Was tun mit KI?

Diesen Text trage ich schon seit Monaten mit mir herum, aber irgendwie habe ich es nie hinbekommen, mich einfach mal hinzusetzen und ihn zu schreiben. Da das Thema aber gerade diese Woche wieder einmal sehr deutlich an die Oberfläche geblubbert ist, muss es jetzt sein. Es geht darum, wie ich mich zu Generativer KI verhalte. Wie immer geschrieben in dem Verständnis, dass auch ein subjektives Urteil einen Wert im allgemeinen Diskurs haben kann.

Ich stehe in dieser ganzen Angelegenheit in einem gewissen Zwiespalt. Auf der einen Seite hat mich generative KI sofort begeistert. Sie zum ersten Mal zu nutzen enthielt genau das Versprechen von Futurität, das sich geil anfühlte. Ich habe 2023 sogar spekuliert, dass sie uns aus dem Gefühl der Hyperstasis losrütteln könnte (bisher nicht passiert). Nach einem guten halben Jahr Nutzung fühlte es sich sogar im Mai 2023 noch immer so an, als erlaube Generative KI die Zusammenarbeit mit einem “Fremden Anderen”, das einen auf Pfade führt, die man alleine nie gefunden hätte.

Damals und heute

Das alles war natürlich noch recht früh im Lebens- bzw. Produktzyklus der Technologie. Vor drei Jahren wurde man weder an jeder Ecke mit KI-Funktionen zugeschissen, noch hatte sich das Silicon Valley geschlossen hinter einem faschistischen Despoten versammelt. Ich muss aber zugeben: Meine grundsätzliche Faszination für KI ist ungebrochen und ich halte sie nach wie vor für die größte technologische Revolution seit dem Internet. Etwas also, aus dem man sich nicht raushalten kann, weil es irgendwann selbstverständlich ein Teil vieler Aspekte unseres Alltags sein wird.

Auf der anderen Seite bewege ich mich in einer (Online-)Gemeinschaft von (tendenziell linken) Denker:innen und Kreativen, in deren Statements und Handlungen der KI-Backlash in vollem Gange ist. Ich schätze diese Personen und mag sie zum Teil auch persönlich. Daher fühle ich mich innerlich getrieben, ihre Ablehnung zumindest ernst zu nehmen und meine Haltung zu reflektieren. Dieser Text ist ein Versuch, das zu tun.

Scheinargumente

Zum Anfang möchte ich sagen, dass ich viele Argumente, die gerne gegen die Nutzung von generativer KI vorgebracht werden, für Scheinargumente halte. Sie werden ins Feld geführt, um ein grundsätzliches persönliches Unbehagen rechtfertigend zu unterfüttern. Mit anderen Worten: Ich glaube, dass die meisten Menschen, die sich gegen KI – insbesondere im Bezug auf Kunst und Kreativität – aussprechen, dies auch tun würden, wenn die dafür benötigten Datencenter ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben und alle KI-Firmen von paritätisch besetzten, ideologisch einwandfreien Vorständen geführt würden. (Unter anderem, weil sie ähnliche Voraussetzungen bei älteren, etablierten Technologien akzeptieren.)

Der Diebstahl (vielleicht) von geistigem Eigentum, das zum Trainieren der Modelle verwendet wird, ist meiner Ansicht nach vor allem ein juristisches Problem, das hoffentlich auch auf diesem Weg gelöst werden wird. Ich vermute, dass es sich vorausgehenden Debatten von Kopiermedien anschließen wird. Ich habe eine legendär schlechte Quote beim Vorhersagen kultureller Zukünfte, aber in diesem Fall bin ich mir sehr sicher, dass wir zumindest in Deutschland irgendwann eine Art Verwertungsgesellschaft bekommen werden, die Urheber:innen einmalig oder fortdauernd für die Verwendung ihrer Werke in KI-Modellen entlohnen wird. Allerdings bin ich mir genauso sicher, dass das Geld, das dabei ausgeschüttet wird, nicht dem entsprechen wird, von dem Urheber:innen glauben, dass sie es verdienen.

Tiefe Angst

Denn die persönliche Angst vor Job- und/oder Bedeutungsverlust in der sich zuziehenden Schlinge des Hyperkapitalismus geht tiefer als jede Kompensation. Es ist eine riesige Kränkung, dass die neueste Automatisierungswelle diesmal zum Teil auch die Menschen betrifft, die sich gerade durch die künstlerische Qualität ihrer Arbeit immer für un-automatisierbar gehalten und dafür oft ohnehin schon ein prekäres Leben in Kauf genommen haben. Hier halte ich KI lediglich für ein Symptom und nicht für eine Ursache der Probleme. Entsprechend kann ein Verzicht auf KI-Nutzung von Einzelnen den Zwang für Kreative, sich umzustellen, höchstens hinauszögern.

Ich glaube, dass ich das sagen darf, weil ich als Autor auch von dieser Automatisierung betroffen bin, wenn auch noch nicht so unmittelbar wie Illustrator:innen oder Synchronsprecher:innen. Ich habe deswegen schon lange vor KI aufgegeben, meine Kreativität zum Mittelpunkt meiner Lohnarbeit zu machen (mehr dazu wahrscheinlich im nächsten Post). Aber ich bleibe genauso davon überzeugt, dass menschliche Kreativität und Kunst immer einen gesellschaftlichen Wert haben werden. Es werden immer weniger Menschen von bestimmten kreativen Dienstleistungen leben können. Aber das wird normal werden und das Selbstverständnis der Betroffenen nicht mehr so stark infrage stellen, wie es schon diverse Male zuvor passiert ist – etwa bei Porträtmaler:innen nach Erfindung der Fotografie. Es mag naiv klingen, aber ich glaube daran. Kunst und Kreativität sind und bleiben gleichzeitig das Wichtigste und das Unwichtigste auf der Welt – und diesen scheinbaren Widerspruch gilt es auszuhalten.

Wir hatten uns doch gerade erst ans Internet gewöhnt

Ein weiterer Grund für eine Anti-KI-Haltung ist meiner Ansicht nach eine prinzipielle Nervosität darüber, dass die gewohnte Ordnung der Dinge erneut zerstört wird, nachdem man sich gerade erst an die letzte Disruption durch Digitalisierung gewöhnt hat. Hier brechen sich dann alle typisch kulturpessimistischen Ängste Bahn, die Kathrin Passig einst in ihren “Standardsituationen der Technologiekritik” beschrieben hat. Wir brauchen es nicht, es ging doch vorher auch; wir werden alle krank und dümmer; wenn wir es nutzen, beschleunigen wir nur den Untergang der Zivilisation. 

Die Ironie liegt für mich darin, dass genau diese Argumente teilweise von Menschen vorgetragen werden, die von der letzten technologischen Revolution noch enorm profitiert haben. Wahrscheinlich, weil sie damals noch (jung und) flexibel genug waren, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Gras berühren

Die populärste Variante der in dieser Kulturkampf-Arena vorgebrachten Argumente ist, einfach gesagt, “Der Weg ist das Ziel, Dummie”. Sie findet sich beispielsweise in einem sehr populären Vortrag von Brandon Sanderson, als auch in einem Essay von Rebecca Solnit aus der vergangenen Woche und richtet sich gegen das Versprechen von generativer KI, Kreativität und Kunst auf Knopfdruck zu erzeugen. Ihr habt es nicht kapiert, sagen die Gegner. Ausprobieren, scheitern, lernen, wachsen, Erfahrungen sammeln, Gefühle fühlen und verarbeiten, Gras berühren – das alles sind essenzielle Teile des kreativen Prozesses und des Menschseins, die sich nicht wegrationalisieren lassen.

Damit haben sie natürlich recht. Aber sie diskutieren meiner Meinung nach auch mit dem falschen imaginären Gegenüber. Nur weil einige Tech-Bosse und die dümmsten ihrer Fans die Botschaft verbreiten, dass KI menschliche Kreativität und Verbindung größtenteils ersetzen wird, heißt das noch lange nicht, dass die Mehrheit aller Menschen das auch so empfindet. Wer davon ausgeht, dass Menschen immer und überall den einfachsten, kürzesten und im Zweifelsfall unmenschlichsten Weg nehmen werden, sagt damit mehr über sich selbst aus, als über die Gesellschaft. Allen kurzfristigen Trends wie Self-Checkout-Kiosks zum Trotz. (Noch eine naive Meinung, vielleicht. Hier kommt mir leider immer mein positives Menschenbild in die Quere.)

Eine lange Aufzählung von “Selbstverständlichs”

Ich möchte damit auf gar keinen Fall sagen, dass es nichts an generativer KI zu kritisieren gibt. Selbstverständlich haben die Trainingsdaten und die LLMs, die sie nutzen, systematische Biases, die es zu beachten gilt. Selbstverständlich sollte man Informationen, die ein LLM ausspuckt, nicht blind vertrauen. Selbstverständlich sollten wir darauf hinarbeiten, den Energieverbrauch von Datenzentren zu reduzieren oder nachhaltig zu machen. Selbstverständlich sollten wir auf eine offene Architektur von LLMs drängen, sie möglichst frei verfügbar machen und die dahinter stehenden Firmen so stark regulieren wie wir können. Und selbstverständlich gibt es wie immer kein richtiges Leben im falschen und das Medium ist die Botschaft und wir sollten immer wachsam sein, dass wir uns von unserer Technologie nicht diktieren lassen, wie wir unser Zusammenleben gestalten wollen.

Aber das sind gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, die meine Faszination für die Technologie nicht eindämmen oder mich davon abhalten, sie überhaupt nutzen zu wollen. Sie bestimmen höchstens, wie ich sie nutzen will. Ich habe mir daher schon vor einiger Zeit einen persönlichen KI-Knigge zurechtgelegt, den ich im Folgenden kurz schildern will. Die Tendenz, auf Umgangsregeln und Reflexion statt auf Verbote zu setzen, sehe ich immer wieder, etwa im Buch von Gregor Schmalzried oder erst diese Woche beim Social Media Watchblog. Wie immer bin ich  froh, dass ich nicht allein bin.

Wie, also, nutze ich KI?

Als Suchmaschinenersatz. Ich betrachte LLMs im Wesentlichen als ein großes Repositorium von Wissen, aufgelöst in wahrscheinliche Zeichenketten, zugänglich durch ein Interface, das natürliche Sprache benutzt. Und damit sind sie in ihrer Basisfunktion eine Suchmaschine mit besserer Usability und ich benutze sie bevorzugt, wenn ich Dinge herausfinden will, bei denen ich nicht genau wüsste, was ich googeln müsste, oder weiß, dass ich mehrere aufeinander aufbauende Suchen bräuchte, um meine Antwort zu finden. Grundsätzlich gilt für mich: Je mehr Variablen meine Anfrage an das Wissen der Welt hat, desto wahrscheinlicher nutze ich ein LLM. Wenn das Ergebnis wichtig ist – aus welchem Grund auch immer – lasse ich mir Quellen dazu ausgeben und überprüfe es anhand dieser Quellen (überhaupt der beste Zusatz zu jedem Prompt).

Als Resonanzraum. Das ist vermutlich die Art Nutzung, bei der Kulturpessimist:innen sofort die Augenbrauen hochziehen würden. Wäre es nicht besser, über seine Ideen und Gedanken mit echten Menschen zu sprechen? Ja, aber nicht immer habe ich echte Menschen zur Hand, und nicht immer kenne ich Menschen, die sich mit dem Thema auskennen, zu dem ich eine Rückmeldung brauche. Könnte ich Primärquellen lesen? Ja. Aber manchmal gibt es Themen, die mir (noch) nicht wichtig genug sind, um viel Zeit darin zu versenken. Und sollte ich feststellen, dass sie mir wichtiger sind, als ich dachte, kann ich die Primärquellen immer noch lesen. Genau wie ich einige Bands durch ihre Greatest-Hits-Alben kennengelernt und erst später ihre komplette Diskografie gehört habe. LLMs haben den Vorteil, dass man ihnen sehr lange Gedankenflüsse entgegenwerfen und am Ende einfach fragen kann: Was haben andere dazu gedacht? Und dass man mehrfach nachfassen und nachsteuern kann, bis man sich dem Gedanken genähert hat, den man sucht.

Als Coach. Einer der größten Erfolge, die ich mit LLMs bisher feiern konnte, ist, dass ich den Spaß am Kochen gefunden habe. Der Schlüssel lag auch hier darin, dass ich dem LLM eine Gleichung mit vielen Variablen übergeben und mich dann mit einigen Iterationen durch das generierte Angebot wurschteln konnte. Kein Kochbuch der Welt hätte so individuell auf meine Bedürfnisse eingehen und meine Schwächen so gezielt ausgleichen können. Eine andere Erfolgsgeschichte war die Erarbeitung eines Live-Rollenspiel-Charakters in einem Setting, mit dem ich nicht vertraut war. Auch hier konnte ich meine Bedürfnisse hineingeben, auf das gesammelte Wissen zum Setting gezielt zugreifen und in einem längeren Dialog am Ende das herausschälen, was ich zum Spielen brauchte. Sicher könnte man argumentieren, dass ich beide Prozesse auch mit echten Menschen hätte durchlaufen können, aber ich hatte einfach nicht den Eindruck, dass ich in diesem Fall mir oder anderen etwas genommen habe.

Als Bildgeber. Dies ist sicher die kontroverseste Nutzung. Aber von dem eben erwähnten Rollenspiel-Charakter, zum Beispiel, habe ich mir auch Bilder generieren lassen, um mich vor dem Spiel besser in die Figur einfühlen zu können. Ich habe auch schon Fantasie-Ideen meines Kindes bebildern lassen, über die sich das Kind sehr gefreut hat (ähnlich wie früher Geschichten). Meine Maßgabe hier ist: Hätte ich ohne KI jemanden damit beauftragt oder es selbst gemacht? Wenn die Antwort eindeutig Nein lautet, bin ich der Meinung, dass ich auch eine KI nutzen kann. KI-Bilder waren immer schon und werden vermutlich auch noch sehr lange ohnehin nur satisficing sein. 

Ich habe dennoch aufgehört, KI-generierte Bilder zum Beispiel für die Bebilderung von Blogartikeln oder Social-Media-Posts zu nutzen. Der Grund ist hier aber weniger, dass ich ethisch dagegen bin, als dass ich inzwischen finde, dass es falsche Signale sendet – vor allem, dass es unprofessionell und unreflektiert wirkt, vor allem solange die Rechtslage noch nicht geklärt ist, meiner Ansicht nach übrigens auch bei Werbe- und Designagenturen. Die Zeit, in der die Nutzung von KI an sich einen splashy Neuigkeits-Experiment-Wert hatte, ist vorbei. Also nutze ich weiter Bilder aus kostenlosen Stockphoto-Datenbanken wie Unsplash und zahle dafür auch nichts.

Als Datensortierer. Hier sind LLMs wieder vor allem ein einfaches Interface für etwas, das geübte Menschen zuvor schon ohne LLMs konnten. Aber einen großen Haufen Daten in ein LLM zu werfen und dann in Alltagssprache die Anweisung geben zu können, aus diesen Daten etwas zu machen und zu interpretieren, ist einfach cool.

Als Abkürzung. Gelegentlich finde ich Prozesse, die sich mit KI tatsächlich beschleunigen und vereinfachen lassen. Das Transkribieren von Audio ist sicher das für mich präsenteste Beispiel. Aber bisher habe ich mich noch nicht in einen Effizienz-Strudel ziehen lassen, der ja neuesten Erkenntnissen zufolge auch nicht unbedingt hält, was er verspricht. Wie Dave Karpf es gerade erst mit Blick auf “Vibe Coding” ausgedrückt hat: “I don’t need a digital assistant to prep my course lectures or keep track of my expenses. Maybe that makes me an outlier, but I kind of doubt it? My daily routines are extremely boring-middle-aged-dad-coded.” Ich glaube, dass dies der wichtigste Bereich ist, in den man sich nicht in eine Scheindebatte mit den KI-wird-uns-komplett-überflüssig-machen-deswegen-müssen-wir-selbst-lernen-alles-mit-KI-zu-machen-Leuten verwickeln lassen sollte.

All about satisficing

Ich erlebe es leider immer wieder: KI-generierter Output, egal ob Text, Bild oder Video, ist trotz aller Begeisterung für die Technologie eigentlich nie nutzbar, wenn man professionelle Standards ansetzt. Dieser Output kann daher nur dann ein Endergebnis sein, wenn der eigene Anspruch nicht so hoch ist (siehe oben: satisficing). Wenn der Anspruch professionell wirken soll, kann KI-Output (zum jetzigen Zeitpunkt) eigentlich nur ein Zwischenschritt oder ein Werkzeug sein. Und deswegen gilt es für jede Art von Arbeit, die man sich abnehmen lässt, herauszufinden, ob die KI wirklich Arbeit spart, sie nur verändert oder sogar mehr Arbeit verursacht. 

Ich muss immer wieder an ein Gespräch mit einer Freundin denken, die als KI-Trainerin für Menschen in NGOs arbeitet. Als ich ihr erzählte, dass ich eigentlich nie Texte von LLMs schreiben oder redigieren lasse, weil ich bisher immer festgestellt habe, dass ich den Text ohne KI besser und schneller hätte schreiben und redigieren können, wies sie mich darauf hin, dass Schreiben und Redigieren aber auch die Sachen seien, die ich am besten kann. Die Leute, mit denen sie arbeitet, müssen aufgrund der Personaldecke kleiner NGOs häufig ein halbes Dutzend Sachen ein bisschen können, statt ein bis zwei Sachen gut. Und sie sind dankbar, dass ihnen KI dabei hilft, die Lücke zwischen schlechten und passablen Ergebnissen zu schließen.

Lieber gut als KI, aber lieber KI als schlecht

Diese Aussage ist für mich ein großer Schlüssel dafür, wie wir über KI-Einsatz denken können. KI kann uns in Bereichen, in denen wir schlecht sind, okay machen, was oft genug im Alltag reicht. Ich lese auch ungerne KI-generierte Texte, aber ich lese sie (zum Beispiel auf Websites) immer noch lieber als richtig schlechte von Menschen geschriebene Texte. Und ich erlebe immer wieder, wie sehr Menschen von diesem kleinen bisschen Hilfe profitieren. 

Sei es, die Angst vorm leeren Blatt zu überwinden, indem die KI wenigstens mal irgendwo anfängt. Sei es die nicht-muttersprachliche Kollegin, die sich traut, mutigere Arbeits-E-Mails zu schreiben, weil ihr KI-Sprachchecker sicherstellt, dass sie nicht nur keine Rechtschreibfehler macht sondern auch keine falschen Idiome benutzt hat. Sei es der Kollege mit Lese-Rechtschreib-Schwäche, der jetzt seine Gedanken in Sprachnachrichten quatscht und sie anschließend von einem LLM in einen ersten Text verwandeln lässt, statt gelähmt vor der Tastatur zu sitzen. Oder sei es ich, der sich traut, zu kochen, weil er niemanden damit nerven muss, wie schlecht er würzen kann. Man kann das als Wunsch nach “Reibungslosigkeit” und Ergebnisse ohne menschliche Komplikationen begreifen – oder als Werkzeug, das uns über kleine Hürden hinweghilft.

Wenn kein passender Mensch zu Hand ist

In Bereichen, in denen wir schon gut bis sehr gut sind, kann die KI uns hingegen bisher nicht das Wasser reichen. Daher ist unsere Expertise immer noch gefragt. Aber sie kann uns als Sparringspartner zur Verfügung stehen, um unsere Expert:innengedanken zu sortieren, zu spiegeln, zu vertiefen, wenn wir gerade keinen passenden Menschen zur Hand haben. Ich halte es für gut möglich, dass das auch so bleibt – allen Versprechungen der Tech-Bosse zum Trotz.

Ich finde das okay. Ich finde es okay, sich von Technologie helfen zu lassen, wobei diese Hilfe für jeden anders aussieht, basierend auf persönlichen Stärken und Schwächen. Ich hoffe, dass die Phase des “Slop” irgendwann vorbeigeht oder zu der Art von Hintergrundrauschen wird, zu der auch andere Automatisierungen (etwa Spam-Mails) geworden sind. Und ich hoffe, dass für Kreative faire Kompensationen (die sich nicht fair anfühlen werden) und neue Perspektiven in der Zukunft liegen. Aber bis dahin werde ich trotzdem nicht aufhören, die Möglichkeiten (und Grenzen) von KI zu erforschen und auszuprobieren.

Foto von Musab Al Rawahi auf Unsplash

Unsortierte Gedanken #7: Hyperinterpretation, Fortsetzungen, James Camerons Epic-Fantasy-Erbe

Das erste Buch, was ich im neuen Jahr gelesen habe, ist Annekathrin Kohouts Hyperreaktiv – Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird, und ich fand es ziemlich gut. Nicht alles, was darinsteht, ist völlig neu oder klar mit Daten belegbar, aber Kohout entwickelt ein Konzept sehr ausführlich, das ich überzeugend fand. Sie nennt es “Hyperinterpretation”.

In einer Social-Media-Welt, die User durch ihre Aufmerksamkeitsmechanismen zum Reagieren auf Ereignisse zu zwingen scheint, ist die Hyperinterpretation eine besonders perfide Art der Reaktion. Sie kapriziert sich strategisch auf einzelne Aspekte von Bildern oder Ereignissen, dekontextualisiert sie und setzt sie in Windeseile in neue Zusammenhänge, garniert mit historischen Referenzen und wissenschaftlich erscheinenden Daten. Dafür sammelt sie Beifall aus der Followerschaft ein, und bald schon hat die hyperinterpretierte Reaktion in Reichweite und Auslegung das Ursprungsereignis überholt.

“Was einst als Ideal der kritischen Medienrezeption galt – die aufmerksame Analyse von Inhalten, das Hinterfragen von Motiven –, hat sich in ein zynisches ‘Alles-Durchschauen’ transformiert. Der kritische Impuls, der im Idealfall auf Emanzipation zielt, wird in der Hyperinterpretation zu einem Instrument der Machtausübung pervertiert.”

Wie Kohout darlegt, wird dieses Mittel sowohl von rechts als auch von links eingesetzt – ihr zufolge mit unterschiedlichen Motivationen (Zynismus und Moralismus). Es ist mir in Internet-Diskursen schon öfter aufgefallen und sauer aufgestoßen. Da ich nicht so viel in rechten Bubbles unterwegs bin, ist es mir stärker von links begegnet, oft in einer Haltung von “Natürlich spricht natürlich wieder niemand darüber, wie PROBLEMATISCH das ist – educate yourself!” Selbst wenn es wahr ist, dass dahinter oft ein echter, moralisch getriebener Aufklärungswille steckt, ist es dennoch eine auf maximale Empörung optimierte Reduzierung.

Kohout beschreibt, dass sich auch Journalist:innen oft in die hyperinterpretative Logik treiben lassen und regt am Ende dazu an, dem Drang zu widerstehen, selbst auf alles reagieren zu müssen. Das kann ich nur unterschreiben.

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Im Dezember habe ich William Gibsons zweite Romantrilogie, die sogenannte “Bridge-Trilogie” (Virtual Light, Idoru, All Tomorrow’s Parties) aus den 1990ern beendet, und ich habe mich gefreut, dass er darin wieder die Sequel-Logik einsetzt, die ich schon an seiner “Sprawl-Trilogie” bewundert habe. Jedes der Bücher steht für sich, auch wenn einzelne Figuren und Hintergrund-Stränge sich hindurchziehen.

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A propos Fortsetzungen: Seit den 2010er Jahren begleite ich hier im Blog die diversen Verrenkungen Hollywoods beim Am-Leben-erhalten erfolgreicher “Intellectual Properties” mit immer neuen Filmen und Serien. Mein Lieblings-Film-YouTuber Patrick Willems hat sich dem Thema in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ausführlich gewidmet. Warmgelaufen hat er sich mit einem Video zum James-Bond-Franchise im August, aber besonders gut fand ich seine zwei Videos zu “Legacy Sequels” im November und Dezember.

Legacy Sequels – Fortsetzungen, die viele Jahre nach dem Original unter Mitwirkung der gealterten Schauspieler:innen entstehen –  folgen einer bestimmten Formel. Sie versuchen, gleichzeitig die Nostalgie der Fans am Ursprungswerk zu bedienen und eine neue Generation an Protagonisten zu etablieren, die das Franchise fortsetzen können. Meistens klappt das nur mittelmäßig.

Willems dröselt in seinen Videos sehr gut auf, wie es überhaupt dazu kam, dass dieses Format so populär wurde, und welche Auswüchse es inzwischen angenommen hat. Dass er T2 Trainspotting als positives Gegenbeispiel nennt, hat mich dann natürlich endgültig überzeugt.

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In der jüngsten Ausgabe des Slate Culture Gabfest debattiert die Kritiker:innen-Crew mal wieder das alte und beliebte Thema, ob die Avatar-Filme von James Cameron einen kulturellen Fußabdruck hinterlassen haben. Die Argumente sind alle nicht neu – die Filme sind visuelle Spektakel, es fehlt ihnen aber an originellen narrativen Ideen und erinnerungswürdigen Charakteren, die sie über den Kinobesuch hinaus relevant erscheinen lassen. Michael Schulman vom New Yorker vergleicht sie mit Planetariums-Shows, was ich einen guten Vergleich finde.

Nachdem ich Fire and Ash, den jüngsten Avatar-Teil gesehen hatte, war mir ein anderer Vergleich in den Kopf geschossen, den ich auch auf Letterboxd festgehalten hatte: Fantasy-Buchzyklen aus den 90er Jahren. Meine erste Referenz ist natürlich Robert Jordans The Wheel of Time, aber ich erinnere mich auch an Tad Williams’ Memory, Sorrow and Thorn und Terry Goodkinds The Sword of Shanarra. Viele habe ich auch nie gelesen, etwa von Robin Hobb oder Kate Elliott (oder auch A Game of Thrones, das 1999 erschien), aber die Art von Buch hat mich geprägt.

Die Merkmale waren immer ähnlich. Die Bücher waren dick (600+ Seiten). Sie standen nie für sich allein. Während man drinsteckte, fühlten sie sich toll an. Ihr Worldbuilding setzte ähnliche Bausteine (jugendliche Helden, alte Prophezeiungen, magische Sekten, legendäre Waffen) immer neu zusammen, ihre Plots bewegten sich oft in Gletschergeschwindigkeit vorwärts, und letztendlich waren sie ziemlich austauschbar – obwohl kommerziell durchaus erfolgreich. Und da die 90er eine andere Zeit waren, sind viele der Tropes des Genres aus heutiger Sicht nicht gut gealtert, gerade wenn es um Geschlechterbilder oder die Darstellung von “exotischen” Kulturen geht.

James Camerons imperiale Dekade waren die 90er – zwischen Terminator 2 und Titanic. Ich finde es nicht verwunderlich, dass seine Filme bis heute diesen Geist atmen. Seht ihr das ähnlich?

Foto von eleonora auf Unsplash

Der Denkfehler, den wir bei Sternewertungen machen

Zum Anfang: zwei Anekdoten.

Erste Anekdote: Vor langer. langer Zeit, in den Anfangstagen von eBay, nutzte ich die Plattform ab und zu, um mir gebrauchte CDs zu kaufen. Die ersten paar CDs, die ich dort schoss, wurden alle von Privatpersonen angeboten, und ich, der ich gerade auch angefangen hatte, in Mailinglisten und Foren aktiv zu werden, liebte den Gedanken, wildfremden Menschen anderswo in der Republik die Dinge abzukaufen, die sie nicht mehr brauchten, und dadurch kurz eine Verbindung mit ihnen einzugehen. Ich fand diese Möglichkeit einfach großartig.

Meine dritte oder vierte CD kaufte ich dann von einem Anbieter, der eBay bereits als kommerzielle Plattform nutzte. Die CD war voll okay, aber die Magie war verschwunden. Deswegen gab ich in der Sternewertung nach Ende der Transaktion am Ende einen Stern weniger und kommentierte “unpersönliches Massengeschäft”. “Was für ein Spinner”, kommentierte die Gegenseite zurück, “Internet ist nunmal unpersönlich.”

Ein Missverständnis auf vielen Ebenen. Zum Beispiel zur Vision des Internets. Aber vor allem: Ein Missverständnis über den Zweck von Sternewertungen.

Wie lauwarm darf es sein?

Zweite Anekdote: Der Drehbuch- und Kinderbuchautor John August, im Internet vor allem bekannt als einer der zwei Hosts des Podcasts “Scriptnotes”, twitterte vor einigen Jahren, nachdem sein erstes Buch erschienen war, dass er nicht kapiere, warum Leute Büchern auf Bewertungsplattformen wie Amazon oder Goodreads (also auch Amazon) zwei Sterne geben würden. Für ihn als Autoren würde sich das wie Hohn anfühlen. Es wäre ja okay, wenn man ein Buch nicht möge, aber dann könnte man ja entweder einen Stern geben oder, noch besser, das Buch einfach nicht bewerten. Aber zwei Sterne wären so lauwarm, dass doch niemand sonst etwas damit anfangen könne.

Und erneut würde ich sagen: August sitzt einem fundamentalen Missverständnis darüber auf, was der Zweck von Sternewertungen ist. Für die, die sie verteilen, und für die, die sie empfangen.

Sternewertungen, also: das Bewerten eines Produkts oder einer Dienstleistung auf einer Skala von (meistens fünf, oft zehn (vor allem, wenn es auch halbe gibt)) Sternen, gehören inzwischen fest zum Repertoire der User Experiences im Internet. Von Podcast-Hosts bis Rideshare-Fahrern bitten alle darum, dass man ihnen fünf Sterne dalässt, und für jedes Stück Kultur, was man konsumiert, kann man anschließend eine Bewertung auf einer Plattform seiner Wahl loggen. 

★★★★★ Meisterwerk

Gerade letzteres ist nicht bei allen Menschen gleich beliebt. Ich kenne zum Beispiel mehrere Filmliebhaber, die sich weigern, auf dem Film-Netzwerk Letterboxd Sterne zu hinterlassen, weil sie ihren Kulturgenuss nicht auf diese Art einer kapitalistischen Wettkampf-Logik unterwerfen wollen. Film X hat mehr Sterne als Film Y, deswegen ist Film X besser? Das wäre ja Quatsch, denn Qualität ist viel komplexer und lässt sich nicht auf einer Punkteskala messen. Andere Nutzer:innen erklären ihre Sternewertungen gerne in ihrem Profil, weil sie doch ein sehr starkes Bedürfnis zu haben scheinen, ihre Bewertungen so präzise zu systematisieren wie möglich. Die maximale Sternezahl ist hier oft gleichbedeutend mit einem Etikett wie “Meisterwerk”. 

Was das Bewerten von Qualität angeht, neige ich der ersten Gruppe zu. Und trotzdem verteile ich gerne Sterne. Denn was ich bewerte, ist nie das Buch oder der Film selbst, sondern seine Wirkung auf mich. Ich bewerte meine persönliche Erfahrung beim Lesen oder Schauen. Hat der Film für mich funktioniert? Hat das Buch mich bewegt? Fand ich es spannend, lustig oder anders emotional berührend? Ich habe vor über 20 Jahren ebenfalls mal Labels an meine Punkteskala geschrieben, und bei mir war die maximale Punktzahl gleichbedeutend mit dem Satz “Haut mich total aus den Socken”.

Diese Bewertung ist wichtig für mich, vor allem, wenn ich mich später erinnern will, wie meine Seh- oder Leseerfahrung war. Vor allem bei Filmen ist es interessant zu sehen, ob sich meine Wahrnehmung ändert, wenn ich einen Film erneut sehe. (Oft ist sie auch über Jahre erstaunlich konstant.) Wichtig ist aber: Die Wertung gebe ich für mich selbst ab. Sie ist wie Tagebuch schreiben. Vielleicht ist sie noch relevant für andere Menschen, mit denen ich verbunden bin, die mich und meinen Geschmack kennen, und die es deswegen interessiert, wie ich etwas fand. Aber eins sind meine Sterne ganz sicher nicht: Eine Feedback-Transaktion gegenüber den Personen, die das Stück Kultur, das ich bewertet habe, verantwortet haben.

I really liked it

Goodreads hat bei seinen Sternewertungen kleine Textlabels beigefügt, die diese Lesart eigentlich unterstützen. Sie reichen von “did not like it” (ein Stern) über “it was okay” (zwei Sterne) und “liked it” (drei Sterne) bis zu “really liked it” (vier Sterne) und “it was amazing” (fünf Sterne). Im Zentrum steht also die Erfahrung der Leserin, nicht eine wie auch immer geartete objektive Qualität des Buchs. Wenn ich also einem Buch zwei Sterne gebe, sage ich damit: Ich fand es in Ordnung. Es hat mir nicht aktiv Unbehagen bereitet, aber ich würde auch nicht so weit gehen, zu sagen, dass ich es mochte. Das bedeutet auch: Wenn ich viele Bücher lese, sind die meisten vermutlich Kandidaten für drei Sterne. Man kann ja nicht alles super finden.

Komplett anders ist es bei Sternewertungen für Dienstleistungen, von Taxifahrten bis zu Käufen im Internet. Die Skala sieht identisch aus und sie bewertet sogar genauso die Erfahrung, aber sie ist komplett anders geeicht. Hier sind nicht drei Sterne der Standard, aus dem es auszubrechen gilt, sondern fünf. Fünf Sterne bedeutet: Alles war gut, es lief wie geplant, keine Beanstandungen. Man gibt also standardmäßig fünf Sterne und zieht nur etwas ab, wenn man unangenehme Erfahrungen macht. Ein direktes Feedback an die Dienstleistungserbringerin, die dieses Feedback wiederum als Währung benutzt, um bei anderen Kunden um Vertrauen zu werben: Hier werdet ihr nicht betrogen.

Der Autor Django Wexler hat mich in einem Twitter-Thread erstmals auf die unterschiedliche Eichung dieser gleich aussehenden Sterneskalen aufmerksam gemacht, und ich finde, sie ist der Schlüssel zu vielen Konflikten. Die nämlich entstehen, wenn die beiden Eichungen durcheinandergeraten.

Kunst ist keine Taxifahrt

Wenn ich zum Beispiel, wie in meinem eBay-Beispiel, der Meinung bin, dass es fünf Sterne nur für Transaktionen geben sollte, die für mich über einen erfolgreichen, reibungslosen Kauf hinausgehen, und mir auch noch einen flüchtigen, persönlichen Kontakt mit einem Fremden ermöglichen, dann lege ich an einen eBay-Kauf die gleichen Maßstäbe an, wie an eine kulturelle Erfahrung. Dort würde ich fünf Sterne eben nur an ein Werk vergeben, das mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat. Ähnlich wie bei Trinkgeld oder anderen Service-Transaktionen gibt es sicher Menschen, deren Motto ist: Bei mir bekommt man standardmäßig vier Sterne, fünf gibt es nur für Erfahrungen, die über das gewohnte Maß hinausgehen. (Siehe auch: Lehrer:innen, die keine Einser vergeben.)

Der umgekehrte Fall birgt aber ebenfalls einen Konflikt. Denn ich habe einen Aspekt bisher ausgelassen: Es mag zwar für mich so sein, dass ich meine Sternebewertungen bei Büchern oder Filmen als nicht-transaktionell und rein tagebuchmäßig, eventuell noch als Diskussionsansatz für Peers betrachte. Für viele Kunstschaffende ist das aber nicht der Fall. Gerade bei Goodreads, wo auch viele Autor:innen selbst vertreten sind, sind positive Sternewertungen durchaus eine Währung, auf die sie verweisen können. Wenn ihr jüngstes Buch also im Durchschnitt drei Sterne bekommen hat (das heißt: viele Leute sagten “Ich mochte es”), ist das für sie eventuell nicht ausreichend, um als Pfund bei den Verhandlungen um den nächsten Vertrag zu gelten. Sie wünschen sich, ähnlich wie ein eBay-Händler, fünf Sterne als Ausdruck von: Alles perfekt, nichts ändern. Lauwarme Durchschnittsbewertungen bringen ihnen nichts, ähnlich wie John August es in meinem Beispiel oben formuliert hat.

Ich bin trotzdem nicht der Meinung, dass ich als Sterne vergebender Kritiker, egal ob professionell oder laienhaft, mich diesem transaktionellen Modell nicht beugen sollte. Der Kapitalismus und seine kompetitive Struktur sind Teil des Kulturbetriebs. Das wird sich auch nicht ändern. Aber Kunst ist keine Taxifahrt. Kultur Erfahrende sollten für ihre Bewertung dieser Erfahrung weiterhin eine Eichung anlegen, die sich auf ihr persönliches Empfinden bezieht. Nicht auf eine Abweichung von einem zufriedenstellenden Fünf-Sterne-Standard. Nicht im Hinblick auf einen aggregierten “Score”.  Diesem Denkfehler sollten wir nicht erliegen. Sonst haben wir uns tatsächlich der kapitalistischen Logik unterworfen, die viele bereits im Akt der Sternevergabe erkennen.

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Das Raygun-Dilemma

Ich bin so fasziniert wie überfordert vom Fall der olympischen Breakdancerin Rachael “Raygun” Gunn aus Australien. 

Falls irgendjemand nicht online genug ist, um es mitbekommen zu haben: Raygun hat beim olympischen Breakdance-Wettbewerb der Frauen am vergangenen Freitag eine eigenwillige Performance hingelegt, in der sie im Gegensatz zu ihren Gegnerinnen kaum klassische Breakdance-Moves zeigte. Stattdessen glich ihr Auftritt einer merkwürdigen Parodie von Breakdance, in der Gunn zeitweise ungelenk auf dem Boden herumrutschte und wie ein Känguru durch die Gegend hüpfte. Sie erhielt für ihre Darbietung nachvollziehbarerweise keine Punkte der Richter:innen und schied in der Vorrunde aus.

Die Reaktion auf Social Media ließ nicht lange auf sich warten. Rayguns Moves wurden nach einem kurzen WTF-Moment quasi sofort zum Meme. Ihre Boden-Bewegungen dienten als Bebilderung für alles Zappelige, etwa “Wenn ich denke, mein Kind würde ruhig in seinem Bett schlafen”. Ein Move, der vor allem deutsche Zuschauer eventuell auch an Otto Waalkes’ klassische Gangart erinnern dürfte, in dem Gunn die Hände wie Pfoten in die Höhe reißt und große Schritte macht, ließ sich hervorragend mit Labels wie “Ich, wenn das Buffet eröffnet wird” versehen. Soweit, so normal. Siehe auch: Schießwettbewerb

Interessant und verwirrend wurde es für mich in der zweiten Diskussionsrunde, die im Internet ja immer folgt. Vor allem in Kommentaren unter den ersten Posts, aber dann auch in späteren Beiträgen, in denen Gunn ihren “Main Character”-Status bereits angenommen hatte, schälten sich zwei Narrative heraus, die meiner Ansicht nach beide eine gewisse Validität für sich beanspruchen können.

Narrativ 1: “Dabei sein ist alles”

In dieser Version der Geschichte ist Raygun eine Art positive Ikonoklastin, die sich nicht scheut, anders zu sein und damit die Herzen der Menschen erobert hat. Gunn selbst hat diese Botschaft nach dem Wettbewerb auf ihrem Instagram-Kanal geteilt. In einem Interview sagte sie sinngemäß: Sie wusste vorher, dass sie in Sachen Athletik nicht mit ihren deutlich jüngeren Konkurrentinnen mithalten konnte, daher habe sie versucht, originell zu sein. Der oberste Preisrichter Martin Gillian hat in einem Statement nach dem Wettbewerb gesagt, Originalität wäre eins der Kriterien beim Breakdance, Rayguns Auftritt wäre nicht schlecht gewesen, aber halt nicht so gut, wie die der anderen Breakdancer. 

Unterm Strich also: Schön, dass sie dabei war und das Feld ein bisschen aufgemischt hat. Sie hat sich ordnungsgemäß für den Wettkampf qualifiziert, ist dort aber auf bessere Athleten gestoßen und entsprechend auch ausgeschieden. Aber wie cool, dass jemand den olympischen Gedanken des “Dabei sein ist alles” so selbstbewusst vertritt. Wir brauchen mehr Rachael Gunns.

Aber Moment: “Dabei sein ist alles” ist, wenn man Wikipedia glaubt, nur der zweitbeste olympische Gedanke. An dieser Stelle setzt das zweite Narrativ an.

Narrativ 2: “Eine Schande für den Sport”

Das olympische Motto nämlich lautet nicht “For the Memes!”, sondern “Höher, schneller, weiter”. Es geht darum, sportliche Exzellenz zu feiern und athletische Höchstleistung zu bieten. Raygun habe mit ihrer Interpretation von Breakdance dieses Motto verraten, sich durch eine merkwürdige Mischung aus Glück, Status und Selbstüberschätzung einen Platz erschlichen, der anderen Menschen zugestanden hätte, und die Disziplin, in der sie angetreten ist, zum Gespött gemacht, lautet die Aussage.

Diesem Narrativ spielt die Tatsache in die Hände, dass die 38jährige Gunn hauptberuflich promovierte Cultural-Studies-Dozentin ist, die sich neben ihrer sportlichen Betätigung auch aus theoretischer Sicht mit Breakdance beschäftigt hat. Ihre Biografie scheint geradezu prädestiniert dafür, als Paradebeispiel für Weißes Privileg und kulturelle Aneignung herzuhalten. Eine Weiße Theoretikerin, die den von Marginalisierten entwickelten Tanzsport vor allem aus Büchern kennt, stolpert Forrest-Gump-mäßig irgendwie in die olympischen Spiele, gewinnt dort natürlich nicht, bietet aber anderen Weißen eine willkommene Projektionsfläche, so die Lesart. Cool Runnings, aber auf den Kopf gestellt.

Muss man sich für eine der beiden Erzählungen entscheiden? Können beide ein bisschen wahr sein? Liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? 

Die merkwürdige Qualifikation

Ich habe versucht, mir durch viel Lesen ein Bild zu machen, bin aber nach wie vor nicht sicher, wo ich stehe. Kaum ein Artikel scheint mir wirklich fundiert Stellung zu beziehen, selbst die australischen Medien lassen sich nur zu einem sehr langen “Einerseits, andererseits” in Stellvertreter-Gesprächen hinreißen.

Wichtig finde ich zunächst, die Sache mit Gunns Qualifikation klarzustellen. Sie scheint sich den Platz tatsächlich ordentlich erkämpft zu haben. Der Breaker Lucas Marie, der auch ein Paper mit Rachael Gunn geschrieben hat, wird von der australischen ABC folgendermaßen zitiert:

“There was an Oceania qualifier in which any B-boy or B-girl from Australia [or] New Zealand could enter, and that was in Sydney in October 2023,” he told ABC News.

“And leading up to that, there were a lot of other events in which breakers were competing. “She won those battles fair and square and won the qualification in Sydney. And it wasn’t really a surprise to anyone. She’s been fairly consistent, winning or coming second or third at a lot of breaking events in Australia for the last five to 10 years.”

Klingt eindeutig. Die Gegenstimmen, etwa der deutsche Breaking-Pionier Niels Robitzky im “Spiegel”, halten entgegen, dass dieses Qualifikationsturnier es unbekannten und weniger privilegierten Talenten nicht unbedingt leicht gemacht hat, teilzunehmen:

Der [Tanz-]Weltverband hat einerseits ein sehr undurchsichtiges Punktesystem zur Qualifikation geschaffen und andererseits Kontinentalmeisterschaften in Afrika, Europa, Asien, Amerika und Ozeanien organisiert. Hier konnten sich die Gewinner direkt einen Platz in Paris bei Olympia sichern. Aber um an diesen teilzunehmen, musste man auf eigene Kosten anreisen und übernachten, was in ärmeren Gegenden eine große Hürde ist. In Afrika gibt es zum Beispiel herausragende Tänzerinnen und Tänzer im Breaking. Besonders in Kamerun und im Senegal. Aber weil der Qualifikationswettbewerb für Afrika in letzter Sekunde nach Marokko verlegt wurde, haben viele daran gar nicht teilgenommen. Ozeanien ist riesig. Dass bei dem Qualifikationswettbewerb in Sydney niemand besser war als Raygun, heißt nicht, dass sie die beste Tänzerin aus ganz Ozeanien ist.

Auch das klingt für mich einleuchtend, aber nicht als Argument gegen Rachael Gunn, sondern eher gegen die sportliche Organisation einer so undergroundigen Disziplin wie Breakdance. Ich befürchte aber, dass es einfach der Realität des Sport nicht nur im Vereinswesen sondern auch im Kapitalismus entspricht.

Taugt Breakdance als Sport?

Dahinter steckt, soweit ich das sehe, eine größere Debatte, inwiefern Breaking sich überhaupt als olympische Sportart eignet. Es war in Paris das erste Mal überhaupt Teil der Olympischen Spiele und Los Angeles hat für 2028 bereits letztes Jahr dankend abgelehnt. 

Ausgerechnet Planet Money hat dazu vergangene Woche eine hervorragende Episode veröffentlicht, in der sie (völlig unabhängig von Raygun) den langen Weg nachzeichnen, den Breaking nehmen musste, um überhaupt mal ein (in der Szene sehr umstrittenes) einheitliches Bewertungssystem zu bekommen, das nicht auf reiner Subjektivität beruht. Heute wird eine Performance nach fünf Kriterien beurteilt (Technik, Vokabular, Ausführung, Musikalität und Originalität). Hier stehen also sportliche Meriten relativ gleichberechtigt neben künstlerischen – es braucht aber auf jeden Fall beides, um gut zu sein. Bisher hat sich Breaking noch einem Punktesystem verweigert, in dem es für bestimmte Moves feste Punktzahlen gibt.

Denn, und das macht der Planet Money-Beitrag besonders gut klar, andere künstlerisch und kreativ geprägte Sportarten wie Synchronschwimmen und Eiskunstlauf sind diesen Weg gegangen, und es hat sie nachhaltig verändert. Sobald es ein Zahlensystem gibt, gibt es auch Wege, es auszunutzen. Die Wertungen, die man durch gezieltes Punktesammeln erzielen kann,  lassen sich mit den künstlerischen Wertungen – die es auch im Synchronschwimmen zum Beispiel noch gibt – nicht mehr ausgleichen. Daher sind all diese Sportarten in den letzten Jahrzehnten deutlich athletischer geworden. Vielleicht besser vergleichbar für Wettkämpfe, aber schlecht für alle, die eine Sportart vor allem wegen ihrer kreativen Komponente geschätzt haben.

Merkwürdige Linienverläufe

Ob die “Versportung” von Breakdance also so eine gute Idee war, steht allgemein zur Debatte. Was mir im Diskurs um Raygun aber die meisten Kopfschmerzen bereitet, ist die merkwürdige Art, wie dort die Linien verlaufen. Denn die gleiche Seite, die die Seele des Breakdance als Underground-Kunstform ohne Sportverbände bewahren will, argumentiert damit, dass Rachael Gunn nicht athletisch genug performt und die Kunstform somit beschädigt hat. Obwohl genau die mangelnde Athletik sie ja knallhart aus dem Turnier gekegelt hat, das “versportete” System also funktioniert hat, wie es soll.

Ironischerweise ist genau diese Spannung Teil von Gunns akademischer Arbeit. Das Paper, das sie mit dem oben erwähnten Lucas Marie geschrieben hat spricht von den “Möglichkeiten und der Politik der sportification” speziell in der australischen Breaking-Szene. Zitat aus dem Abstract:

While some breakers see the Olympics as an opportunity and space for wider recognition, many have expressed concerns with the growing influence (and embrace) of transnational commercial organizations and institutional governing bodies in shaping and managing breaking’s future. Alongside concerns of an increasing sportification of breaking, this trajectory points towards an increasing loss of self-determination, agency and spontaneity for local Australian breakers (…). Australia’s breaking scene is marked by distinct, self-determined localized scenes separated from each other by the geographic expansiveness of this island-continent. Here, breaking is a space for those ‘othered’ by Australian institutions to express themselves and engage in new hierarchies of respect. We argue that breaking’s institutionalization via the Olympics will place breaking more firmly within this sporting nation’s hegemonic settler-colonial structures that rely upon racialized and gendered hierarchies. (Meine Hervorhebungen)

Es scheint mir also stark so, als würde die Debatte eigentlich entlang zwei separater Achsen geführt, die aber typischer Internet-Öffentlichkeit miteinander vermischt werden.

Hiphop-Alphabetisierung

Da ist einmal die Diskussion um Breaking als Sport versus Breaking als selbstbestimmte Ausdrucksform. Hier ist klar, auf welche Seite Rachael Gunn steht, und sie hat nach allem, was ich inzwischen erfahren konnte, nicht nur selbstverständlich das Recht dazu, sondern steht so auch in der Tradition des Breakdance als Kunstform außerhalb der Institutionen. Dass sie das Ansehen des Breakings durch ihren Auftritt beschädigt hat, halte ich für Quatsch. 

Den Vergleich mit einer Breakdance-Sendung des ZDF von 1984 den Niels Robitzky im “Spiegel”-Interview bringt, nach der sich angeblich “niemand mehr getraut [hat], Breaking auf dem Dancefloor zu zeigen, weil die Sendung den Tanzstil peinlich gemacht hat”, finde ich sehr weit hergeholt. Denn: Aller Spott, den das Internet verlässlich ausgoss, richtete sich genau nicht gegen Breakdance als olympischen Sport, sondern nur gegen Gunn als Person. Mit anderen Worten: Das Publikum ist 40 Jahre nach der ZDF-Sendung Hiphop-alphabetisiert genug, um gutes von schlechtem Breaking zu unterscheiden.

Die andere, wahrscheinlich wichtigere, Diskussion ist die um Sichtbarkeit. Robitzky sagt weiter: “Jetzt ist überall in den sozialen Medien Breaking zu sehen – aber nur der eigenartige Auftritt von Raygun und nicht die Performances von Ami und Nicka, den beiden Finalistinnen, die wirklich herausragend getanzt haben.” Damit hat er Recht und ich kann den Frust derjenigen, die sich vielleicht seit Jahrzehnten für die Sichtbarkeit von Breaking einsetzen, verstehen. 

Robitzky sagt weiter: “Tanz ist eine Körpersprache, und die des Breaking ist seit 50 Jahren gewachsen. Um mitreden zu können, muss man diese Körpersprache beherrschen, man muss gewissermaßen die Grammatik und das Vokabular kennen. Erst dann kann man etwas Neues hinzufügen.” Das kann man auch anders sehen, aber ich kann seine Haltung zumindest nachvollziehen.

Mehr Sensibilität

Es ist also die Frage, ob ein aus marginalisierter Kultur gewachsener, künstlerischer Sport, der zum ersten Mal auf diese Art auf der Weltbühne präsentiert wird, wirklich sofort auch Ikonoklast:innen braucht, die selbst tendenziell aus dem “Außen” stammen und allem Anschein nach mal zeigen wollen, dass es “auch anders geht”. Und damit ähnlich wie selbsternannte “white saviors” selbstverständlich viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 

Hier hätte man von Rachael Gunn mehr Sensibilität erwarten können, insbesondere in der Nachbetrachtung ihres Auftritts. Statt das Narrativ weiter um sich selbst und ihren individuellen Weg kreisen zu lassen, hätte sie ihren Fame mit ihren Konkurrentinnen teilen und im Sinne einer Ethik der Appropriation auf die Wurzeln ihres Sports verweisen können, mit dem sie sich ja bestens auskennt. Dass sie es nicht getan hat und sich stattdessen für ihren Auftritt hat feiern lassen, ist menschlich vielleicht verständlich, aber eben nicht sachdienlich. Das Gebot des Privilegien-Checkens endet halt leider nie, selbst wenn man gleichzeitig für sein Verhalten in der Luft zerrissen wird.

Nachtrag, 15.8.: Aja Romano hat auf Vox.com gestern nachmittag einen Artikel veröffentlicht, der gerade die Themen Qualifikationsprozess, Punktewertungen und Breaking-Szene in Australien noch einmal ziemlich genau unter die Lupe nimmt. Er behandelt auch das Thema, welche Absicht Raygun mit ihrer Technik eventuell verfolgt, zu der man sicher geteilter Meinung sein kann. Lohnt sich auf jeden Fall, ihn zu lesen. Auf diese Art von Analyse hatte ich die ganze Zeit noch gewartet.

Foto von Ilja Tulit auf Unsplash

Meine Newsletter-Roll

Nachdem ich zuletzt mal aufgeschrieben habe, welche Podcasts ich so höre, dachte ich, ich mache das gleiche mal mit Newslettern. Newsletter haben bei mir zunehmend die Rolle eingenommen, die früher Blogs hatten, sowohl für die Meinung spezifischer Autor:innen, als auch für Linkempfehlungen. 

Ich habe vor vielen Jahren aus Zeitgründen aufgehört einen Feedreader (mein bevorzugter war Netvibes) zu benutzen bzw. regelmäßig aufzurufen, und einzeln steuere ich Blogs nicht mehr an. Newsletter aber liegen in meinem Postfach, so lange bis ich sie gelesen habe, und das ist gut so. Es ergänzt sich auch gut mit meinem Artikel-Speicher Pocket, da ich alles Relevante so in zwei Apps auf meinem Telefon lesen kann.

Ich habe versucht, ein paar Überkategorien zu definieren, aber über manche Newsletter bin ich auch einfach unabhängig vom Thema gestolpert. Besonders empfehlenswerte habe ich mit einem 🚀 markiert. Über weitere gute Tipps freue ich mich in den Kommentaren. Außerdem frage ich mich natürlich, ob ich selbst einen schreiben sollte – oder ob es reicht, regelmäßig darauf hinzuweisen, das man dieses Blog per E-Mail abonnieren kann (linke Seitenleiste).

Podcasts

Beifahrersitz (Denise Fernholz) 🚀

  • Ich mag Denise’ Ehrlichkeit beim Erfahrungen sammeln mit ihrem eigenen Podcast “Sind wir schon da” (den ich ironischerweise nicht höre).

Hören/Sagen (Sandro Schroeder)

Mixdown Weekly (Podstars)

Oh My Pod (Anna Scholz & Carolina Torres)

Narrative Beat (Karen Given) 🚀

  • Karen schreibt ihren Newsletter nicht regelmäßig, aber wenn er mal erscheint ist er immer voll mit richtig guten Ratschlägen und Gedanken rund um narratives Podcasting.

Die Podcast-Entdecker (Bayern 2)

Podcast Hacks (David Streit) 🚀

  • David und ich kennen uns schon sehr lange, und auch wenn ich seinen marketing-gesättigten Stil in diesem Newsletter nicht immer gut finde (das weiß er auch), liefert er mir regelmäßig neue Ideen, was ich in der Podcast-Vermarktung mal ausprobieren könnte.

Podcast Update (RBB)

Medien und Innovation

Blaupause (Sebastian Esser)

Gregor Schmalzried 🚀

  • Gregor denkt über KI mit dem Kopf eines Kulturjournalisten nach. Seine Texte sind sehr konkret und trotzdem voller origineller Gedanken. Dazu gibt es gute Links.

Let’s Push Things Forward (Kevin Schramm) 🚀

  • Ein Mikronewsletter mit einer kleinen, fast-täglichen Dosis Blick auf interessante Dinge irgendwo in der Medienwelt.

Plaintext (WIRED/Steven Levy)

Technologieoffen (Jens Stoewhase)

TextHacks (Anne-Kathrin Gerstlauer) 🚀

  • Der vermutlich nützlichste Newsletter in dieser Liste, auch wenn ich mich frage, wie lange Anne-Kathrin das Thema noch durchhalten kann.

Übermedien 🚀

  • Der Newsletter für Abonnent:innen enthält immer eine Story, die nicht auf der Website zu finden ist, aber in etwas plauderigerem Ton.

Wandel gestalten (Julia Junge) 🚀

  • Julia ist eine Kollegin und gute Freundin von mir und berät NGOs zu (unter anderem) KI. Ich empfehle sie wärmstens!

WIRED Weekly

Kultur

Culture Study (Anne Helen Petersen)

The Future, Now and Then (Dave Karpf) 🚀

  • Ein Politikwissenschaftler, der sich momentan schwerpunktmäßig mit dem Technologie-Optimismus der 90er beschäftigt. Immer sehr gut argumentiert und fundiert.

The Komoy Dispatch (Paul Wolinski)

Pop Culture Happy Hour (Linda Holmes) 🚀

  • Ein kleiner Nachdenktext meist zu aktuellem Fernsehen und manchmal noch gute Linktipps. Ich lese den Newsletter, obwohl ich den Podcast seit langem nicht mehr höre.

Post vom Einheinser (Lukas Heinser)

So Here’s A Thing (Michael Marshall Smith) 🚀

  • Einer meiner Lieblingsautoren mit relativ beliebigen Gedanken zu Leben und Kultur. Ich nehme immer interessante Ideen mit.

Sonstiges

Planet Money (Greg Rosalsky)

Schicht im Schacht (Moritz Hoffmann) 🚀

  • Politik und Geschichte. Sehr gute Einordnungen aktueller Debatten.

ungefiltert (Martin Fehrensen)

Unsnackable (Folu)

Wittkamps Woche (Peter Wittkamp)

Bild: Midjourney/Alex Matzkeit

Mein Podcast-Plan

Ich habe vor kurzem, inspiriert durch einen LinkedIn-Post zu einem verwandten Thema, den “Stundenplan” meiner wöchentlichen Podcasts auf Threads gepostet und ein bisschen Resonanz darauf bekommen. Deswegen wollte ich das hier noch einmal machen und ein bisschen mehr erläutern.

Das hier sind die Podcasts, die ich wöchentlich oder zweiwöchentlich regelmäßig höre, den Tagen zugeordnet, an denen sie erscheinen.

Kursiv geschriebene Podcasts erscheinen zweiwöchentlich.

Dazu kommen monatlich und unregelmäßig erscheinende Podcasts wie Auf Weltempfang, Fashion the Gaze, Imaginary Worlds, Sound School, Tasty MTG, Über Podcast, MKL – Mit Kindern Leben und Abweichendes Verhalten.

Außerdem gibt es Podcasts, die ich abonniert habe, aber meistens nicht höre, außer mich interessieren Thema/Gäst:in besonders oder ich habe gerade mehr Zeit als üblich, zum Beispiel Spreepolitik, Too Many Tabs, The Command Zone, Death, Sex & Money, Longform, Cuts, The Q&A with Jeff Goldsmith, Alles gesagt?, Lakonisch Elegant, Töne Texte Bilder, Brave New World und Quoted.

Zudem gibt es einige Podcasts, die abgeschlossen sind oder nur in Staffeln erscheinen. Je nach Zeitbudget höre ich davon meist auch noch zwei oder drei. Aktuell sind das etwa Justitias Wille und Serial Staffel 4. Neue Staffeln von You Must Remember This, Land of the Giants und Decoder Ring kommen bestimmt demnächst.

Und irgendwie habe ich es in letzter Zeit geschafft, auch noch einzelne Folgen von Neuerscheinungen für meine Höreindrücke zu hören.

Ich weiß, dass das ganz schön viel ist, auch wenn ich zum Glück feststellen konnte, dass ich nicht der einzige mit einem solchen Plan bin. Deswegen hier ein paar Antworten auf eventuell naheliegende Fragen:

Wie schaffst du das?

Zunächst höre ich englischsprachige Podcasts und deutschsprachige Storytelling-Podcasts auf 1,5-facher Geschwindigkeit. Deutschsprachige Gesprächspodcasts höre ich auf 2-facher Geschwindigkeit. Das spart schon mal viel Zeit.

Dann habe ich relativ feste Zeiten am Tag, zu denen ich Podcasts höre. Morgens im Bad (ca. 20 Minuten), auf dem Hin- oder Rückweg zur Kita (20 Minuten), abends beim Aufräumen der Küche (30 Minuten) und meist in der Mittagspause, bei Hausarbeiten oder anderen Wegen (30-45 Minuten). Das sind also meist etwas mehr als zwei Stunden am Tag, und das reicht.

Hörst du wirklich alles?

Nein. Bei This American Life zum Beispiel ist jede dritte Folge eine Wiederholung, die ich in der Regel ignoriere. Ähnlich streng gehe ich mit vielen anderen Formaten um, die ich zwar mag, aber bei denen man auch nichts verpasst, wenn man mal eine Folge auslässt. Ich versuche schon immer die meisten Sachen innerhalb weniger Tage zu hören. Wenn etwas zu lange meinen Queue verstopft und ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr dazu komme, weil immer wieder Neues nachkommt, lösche ich es.

Und das hörst du alles zusätzlich zu deinem restlichen Medienkonsum?

Jein. Diese Podcasts sind mein primärer Medienkonsum. Ich lese zusätzlich viele Newsletter (vielleicht dazu bald mal ein eigener Post) und einige Artikel, die mir über Social Media begegnen, aber ich lese keine Tageszeitung, keine Nachrichtenseiten, gucke keine aktuellen Nachrichtensendungen oder Talkshows und ignoriere tagesaktuelles Nachrchtengeschehen voller Pseudoereignisse meist generell zugunsten von tieferen Analysen mit längerem Horizont. Auch das spart sehr viel Zeit.

Warum sind die Podcasts fast alle amerikanisch?

Als ich vor etwa 15 Jahren verstärkt mit dem Podcast hören angefangen habe, waren Podcasts wie This American Life, Planet Money und Radiolab meine Einstiegsdrogen. Wenn man sich einmal in diesem Ökosystem befindet, stößt man immer wieder auf neue Podcasts aus ihrem jeweiligen Umfeld, und wenn man dann erstmal einen Podcast liebgewonnen hat, fällt es schwer, ihn irgendwann aufzugeben. Aber dann ist der Stundenplan eben auch schnell voll und es ist für neue (deutsche) Podcasts schwieriger, sich einen festen Platz zu erstreiten.

Was sind das für Podcasts?

Ich bin Kultur- und Medienjournalist, daher stammen auch viele Podcasts aus diesem Bereich, etwa das Culture Gabfest, das die Inspiration für meinen eigenen Podcast Kulturindustrie war, Good One (Comedy), All Songs Considered, Switched on Pop und Hit Parade (Musik), 50 MPH (Film), Übermedien und Übers Podcasten (Medien) und Our Opinions Are Correct (Science-Fiction). Dazu kommen einige Informationspodcast auf dem genannten übergeordneten Niveau wie This American Life, Planet Money, Die Wochendämmerung und die Ezra Klein Show. Und einige Podcasts zu meinem Hobby, dem Kartenspiel Magic: The Gathering.

Was fehlt?

Ich vermisse immer noch einen echten Hangout-Podcast, der genau zu mir passt. Was für andere die Drinnies oder Gästeliste Geisterbahn sind – einfach Leute, die über alles und nichts labern und die man als Pseudo-Freunde haben kann. Vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch, aber vielleicht ist dieser Podcast ja auch irgendwo da draußen. Also gerne in den Kommentaren empfehlen.

Das Ende der Hyper-Stasis?

Alles beschleunigt, aber nichts verändert sich. Das ist das dominante Zeitgefühl der Postmoderne, spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends. Die Krisen mögen zunehmen, die Computerchips kleiner werden, aber wann war das letzte Mal, dass wir in der nördlichen Hemisphäre wirklich das Gefühl hatten: Oh, das ist neu, und das wird alles verändern?

Die globale Pandemie? Na ja, ich arbeite jetzt halt vier Tage die Woche von zu Hause und habe drei Jahre lang Maske getragen, aber trotz der vielen Toten – mein Leben hat sich eher trotz als wegen Covid verändert. Der Krieg in der Ukraine? Ich habe meine Abschlagszahlung für Öl und Gas etwas erhöht, fertig. Ich weiß natürlich, dass es viele individuelle Schicksale gibt, die die Auswirkungen deutlich mehr gespürt haben, als ich. Aber aus breiterer Perspektive hat sich doch das Leben im Rest der Welt auch nicht mehr verändert als bei einem Krieg, der weiter weg gewesen wäre. Das ist ja das absurde.

Simon Reynolds hat für dieses Gefühl in seinem Buch Retromania den Begriff Hyper-Stasis geschaffen. Ich habe mal das längere Originalzitat rausgesucht, das sich ursprünglich nur auf Musik bezieht. Reynolds beschreibt,

feeling impressed by the restless intelligence at work in the music, but missing that sensation of absolute newness, the sorely craved ‘never heard anything like this before’. Hyper-stasis can apply to particular works by individual artists, but also to entire fields of music. (…) In the analogue era, everyday life moved slowly (you had to wait for the news, and for new releases) but the culture as a whole felt like it was surging forward. In the digital present, everyday life consists of hyper-acceleration and near-instantaneity (downloading, web pages constantly being refreshed, the impatient skimming of text on screens), but on the macro-cultural level things feel static and stalled. We have this paradoxical combination of speed and standstill.

Simon Reynolds: Retromania: Pop Culture’s Addiction to its Own Past (2010)

Ich denke über dieses Gefühl seit mindestens zwölf Jahren nach, und ich suche entsprechend seit zwölf Jahren nach einem Ausweg daraus. Jetzt, 2023, bin ich erstmals bereit, zu behaupten: Ich denke, er steht bevor. Dafür gibt es zwei Gründe. Der eine folgt der Formel Change by Disaster. Der andere hat Kulturproduktion jetzt schon grundlegend verändert – und dabei hat seine Zeit gerade erst begonnen.

Klimawandel oder Klimakatastrophe?

Das erste, was mir einfiel, nachdem ich Retromania gelesen hatte, war: Wie hängt das alles mit Untergangsdenken zusammen? Ich habe sogar Simon Reynolds bei einer Lesung danach gefragt: Wäre nicht eine Katastrophe der Ausweg aus der Hyper-Stasis? Er hat gelacht und hatte keine weiteren Gedanken dazu, aber ich bleibe dabei: Ist das nicht in einer apokalyptisch geprägten Kultur wie der unseren eigentlich sogar der explizite Wunsch, auf den wir hinsteuern? Eine große Zäsur, eine wirkliche Zeitenwende, die die Spreu vom Weizen trennt und uns in einem Zug endlich von der großen Ennui befreit, die mit der Hyper-Stasis einhergeht.

Die Pandemie hatte ja bei vielen Menschen interessanterweise genau den gegenteiligen Effekt. Sie war etwas Schleichendes, Unsichtbares. Keine unmittelbare Bedrohung, sondern etwas, was für noch mehr Zeitlosigkeit sorgte.

Aber: Wie steht es mit der bevorstehenden Klimakatastrophe?

Als ich mit meinem Kulturindustrie-Co-Host Sascha im November 2019 über Nostalgie gesprochen habe, hat er etwas gesagt, was mir sehr im Kopf geblieben ist: “Ich glaube, dass das alles in der Zukunft noch schlimmer wird.” Die Angst vor der Zukunft werde die ganze Welt in die Vergangenheit treiben, meinte er. Das passt zu dem, was ich im Oktober geschrieben habe: Eventuell besteht die Reaktion der Menschheit im Angesicht der Katastrophe vor allem in einem herzhaften “Weiter so”.

Vielleicht aber sorgen die zunehmenden Vorboten des Kollapses aber auch für eine Veränderung der eigenen Wahrnehmung in der großen Erzählung der Menschheit. Eventuell möchte diese doch lieber eine sein, die die Katastrophe in letzter Minute abgewendet hat, als eine, die sehenden Auges und trägen Geistes in sie hineingelaufen ist.

Bei mir und bei einem signifikanten Teil der Bevölkerung, insbesondere in den Generationen nach mir, ist dieses Bewusstsein ja bereits erwacht. Ich glaube, dass es nicht nur die reine Angst ist, die alle antreibt, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen, sondern auch der Wunsch, aus der bisherigen Rückwärtsgewandtheit auszubrechen.

Das also ist der erste Faktor für den Weg aus der Hyper-Stasis. Die Katastrophe kommt. Und egal ob wir sie abwenden oder nicht – die Welt, auch die kulturelle, wird dadurch auf jeden Fall neu geformt.

Geist in die und aus der Maschine

Der zweite wird seit letzem Jahr so viel diskutiert, dass es fast schon müßig scheint, ihn zu erwähnen. Aber dennoch: Ich denke, dass die zunehmende Macht von generativer Künstlicher Intelligenz uns aus der Hyper-Stasis führen könnte. Was Midjourney, ChatGPT und Co derzeit so fabrizieren, hat bei mir auf jeden Fall das erste Mal seit sehr langer Zeit ein Gefühl von Neuheit und Revolution in der Kulturproduktion hervorgerufen, wie Reynolds es beschreibt. Und das, obwohl generative KIs nur auf Daten und Referenzen zugreifen können, die bereits bestehen, also per Definition eigentlich nichts Neues schaffen können.

Und tatsächlich ist ein großer Einsatzort von generativer KI derzeit die Heraufbeschwörung von Nostalgie und Retromanie, meist für Dinge, die es nie gegeben hat (was Roland Meyer unter #ArtificialNostalgia und #NostalgicWeirdness zusammengefasst hat). Aber nicht nur werden die Maschinen-Lernmodelle schon jetzt von Monat zu Monat besser, sondern auch ihre Operatoren lernen ständig dazu.

Wenn man bedenkt, dass die letzte große Neuheit etwa in der Musik der Einsatz von Computern als Werkzeug war, erscheint es mir nur logisch, dass der nächste große Schritt in der Kulturproduktion der Einsatz von Software sein wird, die in der Lage ist, selbst Kultur zu schaffen. Wird sie damit alleine gelassen, dürfte sie nie etwas genuin Neues erzeugen, allen Befürchtungen von “self-aware” KIs zum Trotz. Aber Mensch und KI sollten gemeinsam in der Lage sein, Kultur zu schöpfen, die keiner von beiden alleine hätte generieren können und die sie wirklich neu anfühlt.

Ich habe bei Zukunftsvorhersagen und Potenzial-Prognosen neuer Technologien nicht die beste Bilanz. Vielleicht bin ich auch nur älter geworden und habe einfach ein großes Bedürfnis nach Ausbruch aus dem Bisherigen. Aber ich denke doch, dass der Hyper-Stasis-Vibe-Shift uns bereits erfasst hat.

Oder?

Foto von Ville Palmu auf Unsplash

40 kulturelle Produkte, die mein Leben geprägt haben (und ein wenig Reflexion zum 40 werden)

Am 25. Februar bin ich 40 Jahre alt geworden. Um ehrlich zu sein beschäftigt mich diese Tatsache seit mindestens einem Jahr. Natürlich sind Alterszahlen relativ willkürliche Grenzen im Leben, aber irgendwas verändert sich ja doch, wenn nicht in einem selbst, dann zumindest in der Wahrnehmung durch andere. Mit 40 ist man auf jeden Fall nicht mehr „jung“. Auch nicht unbedingt alt (außer vielleicht in den Augen meines bald fünfjährigen Kindes), aber doch an einem Punkt angelangt, wo ein entscheidender Teil des Lebens meistens bereits abgeschlossen ist: Adoleszenz, Ausbildung, Berufswahl, Familiengründung. 

Es ist logischerweise nicht zu spät, um sich neu zu orientieren. Darüber habe ich mit vielen, die mir ein paar Jahre voraus sind und von denen einige genau das getan haben, in den letzten zwölf Monaten gesprochen. Ich selbst habe das vor einem Jahr beruflich in Angriff genommen, mich nach vielen Jahren in der PR wieder stärker in Richtung Journalismus orientiert und ein wenig Freiberuflichkeit ausprobiert. Da meine größte Angst mehr oder weniger ist, in meinen 40ern irgendwie außerhalb meiner Familie irrelevant zu werden (eine sehr eitle Angst, ich weiß), fühlte sich das schon mal wie ein guter Schritt an. Ich hoffe, dass es gleichzeitig auch ergänzt wird von einer gewissen, auf Erfahrung beruhenden Gelassenheit, von der mir einige Ü40-Menschen erzählt haben. Wir werden sehen.

Ich bin nicht Kevin Kelly

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Augenblick im Blog festhalten kann. Lange Zeit hatte ich die Idee, Ratschläge aus genau der eben erwähnten Erfahrung weiterzugeben, weil ich beispielsweise Kevin Kellys derartige Liste total toll fand. Aber ich fühle mich noch nicht bereit dafür. Also habe ich mich entschieden, zurück und nach innen zu schauen und zu überlegen, welche kulturellen Dinge (ich bin Schließlich im weitesten Sinn Kulturjournalist) mich als Person in den letzten 40 Jahren besonders geprägt haben.

Mein Maßstab dafür war weniger, was noch heute meine „Lieblings“-Bücher, Filme, Musik usw. sind und somit die Zeit überdauert haben, sondern woran ich immer noch öfter als formende Erfahrungen zurückdenke. Momente, in denen ich plötzlich einen neuen Blick auf die Welt wahrnahm, der mein Denken oder Fühlen verändert hat. Außerdem Erfahrungen von Kultur, die etwas in mir geweckt haben: ein Interesse, eine Leidenschaft, eine Gewohnheit, manchmal sogar einen Charakterzug, den ich heute noch in mir erkenne.

Zwischen 8 und 12

Beim Erstellen der Liste, die übrigens natürlich trotz aller Überlegung sehr willkürlich ist und in mindestens der Hälfte der Einträge auch anders aussehen könnte, ist mir aufgefallen, dass die entscheidendste kulturelle Phase meines Lebens etwa die Zeit zwischen 8 und 12 Jahren war. Keine große Erkenntnis aus entwicklungspsychologischer Sicht, ich weiß, aber es hat mich doch erstaunt, wie viele Grundsteine in dieser Zeit gelegt wurden, die ich heute als einen essenziellen Teil von mir betrachte, während vieles, was später kam, sich weniger entscheidend anfühlte – selbst viele Dinge, denen ich im Studium begegnet bin.

Je kürzer zurück die Erinnerungen reichen, desto spärlicher werden sie. Auch das ist logisch. Erstens kann man ihre Wirkkraft noch nicht so gut sehen wie bei älteren Erfahrungen. Zweitens waren für mich etwa die letzten zehn Jahre vermutlich mehr vom Erlernen von sozialen und beruflichen Fähigkeiten geprägt als von kulturellen Ideen. Ich glaube aber auch, dass es eine Rolle spielt, dass ich mein inneres Alter immer ungefähr auf 27 oder 28 beziffern würde. Zu dieser Zeit hatte ich mein Studium, meine ersten zwei Jobs und die ersten ernsthaften Beziehungen gemeistert, fühlte mich also etwas erfahren, aber gleichzeitig kaum festgelegt. Ich konnte überall auftauchen und als Mensch mit Potenzial wahrgenommen werden, und ich verhielt mich auch so. Jetzt, zwölf Jahre später fühle ich mich deutlich mehr „gesetzt“, sowohl innerlich als auch von außen betrachtet. Es wird in den nächsten Jahren wichtig sein, diese Gesetztheit aufzubrechen ohne im Prozess Fundamente zu verlieren, die mir wichtig sind.

Und jetzt endlich: die Liste. Ein größeres Mammutwerk, als ich gedacht hätte. Die Reihenfolge orientiert sich an der ungefähren Zeit, in der ich den Dingen begegnet bin.

1. Chris de Burgh: Spark to a Flame. Meine erste popkulturelle Erinnerung ist Mitsingen zu „Don’t Pay the Ferryman“. Der relativ softe Musikgeschmack meiner Eltern hat mich in jedem Fall geprägt. Noch heute sehe ich immer wieder, dass Popmusik, die eher im Folk als im Blues verwurzelt ist, mich stärker anspricht.

2. Cats und Starlight Express. Ich habe beide Musicals als Kind gesehen und natürlich anschließend die Alben in Dauerrotation gehört. „Musical Theatre“ und besonders der Stil von Andrew Lloyd Webber hat sich in meine DNA eingeschrieben. Trotz allem anderen, was ich im Leben so gemacht habe, würde ich mich, müsste ich mich einem US-Highschool-Clan zuordnen, am ehesten als „Theatre Kid“ bezeichnen.

3. Knister. Späteren Leser*innen dürfte der Kinderbuchautor Knister vor allem als Erfinder der Hexe Lilli bekannt sein. In den 90ern hat er aber eine Reihe Bücher geschrieben, die ich sehr mochte („Teppichpiloten“ zum Beispiel), darunter eins namens „Mikromaus mit Mikrofon“, in dem es darum ging, wie man mit Mikro und Recorder Hörspiele und andere Klangexperimente machen kann. Von dort zum Podcasten war es quasi ein logischer Schritt.

4. Otto Waalkes. Meine Eltern hatten fast alle Otto-Platten aus den 1970er Jahren, und ich habe sie als Kind rauf- und runtergehört – sicherlich ohne sie in all ihren Nuancen zu verstehen. Rückblickend kann ich sagen, dass mein Humor davon stark geprägt wurde. Das gilt für Nonsens und Sprachwitz gleichermaßen wie für die große Musikalität, die Ottos Bühnenprogrammen innewohnt. Dass er ein fantastischer Musiker ist, habe ich erst mit erwachsenen Ohren zu schätzen gelernt.

5. Bart Simpson. Die Simpsons sind inzwischen zum kulturellen Teppich einer ganzen Generation geworden, aber am Anfang war für mich vor allem die Figur von Bart interessant, noch bevor ich die Serie überhaupt geschaut habe. Der Schlingel auf dem Skateboard war lange Zeit mein Idol (ich wollte sogar „Bart“ heißen), obwohl ich weder Skateboard fuhr noch besonders schlecht in der Schule war.

6. Die Sendung mit der Maus. Meine Eltern hatten lange eine sehr restriktive Fernseh-Police und „Die Sendung mit der Maus“ war in den ersten 8 Jahren meines Lebens oft das einzige, das ich überhaupt schauen durfte.

7. Queen: Bohemian Rhapsody. Wie für wahrscheinlich viel Menschen war dieser Song, der sich über seine Laufzeit so stark verändert aber sein Pathos-Level unverändert hochhält, für mich ein musikalisches Erweckungserlebnis. Ich halte ihn für unerreicht.

8. Eurodance. Zwischen 1992 und 1995 bestanden große Teile meiner musikalischen Welt aus, wie ich es damals nannte, „Techno“. „No Limit“ von 2 Unlimited war meine erste Single. Obwohl ich kein großer Hörer elektronischer Musik geworden bin, fasziniert mich Eurodance, dieser Clash aus dem Elektro-Underground und Maximalpop, noch immer. So sehr, dass ich am liebsten mal eine große journalistische Recherche zur damaligen Zeit und ihrer Dynamik, die außerhalb Europas kaum eine Rolle spielte, umsetzen würde.

Tourism (1993)

9. Roxette: Tourism. Meine erste CD war „Joyride“, aber „Tourism“ ist das besonderere Album, weil es ein so ungewöhnliches Konzept hat – eine Mischung aus Aufnahmen, die während einer Welttournee entstanden – manche im Studio, manche live, manche improvisiert. Die Musik von Per Gessle würde ich als eine weitere wichtige Säule meines Musikgeschmacks positionieren. Außerdem war ich damals schwer in Marie Fredriksson verknallt, die ich ebenfalls bis heute toll finde und deren früher Tod bis heute schmerzt.

10. M. C. Escher. Die mathematischen Muster und visuellen Verrenkungen im Werk von M. C. Escher haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Ich hatte lange das Bild „Tekenen“ als Druck an der Wand hängen. 2022 habe ich mir ein Penrose Dreieck, das Escher zu einigen seiner Werke inspiriert hat, als Tattoo stechen lassen.

11. 4D Sports Driving („Stunts“). Videospiele wurden ab ca. 1993 ein fester Teil meines Lebens und ich habe viele Klassiker ausführlich gespielt. Am meisten im Kopf geblieben ist mir aber „Stunts“, ein Rennspiel, in dem man mit seinem Fahrzeug durch Loopings fahren und über Brücken springen und – das wichtigste – selbst Strecken bauen konnte. Bis heute sind Sportspiele, von direkten Nachfolgern wie Trackmania bis zu Tony Hawk’s Pro Skater und Fifa eigentlich meine Lieblingsspiele.

12. X-Base. X-Base war eine leider kurzlebige Show im Nachmittagsprogramm des ZDF, die versuchte, das neu aufkommende Computerzeitalter für ein junges Publikum aufzubereiten. Es gab Videospiel-Wettkämpfe, Reportagen, einen digitalen Moderator namens Eddie Highscore und Auftritte von Elektro-Popgruppen. Ich fand X-Base von vorne bis hinten großartig, sie enthielt alles, was ich zu diesem Zeitpunkt toll fand. Leider wurde die Show nach einem halben Jahr eingestellt, aber sie hat in mir definitiv ein größeres Interesse für digitale Kultur geweckt.

13. Terminator II: Judgment Day. Dieser Film, den ich verbotenerweise viel früher schaute, als seine FSK-Einschätzung vorgab, hat sehr wahrscheinlich meine lebenslange Faszination mit Visual Effects und Computeranimation auf dem Gewissen.

Meine erste Lektüre fand nicht mit dieser Ausgabe statt, aber meine zweite.

14. J. R. R. Tolkien: The Lord of the Rings. Mit Tolkiens Buch, das ich las während ich eine Woche krank zu Hause war, hat sich für mich alles verändert. In seiner Folge gab es für mich über viele Jahre kaum etwas anderes als Fantasy und Science-Fiction zu lesen und bis heute sind Tolkiens Werke für mich literarische Texte, die ich – durch die zahllosen Veröffentlichungen zum Thema – weiter studiere.

15. Shadowrun. Das in Deutschland von Fantasy Productions veröffentlichte Spiel, das uns ein Klassenkamerad auf dem Rückweg einer Klassenfahrt im Bus erklärte, war mein erster Kontakt mit Tabletop-Rollenspielen. Nicht nur spiele ich diese bis heute (wenn auch selten), aber ich bin auch nach wie vor absolut fasziniert von der Cyberpunk-Vision, die Shadowrun dazu noch mit Fantasy-Tropes kombiniert.

16. Magic: The Gathering. Magic besiegelte meine Fantasy-Gaming-Obsession 1995 endgültig. Diesem Spiel gehörte fast jede freie Minute. Ich konnte alle Karten auswendig, bis die Faszination rund um mein Abitur 2001 irgendwann nachließ aber nie ganz einschlief. 2017 fing ich schließlich wieder an zu spielen und mich aufs Neue zu faszinieren. 2021 habe ich mir die fünf Mana-Symbole als Tattoo stechen lassen.

InQuest

17. InQuest. Diese amerikanische Zeitschrift begriff sich als Begleitmagazin zu Magic und den anderen damals aufkommenden Collectible Card Games. Später erweiterte sie ihr Spektrum auf Rollenspiele und andere Phantastik-Hobbies. InQuest hat nicht nur meinen Blick auf die Welt der Phantastik nachhaltig geprägt (die darin von Zeit zu Zeit aufgestellten Kanons bester Filme oder Romane lassen sich bis heute schwer abschütteln), sondern auch den damals verbreiteten, sehr männlichen Nerd-Humor in mich eingeschrieben. Es hat einige Jahre gedauert, mich von dieser Prägung zu emanzipieren, die in einigen Ecken des Internets immer noch sehr stark ist.

18. Dream Theater: A Change of Seasons. Der Song, der meinen gesamten Musikgeschmack veränderte. Tendenzen waren eventuell durch Queen schon da, aber in den kommenden zehn Jahren würde sich für mich alles mehr und mehr um Progressive Rock drehen. Dream Theater war auch die Band, bei der ich zum ersten Mal Fandom im Internet erlebte, mit Mailinglisten und Online-Foren.

A Change of Seasons (1995)

19. Blind Guardian: Nightfall in Middle Earth. Was mit Dream Theater begann, setzte sich mit Blind Guardian und anderen Bands, die hymnischen Metal zu Fantasy-Themen präsentierten, fort. Aus heutiger Sicht kann ich es klar der Pubertät anlasten, dass ich ausgerechnet diesem Wahre-Männer-Kämpfen-Metal damals so verfallen war. Schlich sich zum Glück zum Studium hin dann aus.

20. Robert Jordan: The Wheel of Time. In gewisser Weise beendete The Wheel of Time, die endlose und endlos derivative Fantasy-Saga rund um eine Gruppe Jugendliche und eine alte Prophezeiung, was Der Herr der Ringe begonnen hatte. Im Rückblick steht die Buchreihe, die ich nie beendet habe, für mich für die Abkehr von der großen Erzählung der Fantasy, der ich mich eine gute Dekade hingegeben hatte, und ein neues Erwachsenheitsgefühl.

21. DVD Extras. Schon bevor die DVD das dominante audiovisuelle Medium wurde, hatte ich mich dafür interessiert, wie Filme gemacht werden. Aber DVDs, mit ihren Featurettes und Audiokommentaren – und manchmal auch mit ernstzunehmenden Einblicken ins Filmemachen – haben meinen Blick auf die Filmwelt enorm geprägt. Ich habe sie alle geschaut und gehört, selbst dort, wo ich die Filme nicht besonders gut fand. Die Kombination aus Streaming und Zeitmangel durch Elternschaft hat dem leider weitgehend ein Ende gesetzt.

Die DVD-Extras von The Fellowship of the Ring waren ein Erlebnis

22. The Fellowship of the Ring. Was war das für ein Glück, dass ich in einer Zeit lebte, in der das 50 Jahre alte Buch, in das ich mich gerade verliebt hatte, dann auch noch grandios verfilmt wurde. An Fellowship brachen sich alle Dinge Bahn, die mich interessierten: Computer-Effekte, Internet-Hype-Kampagnen, Fantasy, eine fantastische Nutzung des DVD-Formats. Der Film meines 18-jährigen Lebens.

23. Futurama. Wo die Simpsons den Boden bestellt hatten, konnte Futurama ernten. Die nerdigere Variante von Matt Groenings und David Cohen Humor war eine große Faszination für mich. So sehr, dass ich alle fünf Staffeln vor der ersten Absetzung als DVD-Boxen besaß.

24. 65daysofstatic: Retreat! Retreat!. Mit dem Beginn meines Studiums begann für mich auch eine neue Ära der Musikentdeckung, besonders durch meinen Freund Carsten. Ich weiß nicht, wie sich mein musikalisches Leben ohne 65daysofstatic entwickelt hätte. Die Band hat so viele interessante Sachen in den letzten 20 Jahren gemacht, ihre Livekonzerte gehören zu meinen liebsten Dingen überhaupt. Und dieser erste Song, den ich von ihnen gehört habe, gehört immer noch zu den besten Songs aller Zeiten.

25. Neal Morse: One. Andererseits: Noch war meine Prog-Begeisterung lange nicht gebrochen. Als Spock’s Beard-Frontmann Neal Morse Anfang der 2000er sein Coming Out als Born-Again-Christ hatte und künftig nur noch christliche Prog-Alben machte, hat das, gemeinsam mit einigen anderen Faktoren, etwas in mir bewegt. Ohne Neal wäre ich wahrscheinlich nicht in der evangelischen Kirche und beim Kirchentag gelandet.

26. Pink Floyd: The Wall. Konzeptalben waren ein großes Ding für mich in der ersten Hälfte der 2000er und The Wall, zu dem es ja auch einen werden aber coolen Film gibt, war mein liebstes. Ich habe mich sehr ausführlich damit beschäftigt und meine Vorstellungen von gelungen transmedialen Erfahrungen, wie ich sie zehn Jahre später erforschen würde, wurden sehr davon geprägt. Aber nur damit das klar ist: Roger Waters kann hingehen, wo der Pfeffer wächst!

White Teeth (2000)

27. Zadie Smith: White Teeth. „Black British Fiction by Women“ hieß das Seminar, das ich im Anglistik-Studium eher aus Verlegenheit besuchte, und das mich in vielerlei Hinsicht erstmals dazu zwang, mich erstmals mit Marginalisierung, Feminismus und Postkolonialismus zu beschäftigen. Zadie Smiths Debütroman, der den Fächer der damit verbundenen Erfahrungen und Erzählungen weit aufmacht, war für mich der Schlüssel dazu. Zadie Smith hat mein Denken geprägt und bis heute gehört sie zu den wenigen Autor*innen, von denen ich kein Buch verpasse.

28. Cinematical. Ich habe auch eine Weile Ain’t It Cool News gelesen, aber Cinematical (RIP) war mein Einstieg in die US-Filmblog-Kultur, über die ich mein Film-Nerdtun lange Zeit gepflegt habe.

29. The Guardian Film Weekly. Mein allererster Podcast. Dass er mich geprägt hat, sieht man daran, dass ich heute selbst ein Format mit zwei Interviews pro Folge moderiere.

30. Rudolf Arnheim: Film als Kunst. Etwas hat „Klick“ bei mir gemacht, als ich von diesem 90 Jahre alten Buch das erste Mal hörte. Arnheim ist ein sehr konservativer Denker, aber er sein Verständnis davon, wie die Materialität des Mediums sein Output beeinflusst, entspricht einfach sehr gut meinem eigenen Kunst-Empfinden. Arnheims Text bildete dann einen Teil des Rückgrats meiner Magister-Arbeit, die leider aus anderen Gründen nicht das ruhmreichste Ende nahm.

Film als Kunst (1932)

31. Stefan Niggemeiers Blog. Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier war der erste deutsche Blogger, den ich bewusst wahrgenommen habe, erst über das Bildblog, dann über sein eigenes medienjournalistisches Blog. Ich muss einfach sagen, dass er auch ein großes Vorbild für mich war (und wahrscheinlich noch immer ist). Vielleicht nicht das beste, da ich immer wieder feststelle, dass ich von meiner Arbeitsweise ganz anders ticke, aber zumindest stilistisch glaube ich, dass er mich sehr beeinflusst hat. Fun fact: Zum ersten Mal persönlich miteinander gesprochen haben wir 2022.

32. Wired. Obwohl ich von Wired immer schon viel gehört hatte, hatte ich erst 2008 (nach einem USA-Urlaub) das erste Mal eine Ausgabe in der Hand und war sofort schockverliebt. Diese Art von Technikoptimismus passte exakt in diesen Moment meines Lebens zum Ende meines Studiums und zu beginn meines Berufslebens, das sich sehr bald stark in Richtung Online-Kommunikation drehen würde. Ich habe Wired kurz danach abonniert und ziemlich religiös gelesen. Erst als Chris Anderson als Chefredakteur ging, verlor ich das Interesse.

33. Slate’s Culture Gabfest. Dieser Podcast, den ich immer noch höre und zu dessen Hosts ich eine starke paarsoziale Beziehung habe, hat mich an das Podcastformat „stark moderierte Roundtable-Kulturdiskussion“ herangeführt, das ich viele Jahre später für meinen eigenen Podcast Kulturindustrie versucht habe, zu kopieren.

34. The Avengers. Als das Marvel Cinematic Universe noch keine Punchline war, sondern eine ganz neue Entwicklung – der Versuch, Erzählmechaniken aus seriellen Comics auf das Blockbuster-Kino zu übertragen – war ich völlig besessen davon. Ich fand die Idee einfach so revolutionär gut und neu. The Avengers halte ich für den Höhepunkt dieser Idee und bis heute für einen erstaunlichen Film.

35. This American Life. Die Art von Ira Glass und seinen Kolleg*innen, Radio zu machen, hat eine ganze Generation von Radioleuten und Podcastern beeinflusst. Auch mich hat sie von Anfang an gefangen genommen und sehr beeindruckt. Ich höre TAL immer noch jede Woche und lerne nach wie vor davon. Wenn es um den wahrhaft ausgelutschten Begriff „Storytelling“ im Journalismus geht, denke ich immer noch als erstes an TAL.

36. Simon Reynolds: Retromania. Auf der Suche nach dem Zeitgeist stieß ich 2011 auf dieses Buch, das in den kommenden Jahren als eine Art Prisma für meinen Blick auf große Teile der Kulturwelt diente (und das ich entsprechend oft zitiert habe). Interessanterweise denke ich, dass der Lebenszyklus des Buchs in den letzten zwei bis drei Jahren ein Ende gefunden hat, da sich der Eindruck einer „Hyper-Stasis“ (alles wird schneller, aber nichts verändert sich) vielerorts durch die am Horizont drohende Klimakatastrophe verändert hat.

37. re:publica. Lange bevor ich das erste Mal selbst auf die re:publica fahren konnte (2014) war sie ein Sehnsuchtsort. Der Raum, in dem sich alle Menschen trafen, die ich im Internet toll fand. Das beste: Bei meinem ersten Besuch (und auch meinem zweiten, wo ich zum ersten Mal selbst Speaker war) stellten sich viele Projektionen sogar als wahr heraus und ich hatte jedes Mal eine krasse Zeit. In den letzten Jahren hat, zugegeben, ein gewisser Gewöhnungseffekt eingesetzt.

38. Mark Rosewaters Kolumnen & Podcasts. Ich denke, der Head Designer von Magic: The Gathering ist einer der einflussreichsten Menschen in meinen Gedanken der letzten fünf Jahre. Erst im letzten halben Jahr habe ich den Eindruck, dass der Hype bei mir ein bisschen nachgelassen hat. Rosewater steht mit seiner Kolumne Making Magic und seinem Drive to Work Podcast für einen sehr transparenten Umgang mit Game Design und erklärt sehr regelmäßig genau, warum welche Entscheidungen für die Weiterentwicklung des komplexen Spiels getroffen wurden. Gleichzeitig ist er ein sehr sympathischer Typ, der seine Design-Lektionen auch gerne in Lebensweisheiten umwandelt.

39. Game Knights. Das YouTube-Format, in dem Menschen miteinander die Magic-Variante „Commander“ spielen, hat mir nicht nur das Format selbst nähergebracht, es hat mich (der sonst kaum YouTube-Formate schaut) auch viel darüber gelehrt, wie Spiele und Hobbys im Internet präsentiert werden können. Ich habe großen Respekt vor dem ganzen Team der „Command Zone“, die aus einem Zwei-Personen-Podcast ein kleines Nischen-Medienimperium mit einem dutzend Angestellten aufgebaut haben. 

40. Terra Ignota. Ada Palmers vierbändiger Science-Fiction-Zyklus hat mich sehr beeindruckt und stark beeinflusst, wie ich derzeit über Science-Fiction, Worldbuilding und die Zukunft der Menschheit nachdenke.

Das Beste und Schlimmste an BeReal

Ich bin jetzt seit knapp drei Wochen bei BeReal angemeldet, der neuen Social-Networking-App, die ihre Nutzer einmal am Tag zu einer zufälligen Zeit auffordert, ein Bild mit beiden Kameras des Handys zu machen, und ich finde sie großartig. Internet hat schon lange nicht mehr so viel Spaß gemacht.

Ich hatte das verrückte Glück, sehr früh bei Facebook zu sein, nämlich bereits im Herbst 2005, als ich mein Erasmus-Semester in Großbritannien machte. An diese frühe Facebook-Zeit erinnert mich BeReal gelegentlich. Es gibt kein “Folgen”, sondern “Freundschaften”, die gegenseitig bestätigt werden müssen. Es ist angenehm, plötzlich wieder im kleinen Kreis zu sein. Ein Finsta-Account, der Ähnliches bewirkt hätte, war mir immer zu viel Arbeit.

Geteilt wird in der Regel banaler Alltag. Menschen, die vor Computern sitzen, vor Fernsehern, in Cafés, die Straßen herunterlaufen. Das finde ich erfrischend, nicht unbedingt aus dem meist zitierten Grund, dass viele Menschen auf sozialen Medien immer nur die hochglanzpolierten besten Seiten ihres Lebens zeigen und so bei allen anderen FOMO auslösen. Gerade bei Freunden und Bekannten kann ich mich in der Regel für sie freuen, wenn sie Urlaub machen oder andere tolle Dinge erleben. Was mich vielmehr begeistert, ist, dass ich die meisten dieser Menschen halt doch in erster Linie aus dem Internet kenne. Und ich es schön finde, ihre Wohnungen zu sehen, ihre day jobs, ihre Freizeitorte. Und nicht, wie anderswo (selbst auf dem allen Video-Pivots zum Trotz inzwischen sehr textlastigen Instagram), hauptsächlich ihre Meinungen oder die Meinungen von anderen, die sie teilen.

Der Modus der App sorgt auch dafür, dass ich mich endlich mal nicht heimlich dafür schäme, mein alltägliches Leben zu teilen. Ich werde ja sogar dazu aufgefordert. Wenn ich es nicht tue, kann ich auch nicht sehen, was die anderen machen. Anderswo, gerade auf Twitter, fährt immer die Angst mit, meine Follower entweder zu langweilen oder mir vorzukommen, wie ein unangenehmer Selbstdarsteller (was ich eventuell auch bin, aber ich versuche, es mir nicht dauerhaft anmerken zu lassen).

Interessant ist es auch, zu beobachten, wie selbst die auf größte Authentizität gedrillte App Inszenierung nicht verhindert. Frei nach Paule W.: Man kann nicht nicht inszenieren. Welchen Ausschnitt wählen die Nutzer*innen genau, wenn sie fotografieren, was vor ihnen ist? Grinsen sie, wenn die Frontkamera ausgelöst wird? Machen sie ein Peace-Zeichen? Gucken sie traurig oder geschafft? Achten sie darauf, dass sie gut zu sehen sind oder pflegen sie eine gezielte Nicht-Ästhetik? Drängen sich Freunde mit ins Bild? Mein Lieblingsmoment jeden Tag besteht darin, wie das social-media-affine Paar, von dem jeder seinen eigenen Account hat, sich regelmäßig gegenseitig fotografiert, weil es zum Zeitpunkt des Prompts gerade zusammen zu Abend isst oder Fernsehen schaut.

Es wird nicht lange dauern, bis BeReal entweder eingeht, weil es keine Einnahmequelle hat, oder von Werbung, Marken und Influencern eingenommen wird, wie jede andere App auch. Aber für den Moment genieße ich den Augenblick in der Ausprobier-Bubble.

Einen riesigen Nachteil hat der zufällig am Tag platzierte Prompt dann aber doch. Man kann den ganzen Tag unterwegs sein und spannende und schöne Dinge machen, aber BeReal meldet sich manchmal erst, wenn man abends erschöpft auf der Couch sitzt und irgendeine uncoole Serie guckt. Das ist doch gemein! Ich weiß, dass es genau darum geht, aber ich hoffe dennoch jeden Tag auf die Gnade des Zufalls. Die brauche ich doch! Ich muss doch beweisen können, dass mein Leben zwischendurch auch mal interessant ist!

Gibt es ein Revival der interaktiven Fiktion?

Jannis Schakarian, ich, Christoph Rieth. Bild: Bernd Zywietz

Am 11. Juni konnte ich auf der TXT, der offiziellen Strand-After-Hour der re:publica 2022, ein Panel zum Thema “Gibt es ein Revival der interaktiven Fiktion?” moderieren. Mit mir auf der Bühne saßen Jannis Schakarian, Autor der “Hastig”-Textabenteuer, und Christoph Rieth, der Leiter der MDR Digitalkoordination, die das interaktive Hörspiel “Schloss Einstein: Mission to Mars” produziert hat. So lautete die Session-Beschreibung:

“Choose Your Own Adventure!” und “You are the hero!”. Mit Sätzen wie diesen begann in den 70ern ein Genre von interaktiven Texten, das erst 20 Jahre später durch die endgültige Dominanz von grafischen Computerspielen aus dem Mainstream verdrängt wurde. Von einer kleinen Nische an Aficionados als “Interactive Fiction” am Leben erhalten, studiert und weiterentwickelt, erlebt es zurzeit durch Voice Technologie und Retrogaming-Trends ein Comeback.

Im Gespräch finden wir heraus, ob es tatsächlich ein Revival der interaktiven Fiktion gibt. Die beiden Schöpfer sprechen darüber, welche Herausforderungen und Chancen darin liegen, den Nutzer ins Zentrum der Geschichte zu stellen und welche Möglichkeiten neue Technologie für die Zukunft der Gattung eröffnet.

Ich konnte das knapp 45-minütige Gespräch mitschneiden und habe es im Feed des LEXPOD veröffentlicht.

Bild: Bernd Zywietz