Meine sieben Regeln für besseres Twittern

In einer Zeit, in der Facebook weiterwächst und Twitter stagniert, finde ich mich trotzdem immer häufiger auf Twitter wieder. Facebook ist mein Kommunikationsmedium, Twitter mein Informations- und Meinungsmedium geworden. Doch obwohl ich Twitter mag, es scheint mir Menschen auch dazu zu verleiten, sich merkwürdig aufzuführen. Ich rede nicht von anonymen Hetzpostern, Spammern und anderen bekannten Missbrauchsformen des Mediums, über die zurzeit viel geschrieben wird. Sondern von scheinbar ganz normalen Menschen wie mir, die sich eben auf Twitter herumtreiben.

Für mich selbst habe ich daher im Laufe der Zeit ein paar Regeln herausgearbeitet, an die ich mich versuche zu halten.

1. Keine endlosen Diskussionen.

140 Zeichen. Gut für Sentenzen, Links, Statements und kurze Kommentare. Nicht für detaillierte Diskussionen über komplizierte und polarisierende Themen. Wenn die dritte @-Reply hin und her gewandert ist und die Repliken in mehrere Tweets aufgeteilt werden müssen, sich immer mehr Menschen in die Diskussion einmischen wollen, ziehe ich die Reißleine. Nicht auf Twitter. Schreibt euch mit mir DMs, wenn ihr weiterdiskutieren wollt. Schreibt einen Blogpost oder lasst uns meinetwegen sogar auf Facebook umziehen, aber Twitter hat in diesem Moment ausgedient. Missverständnisse sind nämlich vorprogrammiert, und darauf habe ich keine Lust.

2. Nicht unter Einfluss von Alkohol twittern

Wenn ich Alkohol trinke, kann das verschiedene Enden nehmen. Meistens werde ich tendenziell überdreht und rede viel, manchmal werde ich eher zynisch. In der Regel würde ich am nächsten Morgen auch noch zu allem stehen, was ich am Abend vorher gesagt habe. Aber ich verliere trotzdem einen kleinen Teil meines Urteilsvermögens. Ich habe mich gefragt, ob das eine Seite von mir ist, die jeder im Internet kennen muss. Meine Antwort lautet nein.

3. Nicht twittern, wenn man einen schlechten Tag hat

Es gibt Tage, da läuft alles schief und die Welt kotzt einen an. Was bietet sich da mehr an, als den Frust auf Twitter rauszulassen. Entweder in generellen Schimpftweets oder noch besser: in treffsicheren Antworten auf die dümmsten oder wohlgelauntesten Beiträge der Leute, denen man folgt. Für mich ist das eine der Situationen, in denen sich das Manko der Kommunikation gefiltert durch Technik am meisten zeigt. Anders als Bekannte, die einem gegenüberstehen, hat die eigene Twitter-Community keinerlei äußeren Indikator dafür, dass man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Sie hat nur einen Account, der plötzlich um sich tritt und das vielleicht gar nicht merkt. Ich habe mir daher angewöhnt, den Frust einfach runterzuschlucken und lieber eine Runde Schlagzeug spielen zu gehen.

4. Den @-Mention sparsam benutzen

Ich liebe Twitter dafür, dass man wildfremde semi-bekannte Menschen – zum Beispiel Autoren – schnell und einfach anschreiben kann, zum Beispiel um ihnen zu sagen, wie man über etwas dachte, was sie geschaffen haben oder um ihnen eine Frage zu stellen. Auch um Kritik zu üben natürlich, wobei man damit schnell ins Territorium von Punkt 1 abrutschen kann – wenn meine Arbeit kritisiert wird, habe ich oft das Bedürfnis, ausführlicher zu antworten, denn meistens sind die Sachverhalte ja nicht einfach. Was man sich schenken kann ist, Menschen, die nicht Teil des eigenen Zirkels sind, einfach so in Gespräche hineinzuziehen, indem man ihren @-Usernamen mit in den Tweet nimmt. Als Hineingezogener fragt man sich in der Regel, was man dort soll.

5. Nicht jeden Kram mitmachen

Ich weiß nicht, ob diesen Punkt wirklich zur allgemeinen Regel erheben würde, denn natürlich soll jede Person tun, was sie für richtig hält. Aber ich halte mich bei groß trendenden Hashtags oder allgemeinen Solidaritätsaktionen (wie zuletzt den Klammern) eher zurück. Es entsteht immer ein gewisser Gruppendruck, wenn plötzlich um einen herum viele ein bestimmtes Verhalten annehmen, aber ich möchte wirklich etwas beizutragen haben, bevor ich mich mit einer Sache gemein mache (auch einer guten). Oft weiß ich gar nicht, ob diejenigen, mit denen sich solidarisiert wird, das überhaupt wollen und gut finden, oder ob die Aktion nicht nur der Selbstvergewisserung der Solidarisierenden dient. Diese Art von Selbstvergewisserung oder das Aufspringen auf Trends aller Art hoffe ich vermeiden zu können. Meine politischen Überzeugungen sind kein Geheimnis, aber ich hoffe, dass ich sie eher durch mein Tun ausdrücken kann, als durch mein Zeigen.

6. Gelassenheit

Hier folge ich im Grunde Dirk von Gehlen und seinem “Shruggie-Prinzip” (dessen Namen ich nicht mag, den Inhalt aber schon). Dort heißt es: Reflexreaktionen vermeiden, über Tweets nachdenken, bevor man sie sendet. Es gibt verschiedene Taktiken, von denen ich schon gelesen habe, zum Beispiel Tweets vor dem Abschicken einmal laut vorlesen, um sich zu vergewissern, wie sie klingen. Hab ich so noch nie versucht, führt aber direkt zum letzten Punkt.

7. Denk dran, du sendest

Meiner Ansicht nach kann man das nicht oft genug betonen. Wir sind auf Twitter nicht “unter uns”, wir sind öffentlich. Selbst wenn wir unter uns wären, führten wir aber trotzdem kein Gespräch unter vier oder sechs Augen, sondern was wir schreiben wird von einigen Leuten gelesen – als würden wir eine Rede halten. All die Menschen, die uns bei dieser Rede zuhören, wissen oft nicht, was zuletzt passiert ist oder wie wir uns heute fühlen. Sie sehen nur, was wir in diesem Moment nach außen tragen. Danach werden sie uns beurteilen. Da könnten wir jetzt sagen: “Na und? Es ist mir egal, wie ich beurteilt werde.” Aber vielleicht sind darunter auch Menschen, mit denen wir uns in diesem Moment die Chance verspielen, ein interessantes Gespräch zu führen oder eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Oder es könnten Menschen sein, die wir selbst mögen, und die wir mit unserer Rede verletzen. Damit plädiere ich nicht dafür, sich nur noch in vagen, unkonkreten Aussagen zu äußern, um bloß niemandem auf den Schlips zu treten. Es geht nur darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Twittern kein privater Akt ist. Jede_r User_in ist ein Sender – und sollte daran auch öfter mal denken.

Ich wiederhole: Das sind Regeln, an die ich mich zu halten versuche. Wie immer am Ende solcher Beiträge liefere ich die Häufig gestellten Fragen gleich mit. Würde ich mir wünschen, dass sie manch andere Personen auch beherzigen würden? Ja, denn ich glaube, dass der Diskurs auf Twitter dadurch gewinnen würde. Bin ich der Meinung, dass diese Regeln das einzig Seligmachende sind und als Gesetz für jeden gelten sollten? Nein. Halte ich mich immer an alle Regeln? Nein, denn ich bin nur ein Mensch. Habe ich etwas vergessen? Mit Sicherheit. Das tue ich immer.

Bild: “Blue Bird” / Virginia State Parks Staff / cropped / CC-BY 2.0

Verdammt gutes Radio: “Der Anhalter”

Am 1. Juli verbreitete sich die Nachricht aus Baltimore wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken: Adnan Syed bekommt ein neues Verfahren. Der heute 35-jährige Syed wurde vor 17 Jahren zu lebenslanger Haft wegen des Mordes an seiner Freundin verurteilt. 2014 erfährt die Radioreporterin Sarah Koenig davon, rollt den Fall im Podcast “Serial” wieder auf und schafft damit ein globales Medienphänomen. Über fünf Millionen Menschen, ein bisher ungebrochener Rekord, hören zu, wenn Koenig Woche für Woche neue Fakten präsentiert. Am Ende bleiben erhebliche Zweifel an Syeds Schuld. Und nun, anderthalb Jahre später, haben die Recherchen tatsächlich ein neues Verfahren angestoßen.

Es ist die Hochphase des “Serial”-Booms, im September 2014, als Stephan Beuting am Verteilerkreis in Köln von einem obdachlosen Anhalter angesprochen wird. Er habe Knochenkrebs und sei auf dem Weg nach Zürich, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Beuting hört sich die Geschichte von Heinrich Kurzrock an, gibt ihm etwas Geld, erwartet nicht, ihn wiederzusehen. Doch als er seinem Kollegen Sven Preger von der Begegnung erzählt, stellen die beiden fest, dass Preger Kurzrock ebenfalls begegnet ist, ein Jahr zuvor, mit der gleichen Geschichte.

Es lässt sich aus der Entfernung schlecht sagen, ob “Serial” die direkte Inspiration für “Der Anhalter” war. Aber wenn, dann war sie auf jeden Fall nicht die schlechteste. “Der Anhalter”, der Heinrich Kurzrocks Lebensgeschichte in fünf Teilen erzählt, ist verdammt gutes Radio.

Weiterlesen in “epd medien” 28/2016

How Much of the Message Is Actually in the Medium?

Jan Böhmermann und Olli Schulz wechseln vom Radio zu Spotify. Was natürlich die mit prophetischer Rede begabte Menschen zu der Frage verleitet, ob uns mit dieser Entscheidung nun auch in Deutschland der kleine aber feine Podcast-Durchbruch (klingt nach Darmdurchbruch) bevorsteht, der in den USA schon mancherorts Fuß gefasst hat. Ich glaube nicht, aber darum soll es jetzt nicht gehen.

Mich interessiert viel eher die andere fast schon kniereflexartige Reaktion, die in solchen Momenten aus der digitalen Meinungslandschaft zu hören ist, zum Beispiel bei Felix Schwenzel:

diese nachricht erschüttert mich jetzt relativ wenig, ich habe die sendung nämlich nie freiwillig gehört (…). ich habe nichts gegen zielloses herumlabern und meckern, das mute ich hier schließlich auch seit 14 jahren meinen lesern zu – aber ich tue es seit 14 jahren skip-freundlich, mit texten, die sich leicht überspringen und überfliegen lassen.

Felix ist nicht der einzige Mensch, den ich kenne, der mit Podcasts nichts anfangen kann. Immer wieder höre ich das Argument, dass dieses Medium, dem ich seit gut zehn Jahren als Konsument und Kritiker verfallen bin, so schrecklich ineffizent sei. Man kann es nicht überfliegen, man kann es nicht gut zitieren. Es ist schwer, Informationen wiederzufinden, die man dort gehört hat. Es dauert viel länger, diese Informationen zu hören, als sie zu lesen.

Die Gegenargumente sind bekannt

Die Gegenargumente, die sich zum Beispiel schnell unter Felix‘ Facebookpost zu sammeln begannen, sind genauso hinreichend bekannt. Podcasts lassen sich hören, während man andere Dinge tut – spazieren, Auto fahren, putzen, Sport – sie transportieren über Klänge und Musikuntermalung weit mehr als ein Text, genau wie das Radio seit gut 100 Jahren. Die Tatsache, dass Podcasts meistens über Kopfhörer gehört werden, führt zusätzlich zu einer erhöhten Intimität und Empathie gegenüber den Sprechenden; die persönliche Art, in der gerade viele Gesprächspodcasts aufgebaut sind, lässt über die Zeit ein merkwürdiges Vertrauensverhältnis zwischen Hörenden und Sendenden entstehen.

Und doch haben auch die Menschen, die Podcasts produzieren, längst erkannt, dass genau diese intime Verbindung auch satte Nachteile hat, zum Beispiel in der „Sharing Economy“ des Netzes. „To Attract New Listeners, Podcasts Need to Move Beyond Audio“ war der Titel eines „Wired“-Artikels, den ich vor einiger Zeit hier im Blog verlinkt habe, und der beschrieb, wie etwa Serial seine zweite Staffel durch „Shareables“ auf der Website unterfüttert hat, da die Episoden selbst sich so schlecht für virale Verbreitung eignen. Als Gimlet, die Podcast-Firma von This American Life-Alumnus Alex Blumberg, noch in der Findungsphase war, stand lange im Raum (wie im Podcast Startup dokumentiert), ob sie überhaupt eine Content-Firma werden soll – oder nicht vielleicht lieber „Instagram for Audio“. Wer weiß, ob Gimlet diese Pläne wirklich aufgegeben hat? Audible hat gerade damit begonnen, Ausschnitte aus Hörbüchern teilbar zu machen.

Würden Transkripte alles besser machen?

Es ist klar, dass es Podcast-Hörenden beim Hören nicht nur um reine Informationsaufnahme geht, aber ich habe ja schon öfter davor gewarnt, Medien allzu essentialistisch zu betrachten. Es ist zu einfach, sie auf das zu reduzieren, was sie besonders macht. Wie also wäre es, wenn man Podcasts stattdessen oder ergänzend als Text konsumieren könnte? Würde das alles besser machen?

Zum Glück gibt es für diese Frage ein Fallbeispiel. Scriptnotes, ein Podcast, in dem sich zwei Hollywood-Drehbuchautoren über Handwerk und Business (und ab und zu auch Kunst) des Drehbuchschreibens austauschen, erscheint seit Jahr und Tag jede Woche mit einem Transkript der Sendung. Ab und zu habe ich das als hilfreich empfunden, wenn ich wirklich mal etwas zitieren wollte, oder nach längerer Zeit eine Referenz gesucht habe. Transkripte sind, anders als Audioaufnahmen, googlebar.

Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, die Podcasts zu lesen statt sie zu hören – auch nicht, nachdem ich irgendwann mein Scriptnotes-Abo ausgesetzt hatte. Das Motto „Ich investiere keine Stunde pro Woche mehr, um zwei Typen quatschen zu hören, aber ich kann ja in zehn Minuten überfliegen, was sie gesagt haben“ kam mir nicht in den Sinn. Gespräche bleiben Gespräche. Es macht keinen Spaß, sie zu lesen, auch wenn es effizienter ist.

Von Drehbüchern und Dramen

Und weil es so schön passt: John August und Craig Mazin, die Moderatoren von Scriptnotes, betonen in ihrer Sendung immer wieder, vor allem als Ratschlag an junge Schreiberlinge, dass Drehbücher keine Texte sind, die dafür gedacht sind, gelesen zu werden. Sie sind ein Arbeitsdokument, aus dem ein Film entstehen soll. Es kann Drehbücher geben, die sich gut lesen lassen, aber das ist nicht ihr Zweck, denn sie sind kein Film. Genau wie Transkripte keine Podcasts sind.

Aber, könnte ein Anti-Essentialist wiederum einwenden, wir haben uns auch daran gewöhnt, Dramen zu lesen, wenn sie gerade nicht in unserer Nähe auf dem Spielplan eines Theaters stehen. Allerdings könnte eine Anhängerin von „The Medium is the Message“ auch dagegenhalten, dass bei Dramen der Bezug zwischen geschriebenem Text und „vollständigem“ Endprodukt loser ist. Damit steht das schriftliche Drama stärker für sich selbst, denn es gibt viele verschiedene Inszenierungen davon, aber logischerweise nur einen Podcast zu jedem Transkript und in der Regel auch nur einen Film zu jedem Drehbuch. (Interessanterweise entsteht aber derzeit in den USA die Tradition der „Live Reads“, in der neue Schauspieler alte Drehbücher neu „aufführen“.)

Executive Summary

Als mein Bloggerkollege Matthias den Auftrag bekam, sich mit Buffy the Vampire Slayer zu befassen, wusste er, dass er keine Zeit haben würde, sich durch alle sieben Staffeln zu gucken. Also wählte er einen anderen Weg und las stattdessen die ausführlichen Plotzusammenfassungen jeder Folge in der englischen Wikipedia. Würde ihn allerdings jemand fragen, ob er die Serie kennt, würde er nur „Jein“ antworten, sagt er. Inzwischen habe er sogar die erste Staffel gesehen und könne sich darauf basierend den Rest ausmalen. „Aber vorher kannte ich nur das Geschriebene, keine Stimmen und nur bedingt Gesichter von Figuren.“ Zu einem Kenner der Serie hat ihn das scheinbar nicht gemacht.

Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt, diese Methode anzuwenden, wann immer mir eine Serie zum Gucken zu langwierig geworden ist, ich aber dennoch wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht. Bei Lost war ich sehr versucht, bei Battlestar Galactica stehe ich kurz davor. Bei der dritten Staffel von Agents of S.H.I.E.L.D. habe ich es jetzt einfach mal gemacht – natürlich weil mich interessiert, wie die Serie die Geschehnisse von Captain America: Civil War einarbeitet. Das Ergebnis: Als „Executive Summary“ taugen die Texte ganz gut – vor allem, wenn man die Serie schon kennt. Aber sie sind auch schrecklich unübersichtlich, vor allem in einer Serie wie S.H.I.E.L.D., wo die meisten Charaktere relativ flache Typen sind, deren Rolle man sich eher über äußere Merkmale als über Namen merkt.

Ergebnisse einer Umfrage

Ich habe dann noch eine völlig unrepräsentative Umfrage zum Thema in der ständigen „Techniktagebuch“-Redaktionskonferenz gemacht, immerhin eine Gruppe von Menschen, die sich gerne und viel mit solchen Themen auseinandersetzt. Das kam raus: Wenn Schrifttexte in audiovisuelle Medien übertragen werden, geht das nicht einfach so. Kathrin Passig erzählt, dass das Übersetzen von eigenen, geschriebenen Texten in Vorträge für sie immer bedeutet, noch einmal ganz vorn, bei etwa fünf Prozent, anfangen zu müssen. Anne Schüßler und Thomas Jungbluth berichten, dass sie die Entscheidung „Buch oder Hörbuch“ sowohl nach Art des Buchs als auch nach Sprechenden treffen.

Wenn es also bei so vielen anderen Medien schon so klar ist, dass die Verschriftlichung des Audiovisuellen oder die Audiovisualisierung des Schriftlichen definitiv eine Veränderung mit sich bringt, warum wird dann gerade Podcasts immer wieder vorgeworfen, dass man die darin enthaltenen Informationen doch viel einfacher oder besser lesen könnte? Zumal gerade allerorts interessante Artikel dazu aufploppen, dass die Zukunft des Internets eventuell nicht so textbasiert sein könnte, wie sie sich im Moment noch darstellt (siehe auch Snapchat).

Eine gute Antwort auf diese Frage ist mir auch nach einigem Grübeln noch nicht eingefallen. Aber ich möchte gerne weitere Erfahrungen mit Vertextlichung sammeln. Sogar schriftlich. In den Kommentaren dieses Posts.

Was “Live Escape Room” Games fehlt

Die junge akademische Disziplin der Game Studies teilte sich in ihren Gründungsjahren in zwei Lager auf. Die “Narratologen” entschieden, Spiele als einen Text wie jeden anderen zu betrachten, der mit den erprobten Mitteln der Literaturwissenschaft auf die Geschichte hin analysiert werden kann, die er erzählt. Ein Schachspiel, etwa, erzählt die Geschichte zweier Völker, die gegeneinender Krieg führen.

Gegen diese Sichtweise rebellierte die Schule der “Ludologen” (von lat. “ludos”, Spiel). Ihrer Ansicht nach muss man zur Analyse von Spielen ein neues Instrumentarium anlegen, das sich rein auf die spielerischen Aspekte wie Regeln und ihre Anwendung bezieht. Spiele sind nach Ansicht der Ludologen “Simulationen”, in denen Sinn von den Spielern und nicht von einem Autor erzeugt wird. Die Geschichte ist höchstens Beiwerk, Ausschmückung der Spielprinzipien.

Hauptdarsteller sein

Die junge Freizeitgestaltung der “Escape Room”-Spiele hat sich in seiner Vermarktung für das Lager der Narratologen entschieden. Als ich vor zwei Wochen angeschrieben und gefragt wurde, ob ich als Blogger Lust hätte, einen neuen Escape Room-Anbieter namens Claustrophobia in Berlin zu testen, wurde mir angekündigt, ich könnte dort “selbst die Hauptrolle in einer filmreifen Kulisse” spielen. Und auch auf der Website heißt es: “Warum also Filme nur anschauen, wenn Du der Hauptdarsteller sein kannst?” und “Du schreibst eine einzigartige Geschichte”.

Und tatsächlich sind die “Live Escape Rooms” bei Claustrophobia mit einem gewissen narrativen Anstrich versehen. Der von mir ausgewählte “Quest” namens “Schutzraum 13” spielt in einer apokalyptischen Zukunft des Jahres 2077. Die Welt ist atomar verseucht, meine drei Begleiter_innen und ich gehören zu den letzten Überlebenden, die unter der Erde Schutz gesucht haben. Doch nun ist die Zeit gekommen: Wir wollen mal wieder an die Oberfläche, um zu gucken, ob die Sonne scheint, wie unsere Game Masterin Marina erklärt. Dafür haben wir 60 Minuten Zeit und müssen uns durch eine Reihe von Puzzles quizzen. Wir können im Escape Room alles machen, manipulieren und anwenden – außer all den Dingen, die wir nicht machen können, wie wir ebenfalls erklärt bekommen.

Liebe in der Gestaltung

Die Tür fällt ins Schloss und los geht’s. Als erstes fällt auf, wie viel Liebe in die Gestaltung des Raums geflossen ist. Von der atmosphärischen Beleuchtung, über das geschickte Verstecken von nicht zur Spielwelt gehörenden Elementen bis zum stimmigen Gesamtdesign aller Requisiten und Bauten. Schon nach kurzer Zeit fühlt man sich wirklich wie in einem postapokalyptischen Bunker, komplett mit “Nuclear Cola” und allem.

Nachdem wir zehn bis 15 Minuten unsere Umgebung erkundet, diverse Gegenstände gefunden und mehrfach über die Laustsprecheranlage ermahnt wurden, dass wir bitte das ein oder andere Ding in Ruhe lassen sollen, scheinen wir unserem Ziel, die erste Tür zu öffnen, noch nicht wirklich näher gekommen. Also holen wir uns nach etwas Debatte zähneknirschend über einen Klingelknopf einen Hinweis von unserer Game Masterin. Der ist so einleuchtend, das wir alle ein bisschen aufstöhnen. Die gleiche Situation ereilt uns rund 15 Minuten später wieder. Wir kommen nicht weiter und der rettende Hinweis erscheint unfassbar banal. Am Ende schaffen wir es ganz knapp, die letzte Tür zu öffnen, nicht ohne Marina zwei weiter Male um Hilfe zu bitten. Die Erleichterung, als das Rolltor in die Höhe fährt und Tageslicht erkennen lässt, ist echt. Mein Frust aber ist es auch.

Escape Rooms als LARPs?

Ich habe mit 16 Jahren angefangen, Liverollenspiele (LARPs) zu spielen und habe sie auch schon selbst geplant und geleitet. Ich bin kein Hardcore-Larper, der im Sommer jedes Wochenende woanders sein Latex-Breitschwert auspackt, sondern spiele vor allem mit einer kleinen Gruppe von Freunden einmal im Jahr in wechselnden Settings. Nach der Spielertypologie von Robin D. Laws bin ich ganz klar ein “Storyteller”. An LARPs, die ja auch häufig als eine Reihe von zu lösenden Aufgaben auftreten, begeistert es mich, Teil einer vielleicht sogar transmedial erzählten Geschichte zu sein. Dafür bin ich, genau wie Laws beschreibt, oft auch schnell bereit, meinen gewählten Charakter etwas zu vernachlässigen und bin “quick to compromise if it moves the story forward”. Ideale Voraussetzungen für ein Escape Game, dachte ich.

Aber Escape Rooms sind keine LARPs – und deswegen ist es auch egal, welcher Spielertyp man ist. Sie folgen trotz ihren narratologischen Marketings knallhart ludologischen Prinzipien. Es mag schön aussehen, dass nukleare Cola in einem verbeulten Verkaufsautomaten steht, für das Gewinnen des Spiels ist es aber völlig irrelevant. Auch kreatives und originelles Denken wird, anders als in einem LARP mit guter Spielleitung, nicht belohnt. Obwohl das Setting mit seiner Bewegungsfreiheit und Atmosphäre eine alternative Realität suggeriert, ist es in Wirklichkeit ein Spiel mit sehr engen Regeln.

Point and Click

Der beste Vergleich sind die Point-and-Click-Adventures, die in den 80er und 90er Jahren ihre Blütezeit hatten. Zumindest in unserem Escape Room folgte das Spiel einem klaren Prinzip. Finde Objekt A, benutze Objekt A mit Objekt B, um Objekt C zu erhalten, wende Objekt C an Objekt D an, um Zugang zu Objekt E zu bekommen. Um dieses Prinzip am effektivsten anzuwenden, sind Atmosphäre und suggerierter Hintergrund sogar eher hinderlich, denn je nüchterner man die Objekte als Mittel zum Zweck betrachtet und je weniger man versucht, vom Setting auf die Problemlösungen zu schließen, umso schneller kommt man voran. Genau wie in Point-and-Click-Adventures ist der eigentliche Pfad durch das atmosphärische Dickicht ein sehr schmaler – als Spieler_in kann man eben doch nur auf die Punkte im Bild klicken, bei denen der Mauszeiger seine Farbe verändert. Denn Sinn erschafft man selbst. Der Autor hat nur die Regeln festgelegt, nicht die Geschichte.

Wenn ich das nächste Mal ein Escape Room Game spiele, und das werde ich mit Sicherheit, denn es hat trotz allem Frust auch wirklich Spaß gemacht, werde ich das im Hinterkopf behalten. Vielleicht könnte mir das Spiel aber auch etwas entgegen kommen, indem es seine Rätsel etwas mehr durch die anfangs suggerierte Story motiviert. Wenn wir seit der nuklearen Apokalypse in diesem Schutzraum sind, warum kennen wir ihn nicht besser? Wer hat uns diese Schnitzeljagd hinterlassen? Warum wurde sie so schwierig gemacht? Gibt es einen Gegner? Zeigt uns irgendwas an diesen Pflanzen, dass es sicher ist, an die Oberfläche zu gehen? Und vor allem: was kann die Kenntnis dieser Geschichte dazu beitragen, die Rätsel zu lösen? Das wären Fragen, die ich am liebsten beantworten können würde, während ich spiele.

Claustrophobia Berlin befindet sich im 3. Stock des Alexa-Einkaufszentrums am Alexanderplatz. Neben dem Schutzraum-Szenario gibt es noch ein zweites, bei dem die Spieler_innen ein Kunstwerk aus einem Museum stehlen müssen. Ein 60-minütiges Spiel für bis zu vier Personen kostet je nach Wochentag und Uhrzeit 80 oder 100 Euro, unabhängig von der Anzahl der Spieler_innen.

Offenlegung: Weil ich eingeladen wurde, musste ich mein Spiel nicht bezahlen. Darüber hinaus habe ich, soweit ich das beurteilen konnte, keine Sonderbehandlung bekommen. Mir wurden keinerlei Vorgaben darüber gemacht, was ich schreiben soll. Weil es leider die erste wirklich gute Erfahrung mit Blogger Relations war, die ich bisher gemacht habe, möchte ich gerne die Firma Schlösser PR, die mich ursprünglich kontaktierte, positiv erwähnen.

Das erneute Ende des großen Büffets

Im Sommer 2015 habe ich mich entschieden, Musikstreamingdiensten endlich eine faire Chance zu geben. Ausschlaggebend war nicht zuletzt ein Gespräch mit einer zehn Jahre jüngeren Kollegin, deren Musikgeschmack ich schätzte und die mir fröhlich und selbstverständlich davon erzählte, wie sie ständig neue Bands entdeckt und eine innige Beziehung zu Musik entwickelt, auch ohne eine Repräsentation dieser Musik zu kaufen. Ich testete Spotify erst einen kostenlosen Monat und blieb dann noch zwei weitere, weil ich mich sehr schnell an diese neue bequeme Art, Musik zu hören, gewöhnte. Im September entschied ich, der Konkurrenz eine Chance zu geben (und ein bisschen Geld zu sparen), und testete drei weitere Monate Apple Music.

Ich fand Apple Music etwas umständlicher zu bedienen als Spotify und ihm fehlte der geniale “Discover Weekly”-Algorithmus, aber am Ende siegte vor allem die Bequemlichkeit. Apple Music dient als Erweiterung meiner bisherigen mp3-Musiksammlung in iTunes, ich kann im gleichen Ökosystem bleiben. Praktisch. Es gab aber einen weiteren Grund. Im Dezember entdeckte ich auf Apple Music ein Album, das ich toll fand, aber auf Spotify nie gefunden hätte. Gavin Harrisons “Cheating the Polygraph”, ein furioser Big-Band-Jazz-Remix seiner besten Porcupine-Tree-Performances, ist aus irgendeinem Grund nicht in den 30.000.000 Songs auf Spotify enthalten, in denen von Apple Music aber schon.

Eine mächtige Kombination

Klar, ich hätte trotzdem bei Spotify bleiben und mir “Cheating the Polygraph” einfach kaufen können – aber es ist ätzend anstrengend bis unmöglich, “externe” Songs ins Spotify-System einzuschleusen. Im Endeffekt hätte ich das Album also mit Sicherheit seltener gehört. Apples Exklusivbesitz des Assets “Cheating the Polygraph” hat mich an den Dienst gebunden. Irgendwo hat ein Content Marketing-Experte seine Flügel bekommen.

Die Kombination von Abonnements und exklusiven Inhalten ist nichts Neues, sie fällt mir aber in diesem neuen Streaming-Zeitalter gerade mal wieder enorm auf, weil sie so mächtig ist. Netflix hat 2015 mit (guten) Exklusivinhalten richtig auf die Kacke gehauen und plant, die Menge an “Original Programming” 2016 zu verdoppeln. Amazon steht derzeit ungefähr so da wie Netflix vor einem Jahr – mit einer frischgebackenen besten TV-Serie des Jahres und schon einigen weiteren Hits im Sack oder in Petto.

Opfer der Bequemlichkeit

Will man einen dieser Hits genießen hat man keine Wahl, außer sich gleich auf das ganze Paket einzulassen. Und je mehr exklusive Inhalte ein Anbieter hat, umso schwächer wird unser Wille, ihn zu verlassen. Abos, selbst monatlich kündbare, sind clever, weil sie garantierten Umsatz bedeuten, egal ob die Abonnenten den Dienst nutzen oder nicht. Und Bequemlichkeit sorgt dafür, dass wir Abos viel länger behalten, als wir müssten. Ich habe mein GMX-ProMail Abo, das ich mal abgeschlossen habe, weil ich ein IMAP-Postfach wollte, ungefähr zwei Jahre gekündigt nachdem ich das erste mal dachte “Könnteste eigentlich mal kündigen”. Meine erste Domain läuft immer noch bei einem anderen Provider als mein Blog, weil ich einfach zu faul bin, mich mal eine Stunde hinzusetzen und den ganzen Schlonz zu tranferieren.

Es mag Leute geben, die in den USA ihr HBO-Abo immer nur während der aktuellen Game of Thrones-Staffel laufen lassen und es danach wieder kündigen, aber das wäre mir zu viel Arbeit. Ich bin zwar Fürsprecher entspannter Mediennutzung angesichts des Überflusses, aber ich möchte selbst entscheiden können, welche Optionen ich ignoriere. Ich gehe gerne mal in ein Restaurant mit kleiner Karte, weil eine reduzierte Auswahl entspannen kann, aber ich würde mich ärgern, wenn ich dieses Restaurant dann immer auch dann bezahlen müsste, wenn ich dort nicht esse.

Entbündelung und vertikale Integration

Als Kultur noch an Trägermedien gebunden war, war der freie Markt unser großes Büffet. Wir konnten einfach so losgehen und uns die Kultur kaufen und dann hatten wir sie zu Hause. Das Internet hat diesen Prozess, Stichwort “Entbündelung“, auf noch kleinere Teile heruntergebrochen – Songs statt Alben, Artikel statt Zeitungen. Streamingdienste, mit ihrer Emulation des HBO-Modells im Digitalen, kehren zu einer vertikalen Integration zurück, wie sie im US-Kinomarkt beispielsweise in den 50er Jahren verboten wurde: Produktion, Bereitstellung und Auslieferung aus einer Hand.

Überdramatisiere ich? Mit Sicherheit. Will ich eigentlich nur nicht dauerhaft mehrere Abos abschließen, um alles sehen/hören/lesen zu können, was andere mir empfehlen? Genau. Ist das ein luxuriöses First World Problem? Auf jeden Fall! Aber ich denke doch, dass es auch ein paar ernstzunehmende Folgen haben könnte. Zum Beispiel hat das Internet die große kulturelle Unterhaltung demokratisiert, exklusive Angebote aber schaffen wieder Filterbubbles, die jene ausschließen, die sich (beispielsweise) kein Netflix-Abo leisten können. Darüber darf man ruhig mal nachdenken. Das moderne Unterhaltungsparadigma bedient nicht nur die Nische, es schafft sie auch selbst.

Nachgedanke, 22:09 Uhr: Exklusivinhalte sind das Gegenteil von guter Kuration, womit Netflix zum Beispiel ja mal angefangen hat. Kuration sucht dir aus der Masse der Angebote die besten an einem Ort zusammen. Exklusivinhalte bedeuten, dass es mehrere Orte gibt, von denen jeder behauptet, er habe selbst das Beste.

Real Virtuality 2015 – Persönliche Höhepunkte

Baptism by Fur: Mit Äffle und Pferdle bei einem Termin zur Privatquartierkampagne in Stuttgart, März 2015

Das Jahr neigt sich dem Ende. Ich habe schon Musik und Bücher Revue passieren lassen. Bevor ich zur großen Filmliste komme, möchte ich wie in den vergangenen Jahren auch noch auf ein paar weitere Highlights des Jahres zurückblicken, die eher persönlicher, wenn auch nicht unbedingt privater Natur sind. Dinge, die ich erlebt oder beobachtet habe.

#rp15

Eigentlich habe ich zur diesjährigen re:publica schon alles geschrieben. Sie war eine Druckbetankung an Eindrücken, Begegnungen und Gefühlen, die es eben nur dort gibt (weil ich weder zum Zündfunk Netzkongress noch zum Chaos Communication Congress fahren konnte). Ein gutes halbes Jahr später sind mir vor allem drei Dinge in Erinnerung geblieben: Das Zusammensitzen mit der Redaktionskonferenz des “Techniktagebuch”, der Adrenalinrausch nach meinem eigenen Talk und ein gesprächiger Abend mit einer tollen Person. Für die #rpTEN habe ich erneut einen Vorschlag eingereicht.

Mad Men

Seit dem Beginn des neuen TV-Booms hat mich keine Serie so gefangen genommen wie Mad Men. Nicht The Wire, nicht Breaking Bad (bisher nur den Piloten gesehen) und schon gar nicht Lost (nach der ersten Staffel entnervt aufgegeben). Vielleicht liegt es daran, dass Mad Men grob in “meiner” Branche spielt, dass ich so schnell Zugang zu ihr gefunden habe. Aber viel mehr als den Werbekram habe ich es geliebt, an der Serie den Wandel der kulturellen Landschaft in den USA in der vielleicht wichtigsten Dekade des 20. Jahrhunhderts zu verfolgen. Obwohl Mad Men zwischenzeitlich etwas durchhing – ich war sowohl tieftraurig als auch erleichtert, als Matthew Weiners Magnum Opus im Mai endgültig zu Ende ging. Noch hat keine neue Serie ihren Platz einnehmen können.

35. Deutscher Evangelischer Kirchentag

Mein Brotjob erreichte seinen Höhepunkt vom 3. bis 7. Juni. Wieder einmal saß ich von einem Tag auf den anderen plötzlich mit 50 Leuten in einem Raum, die alle auf mein Kommando hörten. Das Tolle: Die “mittlere Management”-Ebene der sogenannten Multimediaredaktion, darunter Jens Albers, Ralf Peter Reimann, Christian De Zottis und Katharina Matzkeit (um nur mal die Leute mit eigener Webpräsenz zu promoten), funktioniert inzwischen so gut zusammen, dass ich mich aus dem operativen Geschäft fast völlig zurückziehen konnte/musste, was manchmal auch etwas einsam war. Vom Kirchentag selbst habe ich trotzdem wie immer nichts mitbekommen – außer durch die vielen tollen Artikel, Videos und Social-Media-Aktionen, die auch dieses Jahr wieder entstanden sind. Kaum zu glauben, dass ich jetzt schon wieder auf den nächsten hinarbeite, bei dem hoffentlich auch die Berliner Digitalszene eine Rolle spielen kann.

“Fortsetzung Folgt”

Mein Freund Martin musste eine Weile an mich hinreden, bis ich zugestimmt habe, mit ihm gemeinsam ein viertägiges Seminar zum Thema “Serielles Erzählen” für die Sommeruni des Evangelischen Studienwerks Villigst zu geben, und in meinem stressigen Sommer zwischen Kirchentag, Wohnungssuche und Umzug wäre ich noch mehrfach am liebsten abgesprungen. Am Ende war es den Stress aber doch wert. Wir wurden belohnt mit äußerst aufmerksamen und inquisitiven Studierenden, die auch selbst ein paar ganz ordentliche Serienideen entwickelt haben. Wenn also wieder mal jemand einen Seminarleiter braucht – ich bin zu haben.

Berlin

1999, auf Klassenfahrt in der elften Klasse, war ich das erste Mal in Berlin und ich war sofort wie verzaubert von dieser Stadt. Das nächste Mal war ich 2007 dort, zu einem Vorstellungsgespräch, und ich wäre gerne dort geblieben. Drei Jahre später dann erstmals zur Berlinale. Im Dezember 2010 habe ich eine Berlinerin kennengelernt und sie eine Weile fast jedes Wochenende in Berlin besucht, nur um sie dann im Sommer 2011 nach Mainz zu entführen. Irgendwie war uns aber insgeheim immer klar, dass wir irgendwann nach Berlin zurückkehren würden, und dieses Jahr war es dann so weit.

Ich staune immer noch jeden dritten Tag darüber, dass ich jetzt hier wohne. Manchmal – wenn ich in einem Supermarkt oder einem Kaufhaus bin, das auch sonstwo stehen könnte – vergesse ich, dass ich in Berlin bin und erst beim Verlassen des Ladens trifft mich die Erkenntnis wieder mit voller Wucht und ich jubiliere ein bisschen. Nicht nur dass ich jetzt in Deutschlands Film- und Medienhauptstadt wohne (suck it, München! ?), ich bin auch immer wieder tief bewegt von der Geschichte dieser Metropole, die einem von jeder Ecke entgegenleuchtet, egal ob ich durch Grunewald jogge oder in Friedrichshain mit meiner neuen Band probe. Ich mag die Menschen hier, diese merkwürdige Mischung aus Treibholzwesen aus der ganzen Welt und alteingesessenen Nörglern mit weichem Kern. Ich bade so gut es geht im Kulturangebot, den Kinos, den Theatern, den Ausstellungen, den Konzerten – manchmal reicht es schon, nur zu wissen, dass man hingehen könnte, um sich daran zu erfreuen. Ich liebe die Tatsache, dass hier nirgendwo Berge sind und dafür überall Seen.

Nach einem knappen Monat Anfangshoch hatte ich durchaus ein paar Wochen Großstadtdepression und Heimweh. Lässt sich wohl nie vermeiden. Jetzt aber bin ich angekommen und wenn es nach mir geht, bleibe ich noch lange hier.

Volunteer Planner

Im Sommer hatte ich noch genug Gründe, um vor mir selbst zu rechtfertigen, warum ich gerade nichts für geflüchtete Menschen tun kann. Spätestens im Oktober war Schluss damit, ich war umgezogen und angekommen und hatte genug freie Zeit. Den letztendlichen Ausschlag hat aber der Volunteer Planner gegeben, mit dem man sich einfach und unkompliziert für Helferschichten in den Flüchtlingsunterkünften eintragen kann. Die Website eliminiert die letzte Hürde für jeden, der irgendwie vielleicht ja doch gerne helfen würde, aber Angst vor dem ersten Kontakt hat. Ich gebe zu, dass ich die Seite im Endeffekt nicht so oft genutzt habe, wie ich mir vorgenommen hatte, aber die Tatsache, dass ich jetzt überhaupt mehrfach Kontakt mit Geflüchteten und Helfenden hatte, hilft mir zusätzlich in Gesprächen mit alljenen, die noch Ängste und Vorurteile mit sich herumtragen. Ich kann jedem nur empfehlen, die Seite (und vergleichbare Seiten) zu nutzen – ich werde es 2016 auch wieder tun.

© Netflix

Master of None

Master of None

Was das reine Zeitinvestment angeht, hat Fernsehen bei mir das Kino derzeit endgültig überholt. Ich habe 2015 neue Staffeln von The Good Wife, Downton Abbey, Mad Men, Brooklyn Nine-Nine, Modern Family, Game of Thrones, Transparent, Agents of SHIELD und New Girl gesehen sowie endlich Sherlock nachgeholt und mit Battlestar Galactica angefangen. Aber nichts hat mich von Anfang an so begeistert wie Aziz Anzaris Master of None. Ich kannte Anzari aus Parks and Recreation, und Master of None ist am Ende auch nicht viel mehr als die Auserzählung von Gedanken, die er in seinen Standup-Specials schon öfter hatte, aber dass es möglich ist, diese Art von freundlicher und leiser Comedy zu machen, die sich gleichzeitig einiger kontroverser Themen annimmt, ist trotzdem etwas besonderes. Master of None ist eine Serie, wie sie nur 2015 entstehen konnte. Die Folgen hängen mal lose, mal eng zusammmen. Sie sind aufwändig produziert, funktionieren ohne Werbepausen und eignen sich perfekt, um sie an einem Wochenende zu verschlingen (wie wir es gemacht haben). Leider kann man sie auch nur sehen, wenn man ein Netflix-Abo hat. Dazu bald mehr in diesem Blog.

Peak Marvel

Ich habe jede Menge Respekt vor Age of Ultron, ich fand Ant-Man streckenweise sehr unterhaltsam. Aber ich gebe zu: Mit meiner Marvel-Begeisterung hat es so langsam ein Ende. Bei Daredevil kam ich nicht über zwei Folgen hinaus, Jessica Jones (derzeit Folge 6) werde ich wohl zu Ende gucken, aber ich weiß noch nicht wann. Zum Weiterschauen von Agents of SHIELD konnte ich mich bisher noch nicht durchringen und 2016 freue ich mich fast mehr auf Batman v Superman (wegen der Hybris) als auf Civil War. Ich finde es nach wie vor erzählerisch spannend, was da passiert (und wie jeder versucht, es zu kopieren), aber die echte Fanboy-Begeisterung, die ich noch während The Avengers gespürt habe, ist 2015 endgültig ausgelaufen – spätestens als mein Lieblings-“Wired”-Autor Adam Rogers über das neue Franchisezeitalter einen Feature-Artikel geschrieben und darin die meisten Aspekte auf den Punkt gebracht hat, an denen ich mich an dieser Stelle seit fünf Jahren abarbeite. Marvel-Produkte fühlen sich immer mehr wie eine Pflicht und immer weniger wie etwas Besonderes an. Dass Joss Whedon sich verabschiedet hat, macht es nicht besser. Es könnte also gut sein, dass ich mir bald eine neue Obsession suche.

“Kommerzkacke”

Ich schreibe ja inzwischen seit einigen Jahren regelmäßig-unregelmäßig für epd film und epd medien, die ich gemeinsam so ein bisschen als meine berufliche Alma Mater betrachte. Ich habe mich sehr gefreut, als ich dieses Jahr aus dem Nichts bei einer weiteren Publikation in den Autorenstamm aufgenommen wurde. Für “kino-zeit.de” habe ich ja schon zuvor ab und zu kleinere Geschichten geschrieben, aber jetzt habe ich dort eine regelmäßige Kolumne, die das nächste Mal Anfang Januar erscheinen wird. Ich fühle mich sehr geehrt, zur Kino-Zeit-Truppe zu gehören, und ein bisschen stolz bin ich auch.

Vielen Dank allen, die mich 2015 gefördert und herausgefordert, gelesen und verlinkt haben. Danke an jeden, der hier im Blog oder auf anderen Plattformen kommentiert, favorisiert und auf “Like” geklickt hat. Danke an alle Kolleginnen, Kollegen und Netzgemeindeglieder, die meine Arbeit verfolgen, auch wenn mich viele von ihnen nicht persönlich kennen. Ihr könnt nicht ahnen, wie viel mir das bedeutet. Ich hoffe, euer 2015 hatte auch ein paar Highlights zu bieten und euer 2016 wird noch besser.

Warum haben die Medien so ein Problem mit Jan Böhmermann?

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was die restlichen Medien des Landes für ein Problem mit Jan Böhmermann​ haben. Erst das ganze Bohei um Varoufakis, dann die Aufregung um “Ich hab Polizei”, als ihm unterstellt wurde, er würde sich über niedrigere soziale Schichten lustig machen.

Und auch im aktuellen Interview mit dem Stern (Blendle-Link) zeigen sich die Journalisten wieder überrascht, dass der Mann im Herzen Moralist ist. Sie werfen ihm vor, einen Ironie-Panzer zu tragen und scheinen sich auf’s härteste zu bemühen, hinter sein dunkles Geheimnis zu kommen.

Dabei gibt es das doch augenscheinlich nicht. Es ist doch einfach glasklar, dass Jan Böhmermann persönlich sehr bestimmte Werte vertritt. Er ist für Offenheit und kritisches Denken und er steht auf der Seite der Unterdrückten, wie es jeder kluge Mensch tun sollte. Trotzdem schlägt er mit seiner Satire natürlich gegen alle, die sich wie Idioten verhalten – egal ob das Gangsterrapper oder Polizisten, Politiker, YouTube-Stars oder Sportfunktionäre sind. Er kämpft einen Kampf gegen Ignoranz und Dummheit, ist sich aber trotzdem für selbstbewusste Albernheit nicht zu schade. Warum ist das so schwer zu verstehen? South Park macht das seit 18 Jahren.

Ist die deutsche Medienkaste wirklich immer noch nicht aus ihrem Jacuzzi aus Selbstgefälligkeit und Intrigantentum aufgestanden? Kann sie wirklich nicht verstehen, dass es Menschen in ihrer Branche gibt, die Überzeugungen haben und Intelligenz demonstrieren wollen und nicht nur darauf aus sind, den eigenen Ruhm und das eigene Geld zu mehren?

Stefan Niggemeier​ hat mal einen entscheidenden Satz geschrieben, nachdem er in der “Bild- und Tonfabrik” zu Gast war: “Das sind keine Hipster hier, es sind Nerds.” Darin liegt der entscheidende Unterschied. Die einen nutzen Ironie, um sich vor der Welt zu verstecken, die anderen, um der Welt offensiv entgegenzutreten. Es ist traurig, dass an so vielen Orten nur die erste Art bekannt zu sein scheint.

Blick in die Blogosphäre: Andrea David schreibt über Filmreisen

Bitte mal Handzeichen, wer im Urlaub schon einmal einen Umweg gemacht hat, um bei einem Filmdrehort vorbeizufahren? Oder sogar einen Urlaub nur gebucht hat, weil er den Ort im Film gesehen hat. Andrea David hat daraus ihren Beruf gemacht, sie nennt es “Setjetting”. Mit ihrem Blog Filmtourismus.de, in dem sie Drehorte und deren touristische Erschließung sammelt, hat sie eine echte Nische entdeckt und ist damit – irgendwo zwischen Geek-Journalismus und Reise-PR – recht erfolgreich. Diese völlig andere Herangehensweise ans “Filmbloggen” fand ich von Anfang an so faszinierend, dass ich Andrea unbedingt ein paar Fragen stellen wollte. Per E-Mail hat sie mir erzählt, wie sie zu dem Projekt kam, wie sie sich vorbereitet und wo sie noch hinmöchte.

Kannst du erzählen, wie du zum Bloggen gekommen bist und dann dazu, dich genau so zu spezialisieren, wie du es getan hast?

Als ich auf das Thema Filmtourismus kam, hatte ich mit Bloggen noch überhaupt nichts am Hut. Ich habe Tourismusmanagement studiert und war auf der Suche nach einem spannenden Thema für meine Diplomarbeit. Inspiriert wurde ich durch eine Reise nach Schottland, bei der ich eher zufällig auf bekannte Filmdrehorte aus Highlander, Braveheart und Ritter der Kokosnuss stieß. Zur gleichen Zeit warb auch Neuseeland für sich als “Mittelerde”. Mich faszinierte vor allem, wie die Filmbilder den Orten eine neue Story und damit auch Bedeutung gaben. In Deutschland gab es dazu fast keinen wissenschaftlichen Stoff und so entschied ich mich, in meiner Arbeit den Einfluss von Filmen und Serien auf unsere Reiseentscheidungen untersuchen, machte Umfragen im Kino usw.

Während ich meine Diplomarbeit schrieb und Beispiele dazu sammelte, kam ich schließlich selbst auf den Geschmack, hin und wieder gezielt Filmdrehorte zu besuchen. Im Laufe der Zeit haben sich durch mein neues Hobby sehr viele Infos angehäuft, die ich irgendwann online mit anderen Filmfans teilen wollte. So entstand bereits vor einigen Jahren unter filmtourismus.de eine kleine Datenbank mit Drehortinfos. Erst seit anderthalb Jahren berichte ich auf der Seite auch über meine Reisen.

Du bist ja eher Reisebloggerin mit Filmschwerpunkt als umgekehrt. Bedeutet das was? Wie sehr siehst du dich überhaupt als Filmgeek?

So hundertprozentig passt mein Blog wohl in keine Schublade. Aber das ist auch nicht so wichtig. Ich mache keine klassischen Filmbesprechungen, da die Leute sich auf der Seite vordergründig für die Drehorte interessieren. Auch unter den Reisebloggern habe ich meine eigene Nische, da ich einen Ort auf eine ganz andere Art und Weise erkunde und beschreibe. Da ich lange in der Tourismusbranche gearbeitet habe, setze ich diese Brille vermutlich einfach etwas öfter auf. Ich bin jedoch auch absoluter Filmgeek!

Wie läuft deine Arbeit typischerweise ab. Wirst du meistens eingeladen? Unternimmst du Reisen selbstständig? Machst du das nur in deiner Freizeit oder kannst du das auch manchmal refinanzieren?

Früher waren das alles private Reisen in meiner Freizeit. Seit ich selbständig arbeite, bin ich auch öfter mal auf Pressereisen oder gebe Workshops zum Thema Filmtourismus. Wo immer ich gerade unterwegs bin, strecke ich meine Fühler auch nach Filmschauplätzen aus.

Wie bereitest du dich auf deine Filmreisen vor? Ich sehe später immer die Fotos, wo du die Filmbilder in die Szenerie hältst. Ist das immer so einfach?

Im Idealfall sehe ich mir alle Filme, die am Reiseziel gedreht wurden, noch kurz vorher an, um die einzelnen Szenen leichter zuordnen zu können. Zur besseren Wiedererkennung mache ich mir dann ein paar Screenshots, die ich ausgedruckt mit auf Reisen nehme. Sie helfen auch dabei, vor Ort konkret danach fragen zu können. Gerade wenn es sonst keinerlei Hinweise auf den Drehort von Seiten des Filmverleihs und des Tourismusamtes gibt. Irgendwann kam ich auf die Idee die Fotos entsprechend in die Szenerie zu halten und davon wiederum Bilder zu machen. Es klappt aber nicht immer, da man manchmal den ursprünglichen Kamerawinkel nicht einnehmen kann. Aber es macht Spaß und man sorgt damit vor Ort öfter mal für Aufsehen. In Kambodscha hatte ich zum Beispiel plötzlich ein paar Touristen aus Korea um mich herum versammelt, die sich plötzlich alle für den “Tomb-Raider-Baum” in Angkor interessierten.

Interessieren dich Filme mit interessanten Drehorten mehr bzw. ist das die Hauptbrille geworden, durch die du Filme betrachtest?

Nein, das kann man so nicht sagen. Ich mag auch viele Filme, die bezüglich ihrer Drehorte weniger interessant sind. Und es gibt natürlich Filme mit großartigen Drehorten, die leider ziemlich schlecht sind, wie bspw. The Tourist … Allerdings ertappe ich mich vor Bildschirm und Leinwand hin und wieder dabei, wie ich mich frage, wo eine bestimmte Szene aufgenommen wurde. Vor allem, wenn sehr viel von der Landschaft zu sehen ist oder die Skyline einer Großstadt eingeblendet wird. Filme, deren Drehorte ich schon besucht habe, wirken später wie eine Art Reiseerinnerung auf mich.

Was geht in dir vor, wenn die Reiselocation vielleicht mal interessanter ist als der Film (oder warst du großer Fan von Hangover 2)?

Bei den Hangover-Locations hat mich insbesondere interessiert, wie die Filme, die ja super erfolgreich waren, wiederum die Schauplätze beeinflusst haben. Also insbesondere die Hotels und ob diese sich trauen, es für ihr Marketing zu nutzen oder eben nicht. Fast unabhängig vom Film, macht es jedoch immer wieder Spaß, die Drehorte aufzuspüren. Es hat so ein bisschen was von Geocaching.

Sammelst und liest du auch andere Beiträge zu Drehorten und Dreharbeiten, um informiert zu sein?

Ja, eigentlich laufend. Ich kann nicht immer und überall vor Ort recherchieren und von Jahr zu Jahr ändert sich auch recht viel. Mittlerweile helfen auch die Nutzer selbst mit, die Inhalte up to date zu halten und schicken mir hin und wieder sogar aktuelle Fotos zur Verwendung. Das hilft mir sehr, die Seite aktuell zu halten.

Wie sind die Reiseblogger so drauf, wie funktioniert deren Vernetzung untereinander? Trifft man sich dann ständig am anderen Ende der Welt?

Es gibt in der Reiseblogger-Szene eine sehr gute Vernetzung und ein reger Austausch an Gastbeiträgen, Round-Up-Posts, etc. Auf Reisen trifft man sich leider eher selten, dafür auf Netzwerk-Veranstaltungen, Seminaren und Messen.

Hast du auch das Gefühl, dass Filmtourismus so eine Sparte ist, die erst vor kurzem so richtig als Tourismusinstrument entdeckt wurde? Verstärken die entsprechenden Firmen da jetzt ihre Bemühungen?

Für den deutschen Markt trifft das auf jeden Fall zu. Da ich selbst mit Fachvorträgen und Workshops viel Lobbyarbeit für das Thema mache, freue ich mich natürlich über diese Entwicklung.

Was sind deine nächsten Ziele? Wo willst du unbedingt noch hin, wo du noch nicht warst?

Ich komme gerade aus Sölden zurück, wo der neue James-Bond-Film Spectre gedreht wurde. Meine nächsten Ziele in diesem Jahr sind die Warner Bros. Studio Tour in London (Harry Potter) sowie Malta (Game of Thrones, By the Sea und viele andere). Meine Sehnsuchtsziele in Sachen Filmschauplätze sind Island und Hawaii. Zumindest an eines der beiden werde ich es nächstes Jahr hoffentlich schaffen.

Bonusfrage: Mir ist aufgefallen, dass in deiner „Andere Blogger erzählen ihre Lieblingsdrehorte“-Liste mehrfach The Beach auftauchte. Das hat mich doch etwas gewundert, denn The Beach handelt ja gerade davon, wie genau die ultimative Utopie vom Reisen sich in einen Alptraum verwandelt. Schräg, dass so viele „Traveler“ den Film so mögen, oder?

Ich denke, dass liegt einfach daran, dass der Strand durch The Beach, einer der wohl bekanntesten Backpacker-Filme, sehr berühmt wurde. Ob die Story negativ oder positiv ist, spielt dabei meist keine Rolle für den Filmtourismus. Ein Beispiel: Auch das Hotel aus The Shining ist immer noch Ziel vieler Filmtouristen, obwohl es im Film ein Ort des Alptraums wird. Der Strand ist übrigens, abgesehen von den Menschenmassen, wirklich paradiesisch.

Alle Bilder: © Andrea David. Der einfachste Weg, Andreas Projekte zu verfolgen ist über ihre Facebookseite oder ihren Instagram-Account. Dort gibt es auch noch mehr Screenshot-Fotos. Aber man wird auch sehr schnell neidisch.

Rückentbündelung. Watchever und die alten Kathodenstrahlröhren

Frank Underwood starrt einem in Berlin gefühlt von jedem zweiten Werbeplakat entgegen. Unter markigen Sprüchen über politisches Kalkül empfiehlt die Hauptfigur der Serie House of Cards dem Betrachtenden zusätzlich ein Abo beim Weltmarktführer für das Streamen von Videoinhalten, Netflix. Auf der anderen Hälfte der Plakate wirbt Netflix’ größter Konkurrent, der deutsche Marktführer Amazon Video, mit einem dramatischen Motiv für die Serie Hand of God, in der Ron Perlman beim Anblick eines Tauben-Mobiles in blutige Tränen ausbricht (das verspricht zumindest das Poster).

Verdächtig abwesend in diesem Krieg der Video-on-Demand-Anbieter ist Watchever, die deutsche Tochter des französischen Konzerns Vivendi, deren Werbekampagne mit Til Schweiger man noch vor einiger Zeit kaum entkommen konnte. Dabei hat das Portal erst Anfang Oktober mit viel Getöse einen Relaunch hingelegt, um dem dramatischen Absturz von Nutzern seit dem deutschen Netflix-Start entgegenzuwirken.

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Die neue Optimismuslobby und ihre Probleme

© 20th Century Fox

(Kann grobe, unspezifische Spoiler für The Martian und Tomorrowland enthalten)

Mark Watney hat es geschafft. Er hat sich (und Kartoffeln) mit seinen Botanik-Skills aus dem Dreck gezogen und so lange alleine auf dem Mars überlebt, dass er gerettet werden konnte. Heute ist er Ausbilder und er erklärt seinen jungen Zöglingen seine Philosophie:

At some point, everything’s gonna go south on you and you’re going to say, this is it. This is how I end. Now you can either accept that, or you can get to work. That’s all it is. You just begin. You do the math. You solve one problem and you solve the next one, and then the next. And If you solve enough problems, you get to come home.

Die Schlussworte aus Ridley Scotts Film The Martian stehen stellvertretend für einen amerikanischen Traum, der auch im Weltraum zu gelten scheint. Wir Menschen können unser eigenes Glück schmieden, wenn wir nur hart genug daran arbeiten und unsere Probleme eines nach dem anderen lösen. Aufgeben ist keine Option, das gilt auf dem Arbeitsmarkt genau wie auf dem Mars. Die Worte sind aber auch Teil einer neuen Stoßrichtung in der Science-Fiction, zu der The Martian (der Film genau wie Andy Weirs gleichnamiger Roman) zumindest am Rande gehört. Ziel ist es, Wissenschafts- und Ideenmenschen wieder mehr in den Fokus zu rücken, und den Zukunftsgeschichten wieder einen optimistischeren Drall zu geben.

Ganz explizit, wahrscheinlich sogar zu explizit, machte das im Frühjahr Brad Birds zweiter Realfilm Tomorrowland (“deutscher” Titel: A World Beyond). Ein idealistisches junges Mädchen namens Casey, deren Vater mal Raketen gebaut hat, wird von einer jungen Androidin in die Parallelwelt Tomorrowland geführt – eine Art Paradies für Erfinder, in der alles so aussieht, wie die Zukunftsvisionen der New Yorker Weltausstellung von 1964. Doch Tomorrowland hat seinen Glanz verloren, stattdessen warten dort alle darauf, dass die Welt untergeht, wie es ihnen eine gigantische Tachyonen-Kristallkugel vorhersagt. Casey stellt fest, dass die Vorhersagen einen Self-Fulfilling-Prophecy-Effekt haben – sie sind nur deswegen so negativ, weil unsere Phantasie so negativ geworden ist. Nach viel hin und her kann sie die Maschine zerstören und der Hoffnung eine neue Chance geben. (Diese Plotzusammenfassung wird der konfusen Erzählweise und damit der riesengroßen Schwäche des Films nicht gerecht, aber darum soll es hier ja auch nicht gehen.)

Innovation Starvation

Doch Tomorrowland schlägt nur in eine Kerbe, die bereits vorher existierte. Neal Stephenson beschwerte sich in seinem Essay “Innovation Starvation” darüber, dass der technische Optimismus aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, in dem ein besseres Leben durch Erfindungen und große menschliche Leistungen möglich schien, einer Stimmung gewichen ist, in der sich niemand mehr traut, groß zu träumen.

Most people who work in corporations or academia have witnessed something like the following: A number of engineers are sitting together in a room, bouncing ideas off each other. Out of the discussion emerges a new concept that seems promising. Then some laptop-wielding person in the corner, having performed a quick Google search, announces that this “new” idea is, in fact, an old one—or at least vaguely similar—and has already been tried. Either it failed, or it succeeded. If it failed, then no manager who wants to keep his or her job will approve spending money trying to revive it. If it succeeded, then it’s patented and entry to the market is presumed to be unattainable, since the first people who thought of it will have “first-mover advantage” and will have created “barriers to entry.” The number of seemingly promising ideas that have been crushed in this way must number in the millions.

Stephensons These: Es fehlt den Erfinderinnen und Erfindern an Inspiration, weil auch die Science Fiction sich nur noch in apokalyptischen und post-apokalyptischen Szenarien suhlt. (Meine Gedanken zu diesem Zeitgeist) Gute Science Fiction böte “Hieroglyphen”, “fully thought-out picture[s] of an alternate reality in which some sort of compelling innovation has taken place”. Ein neues Tomorrowland, quasi. Den Gedanken fand die Arizona State University so gut, dass sie daraus mit Stephenson gemeinsam das Project Hieroglyph aus der Taufe hob – eine Plattform für den Austausch zwischen fiktionalen Denkerinnen und Denkern und Menschen, die Ideen in der echten Welt umsetzen. Erstes Teilprojekt: Eine Kurzgeschichtensammlung voller “Visions of a better future”.

Irgendwie bewundernswert, dieser Wille, sich mitten in einer Zeit, in der wir vielleicht mehr denn je das Gefühl haben, alles ginge den Bach runter, und in der sogar Deutschlands führender Techno-Optimist Sascha Lobo seine Zuversicht verloren hat, gegen den Trend zu stellen. Self-Fulfilling-Prophecies und Erlernte Hilflosigkeit sind natürlich sehr reale Phänomene und eine positive Grundhaltung kann manchmal schon viel bewirken.

© Disney

Hurra Zukunft!

Die Frage ist, ob sich die Advokaten dieses Science-Fiction-Optimismus für ihre gute Sache immer unbedingt die richtigen Beispiele rausgepickt haben. Tasha Robinson hat bei “The Dissolve” mit wenigen Beispielen gezeigt, dass die fünfziger und sechziger Jahre, zumal im Kino, mitnichten eine dauerhafte Hurra-Zukunft-Stimmung verbreiteten, sondern eher schon mit der Glorifizierung der Vergangenheit begannen. Rachel E. Gross weist auf “Slate” darauf hin, dass Wissenschaft in der echten Welt nicht so heurekahaft funktioniert wie in The Martian. Und Damien Walter kritisiert Project Hieroglyph (das ich, full disclosure, nicht gelesen habe) für seine Hymnen auf kapitalistische (männliche!) Unternehmer und die Unterschlagung von deren Rolle in der überhaupt nicht utopischen Ausbeutung ihrer Mitmenschen: “These optimistic futures may well be better for those occupying the top floors of our unequal society, but they offer less hope for those stuck in the lower levels.”

Brad Bird wurden bereits ähnliche Vorwürfe gemacht, nicht erst seit Tomorrowland (die ganze Debatte findet man mit einer Google-Suche). Seine Visionen seien objektivistisch und betonten die Außerordentlichkeit Einzelner, die auf irgendeine Weise “besser” sind als die Masse, aber von dieser klein gehalten werden. Tatsächlich ist das titelgebende Land, das ja außerhalb der Fiktion ein Themenbereich im kalifornischen Disneyland ist, im Film von Menschen gegründet worden, die sich selbst “Plus Ultras” nennen, was doch sehr elitär und mit dem Gedanken an Aldous Huxley auch ein bisschen eugenisch klingt. Die jüngere Wissenschaft neigt ja eher dazu, zu glauben, dass Kooperation wertvoller ist als das einsame Brüten und Entscheiden von “Great Men”.

The Cyberpunk Moment

Viel wichtiger als diese Gegenargumente finde ich aber, dass Bird, Scott, und leider auch Stephenson allesamt am Ziel vorbeischießen. Sie sind selbst zu alten weißen Männern geworden, die sich (wie viele von uns irgendwann) eine naivere Zeit zurückwünschen. Ihre Plädoyers für Optimismus und Pioniergeist sind fast schon eher rückwärts als vorwärts gewandt und gehen im Ansatz vielleicht sogar von einem falschen Begriff von Science Fiction aus. Henry Jenkins hat vor kurzem einen hervorragenden Essay über den “Cyberpunkt-Moment” in den 80ern geschrieben, in dem er aufregend darlegt, wie verkehrt es sei, von der Science Fiction immer eine Vorhersage der Zukunft zu erwarten. Science Fiction, meint Jenkins, schafft Bezugssysteme für die Gegenwart, aus denen man eine Zukunft ableiten kann. Zum Geburtsmoment des Cyberpunk in den Achtzigern schreibt er: “The technological changes which were hitting American society were so transformative that we needed our best writers and thinkers to help us make sense of what was happening right then and now.”

Was Cyberpunk “punk” gemacht hätte, meint Jenkins, war sein Wille, das Genre aufzubrechen und neu zusammenzusetzen (unbedingt den ganzen Artikel lesen, den ich hier auf zwei kleine Aspekte reduziere). Insofern scheint es nur logisch, dass die beste Science Fiction, die heute entsteht, nicht die Great-Men-Ideen der Vergangenheit neu aufwärmt, sondern sich den Veränderungen in unserer Welt auf andere Weise entgegenstellt, zum Beispiel indem sie Diversität neuen Ausdruck verleiht. Ann Leckies Roman Ancillary Justice (um nur ein Beispiel zu nennen, das ich selbst gelesen habe) spielt gekonnt mit Vorstellungen von Gender und singulärer Identität – und die neue Autorengeneration ist so international und vielfältig, wie man sich das nur wünschen kann. Die wichtigsten Impulse für die Zukunft kommen eben nicht immer aus der Richtung, aus der man sie erwartet.

Brad Birds A World Beyond ist vor einem Monat im Heimkino erschienen. The Martian läuft vielleicht noch in einem Kino in eurer Nähe.