Weil das Ende des Jahres eine Zeit des Zurückschauens ist, habe ich mich Anfang der Woche mit meinem Freund und Kollegen Bernd Zywietz zusammengesetzt und einen Podcast aufgenommen. Darin lassen wir die wichtigsten Ereignisse des Filmjahres 2012 noch einmal Revue passieren und überraschen uns gegenseitig mit unseren Top Tens.
Food for thought, and the reaction to Retromaniaand everythingaround it that I could most relate to:
“Retromania is a provocation. It deals in what Mark Fisher calls ‘negativity’. The term is intended to be less pessimistic that it sound. ‘Negativity’, for Fisher, is a productive spure: discontent as a call to arms. […] Rather than simply represent that negativity, however, Reynolds and Fisher would have us respond to it. This is the difference too between the kind of negative politicism expressed during the recent London riots and those camped outside St Paul’s Cathedral and across the nworld in the name of the Occupy movement. Negativity is obviously not an end in itself, but sometimes it simply has to come first.
– James Parker, University of Melbourne (via)
“I feel like, on a more macro scale, there’s started to be a relationship between filmmakers and people who watch their films – you know, on Twitter and on the Internet. That relationship’s based on honesty, so the minute I knew that I was definitely not in the game, I made sure that I made that clear. Because I don’t want people to think I’m out there pulling strings on this thing. I don’t have a PR rep. I live in Vermont. It’s just me on my computer, seeing these things catch fire.”
– Colin Trevorrow on his alleged involvement with Star Wars
I have always been interested in fame. When I was in my late teens, I had the chance to talk at length with an actor who was now working in theatre but used to star on a daily German soap opera, about the experience of being recognized on the street and being sent love letters by teenage girls. In my vast egotism, however, what I find most interesting about the new artist-fan relationship brought about by the internet is not even the way the artists/celebrities feel about it (although that is still fascinating as well, listen to this episode of the /filmcast to hear three average Joes talk about their small internet fame). What’s exactly as strange is the way, this new communication paradigm sometimes makes me (and, I guess, others) feel like I know people I most definitely don’t. And then I try to chat to them on Twitter as if we’re mates. Sometimes it works, and sometimes it doesn’t. It’s weird.
“Ralph reicht’s” ist das Originellste und Zeitgenössischste, was Walt Disney Feature Animation seit einiger Zeit hervorgebracht hat. Ich stehe voll hinter meiner Kritik des Films in der letzten “Close up”-Sendung – der Film ist voll mit cleveren und witzigen Ideen, und die Dynamik und das Schauspiel seiner beiden Hauptcharaktere ist großes Kino. Rich Moore weiß, was er tut, das hat er bei unzähligen “Futurama”- und “Simpsons”-Folgen bewiesen, und außerdem gebührt jedem ein Schulterklopfen, der sich dem Thema Videospiele überhaupt mal auf bessere Weise annimmt als, sagen wir, Resident Evil.
Und doch gab es da ein paar Dinge, die nicht aufhören an mir zu nagen, und die ich natürlich in eine Vier-Minuten-Fernsehkritik nicht hineinquetschen konnte.
Spoiler für Ralph reicht’s ab hier.
Ralph reicht’s basiert auf der Prämisse, dass hinter den Schirmen einer Videospiel-Arcade eine uns unbekannte Welt existiert, in der sämtliche Figuren, die in den Videospielen vorkommen, ein eigenes Leben führen. Wenn die Videospiele gespielt werden, ist das für sie wie Arbeiten. Doch wenn gerade keiner spielt, zum Beispiel nachts, interagieren die Figuren nicht nur innerhalb ihres Spiels autark miteinander, über die Stromleitungen und die Verteilersteckdose, an der die Arcade-Automaten hängen, können die Figuren auch ihr Spiel verlassen und in andere Spiele wechseln, zum Beispiel um zu “Anonymen Bösewichter”-Treffen zu gehen.
So weit, so gut. Nach einem ähnlichen Prinzip operiert jeder Film dieser Art, der eigentlich unbelebten Dingen für den Zweck einer Geschichte Leben einhaucht. Und fast immer geht es dabei in einer Art Determinismus-Meditation um genau dieses Spannungsverhältnis zwischen “Gegenstand, der von Menschen für einen Zweck hergestellt wurde” und “Selbst denkendes und fühlendes Wesen”.
Am Beispiel Toy Story lässt sich das sehr gut demonstrieren: Die Spielzeuge in Andys Zimmer führen ein Eigenleben mit ihren internen Querelen, sie sind aber unter dem Banner des Spielzeuge-von-Andy-Seins vereinigt. Als ein neues Spielzeug, Buzz Lightyear, diese Dynamik stört, weil er noch nicht weiß, dass er ein Spielzeug ist, entsteht ein Konflikt, der dadurch gelöst wird, dass Buzz in seiner Identität als Spielzeug eine erfüllende Aufgabe und keine Abwertung seines Charakters sieht.
Damit Toy Story funktioniert, muss es natürlich einige ungeschriebene Regeln geben, nach denen die Welt des Films operiert. Allen voran gilt, dass die Menschen auf keinen Fall merken dürfen, dass die Spielzeuge in ihrer Abwesenheit lebendig sind. Diese Regel wird nie direkt ausgesprochen, aber einer der Höhepunkte des Films entsteht daraus, dass die Regel bewusst und kontrolliert gebrochen wird, um Nachbarsjunge Syd einen Schrecken einzujagen. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar und es braucht keinen großen “Leap of Faith”, um sich vorstellen zu können, dass auch unsere Welt nach Toy Story-Regeln funktioniert.
Bei Ralph sieht das ganze anders aus. Adam Quigley brachte im /Filmcast die Probleme des Films ziemlich gut auf den Punkt: “There’s so many rules they have to set up during the film, at a certain point it becomes exhausting just keeping track of all the expositional format of how this world can operate.” Auch Christopher Orr hat im “Atlantic” angemerkt “Unlike the Pixar films toward which it aspires — which marry sophisticated conceits to straightforward storylines— Wreck-It Ralph consistently gets lost in its own intricate plot mechanics.”
In Rich Moores Film sind die Regeln nicht nur allgemein gültige Prinzipien, die sich natürlich aus der Konfiguration der Handlung ergeben – etwa, dass das Spiel nicht mehr funktioniert, wenn es einer der Charaktere verlässt. Es werden vielmehr zusätzlich alle möglichen Regeln und Meta-Regeln eingeführt, die nicht durch interne Logik motiviert sind, die der Film aber braucht, um zusätzlich zu Ralphs innerem Identitäts-Konflikt auch noch einen äußeren Konflikt herzustellen, der den Plot des Films vorantreibt.
Ein paar Beispiele: Wenn ein Spiel vom Netz getrennt wird, sterben alle Charaktere darin, außer sie retten sich vorher (Was ist bei Stromausfall?). Wenn man in seinem eigenen Spiel stirbt, respawnt man, wenn man in einem anderen Spiel stirbt, nicht. Wenn einem Spiel die Einmottung droht, kann man durch die Stromleitung aus dem Spiel fliehen, außer man ist ein “Glitch”, wie Vanellope, dann ist man in seinem Spiel gefangen. Wenn ein Glitch Sugar Rush gewinnt, wird das Spiel auf null gesetzt, die Charaktere behalten aber alle Erinnerungen. Spielfiguren sind eigenständige Personen mit ausgeformten Charakteren und eigenenen Motivationen, aber sie sind auch “Code”, der von findigen Bösewichtern manipuliert werden kann. Es ist wirklich ermüdend.
Walt Disney Pictures
Weil all diese Regeln sich nicht immer logisch aus dem Fortgang der Handlung motivieren lassen, müssen sie im Film explizit mehrfach ausgesprochen werden, damit der Zuschauer sie versteht. Für die “Respawn”-Regel, die Ralphs Leben außerhalb seines eigenen Spiels in Gefahr schweben lässt (und damit indirekt das all seiner Co-Charaktere, da seine Abwesenheit ja das Spiel zur Fehlfunktion bringt), konnte sogar Sonic the Hedgehog als Testimonial gewonnen werden, der eine entsprechende Warnung von den Bannern der “Game Central Station” herunterruft. Eine Regel dieser Art kann jede Geschichte vertragen, vor allem wenn es die zentrale Voraussetzung für den weiteren Plot ist, und dann darf sie auch etwas willkürlich sein (zum Beispiel “Wenn Marty McFlys Eltern sich nicht auf dem Schulball ineinander verlieben, wird Marty nie geboren.”). Bei Ralph braucht man aber mehrere dieser Regeln, besonders um den Vanellope-Plot irgendwie am Laufen zu halten, und das ist schlicht und einfach schlechtes Storytelling.
Aus dieser merkwürdigen Unterwürfigkeit gegenüber willkürlichen Regeln entsteht auch das Ende und damit die Moral des Films, die mir irgendwie ein bisschen Sodbrennen bereitete. Ralph kehrt in sein Spiel zurück und findet sich damit ab, dass er dort auch weiterhin der Bösewicht ist und jeden Tag x-mal vom Dach des Hauses geworfen wird. Zum Ausgleich sind alle etwas netter zu ihm. Wiederum Adam Quigley dazu, diesmal auf Twitter:
WRECK-IT RALPH is about a terrorist who feels unfulfilled in his work until he learns that being a terrorist restores balance to the world.
Quigley formuliert seine Bedenken bewusst zugespitzt, aber er hat recht. Ralph endet tatsächlich mit einer fast schon sozialdarwinistischen Moral, die darauf basiert, dass jeder seinen Platz in der Welt und seine Rolle zu erfüllen hat, und auf keinen Fall versuchen sollte, aus dieser Rolle auszubrechen. Zum Dank bekommt er Kekse. Das gilt anscheinend besonders für Bösewichter, denn diese müssen existieren, damit alle anderen etwas haben, gegen das sie ankämpfen können.
Zum Vergleich noch einmal Toy Story: Auch Buzz Lightyear fügt sich – wie schon erwähnt – am Ende in seine Rolle als Spielzeug. Das tut er aber nicht, weil er einsieht, dass er nichts anderes sein kann oder sein darf (in dieser Phase befindet er sich zwischendurch, schicksalsergeben als Mrs. Nesbitt in der Puppenstube von Syds Schwester Hannah), sondern weil er feststellt, dass es einfach das großartigste auf der Welt ist, von einem Kind als Spielzeug geliebt zu werden.
Walt Disney Pictures
Ganz anders Ralph. Ihm reicht es, dass seine Arbeit und sein Beitrag zur Videospiel-Gesellschaft künftig ernstgenommen wird, um für den Rest seines Lebens weiter den Bösewicht zu geben. Auch Vanellope wird am Ende des Films zur Prinzessin, was natürlich der Traum jedes Mädchens ist, aber sie behält wenigstens ihr Glitching, und rettet somit etwas von ihrer Persönlichkeit als Außenseiterin in den Mainstream. Ralph geht es besser als vorher. Er muss nicht mehr auf dem Schrotthaufen schlafen. Er darf Vanellope besuchen. Er bekommt ab und zu Kuchen. Aber seine törichten Pläne, “Good Guy” statt “Bad Guy” zu sein, hat er sich zum Glück aus dem Kopf geschlagen.
“Ich werde niemals gut sein, und das ist gar nicht schlimm”, lautet das Mantra der anonymen Bösewichter. Genau, ihr Plebs da draußen, ihr Kinder, die auf der falschen Seite der Stadt geboren seid: Wir brauchen euch, damit wir uns besser fühlen können, also bleibt, wo ihr seid. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt. Oceania has always been at war with Eastasia..
ENVIV – ein sonderbares Akronym. Würde man das ganze “Enviv” schreiben und noch ein e dranhängen, “Envive”, würde ich dahinter wahlweise ein neues trendiges Mineralwasser, eine leicht esoterisch angehauchte Frauenzeitschrift oder ein vergessenes Goldstück des Nouveau Roman vermuten. Tatsächlich handelt es sich aber um Dirk von Gehlens neues Buchprojekt mit dem herausfordernden, wenn auch etwas sperrigen, Titel “Eine neue Version ist verfügbar”, in dem es um Antworten auf die Frage “Wie verändert die Digitalisierung Kunst und Kultur?” gehen soll.
Ich gehöre zu jenen Netizens, die nach wie vor Fan von “Thesen erst ausformulieren, dann drüber reden” sind, vielleicht weil sich mir wissenschaftliche Prozesse an der Uni so ins Hirn gebrannt haben. Die ganze Idee davon, dass ein Text oder ein Kunstwerk noch im Entstehen verändert wird, behagt mir nach wie vor nicht so ganz. Deswegen habe ich ENVIV auch nur “fertig” bei Startnext unterstützt und mich nicht in den Entstehungsprozess eingeschaltet. Aber ich fand Dirks Vorgängerwerk “Mashup” ziemlich großartig (warum, und was das ganze mit dem Lobo/Passig “Internet”-Buch zu tun hat, dazu muss ich auch dringend etwas schreiben) und deswegen war ich zufälligerweise klickgenau der erste Supporter von ENVIV. Herr von Gehlen hat mein Vertrauen, dass er wieder etwas Interessantes schafft.
Als Dankeschön und wohl auch, um seine Unterstützer doch noch weiter in den Prozess mit hineinzuziehen, hat Dirk von Gehlen einen (zeitverschobenen) Adventskalender mit ausgefüllten Fragebogen im Projektblog von ENVIV gestartet. Ich wurde auch befragt und heute hat sich sozusagen mein Türchen geöffnet. Wen es interessiert, der kann dahinter unter anderem lesen, was ich Deutschland als Weihnachtsgeschenk empfehle.
(Update, 28.11.2012, leider gibt es bei monatlichen Zeitschriften immer ein blödes Loch zwischen Redaktionsschluss und Erscheinen. Inzwischen ist klar, dass Der Hobbit in gar nicht wenigen deutschen Städten in HFR 3D zu sehen sein wird. Eine Übersicht findet sich hier, dank an Sebastian für den Link)
HFR ist ein Gespenst. Nur wenige haben es überhaupt gesehen, aber viele haben Angst davor. Auf meiner Suche danach werde ich vom Kinobetreiberverband an die Verleiher verwiesen, vom Verleiher an die betreuende Presseagentur. Und auch dort heißt es: HFR gibt es nicht zu sehen, frühestens im Dezember, mit dem Film Der Hobbit. Und selbst für den stehen die Chancen schlecht.
HFR ist die Abkürzung für “Higher Frame Rate”, höhere Bildfrequenz. Und es ist nach 3D die neue Technologie, die das Kino besser machen und damit retten soll. Denn die 24 Bilder pro Sekunde, die traditionell bei einem Film durch die Kamera laufen, sind nur ein Mitte der 20er Jahre festgesetzter Standard. Viele frühe Filme hatten niedrigere oder höhere Bildraten. Das Auge nimmt Einzelbilder schon ab 12 Bildern pro Sekunde als Bewegung wahr, wenn auch mit Ruckeln und Stocken. Als der Tonfilm einheitliche Bildgeschwindigkeiten einforderte, setzten sich 24 Bilder pro Sekunde endgültig durch.
Heute laufen immer weniger Filmstreifen durch Kameras und Projektoren – das “Filmmaterial” im klassischen Sinne wird rar. Die großen Kamerahersteller haben ihren Ausstieg aus dem analogen Filmkamerageschäft angekündigt, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Filmindustrie komplett auf digitalen Dreh umgestellt hat. 24 Bilder pro Sekunde erscheinen da nur noch wie eine willkürliche Zahl, und nicht einmal eine besonders gute. Denn höhere Bildraten, 48 oder 60 Bilder pro Sekunde, die mit digitalen Aufzeichnungs- und Wiedergabemethoden relativ problemlos möglich sind, erlauben die flüssigere Darstellung von Bewegungen und damit insgesamt schärfere Bilder.
As a big fan of the idea that artistic trends make so much more sense when you take a step back, I very much recommend this article in the “Guardian” that uses Skyfall as an entrypoint into a discussion of the “New Serious”.
Beneath humanity’s mood swings, a self-correcting pattern can be detected. The laughing cavaliers beget Cromwell’s roundheads, who in turn beget the Restoration’s libertines. Edwardian buoyancy morphs into Great War despair. This delivers the roaring 20s, which bring forth the despondent 30s. Frivolity, it can be conjectured, is intrinsically wearing and eventually boring: it produces a backlash of its own accord. By this reading, we should have been due for a period of pensiveness about now, even without the debacles that have beset us.
– David Cox
Personally, I thought Skyfall was probably one of the prettiest Bonds ever, but I could have done without the over-psychologising. I liked James Bond a lot better when he was an almost mythic cypher without much of a past. On the other hand, I loved the first half of Skyfall for the succesful exploration of the new continuum set up by Casino Royale. Can you have one without the other? Believable universe-building without putting too much weight on the shoulders of the characters? That is probably a topic for another blogpost.
Einige der heute größten Internetunternehmen – eBay etwa, Google, Facebook und sogar Amazon mit seinem Marketplace – verdanken einen erheblichen Teil ihres Erfolges nicht der Tatsache, dass sie selbst ein bemerkenswertes inhaltliches Angebot geschaffen haben. Sie haben Infrastrukturen gebaut, die es für Produzenten und Nutzer und für Nutzer untereinander einfacher machen, direkt miteinander in Kontakt zu treten, während die Unternehmen mit genau diesem Mittlerdienst ihr Geld verdienen. Das ist nicht überall gewollt – siehe Google und das Leistungsschutzrecht – aber so wird die Struktur des Netzes genutzt, in dem der Weg von A nach B immer gleich weit ist, nämlich exakt einen Klick.
Auch im VOD-Bereich wäre eine solche Infrastruktur genau das, wonach sich wahrscheinlich viele Nutzer sehnen: Ein riesengroßer Online-Video-Supermarkt, in dem man alles gucken kann, was digital existiert und es notfalls direkt vom Erzeuger kauft – wie man das heute im Internet gewohnt ist. Stattdessen kann Serie X nicht auf Portal Y geschaut werden, weil nur Portal Z (das man als Konsument vielleicht gar nicht kennt) die Lizenz besitzt, während Serie A völlig unerreichbar ist, weil Sender B noch darauf wartet, die Lizenz in Deutschland zu verkaufen.
Wer etwas Bestimmtes sucht, muss also im schlimmsten Fall sozusagen erst jeden Laden im Netz abklappern, um am Ende womöglich trotzdem mit leeren Händen dazustehen. Das sind genau jene Zustände aus analogen Zeiten, die das Internet eigentlich abschaffen könnte.
Disney hat Lucasfilm für 4 Milliarden Dollar gekauft und die Welt steht Kopf. Okay, vielleicht nicht die Welt, aber zumindest meine Twitter- und Facebook-Timeline. Einige gute Witze und einige Entsetzensschreie waren dabei, die ausführlicheren Analysen werden sicher im Laufe des Tages eintrudeln – das Feld überlasse ich gerne den Experten. Doch für diejenigen, die ihre Kindheit nun endgültig im Müllschlucker verschwinden sehen, hier drei Dinge, die mir gestern abend im Kopf herumschwirrten:
1. Disney und Lucasfilm waren sich immer schon sehr nah
Dieser Kauf kommt nicht aus dem Nichts. Wer das glaubt, war zum Beispiel noch nie in einem Disney-Themenpark, wo die “Star Tours”-Attraktion schon seit Jahrzehnten zur festen Ausstattung gehört. Crossovers von Star-Wars-Charakteren mit Disney-Charakteren sind ein alter Hut. Aber auch inhaltlich standen sich die beiden Firmen immer schon nahe. Man sollte bei allem Fandom nicht vergessen, dass Star Wars im Grunde auch nur ein Märchen ist, dass George Lucas modernes Merchandising quasi erfunden hat und dass Disney doch wahrscheinlich nichts ruinieren kann, was die Prequels nicht schon längst in die Lavagruben von Mustafar geschüttet haben.
2. Disney ist mehr als Mickey Mouse
Es ist Unsinn, den Disney-Konzern auf niedliche Cartoons und eine zuckersüße Weltsicht zu reduzieren. Sicher, er hat im letzten Jahrzehnt solche Abscheulichkeiten wie High School Musical und Hannah Montana hervorgebracht und sein Kerngeschäft ist nach wie vor Familienunterhaltung, die nicht gerade für ihre Edginess berühmt ist. Aber Disney hat in den vergangenen Jahrzehnten auch Pixar groß gemacht und Filme wie Pirates of the Caribbean produziert. Und was sie Marvel ermöglichen konnten, seit sie den Verlag gekauft haben, kulminierend in den fantastischen Avengers, sucht Seinesgleichen. Natürlich sind sie ein gieriger Großkonzern, aber ihre kreative Seite ist nach wie vor bemerkenswert.
3. Sie haben die Chance, es diesmal richtig zu machen
Bis 2015 soll Star Wars: Episode VII entstehen, was vielen Leuten Angst einjagt. Doch: George Lucas wird nur noch als “Creative Consultant” mit an Bord sein, nachdem er gerade noch eine Steißgeburt wie Detours auf den Weg gebracht hat. Dieses Ergebnis sollte uns doch eher Hoffnung machen, dass jetzt alles gut wird. Lucas, visionäres Genie aber schrecklicher Drehbuchautor und Regisseur, wird endlich vom Thron gestoßen und überlässt denjenigen die Zügel, die Star Wars wirklich zu schätzen wissen. Ob mit Disney im Rücken oder nicht, es bietet sich nun die einmalige Chance, die Schmach der Episoden I-III auf der Kinoleinwand wiedergutzumachen. Und das sollte doch ein Grund zum Feiern sein.
Der Film The Perks of Being a Wallflower (dessen fragwürdiger deutscher Verleihtitel “Vielleicht lieber morgen” lautet, was Gespräche über den Film grundsätzlich kompliziert macht (“Was? Warum willst du nicht jetzt drüber reden?!”)) beginnt mit einer traumwandlerischen nächtlichen Fahrt durch einen orange-golden beleuchteten Stadttunnel vor den Toren von Pittsburgh. Dazu spielt Musik. Ich weiß nicht mehr, ob es die Filmmusik von Michael Brook ist oder der Song “Asleep” von den Smiths, aber ich wusste in diesem Moment dass mich dieser Film gefangen nehmen würde.
Die self-fulfilling prophecy wurde wahr und ich saß tagträumend im Kino und sah Charlie dabei zu, wie er sein Inneres Licht findet, weil er die richtigen Freunde bekommt, die ihn mitnehmen in eine Welt, die nur aus nächtlichen Tunnelfahrten zu bestehen scheint. In dieser Welt sind die schlechten Dinge des Lebens – Enttäuschungen, Schmerz, Hass – vor allem Inspiration für poetischen Ausdruck. So fügt sich alles zusammen und man kann sich, wie die Catchphrase des Films es ausdrückt, mal so richtig schön “unendlich” fühlen. Ach ja.
Während ich all das sah und fühlte, wusste ich gleichzeitig, dass The Perks of Being a Wallflower gar kein so furchtbar guter Film ist. Er bot keinerlei inszenatorische Besonderheiten und auch auf der Storyebene kann man ihm eine Menge vorwerfen, was Peter Bradshaw meiner Ansicht nach gut zusammengefasst hat: Etwa, dass die schwule Figur Patrick nur als Opferlamm für die Heterofigur Charlie existiert und dass das Thema Missbrauch im Film eine sehr oberflächliche, fast schon nervige Charaktermotivationsmaschine ist. (“All normal teenage loneliness is not good enough”, was mich auch hieran erinnerte.)
Ich mag die Smiths gar nicht
Meine eigene Schulzeit hat nichts mit der von Charlie gemeinsam. Natürlich musste ich als Klassenstreber, dem Schule tatsächlich Spaß gemacht hat, auch meine Dosis Hänselei ertragen, aber spätestens im Oberstufen (=High School)-Alter hatte ich mich irgendwie im Gesamtgefüge der Klasse eingenistet. Ich war weder introvertiert, noch mochte (oder mag) ich die Smiths, noch musste ich mir Manic Pixie Dream Friends suchen, die mich aus meiner Misere herausholten.
Und trotzdem brauchen sich Filme wie Perks gar nicht mal anzustrengen, um mich mit nur wenigen Würfen umzukegeln. Warum? Vielleicht, weil die Geschichte, die der Film erzählt, inzwischen etwas archetypisches hat. Sie lässt sich auf jeden Fall problemlos durch die Filmgeschichte zurückverfolgen (eine gerade Linie führt von The Perks of Being a Wallflower über Almost Famous und Dead Poets Society zu Harold and Maude und Rebel Without a Cause) und in der Literatur auch mindestens bis “The Catcher in the Rye”, aber sicher auch darüber hinaus: Diesen Geschichten zufolge steckt in jedem depressiven, einsamen (männlichen!) Teenager ein missverstandener Poet, der mal mehr (Perks), mal weniger erfolgreich (Catcher in the Rye) hervorgeholt werden kann. Was mich darüber nachdenken lässt, wie viele frustrierte, missverstandene Philosophen es wohl in der griechischen Antike gegeben haben muss, deren auf Papyrus gekritzelte Depri-Gedichte leider verschollen sind.
Regisseur Stephen Chbosky, der sein eigenes Buch verfilmt hat, muss sich dieses Archetyps bewusst sein, denn schließlich gibt Charlies Englischlehrer (im Film gespielt von Paul Rudd) seinem Schützling genau diese Bücher und Filme als Anschauungsmaterial, während Chbosky selbst zugegeben hat, dass seine Schulzeit eigentlich auch ganz anders war.
Mit anderen Worten: Hier zeigt sich wieder einmal (und mir ist bewusst, dass diese Erkenntnis absolut nicht neu ist), was passiert, wenn man junge Autoren Bücher schreiben lässt: sie schreiben über junge Autoren. Nein, sie schreiben über die Tagträume von jungen Autoren. Und hunderttausende junger Autoren und junger Möchtegern-Autoren und nicht mehr junger Autoren, die aber gerne noch mal jung wären, auf dem ganzen Planeten stimmen ebenso träumerisch in den Chor der Mauerblümchen ein, die Figur auf den Seiten oder der Leinwand betrachtend – halb verständnisvoll, halb neidisch. Das ganze ist scheinbar so einfach und so manipulativ, dass man es eigentlich verabscheuen müsste. Aber es ist leider doch viel schöner, sich von der sentimentalen Woge einfach mittragen zu lassen. Ist es, glaubt mir.
Vielleicht Lieber Morgen startet am 1. November in den deutschen Kinos. Eine Art Kurzfassung dieses Artikels am Samstag in “Close up”.