Das lange Interview – Zwei Ansätze

Den ersten Podcast, den je gehört habe, habe ich wegen eines Interviews gehört. Jason Solomons hatte bei “Guardian Film Weekly” (inzwischen tot) meinen Lieblingsregisseur Danny Boyle zu Gast, der über Sunshine sprach (das Internet vergisst nichts). Das war im April 2007. Es dauerte nicht lange, bis Podcasts ein wichtiger Teil meines Medienkonsums wurden und Hörbücher als akustische Unterhaltung ablösten. Und obwohl ich nach einiger Zeit auch journalistische Storytelling-Formate entdeckte und lieben lernte, Interview-Podcasts sind bis heute ein wichtiger Teil meines Podcast-Menüs.

Das lange, ungeschnittene Gespräch gehört zu den wenigen journalistischen Formen, die dem Nutzer tatsächlich manchmal einen gewissen “echten” Einblick in die Weltsicht anderer Menschen erlauben. Ungefiltert durch das Auge eines Reporters und unbedrängt durch Formatierungen wie Einspieler und Zeitfenster kännen diese Personen mehr oder weniger erzählen, was sie wollen. Ähnlich wie bei Audiokommentaren gibt es natürlich auch in Interviews große Bandbreiten, wie authentisch Menschen sich präsentieren oder präsentieren dürfen. Manche reden wirklich relativ frei von der Leber weg, andere flüchten sich bei jeder Frage schnell in zurechtgelegte Anekdoten und sichere PR-Phrasen.

Immer die gleichen Fragen

Interessant finde ich als Meta-Beobachtung aber vor allem auch, wie unterschiedlich man Interviews führen kann. Zu meinen ersten Podcasts gehörten die langen Gespräche mit Drehbuchautoren von Jeff Goldsmith, die zunächst unter dem Titel “Creative Screenwriting” und seit einigen Jahren als “The Q&A” existieren. Goldsmith hat bereits hunderte Autoren interviewt und er stellt ihnen allen mit leichten Abwandlungen die gleichen Fragen. “What’s your breaking-in story?” “Do you get writer’s block, and if so, how do you battle it?” “What was your toughest scene to write, the one you kept going back to, and how did you creatively solve it?” Er nutzt sogar die gleichen Überleitungen. Ich weiß nicht, wie oft ich Goldsmith schon “Obviously, theme is important” habe sagen hören, um anschließend eine Frage über die Themen des Films zu stellen. Jedes Gespräch endet mit “You’ve been very generous with your time. Give it up again for …”. Goldsmith behandelt seine Gäste, meistens eben Drehbuchautoren, wie sehr wichtige Menschen. Er ist fast schon untertänig in seinen Fragen, hakt nie wirklich nach, winkt sofort ab, wenn jemand mit einer Frage ringt. Er ergreift immer die Seite seiner Partner und er findet grundsätzlich jeden Film “fantastic”.

Chris Hardwick ist da ganz anders. Der “Nerdist Podcast”, den ich seit deutlich kürzerer Zeit höre, besteht ebenfalls meist aus etwa 60- bis 90-minütigen Interviews, folgt aber einem Muster, das vom “Q&A” gar nicht weiter entfernt sein könnte. Wo es Goldsmith vor allem darum geht, sehr systematisch bestimmte Prozesse des Filmemachers abzufragen, folgt Hardwick der sehr viel klassischeren Form, es seinen Gesprächspartnern so gemütlich zu machen, dass sie irgendwann von selbst ins Plaudern kommen. Gegen Goldsmiths zurechtgelegte, oft etwas bemüht locker klingende Sprüche setzt Comedian Hardwick seinen natürlichen Witz und eine Bereitschaft, sich über sich selbst lustig zu machen.

The Ebb and Flow of Conversation

Dass dahinter durchaus System steckt, konnte man vor kurzem im Nerdist Podcast mit Bill Gates beobachten, wo ein argwöhnischer Pressemensch Hardwick nach kurzer Zeit ermahnen musste, dass es in dem Interview doch bitte um die Arbeit der Bill and Melinda Gates Foundation gehen soll und nicht um Gates’ nerdige Anfänge in den 70er und 80er Jahren. Hardwick entgegnet: “I know, but this is how the podcast works. It’s just the ebb and flow of a conversation.” Und tatsächlich kreiselt das Interview nach einigen Fragen über “Zork” und die Anfänge der Tech-Szene zurück in Gates’ heutiges humanitäres Engagement. Eine Mischung aus natürlichem Gesprächsverlauf und gezielten Steuerbewegungen, die im besten Fall dazu führen, dass die interviewte Person gar nicht merkt, dass sie interviewt wird. Genauso machen das gute Interviewer_innen seit Jahrzehnten.

Hardwick setzt noch eine weitere interessante Taktik ein. Er zieht gelegentlich die Karte seines eigenen Promilebens als Comedian, Moderator bei “The Talking Dead” und “@midnight” und Vorzeige-Nerd, um den Interviewten klarzumachen: “Ich bin einer von euch, ihr könnt mir alles erzählen, weil ich weiß, wie ihr euch fühlt.” Es ist erstaunlich, wie sehr das manche Gesprächspartner lockert und es ist eine Waffe, die kaum ein Journalist nutzen kann, abgesehen vielleicht von großen Late Show-Moderator_innen. Hardwick spielt es auch insofern in die Hände, als dass er vor allem herausfinden möchte, wie sein Gegenüber die Welt sieht und erlebt. Mit Paul McCartney spricht er kaum über Musik, weil er weiß, dass andere das längst gefragt haben. Stattdessen versucht er zu ergründen, wie das eigentlich ist, wenn man eine lebende Legende ist. Das Ergebnis ist oft so erhellend wie entlarvend.

Wie viele Antworten kann man geben?

Beide Ansätze, Hardwicks wie Goldsmiths, sind auf ihre Art erfolgreich. Interviewpartner_innen mögen Jeff Goldsmith, weil sie wissen, was sie zu erwarten haben und weil er ihre Eitelkeit akzeptiert. Sie kommen gerne in seine Screenings und lassen sich hinterher ausfragen, schenken ihm auch mal mehr als die 60 angesetzten Minuten Q&A-Zeit. Hörer_innen können das gleiche, faszinierende Gefühl erleben, wie wenn sie zu sehen bekommt, wie dutzende Menschen die exakt gleich geschnittene Hochhauswohnung unterschiedlich einrichten. Dadurch dass die Fragen immer ähnlich sind, spürt man erst richtig, wie viele unterschiedliche Antworten man auf eine Frage – etwa die nach der Schreibblockade – überhaupt geben kann.

Hardwicks Gäste sprechen gerne mit ihm, weil sie das Gefühl haben, ein Gespräch auf Augenhöhe führen zu können. Das ist nicht so effizient wie Goldsmiths Methode, weil in einem Gespräch auf Augenhöhe manchmal halt auch nichts entsteht, was für Personen außerhalb des Gesprächs von Interesse ist. Im besten Fall, und selbst in manchen schlechteren Fällen, führt es aber zu einem echten Einblick in ihre Welt und Persönlichkeit. Und dafür gibt es nach wie vor kaum eine bessere Form als das lange, aufgezeichnete Interview.

Bild: Chris Hardwick by Gage Skidmore. CC-BY-SA 3.0.

Pitch

Im letzten Post auf diesem Blog ging es um das Finden von Geschichten und darum, dass sich diese besonders in Audioform gut erzählen lassen. Ein Projekt, das beide Aspekte abdeckt ist der Podcast “Pitch“, den ich hiermit nachdrücklich empfehlen möchte.

Wer grundsätzlich Lust auf den Radio-Stil von Sendungen wie “This American Life“, “Radiolab” und “Planet Money” hat, und/aber das gleiche Prinzip mal auf den Bereich Musik angewendet sehen möchte, sollte bei “Pitch” sein Glück finden. Die beiden Producer Alex Kapelman und Whitney Jones erforschen in ihren bisher 14 Episoden (eine neue gibt es alle zwei Wochen in bestimmten Staffel-Zeiträumen) ganz unterschiedliche Geschichten aus dem gesamten Spektrum der Musikwelt, aber jenseits traditionellen Musikjournalismus. In “Pitch” geht es tendenziell eher um Musik als Phänomen, um Metathemen, die Genres und Epochen überspannen, aber manchmal auch um ganz konkrete Einzelgeschichten, die die Autoren einfach zu interessieren schienen.

Jede Episode ist nur zehn bis 20 Minuten lang, die 14 Folgen lassen sich also relativ flugs im Binge weghören. Wer weniger Zeit hat und nur mal in einzelne Episoden hineinhören will, dem empfehle ich Episode 1, “The Clearmountain Pause”, in der eine Legende um die dramatische Pause vor dem letzten Refrain von Semisonics “Closing Time” aufgeklärt wird; Episode 3, “Rock the Longbox”, in der eine CD-Verpackung eine politische Entscheidung herbeiführt; Episode 9, “Somewhere in my Memory” über das Phänomen, dass einzelne kleine Alltagstöne in Köpfen regelmäßig Musiklawinen lostreten können* und Episode 13, “Voice” über die Erfahrung eines trans-männlichen Sängers, der im Rahmen seiner Körperanpassung auch Testosteron genommen und seine Stimme völlig verändert hat.

Das beste an “Pitch” ist, dass es anders als all die anderen Sendungen, die ich oben aufgezählt habe, keine Radiosendung ist, die einfach nur als Podcast ausgeliefert wird. Kapelman und Jones arbeiten völlig unabhängig und derzeit sogar ohne Sponsor – anscheinend einfach, weil sie Spaß dran haben. Dafür ist die Qualität aber erstaunlich, was beweist, dass Amateur-Podcasts sich nicht auf reine “Laber”-Formate beschränken müssen. Das steigert den Mut, es selbst zu probieren.

* Ich brauche nur den Signalton der Berliner U-Bahn zu hören und “Mr. Brightside” von den Killers steckt die nächsten Stunden in meinem Ohr fest.