denen ich auch keinen vorherigen Bezug habe oder die hinter einem Pseudonym verschwinden, und ich finde sie trotzdem interessant, weil mich die Argumentation oder der Schreibstil überzeugt. Auf YouTube muss man jetzt plötzlich doch wieder irgendwie attraktiv sein. Statt “beautiful minds” sind jetzt doch wieder oberflächliche “beautiful faces” ein Kriterium.

Doch zum Glück hat das Altesacktum auch Vorteile. Zum Beispiel, dass es einen hoffentlich vor bestimmten Fallstricken bewahrt, über die man zuvor schon mal gestolpert ist. Und es sind diese Fallstricke, die in meinem Denken über YouTube plötzlich in meiner Erinnerung wieder laute Signaltöne abgeben und mich bitten, sie zu beachten.

Kids these Days

Da wäre einmal das “Kids these days”-Phänomen. Jede Generation beschwert sich über diejenige, die ihr nachfolgt. Jede ist der Meinung, dass sie alles selbst besser konnte und dass das, was nachkommt eine verwässerte/pervertierte Version dessen ist, wofür sie noch kämpfen musste/das hart Erarbeitete wieder zunichte macht/die Dinge, die bei uns ja noch einen Sinn hatten, jetzt ins Absurde weiterentwickelt. Manchmal reichen schon zehn Jahre Altersunterschied, um sich so zu fühlen – wie ich immer wieder feststelle, wenn ich Menschen Anfang 20 gegenüberstehe (Als Jahrgang 1983 gehöre ich zu denen, die als letzte in Deutschland noch einen Magister-Abschluss machen konnten, zum Beispiel).

Aber eben weil es ausnahmslos jeder Generation so geht, ist es Quatsch zu denken, dass es genau dieses Mal anders ist (obwohl es immer wieder auch gute Argumente genau dafür gibt). Wer bin ich, dass ich heutigen Jugendlichen vorwerfen darf, dass sie ihr ureigenstens Medium nicht so nutzen, wie ich das gerne hätte? Was unterscheidet mich von den Leuten, die zehn, zwanzig Jahre älter sind als ich und behaupten, Filmkritik in Blogs wäre keine echte Filmkritik? Leuten, die ich gerne zum Ice Bucket Challenge zwangsnachverpflichten würde.

Der zweite Fallstrick ist die Gefahr des Essentialismus. Ich habe eine Magisterarbeit darüber geschrieben, dass manche Filme, die im Computer erschaffene und bearbeitete Bilder nutzen, irgendwie interessanter sind als andere, weil sie die Möglichkeiten der Technologie stärker ausnutzen. Ich persönlich finde diese Filme auch heute noch interessanter, weil ich mich an den Beziehungen zwischen Kunst, Welt und Technik totfaszinieren könnte, aber ich würde nie wieder behaupten, dass sie anderen Filmen überlegen sind. Wenn man einmal damit anfängt, zu glauben, dass man weiß, welche essenziellem Eigenschaften ein Medium, eine Technik, ein Mensch, eine Nation hat, ist man ganz schnell am Rand von sehr tiefen normativen Abgründen, manche von ihnen durchaus gefährlich.

Eigenschaften, die wir gar nicht sehen

Könnte es nicht zum Beispiel sein, dass die Abgefilmter-Rant-Filmkritiken auf YouTube eine Eigenschaft aufweisen, die andere Medien nicht haben? Nämlich dass ich demjeningen, der mir da etwas erzählt, dabei in die Augen sehen kann? “Authentisch” ist das schlimme Wort, das jeder benutzt, wenn er über diese neue Generation von Nischenstars spricht oder schreibt, aber es muss irgendwas dran sein.

In einer wahnsinnig tollen Kritik eines Helene-Fischer-Konzertes tauchte mir mal dieser Gedanke auf, dass die Art von neuartiger Authentizität dazu führt, dass wir als Kulturkritiker diese Gebilde nicht mehr dekonstruieren können. Sie sind so echt und so roh, dass sie sich eigentlich jeder Kritik entziehen. Jede Kritik der Inszenierung wäre eine unfaire Ad-Hominem-Kritik. Und vielleicht ist genau das, was uns so unruhig macht, was uns sagen lässt “Was tun die da eigentlich und warum finden wir keine Maßstäbe dafür?” genau jenes, was ihre Fans mögen. Wir sind nicht diese Fans. Das müssen wir aber auch nicht sein.

Bild via Wikimedia Commons

In eigener Sache: So kann es mit “Real Virtuality” nicht weitergehen

Es gibt drei Gründe, warum ich blogge.

1. Weil ich muss

Wenn ich viele Dinge lese oder anderweitig aufnehme, die mich interessieren, bekomme ich irgendwann den Drang, sie zu verarbeiten. Seit ich mit dem Studium fertig bin, habe ich nicht mehr so viele Bekannte, mit denen ich auf einem hohen Nerdlevel über Filme reden kann, also ist dieses Blog für mich das beste Ventil. Wenn ich einen Gedanken aufgeschrieben habe, auch wenn es manchmal nur ein kleiner Gedanke ist oder eine leichte Variante von einem Gedanken, den ich schon mal aufgeschrieben habe, geht es mir in der Regel danach direkt besser.

2. Weil ich kann

Dieses Blog gibt mir die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, die mich in einem professionellen Kontext niemand einfach mal so ausprobieren lassen würde. In diesem Blog hat alles Platz. Kurze Gedanken und ellenlange Stücke, Ausflüge in andere Medien und Themen, die eigentlich nur am Rande etwas mit “Film, Medien und Zukunft” zu tun haben. Ich habe auf “Real Virtuality” Podcasts gemacht, Videos veröffentlicht, mich an TV-Recaps versucht, eine sehr krude Infografik gebastelt und und und. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Was klappt und Spaß macht, mache ich öfter. Was nicht so gut klappt, lasse ich lieber.

3. Weil es mir etwas bringt

Ich habe dieses Blog begonnen, als ich noch einen festen Job als Journalist hatte. Ich konnte sowieso jeden Tag schreiben und ins Blog wanderten nur die Sachen, die mir außerdem noch einfielen. Inzwischen schreibe ich deutlich weniger für Geld, aber das Blog trainiert meine Schreibmuskeln nebenher weiter. Das ein oder andere Mal habe ich auch im Blog schon Themen erforscht, für die ich später anderswo bezahlt wurde – manchmal mit einem Artikel und manchmal mit einem Vortrag. Und natürlich gibt es inzwischen einige Leute, die mich wegen meines Blogs kennen. Dieses Blog ist Aushängeschild meiner Persönlichkeit im Netz, meine Visitenkarte, viel mehr als es vielleicht ein Arbeitszeugnis wäre.

Warum schreibe ich diese drei Punkte noch einmal auf? Weil ich eigentlich rekapitulieren will, wieviel mir mittlerweile sechseinhalb Jahre “Real Virtuality” gebracht haben. Denn zurzeit habe ich das Gefühl, ich habe damit eigentlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. An einem durchschnittlichen Tag hat “Real Virtuality” zwar nur etwa 80 bis 100 Page Impressions, aber ich weiß, dass das hauptsächlich daran liegt, dass ich nur etwa einmal die Woche blogge.

Das, was ich schreibe hat aber unter anderem dazu geführt, dass ich auf der re:publica auftreten durfte, auf dem Radar von einigen Leuten landete, die ich bewundere, von Seiten verlinkt wurde, nach deren Empfehlungen ich mich sonst selbst richte, und sogar einen echten viralen Hit landen konnte. In diesem undurchsichtigen Blogranking, auf das man nicht zu viel geben sollte, das mir aber trotzdem irgendwo aus Egogründen nicht egal ist, war ich zwischendurch mal auf Platz 5 aller Film- und Fernsehblogs. Völlig absurd. (#humblebrag)

Und ich habe auch das Gefühl, dass sich etwas geändert hat. Als ich angefangen habe, meine kleinen Thinkpieces über aktuelle Mainstreamfilme zu schreiben (die Form, in der ich mich immer noch am wohlsten fühle) gab es im deutschen Netz außer Rajko quasi niemanden, der das gemacht hat. Inzwischen sehe ich, was Lucas Barwenczik drüben bei “kino-zeit” fabriziert oder was Sophie aus ihrer feministischen Perspektive bei “Filmlöwin” macht und ich sehe: ich bin überholt worden.

So kann das nicht weitergehen.

Ich habe den dringenden Wunsch, mich weiterzuentwickeln. Genau wie David Chen bin ich ein bisschen vom New, Different or Best-Gedanken getrieben. Und da ich in zwei Wochen sowieso nach Berlin ziehe, ist jetzt die beste Zeit für einen Neuanfang. Mein Problem ist nur: Ich kann mich nicht entscheiden. Also habe ich mal drei Varianten aufgeschrieben und würde euch, liebe Leser, um eure ehrliche Meinung bitten.

1. Das Medium wechseln

Ich flirte seit Jahren mit Audio. Ich habe einzelne Podcasts gemacht, die ich auch ganz okay fand. Ich war zu Gast in anderen Podcasts. Ich habe über Podcasts geschrieben. Ich höre sehr viele Podcasts. Und ich wollte immer schon Radio machen, auch wenn es dafür professionell nie gereicht hat. Vielleicht sollte ich endlich den Sprung wagen, und vom schreibende ins quatschende Fach wechseln.

Die naheliegendste Idee wäre natürlich, endlich jenen Film-Podcast zu machen, den ich selber gerne hören würde. Der journalistische Herangehensweise, Veröffentlichungsdisziplin und ordentliche Produktion miteinander verbindet. Aber ich weiß nicht, ob außer mir diesen Podcast wirklich jemand hören will.

Ich habe aber auch noch ein paar andere Ideen, die eher in Richtung Interview- und Reportagepodcast gehen. Wie klingt das?

2. Aggregator sein

Es gibt Marcos “Das Bloggen der Anderen” und es gibt den täglichen Pressespiegel bei “Film-Zeit“. Es gibt die Facebookseiten von “Revolver” und “crew united“, um einen guten Überblick über lesenswerte, auch deutschsprachige Filminhalte im Netz zu bekommen. Aber ich träume nach wie vor davon, ein “6 vor 9” für Film zu bauen. Jeden Tag, oder vielleicht auch jeden zweiten Tag, eine gut sortierte Auswahl von wirklich interessanten oder anderen Webinhalten über Film.

Ich weiß, dass das wahnsinnig viel Aufwand ist. Man muss ja erstmal alles lesen, bevor man es empfehlen kann. Jeden Tag! Ich glaube, ich könnte es nur umsetzen, wenn ich mich für meine Zeit irgendwie bezahlen lassen würde, zum Beispiel über Crowdfunding oder einen Sponsor, damit ich im Zweifelsfall auch jemanden als Vertretung oder Unterstützung engagieren könnte. Denn für einen Aggregator gilt das gleiche wie für Facebook: “If those servers are down for even a day, our entire reputation is irreversibly destroyed!”

3. “Real Virtuality” öffnen

Eins der Dinge, die ich an der Arbeit in meinem Feld schätze, ist die Zusammenarbeit mit anderen. Das ist der Grund, warum ich diese ganze Filmblogosphären-Kiste angezettelt habe und es ist auch der Grund, warum ich öfter sage, dass ich mich persönlich eigentlich eher als Redakteur denn als Autor sehe. Eine “Edelfeder” war ich noch nie, aber ich kommuniziere und organisiere gerne, identifiziere Themen und weise dann andere darauf hin, die viel besser damit umgehen können als ich.

Auf “Real Virtuality” habe ich schon ab und zu mit diesem Gedanken gespielt. Ich hatte Gastbeiträge und habe mich mit Leuten schriftlich zum Gespräch getroffen. Ich fände es cool, wenn “Real Virtuality” noch mehr zu einer Adresse werden würde, wo nicht nur ich sondern auch andere Leute sich ausprobieren können. Kein eigenes Blog? Veröffentliche hier. Unsicher ob bloggen was für dich ist? Ich bin dein Redakteur und helfe dir da durch, gemeinsam schaffen wir Großartiges. Oder willst du mal von mir ein Thema verpasst bekommen, als Inspirationshilfe? Auch kein Problem. Stärker in die Redakteursrolle zu gehen, Menschen zu fordern und zu fördern, fände ich irgendwie ziemlich cool. Wenn es klappt und irgendjemand das will. Geld habe ich natürlich keins, die Redaktion wäre die Bezahlung.


Wie soll es weitergehen? Helft mir beim Nachdenken, bitte. Ich bin für jede Rückmeldung dankbar. Wenn ihr euch nicht in den Kommentaren verewigen wollt, schreibt mir einfach eine Mail. Aber ich mache das eben nicht nur für mich, sondern inzwischen auch für euch. Und deswegen schätze ich eure Meinung sehr.

The Sharing Economy Was Born Innocent

Es ist ungefähr 1999. Das Online-Auktionshaus eBay ist in Deutschland noch sehr neu. Ich bin 16 Jahre alt, internetinteressiert und suche nach Möglichkeiten, günstig meine Musiksammlung zu erweitern. Auf eBay ersteigere ich Highlights – The Very Best of Yes von einem Nutzer namens “Cabriojoe”. In den Überweisungsträger schreibe ich in das Feld “Empfänger” seinen bürgerlichen Namen und seinen Nutzernamen wie einen zweiten Vornamen. Als die CD ankommt, freue ich mich auch darüber, dass ich einen – wenn auch sehr minimalen – persönlichen Austausch mit jemand anderem hatte, der augenscheinlich einen ähnlichen Musikgeschmack hat (oder hatte) wie ich. eBay erfüllt für mich zu diesem Zeitpunkt noch das Bild des virtuellen Flohmarkts, auf dem sich hauptsächlich Privatleute herumtreiben.

Nur ein Jahr später, vielleicht sogar nur ein paar Monate später, ersteigere ich eine weitere CD bei eBay. In der Abwicklung wird schnell klar, dass es sich beim Verkäufer nicht um eine Privatperson handelt. In meiner Bewertung kritisiere ich das und es entsteht ein Austausch, die mir noch 15 Jahre später im Kopf herumspuken wird. Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen. “Einwandfreier Zustand. Schnelle Lieferung. Kritik: Unpersönliches Massengeschäft.” Die Antwort des Verkäufers: “Was ist denn das für ein Spinner? Internet ist nunmal unpersönlich.” Ich bekomme eine Negativ-Bewertung mit der Begründung “vergibt ungerechtfertigt schlechte Bewertungen”. Ich bin gekränkt, aber dass das Internet unpersönlich ist, entspricht nun einmal nicht meiner Wahrnehmung. Ich habe dort jeden Tag sehr persönlich in Foren und Messengers mit Menschen zu tun und ich schätze das.

Der Althippie in Boston

2011 ist eBay längst ein gigantisches Warenhaus geworden, aber Airbnb ist ganz neu. In unserem ersten gemeinsamen Urlaub nisten meine Frau und ich uns über Airbnb im Gästezimmer einer mittelalten Dame in Amsterdam ein, die mit uns morgens gemeinsam frühstückt. Einige Wochen später wohne ich in Boston dank Airbnb bei einem netten Althippie, der mich vom Flughafen abholt, weil mein Flug verspätet ist, mir an seinem Küchentisch ein Bier anbietet, sich mit mir über deutsch-amerikanische Kulturunterschiede unterhält und mich an einem Abend mit seinen Kumpels zusammen in einen Irish Pub mitnimmt.

2015 kennt jeder Airbnb. Als meine Frau und ich in Berlin auf Wohnungssuche gehen, mieten wir über das Portal eine Wohnung, in der eindeutig nie jemand wohnt außer Touristen. Die Vermieterin taucht für die Schlüsselübergabe nicht einmal persönlich auf – sie ist in Italien – sondern schickt einen Freund, in dessen E-Mail-Signatur “Apartment Manager” steht.

Es gibt auf eBay immer noch Privatleute, die Sachen verkaufen. Auch auf Airbnb bieten immer noch Menschen private Gästezimmer an oder Häuser, bei denen man die Kaninchen füttern muss. Sie sind nur seltener geworden. Der Unschuldsverlust eines Internetportals, bei dem der menschliche Faktor ursprünglich mal Teil des Erlebnisses war, wird mich trotzdem jedes Mal wieder schmerzen.

Dieser Beitrag entstand ursprünglich für das Techniktagebuch, aber da es darin im Grunde um Real Virtuality geht, dachte ich, er passt hier auch ganz gut hin.

Starlee Kines “Mystery Show” ist ein verdammter Manic Pixie Dream Podcast

© Gimlet Media

“Is that what you do in your free time?”, wird Starlee Kine vom Ticketmaster-Mitarbeiter am Telefon gefragt. “‘I don’t want to work today, I’m gonna go change someone’s life?'” Kine lacht daraufhin, aber vielleicht auch, weil er so recht hat. Denn ihre Mission scheint es wirklich zu sein, ab und zu ein paar Leben zu ändern. In seiner anderen Vermutung hat der freundliche junge Mann am Telefon allerdings unrecht. Starlee Kine macht das nicht in ihrer Freizeit. Es ist ihr Job, als Host ihres neuen Podcasts “Mystery Show”.

Gimlet Media, Alex Blumbergs geplantes Podcast-Imperium, ist nach jeder Menge Anfangsaufregung in einer etwas ruhigeren Phase angekommen. “Startup”, die Show mit der alles begann, hat sich in ihrer zweiten Staffel zwar ein interessantes Unternehmen ausgesucht, dessen Gründungsphase es begleitet – die persönliche Besonderheit von Blumbergs eigener Gründung kann sie aber nicht replizieren. A propos Wörter mit “Repl” am Anfang, “Reply All”, der zweite Gimlet-Launch, ist ein ziemlicher Gemischtwarenladen, der viel ausprobiert und damit nicht immer reüssiert. “Mystery Show”, Podcast Nummer drei, klingt ad hoc auch nicht so furchtbar spannend: Eine Reporterin zieht herum und löst Rätsel, die man nicht mit Hilfe des Internets lösen kann. Haben wir bei uns im Kinderfernsehen, heißt “Willi will’s wissen”. Next.

Dr. Phil

Doch wer das denkt, hat wahrscheinlich noch nie von Starlee Kine gehört. Wie einige Gimlet-Reporter_innen stammt sie aus demselben Stall wie Blumberg, der Planet-Money-This-American-Life-Connection. Für “This American Life” hat sie mal eine Geschichte über Trennungslieder gemacht, in der sie Phil Collins anruft und ihn fragt, wie das eigentlich geht. Sie liest ihm einen Liedtext vor, den sie über ihre eigene Trennung geschrieben hat und lässt sich von Collins Ratschläge geben. “Dr. Phil“, so der Titel des Segments, ist eine der Sternstunden des amerikanischen Public Radio. Der einzige Podcast, für den ich jemals Geld ausgegeben habe, um ihn herunterzuladen. So sehr wurde er mir empfohlen und so sehr hat mich der Pitch neugierig gemacht. (Ladet ihn auch herunter. Jetzt!)

Für “Mystery Show” setzt Kine auf die gleiche absurd-fantastische Mischung aus Naivität, Hartnäckigkeit und Individualität, um persönliche Rätsel zu lösen. In der ersten Folge, die ausgerechnet die bisher schwächste ist, geht sie dem Erlebnis einer Freundin nach, die sich Anfang der 2000er in einer New Yorker Videothek Must Love Dogs auslieh und am nächsten Tag einen dauerhaft geschlossenen Laden vorfand. Mit etwas Herumfragen findet Kine die alten Besitzer der Videothek und erfährt, was passierte. Charmant erzählt, aber immer noch nicht außergewöhnlich, eine solche Spurensuche.

Britney Spears und 9/11

In Folge zwei jedoch möchte eine Autorin gerne wissen, ob ihr schwach verkauftes Buch, mit dem Britney Spears mal auf einem Paparazzi-Foto zu sehen war, von der Sängerin wirklich gelesen wurde. Mystery-Löserin Starlee Kine versucht auf verschiedene Arten, an die inzwischen notorisch öffentlichkeitsscheue Spears heranzukommen – und am Ende gelingt es ihr sogar. In Folge drei findet sie den ursprünglichen Besitzer einer besonderen Gürtelschnalle und in Folge vier die Geschichte hinter dem Nummernschild “ILUV911”.

Doch es ist bezeichnend, dass der Podcast nicht “Mystery Solving Show”, sondern “Mystery Show” heißt. Denn bei Kine ist der Weg das Ziel. Obwohl es spannend ist, die Antworten auf die Fragen zu bekommen, die am Anfang jeder Sendung aufgeworfen werden, kommt die wahre Herzensfreude beim Hören von den kleinen Seitenpfaden, die Kine zwischendurch einschlägt. Nicht nur die Sackgassen auf dem Weg zur Problemlösung, die immer Teil einer Geschichte sind, sondern die scheinbar irrelevanten Nebenstränge auf denen die Erzählerin sich kunstvoll verliert. Wie das Gespräch mit dem Ticketmaster-Mitarbeiter darüber, wie wichtig es ist, sich selbst zu sagen, dass man etwas wert ist. Oder die skurrilen Erinnerungen einer der ersten Notruf-Dispatcherinnen überhaupt in den USA, die sich in ihrer Anfangszeit mal mit einem Mann herumschlagen musste, der seinem Hund beigebracht hatte, ein Auto zu lenken.

Rote Fäden

Kine erwähnt diese Geschichten nicht nebenbei. Sie gibt ihnen Raum, weil sie weiß, dass sie Teil der großen Geschichte unseres Menschseins sind, die sie eigentlich erzählt. Ihre Mysterien sind nur die roten Fäden, die sie durch ein Dickicht von Alltagsbeobachtungen und Einblicken in ihre eigene Gedankenlandschaft zieht. “Mystery Show” ist eine Sendung über alles und nichts, vor allem aber darüber, die kleinen Besonderheiten des Lebens wertzuschätzen. Das Tolle dabei ist, dass Kine diese Rolle eines fröhlichen Kobolds, der einen akustisch durch die Welt führt, ganz natürlich auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Sie wird niemals pathetisch oder künstlich und bleibt immer sie selbst.

Um zu begreifen, was das alles bedeutet, muss man nur die Passage lesen, mit der Kine in Folge 5 die Zeit überbrückt, während sie auf eine neue Spur im Fall “Wie groß ist Jake Gyllenhaal eigentlich wirklich?” wartet.

Seasons passed. Winter came. Planets rotated. Stars died. Innumerable gallons of ice cream were consumed. Countless spoons were bent. Babies learned how to crawl. Teenagers learned how to kiss. Podcasts went from being popular in a niche way to a mainstream way. But still, older people could not figure out how to listen to them on their phones. Heavy televisions were replaced by thin televisions. The outdated models were put out on the street, picked up by couples in love and then, after some time had passed, put back, out on the street.

Wer solche Texte schreibt, der schafft es eben auch tatsächlich, mit Jake Gyllenhaal fünf Minuten später ein persönliches Gespräch auf mehreren Meta-Ebenen gleichzeitig zu führen und am Ende tatsächlich seine Größe zu erfahren. So ändert Starlee Kine Leben. Sie ist so entwaffnend — die Mysterien, die ihr gegenüberstehen, geben einfach irgendwann auf.

“Mystery Show” von Gimlet Media kann man überall hören, wo’s Podcasts gibt. Bisher sind fünf Folgen erschienen, neue kommen im Juli.

Ambiguitätstoleranzunterricht – Rückblick auf die re:publica 2015

Eine meiner Geschäftsführerinnen hat mir im Gespräch mal vom “Problem des zweiten Kirchentags” erzählt. Wenn man diesen Wahnwitz, ein Event für 100.000 Menschen mit 2.500 Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, zum ersten Mal macht, ist man in der Vorbereitung irgendwann völlig überfordert. Meist muss man von erfahreneren Kollegen immer wieder daran erinnert werden, dass schon alles gut gehen wird. Was es dann auch tut. Wenn man sich entscheidet, das Ganze ein zweites Mal zu machen, ist man dann allerdings davon überzeugt, dass man jetzt verstanden hat, wie alles funktioniert. Das kann gefährlich sein, denn natürlich ist jeder Kirchentag anders. Andere Stadt, andere Kollegen, andere Zeiten.

Mittendrin im wahrscheinlich größten beruflichen Stress, in dem ich je gesteckt habe – nämlich vier Wochen vor meinem zweiten Kirchentag, setze ich mich in einen Zug und fahre nach Berlin. Dort findet zum neunten Mal der “Kirchentag der Netzgemeinde” statt und obwohl ich letztes Jahr schon einmal dort war, versuche ich auch hier, mich innerlich darauf einzustellen, dass vieles anders sein wird.

Ich mache mir sehr viel Gedanken darüber, wie andere Leute mich wahrnehmen, auch wenn ich weiß, dass ich das nicht sollte. Letztes Jahr war ich nur interessierter Beobachter. Dieses Jahr bin ich selbst Speaker, sogar doppelt. Und auch wenn ich einmal nur zehn Minuten über ein Thema spreche, dessen ich mir ziemlich sicher bin und einmal als Teil eines großartigen Teams auf der Bühne stehe, bin ich deswegen ziemlich aufgeregt. Ich möchte einfach, dass meine Auftritte Erfolge sind.

Damit meine ich nicht nur Bühnenauftritte. 2014 hatte ich nur mit sehr wenigen Menschen diese Situation, die ein bisschen an ein erstes Date erinnert. Man kennt sich aus dem Internet, hat schon miteinander getwittert oder gechattet, aber sich noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden. Dieses Jahr stand mir das mit der kompletten Chatbesetzung des Techniktagebuchs bevor. Menschen, mit denen ich im letzten halben Jahr in einigen Dingen eine gewissee Vertrautheit aufgebaut hatte, die mich aber nur in schriftlicher Form kennen.

Ich glaube, dass es gerade im Internet normal ist, dass Menschen zu anderen Menschen eine stärkere Bindung aufbauen als umgekehrt. Mit anderen Worten: Oft ist einer von beiden erst Fan und so etwas ähnliches wie Freundschaft auf Augenhöhe entsteht erst später. Zum Glück schweben Menschen, die internetberühmt sind, meist nicht in dieser Celebrity-Blase umher, die Stars häufig vergessen lässt, wie das “normale” Leben funktioniert und so dauert es meistens nicht lange, bis das Star-Fan-Verhältnis sich nivelliert hat.

Ich fahre aber trotzdem im vollen Bewusstsein zur re:publica, dass ich Fan einiger Menschen bin, die ich dort mit Sicherheit persönlich treffen werde. Andererseits werde ich dann wiederum vor diesen Menschen auf der Bühne stehen. Ich hoffe also gleichzeitig, dass diese Menschen im persönlichen Kontakt meine Hoffnungen erfüllen und dass ich auf sie so wirke, wie ich mir das wünsche. Gleichzeitig weiß ich, dass es extrem behämmert ist, mir über sowas Sorgen zu machen. Ich tue es aber trotzdem. Sehr verwirrend, das Ganze.

Zum Glück wird natürlich alles viel entspannter als befürchtet. Mit den meisten Techniktagebuch-Menschen treffe ich mich bereits am Sonntagabend abseits der re:publica. Das baut schon mal Hemmungen ab und natürlich sind alle diese Menschen, auf die man im Internet manchmal Dinge projiziert, ganz anders, als man sie sich projiziert hat. Meistens netter.

Und genauso wie mein Telefon das W-LAN in der Station sofort wiedererkennt, erkenne ich auch die re:publica sofort wieder. Die verändert sich eben nicht so stark wie ein Kirchentag und mein Dienstag ist deswegen auch ein rundum guter Tag. Die Keynote von Ethan Zuckerman bietet eine gute Problemanalyse aber sehr schwache Lösungsvorschläge. Ralf Stockmann und Claudia Krell fassen super zusammen, wie auch ich mir die Zukunft des Podcastings wünsche. Maschek und Anne Schüßler bringen mich ordentlich zum Lachen. Ich führe anregende Gespräche, trinke Bier und habe einen schönen Abend.

Der Mittwoch ist dagegen ein Wirbelwind, aber natürlich geht auch hier nichts schief – warum sollte es auch? Ich leide etwas unter Müdigkeit, aber der Talk läuft gut und erntet einige nette Reaktionen, persönlich und auf Twitter. Dass sogar meine Eltern live dabei sind, rührt mich sehr. Danach bin ich so erschöpft, dass ich mir keine weiteren Vorträge wirklich anhören kann, selbst mit Astronauten nicht, aber abends bin ich zur absolut großartigen Techniktagebuch-Session “Wir hatten ja nix! Und das haben wir mitgebracht” wieder einigermaßen fit. Danach noch ein Abschiedsbier und das war’s. Am Donnerstagmorgen sitze ich wieder im Zug.

Und trotzdem. Während ich im ICE Kirchentags-E-Mails beantworte, merke ich, wie schwer es mir fällt, aus der Parallelwelt aufzutauchen, in der ich in den letzten Tagen gesteckt habe. In der man mit Menschen irgendwie anders umgeht, weil man glaubt, sie schon zu kennen. In der vielleicht sogar ich den einen oder anderen Fan habe, von dem ich nichts weiß und auch gar nichts wissen möchte, aber in der man doch spürt, dass man auf eine andere Art und Weise wahrgenommen und wertgeschätzt wird als im Alltag.

Es ist extrem passend, dass Felix Schwenzels Vortrag, den ich leider live verpasst und erst heute morgen nachgeholt habe, davon handelt, dass Realität und Virtualität beides Produkte unseres Bewusstseins und unserer Wahrnehmung sind. Am Ende sagt er, dass wir “Ambiguitätstoleranz” entwickeln müssen, um damit umzugehen, dass nicht immer alles in das Bild passt, was wir uns zurechtgelegt haben. Dass wir Widersprüche – auch zwischen fleischlicher und virtueller Existenz – nicht nur aushalten sondern umarmen müssen.

Dafür ist die re:publica die perfekte Trainingseinheit.

Die Lieblingsfilme der Filmblogosphäre 2014

Wie schon vor einem Jahr habe ich die letzten Tage damit verbracht, so ziemlich alle deutschsprachigen Filmblogs, die ich finden konnte, nach Bestenlisten zu durchforsten, diese in Daten zu übersetzen und in eine Tabelle einzutragen. Daraus konnte ich am Schluss diese Liste destillieren.

Der Film, der auf Platz eins steht, zeigt eine interessante Tendenz dieser Aggregatsliste auf: Die wenigsten Filmblogger_innen sind Profi-Filmkritiker_innen, das heißt sie gehen nicht unbedingt auf viele Festivals oder bekommen die Möglichkeit, jeden mit kleiner Kopienzahl startenden Film (kostenlos) zu sehen. Auf den Lieblingslisten landet am Ende des Jahres also nicht nur, was bei allen Geschmäckern irgendwie ankommt, sondern vor allem auch, was einfach zu sehen war.

Boyhood kam im Sommer relativ breit ins Kino. Wer ihn damals verpasst hat, hatte spätestens im Dezember davon gehört und konnte ihn im Heimkino nachholen. Das gleiche Prinzip hat sicher auch Under the Skin geholfen, der einen erstaunlichen geteilten zweiten Platz erringen konnte, obwohl er nicht breit im Kino lief. Ansonsten sind mit Ausnahme von Interstellar und Nightcrawler auch alle anderen Filme der Top 10 inzwischen mindestens auf VOD erhältlich. Sicher kein Zufall.

Obwohl ich Boyhood auch auf meiner persönlichen Lieblingsliste habe, bin ich dennoch ein bisschen erstaunt, wie viel Liebe der Film abbekommen hat. Ich bin ja für große sentimentale Gesten sowieso immer zu haben, aber Richard Linklater scheint selbst die Herzen der Zyniker erweicht zu haben. Auch die hohe Platzierung von Under the Skin überrascht mich ein kleines bisschen – der Film ist wirklich kein Crowd Pleaser, aber er scheint bei Filmliebhabern einfach einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Qualität setzt sich eben doch durch.

Wie breit das geschmackliche Feld trotz solcher Konsensfavoriten ist, zeigt die Tatsache, dass auf den 54 ausgewerteten Listen insgesamt 163 Filme Erwähnung fanden – alles von obskuren Festivalperlen bis großen Action-Blockbustern. Um eine Gleichschaltung der Lügenpresse müssen wir uns in der Internet-Filmkritik also so schnell keine Gedanken machen.

1. Boyhood

2. Guardians of the Galaxy / Under the Skin

4. Grand Budapest Hotel

5. Snowpiercer

6. The Wolf of Wall Street

7. Her

8. Nymphomaniac

9. Interstellar

10. Nightcrawler

11. The Lego Movie
12. Die Wolken von Sils Maria
13. Gone Girl
14. Captain America: The Winter Soldier
15. X-Men: Days of Future Past
16. All is Lost
17. Maps to the Stars
18. 12 Years a Slave / Dallas Buyers Club
20. Locke

Zur Methode: Datengrundlage sind insgesamt 54 Listen oder Lieblingsfilm-Nennungen aus deutschsprachigen Filmblogs. Grundlage waren das Filmblogverzeichnis auf “SchönerDenken” und einige Ergänzungen, die dort noch fehlten. Bei mehreren Listen pro Blog von verschiedenen Autor_innen wurde jede Liste einzeln gezählt.

Die Filme wurden nach einem Punktesystem geordnet. Bei nummerierten Top-10-Listen bekam der erste Platz 10 Punkte und so weiter bis zum 10. Platz, der 1 Punkt bekam (gesamt: 55 Punkte). Bei nicht nummerierten Listen bekam jeder Film 5,5 Punkte (gesamt: 55 Punkte). Bei weniger als 10 genannten Filmen bekam der erste Platz 10 Punkte und so weiter absteigend, fehlende Plätze wurden ignoriert. Bei mehr als 10 genannten Filmen wurden nur die ersten 10 gewertet.

Punkteverteilung: Boyhood (185), Guardians of the Galaxy / Under the Skin (jeweils 88,5), Grand Budapest Hotel (82), Snowpiercer (81), Wolf of Wall Street (70), Her (68), Nymphomaniac (65,5), Interstellar (63,5), Nightcrawler (49,5), The Lego Movie (45), Sils Maria (41), Gone Girl (38,5), Captain America (38), X-Men (35,5), All is Lost (32), Maps to the Stars (29), 12 Years a Slave / Dallas Buyers Club (jeweils 28), Locke (27,5).

Real Virtualitys Erlebnis-Highlights 2014

Naturhistorisches Museum Stuttgart, November 2014

Das Ende des Jahres ist für mich immer vor allem eine Zeit der Zurückschauens. Ich schließe mit dem Alten ab, um mich dem Neuen besser widmen zu können. Hier im Blog mache ich das seit Jahren mit einer Liste meiner zehn liebsten Filme des Jahres, die in den nächsten Tagen folgt. In meinem privaten Tumblr habe ich dieses Jahr außerdem ein Mixtape mit meiner Musik des Jahres zusammengestellt.

Letztes Jahr habe ich erstmals zusätzlich einen Rückblick auf ein paar andere (film- und medienbezogene) Ereignisse des Jahres geworfen, vor allem solche, die ich toll fand. Eine Art Thanksgiving im Dezember. Das mache ich dieses Jahr wieder. Spoiler: Es geht fast ausschließlich um Menschen.

Berlinale

Da ich mich letztes Jahr im Herbst entschieden hatte, erneut den Job zu wechseln und 2014 nicht mehr hauptberuflich mit Film zu tun hatte, reichte es im Februar nur für eine wochenendliche Stippvisite zur Berlinale – und dort auch nur für zwei Filme. Der wahre Grund, im Februar nach Berlin zu fahren, ist aber sowieso längst, tolle Menschen zu treffen. Gerold zum Beispiel, der mich sogar in seiner Wohnung übernachten ließ, und die anderen Bloggerinnen und Blogger auf dem 2. Berlinale-Bloggertreffen.

Weil ich die Freiheit hatte, mich einfach treiben zu lassen, bin ich – statt in Snowpiercer zu gehen – in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit Vince Mancini von “Filmdrunk” um die Häuser gezogen. Ich hatte ihn angetwittert, nachdem ich gelesen hatte, dass er auf der Berlinale ist. Und weil er sich nicht gewehrt hat, habe ich ihm einmal die einzige Gegend von Berlin gezeigt, die ich einigermaßen kenne – vom Frankfurter Tor bis zum Schlesischen Tor – inklusive Lebowski Kneipe und Eastside Gallery. Selbst in der Erinnerung noch ein wenig surreal, aber definitiv einer der besten Nächte des Jahres.

Vinces Sicht der Dinge im “Frotcast” ab 38:00 und ab 44:00.

Yup, that's the wall. #Berlin

Ein von Vince Mancini (@filmdrunk) gepostetes Foto am

Trickfilmfestival

Als ich noch Filmkram gearbeitet habe, habe ich Urlaub genommen, um vom Kirchentag zu berichten – also logisch, dass ich mir Urlaub nehme, um über ein Filmfestival zu berichten, während ich beim Kirchentag arbeite. Entsprechend habe ich mein drittes Trickfilmfestival Stuttgart so intensiv erlebt, wie noch nie. Tägliche Podcasts, tägliche Kolumnen und jede Menge Filme. Hat Spaß gemacht, aber mir einmal mehr gezeigt, dass Festivalstress nicht mein Lieblingsteil des Filmlebens ist. Auch hier wieder: Tolle Leute getroffen, zum Beispiel Orlindo von “animatiosfilme.ch” und Daniel von “GentleGamer.de” und überraschende Gespräche führen können, mit Daniel Kothenschulte von der “Frankfurter Rundschau” (“Oh! Sie sind Daniel Kothenschulte!”) und Thomas Klingenmaier von der “Stuttgarter Zeitung”, der mir erzählte, dass er mein Blog liest (!).

re:publica

Noch mehr Input, noch mehr wunderbare Menschen. Meine erste re:publica war ein Rausch aus Erlebnissen und Begegnungen. Was mir nach diesem Rausch als Gefühl zurückgeblieben ist, habe ich ja schon aufgeschrieben, aber am glücklichsten bin ich wohl, dass ich durch die re:publica Kontakt zu zwei Bloggerinnen aufbauen konnte, die ich sehr schätze, Journelle und Patricia Cammarata (ursprünglich indem ich mich, alle star-struckness überwindend, recht dreist in ein Gespräch zwischen ihnen eingemischt habe). Allein dafür hat sich der Besuch gelohnt.

Viral sein

Fast beiläufig und völlig ungeplant ist es mir dieses Jahr zum ersten Mal gelungen, dass sich etwas, was ich produziert hatte, mit viraler Geschwindigkeit verbreitete und sogar beinahe Meme-Charakter annahm. Es geht natürlich um meine Game of Thrones Zeitschriftencover, insbesondere “Ygritte”. Zum ersten Mal habe ich dabei auch dieses merkwürdige Gefühl gespürt, wenn einem die Kontrolle über etwas entgleitet. Ich hätte so gerne jeden einzelnen Facebook-Share nachvollzogen und mich bedankt, gelesen was die Menschen schreiben, aber ab einem gewissen Punkt muss man die Welle einfach über sich hinwegrauschen lassen. Eine erstaunliche Erfahrung.

Serial

Ich war schon lange nicht mehr Teil eines kollektiven kulturellen Moments und als ich im Oktober hier im Blog über “Serial” schrieb hatte ich noch keine Ahnung, dass der Podcast aus dem “This American Life”-Stall zu so einem Phänomen werden würde (wenn auch nur für einen vergleichsweise ausgewählten Kreis, vor allem hier in Deutschland). Da ich sonstige Kollektiv-Wows wie Breaking Bad oder das “Red Wedding” verpasst hatte, war es ein tolles Gefühl, jeden Donnerstag auf die neue Folge zu warten, und anschließend mit dem Team des “Slate Spoiler Special” zu rätseln und zu analysieren. Über dieses Gefühl hinaus ist “Serial” aber ohnehin mein Medienereignis des Jahres, das Begriffe wie Podcasting, Storytelling, “Live” und “serielles Erzählen” für mich in ein ganz neues Licht gerückt hat. Ich empfehle übrigens die Analysen von Fernsehwissenschaftler Jason Mitell.

Interstellar

Sascha vom Blog Pew Pew Pew ist seit meinem Blogosphäre-Artikel vor zwei Jahren nicht nur ein Blog-Bekannter sondern auch ein guter Freund geworden. Dieses Jahr haben wir uns zum ersten Mal persönlich getroffen, um im Karlsruher IMAX gemeinsam Interstellar zu sehen. Der Tag, an dem wir außerdem in der Computerspiele-Ausstellung des ZKM waren und in einem glutamatüberfrachteten Chinarestaurant zu Mittag gegessen haben, war ein echte Festtag für mich und hat mich in bester Weise an die ersten IRL-Treffen der Mailingliste erinnert, mit der ich Ende der 90er das Internet entdeckte. Der direkt nach dem Kinobesuch entstandene Podcast wird eines Tages ein wichtiges Zeitdokument sein.

Techniktagebuch

Seit es gestartet ist, bin ich Fan des Techniktagebuchs, ein von Kathrin Passig initiiertes Blog, in dem verschiedene Autoren alltägliche Erfahrungen mit Technik dokumentieren, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Als ich im Oktober nach Istanbul flog und zum ersten Mal eine automatisierte Grenzkontrolle erlebte, schrieb ich das auf und reichte es erfolgreich ein. Nach zwei weiteren Beiträgen wurde ich in den Gruppenchat auf Facebook eingeladen und nicht nur fühle ich mich immer noch extrem geehrt, dass ich überhaupt auf dieser Plattform publizieren darf, die beteiligten Co-Autoren sind auch noch alle schrecklich interessante und nette Menschen (zumindest im Internet), die meinen Alltag regelmäßig mit ihren Gesprächen bereichern.

Filmlöwin

“Filmlöwin”, das vor einigen Tagen online gegangene neue Blog von Sophie Charlotte Rieger hat sehr wenig mit mir zu tun, gefreut hat mich der Launch trotzdem, weil er so einen wichtigen Leuchtturm im Bereich “Professionalisierung der Filmblogosphäre” darstellt. Sophie hat sich gut dokumentiert schon mehrfach über die Zustände im Online-Filmjournalismus geärgert, und jetzt hat sie die bestmögliche Konsequenz gezogen: sich auf ihr Alleinstellungsmerkmal besonnen, ihr Profil geschärft und daraus ein ganz eigenes Ding gemacht. Ich wünsche mir mehr solcher Projekte! More power to them!

Continuity

Schließlich noch ein Scheitern mit erhobenem Haupt, was ich durchaus auch als Highlight betrachten kann. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich hier im Blog angekündigt, 2014 ein Buch schreiben zu wollen. Ein Jahr später kann ich sagen: Ich habe es nicht geschafft und ich werde es so schnell auch nicht schaffen und deswegen schlage ich mir den Gedanken vorerst aus dem Kopf. Nicht nur, dass mir meistens schlicht die Zeit und der Anreiz fehlt – vor allem, wenn ich weiterhin meinen anderen Hobbies, zum Beispiel diesem Blog, nachgehen will, sondern auch, weil das Thema inzwischen ein bisschen verbrannt ist – seitdem “Shared Universe” sogar schon auf den Hasslisten aller Filmkritiker gelandet ist. Ich habe durchaus schon etwas Recherche betrieben, ich bleibe am Thema dran, aber ich werde es vorerst nicht in Buchform gießen und möchte den Druck, etwas tun zu müssen gerne auch für’s erste los sein. Also: Kein “Continuity” in absehbarer Zeit. Aber ich stehe ja auf “slow burns”, also sollte man niemals nie sagen.

2014 hat “Real Virtuality” so viele und so unterschiedliche Menschen erreicht wie noch nie. Darüber freue ich mich sehr und ich bin dafür sehr dankbar. Alljenen, die hier ab und zu etwas lesen, wünsche ich für’s nächste Jahr mindestens genausoviele Highlights wie mir für dieses.

Filmblog-Adventskalender 2014

Nachdem der von Filmblogger_innen gestaltete Adventskalender im letzten Jahr hoffentlich nicht nur mir viel Spaß gemacht hat, wird es dieses Jahr wieder einen geben: 24 Tage, 24 Blogger_innen, 24 Geschenkideen.

Aber weil man ja auch immer neue Dinge ausprobieren soll, wird es dieses Jahr ein kleines bisschen anders. Die Teilnehmenden publizieren Ihre Türchen-Artikel nicht hier im Blog, sondern in ihren eigenen Blogs. Ich verlinke nur. Täglich hier im Blog, überblicksweise in diesem Post.

Ich wünsche eine schöne Adventszeit.

Warum uns Mockingjay mehr in Erinnerung bleiben wird als Interstellar

© Warner, StudioCanal

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen in unbeobachteten Momenten ist es, vorherzusagen, an was wir uns als typisch erinnern werden, wenn wir in zwanzig Jahren auf unsere jetzige Zeit zurückblicken (übrigens auch einer der Gründe, warum ich unbedingt beim Techniktagebuch mitmachen wollte). Wenn man beobachtet, wie zurzeit auf die 90er zurückgeblickt wird, ob mit Liedern oder “Buzzfeed”-Listen merkt man doch, dass nicht unbedingt die Dinge im Gedächtnis bleiben, die man damals für wichtig hielt.

Lenkt man die Zeitgeistforschung auf die aktuelle Kinolandschaft und dort spezieller auf die Blockbuster der letzten Wochen, fallen einem zwei Filme auf. Christopher Nolans Interstellar hat alles, was es für einen “großen Film” braucht: einen visionären Regisseur von solchem Kaliber, dass sein Name ausreicht, um Zuschauer ins Kino zu ziehen, ein massives Kinoereignis, ein Originalstoff und mindestens einige Effekt-Oscars am Horizont. Auf der anderen Seite erscheint Mockingjay – Part 1 wie der typische massenproduzierte Plastikblockbuster von der Art, wie sie Hollywood inzwischen am laufenden Band raushaut. Die letzte gedrehte Performance von Philip Seymour Hoffman genügt mit Sicherheit nicht, um ihn zu etwas Besonderem zu machen.

Und doch ist Interstellar aus Zeitgeist-Sicht ein Film, der genau wegen seiner Alleinstellungsmerkmale überhaupt nicht in unsere Zeit passt. Fast schon ein Relikt ist er, mit seiner Fetischisierung von Filmmaterial und seiner Besinnung auf konservative Werte wie die Kernfamilie und den einzelnen “Great Man“, den Pionier, der die Menschheit ins neue gelobte Land führt. Mockingjay – Part 1 hingegen ist voll und ganz ein Produkt seiner Zeit und wird in zwanzig Jahren als so typisch für die erste Hälfte der 2010er gelten können, wie kaum ein anderer Film. Warum? Ich bin froh, dass ihr fragt.

1. Er spielt in einer dystopischen Zukunft

Ja, Interstellar auch. Aber während Nolans Film seine vage und wenig erklärte Öko-Katastrophe nur als Mittel zum Zweck nutzt, um seine Hauptfiguren auf den Weg zu einer neuen Frontier zu schicken, ziehen die “Hunger Games”-Verfilmungen ihre graumelierte Zukunftsvision knallhart durch. Und eine gesellschaftliche Spaltung in Haber und Nicht-Haber, bei der die Nicht-Haber zu einem Leben in Staub und Knechtschaft verdammt sind, ist nicht nur in Panem Programm, sondern in großen Teilen der Mainstream-Science-Fiction – auch im Kino, von Elysium bis Snowpiercer. Die Arizona State University hat sogar ein Programm namens “Hieroglyph” aus der Taufe gehoben, um wieder hoffnungsvollere Visionen zu produzieren, die die Forscher der Zukunft inspirieren sollen. So gut es uns teilweise im Moment noch geht, wir blicken alle in den Abgrund, der sich vor uns auftut.

2. Er ist Teil eines Franchises

Genau die Eigenschaft, die Mockingjay – Part 1 zu einem generischen Stücken Hollywood-Schlock zu machen scheint, macht ihn auch zu einem typischen Produkt unserer Zeit. Die 2010er-Jahre werden die Dekade der Franchises und des seriellen Erzöhlens sein. Seit Harry Potter und die Lord of the Rings-Filme bewiesen haben, dass ein treues Publikum brav alle paar Jahre wieder in die Kinos schlappt, um der Weitererzählung einer nicht abgeschlossenen Geschichte beizuwohnen – die oft nicht viel mehr ist als die Bebilderung eines ohnehin erfolgreichen Buches – gibt es bei der Franchisisierung in Hollywood kein Halten mehr. Nicht nur durch den Aufbau von Shared Universes wie bei Marvel und Co, sondern durch das Auswalzen einer Story auf mehrere Filme. Mockingjay – Part 1 ist nur das jüngste Beispiel dieser merkwürdigen “Penultification” (Dan Kois), die durch den Erfolg von seriellen Fernseherzählungen (und jetzt auch Podcasts) nur befeuert wird. Ich gehe schwer davon aus, dass diese Welle in zwanzig Jahren ein wenig abgeflaut ist.

3. Es geht um Medien

Interstellar ist ein altmodisches Forscherabenteuer – es zählt nur, was man mit den Händen berühren kann. Zentrale Plotpunkte des Films basieren darauf, dass Pioniere und Heimatbasis nur eingeschränkt miteinander kommunizieren können und natürlich muss die Raumfähre auf jedem Planeten, den es zu erforschen gilt, landen, statt aus der Luft zu sehen, dass es da unten nur Wasser und turmhohe Wellen gibt. In Mockingjay und den anderen “Hunger Games”-Filmen spielt Kommunikation eine der Hauptrollen. Vom zentralen Plotpunkt der Reihe, den titelgebenden Hungerspielen, die im Grunde eine Weiterentwicklung von Reality Shows wie “Survivor” oder “Big Brother” sind – bis hin zu den Propaganda-Videos, die Katniss im jüngsten Teil drehen muss: Medien und mediale Inszenierung stehen im Mittelpunkt der Handlung. Was könnte besser passen zu unserem Informationszeitalter voller Selfies und sozialer Netzwerke, voller YouTube-Stars, die aus dem Nichts geboren werden, und Überwachungsstrukturen, die uns vielleicht schon bald dazu zwingen, unser tägliches Leben noch mehr zu inszenieren, um nicht unter Verdacht zu geraten? Mockingjay mag eine “Young Adult”-Version der Zukunft sein, in der die wichtigste Bezugsperson der eigene Kostüm- und Makeup-Designer ist, aber der Film trift damit genau die brachliegenden Nerven unserer Zeit.

© StudioCanal

4. Die Hauptfigur ist eine Frau

Fuck yeah! Die 2010er werden hoffentlich die Dekade sein, an die wir uns erinnern, wenn es darum geht, dass 150 Jahre Feminismus endlich soweit im Mainstream angekommen sind, dass selbst der dümmste Studioboss einsehen muss, dass die wichtigsten Mover und Shaker einer Welt, auch einer fiktionalen Welt, nicht Männer sein müssen. Katniss Everdeen ist der weibliche Superheld, der Hollywood auf den Pfad von Wonder Woman, Frozen und Captain Marvel geführt hat, die Anti-Bella, die ihr verdammtes Schicksal selbst in die Hand nimmt. Als zu großen Triumph sollte man das jetzt noch nicht feiern, dafür ist noch zu viel zu tun, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Zum Vergleich: Interstellar

5. Es geht um eine Revolution

Hiermit schließt sich der Kreis zu Punkt 1. Auch wenn Occupy Wall Street und der arabische Frühling schon wieder verebbt scheinen, erreichen uns auch 2014 immer wieder Nachrichten von Aufständen und Protesten auf der ganzen Welt, von Hong Kong über Ferguson bis Bangkok, wo Mockingjay nicht gezeigt wurde, weil Protestierer den Drei-Finger-Gruß des Films als Zeichen annahmen. Revolution liegt in der Luft – vielleicht nicht in Deutschland, dafür geht es uns noch zu gut, aber im globalen Zeitgeist definitiv. In zwanzig Jahren werden wir wissen, ob diese Stimmung der Anfang einer großen Umwälzung war oder doch nur ein Blip auf dem Radar des großen Weiter-als-wäre-nichts-gewesen.

Lege ich Mockingjay eine Last auf, die der Film nie im Leben tragen kann? Ist Interstellar vielleicht doch kein Relikt sondern nur seiner Zeit voraus? In die Kommentare, bitte.

“True Detective” zum Hören. Der Podcast “Serial”

Adnan Syed sitzt in Baltimore im Gefängnis für einen Mord, den er 1999 begangen haben soll. Damals war er 18 Jahre alt. Das Opfer: seine Exfreundin Hae Min Lee, die ihn wenige Wochen zuvor verlassen hatte. Doch es gibt Unstimmigkeiten. Das Urteil fußt vor allem auf der Aussage einer Person. Weitere Beweise gibt es nicht. Adnan sagt, er sei unschuldig. Seine Verteidigerin ist vor ein paar Jahren gestorben. Eine Reporterin, die den Fall zugespielt bekommen hat, nimmt sich der Sache an und versucht herauszufinden, was wirklich geschehen ist.

Weiterlesen in epd medien 45/2014, für eine Woche auch online